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Perspektiven der Wirksamkeit des performativen Nichttuns am Beispiel von Marina Abramovics "The Artist Is Present"

Bachelorarbeit 2017 37 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 „Marina Abramović - The Artist Is Present“

3 Die anvisierte Wirkung im europäischen Kontext

4 Wirksamkeit als Konsequenz in der daoistisch geprägten Philosophie
4.1 Das Prozessdenken als zentrales Merkmal
4.1.1 Die Prozesshaftigkeit in „The Artist Is Present“
4.2 wu wei: nichts tun und nichts wird nicht getan
4.2.1 Elemente des wu-wei-Prinzips in Marina Abramovićs „The Artist Is Present“
4.3 Das Potential der Leere
4.3.1 Die Funktion der Leere bei Marina Abramović

5 Schlussbetrachtung und Ausblick

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Zwei Menschen sitzen sich an den Schmalseiten eines langen Tisches gegenüber. Beide tragen ein Stirnband mit Elektroden, die die Muster der elektrischen Aktivi- täten des jeweiligen Gehirns, genauer die Alpha- und Theta-Wellen, messen. Diese werden vom menschlichen Gehirn in entspanntem Zustand erzeugt. Je mehr Alpha- und Theta-Wellen produziert werden, desto stärker wirkt sich die Kraft auf die Be- wegung einer in der Mitte des Tisches platzierten Metallkugel aus. Die Gehirnakti- vitäten werden übertragen und ein unter dem Tisch befindlicher Magnet bringt die Kugel ins Rollen. Um zu gewinnen, gilt es nun mental diese bis ans andere Ende des Tisches zu bewegen, ohne sie mit den Händen zu berühren. Wer erreicht den Zustand des entspannten Nichttuns schneller? Wer kann „effektiver“ Loslassen und wem glückt es, auch dann keine Spannung aufkommen zu lassen, wenn die Kugel kurz davor ist, ins gegnerische Feld zu rollen? Da behaupte nochmal jemand, Ent- spannung und Nichtstun sei keine Kunst. Während dem Nichtstun häufig nachge- sagt wird nichts bewirken zu können, ist es im Falle dieses als „Mindball“ bekann- ten Spieles, gar der einzige Weg, der Wirkung zeigt und zum Ziel führt.1

Im Frühjahr 2010 sitzen sich im Museum of Modern Art (MoMA) in New York ebenfalls zwei Menschen an einem Tisch gegenüber und tun weder etwas, noch sprechen sie miteinander. Zwischen ihnen befindet sich keine Metallkugel, die durch Entspannung ins Rollen gebracht werden soll. Den Reaktionen der auf den Stühlen sitzenden Personen nach zu urteilen, scheint dennoch viel in Bewegung zu geraten. Es handelt sich um die 1946 im ehemaligen Jugoslawien geborene Perfor- mance-Künstlerin Marina Abramović auf der einen und wechselnde Besucherinnen und Besucher des MoMAs auf der anderen Seite des Tisches. Das gemeinsame Nichttun und Schweigen findet im Rahmen ihrer Performance „The Artist Is Present“ statt.

Nicht(s)tun, Nichthandeln und Nichtssagen. Häufig geht mit diesen Begriffen in unseren Breitengraden eine negative Konnotation einher, die nicht selten mit Passivität oder Faulheit in Verbindung gebracht werden. Rühmen darf sich, wer aktiv handelt und produziert und Wirksamkeit scheint in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Aktivitätsbegriff zu stehen.

Als der Sprachwissenschaftler John L. Austin in seiner Vorlesungsreihe „How to do things with Words“ in den 1950er Jahren einführend über den Begriff des Performativen spricht, so geht es ihm zunächst vor allem darum, zu zeigen, dass Sprache die Welt nicht nur abbildet, sondern auch herstellt und somit einen wirklichkeitskonstituierenden Charakter annehmen kann.2

Seitdem hat sich viel getan. Der Begriff erfreut sich innerhalb der letzten Jahrzehnte der zunehmenden Beliebtheit in Geistes- und Kulturwissenschaften, womit eine Erweiterung der Definitionsansätze einhergeht, die weit über die Anwendung auf Sprechakte hinausreicht. Ob nun bezogen auf körpergebundene Aufführungen, Bedingungen gelingenden Sprechens oder zeitversetzte Wiederholungen von Zeichen, allen Konzepten ist die Erkenntnis gemein, „dass Praktiken und Ereignisse für die Herstellung sozialer und kultureller Zusammenhänge konstituierend sind.“3 Der Fokus der Geistes- und Kulturwissenschaften gilt dabei hauptsächlich dem Tun, dem Produzieren, Herstellen und Erzeugen.4

