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Ethnische Minderheiten auf deutschen Nachrichten-Websites. Die Darstellung der Kölner Silvesternacht 2015/16 bei Spiegel Online, Zeit Online und Süddeutsche.de

Masterarbeit 2017 297 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ethnische Minderheiten: Eine Definition
1.2 Die Ausgangslage

2. Der Forschungsstand zur Darstellung ethnischer Minderheiten in den deutschen Medien..
2.1 Die Minderheitendarstellung in den deutschen Printmedien
2.2 Die Minderheitendarstellung im deutschen Fernsehen
2.3 Die Minderheitendarstellung in der Online-Kommunikation

3. Die Festlegung des Materials: Online-Artikel als Untersuchungsgegenstand
3.1 Die Determination des Materials und des Stichprobenumfangs
3.2 Die Stichprobenauswahl
3.3 Die Determination der Stichprobe

4. Methodik: Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
4.1 Zur Geschichte der Inhaltsanalyse
4.2 Die methodische Vorgehensweise der qualitativen Inhaltsanalyse
4.3 Das Forschungsvorhaben: Die Auswahl der Analysetechnik der zusammenfassenden Inhaltsanalyse

5. Die Darstellung ethnischer Minderheiten in deutschen Nachrichten-Webseiten: Ausfuhrung der Ergebnisse
5.1 Belastung und Bedrohung
5.2 Stigmatisierung
5.3 Fremdheit
5.4 Integration
5.5 Chance
5.6 Zusammenfassung und Reflexion der Ergebnisse

6. Fazit

VII. Anhang

V in.Quellenverzeichnis

Die Seiten ix bis lxvii im Anhang wurden aus urheberrechtlichen Grunden fur die Veroffentlichung entfernt.

1. Einleitung

Das Forschungsfeld[1] Minderheiten und Massenmedien[2] steht in Verbundenheit mit folgender Kausalitatskette, die in deutschen Studien zum Teil explizit aufgestellt und implizit angedeutet werden (vgl. Muller 2005: 84): Minderheitenangehorige werden verzerrt negativ dargestellt, was eine integrationsablehnende Haltung, sowohl bei den Deutschen als auch bei den Minder­heiten, bewirkt. Als Reaktion darauf bilden letztere separate Ethnomedien, in denen dann um- gekehrt Deutsche negativ verzerrt dargelegt werden (vgl. Muller 2005: 84).

Um einen integrationsfreundlichen Umbruch zu erreichen, setzen Vorschlage[3] zur medialen Integration bei der Minderheitendarstellung in den deutschen Medien an (vgl. Muller 2005: 84f.).

Die bisherigen Analysen fokussieren Printmedien. Audiovisuelle Medien, wie das Fernsehen, sind ungenugend erforscht und Untersuchungen im Bereich der Nachrichten-Webseiten fehlen ganzlich (vgl. Muller 2005: 111).[4]

Dabei gilt das Internet als Hauptinformationsquelle und Nachrichten-Webseiten nehmen bei der Informationsbeschaffung eine immer starker werdende Position ein: 59 Prozent der Deut­schen ab 14 Jahren haben im Jahr 2015 mindestens einmal die Woche Artikel und Berichte im Internet gelesen. Im Folgejahr 2016 waren es bereits 62 Prozent (vgl. ARD/ZDF-Onlinestudie 2016).

Die vorliegende Analyse untersucht, ob die oben skizzierte Kausalitatskette auch in den Nach­richten-Webseiten abgebildet wird. Daraus leitet sich der Anspruch fur die folgende, dieser Untersuchung zu Grunde liegende Fragestellung, ab: Wie werden ethnische Minderheiten in deutschen Nachrichten-Webseiten dargestellt?

Es lassen sich zugehorige Unterpunkte formulieren, die den Leitfaden dieser Forschungsarbeit bilden werden:

Im Fokus stehen die drei Nachrichten-Webseiten Spiegel Online, Zeit Online sowie Suddeut- sche.de, an denen die Darstellung ethnischer Minderheiten eruiert wird.

Nach einer definitorischen Ausformulierung uber ethnische Minderheiten (Kapitel 1.1) gilt es zunachst die Ausgangslage zu erlautern (Kapitel 1.2). Hierbei werden die sogenannte Flucht- lingsproblematik ab dem Jahr 2015 und die Kolner Sexualubergriffe in der Silvesternacht 2015/2016 thematisiert. Durch die Herausforderungen fur die Bundesrepublik sowie der Ge- sellschaft im Umgang mit Minderheitenangehorige, wird ein politischer Problemdruck deut- lich. Dieser begrundet die Notwendigkeit den bislang nicht erforschten Bereich der deutschen Nachrichten-Webseiten zu analysieren.

AnschlieBend wird auf den Forschungsstand bezuglich der Minderheitendarstellung in deut­schen Medien eingegangen (Kapitel 2). Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse, gegliedert in Studien zu Printmedien, dem Fernsehen und der Online-Kommunikation: Ethnische Min­derheiten werden haufig als Bedrohung durch Kriminalitat oder als Belastung fur die Gesell- schaft dargestellt.

Um im Folgenden Ruckschlusse in Bezug auf der Minderheitendarstellung in deutschen Nachrichten-Webseiten zu ziehen, wird die qualitative Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring als Methodik verwendet. Dadurch werden representative Artikel fur die vorliegende Analyse ausgewahlt. Anfangs wird das zu untersuchende Material determiniert, um zu entscheiden, was daraus interpretierbar ist (Kapitel 3). Folgende, daraus resultierende Stichprobe, wird fur die vorliegende Darstellungsuntersuchung herangezogen: 30 Online-Artikel der drei Nach­richten-Webseiten Spiegel Online, Zeit Online sowie Suddeutsche.de, die sich thematisch mit ethnischen Minderheiten oder Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Unter- suchungszeitraum vom 18.12.2015 bis zum 14.01.2016 befassen.

Weiter wird die methodische Vorgehensweise der qualitativen Inhaltsanalyse dargelegt. Um zu einem konkreten Ablaufmodell der Analyse zu gelangen, wird die Auswahl der Analyse- technik der zusammenfassenden Inhaltsanalyse beschrieben und auf das Forschungsvorhaben ubertragen (Kapitel 4).

Das Ergebnis der qualitativ-zusammenfassenden Inhaltsanalyse sind entwickelte Kategorien- systeme, verbunden mit konkreten Textpassagen. Induktiv gebildete Hauptkategorien syste- matisieren die Ergebnisdarstellung, werden im Hinblick auf die Forschungsfrage der zu Grunde liegenden Untersuchung interpretiert, abschlieBend zusammenfassend gegenubergestellt und reflektiert (Kapitel 5).

In einem Fazit werden die Ergebnisse resumiert und in dem Forschungsstand eingeordnet. Ebenfalls erfolgt ein kurzer Ausblick, in dem an diese Arbeit anschlieBende und weiterfuhren- de Themen dargelegt werden. Des Weiteren werden auf der Grundlage der Ergebnisse Vor- schlage einer medialen Integration im Bereich der Nachrichten-Webseiten dargeboten (Kapitel 6).

1.1 Ethnische Minderheiten: Eine Definition

Dem Wortsinn nach meint Minderheit „[...] eine Gruppe von Personen, deren Mitgliederzahl im Vergleich zu einer oder mehreren anderen Gruppen kleiner ist“ (Schafer, Schloder 1994: 73) und umfasst laut einer Deklaration von den Vereinten Nationen uber Minderheitenrechte aus dem Jahr 1992 „[...] ethnic, cultural, religious and linguistic identity [...]“ (United Nati­ons 2010: 2).

Der Begriff Ethnie definiert wird eine Gruppe von Menschen, denen eine kollektive Identitat mit folgenden Zuschreibungskriterien attestiert wird: „[...] Herkunftssagen, Abstammung, Geschichte, Kultur, Sprache, Religion, die Verbindung zu einem spezifischen Territorium so- wie ein Gefuhl der Solidaritat [...]“ (CIA 2017).

Aus diesen beiden einzelnen Begriffsbestimmungen lasst sich schlussfolgern: Bei ethnischen Minderheiten handelt es sich um zahlenmaBig kleine Bevolkerungsgruppen, die in ihrer kol- lektiven Identitat vielfaltig differenziert sind. Aus soziologischer Sicht deutet der Begriff der ethnischen Minderheiten „[...] darauf hin, dass zumindest Teile dieser Gruppen in einer unter- legenen, benachteiligten Situation leben“ (GeiBler 2006: 233). Oftmals bestehen dabei Her- ausforderungen im Umgang mit und der Integration zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Minderheiten (vgl. GeiBler 2006: 233).

In Deutschland lebten im Jahr 2015 91,5% Deutsche, 2,4% Menschen mit einem turkischen Migrationshintergrund und 6,1% Andere ethnische Bevolkerungsgruppen[5] (vgl. CIA 2017). Dabei werden die in Deutschland lebenden Menschen mit einem turkischen Migrationshinter­grund zum Beispiel als eine ethnische Minderheit bezeichnet, da sie im Vergleich zu den Deutschen eine zahlenmaBig kleine Ethnie abbilden.

Aber auch die Menschen, die ab dem Jahr 2015 die sogenannte Fluchtlingskrise auslosten, zahlen zu den ab diesem Zeitpunkt in Deutschland existierenden ethnischen Minderheiten: Darunter unter anderem Syrer, Iraker, Afghanen, Marokkaner, Menschen aus den Westbalkan- staaten und Eritrea (vgl. Welt.de 2016). In der Umgangssprache und in der Offentlichkeit wer­den sie oftmals als Zuwanderer, Fluchtlinge, Asylbewerber oder ahnliches bezeichnet, in der vorliegenden Analyse allerdings einfachheitshalber unter dem Begriff der (ethnischen) Min- derheiten zusammengefasst.

1.2 Die Ausgangslage

Die Anzahl der Asylantrage in Deutschland war im Jahr 2016 seit Mitte der 90er Jahre[6] [7] auf ei­nem Hochststand: Insgesamt zahlte das Bundesamt fur Migration und Fluchtlinge (BAMF) 745.545 Erst- und Folgeantrage auf Asyl. Zum Vergleich hatten im Vorjahr 2015 476.649 Menschen in Deutschland Asyl beantragt (vgl. BAMF 2017: 2ff.). Dabei lasst sich jedoch nicht sicher feststellen, wie viel Asylsuchende sich tatsachlich in Deutschland zu diesem Zeit­punkt aufhielten. Zum einen, weil oft eine langere Zeitspanne vergeht, bis ein Asylantrag ge- stellt werden kann, zum anderen, weil Fehl- oder Doppelregistrierungen in der Registrierungs- software EASY-System1 nicht ausgeschlossen werden konnen (vgl. BMI 2017).

