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Die neue Öffentlichkeit. Moderne Technologien und das Ende der privaten Sphäre

Bachelorarbeit 2016 38 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die öffentlich/privat Debatte – Ein Überblick
2.1 Strukturalistische Definitionen (restricted access theory)
2.2 Individuelle Definitionen (limited control theory)
2.3 Integrative Definitionen (restricted access/limited control theory)

3 Auflösung der Trennung zwischen öffentlicher und privater Sphäre

4 Privatsphäre in sozialen Netzwerken am Beispiel junger Menschen
4.1 Ergebnisse der DIVSI U25 Studie

5 Sicherheit oder Privatsphäre – Eine eindimensionale Sicht

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Not everything or everyone is globalized, but the global networks that structure the planet affect everything and everyone.“ (Castells 2008, 78)

Medien und das Internet sind allgegenwärtig. Im 21. Jahrhundert ist der Zugang zu Informations- und Kommunikationsportalen zu einem zentralen Faktor im Leben vieler Menschen geworden. Plattformen wie Facebook bieten neue Kommunikationsmöglichkeiten, sie sammeln aber auch große Mengen an persönlichen Daten und verarbeiten diese weiter. Daraus entsteht eine erhebliche Gefahr des Missbrauchs. Die Enthüllungen von Edward Snowden haben gezeigt, dass staatliche Institutionen (vor allem Geheimdienste) ebenfalls mithören und -lesen. Interessant ist, dass trotz dieser Verletzungen der Privatsphäre viele Menschen einen sehr fahrlässigen Umgang mit ihren Daten betreiben. Entweder der Aufwand diese zu schützen ist zu hoch oder es ist ihnen schlicht egal. Als Antwort bekommt man häufig zu hören, man habe doch nichts zu verbergen.

Folgende Frage stellt sich mir: Verändert das Internet und seine diversen Kommunikations- und Informationsplattformen unser Verständnis von Öffentlichkeit bzw. von öffentlicher und privater Sphäre? Privatsphäre ist als sozialer Wert zu verstehen und sichert dem Einzelnen einen geschützten Rahmen zu, in dem er sich frei entwickeln kann. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene benötigen Freiräume, in denen sie keiner Kontrolle unterliegen. Moderne Technologien schränken diese jedoch zunehmend ein und erzeugen das Gefühl in immer mehr Bereichen 'beobachtet' zu werden. Junge Menschen sind fast dauerhaft online. Mit Hilfe von Chatprogrammen wie WhatsApp stehen sie im anhaltenden Austausch mit ihrem Umfeld. In sozialen Netzwerken wie Facebook wird ein öffentliches Tagebuch geführt und mit Twitter teilt man seinem Umfeld mit was man gerade gegessen hat. Die Momente, in denen kein Kontakt zu anderen besteht sind kaum noch vorhanden und es ist die Frage zu stellen: Ist eine Trennung in private und öffentliche Sphäre überhaupt noch zeitgemäß oder verschwimmen die Grenzen bereits?

Die theoretische Basis meiner Arbeit bilden zum einen klassische Ansätze, welche Privatsphäre aus normativer oder deskriptiver Sicht beschreiben, und zum anderen moderne Ansätze, die entweder eine Kombination aus beiden Richtungen vertreten oder eine pluralistische Definition liefern. Die Ergebnisse der DIVSI U25-Studie liefern interessante Ergebnisse über das Nutzungsverhalten und die Einstellung Jugendlicher und junger Erwachsener im Umgang mit modernen Technologien.

Folgende Arbeitsthese hat mich bei der Auseinandersetzung geleitet: „Im 21. Jahrhundert gibt es keine Trennung mehr zwischen öffentlicher und privater Sphäre.“ Diese Formulierung ist durchaus gewagt und vermutlich zu verneinen. Jedoch ist eine Entwicklung in diese Richtung zu erkennen. Ich möchte mit dieser Arbeit den Einfluss moderner Technologien auf die Gesellschaft und das daraus resultierende Verständnis von öffentlicher und privater Sphäre untersuchen.