Durch die Konzentration auf ein solch ergebnisorientiertes Kreieren durch Sprache oder Handlung, gerät das Unterlassen von Handlung, das Schweigen und Nichttun, dessen Bedeutung und die Potentialität seiner performativen Wirksamkeit in der Performativitätsforschung schnell aus dem Blickfeld.5 Alice Lagaay und Bar- bara Gronau greifen im Rahmen ihrer Auseinandersetzung mit den Dimensionen des performativen Nichttuns die chinesische Formel des wu wei „nichts tun und nichts wird nicht getan“ auf, ohne dies weiter zu vertiefen.6 Die Formel des wu wei im Sinne des philosophischen Daoismus‘ in Zusammenhang mit dem Phänomen des performativen Nichttuns zu bringen, erscheint mir zunächst äußerst reizvoll und insbesondere hinsichtlich einer Untersuchung von Abramovićs Performance im MoMA 2010 wert, genauer betrachtet zu werden. Im fernöstlichen Verständnis of- fenbart sich eine vollkommen andere Sichtweise von Handlungskonzeptionen als in der westlich geprägten philosophischen Tradition. Nicht das ereignisreiche, ak- tivistische Tun führt in erster Linie zu Wirksamkeit, sondern das zunächst als Ge- genteil erscheinende Nichttun. Im Zuge der Frage, ob und unter welchen Bedingun- gen das Schweigen, Unterlassen und Nichttun in Abramovićs „The Artist Is Present“ ebenso performativ wirksam werden kann, wie Sprechakte und Handlun- gen, scheint dieser Blick spannende Perspektiven zu eröffnen, die in vorliegender Arbeit im Zuge einer analytischen Auseinandersetzung näher untersucht werden sollen.

Inwiefern finden sich Prinzipien und Elemente des wu wei und weiterer Aspekte der Handlungskonzeptionen der daoistischen Denker im alten China in Abramovićs Perfomance „The Artist Is Present“ wieder und unter welchen Bedingungen können sie sichtbar werden?

Zunächst richtet sich der Fokus auf Marina Abramovićs Werk „The Artist Is Present“, um anschließend ausführlich auf ausgewählte Elemente daoistisch geprägter Konzepte des (Nicht)Handelns und der Wirksamkeit einzugehen und zu untersuchen, ob und inwiefern sich daraus resultierende Komponenten und Grundprinzipien in „The Artist Is Present“ wiederfinden oder sogar durch die Performance selbst geschaffen werden. Abschließend werden in einer Schlussbetrachtung die gewonnenen Erkenntnisse zusammengetragen.

Ausgangspunkt der Überlegungen im Zusammenhang mit der chinesisch daoistischen Philosophie ist das 1999 erschienene Werk „Über die Wirksamkeit“ des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien, das auch heute nicht an Bedeutung verloren hat.7 Da es mir im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist, mich mit weiteren Autoren ausführlich auseinanderzusetzen, die sich mit Dimensi- onen früher chinesischer Denker beschäftigen und da Jullien die mir relevant er- scheinenden Elemente auf umfassendste Weise fundiert betrachtet und aufgreift, beschränke ich mich dabei weitgehend auf seine Schilderungen. Als Grundlage dient ihm hauptsächlich der zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert vor unserer Zeit- rechnung entstandene Laozi, den Jullien „[…] aus dem mystischen Dunstkreis her- ausholen [will], in den man ihn im Westen gern gestellt hat.“8 Er wird dem gleich- namigen Begründer des Daoismus‘ zugeschrieben und stellt das vermutlich älteste und mit dem Zhuangzi wichtigste Werk der philosophischen Strömung dar.9 Ob- wohl sich die von Jullien, beziehungsweise von Laozi und anderen chinesischen Denkern, angestellten Überlegungen und Elemente der chinesisch geprägten Philo- sophie, hauptsächlich auf Handlungsstrategien, Kriegskunst und Diplomatie im al- ten China beziehen, erscheinen sie vor dem Hintergrund der Fragestellung auch aus performativitätstheoretischer Perspektive im Rahmen einer Untersuchung von Ma- rina Abramovićs „The Artist Is Present“ besonders interessant und geeignet.