Die beschriebenen Zahlen reprasentieren die sogenannte Fluchtlingsproblematik ab dem Jahr 2015 und die damit verbundenen Herausforderungen fur die Bundesrepublik sowie der Ge- sellschaft im Umgang mit der hohen Zuwanderung nach Deutschland. Als Ursachen fur die Flucht sind der Burgerkrieg in Syrien, der staatliche und islamistischer Terrorismus sowie feh- lende wirtschaftliche Perspektiven in den Herkunftslandern der Asylbewerber zu nennen (vgl. SZ.de 2015). Die Auseinandersetzung uber die Ausrichtung der Asyl- und Fluchtlingspolitik der Europaischen Union, die Einwanderungs- und Fluchtlingspolitik Deutschlands und das Erstarken nationalkonservativer politischer Krafte spitzte sich durch die Kolner Sexualuber- griffe in der Silvesternacht 2015/2016 zu: In der Nacht zum 01.01.2016 begangen „[...] uber- wiegend [.] mannliche Personen im Alter zwischen 15 und 35 Jahren, die dem auBeren Ein- druck nach aus dem nordafrikanischen/arabischen Raum stammten“ (Ministerium fur Inneres und Kommunales Nordrhein-Westfalen 2016: 1) eine Vielzahl von Sexual-, Raub-, und Dieb- stahldelikten. Ein Bericht des nordrhein-westfalischen Ministeriums fur Inneres und Kommu­nales schildert zeitweilig chaotische Zustande. Die Einsatzkrafte beschrieben die Tatverdach- tigen als aggressiv. So wurden zum Beispiel Feuerwerkskorper von den Tatern gezielt auf Per- sonengruppen und Einsatzkraften der Polizei gezundet (vgl. Ministerium fur Inneres und Kommunales Nordrhein-Westfalen 2016: 1).

Aufgrund dieser „[...] neue[n] Dimension organisierter Kriminalitat“ (Spiegel Online 2016), wie es Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) beschrieb, wurden Gesetzesverscharfungen zur schnelleren und unkomplizierteren Abschiebung straffalliger Asylbewerber sowie zum Se- xualstrafrecht seitens der CDU gefordert (vgl. Spiegel Online 2016). Hatten christ-demokra- tische Politiker vor den Kolner Vorfallen noch eine Obergrenze fur Fluchtlinge abgelehnt, sprachen sie sich nach den Ereignissen fur Grenzen der Aufnahmefahigkeit in Deutschland aus. Die Oppositionsparteien die Linke und die Grunen sowie Teile der SPD hatten der GroBen Koalition eine ubersturzte Reaktion auf die Vorfalle in der Kolner Silvesternacht vor- geworfen (vgl. Spiegel Online 2016). Roger Lewentz, rheinland-pfalzische SPD-Vorsitzende und Innenminister, sagte im Hinblick auf die geforderten Gesetzesverscharfungen: „Unsere aktuellen Gesetze sind in den meisten Fallen vollkommen ausreichend - sie mussen nur kon- sequent umgesetzt werden“ (Spiegel Online 2016).

2. Der Forschungsstand zur Darstellung ethnischer Minderheiten in den deutschen Medien

Die bisherigen deutschen Studien zur Darstellungsuntersuchung ethnischer Minderheiten in den Medien kontrastieren eine mehrfache Verengung des Forschungsfeldes: Es werden hauptsachlich Printmedien fur die Analysen in Betracht gezogen. Im Gegensatz dazu steht der Bereich des Fernsehens kaum im Fokus der Untersuchungen. Begrunden lasst sich das vor allem aus okonomisch-forschungspragmatischen Aspekten, da Printmedien sich - aufgrund von bereits fertigem sprachlichem Material - leichter auswerten lassen als Unterhaltungsmuster[8] (vgl. Muller 2005: 111). Die Minderheitendarstellung in den Nachrichten-Webseiten wurde bislang nicht eruiert.[9]

In den einzelnen Inhaltsbereichen sind ebenfalls Verengungen festzustellen. Fast ausschlieB- lich wird der Bereich Politik/Information analysiert. Anders als bei entsprechenden US-ameri- kanischen Analysen, werden Ressorts wie Unterhaltung, Feuilleton, Werbung oder Sport weit- gehend ausgeklammert (vgl. Muller 2005: 391). Fiktionale Medieninhalte sowie nicht-redak- tionelle Inhalte, wie beispielsweise auch der Bereich der Offentlichkeitsarbeit, werden somit nicht oder nur im geringem MaBe berucksichtigt. Beides wird vielmehr separat ergrundet und steht daher nicht im wechselseitigen Bezug zu nichtfiktionalen Inhalten (vgl. Kreutzer 2016: 30ff.). Das Forschungsfeld wird dementsprechend nur selektiv erfasst. Daraus resultiert, dass bisher auch Trendanalysen fehlen. Mogliche Veranderungen in der medialen Minderheitendar­stellung in Deutschland sind empirisch nicht belegt (vgl. Muller 2005: 391f.).

2.1 Die Minderheitendarstellung in den deutschen Printmedien

Im Jahr 1972 untersucht Manuel J. Delgado als erster das mediale Bild der ethnischen Min­derheiten in Deutschland und fokussiert sich in seiner Forschung auf die Berichterstattung von 84 nordrhein-westfalischen Tageszeitungen (einschlieBlich der Nebenausgaben) in dem Zeitraum von 1966 bis August 1969 im Hinblick auf die Darstellung der Gastarbeiter. Daruber hinaus konstituiert er eine okonomische Hypothese und geht davon aus, dass die „[...] drei wirtschaftlichen Phasen [...] Rezession (Mai 1966 bis August 1967), Stagnation (bis April 1968) und [...] Aufschwung (ab Mai 1968) [...]“ (Muller 2005: 87) die Darstellung der Gastar- beiter in den deutschen Printmedien beeinflusst hatten. Mittels inhaltsanalytischem Vorgehen kommt Delgado schlieBlich zu dem Ergebnis, dass die Presse stark verallgemeinernd und ten- denziell eher negativ uber die Lebenssituation der in Deutschland lebenden Migranten berich- tet (vgl. Muller 2005: 87f.). Diese Schlussfolgerung leitet er von folgenden vier Artikel-Kate- gorien ab: Sensation/Kriminalitat, Good-will, Sachberichte und Arbeitsmarktberichte. Delga­do entdeckt dabei zum einen, dass es eine negative Korrelation von den Artikel-Kategorien Sensation/Kriminalitat und Good-will gibt: „Je mehr vom einen eine Zeitung bot, desto weni- ger vom anderen“ (Delgado 1972: 37). Zum anderen findet er heraus, dass es bei der Gastar- beiter-Darstellung uber die drei wirtschaftlichen Phasen hinweg eine starkere negative Akzen- tuierung gibt (vgl. Muller 2005: 87f.) und die „[...] Good-will-Berichte im Zeitverlauf stark zuruck“ (Delgado 1972: 29) gehen.

Dabei wird Delgados Studie aufgrund theoretischer und methodischer Mangel kritisiert. Ul­rich Predilli (1995) beanstandet beispielsweise die fehlende Trennscharfe, Vollstandigkeit und mitunter auch Nachvollziehbarkeit der Kategorien. Kritik an der Operationalisierung gibt es vor allem von Klaus Merten (1986), dem die Einteilung der Konjunkturphasen fragwurdig er- scheint. Trotz dessen ist die Untersuchung von Delgado uber die Darstellung der Gastarbeiter in den deutschen Printmedien eine regelmaBig zitierte Leitstudie und Vorlaufer fur ahnliche okonomische Bezuge in Arbeiten, wie unter anderem auch von Predilli und Merten (vgl. Mul­ler 2005: 88).

In den 80er Jahren ruckten ethnische Minderheiten im Allgemeinen in den Mittelpunkt der In- haltsanalysen. Georg Ruhrmann und Jochem Kollmer (1987) untersuchen dahingehend die beiden Bielefelder Tageszeitungen Neue Westfalische und Westfalen-Blatt in dem Zeitraum von Januar 1981 bis Juni 1983. Die Studie bezieht auBerdem Leserbriefe aus Der Spiegel, Stern, Bunte Illustrierte und Quick mit ein. Ruhrmann und Kollmer codierten insgesamt 701 Beitrage (273 Artikel aus der Tageszeitung Neue Westfalische, 239 Artikel aus der Tageszei- tung Westfalen-Blatt, 100 Artikel aus dem Stern, 59 Artikel aus Der Spiegel, 22 Artikel aus dem Quick und 8 Artikel aus der Bunte Illustrierte) (vgl. Muller 2005: 89). Die beiden For- scher kommen zu dem Ergebnis, dass ein Drittel der in den Tageszeitungen Neue Westfalische

und Westfalen-Blatt publizierten Beitrage im uberregionalen Teil vordergrundig Kriminalitat und im Lokalteil den Status und die Identitat der Auslander thematisieren. Insgesamt werden Auslander in dem untersuchtem Sample als Belastung fur den deutschen Wohlstand darge- stellt. 55% der Zeitungsartikel und 67% der Leserbriefe verweisen auf deutsche materielle so- wie immaterielle Ressourcen, die laut der Berichterstattung von den Auslandern bedroht wer­den (vgl. Ruhrmann, Kollmer 1987: 74f.).

Die Studie von Ruhrmann und Kollmer vertritt somit den Anspruch „[...] auslanderfeindliche Alltagstheorien in Leserbriefen und journalistischen Texten nachzuweisen“ (Muller 2005: 90). Predilli kritisiert allerdings das fur die Fragestellung seiner Meinung nach zu kleine Sample und merkt an, dass Bielefelder Leserbriefe moglicherweise einen besseren Vergleich dargebo- ten hatten (vgl. Predilli 1995: 44).

Mit einem deutlich groBeren Sample untersuchte Merten die Darstellung von Minderheiten in den deutschen Printmedien. Er wertet insgesamt 2.216 Artikel aus 20 verschiedenen Tages- und Wochenzeitungen in der Zeit vom 10. Januar bis 28. August 1986 aus (vgl. Muller 2005: 91). Ein wesentlicher Unterschied zu den bisherigen Analysen besteht darin, dass Merten sich nicht nur mit der Minderheitenberichterstattung in Deutschland, sondern auch mit der Minder- heitenauslandsberichterstattung[10] befasst. Das bietet zum einen zusatzliche Vergleichsmog- lichkeiten, sorgt andererseits fur Kritik. Christiane Jager (1995) verweist hierbei auf folgende Diskrepanz: „[...] Artikel uber Auslander [werden] bei Ruhrmann und Kollmer selten als op- tisch hervorgehoben (zum Beispiel bebildert) codiert [...]“ (Jager 1995: 81). Merten bezieht sich hingegen auf die Artikelflache, Flache der Uberschriften und Haufigkeit von Abbildun- gen und kann daruber schlussfolgern, dass „Artikel uber Auslander [...] in der deutschen Pres- se uberdurchschnittlich umfangreich prasentiert“ (Merten 1986: 47) werden.

