Lade Inhalt...

Persönliches Bild der Wirtschaftspsychologie und Werbewirkung

Hausarbeit auf morphologisch tiefenpsychologischer Grundlage

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 32 Seiten

Psychologie - Medienpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zusammenfassung der Hausarbeit

2 Persönliches Bild der Wirtschaftspsychologie

3 Wirkung von Werbung
3.1 Werbewirkungsmodelle (Moser, 2007)
3.2 Techniken und Wirkung der Werbung (Erich M. Kirchler, 1995)
3.3 Persönliches Erleben während der Beschäftigung mit der Thematik

4 Die zwölf Umbildungspflöcke

5 Literaturverzeichnis

1 Zusammenfassung der Hausarbeit

Die nachfolgende Hausarbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werde ich die Entwicklung meines persönlichen Bildes der Wirtschaftspsychologie zum Ende des ersten Semesters beschreiben. Der zweite Teil handelt von der Wirkung der Werbung. Dort stelle ich das Thema anhand zweier Bücher vor, die sich beide mit der Thematik beschäftigen. Am Ende des zweiten Teiles steht ein persönlicher Kommentar, der mein Erleben in der Auseinandersetzung mit der Thematik beschreibt. Der dritte Teil beschäftigt sich mit den zwölf kulturpsychologischen Umbildungspflöcken und meinem Verständnis zu diesen Standpunkten.

2 Persönliches Bild der Wirtschaftspsychologie

Nach meinem Abitur im Jahre 2009 und der anschließenden Ausbildung zum Industriekaufmann, die ich 2012 erfolgreich abgeschlossen hatte, war mir zwar klar, dass ich eines Tages noch einmal studieren werde, jedoch hatte ich vom vielen Lernen erst einmal genug und entschloss mich, zunächst in meinem Beruf und in meinem Ausbildungsbetrieb weiterzuarbeiten. Ich wusste, dass ich verantwortungsvolle Aufgaben in der Finanzabteilung übernehmen werde und bekam ziemlich zügig einen unbefristeten Vertrag angeboten. Mein Chef, mit dem ich ein gutes, väterliches Verhältnis pflege, vertraute mir voll und ganz und war mit meiner Arbeit stets zufrieden. Ich übernahm die Kontrolle der Buchungen, erstellte diverse Auswertungen, Mahnläufe, überwachte den Verlauf von Inkassoaufträgen, war aber auch verantwortlicher Mitarbeiter für unsere Zertifizierungen und sorgte mich zusammen mit meinem Chef um die Pflege unseres IT-Systems. Kurzum: ich war das MfA, das Mädchen für Alles.

Nach vier Jahren in dem Betrieb stellte sich mir immer präsenter die Frage, was ich noch aus meinem Leben mache. Ich hatte immer noch im Hinterkopf zu studieren, doch wurde ich durch einige Gedanken immer wieder geblockt. Schaffe ich das Lernpensum überhaupt noch? Schaffe ich es, das Studium auch gut zu absolvieren? Und wie werde ich es mit der Wohn- und Geldsituation meistern? Seit 2013 wohnte ich in einer Zweier-Wohngemeinschaft und schaffte es nur marginal, mir etwas auf die hohe Kante zu legen.

Als dann 2015 bekannt wurde, dass unsere Firma, eine mittelständische Druckerei, verkauft werden würde, war das mein Zeichen! Entweder ich bewerbe mich woanders und bleibe in diesem Beruf, wo ich überall hätte landen können, oder ich setze mich noch einmal auf die Schulbank und kann mir im besten Falle selber aussuchen, was ich später mit dem Abschluss mache. Ich muss dazu sagen, dass viele meiner Freunde bereits zu der Zeit studierten, oder schon ausgelernt waren und ich im Freundeskreis, aus meiner Sicht, hinterherhinkte.

