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Die Konzepte der niederen und hohen Minne im Minnesang. Dargestellt an Walther von der Vogelweides Lied "Aller werdekeit ein füegerinne"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Textgrundlage und Übersetzung

2. Formale und metrische Analyse

3. Überlieferung und Edition

4. Die Konzepte der ‚niederen‘ und ‚hohen Minne‘
4.1 Einleitung
4.2 ‚Hohe‘ und ‚niedere Minne‘
4.3 Analyse „Aller werdekeit ein füegerinne“
4.4 Analyse „Nemt, frowe, disen kranz!“

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Textgrundlage und Übersetzung

Aller werdekeit ein füegerinne I,1 Aller werdekeit ein füegerinne, daz sît ir zewâre, frowe Mâze. ein sælic man, der iuwer lêre hât! der darf sich iuwer niht beschamen inne 5 beide ze hove noch ouch an der strâze. dur daz sô suoche ich iemer iuweren rât, daz ir mich ebene werben lêret. wirbe ich nidere, wirbe ich hôh, ich bin versêret. ich was vil nâch ze nidere tôt, 10 nu bin ich aber ze hôhe siech, unmâze enlâzet mich ân nôt. II,1 Nideriu minne heizet diu sô swachet daz der lîp nâch kranker liebe ringet: diu liebe tuot unlobelîche wê. hôhe minne heizet diu daz machet 5 daz der muot nâch werder liebe ûf swinget: diu winket nu, daz ich ir mite gê. nun weiz ich, wes diu mâze beitet. kumt herzeliebe, sô bin ich verleitet. doch hât mîn lîp ein wîp ersehen, 10 swie minneclîche ir rede sî, mir mac wol schade von ir geschehen.

Aller werdekeit ein füegerinne (La 46,32) Ordnerin aller Werte I,1 Ordnerin aller Werte, das seid wahrlich Ihr, >Frau Mâze<. Welch glücklicher Mann, der Eure Belehrung erhält! Der braucht sich Eurer nirgendwo zu schämen, 5 weder >zu Hof< noch >auf der Straße<. Deshalb suche ich immer Euren Rat, dass Ihr mich richtig werben lehrt. Werbe ich niedrig, werbe ich hoch, ich bin verwundet. Als ich zu niedrig warb, war ich fast tot, 10 doch nun, zu hoch, bin ich wiederum krank: Das falsche Maß entlässt mich nicht aus der Qual. II,1 Niedere Minne heißt die, die [uns] so ehrlos macht, weil man sich um wertlose Freude müht. Diese Liebe tut weh, weil sie keines Lobes wert ist. Hohe Minne spornt an und bewirkt, 5 dass das Herz sich aufschwingt zu hohem Ansehen. Die winkt mir jetzt [zu], dass ich mit ihr gehen soll. Jetzt weiß ich nicht, weshalb die >Mâze< zögert. Wenn die >Herzeliebe< kommen sollte, lass ich mich verführen. Mein Auge hat eine Frau erblickt, 10 wie liebreizend ihre Rede auch sei, kann mir doch Leid von ihr geschehen.

2. Formale und metrische Analyse

Die formale Erscheinungsweise mittelalterlicher Dichtung ist – einerseits was die sprachlich-rhetorischen Kunstmittel, andererseits was die metrisch-musikalische Gestaltung angeht – von großer Bedeutung. Ihre Wirkung hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass mittelalterliche Texte nicht so sehr durch ‚private‘ Lektüre, als vielmehr durch den mehr oder weniger öffentlichen Vortrag entweder durch den Autor oder durch andere Sänger aufgenommen wurden. Ihre oft hochartifizielle formale Gestaltung hebt die Dichtung von der Sprechweise des Alltags ab und macht sie so zu etwas Besonderem.[1] „Minnesang ist Formkunst“ [2], weiß auch Günther Schweikle zu attestieren. Inwiefern dies auf Walther von der Vogelweides Lied „Aller werdekeit ein füegerinne“ zutrifft, soll nun im Folgenden geklärt werden.

Die beiden Strophen des eben genannten Liedes zeigen den typischen Grundriss und somit die Strophenform einer formstrengen Kanzone, deren dreiteiliger Bau sich aus der Ordnung der Reime (a b c, a b c // d d e x e) wiederspiegelt. Die Kanzonenform besteht aus einem Aufgesang aus zwei gleichgebauten, metrisch-musikalisch identischen Teilen, den Stollen, mit einem anders gebauten, metrisch-musikalisch abweichenden Teil, dem Abgesang. Die Melodie wiederholt sich vom ersten Stollen zum zweiten und nimmt im Abgesang jedoch eine neue Wendung. Als Schema ist AAB anzugeben. Kanzonenform wird sie deshalb genannt, weil der Strophenaufbau der italienischen Kanzone ihr zugrunde liegt. Der Typus war bereits in der Provence verbreitet und tritt seit dem Mittelalter auch in Deutschland auf. Im Übrigen zeigt unser Beispiel ein Verhältnis der drei Teile zueinander, das nicht zwangsläufig in jeder Kanzone vorzukommen braucht, das aber klassisch wirkt in seiner Ausgewogenheit: Die Summe der beiden Stollen ist größer (6 Verse), der einzelne Stollen dagegen kleiner (3 Verse) als der Abgesang (5Verse).[3]