Merten kommt in seiner Untersuchung schlieBlich zu dem Ergebnis, dass uber Auslander, die als Gaste, Kunstler oder Sportler kurzfristig in die Bundesrepublik geladen werden, eher posi- tiv berichtet wird. Auslander oder Migranten hingegen, die als Arbeitnehmer und Asylbewer- ber langerfristig in Deutschland leben und arbeiten, werden eher negativ dargestellt (vgl. Ruhrmann, Demren 2000: 2f.). Vor allem in der Boulevard- und Lokalpresse werden Auslan­der in einem Bedrohungskontext eingeordnet und mit dem Begriff der Kriminalitat assoziiert. Daruber hinaus werden Turken besonders haufig als negativ bewertet (vgl. Muller 2005: 93). Erganzend zu Delgados Studie, „[...] stellt Merten fest, dass die wirtschaftliche Situation mit den Auslandereinstellungen [...] [korreliert]“ (Muller 2005: 93). Dabei werden Auslander oft negativ dargestellt, wenn in Stadten eine hohe Arbeitslosigkeit vorherrscht. Allerdings beman- gelt Jager, nach Angaben von Daniel Muller (2005), dass der Kausalzusammenhang fur die Behauptung ungenugend ist, da Bezuge zu weiteren Variablen nicht ausgeschlossen werden konnen (vgl. Muller 2005: 93).

Georgois N. Galanis eruiert 1989 die Minderheitenberichterstattung in den deutschen Publi- kumszeitschriften Der Spiegel, Stern und Quick. Ausgeschlossen werden Leserbriefe, Berich- te uber die High-Society, Artikel uber den Tourismus, Artikel mit weniger als 10 Satzen sowie Berichte uber Sinti und Roma (vgl. Muller 2005: 94). Beitrage uber „Asylsuchende und politische Extremisten“ (Galanis 1987: 97) berucksichtigt Galanis ausschlieBlich dann, „[...] wenn ein Zusammenhang mit den in der Bundesrepublik lebenden Migranten hergestellt wur- de“ (Muller 2005: 94).

Unter Berucksichtigung der beschriebenen Auslassungen, wertet Galanis insgesamt 351 Arti­kel aus: 154 Artikel vom Spiegel, 100 Artikel vom Stern, 97 Artikel vom Quick und 10% der Fotos. Das Resultat: Auslander werden „[...] als Arbeitskraft und [...] [mitunter] als Sun- denbock [...] [dargestellt], nicht aber als Menschen“ (Muller 2005: 94). Sie treten somit als bewertete Objekte auf, als handelnde Subjekte wird nicht uber sie berichtet (vgl. Ruhrmann, Demren 2000: 2f.).

1995 ergrundet Predilli aufgrund von migrationspolitischen Beschlussen in der Bundesrepu­blik den medialen Umgang mit ethnischen Minderheiten. In seiner Inhaltsanalyse erfasst er dabei verschiedene Statusgruppen, die Rollen der Auslander sowie verschiedene Nachrichten- faktoren in Bezug zu den in Deutschland lebenden Migranten. Allen voran werden laut seinen Ergebnissen als finanzielle Belastung angesehene (Status-)Gruppen eher negativ bewertet, der ethnische Hintergrund ist dabei weitgehend unerheblich. Predilli bezieht sich in seiner Unter- suchung auf Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Suddeutsche Zeitung, Frankfurter Rund­schau sowie Die Welt in dem Zeitraum vom 19. Oktober bis zum 30. Dezember 1992. In der Mitte des von ihm ausgewahlten Samples beginnt die Berichterstattung uber den rechtsradika- len Mordanschlag von drei Turkinnen in Molln. Er analysiert somit die Migrantendarstellung vor und nach einem bestimmten auftretenden Ereignis. Hierbei zeigt Predilli auf, dass nach Anschlagen oder ahnlich Vorfallen die negativen Beurteilungen nachlassen, Positive jedoch zunehmen. In der Berichterstattung wird ein kunstlicher Goodwill-Charakter nach einem be- stimmten auftretenden Ereignis erzeugt. Nach Angaben von Predilli klingt dieser nach einiger Zeit wieder ab und die Berichterstattung kehrt in alte Muster zuruck (vgl. Muller 2005: 95f.). Rainer GeiBler eruiert die Minderheiteneinstellung in den Tageszeitungen Die Frankfurter All- gemeine Zeitung und die Siegener Zeitung in der Zeit vom 27. Oktober bis zum 29. Novem­ber 1997. Analysiert werden alle Artikel mit Minderheitenbezug, unter Berucksichtigung der Ressorts Politik, Vermischtes und Leserbriefe in der Frankfurter Allgemeine Zeitung und Ver- mischtes und Lokales in der Siegener Zeitung (vgl. GeiBler 2000: 133f.). GeiBler kommt schlieBlich zu dem Ergebnis, dass Auslander haufig mit Kriminalitat in Verbindung gebracht werden und dadurch eine Bedrohung fur Deutschland darstellen. Die Bedrohung auBert sich laut der Berichterstattung auBerdem im Hinblick auf materieller Ressourcen oder Infragestel- len deutscher Werte (vgl. Muller 2005: 98).

Wird die Lokalpresse in den bisherigen Untersuchungen des Ofteren auBen vor gelassen, eru­iert Patrick Fick in seiner Studie aus dem Jahr 2006 die Minderheitendarstellung ausschlieB- lich in der lokalen Berichterstattung. Fick bezieht sich wie GeiBler auf die Lokalpresse der Siegener Zeitung und vergleicht die Minderheitendarstellung im Lokalteil von 1996 und 2006. Er findet heraus, dass die Lokalpresse einen gemaBigten, mitunter positiven medialen Umgang mit Migranten aufweist und sich der Negativismus in den zu untersuchenden Jahren abschwacht. Ethnische Minderheiten werden haufiger als integrierte Nachbarn und als wirt- schaftlich, sozial oder kulturell engagierte Burger dargestellt. Trotz dessen charakterisieren ein Drittel aller Berichte die in Deutschland lebenden Migranten als Kriminelle oder als Be­drohung fur die Mehrheitsgesellschaft (vgl. Fick 2006: 39f.).

Neben den inhaltsanalytischen Untersuchungen gibt es weitere methodische Vorgehenswei- sen, bei der Ergrundung der Minderheitendarstellung in den deutschen Printmedien:

Die phanomenologisch-qualitative Studie von Klaus F. Geiger 1985 „[...] kontrastiert, dass die auf kommerziellen Erfolg hin ausgerichteten Massenzeitungen ihre Auslanderberichtser- stattung in eine [negative] Sensationsberichterstattung einbinden“ (Muller 2005: 102f.). Hier- bei greifen die Nachrichten bereits vorhandene kulturrassistische Vorurteile auf, die sie dann fortlaufend erneuern (vgl. Geiger 1985: 310f.). Aufgrund dessen werden Auslander auf der Sprachebene als minderwertig und bedrohlich dargestellt. AuBerdem findet Geiger heraus, dass das Negativbild uber Auslander „[...] gezielt manipulativ von Politik und Burokratie in die Presse hineingetragen worden sei, um auslanderfeindliche Losungen [...] (Muller 2005: 103) zu propagieren.

Mittels Sprachanalysen eruiert Jurgen Link 1984, dass die Printmedien Auslander durch nega- tiv konnotierten Metaphern und Zuschreibungen beschreiben (zum Beispiel Flut oder Asylant). In Zusammenarbeit mit Jager publiziert Link 1993 fur das Duisburger Institut fur Sprach- und Sozialforschung (DISS) ein Sammelband, in dem Sprachinhalte von Massen- medien in Bezug zur Fremdenfeindlichkeit kontextualisiert „[...] und delegitimierende, Frem- denfeindlichkeit begunstigte Diskursinhalte [...]“ (Muller 2005: 103) nachgewiesen werden. Dabei veroffentlicht das DISS seit 1991 mehrere Studien uber die Minderheitendarstellung in deutschen Massenmedien. So auch die Diskursanalyse uber die Berichterstattung der soge- nannten Auslanderkriminalitat von den vier Autoren Margret Jager, Gabriele Cleve, Ina Ruth und Siegfried Jager aus dem Jahre 1998. Erhoben werden dabei alle Artikel in dem Zeitraum vom 01.08.1997 bis zum 31.10.1997, die uber Kriminalitat in Deutschland berichten. Folgen- de Printmedien werden fur die Analyse herangezogen: Die Frankfurter Rundschau, Die Frank­furter Allgemeine Zeitung, die Bild-Zeitung, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, die Rhei- nische Post und der Spiegel. Die Untersuchung zeigt, dass die untersuchten Medien vor dem Hintergrund des allgemeinen Diskurses zur Stigmatisierung von Auslandern beitragen, da sie die Verknupfung zwischen Auslander und Kriminalitat in ihrer Berichterstattung intensivieren (vgl. Jager, Cleve, Ruth, Jager 1998: 28f.).

Die diskursanalytischen Studien schlieBen sich dabei in groBen Teilen den Ergebnissen der In- haltsanalysen an (vgl. Kreutzer 2016: 31ff.). Es wird ein signifikanter Negativismus kontras- tiert. Die Minderheitendarstellung in den deutschen Printmedien stellen Einwanderer haufiger in negativ besetzten Zusammenhange dar. Daruber hinaus ist eine Hierarchie erkennbar, in der manche Herkunfts- und Statusgruppen besser dargestellt werden als andere (vgl. Muller 2005: 110f.).

2.2 Die Minderheitendarstellung im deutschen Fernsehen

Erst der politische Problemdruck im Hinblick auf die vermehrte Zuwanderung von Fluchtlin- gen aus Krisengebieten der europaischen und auBereuropaischen Welt nach Deutschland in den 90er Jahren fuhrt zu einer vermehrten wissenschaftlichen Auseinandersetzung der Dar- stellung ethnischer Minderheiten in den deutschen Medien und erstmals zu Analysen im Be- reich der deutschen Fernsehberichterstattung (vgl. Ruhrmann, Demren 2000: 3).

Eine der ersten Studien uber die Minderheitendarstellung in Fernsehbeitragen ist die von Hil- degard Kuhne-Scholand aus dem Jahr 1987. Hierbei werden insgesamt 460 Beitrage von ARD (inklusive WDR-Regionalfensters) und ZDF systematisch-inhaltsanalytisch untersucht: „Dar- in [...] [befinden] sich 168 Erwahnungen und 135 Beitrage zu [...]“ (Muller 2005: 108) Perso- nen(gruppen) aus Anwerbelandern, deren Herkunftslandern sowie Asylbewerbern und Flucht- lingen (vgl. Kuhne-Scholand 1987: 81). Kuhne-Scholand konstatiert, dass Auslander wie in den Darstellungsuntersuchungen in den Printmedien zum einen als Bedrohung und zum ande- ren als bewertete Objekte dargestellt werden.