Da ich im Frühjahr 2010 nicht selbst in New York vor Ort war, um mir ein Bild von Abramovićs Performance zu machen, gilt es zu berücksichtigen, dass ich mich nicht auf eigene Erinnerungen und Erfahrungen stützen kann, sondern auf die Wahrnehmung und das Material anderer angewiesen bin. Als Grundlage der Ana- lyse von Abramovićs Performance dienen mir hauptsächlich der 2012 erschienene Dokumentarfilm „Marina Abramović - The Artist Is Present“ von Matthew Akers,10 Fotografien, sowie Erfahrungsberichte von Besucherinnen und Besuchern aus un- terschiedlichen Quellen.

2 „Marina Abramović - The Artist Is Present“

Im Frühjahr 2010 eröffnet das Museum of Modern Art in New York eine Retro- spektive der „grandmother of performance art“, als welche die Performancekünst- lerin Marina Abramović immer wieder bezeichnet wird.11 Erstmals werden zu die- ser Gelegenheit neben Videoaufzeichnungen, Installationen und Fotografien, die ihr Werk dokumentieren, auch Wiederholungen einiger ihrer Performances gezeigt, die von jungen Künstlerinnen und Künstlern in unterschiedlichen Räumen durch- gehend aufgeführt werden.12

Die frühen Arbeiten von Abramović zeichnen sich durch Extreme aus, im Rahmen derer sie immer wieder Grenzbereiche des körperlich Aushaltbaren auf- sucht. So sticht sie sich 1973 beispielsweise in „Rhythm 10“ mit 10 unterschiedli- chen Messern so schnell sie kann in die Zwischenräume ihrer auf dem Boden lie- genden ausgespreizten linken Hand. Nicht selten trifft die Messerspitze dabei nicht auf den Zwischenraum, sondern einen ihrer Finger. Den Rhythmus zeichnet sie mit einem Kassettenrekorder auf, um ihn anschließend abzuspielen und parallel dazu nochmal zu versuchen die Messerstiche an exakt der gleichen Stelle zu platzieren, sich also auch ein zweites Mal an der gleichen Stelle zu verletzen. Wieder nimmt sie den Rhythmus auf, um sich schließlich den Doppelrhythmus beider Aufnahmen anzuhören.13 1975 setzt sie sich im Rahmen ihrer Performance „Lips of Thomas“ nackt an einen Tisch, isst ein Kilogramm Honig, trinkt einen Liter Wein, zerbricht das Glas mit der Hand, um sich dann mit einer Rasierklinge ein Pentagramm in den Bauch zu schneiden und sich mit dem Rücken auf einen Eisblock zu legen, während ein Heizstrahler auf ihren Bauch gerichtet ist, um die Schnitte zum Bluten zu brin- gen.14 Es folgen Jahre der sogenannten Relationworks mit ihrem ehemaligen Part- ner Uwe Laysiepen, besser bekannt als Ulay. Auch hier werden immer wieder Gren- zen ausgelotet, wird sich Gesicht an Gesicht angeschrien, bis die Stimme versagt15 oder gegenseitig über einen langen Zeitraum hinweg abwechselnd geohrfeigt, so- dass ein schneller werdender Rhythmus entsteht.16 Die Relationworks enden mit der Performance „The Lovers“, in der sich Ulay und Abramović von den jeweiligen Enden der chinesischen Mauer 2000 Kilometer entgegenlaufen, um sich im Som- mer 1988 in der Mitte zu treffen, sich zu verabschieden und so deren Beziehung und Zusammenarbeit zu beenden.17 1997 gewinnt Abramović auf der Biennale den goldenen Löwen mit ihrer Performance „Balkan Baroque“, in der sie vier Tage zwi- schen einer großen Menge Rinderknochen sitzt und diese wie besessen mit einer Bürste schrubbt.18

Im Rahmen der Retrospektive entwickelt sie ihre bis dato längste Perfor- mance „The Artist Is Present“, bei der von all dem nichts mehr zu sehen ist. Kein Blut, kein Schreien, weder Schneiden, noch Laufen oder Sprechen sind Teil ihrer Performance im MoMA, die vom 14. März bis zum 31. Mai 2010 dauert. Von ihrem Grundprinzip und Aufbau her erinnert sie an die in Zusammenarbeit mit Ulay ent- standene Performance „Nightsea Crossing“ aus den Jahren 1981 bis 1987. Die bei- den saßen sich über Tage hinweg schweigend, fastend, nahezu reglos auf zwei Stüh- len an den jeweiligen Schmalseiten eines Tisches gegenüber.19 Knapp 30 Jahre spä- ter ist die Konstellation und Konzeption eine andere. Anstelle Ihres Partners Ulay treten nun meist unbekannte Besucherinnen und Besucher des MoMAs.