Rhythmischer Grundbestandteil der Stollen ist der Fünfheber. In den beiden ersten Zeilen der zwei Stollen als auftaktloser Vers mit weiblichem Ausgang wiederholt, beschließt er die beiden Stollen in abgewandelter Gestalt (mit Auftakt, aber männlicher Kadenz). Während sich die beiden artgleichen Fünfheber zu einer gefugten Doppelzeile zusammenschließen, ist ihnen der dritte Stollenvers nur lose angegliedert, denn seiner Eingangssenkung geht eine unbetonte Silbe voran. Die beiden Stollen weisen somit folgende Struktur auf: 5-a 5-b 5c, 5-a 5-b 5c (Die weibliche Kadenz wird durch einen waagrechten Strich markiert, die männliche Kadenz wird nicht eigens bezeichnet). Im Abgesang bekundet sich der Wille zu rhythmischer Vielfalt, was sich in folgendem Schema zum Ausdruck bringen lässt: 4-d 6-d 4e 4x 4e.

„Was die Stollen im ausgewogenen Verhältnis 5ẋx:5ẋx gliedern, prägt der Abgesang zum achterlastigen Gefüge x4ẋx:6ẋx um. Die männliche Kadenz des dritten Stollenverses kehrt in den Vierhebern der Waisenterzine wieder. Aber auch hier sticht das im Abgesang gewählte Versmaß von dem fünfhebigen Metrum ab, das den Stollenversen zugrunde liegt. Aufgesang und Abgesang sind kontrastierend aufeinander bezogen.“ [4]

Bemerkenswert auffallend ist die äußerst durchdachte Struktur der Strophen und der klare Aufbau. In beiden Strophen wird in Vers 1-5 ein Allgemeines konstatiert, das Ich fehlt, während ab Vers 6 der persönliche Fall präsentiert wird und in jedem Vers außer II, 10 das Ich erscheint.

„Dadurch wird eine Überlagerung der metrisch formalen Struktur bewirkt, es besteht keine Koinzidenz zwischen dem Wechsel vom Aufgesang zum Abgesang und dem Wechsel vom Überpersönlichen zum Ichbezogenen, und v. 6 gewinnt so den Charakter eines Schwellenverses.“ [5]

Zudem bemerkenswert ist der Aufmarsch personifizierter Mächte in einer sonst nicht gekannten Zahl. Alle sind sie irgendwie tätig oder sollten es sein: Frowe Mâze, Unmâze, Nidere Minne, Hôhe Minne, Herzeliebe. Irgendwo dazwischen befindet sich das Ich und ein wȋp. Der Gebrauch der Verben (in Strophe I haben sie hauptsächlich statischen, in Strophe II dynamischen Charakter) und die in beiden Strophen fast identische Zeitstruktur machen den planvollen Aufbau des Textes zusätzlich evident.[6]

Um noch einmal auf das eingangs erwähnte Zitat von Günther Schweikle zurückzukommen: dieses lässt sich an dem bestimmten Lied nicht direkt bestätigen, nämlich dass der Minnesang Formkunst ist, da dieser schon vor Walther in der Handhabung der Kanzonenform einen großen Variationsreichtum aufzuweisen hatte und Walthers Innovationen doch eher bei seiner Sangspruchdichtung als bei seinen Minneliedern zur Geltung kommen. Stattdessen lässt sich hervorheben, dass sich Walther insbesondere was die Strophenform (Elfzeilige Strophen: dreizeilige Stollen und fünfzeiliger Abgesang) betrifft, einem Grundmuster bedient, das er auch in einigen anderen Liedern verwendet (Vgl. 45,37/71,35/96,29).[7]

3. Überlieferung und Edition

Die Texte Walthers von der Vogelweide liegen dem heutigen Publikum üblicherweise in gedruckter Form vor, d. h. sie werden zumeist als Lese-Lyrik rezipiert. Diese modernen Druckfassungen gehen auf die aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit stammenden Handschriften und Frühdrucke zurück, die das Werk Walthers überliefern. Sie stammen allerdings – wie für die Literatur jener Zeit üblich – nicht unmittelbar aus der Zeit und der Umgebung des Autors, sondern es handelt sich um spätere Abschriften. Zwischen dem Wirken Walthers und der frühesten handschriftlichen Bezeugung liegen zwischen zwei bis drei Generationen. Es kann daher nicht verwundern, dass die Handschriften untereinander differieren.[8] Die Tatsache, dass die Abschriften jedoch nicht aus der Zeit Walthers stammen, stellt ein Problem für die Hermeneutik dar, deren Aufgabe, so Friedrich Schleiermacher, darin bestehe „die Rede zuerst ebensogut und dann besser zu verstehen als ihr Urheber.“ [9] Beschwerlich hinzu kommt für eine klassisch hermeneutische Leseart, dass die meisten Werke, so auch Walthers „Aller werdekeit ein füegerinne“, nicht in einer einmaligen und unveränderlichen Fassung vorliegen, sondern in verschiedenen Varianten. Die erste moderne Ausgabe der Werke Walthers im Jahr 1827 stammt von Karl Lachmann, der durch einen Vergleich aller Handschriften glaubte, ein Original rekonstruieren zu können. Verweise auf das hier zu analysierende Lied erfolgen immer auf dieser Ausgabe.