Ich informierte mich also ganz konkret über Studiengänge, nicht nur im Internet, sondern auch bei Freunden. Dabei stieß ich nicht nur auf eine Annonce der BSP, sondern ein guter Freund, selber Bankier in einer Commerzbankfiliale, studierte im Master Wirtschaftspsychologie. Ein erstes Bild entstand in meinem Kopf.

Ich muss dazu sagen, dass der Freund nicht an der BSP studierte, sondern auf einer anderen Berliner Hochschule im Teilzeitmodell. Seine Hausarbeiten und schließlich auch seine Masterarbeit drehten sich vornehmlich um die Motivation von Mitarbeitern. Ein spannendes Feld wie ich finde. Der Geschäftsführer unserer Druckerei, so empfand nicht nur ich, fühlte sich von seinen Mitarbeitern eher ausgenommen. Alle wollen sein Geld und niemand zeigt Verantwortung. Dass niemand Verantwortung zeigte, stimmte. Spätestens als unser Druckereimeister in das Finanzbüro kam und zu uns sagte: „Im Keller stinkt´s. Was machen wir jetzt?“ wurde es auch dem Letzten bewusst. Wirklich niemand, außer meinem Chef, fühlte sich für irgendetwas verantwortlich. Ein wahrscheinlicher Grund dafür war, dass er immer alles ausbügelte. Egal ob es Gespräche mit verärgerten Kunden oder die Reinigung der Abwasserklappe war.

Wie also schafft man es, seine Mitarbeiter zur tatsächlichen Mitarbeit zu motivieren? Wie kann ich einem jeden Mitarbeiter im Betrieb zeigen, dass hier an einem Strang gezogen werden soll? Wie schaffe ich Eigenverantwortlichkeit in die Köpfe zu bekommen, ohne dass die Dinge aus dem Ruder laufen? Die Beantwortung und richtige Handhabung der Fragen und Problemstellungen, stellte ich mir von einem guten Wirtschaftspsychologen vor.

Dass dies nicht alle Facetten der Wirtschaftspsychologie sind, war mir bewusst.

So war ich immer über meinen Vater erstaunt, der nach seinem Abitur in einer Hi-Fi-Firma arbeitete und Musikboxen verkaufte. Um es kurz zu fassen, er verachtzehnfachte den Umsatz und flog unter anderem nach Las Vegas, um dort seine Boxen äußerst gewinnbringend zu verkaufen. Heute, als Vertriebsmitarbeiter in einer Druckerei, schafft er es immer noch, die Kunden von sich und seinen Produkten zu überzeugen. Er sagt selber von sich, dass er dabei nicht das Produkt, sondern eher ein Gefühl verkauft, dass den Kunden aufzeigt, wie es sich mit dem neuen Produkt anfühlt. Regelmäßig erzählt er mir, er hat hier einen großen Fisch an Land gezogen und dort mit dem Vorstand einen Termin. Er schaffte es durch seine Art mit den Menschen zu reden, zu der Sendung „ Wer wird Millionär?“ (WWM).

Ich durfte live dabei sein und kann sagen, dass die Auswahl der Kandidaten nur damit zu tun hat, ob jemand viel und spannend von sich erzählen kann. Es geht schließlich um die Einschaltquote. Es interessiert in der Auswahl potentieller Kandidaten beispielweise nicht, ob man weiß, wie der drittgrößte Berg Ostafrikas heißt, sondern, wie man versucht, auf originelle Art und Weise den Mitarbeitern von WWM glaubhaft zu machen, dass der Berg xyz heißt.

In meinem anfänglichen Bild der Wirtschaftspsychologie können in diesem Fach ausgebildete Menschen, die nicht über dieses Talent verfügen, das gleiche erreichen. Nämlich Menschen auf ihre Seite ziehen. Sie können ihre Position so erkenntlich machen, dass sie ihr Gegenüber nicht überrumpeln, sondern viel mehr eine Win-Win-Situation verbildlichen. Hier eine kleine Veranschaulichung: Stellen Sie sich als Eisbär einmal vor, hier käme ein Leopard vorbei, was in Zeiten der Globalisierung ja immer häufiger passiert. Was meinen Sie, wie gewinnbringend Sie diesem unseren Tiefkühlschrank verkaufen können? Und wissen Sie was? Wenn Sie zehn Tiefkühlschränke kaufen, bekommen Sie von mir noch die passenden Eiswürfel dazu.