Vergleichsweise gut erforscht ist die Rolle des Fernsehens im Zusammenhang mit fremden- feindlicher Gewalt. Bertram Brosius und Frank Esser 1995 kommen in ihrer Inhaltsanalyse zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Straftaten in dem Untersuchungszeitraum von August 1990 und Juli 1993 die Intensitat der Berichterstattung beeinflusst (vgl. Ruhrmann, Demren 2000: 3).

Claudia Bulut veroffentlichte im Jahr 2000 eine Studie uber Migrantinnen in Film und Fernse- hen. Die Forscherin zeigt auf, dass sich die Stereotypisierung gewandelt hat. So werden Mi­grantinnen haufiger in positiven Rollenbildern dargestellt (zum Beispiel als turkische Polizis- tinnen) (vgl. Muller 2005: 109).

Die Thematisierung von Terror in Bezug zur Migrantenberichterstattung uberwiegt seit den in den USA verubten Anschlagen am 11. September 2001 in den Hauptnachrichten der vier deut­schen Sender ARD, ZDF, RTL und SAT.1, wie die Untersuchung von Georg Ruhrmann, Deni­se Sommer und Heike Uhlemann aus dem Jahr 2003 mit insgesamt 285 Untersuchungsbeitra- gen darlegt. Zugleich zeigt sich, dass Migranten als handelnde Subjekte und nicht mehr nur als zu bewertende Objekte auftreten (Bezug zu den Ergebnissen der Studie von Ruhrmann und Kollmer 1987) (vgl. Muller 2005: 108 f.). Dabei konnen Minderheiten allerdings auch ak- tiv als Kriminelle/Terroristen in der Berichterstattung auftreten. Laut Muller musse eine Un- terscheidung zwischen aktiv positiv und aktiv negativ vorgenommen werden, die in der Studie von Ruhrmann, Sommer und Uhlemann nicht ausgefuhrt wird (vgl. Muller 2005: 108f.).

Aus den wenigen Studien zur Fernsehunterhaltung resultiert, dass neben klischeehaften und negativ besetzten Migrantenfiguren auch haufig positive Modelle des Miteinanders gezeigt werden. Wie sich in der inhaltsanalytischen Studie von Christina Ortner aus dem Jahr 2007 herausstellt, ist dies zum Beispiel in den Tatort-Krimis der Fall. Auch in den Fernsehanalysen beschrankt sich der zu untersuchende Korpus hauptsachlich auf Informationen (Migration im Kontext von Nachrichten und Magazinen). Serien, Shows und Spielfilme, wie Bulut (2000) und Ortner (2007) dies beispielsweise tun, werden nur selten bis gar nicht in die Untersuchun- gen miteinbezogen (vgl. Muller 2005: 110).

2.3 Die Minderheitendarstellung in der Online-Kommunikation

Einen erstmaligen Bezug zur Minderheitendarstellung in der Online-Kommunikation nehmen Petra Hemmelmann und Susanne Wegner im Jahr 2016. Ihre Ergebnisse veroffentlichen sie in der Zeitschrift Communicatio Socialis fur Medienethik und Kommunikation in Kirche und Gesellschaft. Die Forscher gliedern ihre Studie in zwei Teile:

Im ersten Teil wird ein Uberblick uber die Fluchtlingsberichterstattung in Print-, Fernsehen- und Online-Medien[11] aus dem Jahr 2015 geschaffen, „[...] Trends und Muster zusammenge- fasst und reflektiert“ (Hemmelmann, Wegner 2016: 22). Dabei kontrastieren Hemmelmann und Wegner folgende funf Wellen, in denen deutlich wird, welchen Fokus die deutschen Medien bei der Berichterstattung uber die Fluchtlingsthematik setzen:

1. Anfang 2015 uberwiegt die stereotype Darstellung von Fluchtlingen, die oftmals nega- tiv konnotiert ist. Positivbeispiele fehlen. Die Erzahl-Perspektiven von Fluchtlingen fokussieren meist den Satz: „Ich bin in Deutschland, weil [...]“ (vgl. Hense 2014).
2. Ehrenamtliche, die sich fur Fluchtlinge engagieren, werden in den deutschen Medien haufiger portratiert. Die Lokalpresse berichtet immer differenzierter uber die Begeg- nungen zwischen den Asylsuchenden und den Deutschen. In den Diskussionsforen im Internet stellen Nutzer immer ofter kritische Fragen, die im offentlichen Diskurs aller- dings kaum beachtet werden.
3. Faktenchecks werden eingesetzt, um die Geruchte uber Fluchtlinge zu widerlegen. Da­bei andern die meisten Medienhauser ihr Konzept: Das Hamburger Abendblatt be- schaftigt zum Beispiel Migranten als Fluchtlingsreporter (vgl. Hamburger Abendblatt 2015). Die Berichterstattung uber Fluchtlinge wird durch immer haufiger veroffent- lichten Erfolgsgeschichten positiver.
4. Nach den Ende September 2015 eingerichteten Grenzkontrollen zwischen Deutsch­land und Osterreich sowie dem Terror-Anschlag in Paris am 10. November 2015, schlagt die Berichterstattung uber die Fluchtlingsthematik in eine negative Richtung. Kriminalitat und Terror dominieren die Fluchtlingsdebatte. Die Vorfalle in Paris wer- den mit der Asylpolitik assoziiert. Es wird „[...] offentlich spekuliert [...], ob Terroris- ten in Paris syrische Fluchtlinge waren [beziehungsweise] die Situation ausnutzten, um sich als solche auszuweisen“ (Hemmelmann, Wegner 2016: 27).
5. Ende 2015 werden Fluchtlinge in Verbindung mit alten Stereotypen dargestellt. Den Hohepunkt bilden die Ereignisse in der Silvesternacht in Koln 2015/2016. Mannlichen Muslimen wird eine unkontrollierte Sexualitat unterstellt, die in den Medien als Be- drohung fur die deutsche Frau prasentiert wird. Immer haufiger werden in den deut- schen Print-, Fernsehen- und Online-Medien „[...] auf die demokratischen Werte der Bundesrepublik [...]“ (Hemmelmann, Wegner 2016: 28) verwiesen. Integration wird mit der Einhaltung des Grundgesetzes gleichgesetzt, die Bedeutung bleibt in der Be- richterstattung allerdings ungeklart (vgl. gesamter Abschnitt Hemmelmann, Wegner 2016: 23ff.).

Erganzend zum ersten Teil der Studie, wird im zweiten Teil quantitativ-inhaltsanalytisch die Kommunikation der politischen Parteien CDU, CSU, SPD, Die Linke, Bundnis 90/Die Gru- nen und AfD im sozialen Netzwerk Facebook hinsichtlich der Fluchtlingsthematik vom 15. August bis zum 31. Oktober 2015 eruiert. Die Beiden Forscher prufen einerseits formale Merkmale der Facebook-Posts (zum Beispiel das Veroffentlichungsdatum) und andererseits „[...] die Zahl darauf bezogener Likes, Kommentare und Teilungen“ (Hemmelmann, Wegner 2016: 29). Auch inhaltliche und emotionale Merkmale der Posts werden festgehalten. Insge- samt werteten Hemmelmann und Wegner 744 Posts aus - davon 25,5% von der SPD, 24,2% von der CSU, 21,8% von der AfD, 12,6% von der CDU, 11,0% von die Linke und 5,0% von den Grunen (vgl. Hemmelmann, Wegner 2016: 30). Das Ergebnis des zweiten Teils der Ana­lyse zeigt, dass vor allem die AfD und die CSU ihre ablehnende Haltung gegenuber der Fluchtlingsthematik auf Facebook verdeutlichen und ihre Popularitat dadurch gestiegen ist (vgl. Hemmelmann, Wegner 2016: 34).

Insgesamt kontrastiert sich in den bisherigen Ergebnissen ein Negativismus uber die Minder- heitendarstellung in den deutschen Medien. Minderheiten werden haufig als Bedrohung durch Kriminalitat oder als Belastung fur die Gesellschaft dargestellt. Ihre Anliegen und Probleme hingegen werden eher selten erwahnt. Eine Prasentation der aktiven Akzeptanz kommt zu kurz. Es mangelt also „[...] an einer angemessenen Berichterstattung zum Aufeinander- Angewiesensein von Mehrheit und Minderheit [...]“ (Muller 2005: 393). Ungeklart bleibt da- bei die Frage, inwiefern die Signifikanz der Negativbilder, welche vornehmlich in den Nach- richten uber Politik abgebildet werden, auch auf andere Bereiche ubertragbar ist. Zu den Ursa- chen der Negativbilder gibt es keine systematischen Analysen (vgl. Muller 2005: 393).

Die momentan, im Bereich der Online-Kommunikation, alleinige Studie von Hemmelmann und Wegner, knupft an dem zunehmenden Spannungsverhaltnis zwischen Integrations- und Desintegrationsprozessen innerhalb der Gesellschaft an, welche durch die Fluchtlingskrise ab dem Jahr 2015 hervorgerufen wurde (vgl. Ruhrmann, Nieland 2001: 114f.). Ahnlich wie zu Beginn der 90er Jahre herrscht, wie in der Ausgangslage verdeutlicht, seit dem Jahr 2015 ein aktueller Problemdruck, der eine Weiterfuhrung der wissenschaftliche Auseinandersetzung fordert. Demnach nimmt sich die vorliegende Untersuchung zum Anlass, den bislang uner- forschten Bereich der deutschen Nachrichten-Webseiten zu analysieren. Die vorliegende Ar­beit bezieht sich auf die von Hemmelmann und Wegner konstituierte funfte Welle, woraus sich, wie in der Einleitung bereits beschrieben, die zu Grunde liegenden Fragestellung legiti- miert.

3. Die Festlegung des Materials: Online-Artikel als Untersuchungsgegen- stand

Um die Darstellungsuntersuchung in deutschen Nachrichten-Webseiten durchzufuhren, muss zunachst das Ausgangsmaterial analysiert werden; demnach also die Grundgesamtheit, der Stichprobenumfang nach Reprasentativitatsuberlegungen und okonomischen Erwagungen so- wie schlieBlich die Stichprobe, die nach einem bestimmten Auswahlmodell gezogen wird.

Mit der Grundgesamtheit ist die Menge an Objekten (hier Online-Artikel der drei Nachrich­ten-Webseiten Spiegel Online, Zeit Online und Suddeutsche.de) gemeint, uber die Aussagen getroffen werden mochten. Allerdings konnen nicht alle Online-Artikel der drei Nachrichten- Webseiten berucksichtigt werden. Denn es liegen verschiedenen Parameter vor, die bedingen, nur einen Teil der Grundgesamtheit eruieren zu konnen: Zum Beispiel die wissenschaftliche Zielsetzung, der Umfang der Grundgesamtheit und/oder die zeitlichen Mittel. Somit liegt ein Abdeckungsfehler (coverage error) vor. Um diesen zu beziffern, ist es erforderlich die Grundgesamtheit einer Untersuchung zu definieren (vgl. Jandura, Leidecker 2013: 62f.).