„Aller werdekeit ein füegerinne“ ist in den drei oberrheinischen Sammlungen A, B, und C, der Würzburger Waltherhandschrift E und dem – höchst unzuverlässigen – Weimarer Kodex F mit jeweils zwei Strophen in der gleichen Reihenfolge verzeichnet. Die Überlieferung des Liedes kann aufs Ganze gesehen als gut bezeichnet werden. Die beste handschriftliche Überlieferung ist die Kleine Heidelberger Liederhandschrift A. Alle Abweichungen und Fehler der vier Handschriften gegenüber A lassen sich wohl aus dem Wortlaut von A, nicht aber A als selbstständige Besserung einer für B, C, E und F zu rekonstruierenden Leseart erklären.

Die Gründe für Verderbnisse in B, C, E, F liegen in der ungewöhnlichen Wortstellung des schamen (I, 5) zwischen den beiden Ortsbestimmungen und dem ungewöhnlichen niender inne (I, 4) in Handschrift A. Alle weiteren Fehler der einzelnen Handschriften in Strophe I sind weitesgehend belanglos. Sehr viel problematischer stellen sich die Handschriftenverhältnisse im Aufgesang der zweiten Strophe dar. Handschrift F disqualifiziert sich durch seinen Stropheneingang bereits als Textzeuge. Der Vers II, 4 fehlt bis auf das Reimwort machet, das an die Stelle des in Versinnere gerutschten Reimwortes von Vers 3 tritt. Dagegen greift die Überlieferung von B, C, E in den A-Text ein, indem sie die in A nur angedeuteten Parallelisierungstendenzen (Nideriu minne heizet … daz der muot - hôhiu minne reizet … daz der muot) verstärkt (heizet diu – heizet diu und nach kranker liebe – nach werder liebe), andererseits den Gegensatz (daz der lîp – daz der muot) jedoch schärfer herausgearbeitet haben. Der Neigung zum Gleichlaut fiel dabei in B, C auch noch das einzig sinnvolle minne in Vers 3 zum Opfer, das E hingegen wieder hergestellt hat. Dieser Fehler, den B, C und auch F gemeinsam haben und E von sich aus gegen die Vorlage gebessert haben könnte, erweist wiederum A auch für die Strophe II als eigenständigen, fehlerfreien Textzeugen und somit B, C, E und F als jüngere, nur aus A herzuleitende Überlieferung. Damit entfällt für B, C, E und F jede textkritische Möglichkeit, den Text des Gedichtes, wie er in A überliefert wird, zu ‚verbessern‘.[10]

[...]


[1] Vgl. Brunner, Horst/Hahn, Gerhard/Müller, Ulrich/Spechtler, Franz: Walther von der Vogelweide. Epoche – Werk – Wirkung, München 2009, S. 43.

[2] Scholz, Manfred Günter: Walther von der Vogelweide, Stuttgart 2005, S. 34.

[3] Vgl. Behrmann, Alfred: Einführung in den neueren deutschen Vers. Von Luther bis zur Gegenwart, Stuttgart 1989, S. 6.

[4] Borck, Karl Heinz: Walthers Lied Aller werdekeit ein füegerinne. In: Borck, Karl Heinz/ Foerste, William, Festschrift für Jost Trier zum 70. Geburtstag, Köln/Graz 1964, S. 316.

[5] Scholz: Walther von der Vogelweide, S. 98.

[6] Vgl. Ebd., S. 98.

[7] Vgl. Ebd., S. 33.

[8] Vgl. Brunner/Hahn/Müller/Spechtler: Walther von der Vogelweide, S. 26.

[9] Miklautsch, Lydia: Hermeneutik. Walther verstehen. In: Keller, Johannes/Miklautsch Lydia, Walther von der Vogelweide und die Literaturtheorie. Neun Modellanalysen von „Nemt, frouwe, disen kranz“, Stuttgart 2008, S. 26.

[10] Vgl. Bachofer, Wolfgang: Walther von der Vogelweide: Aller werdekeit ein füegerinne (46,32). In: Jungbluth, Günther. Interpretationen Mittelhochdeutscher Lyrik, Berlin/Zürich 1969, S. 188.

Details

Seiten
16
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668559714
ISBN (Buch)
9783668559721
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378752
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Philosophisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
konzepte minne minnesang dargestellt walther vogelweides lied aller

Autor

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Titel: Die Konzepte der niederen und hohen Minne im Minnesang. Dargestellt an Walther von der Vogelweides Lied "Aller werdekeit ein füegerinne"