Dieses Beispiel mag banal klingen und das ist es auch; aber so stellte ich mir vor, verkauft mein Vater und eben ausgebildete Wirtschaftspsychologen auch. Nur, dass seine Produkte tatsächlich von hohem Nutzen sind. Aber das muss dem potentiellen Käufer erst einmal klargemacht und verbildlicht werden. Und mein Vater schafft es, obwohl er wie erwähnt, keine Ausbildung genossen hat. Als wenn er eine Glaskugel dabeihätte und dem Gegenüber die glorreiche Zukunft mit dem neu erworbenen Produkt aufzeigen könnte.

Wieso also studiere ich nicht Personal-, oder Vertriebsmanagement? In meinen Augen stand in diesen Studiengängen nicht der Mensch im Vordergrund, sondern immer die Frage, wie maximiere ich schnell mein Geld, zur Not auf Kosten anderer. Diese Fächer waren mir zu stumpf und mathematiklastig. Mitarbeitermotivation kann ich nicht auf einer Skala von eins bis fünf messen und schon gar nicht den Dingen auf den Grund gehen. Das gefiel mir schon nicht in der Ausbildung.

In meinen anfänglichen Vorstellungen habe ich mir den Wirtschaftspsychologen nicht nur als perfekten Vertriebler oder Motivator, sondern auch als jemanden vorgestellt, der über den Dingen steht, diplomatisch vermittelt, aber in den richtigen Momenten auch hart eingreift und Entscheidungen trifft, die vielleicht nicht sofort auf Verständnis stoßen, aber die Zukunft des Betriebes sichern. Der Wirtschaftspsychologe weiß nämlich, warum sich Menschen so oder so verhalten. Er geht diesem schließlich auf den Grund und zieht aus jedem Verhalten mit dem nötigen Weitblick die korrekten Schlüsse. Er unterscheidet sich vom Personalmanager in der Form, dass er noch über dem Personalmanager steht, also Chef des Personalmanagers ist. Er motiviert die Mitarbeiter, nicht nur indem er ihnen Boni auszahlt, wenn Ziele erreicht werden. Er schafft es in Gesprächen, Meetings und Großversammlungen die Mitarbeiter auf seine Seite zu ziehen. Eine typische Rede von ihm könnte lauten: „Schaut her! Was wir hier vorhaben, ist etwas Großes. Und ich brauche einen jeden einzelnen von Euch! Wer hier mitwirkt, wirkt kleine Wunder! Ich freue mich in fünf Jahren hier zu stehen und mit Euch auf unseren Erfolg anzustoßen.“ Ein jeder Mitarbeiter wird spüren, dass ein besonderes Klima im Unternehmen herrscht. Man ist zuvorkommend, da jeder Mitarbeiter verinnerlicht hat, dass sein Nebenmann auch immer für die Kollegen arbeitet. Damit ist der Wirtschaftspsychologe in meinem anfänglichen Bild ein perfekter Unternehmer, der Coach, Vaterfigur, Chef, Verkäufer, Visionär und Entrepreneur in einem ist. Er ist schließlich auch Psychologe und für einen jeden da. Das heißt allerdings auch, für das richtige Personal zu sorgen und auch durchzugreifen, wenn einige eben nicht am selben Strang ziehen, sich daneben verhalten und nicht genug Leistung erzielen. Dabei ist er jedoch gutherzig und hat Verständnis, wenn jemand aus Krankheit oder sonstigen persönlichen Gründen gerade eine Schwächephase erlebt.

Die Büroausstattung hat der Wirtschaftspsychologe übrigens mitentworfen. Er hat Umfragen gestartet, Orthopäden und Designer konsultiert, um ein möglichst gutes Arbeitsklima zu entwickeln.

