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Das dokumentarische Theater. Peter Weiss' "Die Ermittlung"

Oratorium in 11 Gesängen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Historischer Hintergrund

3.Zum Autor Peter Weiss

4.Das dokumentarische Theater

5.Struktur des Werkes
5.1.Titel und Untertitel
5.2.Die Ermittlung in Anlehnung an die Divina Commedia

6.Dokumentarische Grundlage
6.1.Auswahl der Dokumente
6.2.Bearbeitung der Dokumente

7.Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Peter Weiss gilt, neben Rolf Hochhuth und Heiner Kipphardt, als einer der bedeutendsten Vertreter des dokumentarischen Theaters. Die Untersuchungen dieser Arbeit sind jedoch auf Peter Weiss Die Ermittlung aus dem Jahr 1965 begrenzt.

In der Öffentlichkeit stand das Stück zum Teil in der Kritik, da die Frage nach der Darstellbarkeit dokumentarischer Fakten auf der Kunst-Bühne angezweifelt wurde. Kritiker wie Marianne Kerstings urteilten, dass einerseits Themen wie Konzentrationslager und Massenmorde nicht mit den herkömmlichen moralischen und ästhetischen Normen formulierbar sein, andererseits der doppelte Anspruch von Dokumentation und Kunst nicht erfüllt werden könne, da entweder der Dokumentarwert zugunsten der künstlerischen Formulierung oder die künstlerische Formulierung zugunsten einer politisch-moralischen Wirkung oder des Dokumentarwerts leiden würde1. Dieser Meinung schließen sich zahlreiche Kritiker an und verweisen vielfach auf eine Kluft zwischen Dokumentation und Kunst, wonach Kunst und Politik klar getrennt sein müssen. Peter Weiss formuliert, dass ein dokumentarisches Theater künstlerisch sein muss, um seine Legitimation auf der Kunstbühne zu haben.

Die vorliegende Arbeit untersucht, auf welche Weise in dem dokumentarischen Theaterstück Die Ermittlung von Peter Weiss versucht wird, dokumentarische Faktenwahrheit mit dem künstlerischen Anspruch des Theaters zu verbinden. Zur Untersuchung der Fragestellung wird der Autor Peter Weiss vorgestellt. Anschließend wird ein knapper Überblick über die historischen Bezüge der Ermittlung gegeben.

Im folgenden Teil soll die Struktur des Werks anhand der Anlehnung an Dantes Divina Commedia analysiert werden. Weiterhin wird die Auswahl und Bearbeitung der Dokumente auf Hinblick der künstlerischen Gestaltung untersucht.

In dem abschließenden Teil werden die wichtigsten Elemente zur Beantwortung der Fragestellung zusammengefasst.

2.Historischer Hintergrund

Historische Grundlage der Ermittlung von Peter Weiss ist die größte Schwurgerichtsverhandlung der deutschen Justizgeschichte: „Strafverfahren gegen Mulka und andere“, die nach dem ranghöchsten Angeklagten Robert Mulka benannt wurde. Das in der Öffentlichkeit „ uschwitzprozess“ oder aufgrund des Austragungsortes „Frankfurter Prozess“ genannte erste Verfahren, wurde zwischen 1963 und 1965 gegen SS-Leute des nationalsozialistischen Konzentrationslagers Auschwitz geführt. Bei dem Strafprozess am 20. Dezember 1963 im Frankfurter Rathaus waren drei Richter und sechs Geschworene, vier Staatsanwälte, drei Nebenklagevertreter, 19 Verteidiger und 22 Angeklagte beteiligt. Zwei der Angeklagten schieden während des Prozesses wegen Krankheit aus. Während des Prozesses wurden Gutachter zu Rate gezogen, die sich mit den Strukturen der nationalsozialistischen Schutzstaffel auseinandersetzten. Vor allem für die Zeugen, die die Lagerhaft überlebten, war der Prozess belastend, da sie die Ereignisse des Konzentrationslagers noch einmal möglichst präzise beschreiben mussten. Die Beweisaufnahme wurde am 6. Mai 1965 geschlossen, die Plädoyers nahmen 22 Verhandlungstage in Anspruch, die am 19. August 1965 begonnene Urteilsverkündung dauerte zwei Tage. Der Prozess „markierte das Ende der Verdrängung und den Beginn der offenen Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Deutschland2 “.

In der Zeit zwischen dem Ende des zweiten Weltkriegs und dem ersten Auschwitzprozess wurden nur Täter verurteilt, deren Mord-Beteiligung direkt nachgewiesen werden konnte. Erst 1950 wurde mit dem Gesetz Nr. 13 des „Rats der Hohen Kommissare“, einer Einrichtung der westlichen Siegermächte, die Verfolgung der NS-Verbrecher durch die Justiz der Bundesrepublik eingeleitet3.