Zu Beginn meiner Arbeit stelle ich die verschiedenen Definitionen von Privatsphäre vor und analysiere im Folgenden die Auflösung der Trennung zwischen privat und öffentlich. In Kapitel 4 setze ich mich mit sozialen Netzwerken auseinander und stelle die Ergebnisse der DIVSI U25-Studie vor. Das 'nichts-zu-verstecken'-Argument ist Thema des darauffolgenden Kapitels. Abschließend fasse ich die gewonnen Erkenntnisse zusammen und diskutiere sie.

2 Die öffentlich/privat Debatte – Ein Überblick

In der öffentlich/privat Debatte ist zu beachten, dass sich die Begriffe 'öffentlich' und 'privat' gegenseitig bedingen und jeder Ansatz zur Klärung des einen Begriffes auch immer eine Definition des anderen liefert: „We can begin by reminding ourselves that any notion of 'public' or 'private' makes sense only as one element in a paired opposition […]“ (Weintraub 1997, 4). Laut Weintraub (Ebd., 4f) kann dieses Paar aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden:

„[...]at the deepest and most general level […] are (at least) two fundamental […] kinds of imagery in terms of which 'private' can be contrasted with 'public':

1. What is hidden or withdrawn versus what is open, revealed, or accessible.

2. What is individual, or pertains only to an individual, versus what is collective, or affects the interests of a collectivity of individuals. “

Daraus leiten sich zwei grundsätzliche Kriterien ab: Sichtbarkeit (visibility) und Kollektivität (collectivity) (vgl. ebd.). Es ist also entscheidend, ob etwas gesehen werden kann bzw. ob eine Situation einen Effekt auf eine Gruppe von Menschen (die Gesellschaft) hat. Die Debatte lässt sich in drei grundsätzliche Theorien einteilen: strukturalistische, individuelle (auf das Individuum bezogene) und integrative Definitionen. Strukturalistische Ansätze sehen die Privatsphäre als ein (moralisches/gesetzliches) Recht, welches den Einzelnen vor Störungen von außen (Staat /Gesellschaft) schützen soll. Privatsphäre wird daraus folgend normativ definiert. Individuelle Ansätze betrachten Privatsphäre als ein persönliches Interesse, welches gemessen wird an der Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen. Privatsphäre wird hier deskriptiv definiert (vgl. Allmer 2011, 85f). Bei integrativen Definitionen handelt es sich um eine Mischform:

„In summary, integrative definitions of privacy try to combine individualistic and structuralistic notions into one concept. Integrative definitions consider both privacy as a right that should be protected and as form of individual control.” (Ebd., 92)

In den folgenden Abschnitten werde ich diese drei Ansätze vorstellen.

2.1 Strukturalistische Definitionen (restricted access theory)

Strukturalistische Ansätze verstehen Privatsphäre als ein moralisches und/oder gesetzliches Recht an, welches dem Individuum Kontrolle über den Zugang zur eigenen Person und/oder persönliche Informationen zuspricht. Bis zu einem gewissen Grad folgern Vertreter strukturalistischer Ansätze, dass je mehr der Zugang zu persönlichen Informationen oder Personen reguliert ist, desto mehr ist auch die Privatsphäre geschützt (vgl. ebd., 87).