Dieses Bild verlangt vom Wirtschaftspsychologen viel ab und ich glaube nicht, dass ich irgendwann derjenige sein werde, den ich oben beschrieben habe. Jedoch ist dies mein, wenn auch sehr skurriles und buntes, Bild gewesen, was ich noch vor dem Studium von der Wirtschaftspsychologie hatte.

Dieses Bild hat sich im Laufe des Studiums natürlich gewandelt, kultiviert, wie wir ja gelernt haben. Es hat sich teilweise aber auch bekräftigt.

Wenn ich mein jetziges Bild beschreibe, sehe ich viele Einsatzbereiche des morphologisch, tiefenpsychologisch ausgerichteten Wirtschaftspsychologen. Zunächst möchte ich im Folgenden jedoch auf die Gemeinsamkeiten eingehen, die aus meiner Sicht alle Wirtschaftspsychologen verbinden sollte.

Ein Wirtschaftspsychologe sollte eine geschulte Zurückhaltung an den Tag legen. Im Studium wurde dies uns an früher Stelle ans Herz gelegt. Menschen handeln niemals grundlos. Der Wirtschaftspsychologe weiß darum und sollte nie vorschnelle Entscheidungen treffen. Er sollte sich zunächst ein Bild vom Menschen und seinen Problemen machen. Dies gelingt ihm jedoch erst dann, wenn er alle Vorurteile bei Seite legt und den Dingen auf den Grund geht. Dabei ist es völlig egal, um was für eine Problemstellung es sich handelt. Wenn er um eine schnelle Problemlösung zu Rate gezogen wird, muss er dem Hilfesuchenden klarmachen, dass wenn eine langandauernde, hochwertige Lösung gefunden werden soll, es auch Zeit benötigt. Natürlich kann man mit einer kurzfristigen Entscheidung völlig richtigliegen, nur ist das dann eher zufällig. Warum man mit dieser Entscheidung richtig lag und wie man der Lösung eine gewisse Nachhaltigkeit verleiht, bleibt völlig offen. Denn das Wissen eines morphologisch handelnden Wirtschaftspsychologen knüpft zwar an vorwissenschaftlichen Umgangsweisen des Alltags an, ist aber kultiviert und wissenschaftlich fundiert.

Der erste Problemfall, den wir im Modul besprochen haben, macht dies deutlich.

Ein großer Personaldienstleister kauft eine kleine Firma auf und die Frage stellt sich, wie sich die Personalvermittler nun kleiden sollen. So wie in der großen Firma mit Schlips und Kragen oder so wie in der kleinen Firma mit offenem Flanellhemd? Wir noch ahnungslosen Studenten diskutierten drauf los. Eine Fraktion ist dafür, dass in Zukunft alle das tragen sollen, was bislang das größere Unternehmen getragen hat, da es das kleinere schließlich aufgekauft hat. Eine andere Fraktion ist dafür, erst einmal mit der Geschäftsführung zu reden usw.

Der Fall zielte aber darauf ab, sich zunächst ein Bild von der Problemstellung zu machen. Denn nur wer das Problem versteht, kann lösungsorientiert handeln. Und dazu benötigt es halt Zeit.

Ein weiteres Merkmal aller Wirtschaftspsychologen sollte sein, auch andere Sichtweisen zu akzeptieren. Denn alles was man macht, kann man auch anders machen. Dies mag sich zwar wie runtergebetet anhören, meint aber, dass man für ein Problem, das sich stellt, nicht allein forschen muss. So können mehrere Sichtweisen ein Bild deutlicher werden lassen. Die verschiedenen (psychologischen) Methoden müssen doch nicht einander ausschließen, sondern können doch auch miteinander kooperieren. So mag es für eine erste Übersicht zu einem Thema von Vorteil sein, quantitativ zu forschen, ehe man ins Detail geht und qualitativ forscht.