In der Mitte des Atriums, in dem die Performance stattfindet, stehen eben- falls zwei gegenüber voneinander platzierte Holzstühle und ein Tisch. Die Anord- nung wird von vier Strahlern beleuchtet und durch ein weitläufiges Quadrat aus weißem Klebeband auf dem Boden eingegrenzt, um das sich die Besucherinnen und Besucher im weiteren Verlauf sammeln werden.20 Am 14. März nimmt Marina Ab- ramović, ein langes Kleid tragend, auf einem der beiden Stühle Platz, noch bevor die ersten Besucherinnen und Besucher das MoMA betreten und wird sich erst wie- der am Abend erheben, nachdem auch die letzten das Museum verlassen haben.21 Während der Öffnungszeiten ist jede und jeder, die oder der möchte, dazu eingela- den, sich auf den freien Stuhl ihr gegenüber zu setzen, um dort beliebig lange schweigend zu verweilen. Bevor eine Person die Markierung des Quadrats über- schreitet, wird sie darauf hingewiesen, Abramović weder zu berühren, noch mit ihr zu sprechen.22 Sobald sich eine Person auf den Stuhl setzt, hebt Abramović den Kopf und blickt solange in die Augen des Gegenübers, bis dieses sich entschließt, den Platz wieder zu verlassen. Zwischen jeder und jedem schließt sie kurz die Au- gen und senkt den Kopf, bis die nächste Person sich hinsetzt und so fort.23 Während die einen den Stuhl nach einer Minute wieder räumen, bleiben andere Stunden oder gar den gesamten Tag sitzen.24 Marina Abramović bleibt, sitzt und sieht ihrem wechselnden Gegenüber in die Augen, siebeneinhalb Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, zweieinhalb Monate, weit über 700 Stunden.25 Die Sorge, dass niemand sich die Zeit nehmen würde, sich hinzusetzen, stellt sich als unbegründet heraus. Der Andrang ist groß und wächst von Tag zu Tag, sodass der Stuhl nie lange unbe- setzt bleibt. Die Menschen reisen von weit her an, wie das Beispiel einer Australi- erin zeigt, die vor Ort feststellen muss, dass es mittlerweile der Wartenummern be- darf, um überhaupt noch eine Chance auf den freien Platz zu haben. Andere gehen zwischen Schließ- und Öffnungszeiten des Museums gar nicht mehr nach Hause, um noch zu denjenigen zu gehören, die sich Abramović gegenüberzusetzen.26

Was bewegt so viele Menschen, sich auf den Stuhl zu setzen, zu schweigen, Ab- ramović anzusehen und sich selbst von ihr, aber auch etlichen Besucherinnen und Besuchern beim scheinbaren Nichts-Tun ansehen zu lassen? Wodurch und inwie- fern können ein über Stunden hinweg anhaltendes Schweigen und ein weitgehend bewegungsloser Körper offenbar eine Kraft entfalten und performativ wirksam werden?

Gewiss sind die Prominenz von Marina Abramović, das enorme mediale Interesse und die internationale Verbreitung Aspekte, die dazu führen, dass sich die Aktion einer solchen Faszination und regen Teilnahme erfreut. Und sicherlich mag es für manche zunächst auch Grund genug sein, sich auf den leeren Stuhl zu setzen. Doch dies als einzige Erklärung anzuführen, für die auf ganz unterschiedliche Weise zu Tage tretenden Dynamiken, die im Zuge der schweigenden Begegnung wirksam werden, wäre zu kurz gegriffen.