3.Zum Autor Peter Weiss

Peter Ulrich Weiss wurde am 8.11.1916 als Sohn einer Schauspielerin und eines Textilfabrikanten in Nowawes bei Potsdam geboren. Weiss wächst zusammen mit seinen Schwestern und Stiefbrüdern in Bremer und Berliner Villen der 1920er Jahre auf. Weiss ist an künstlerischer Selbstverwirklichung interessiert, die kaufmännische Welt des Vaters reizt ihn nicht. 1934 emigriert die Familie aus politischen Gründen nach London, da Peter Weiss´ Vater Jude war. Im Alter von 17 Jahren verstarb Weiss´ Schwester bei einem Autounfall, er versuchte die traumatischen Erfahrungen in der Malerei im Stil des magischen Realismus zu verarbeiten. Nach dem Umzug 1936 von London nach Böhmen begann Weiss das Studium an der Prager Kunstakademie, wurde jedoch durch den Einmarsch der Deutschen zur Flucht nach Schweden und somit zum Abbruch seines Studiums gezwungen. Seine ersten schriftstellerischen Versuche in schwedischer Sprache fanden nur geringen Anklang, 1947 kommt Weiss als schwedischer Reporter nach Deutschland. Dort erwirbt er sich als Schriftsteller, Maler, Grafiker und Experimentalfilmer in der deutschen Nachkriegsliteratur einen Namen. Seinen größten internationalen Erfolg erzielte Weiss mit dem Stück Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospiezes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade. Als sein Haupttext gilt der dreibändige Roman Die Ästhetik des Widerstands. Sein dokumentarisches Theaterstück Die Ermittlung führte Mitte der 1960er Jahre zu vergangenheitspolitischen Auseinandersetzungen4.

4.Das dokumentarische Theater

In der Forschungsliteratur ist eine Vielzahl von Ansätzen zur Definition des dokumentarischen Theaters zu finden. Metzlers Literaturlexikon beschreibt den Begriff des Dokumentartheaters als eine Sammelbezeichnung für gesellschaftskritische und politisch orientierte Theaterstücke, Hör- und Fernsehspiele, Filme, Prosa, Gedichte. [Das Dokumentartheater] entstand Anfang der 60er Jahre in Opposition zu den damals üblichen fiktiven Schreibweisen [wie die΁[͙΁ des Brechtschen Parabelstücks [͙΁, denen u.a. politische Wirkungslosigkeit angelastet wird [und greift auf΁ [͙΁ Dokumente und Fakten zurück[͙΁. Für das Dokumentarspiel sind v.a. zwei, jedoch nicht immer genau zu trennende Formen unterschieden worden: Die Prozess- Form [͙΁ und die Berichtform, die Dokumente und Fiktion mischt5.

Ausführlicher beschreibt Peter Weiss das Dokumentartheater anhand von 14 Thesen in den 1968 verfassten Notizen zum dokumentarischen Drama.

Weiss sieht das dokumentarische Theater als „ein Theater der Berichterstattung“6, bei dem „Protokolle, kten, Briefe, statistische Tabellen, Börsenmeldungen, [͙΁ und andere Zeugnisse der Gegenwart“7 die thematische Grundlage für die Aufführung bilden. Das dokumentarische Theater übernehme authentisches Material, ohne inhaltlich zu verändern. Allein die Zusammenstellung und die formale Verarbeitung des dokumentarischen Materials seien als künstlerischer Eingriff erlaubt. Im Gegensatz zur ungeordneten Materialflut der Nachrichten biete das dokumentarische Theater eine kritische Auswahl an Informationen, die durch das Prinzip der Montage zusammengefügt werde und sich auf ein bestimmtes Thema konzentriere8. Das Dokumentarische Theater soll, laut Weiss, „Kritik an der Verschleierung“9 üben und Meldungen der Massenmedien kritisch im Hinblick auf Manipulation, Vertuschung, Modifizierung und Lenkung hinterfragen. Des Weiteren soll „Kritik an Wirklichkeitsfälschungen“10 geübt werden. Das dokumentarische Theater solle hinterfragen, wieso historische Personen, Perioden oder Epochen „aus dem Bewusstsein gestrichen“11 werden und wer von diesen Streichungen profitiere. bschließend soll „Kritik an Lügen“12 geübt, und hinterfragt werden, was die Auswirkungen eines geschichtliches Betrugs sein, mit welchen Schwierigkeiten bei der Wahrheitsfindung gerechnet werden müsse und welche Machtgruppen ein Interesse an der Verhinderung der Informationen haben.