Um auf die Einsatzbereiche des morphologisch arbeitenden Wirtschaftspsychologen näher einzugehen, möchte ich zwei Bereiche näher beschreiben, in denen ich mir vorstellen könnte, zukünftig zu arbeiten. Da sei zunächst die Marktforschung genannt, in der es grob gesagt, um die Analyse von Märkten geht. Diesen Bereich hatte ich vor dem Studium nicht auf dem Schirm, doch stelle ich mir ihn äußerst spannend vor. Wenn Unternehmen beispielweise ein neues Produkt vermarkten wollen, kann der morphologisch tiefenpsychologisch ausgerichtete Wirtschaftspsychologe im Vorhinein klären, wie die Werbung gestaltet werden soll, um eine möglichst große Zielgruppe so anzusprechen, dass die Wirkung der Produktwerbung mit der Intention des Unternehmens übereinstimmt. Hier klafft oft eine große Lücke zwischen dem was gemeint und dem, was tatsächlich beim Betrachter angekommen ist. Dieses Phänomen haben wir ausführlich im Modul besprochen. Uns wurden Plakate gezeigt, zu denen wir sofort unsere ersten Einfälle nennen sollten. Dass diese qualitativen Forschungsmethoden tatsächlich fruchten, habe ich in zwei Vorträgen von in der Wirtschaft arbeitenden Wirtschaftspsychologen sehen dürfen. Besonders hat mich der Vortrag eines morphologisch handelnden Marktforschers mitgenommen, der den Auftrag eines Pharma-Unternehmens erhalten hatte, eine Werbung zu kreieren, die inkontinente Männer auf ein pflanzliches Heilmittel aufmerksam machen und sie zum Kauf anregen sollte. Wie in jeder morphologischen Forschung hat man sich zunächst das Gefühl, inkontinent zu sein in Tiefeninterviews und Gruppendiskussionen beschreiben lassen. Von betroffenen Personen, aber auch von Ärzten und Apothekern. Die Paradoxe, die dabei zum Vorschein kamen, spiegelten sich dann in kleinen aber feinen Szenen der Werbung wieder. So stand der ältere Herr, der neben seiner Frau im Bett lag nachts auf, weil er anscheinend auf Toilette musste. Seine Frau bemerkte dies und ist mitaufgewacht. In einer weiteren Szene wird ein Blatt so aufgefächert, dass es einem starken Phallussymbol ähnelt. Letztlich wurde auch der Slogan „Weniger Müssen müssen“ vom Marktforschungsinstitut entwickelt (siehe https://www.prostagutt.de). Kleine, vermeintlich unscheinbare Szenen, in denen sich aber viele Männer mit diesen Problemen angesprochen fühlen, bewusst und unbewusst (Dr. Willmar Schwabe GmbH & Co. KG, 2015).

Ein weiteres Gebiet in dem ich mich später sehen könnte, ist der Vertrieb. Im oberen Teil habe ich bereits von meinem Vater gesprochen, dem dieses Verkaufs-Gen anscheinend in die Wiege gelegt wurde. Ich möchte wissen, was psychologisch dahintersteckt. Ich habe in meiner Schulzeit bereits auf einem gut besuchten Obststand gearbeitet. Dort habe ich Gefallen am Verkauf gefunden. Ich war kein Tütchen-Rüberreicher, sondern habe mit den Kunden gesprochen und ihnen unser Obst und Gemüse als etwas Besonderes verkauft. Nicht selten gingen die Kunden statt mit der geplanten Gurke mit einem kleinen Obstkorb nachhause. Jedoch stellte ich fest, dass ich auch hier an Grenzen gestoßen bin und manchmal die Leute von ihren Vorurteilen nicht abholen konnte. Ich hätte manchen Leuten mehr verkaufen können, wenn ich anders mit ihnen geredet hätte. Ich glaube, dass wenn man hier psychologisches Fachwissen im Hinterkopf hat, kann man auch ohne Verkaufs-Gen erfolgreich arbeiten. Natürlich sollte es ein gutes Produkt sein, was man dort verkauft, um den Leuten von einer tatsächlichen Win-Win-Situation zu erzählen, die sie erlangen, wenn sie dieses Produkt kaufen.