So einfach und klar die Performance erscheint, so unterschiedlich und viel- seitig sind die Erfahrungsberichte der Besucherinnen und Besucher: während die einen von einem inneren Dialog berichten, den sie mit Abramović gedanklich füh- ren, während sie gemeinsam schweigend sitzen,27 sprechen andere von einer Un- terbrechung des Gedankenstroms.28 Bei manch einem legt sich die Aufregung mit der Begegnung und dem Sitzen,29 andere scheinen nicht zur Ruhe kommen zu kön- nen und von einem Zustand in den nächsten geworfen zu werden.30 Viele berichten davon, dass sie das Zeitgefühl verlieren, einige gar von Erfahrungen der Transfor- mation.31 Fotograf Marco Anelli ist die gesamte Zeit der Performance anwesend und fotografiert jede einzelne Person, die sich auf den Stuhl setzt, sofern sie sich nicht ausdrücklich dagegen ausgesprochen hat. Insgesamt entstehen 1545 Fotos.32 Im Ausdruck derjenigen, die gesessen und geschwiegen haben, spiegelt sich die Vielfalt der Erfahrungen wieder. Manche gucken skeptisch,33 andere blicken ver- letzlich oder verzweifelt in das Gesicht ihres Gegenübers34 und nicht wenige der Besucherinnen und Besucher beginnen währenddessen zu weinen, wobei sich auch hierbei der Ausdruck unterscheidet und mal ein gelöster, mal ein schmerzerfüllter ist.35 Wie unterschiedlich die Besucherinnen und Besucher mit der Performance umgehen, ist auch in den Videoaufzeichnungen von Matthew Akers zu beobachten. Dabei scheint nicht nur eingenommen, wer sich in die Mitte des Atriums begibt, wie der ältere Herr, der Abramović freundlich anlächelt oder der, der kritisch mus- ternd ihrem Blick standhält; wie die junge Frau, die schwer ein- und ausatmet und sichtlich ergriffen ist, oder die, die nahezu unbeweglich da sitzt und nur als ihr eine Träne die Wange herunterrollt kurz einen Mundwinkel verzieht. Die um die Mitte herum stehenden Besucherinnen und Besucher scheinen von diesem Nichttun nicht weniger fasziniert zu sein. Auch hier betrachten manche das Geschehen mit fragend skeptischem Blick, andere setzen sich hin und richten ihren Fokus auf das mittige Nichttun, ebenso konzentriert wie Abramović und ihr Gegenüber selbst. Wieder andere scheinen gemeinsam zu rätseln und sich darüber auszutauschen, was es da- mit auf sich hat oder führen selbst ein schweigendes, gegenseitiges Betrachten durch.36

Was immer sich bei den Einzelnen tut, kaum ein gleichgültiger Ausdruck ist unter ihnen zu finden. Und wenngleich es gilt, sich stets die ausschnitthafte Perspektive und selektive Wahrnehmung vor Augen zu führen, die man als außenstehender Betrachter einnimmt, so zeugen die unterschiedlichen Erfahrungen der Besucherinnen und Besucher, die aus Erlebnisberichten, der fotografischen Dokumentation und den Videoaufzeichnungen hervorgehen, nicht selten von besonderer, vielleicht unerwarteter Qualität und großer Wirksamkeit.

Bevor den Fragen nachgegangen wird, inwiefern und wodurch das Nichttun bei Abramović performativ wirksam werden kann und in welcher Hinsicht darin Elemente der chinesisch geprägten Perspektiven von Handeln und Wirksamkeit enthalten sind, ist es zunächst hilfreich, sich die europäisch geprägte philosophische Tradition hinsichtlich der Wirksamkeit und des Handelns vor Augen zu führen.37

3 Die anvisierte Wirkung im europäischen Kontext

In der Auseinandersetzung mit Sichtweisen europäisch geprägter Philosophien be- züglich des Handelns offenbart sich eine stete Trennung zwischen Theorie und Pra- xis, zwischen Erkenntnis auf der einen und Handeln auf der anderen Seite.38 Zu- nächst wird eine Idealform entwickelt, die ein bestimmtes Ziel setzt, welches daran anschließend durch ein Handeln in die Realität umgesetzt werden soll.39 Je näher wir in unserem Handeln dieser Idealform kommen, desto größer ist die Wahrschein- lichkeit, damit erfolgreich zu sein. Ausgehend von der Vernunft, muss sich die Pra- xis also der Theorie, beziehungsweise dem Modell unterwerfen, sobald dieses ein- mal gesetzt ist.