Das Dokumentarische Theater sieht Weiss als „Reaktion auf die gegenwärtigen Zustände, mit der Hoffnung, diese zu klären“13. Es soll, ähnlich dem Protest auf der Straße, Widersprüche in den gesellschaftlichen Verhältnissen kennzeichnen, dabei aber durch die Bindung an Zeit und Raum des Theaters nicht augenblickliche Wirklichkeit, sondern das „ bbild von einem Stück Wirklichkeit“14 darstellen. Dabei kann und darf sich das Theater niemals mit der politischen Schlagkraft von öffentlichen Prozessen messen, sondern muss sich als Kunstprodukt verstehen und darf nicht auf künstlerische Leistung verzichten. Laut Weiss könne das Dokumentarische Theater nur zum Instrument politischer Meinungsbildung werden, wenn durch „seine sondierende, kontrollierende, kritisierende Tätigkeit“15 der Wirklichkeitsstoff zum künstlerischen Mittel umfunktioniert wurde. Durch die besondere Schnitttechnik des Theaters werden Einzelheiten aus dem „Chaotischen Material“ der Realität hervorgehoben und durch Konfrontierung gegensätzlicher Details auf einen Konflikt aufmerksam gemacht16.

Das Dokumentarische Theater soll Ungleichheiten darstellen und dabei nicht individuelle Konflikte, sondern sozial-ökonomisch bedingte Besonderheiten thematisieren. Es soll um das Beispielhafte gehen und mit „Gruppen, Kraftfeldern und Tendenzen“17 arbeiten. Laut Weiss erhebt das dokumentarische Theater nicht den Anspruch auf parteilose Objektivität, denn diese Objektivität diene unter Umständen bestimmten Machtgruppen zur Entschuldigung ihrer Taten. Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung sei bei Schilderungen von Raubzügen und Völkermorden berechtigt, „mit jeder nur möglichen Solidarität für die Seite der usgeplünderten“.

Auch bei der Wahl des Aufführungsortes sollten Alternativen zu bestehenden kommerziellen Bühnenräumen gefunden werden, da mit den Eintrittsgeldern das System unterstützt werde, das durch das dokumentarische Theater angegriffen wird. Weiss schlägt Fabriken, Schulen, Sportarenen und Versammlungsräume als ustragungsstätte vor, damit es sich komplett von den „ästhetischen Maßstäben des traditionellen Theaters“ lösen kann.18

Das dokumentarische Theater ist also kein Genrebegriff, den so betitelten Stücken ist jedoch gemein, dass sie auf historisch nachweisbaren Dokumenten und anderen Quellen basieren. Es werden keine entscheidenden Veränderungen in der Figurenwirklichkeit vorgenommen.

[...]


1 Kesting, Marianne: Völkermord und Ästhetik. In: Neue deutsche Hefte 113 (1967), S.88-97.

2 Volker Bouffier: Bundesratspräsident zum 50. Jahrestag des Auschwitz-Prozesses. http://www.bundesrat.de/SharedDocs/pm/2015/014-2015.html [Stand: 20.07.2017].

3 Naumann, Bernd: Auschwitz: Bericht über die Stafsache gegen Mulka und andere vor dem Schwurgericht Frankfurt. Athenäum, 1965. S.7ff.

4 Bernd, Lutz; Jessing, Benedikt (Hg.). Metzler Lexikon Autoren: Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Berlin, 2010, S.815-818.

5 Schweikle, Günther (Hrsg.): Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. 2. Aufl.. Stuttgart, 1990, S.105f.

6 Weiss, Peter. Notizen zum dokumentarischen Theater. In: Rapporte 2. Berlin, 1971. S.91.

7 Ebd. S.91.

8 Vgl. Weiss, Peter. Notizen zum dokumentarischen Theater. In: Rapporte 2. Berlin, 1971, S.91-104.

9 Ebd. S.92.

10 Ebd. S.92.

11 Ebd. S.92.

12 Ebd. S.93.

13 Ebd. S.94.

14 Ebd. S.95.

15 Ebd. S.96.

16 Weiss, Peter. Notizen zum dokumentarischen Theater. In: Rapporte 2. Berlin, 1971, S.92 ff.

17 Ebd. S.99.

18 Vgl. ebd. S.91-104.

Details

Seiten
23
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668557758
ISBN (Buch)
9783668557765
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378474
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
Peter Weiss Dokumentarisches Theater Die Ermittlung Rolf Hochhuth Heiner Kipphardt

Autor

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Titel: Das dokumentarische Theater. Peter Weiss' "Die Ermittlung"