Im englischsprachigen Raum haben Warren/Brandeis eine erste Definition von Privatsphäre gegeben. Sie sehen Privatsphäre als das Recht allein gelassen zu werden (vgl. Warren/Brandeis 1890, 205). Für Ruth Gavison ist Privatsphäre nicht nur eine individuelle Angelegenheit, sondern viel mehr eine grundsätzliche Lebensbedingung (vgl. Gavison 1980, 425). Ähnlich wie bereits Warren/Brandeis folgert sie (ebd. 428):

„In its most suggestive sense, privacy is a limitation of others' access to an individual. As a methodological starting point, I suggest that an individual enjoys perfect privacy when he is completely inaccessible to others.“

Privatsphäre wird von W. A. Parent als Wert gesehen. Er sieht Verletzungen der Privatsphäre als Form der Gewalt (vgl. Parent 1983, 276) und bezieht sich dabei auf die Ethik des Liberalismus:

„Third, we desire privacy out of a sincere conviction that there are certain facts about us which other people, particularly strangers and casual acquaintances, are not entitled to know. This conviction is constitutive of 'the liberal ethic,' a conviction centering on the basic thesis that individuals are not to be treated as mere property of the state but instead are to be respected as autonomous, independent beings with unique aims to fulfill.“ (Ebd.)

Aus dem deutschsprachigen Raum sind vor allem zwei strukturalistische Ansätze zu nennen. Diese gehen vor allem auf die Beschaffenheit von Öffentlichkeit ein. Jürgen Habermas etablierte 1962 das Modell der 'bürgerlichen Öffentlichkeit', welches seitdem zu einem Klassiker der Öffentlichkeits-theorien avancierte. Für ihn ist die Entwicklung des Begriffs eng mit der Emanzipation des Bürgertums verbunden. 'Bürgerliche Öffentlichkeit' wird als „ein allen Interessierten offen stehender Kommunikationsraum, in dem sich über vernunftgeleitete Diskussionen öffentliche Meinung konstituieren kann“ (Wimmer 2007, 72) definiert (vgl. ebd.). Zum Einen beschreibt er den 'sozialen Strukturwandel', durch welchen die Öffentlichkeit sich vom Bürgertum abgrenzt und von einem „kulturräsonierenden“ zu einem „kulturkonsumierenden“ (Nassehi 2003, 402f) Publikum wird (vgl. Habermas 1990, 267). Zum Anderen zeichnet er mit dem 'politischen Funktionswandel' eine Entwicklung von den während der Aufklärung entstandenen „Versammlungsöffentlichkeiten […] hin zu einer massenmedial 'hergestellten' Öffentlichkeit“ (Nassehi 2003, 403). Diese Öffentlichkeit „wird durch Staat, Parteien und insbesondere durch die organisierten Privatinteressen der Wirtschaft okkupiert und 'vermachtet'“ (ebd.).

Als direkte Antwort auf Habermas 'Strukturwandel der Öffentlichkeit' ist Negt/Kluge's Aufsatz Öffentlichkeit und Erfahrung – Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit anzuführen. Habermas wird vorgeworfen, dass er „in seiner Analyse bürgerlicher Öffentlichkeit deren Ausschlussmechanismen verkennt“ (Wimmer 2007, 173). Negt/Kluge bezeichnen Habermas Idealbild der 'bürgerlichen Öffentlichkeit' als 'Scheinöffentlichkeit' (vgl. Negt/Kluge 1972, 143), da es „andere historische Öffentlichkeitsformen ignoriert, als auch eine gesamtgesellschaftliche Repräsentativität suggeriert“ (Wimmer 2007, 175). Sie fordern die Etablierung einer Gegenöffentlichkeit, welche einen Gegenpol zu „Schein, Öffentlichkeit und öffentlicher Gewalt“ (Negt/Kluge 1972, 143) darstellen soll. Negt/Kluge entwickeln damit das eindimensionale Öffentlichkeitsmodell Habermas' zu einem pluralistischen Ansatz weiter.

Zusammengefasst ist festzuhalten: Strukturalistische Ansätze sehen Privatsphäre als ein (moralisches/gesetzliches) Recht. Dieses schützt vor unberechtigter Störung und sollte durch den Staat mittels Gesetz und privater 'Zonen' geregelt werden. Beschränkungen der Privatsphäre sind Verletzungen dieses Rechts. Privatsphäre wird normativ definiert. Volle Privatsphäre ist nur zu erreichen, wenn keinerlei Kontakt zu anderen Menschen besteht (vgl. Allmer 2011, 85). Öffentlichkeit ist ein Netzwerk für die Kommunikation von Meinungen und wird vor allem durch die Massenmedien hergestellt. Es bestehen Ausschlussmechanismen für die Teilhabe.