François Jullien sieht in dieser Unterscheidung und Koppelung von Theorie und Praxis ein Charakteristikum des modernen Westens, ganz gleich, welche Bereiche man betrachtet, welche Rolle eingenommen wird: der Soldat entwerfe einen Plan zur Kriegsführung, der Revolutionär das Modell eines zu schaffenden Gemeinwe- sens und der Wirtschaftswissenschaftler die Kurve eines zu verwirklichenden Wachstums. Durch das Schaffen solcher Idealitätsschablonen, die in die Wirklich- keit umgesetzt werden sollen, wird entschieden, in die Welt einzugreifen und der Realität Form zu geben, beziehungsweise ihr gewissermaßen willentlich ein Modell überzustülpen.40

Bis heute lebt in der europäischen Tradition der Mythos der Aktion und des heroischen, tragischen Handelns, der bis in die Anfänge der Geschichte der Ver- nunft zurückreicht. In der jüdisch-christlichen Tradition lässt Gott die Welt durch einen Schöpfungsakt entstehen. In der griechischen Mythologie ist es Heros, der stets mit seiner Aktion die Welt prägt, indem er Widerstand leistet und im Epos beschreibt die Literatur bedeutsame Handlungen als Heldentaten, die schließlich in der Tragödie inszeniert wurden.41

In der narrativ verstandenen Handlungstheorie, die in der westlich geprägten Philosophie vorherrscht, impliziert die jeweilige Handlung spätestens seit Aristote- les stets einen Anfang, eine Mitte und ein Ende und wird unterteilt in intentio, actio und finis.42 Das Handeln wird hier also als isolierbare Entität verstanden, von der die Wirksamkeit ausgeht, indem auf Entscheidung beruhende Absichten durch Handlungen in die Realität umgesetzt werden und ein der Intention möglichst ent- sprechendes Ergebnis erzielt werden soll.43 Als problematisch erweist sich in die- sem Zusammenhang die Erkenntnis, dass zwischen dem konstruierten idealen Mo- dell, das auf die Wirklichkeit projiziert und dem, was tatsächlich realisiert wird, zwangsläufig eine Diskrepanz bestehen bleibt.44

Dieser im europäischen Kontext weitgehend unhinterfragten Grundan- nahme von Theorie und Praxis, sowie der Fixierung auf eine dreigliedrige Zeit- struktur aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, beziehungsweise Anfang,

[...]


1 Vgl. Zadi Diaz: Amateur-Videoaufzeichnung von 2016: Mindball: The Meditation / Telekinesis Game.URL: https://www.youtube.com/watch?v=Gg2t_TdB4og (Stand: 05.03.2017). Vgl. auch Edward Slingerland: Wie wir mehr erreichen wenn wir weniger wollen. Das wu-wei-Prinzip. Berlin: berlinverlag 2014, S. 7.

2 Vgl. Erika Fischer-Lichte: Ästhetik des Performativen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2004, S. 31f.

3 Vgl. Barbara Gronau / Alice Lagaay: Einleitung. In: Barbara Gronau / Alice Lagaay (Hrsg.): Performanzen des Nichttuns. Wien: Passagen Verlag Ges. m. b. H. 2008, S. 11-21, hier: S. 11.

4 Vgl ebd.

5 Vgl. ebd., S.12.

6 Vgl. ebd., S. 13.

7 François Jullien: Über die Wirksamkeit. Berlin: Merve Verlag 1999.

8 Jullien, S.11. und S.121. In anderen Werken wird das Frühwerk des chinesischen Denkers Laozi auch als Daodejing bezeichnet. Siehe beispielsweise Hans van Ess (folgende Fußnote).

9 Vgl. Hans van Ess: Der Daoismus. Von Laozi bis heute. München: Verlag C.H. Beck 2011, S. 17.

10 Dokumentarfilm von Matthew Akers: Marina Abramovic. The Artist Is Present. London: dogwoof 2012.

11 Vgl. Emma Brockes: Performance artist Marina Abramović: 'I was ready to die'. URL: https://www.theguardian.com/artanddesign/2014/may/12/marina-abramovic-ready-to-die-serpen- tine-gallery-512-hours, (Stand: 15.04.2017).

12 Vgl. MoMA: The Artist Is Present. URL: https://www.moma.org/calendar/exhibitions/964?lo- cale=de (Stand: 02.06.2017).

13 Vgl. Marina Abramović: Rhythm 10. URL: http://www.medienkunstnetz.de/werke/rhythm-10-2/ (Stand: 19.06.2017).

14 Vgl. Emily Ligniti: 7 Easy Pieces. Marina Abramović. Mailand: Charta 2007, S. 192-220.

15 Vgl. Abramović / Ulay: AAA-AAA 1978. URL: http://www.li-ma.nl/site/catalogue/art/abramo- vic-ulay/aaa-aaa/18360 (Stand: 20.06.2017).