Das wurde im ersten Semester noch nicht behandelt. Doch bin ich mir sicher, dass ich nach dem Studium diese Verkaufs-Unsicherheiten ablegen kann, da ich dann einfach mehr über mein Gegenüber weiß und ihn richtig einschätzen kann. Ich sehe mich da auch nicht mehr auf dem Obststand stehen, sondern eher in einem größeren Unternehmen, in dem ich (Vertriebs-)Personal führe und bei gewissen Auftragsabwicklungen selbst das Ruder in die Hand nehme und mit den Kunden verhandle.

Es gibt jedoch aus meiner Sicht auch einige Grenzen, an die ein Wirtschaftspsychologe stoßen kann. Hier möchte ich auf das Gespräch eingehen, das wir mit einem Nicht-Wirtschaftspsychologen geführt haben. Dieser macht gerade seinen Master in Wirtschaftsingenieurwesen und ist Naturwissenschaftler durch und durch.

Wir erzählten ihm von der Definition der Wirtschaftspsychologie als die Anwendung von Psychologie, die sich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen befasst nach wirtschaftlichen Frage- bzw. Aufgabenstellungen. Demnach könnte der Wirtschaftspsychologe in äußerst vielen wirtschaftlichen Tätigkeitsfeldern Fuß fassen. Man gebe ihm lediglich eine Aufgabe oder Problemstellung in einem wirtschaftlichen Kontext. Wir erzähltem ihm beispielsweise von einem Psychologen, der die Architektur der Kölner Philharmonie untersuchte und dabei einige Unüberlegtheiten feststellte. Durch die unterirdische Konstruktion sind die Ausgänge oben, die Bühne jedoch ist unten. Die Plätze gehen steil nach unten, sodass das bei dem ein oder anderen eine Fallsucht auslösen kann. Wenn nun ein Feuer ausbricht und eine Massenflucht entsteht, werden die Leute instinktiv nach unten rennen, da sie ja das Gefühl hatten, oben zu sitzen. Ein weiteres Beispiel sollte dem Nichtwirtschaftspsychologen aufzeigen, dass bereits vor der Markteinführung eines Produktes analysiert werden kann, ob das Produkt, so wie es ist, von der entsprechenden Zielgruppe aufgenommen und konsumiert wird.

Dazu muss man sich die Verwendung mit dem Produkt (ggf. einem Prototyp) beschreiben lassen und das Umfeld des Produktes näher betrachten, in dem sich das Produkt bewegen soll. Wenn zum Beispiel ein neues Shampoo auf den Markt gebracht werden soll, lässt man sich von der Zielgruppe den Prozess des Haarewaschens beschreiben. Dies kann zum Beispiel durch Tiefeninterviews geschehen. Hier entsteht nach der Durchführung der Interviews ein genaueres Bild über das Phänomen und dem Erleben der Zielgruppe mit dem Phänomen.

Doch hatte hier der Nichtwirtschaftspsychologe einiges daran auszusetzen. Er selber war als Werkstudent in einem produzierenden Unternehmen tätig, das Motorteile herstellt. Als Wirtschaftsingenieur ist er dafür zuständig, Produkte auf ihre Markttauglichkeit zu prüfen. Soll zum Beispiel eine neue Kurbelwelle auf den Markt gebracht werden, die effizienter arbeitet als Vorgängermodelle, schaut er, ob sich die Einführung des Produkts für das Unternehmen unter dem Strich lohnen würde. Er muss also auf der einen Seite analysieren, welche Kapazitäten für die Herstellung benötigt werden, wieviel Kosten dabei entstehen und auf der anderen Seite, wieviel Stück zu welchem Preis verkauft werden müssten, um unterm Strich einen gewünschten Gewinn zu erzielen.