Ein häufig angeführter Kritikpunkt ist, dass die individuellen Möglichkeiten, Einfluss auf die eigene Privatsphäre zu nehmen, in strukturalistischen Ansätzen nicht beachtet werden. Jeder Einzelne hat die Wahl, wie viel private Informationen er Preis geben möchte und wem gegenüber. Es ist heutzutage auf den meisten Plattformen im Internet möglich einzustellen wer Zugang zu Informationen hat. Aus strukturalistischer Sicht spielt es jedoch keine Rolle wem Informationen zugänglich sind, schon das Bereitstellen im Internet stellt eine Eingrenzung der Privatsphäre dar:

„Regardless whether individuals are able to decide which personal information is available on the internet and regardless whether individuals are able to choose for whom these information is available, for representatives of a structuralistic approach [...], these forms of information sharing are always restrictions of privacy and therefore should be avoided.” (ebd., 88)

Im modernen Kommunikationszeitalter ist es de facto nicht mehr möglich keine Informationen zu teilen. Viel mehr besteht die Frage, wie der Einzelne die Kontrolle über die eigene Information behält. Eine Antwort geben individuelle Definitionen von Privatsphäre, welche ich im nächsten Abschnitt vorstelle.

2.2 Individuelle Definitionen (limited control theory)

Individuelle Ansätze setzen ihren Fokus auf das Individuum. Privatsphäre ist hier die Kontrolle über persönliche Informationen:

„I have defined privacy as the claim of an individual to determine what information about himself or herself should be known to others. [...] This, also, involves when such information will be obtained and what uses will be made of it by others.“ (Westin 2003, 431)

Die Kontrolle liegt hier nicht mehr auf Seiten des Staates, sondern wird durch den Einzelnen verwirklicht. Demnach ist jeder selbst dafür verantwortlich, welche Informationen öffentlich werden und wie weit die eigene Privatsphäre geschützt ist. Was allgemein als privat angesehen wird, entscheidet dabei der kulturelle Kreis, in dem man lebt:

„At the socio-cultural level, privacy is closely related to social legitimacy. When a society considers a given mode of personal behavior to be socially acceptable - whether it is hairstyle, dress, sexual orientation, political or religious belief, having an abortion, or other lifestyle choice - it labels such conduct as a private rather than a public matter.“ (Ebd., 433)

Edward Shils sieht Privatsphäre als eine „zero-relationship“ (Shils 1966, 281) zwischen zwei Personen, zwei Gruppen oder einer Person und einer Gruppe. Für ihn existiert Privatsphäre nur in Kontexten, in denen Interaktion, Kommunikation oder Wahrnehmung anderer prinzipiell möglich ist (vgl. ebd.). Er definiert Privatsphäre daraus folgend (ebd., 282): „[...] as the existence of a boundary through which information does not flow from the persons who possess it to others.“ Judith Wagner DeCew (1986, 166) hebt hervor, dass um Privatsphäre als deskriptiven Term zu definieren „[...] it has sometimes been suggested that privacy concerns not merely the absence of others having information, but individual control over knowledge others have about one.“ Weiter führt sie aus (ebd., 166ff): „[...] privacy is a power to deny or grant access“ und „[privacy is] information control and control over decision-making“.