Um also ein verkleinertes Abbild der mit der Grundgesamtheit beschriebenen Online-Artikel von Spiegel Online, Zeit Online und Suddeutsche.de zu erhalten, gibt es verschiedene Verfah- ren der Stichprobenbildung. Viele davon, und auch das fur die vorliegende Analyse an- gewandte Verfahren der geschichteten Zufallsauswahl der Stichproben, zielen darauf ab, „[...] Inferenzen von einer kleinen Zahl analysierter Objekte auf die Gesamtmenge zu ermoglichen“ (Jandura, Leidecker 2013: 66). Bei der geschichteten Stichprobenauswahl wird die Grundge­samtheit in inhaltlich relevante Merkmale (Schichten) geteilt. Jedes Element der Grundge­samtheit ist nur einem Merkmal zugehorig. Im Anschluss werden uber die einfache Zufalls­auswahl Online-Artikel aus den jeweiligen einzelnen Merkmalen ausgewahlt. Da sich die An- zahl der selektierten Elemente pro anteiligem Merkmal in der Grundgesamtheit decken, liegt eine proportionale Schichtung vor (vgl. Jandura, Leidecker 2013: 66 f.).

3.1 Die Determination des Materials und des Stichprobenumfangs

Der Untersuchungsgegenstand der zugrundeliegenden Forschungsarbeit umfasst, wie oben be- reits aufgezeigt, Online-Artikel von Spiegel Online, Zeit Online und Suddeutsche.de. Die drei Nachrichten-Webseiten produzieren ein redaktionell unabhangiges Web-Angebot; somit Bei­trage, die sich von denen in den Printausgaben des Spiegel Magazins, Die Zeit sowie der Sud- deutschen Zeitung unterscheiden (vgl. Spiegel Gruppe 2017, vgl. Zeit Verlagsgruppe 2017). Allerdings setzen sich die Beitrage von Suddeutsche.de, im Gegensatz zu den anderen beiden Nachrichten-Webseiten, nicht ausschlieBlich aus eigens hervorgebrachten Artikeln der Online- Redaktion zusammen. Auf der Internetplattform werden zusatzlich auch Texte von der Sud- deutschen Zeitung veroffentlicht (vgl. Suddeutscher Verlag 2017). Es ist dabei nicht eindeutig, welche Beitrage von der Printausgabe ubernommen werden und welcher Inhalt von der On- line-Redaktion stammt. Um alleinig Online-Artikel als Untersuchungsgegenstand fur die Ana­lyse zu gewinnen, gilt es Online-Beitrage und Beitrage aus den Printausgaben voneinander abzugrenzen. Insofern wurden die Online-Artikel von Suddeutsche.de, welche im Hinblick auf den Untersuchungszeitraum vom 18.12.2015 bis zum 14.01.2016 und aus den im Folgen- den naher beschriebenen Auswahlkriterien hervorgegangen sind, mit den Beitragen aus der Suddeutschen Zeitung abgeglichen. Die von der Printausgabe ubernommenen auf der Nach- richten-Webseite veroffentlichten Artikel konnten schlieBlich fur die zugrundeliegende Analy­se ausgeschlossen werden. Da es sich um eine Tageszeitung handelt, die montags bis samstags erscheint, wurden somit 20 Printausgaben in dem entsprechendem Zeitraum untersucht. Mit Hilfe des Abgleichs wurden insgesamt 40 Artikel gestrichen, sodass sich die gesamte Anzahl der fur die Analyse relevanten Beitrage von 321 auf 281 reduzierte.[12]

Spiegel Online, Zeit Online und Suddeutsche.de gehoren im festgelegten Untersuchungszeit- raum unter anderem zu den reichweitenstarksten deutschsprachigen Nachrichten-Webseiten. Sowohl Ende 2015 als auch Anfang 2016 wurden die drei Internetseiten mit am haufigsten aufgerufen, um sich uber Tagesmeldungen zu informieren.[13] Darunter auch uber die fur die Analyse relevanten Themen der ethnischen Minderheiten sowie die sexuellen Ubergriffe in der Silvesternacht 2015/2016 in Koln in der Mitte des Samples (vgl. Schroder 2015, vgl. Schroder 2016). Somit soll nicht nur eruiert werden, wie ethnische Minderheiten in Online- Artikeln dargestellt werden, sondern auch, wie sich eine Abbildung nach einem vermeintlich negativen Ereignis in den deutschen Nachrichten-Webseiten manifestiert.

Mit Bezug auf die Forschungsfrage fiel schlieBlich die Wahl auf Online-Artikel, die sich mit ethnischen Minderheiten oder Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland beschafti- gen oder in denen solche aktiv oder passiv auftreten (vgl. Fick 2006: 16). Dabei wurde vorab in den Online-Archiven von Spiegel Online, Zeit Online sowie Suddeutsche.de nach den Koln-Ereignissen in der Silvesternacht 2015/2016 gesucht. Diese Beitrage sind mit Stichwor- tern, wie beispielsweise Integration, Migration oder Zuwanderung deklariert. Daraus leitet sich ein Verzeichnen ab, mit welchem anschlieBend nach Online-Artikeln im festgelegten Un- tersuchungszeitraums gesucht wurde.[14]

Wie bereits im Forschungsstand verdeutlicht, ist es in den bisherigen Studien zur Darstel- lungsuntersuchung ethnischer Minderheiten in Deutschland ublich, nicht alle Ressorts fur die Analyse zu berucksichtigten. Die Ressorts Sport und Feuilleton werden zum Beispiel ausge- klammert, sodass sich der zu untersuchende Korpus hauptsachlich auf Informationen be- schrankt. Muller beschreibt in seiner Arbeit Die Darstellung ethnischer Minderheiten in deut­schen Massenmedien (2005), dass jedoch in den Ressorts Sport und Feuilleton vermutlich relativ viele Minderheiten in positiven Rollen erscheinen. Um Stichprobenverzerrungen zu entgegnen, wurden bei der Stichprobenauswahl alle Ressorts, wie beispielsweise Politik, Wirt- schaft, Wissen/Wissenschaft, aber auch Kultur, Sport und Panorama miteinbezogen.[15] Auch die lokale Berichterstattung, die in den vergangenen Darstellungsuntersuchungen oftmals ausgelassen wird, findet diesseits Beachtung und ist zum Beispiel in den Ressorts Bayern oder Munchen bei Suddeutsche.de erkennbar (vgl. Muller 2005: 110 f.).

Infolge der Komplexitat ist es nicht moglich auf alle Varianten einzugehen, sodass Einschran- kungen an folgender Stelle auffindbar sind: Es wurden unter anderem Leserbriefe, Kommen- tare, Interviews, Kolumnen, Essays, Reports, Glossen sowie Protokolle ausgelassen, um aus- schlieBlich die Objektivitat im Nachrichtenwert zu analysieren. Des Weiteren wurden in der Analyse auf Werbungen, Videos und Bilder in den jeweiligen Online-Artikeln verzichtet, um die Untersuchung auf die textbasierte Darstellung ethnischer Minderheiten zu beschranken. SchlieBlich wurden auch Online-Artikel, die weniger als zehn Satze umfassen, ausgeschlos- sen. Aufgrund des hohen Stichprobenumfangs sind Kurzmeldungen fur die Analyse nicht gewinnbringend, da dort die Thematik beschrankt dargestellt wird.

3.2 Die Stichprobenauswahl

Unter den Auswahlkriterien fielen insgesamt 628 Online-Artikel: Bei Spiegel Online sind es 244 Online-Artikel, Zeit Online verzeichnet insgesamt 103 Online-Artikel und bei Suddeut- sche.de sind es 281 Online-Artikel. In Abbildung 1 wird deutlich, dass Suddeutsche.de die meisten Online-Artikel uber ethnische Minderheiten in dem festgelegten Untersuchungszeit- raum veroffentlichte. Zeit Online berichtete im Vergleich am wenigsten uber diese Thematik.

Abbildung 1: Anzahl der Online-Artikel über ethnische Minderheite n vom 18.12.2015 bis zum 14.01.2016

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Im Einzelnen sind es bei Spiegel Online im Zeitraum vom 18.12.2015 bis zum 31.12.2015 88 Online-Artikel und vom 01.01.2016 bis zum 14.01.2016 156 Online-Artikel. Zeit Online

kommt auf 37 Online-Artikel vom 18.12.2015 bis zum 31.12.2015 und 66 Online-Artikel im Zeitraum vom 01.01.2016 bis zum 14.01.2016. Suddeutsche.de verzeichnet vom 18.12.2015 bis zum 31.12.2015 125 Online-Artikel, vom 01.01.2016 bis zum 14.01.2016 156 Online- Artikel. Abbildung 2 zeigt, dass die Anzahl an Online-Artikeln uber ethnische Minderheiten Ende 2015 niedriger ist als Anfang 2016 und die Berichterstattung uber ethnische Minderhei­ten im Hinblick auf die Koln-Ereignisse in der Silvesternacht 2015/2016 signifikant zunimmt.

Abbildung 2: Anzahl der Online-Artikel über ethnische Minderheiten vom 18.12.2015 bis zum 14.01.2016

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Alle Online-Artikel wurden auf relevant erachtete Fakten und Informationen des Beitragsin- haltes zusammengefasst. In den Zusammenfassungen wird eine inhaltlich thematische Rich- tung deutlich. Anhand dessen und mittels der Ausgangslage lassen sich funf Merkmale herlei- ten, durch derer im Weiteren eine geschichtete Stichprobenauswahl erfolgt:

1. Meldungen aktueller Fluchtlingszahlen Ende 2015 (Fluchtlingsrekord)
2. Umgang mit Fluchtlingsrekord von Bund und Lander
3. MaBnahmen im Umgang mit Fluchtlingsrekord
4. Vorfalle von Koln in der Silvesternacht 2015/2016
5. MaBnahmen in der Fluchtlings- und Asylpolitik nach Kolner Ereignis

Somit kann jedes Element der Stichprobe auf der Basis dieses Rasters, welches den chronolo- gisch-historischen Verlauf der Forschungsthematik reflektiert, gezogen werden. Die Zu-
sammenfassungen bilden zusatzlich ein sogenanntes Register, welches ermoglicht, alle Stich- proben chancengleich auszuwahlen (vgl. Merten 1983: 290). Die Zusammenfassungen wur- den mit einem Textverarbeitungsprogramms ausgearbeitet, in welchem ein Suchsystem integ- riert ist. Die Auswahl in dem Suchsystem erfolgt durch eine Schlagwortsuche. Die Worter werden aus dem Inhalt der Merkmale geschlossen und geben wieder, mit welchem Attribut es in Verbindung gebracht werden kann:

- Merkmal 1, Schlagwort: Fluchtlingszahlen
- Merkmal 2, Schlagwort: Umgang
- Merkmal 3, Schlagwort: MaBnahmen
- Merkmal 4, Schlagwort: Koln
- Merkmal 5, Schlagwort: Strafe