Diese Zahlenspielerei hat uns Wirtschaftspsychologiestudenten ins Grübeln gebracht. Der angehende Wirtschaftsingenieur wollte wissen, wo hier, nach der Definition von Wirtschaftspsychologie, der Wirtschaftspsychologe handeln solle. Ich hatte ihm jedoch entgegenzusetzen, dass der Wirtschaftspsychologe auch eine Problemstellung benötigt. Wenn diese Abläufe funktionieren, dann braucht man uns tatsächlich nicht. Wenn das Kurbelwellen produzierende Unternehmen jedoch mit dem Problem zu uns kommt, dass die Kurbelwellen nicht als effizient wahrgenommen werden und sich nicht von den anderen Kurbelwellen unterscheiden, könnte ich mir vorstellen, hier tatsächlich als Wirtschaftspsychologe zu handeln. Wenn wir uns ein Bild davon machen, wie Kurbelwellen wahrgenommen und vertrieben werden, könnte man in der Tat dafür sorgen, dass die Kurbelwelle auch vom potentiellen Abnehmer auch als effizient wahrgenommen wird. Hier wiedersprach der Masterstudent und meinte, dass hier Zahlen für die Effizienz sprechen und nicht wie sie vertrieben werden.

Als Autofahrer kauft man schließlich nicht alle Einzelteile und achtet auf die Effizienz der Kurbelwelle, sondern auf das Gesamtauto. Unseres Erachtens jedoch, kann man auch hier psychologisch eingreifen, wenn Kurbelwellen face to face verkauft werden. Oder Lieferantenverträge abgeschlossen werden. Ob es die Imagebroschüre, der Kurbelwellenverkaufskatalog oder das Verkaufsgespräch an sich ist. Diese Abläufe lassen sich tiefenpsychologisch optimieren. Schließlich arbeiten überall Menschen. Welches Image möchte ich als Kurbelwellenhersteller haben und welches Image habe ich tatsächlich? Setzen wir genug Kurbelwellen ab? Natürlich können und sollen diese Probleme von Zahlenjongleuren mit beantwortet werden. Jedoch können für den langfristigen Erfolg tiefenpsychologisch ausgerichtete Wirtschaftspsychologen mit zu Rate gezogen werden. Das konnten wir dem angehenden Wirtschaftsingenieur auch klarmachen.

Ich empfand das Gespräch als spannend. Wenn man von einer Thematik Bescheid weiß, diese vertreten kann und dann auf Gegenwind stößt, macht es sogar Spaß zu debattieren. Wir konnten dem Nichtwirtschaftspsychologen verdeutlichen, dass ein Wirtschaftspsychologe tatsächlich eine Daseinsberechtigung hat und auch in vermeintlichen Zahlenwelten mit geisteswissenschaftlichen Theorien gebraucht wird. Natürlich wollte er nicht gleich den Studiengang wechseln, er konnte jedoch verstehen oder hat zumindest so getan, als wenn er unsere Sichtweise verstünde. Mit seinem Freund, also einem unserer Kommilitonen, hat er im Vorfeld schon über unseren Studiengang geredet. Es machte mir jedoch den Anschein, als wenn er am Anfang unseres Gespräches noch keine Vorstellung darüber hatte, wie genau nun der Wirtschaftspsychologe arbeitet.

Das Gespräch zeigte jedoch auch, dass man durchaus auch an Grenzen stößt, bzw. Arbeitsfelder sieht, in denen zwar gewirtschaftet wird, man aber mehrmals hinsehen muss um zu erkennen, wo nun der Wirtschaftspsychologe Hand anlegen kann. Aber das Leben wäre ja langweilig, wenn es keine Hürden gäbe, die es zu überspringen gilt.

[...]

Details

Seiten
32
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668557659
ISBN (Buch)
9783668557666
Dateigröße
671 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378634
Institution / Hochschule
BSP Business School Berlin (ehem. Potsdam)
Note
1,0
Schlagworte
Wirtschaftspsychologie Schulte Morphologie Werbewirkung

Teilen

Zurück

Titel: Persönliches Bild der Wirtschaftspsychologie und Werbewirkung