16 Vgl. Abramović / Ulay: Light/Dark 1978. URL: http://www.li-ma.nl/site/catalogue/art/abramo- vic-ulay/light-dark-amsterdam/8017# (Stand: 20.06.2017).

17 Abramović / Ulay: The Lovers 1988. URL: http://www.medienkunstnetz.de/werke/the-lovers/ (Stand: 20.06.2017).

18 Vgl. Marina Abramović: Balkan Baroque 1997. URL: https://vimeo.com/38023444 (Stand: 20.06.2017).

19 Vgl. Klaus Peter Biesenbach / Mary Christian: Marina Abramović: The Artist Is Present. New York: Museum of Modern Art 2010, S.138.

20 Vgl.Akers: 00:56:48.

21 Vgl. Philipp Oehmke: Die 721-Stunden-Frau. URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d- 70833867.html (Stand: 20.06.2017)

22 Vgl Akers: 01:32:14 und 01:29:10.

23 Vgl. ebd.: 01:07:28.

24 Vgl. Fotogalerie Marco Anelli. URL: https://www.moma.org/interactives/exhibitions/2010/ma- rinaabramovic/index.html (Stand: 21.06.2017).

25 Vgl. Marina Abramović: Durch Mauern gehen. München: Luchterhand Literaturverlag 2016, S. 408.

26 Vgl. Akers: 01:28:40 und 01:32:24 und Abramović, S. 403. 9

27 Vgl.Erfahrungsbericht O.V. URL: http://essaysaboutsitting.tumblr.com/post/1673273553/day- 65-portrait-21-18-min (Stand: 20.05.2017).

28 Vgl. ebd., URL: http://essaysaboutsitting.tumblr.com/post/816763959/day-47-portrait-5 (Stand: 20.05.2017).

29 Vgl. ebd. URL: http://essaysaboutsitting.tumblr.com/post/1168876717/day-66-portrait-23 (Stand: 20.05.2017).

30 Vgl. ebd. URL: http://essaysaboutsitting.tumblr.com/post/5379867568/day-61-portrait-18-14- min (Stand: 20.05.2017).

31 Vgl. unter anderem Julia Kaginskiy: Visitor Viewpoint: Marina Abramovic. URL: https://www.moma.org/explore/inside_out/2010/03/29/visitor-viewpoint-marina-abramovic/ (Stand:20.05). Vgl. auch Erfahrungsbericht O.V. URL: https://www.moma.org/learn/moma_learn- ing/marina-abramovic-marina-abramovic-the-artist-is-present-2010 (Stand: 20.05.2010).

32 Vgl. Aufzeichnung des Symposiums im MoMA in New York am 2.06.2010. URL: http://www.ustream.tv/recorded/7401378, ab 00:44:45 (Stand: 06.07.2017), im Folgenden als Symposium bezeichnet.

33 Vgl. Fotogalerie Marco Anelli: Day 8, Portrait 19.

34 Vgl. ebd., Day 42, Portrait 6; Day 53, Portrait 8; Day 60, Portrait 12.

35 Vgl. ebd, Day 63, Portrait 24; Day 30, Portrait 2; Day 49, Portrait 61. 10

36 Vgl. Akers: ab 01:17:12 und ab 01:23:34.

37 Wenngleich dies hier nur skizzenhaft möglich ist.

38 Vgl. Jullien, S. 29.

39 Vgl. ebd., S. 13.

40 Vgl. ebd., S. 15.

41 Vgl. ebd., S76.

42 Vgl. Mario Wenning: In-der-Mitte-Sein. Zur Struktur gelingenden Handelns. In: Stefan Deines / Daniel Martin Feige / Martin Seel (Hrsg.): Formen kulturellen Wandels. Bielefeld: transcript Verlag 2012, S. 173 bis 196, hier: S. 175-177.

43 Vgl. Jullien, S.70. Vgl auch Wenning, S. 177.

44 Vgl. Jullien, S.29.

Details

Seiten
37
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668556638
ISBN (Buch)
9783668556645
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378668
Note
1,0
Schlagworte
perspektiven wirksamkeit nichttuns beispiel marina abramovics artist present

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