Mit der Suche nach den jeweiligen Schlagwortern in den Zusammenfassungen, werden schlieBlich der erste und der funfte Artikel bestimmt, um auch an diesem Punkt eine zufallige Stichprobenauswahl zu generieren.[16] Pro Schlagwort/Merkmal werden zwei Artikel bestimmt; jeweils zehn Online-Artikel pro Nachrichten-Webseite und insgesamt 30 Online-Artikel, die in die Untersuchung eingehen.[17]

3.3 Die Determination der Stichprobe

Die 30 ausgewahlten Online-Artikel der drei Nachrichten-Webseiten Spiegel Online, Zeit On­line sowie Suddeutsche.de befassen sich thematisch mit ethnischen Minderheiten oder Perso- nen mit einem Migrationshintergrund in Deutschland. Dabei steht die Objektivitat des Nach- richtenwertes im Vordergrund. Alle Beitrage enthalten Informations- und Faktenlagen zu der fur die Analyse relevanten Thematik. Die Stichprobe liegt schriftlich in Form von Online- Artikeln, in einem bereits fertigem sprachlichen Material, vor. Daruber hinaus wird die The- matik in der Stichprobe detailliert. dargelegt, da die zu untersuchenden Beitrage im Schnitt 58 Zeilen umfassen. Die genaue Aufschlusselung der Artikellangen pro Nachrichten-Webseite verzeichnet sich folgendermaBen: Die Spiegel Online Artikel enthalten im Schnitt 60 Zeilen. Die Artikellange ist bei den Spiegel Online Artikeln Krise der EU vom 25.12.2015[18] und Ubergriffe in Koln an Silvester vom 05.01.2016[19] mit jeweils 110 und 103 Zeilen am langsten. Die Online-Artikel von Zeit Online umfassen im Schnitt 61 Zeilen. Der langste Artikel - auch insgesamt - ist mit 140 Zeilen der Zeit Online Artikel Was geschah in Koln? vom 05.01.2016.[20] Die durchschnittliche Artikellange bei Suddeutsche.de betragt 53 Zeilen, wobei hier der Online-Artikel Tatverdachtige in Koln vom 12.01.2016[21] mit 106 Zeilen am langsten ist. Die Abbildung 3 veranschaulicht, dass die Zeit Online Artikel im Schnitt am langsten sind, bei Suddeutsche.de hingegen im Schnitt am kurzesten.[22]

Abbildung 3: Artikellänge der Online-Artikel über ethnische Minderheiten vom 18.12.2015 bis zum 14.01.2016

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung

Zwar wurden bei der Stichprobenauswahl alle Ressorts miteinbezogen, dennoch stammen die meisten zu untersuchenden Online-Artikel der jeweiligen drei Nachrichten-Webseiten aus dem Ressort Politik. Beitrage zu den sexuellen Ubergriffen in der Silvesternacht in Koln 2015/2016 lassen sich bei Spiegel Online sowie Suddeutsche.de hauptsachlich in dem Ressort

Panorama und bei Zeit Online vornehmlich in dem Ressort Gesellschaft wiederfinden.[23] An- hand der Artikelauswahl wird auBerdem deutlich, dass regionale sowie uberregionale Themen vorzufinden sind. Ein regionaler Beitrag lasst sich bei Suddeutsche.de (Erding, Zwischen Freude undSchrecken vom 30.12.2015)[24] unter dem Ressort Munchen, zweites Kriterium, fin- den. Zu den regionalen Beitragen zahlen in gewisser Weise auch die Meldungen zu den Kol- ner-Ereignissen in der Silvesternacht 2015/2016, weil sich die Beitrage zum einen auf die Kolner Region beziehen, zum anderen aber auch Bezug zur gesamten Situation in Deutsch­land nehmen. Uberregionale Online-Artikel sind in allen drei Nachrichten-Webseiten vorhan- den, wie beispielsweise bei Suddeutsche.de unter dem ersten Kriterium Ab Neujahr offenbar wieder Einzelfallprufungen fur alle Fluchtlinge vom 31.12.2015[25], bei Spiegel Online unter dem dritten Kriterium Krise der EU vom 25.12.2015[26] oder bei Zeit Online unter dem vierten Kriterium ,,Frau Merkel hat den Kontinent ins Chaos gesturzt“ vom 06.01.2016[27].

Mit Blick auf das Erscheinungsdatum der jeweiligen Online-Artikel, lasst sich ein chronolo- gisch-historischer Verlauf nur bedingt feststellen. Erkennbar zum Beispiel bei Spiegel Online: Unter dem Kriterium zwei Unbegleitete minderjahrige Fluchtlinge vom 22.12.2015 und Sternsinger-Empfang vom 05.01.2016[28] sowie darauffolgend unter dem Kriterium drei Krise der EU vom 25.12.2015[29] und Interner Polizeibericht zu Kolner Silvesternacht vom 07.01.2016[30], werden Sprunge im zeitlichen Verlauf deutlich. Werden hingegen die Titeluber- schriften der ausgewahlten Beitrage von Spiegel Online (um weiterhin das Beispiel zu ver- wenden) betrachtet, kennzeichnen diese den erwarteten Ablauf und reflektieren die Merkmale der zuvor bestimmten Kriterien der Stichprobenziehung.

Aufgrund dessen ahneln sich die Beitrage aus den jeweiligen drei Nachrichten-Webseiten (vorzufinden vor allem in den Kriterien eins, vier und funf). Es entsteht daher die Moglichkeit Spiegel Online, Zeit Online sowie Suddeutsche.de in ihrer Darstellung uber ethnische Minder- heiten miteinander zu vergleichen.

Insgesamt wird das Sample eher klein gehalten, um die Komplexitat zu bewaltigen. Laut Mul­ler musste es forschungslogisch jedoch umgekehrt sein (vgl. Muller 2005: 110f.). Die Einschrankungen konnten dementsprechend als selektives Vorgehen bemangelt werden, viel- mehr zeigt sich aber, dass der Forschungsbedarf der Darstellungsuntersuchung ethnischer Minderheiten in Bezug zu elektronischen Medien vielfaltig ist und die vorliegende Arbeit le- diglich einen Schritt in diese Richtung einschlagt.

4. Methodik: Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

Durch die Determination der Stichprobe wird offenkundig: Bei den ausgewahlten 30 Online- Artikeln der Nachrichten-Webseiten Spiegel Online, Zeit Online und Suddeutsche.de handelt es sich nicht nur um eine schriftlich fixierte Kommunikation, sondern auch um eine groBe Materialmenge. Beide Faktoren bedingen den grundlegenden Ansatz der qualitativen Inhalts­analyse nach Mayring. Mittels dessen sollen schlieBlich Ruckschlusse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation, in diesem Fall die Darstellungsuntersuchung ethnischer Minderheiten, gezogen werden (vgl. Steigleder 2007: 22). Dafur ist vor allem die inhaltliche Ebene des Ma­terials von Interesse, weshalb in dem vorliegendem Kapitel neben der allgemeinen methodi- schen Vorgehensweise die Analysetechnik der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach May­ring dargelegt wird (vgl. Mayring 2005: 472). Mittels „[...] Auslassungen, Generalisierungen, Konstruktionen, Integration, Selektionen und Bundelungen [...]“ (Lamnek 1989: 204) wird die inhaltliche Ebene des Materials paraphrasiert. Es wird folglich ein uberschaubarer Korpus ge- schaffen, der schlieBlich abbildet, wie ethnische Minderheiten in deutschen Nachrichten-Web­seiten dargestellt werden (vgl. Lamnek 1989: 204). Die Paraphrasen werden daraufhin durch die induktive Kategorienbildung subsumiert. Insofern werden die Kategorien direkt aus dem Material abgeleitet, ohne sich auf vorab verwendete Theoriekonzepte zu beziehen. Dadurch bleibt der inhaltliche Kern des Materials und somit auch der wesentliche Aspekt der Minder- heitendarstellung unverandert (vgl. Mayring 2005: 472). Die Kategorien werden letztlich zur Kennzeichnung und Beschreibung der Falle herangezogen (vgl. Lamnek 1989: 204). So wird zum Schluss dieses Kapitels ein Uberblick uber das methodische Forschungsvorgehen der vorliegenden Untersuchung geschaffen, um zu verdeutlichen, wie die jeweiligen Online-Arti- kel ausgewertet wurden. Im nachsten Schritt dieser Forschungsarbeit wird dargelegt, mit wel- chen Kategorien ethnische Minderheiten in Verbindung gebracht werden.

4.1 Zur Geschichte der Inhaltsanalyse

Um den Grundgedanken und die methodische Vorgehensweise zu erfassen, gilt es zunachst den geschichtlichen Verlauf der Methodik zu erlautern. Hierbei offenbart sich eine Entwick- lung von den qualitativen und quantitativen Vorzeichen, uber die Fundierung der modernen Methodik sowie der interdisziplinaren Erweiterung und Differenzierung bis hin zur qualitati­ven Wende. Ein Abriss dieser wesentlichen Entwicklungsschritte lasst sich wie folgt systema- tisieren:

Die Vorzeichen der qualitativen Inhaltsanalyse: „Uberall dort, wo in hermeneutischen Analy- sen eine [...] [RegelmaBigkeit] zugrunde gelegt wurde, [...]“ (Mayring 1994: 160) sind qualita- tiv-inhaltsanalytische Vorzeichen erkennbar. Zu nennen sind unter anderem die „[...] verglei- chend-komparativen und hineinversetzenddivinatorischen Methoden der Interpretation [...]“ (Mayring 1994: 160) von Friedrich Schleiermacher zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die Ent- wicklung der Graphologie[31], als wissenschaftliches Instrument der Personlichkeitsdiagnostik von Laura Meyer Ende des 19. Jahrhunderts sowie die zur gleichen Zeit entwickelte Traum- analyse von Sigmund Freud (vgl. Merten 1983: 34).

Die Vorzeichen der quantitativen Inhaltsanalyse: Bereits im siebten Jahrhundert nach Christus wurden Worthaufigkeitsanalysen des Alten Testaments in Palastina durchgefuhrt, im 18. Jahr­hundert verglichen schwedische Forscher die Rechtglaubigkeit mittels „[...] religioser Schlus- selbegriffe in lutherischen und pietistischen Texten [...]“ (Mayring 1994: 160) und in der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts kamen vergleichende Zeitungsanalysen fur die Vermes- sung der Artikelflachen nach bestimmten Themen hinzu. Im Hinblick dessen empfahl Max Weber 1910 auf dem Deutschen Soziologentag, „[...] den Inhalt von Zeitungen mit Schere undKompass zu durchforsten, um quantitativ fassbare Veranderungen der publizierten Inhalte im geschichtlichen Ablauf ermitteln zu konnen“ (Rosenthal 2011: 214).

Die Fundierung der modernen Methodik: Mit der zunehmenden massenmedialen Kommuni- kation, hervorgerufen durch Zeitung und Radio, wurde in der ersten Halfte des 20. Jahr- hunderts eine Vorgehensweise zur systematischen Auswertung groBer Textdatenmengen ent- wickelt. So wurden in den USA wahrend des ersten Weltkrieges erste empirische Untersu- chungen anhand von Zeitungsmaterialien im Forschungsbereich der Propaganda durchgefuhrt. Und auch wahrend des zweiten Weltkrieges konnten mittels der Inhaltsanalyse Prognosen uber den weiteren Verlauf des Krieges abgeleitet werden, indem etwa Ernst Kris und Hans Speier 1944 die nationalsozialistische Propaganda im deutschen Rundfunk analysierten (vgl. Rosenthal 2011: 215). Hierbei wurden Grundlagen einer quantitativ orientierten Inhaltsanaly- se in Form von Analyseeinheiten, Kategoriensysteme und Interkoderreliabilitat konzipiert. Im Jahr 1952 publizierte Bernard Berelson schlieBlich das erste Lehrbuch der quantitativ orien­tierten Inhaltsanalyse (vgl. Mayring 1994: 160f.)

Die Interdisziplinare Erweiterung undDifferenzierung: In den 50er und 60er Jahren des letz- ten Jahrhunderts wurde die Inhaltsanalyse entscheidend ausgeweitet: Es wurde ein „[...] um- fassendes Kommunikationsmodell zugrunde gelegt, um zu prazisieren, was Gegenstand und Ziel der Analyse ist“ (Mayring 1994: 161), non-verbale Inhalte wurden mit einbezogen, die Techniken der Kontingenzanalysen und Bewertungsanalysen wurden verfeinert. „In dieser elaborierten Form fand die Inhaltsanalyse [...] [eine] breite internationale Aufnahme [...]“ (Mayring 1994: 161) und wurde haufig als Instrument empirischer Kommunikationsforschung verwendet. Dadurch etablierte sich eine stagnierende vorwiegend quantitative Orientierung (vgl. Mayring 1994: 161).

Die qualitative Wende: Die oben aufgefuhrte quantitative Einseitigkeit stand im 20. Jahr- hundert unter Kritik. Siedfried Kracauer (1952) und Jurgen Ritsert (1972) bemangelten die Vernachlassigung einer ganzheitlichen Interpretation der Kommunikation (vgl. Mayring 1994: 161). Dadurch verstarkten sich die Forderungen nach einer „[...] Begrundung quantitativer Analyseschritte und Erganzung des Verfahrens um qualitative Analyseschritte“ (Mayring 1994: 161). So entwickelte Ritsert 1972 beispielsweise ein inhaltsanalytisches Ablaufschema, „[...] in dem die theoretische Fundierung der Kategorien eine entscheidende Stellung [...]“ (Mayring 1994: 161) einnimmt. Ingunde Fuhlau pladierte 1982 fur eine starkere linguistische Fundierung und Peter Vorderer sowie Norbert Groeben sprachen sich 1987 dafur aus, latente Textgehalte intersubjektiv (auch quantitativ) fassbar zu machen. Diese Bestrebungen kenn- zeichnen die Uberwindung einer Dichotomisierung der quantitativen und qualitativen Inhalts- analyse und daruber hinaus die Suche nach Erweiterungs- und Integrationsmoglichkeiten (vgl. Mayring 1994: 161).

4.2 Die methodische Vorgehensweise der qualitativen Inhaltsanalyse

Auch bei Mayring ist unmittelbar, dass „[q]ualitatives und quantitatives Denken [...] in der Regel in jedem Forschungs- und Erkenntnisprozess enthalten“ (Mayring 2002: 19) sind. Mit der qualitativen Inhaltsanalyse zielt er dennoch darauf ab, dass qualitative Denken zu starken (vgl. Mayring 2002: 9). Nach eigenen Angaben geht es ihm dabei nicht darum, eine Alternati­ve der quantitativen Inhaltsanalyse zu schaffen, sondern viel mehr um die Entwicklung einer „[...] Methodik systematischer Interpretation [...], die an den in jeder Inhaltsanalyse notwen- dig enthaltenen qualitativen Bestandteilen ansetzt, die durch Analyseschritte und Analyse- regeln systematisiert und uberprufbar [wird]“ (Mayring 2000: 42). Hierbei will er den „[...] Standards der quantitativen Sozialforschung gerecht werden [.] [aber auch] Vorteile des qua­litativen Vorgehens in eingeschrankter Form [...] nutzen“ (Rosenthal 2011: 214). Dadurch las­sen sich fur die von Mayring ausgearbeitete Methodik folgende Starken darlegen:

- Die Inhaltsanalyse ist transparent und nachvollziehbar, da die Systematik in der Regel nach einem im Voraus festgelegten Ablaufschema erfolgt.
- Das in der Regel im Zentrum stehende Kategoriensystem wird in Ruckkopplungs- schleifen uberarbeitet und flexibel an das Material angepasst.
- Die Gutekriterien lassen sich durch das regelgeleitete Vorgehen besser anwenden.
- GroBere Materialmengen konnen bearbeitet werden.
- Quantitative Schritte lassen sich leicht in die Analyse einbauen (vgl. gesamter Ab- schnitt Mayring 2005: 474).

Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ist allerdings nur einschrankend anwendbar, wenn entweder die Fragestellung offen, das Vorhaben explorativ oder eine induktive Katego- rienbildung theoretisch nicht begrundbar ist (vgl. Mayring 2005: 474). In diesen Fallen waren offenere methodische Verfahren geeigneter. Allerdings sollte das Kriterium fur eine empiri- sche Studie „[...] nicht die methodische Machbarkeit, sondern die Angemessenheit der Me- thode fur das Material und die Fragestellung [...]“ sein (Mayring 2005: 474).

Die Abgrenzung der anderen Definitionen der Methodik stellt Mayring anhand von funf Punkten in seiner Ausfuhrung einer qualitativen Inhaltsanalyse dar (vgl. Mayring 2005: 471):

1. Gegenstand der qualitativen Inhaltsanalyse ist eine fixierte (protokollierte) Kommuni- kation.
2. Die Analyse unterliegt einer systematischen Vorgehensweise, um freie Interpretationen zu vermeiden.
3. Die Analyse ist regelgeleitet, um verstandlich, nachvollziehbar und uberprufbar zu sein.
4. Daruber hinaus wird der Text unter einer bestimmten Fragestellung theoriegeleitet und schrittweise analysiert.
5. Die Inhaltsanalyse ist Teil eines Kommunikationsprozesses, welcher Ruckschlusse auf bestimmte Aspekte der Kommunikation (Sender und Empfanger) wiedergibt (vgl. ge- samter Abschnitt Mayring 2005: 471).

Mayring fuhrt in seinem allgemeinen Grundmodell[32] zur qualitativen Inhaltsanalyse elf Schrit- te auf, die ein stringent vorgegebenes Auswertungsverfahren in der empirischen Sozialfor- schung bilden. Dieser Untersuchungsprozess gliedert das Material dabei in Einheiten, um die- se nachvollziehbar und intersubjektiv uberprufbar zu machen (vgl. Steigleder 2007: 23).

Im ersten Schritt muss zunachst eindeutig geklart und erlautert werden, welches Material der Analyse zugrunde liegt. Neben der Bestimmung und der detaillierten Beschreibung des Aus- gangsmaterials, gilt es zu erlautern, wie sich die Grundgesamtheit definiert, wie groB der Stichprobenumfang ist und mit welchem Modell die Stichprobenziehung durchgefuhrt wird. Schritt zwei bezieht sich dann auf die Analyse der Entstehungssituation. Hier soll die Frage geklart werden, von wem das Material unter welchen Bedingungen produziert wurde. Der dritte Schritt umfasst die formalen Charakteristika des Materials, bei dem angegeben wird, in welcher Form das zu analysierende Datenmaterial vorliegt. AnschlieBend soll, im vierten Schritt, die Richtung der Analyse transparent werden - demnach welches Ziel oder welcher Zweck vorliegt (vgl. Steigleder 2007: 23). Schritt funf nimmt Bezug auf die theoretische Dif- ferenzierung der Fragestellung. Die maBgebliche Verfahrensweise innerhalb der qualitativen Inhaltsanalyse sieht vor, dass die zentrale Forschungsfrage im Hinblick auf das empirische Material auf der Basis theoretischer Voruberlegungen[33] spezifiziert wird. Nach diesen funf Analyseschritten wird nun mit dem sechsten Schritt die Analysetechnik bestimmt, die zu ei- nem konkreten Ablaufmodell fuhrt (vgl. Steigleder 2007: 25): Zusammenfassung (Reduzie- rung des Materials, sodass die wesentlichen Inhalte erhalten bleiben, Schaffen eines durch Abstraktion uberschaubaren Corpus, der immer noch Abbildung des Grundmaterials ist), Ex- plikation (herantragen von zusatzlichen Materials an einzelne fragliche Textteile, um das Ver- standnis zu erweitern, „[...] das die Textstelle erlautert, erklart, ausdeutet“ (Mayring 2002: 58)) und Strukturierung (herausfiltern bestimmter Aspekte aus dem Material unter vorher fest- gelegten Ordnungskriterien, ein Querschnitt durch das Material zu legen oder das Material mittels bestimmter Kriterien zu bewerten). In Schritt sieben werden daraufhin die Analyse- einheiten definiert: Kodiereinheit (Bestimmung des kleinsten Materialbestandteils, der aus- gewertet wird sowie die Bestimmung des minimalen Textteils, der unter einer Kategorie fallen kann), Kontexteinheit (Festlegung des groBten Textbestandteils, der unter einer Kategorie fal­len kann) und Auswertungseinheit (Bestimmung, welche Textteile jeweils nacheinander aus- gewertet werden). Ab dem achten Schritt beginnt die Durchfuhrung der Materialanalyse mit­tels des zuvor festgelegten Kategoriensystems. Schritt neun sieht dann eine Ruckuberprufung des Kategoriensystems an Theorie und Material vor. Im zehnten Schritt werden die Ergebnis- se in Richtung der Hauptfragestellung interpretiert, sodass abschlieBend in Schritt elf die in- haltsanalytischen Gutekriterien ihre Anwendung finden (vgl. Steigleder 2007: 25).

4.3 Das Forschungsvorhaben: Die Auswahl der Analysetechnik der zusammenfassenden Inhaltsanalyse

Das allgemeine Grundmodell der qualitativen Inhaltsanalyse soll im Folgenden auf die zu Grunde liegende Untersuchung angewendet werden. Die von Mayring aufgestellten ersten funf Schritte sind aquivalent zu dem zweiten Kapitel der vorliegenden Arbeit. Nachdem dort detailliert beschrieben wurde, welches Material, in welcher Form und mit welchem Untersu- chungsziel analysiert werden soll, erfolgt nun die Auswahl der Analysetechnik. Da in der hier vorliegenden Darstellungsuntersuchung ethnischer Minderheiten in deutschen Nachrichten- Webseiten vor allem die inhaltliche Ebene des Materials von Interesse ist, eignet sich die Ana- lysetechnik der zusammenfassenden Inhaltsanalyse, die zu folgendem konkretem Ablaufmo- dell des Forschungsvorhabens fuhrt:[34]

Festlegung der Analyseeinheiten: Zunachst gilt es die Kodiereinheit, die Kontexteinheit sowie die Auswertungseinheit festzulegen. Als Kodiereinheit wird fur die vorliegende Untersuchung mindestens ein Satz als kleinster Materialbestandteil/kleinster Teil des Textes, der unter einer Kategorie fallen kann, angesetzt. Der groBte Textbestandteil, die Kontexteinheit, bezieht sich auf inhaltsgleiche Abschnitte der jeweiligen Online-Artikel. Die Reihenfolge der zu analysier- enden Online-Artikel erfolgt nach der geschichteten Stichprobenauswahl. Demnach bezieht sich die Auswertungseinheit auf die Tabelle im Anhang auf Seite iif. der vorliegenden Arbeit (vgl. Mayring 1990: 49).

Paraphrasierung (Zl-Regeln): Es werden einzelne Kodiereinheiten in eine knappe, nur auf den Inhalt beschrankte, beschreibende Form umgeschrieben (Paraphrasierung). Nicht inhaltstragende Textbestandteile werden fallen gelassen. Die Paraphrase wird auf einer einheitlichen Sprachebene in grammatikalischer Kurzform formuliert (vgl. Mayring 1990: 57). Zur Verdeutlichung der methodischen Vorgehensweise wird der Spiegel Online Artikel Kosten fur Fluchtlinge[35] vom 19.12.2015, Zeile eins bis acht, Nummer eins, als Beispiel herangezogen. Die gebildete Paraphrase lautet hierbei CSU-Chef Seehofer bringt Verlangerung des Solidaritatszuschlags aufgrund hoher Fluchtlingskosten ins Gesprach.

Festlegung des Abstraktionsniveaus und Generalisieren der Paraphrasen unter diesem (Z2- Regeln): Das Abstraktionsniveau der ersten Reduktion wird aufgrund des vorliegenden Mate­rials bestimmt. Alle Paraphrasen, die unter dem Niveau liegen, werden verallgemeinert (Ge- neralisierung). Die Paraphrasen, die uber dem Abstraktionsniveau liegen, werden belassen (vgl. Mayring 1990: 57). Die Paraphrase im Beispiel wird zur Generalisierung Verlangerung des Solidaritatszuschlags aufgrund hoher Fluchtlingskosten transformiert.

Erste Reduktion (Z3-Regeln): Durch die Generalisierung entstehen einige inhaltsgleiche Para­phrasen, die, ebenso wie unwichtige/nichtssagende Paraphrasen, weggelassen werden (vgl. Mayring 1990: 57). Da die als Beispiel angegebene Paraphrase nicht inhaltsgleich mit anderen Paraphrasen in der Analyse des Artikels ist und auch nicht als unwichtig erachtet wird, wird sie belassen.

[...]


[1] Sofern in dieser Ausarbeitung nur das generische Maskulinum eines Wortes verwendet wird, dient dies nur dem Lesefluss. Selbstverstandlich ist auch immer die feminine Form berucksichtigt.

[2] Mit dem Begriff Massenmedien sind „[...] Presse, Horfunk, Fernsehen und Internet [...]“ (Art. 5 Grundgesetz (GG)) gemeint. Die vorliegende Analyse bezieht sich dabei in Prazisierung und Einschrankung der Semantik auf Massenmedien, die auf Deutsche in Deutschland ausgerichtet sind. Ausgeschlossen werden Massenmedien, die Personen mit Migrationshintergrund betreffen (zum Beispiel deutsche Auslandsmedien oder Ethnomedien) (vgl. Muller 2005: 83).

[3] Die Vorschlage der medialen Integration beziehen sich entweder direkt auf die Beeinflussung der Inhalte oder indirekt auf die Forderung des Zugangs von Minderheiten zur Medienproduktion (vgl. Muller 2005: 84f.).

[4] Siehe Forschungsstand (Kapitel 2) Seite 6ff.

[5] Darunter zahlen Griechen, Italiener, Polen, Russen, Serben und Spanier (vgl. CIA 2017).

[6] Im Jahr 1991 uberschritt die Zahl der Asylbewerber in Deutschland erstmals die 200.000 Linie. Wehrte sich die deutsche Politik zu Beginn der 90er Jahre noch davor ein Zuwanderungsland zu sein, begann mit dem Regie- rungswechsel 1998 (von einer schwarz-gelben zu einer rot-grunen Koalition) eine sogenannte Akzeptanzsphase. Aus dieser gingen politische MaBnahmen, wie zum Beispiel das im Jahr 2004 verabschiedete Zuwanderungsge- setz, hervor (vgl. GeiBler 2005: 20f.).

[7] Mit der IT-Software EASY-System erfolgt die zahlenmaBige Erstverteilung von Asylsuchenden auf die Bundeslander in Deutschland unter Anwendung des Konigsteiner Schlussels. Dieser gewahrleistet die quoten- gerechte Verteilung auf die Bundeslander und wird jahrlich von der Geschaftsstelle der Bund-Lander-Kommissi- on berechnet. Grundlage der Berechnung sind zum einen das Steueraufkommen und zum anderen die Bevolke- rungszahl des Vorvorjahres der einzelnen Bundeslander (vgl. bamf.de 2017). Niedersachsen war beispielsweise im Jahr 2015 dazu verpflichtet 9,35696% und im Jahr 2016 9,33138% Asylsuchende aufzunehmen (vgl. fluecht- linge.niedersachsen.de 2017).

[8] Die in diesem Kapitel kontrastierte Abfolge der beschriebenen Studien zum Forschungsstand verlauft chrono- logisch, um somit den diachronischen Verlauf der Forschung zu rekonstruieren. Da in dem Forschungsfeld bislang wenige Bereiche untersucht wurden (hauptsachlich Print- und Fernsehmedien) und es nur wenige aktuelle Studien gibt, werden in diesem Kapitel auch zentrale altere Studien aufgezeigt.

[9] Untersuchungen zur Minderheitendarstellung im Bereich des Horfunks fehlen bislang ebenfalls.

[10] Die Berichterstattung uber Minderheiten im Inland (Deutschland) und Minderheiten im Ausland (Herkunftsland) lasst sich in vielen Fallen nicht eindeutig trennen (vgl. Muller 2005: 91).

[11] Auf welche Online-Medien sich Hemmelmann und Wegner beziehen, wird in ihrer Ausfuhrung nicht ersichtlich.

[12] Auf die Anzahl der Beitrage der jeweiligen Nachrichten-Webseiten wird im Weiteren genauer eingegangen.

[13] Die Angaben uber die Reichweitenstarke stammen von der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbetragern (IVW). Im Bereich der Online-Medien stellt die IVW die Gesamtzahl der Seitena- brufe und der einzelnen zusammenhangenden Nutzungsvorgange von Web-Angeboten fest (vgl. IVW).

In einem von der IVW aufgestellten Top-50-Ranking der am haufigsten aufgerufenen Nachrichten-Webseiten in Deutschland Ende 2015 sowie Anfang 2016 ist Spiegel Online auf Platz zwei, Zeit Online auf Platz sechs und

Suddeutsche.de auf Platz sieben (vgl. Schroder 2015, vgl. Schroder 2016).

[14] Der Stichwortkatalog umfasst insgesamt die Worter Fluchtling, Deutschland, Migration, (ethnische) Minder- heit, Integration und Asyl/Asylanten/Asylbewerber, Einwanderung und Zuwanderung.

[15] Die genaue Auflistung der Ressorts in den Nachrichten-Webseiten im Bezug zur Auswahl der Online-Artikel: Spiegel Online umfasst die Ressorts Politik, Meinung, Wirtschaft, Panorama, Sport, Kultur, Netzwelt, Wissen- schaft, Gesundheit, Leben und Lernen, Reise, Auto und Stil. Zeit Online setzt sich aus den Ressorts Nachrichten, Politik, Meinung und Gesellschaft, Wirtschaft, Karriere, Mobilitat, Kultur & Reisen, Digital, Wissen, Studium und Sport zusammen. Suddeutsche.de beinhaltet die Ressorts Politik, Wirtschaft, Panorama, Sport, Munchen, Bayern, Kultur, Wissen, Digital, Chancen, Reise, Auto und Stil.

[16] Sind unter einem Schlagwort weniger als funf Online-Artikel zu finden, wird jeweils der erste und der letzte Beitrag fur die Analyse ausgewahlt: Bei Zeit Online wurde unter dem ersten dem sowie dritten Kriterium der er­ste und der dritte Online-Artikel bestimmt. Unter dem funften Kriterium funf wurden nur zwei Online-Artikel insgesamt gefunden, beide schlieBlich auch fur die Analyse verwendet. Bei Suddeutsche.de wurde unter dem zweiten Kriterium auf den ersten und den letzten (vierten) Online-Artikel zuruckgegriffen.

[17] Eine genaue Auflistung, der fur die Analyse ausgewahlten 30 Online-Artikel, ist der Tabelle im Anhang ab Seite ii zu entnehmen.

[18] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[19] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[20] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[21] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[22] Auch die Uberschriften der Online-Artikel sind dabei als zu eruierenden Inhalt zu verstehen.

[23] Eine detaillierte Ressortzuteilung ist der Tabelle mit der Auflistung der fur die Untersuchung ausgewahlten Online-Artikel auf Seite iif. zu entnehmen.

[24] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[25] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[26] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[27] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[28] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[29] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[30] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt.

[31] In der Graphologie werden Schlusse vom Schriftbild auf den Kommunikator gezogen (vgl. Merten 1983: 34).

[32] Siehe dazu Abbildung Das theoretische Grundmodell der qualitativen Inhaltsanalyse nach Phillip Mayring im Anhang auf Seite iv.

[33] Mayring versteht unter dem Begriff Theorie ein „[...] System allgemeiner Satze uber den zu untersuchenden Gegenstand [...], [der nichts anderes darstellt] [...] als die geronnenen Erfahrungen anderer uber diesen Gegen- stand [...]• Theorie geleitet heiBt nun, an diese Erfahrungen anzuknupfen, um einen Erkenntnisfortschritt zu er- reichen“ (Mayring 2002: 52).

[34] Siehe dazu Abbildung Das Ablaufmodell einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse im Anhang auf Seite v.

[35] Anhang fur die Veroffentlichung entfernt

Details

Seiten
297
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668583412
ISBN (Buch)
9783668583429
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378538
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Politikwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
ethnischer minderheiten nachrichten-websites darstellung kölner silvesternacht spiegel online zeit süddeutsche

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Titel: Ethnische Minderheiten auf deutschen Nachrichten-Websites. Die Darstellung der Kölner Silvesternacht 2015/16 bei Spiegel Online, Zeit Online und Süddeutsche.de