Zusammengefasst ist festzuhalten: Individuelle Ansätze sehen Privatsphäre als ein persönliches Interesse. Privatsphäre schließt die Freiheit nicht gestört oder beeinflusst zu werden ein. Der Grad an Entscheidungsfreiheit bestimmt, wie viel Privatsphäre man hat. Privatsphäre wird deskriptiv definiert (vgl. Allmer 2011, 85f). Der kulturelle Kreis bestimmt, welche Handlungen, Situationen, Entscheidungen, etc. privat sind. Privatsphäre ist eine Grenze zwischen Individuen, die den Austausch von Information stoppt.

Ein Kritikpunkt an individuellen Ansätzen ist, dass sie die Möglichkeiten der Kontrolle durch soziale Strukturen unterschätzen. Des Weiteren besteht der Vorwurf, dass diese Ansätze Privatsphäre mit Autonomie verwechseln:

„Another difficulty for the control theory is that it seems to imply that one could, in principle, disclose every piece of personal information about oneself and yet still claim to have privacy. In this sense, the control theory tends to confuse privacy with autonomy, where someone has autonomously decided to abdicate all informational privacy interests by disclosing all private facts about herself from which she had an interest or right to exclude other people. However, this would seem to run counter to our intuitions about privacy.“ (Tavani 2008, 143)

Sowohl strukturalistische als auch individuelle Ansätze geben die Maxime vor, dass volle Privatsphäre nur erreicht werden kann, wenn keinerlei Information geteilt wird. Jedoch ist diese Maxime, wie bereits erwähnt, im digitalen Zeitalter nicht aufrecht zu halten. Ein moderner Ansatz, der beide Richtungen zu verbinden versucht, ist die Restricted Access/Limited Control Theorie. Diesen integrativen Ansatz werde ich im nächsten Abschnitt vorstellen.

2.3 Integrative Definitionen (restricted access/limited control theory)

Integrative Ansätze, wie die RALC Theorie versuchen eine Antwort auf die modernen Anforderungen an ein Konzept von Privatsphäre zu geben. Privatsphäre wird sowohl als Recht sowie als persönliches Interesse gesehen (vgl. Allmer 2011, 91). Jeffrey H. Reiman gibt zwei Definitionen von Privatsphäre:

„[Privacy] is […] an important interest in simply being able to restrict information about, and observation of, myself regardless of what may be done with that information or the results of that observation.“ (Reiman 1976, 32)

„[Privacy] is a right which protects my capacity to enter into intimate relations, not because it protects my reserve of generally withheld information, but because it enables me to make the commitment that underlies caring as my commitment uniquely conveyed by my thoughts and witnessed by my actions.“ (Ebd., 44)

Er versucht mit seinem Ansatz ein grundsätzliches Interesse herauszuarbeiten, welches als Basis für ein allgemeines Recht auf Privatsphäre gilt. Dieses Recht soll jedoch nicht so weit gehen, dass es einen vor jeglicher Beobachtung schützt (z.B. auf belebten Straßen) (vgl. ebd., 38). James H. Moor (1997, 31) erweitert diese Sicht wie folgt:

„Rather than regarding privacy as an all or nothing proposition - either only I know or everybody knows - it is better to regard it as a complex of situations in which information is authorized to flow to some people some of the time. Ideally, those who need to know do, those who don't don't.“

Dieser 'complex of situations' wird von ihm eingeteilt in natürlich private und normativ private Situationen. Natürlich private Situationen unterliegen keiner spezifischen gesetzlichen Regelung. Geht man beispielsweise in einem Wald spazieren, ist man dort in einer natürlich privaten Situation. Man ist allein und wird von den umliegenden Bäumen vor Beobachtung geschützt. Trifft man jetzt einen anderen Menschen ist das ein Eingriff in die natürliche Privatsphäre (Moor 1991, 77). Dies ist jedoch nicht als Verletzung der Privatsphäre zu verstehen: „A loss of natural privacy is not automatically an invasion of privacy“ (ebd.). Normativ private Situationen können gleichzeitig auch natürlich private Situationen sein. Sie sind jedoch durch spezifische Gesetze und/oder moralische Grundsätze geschützt. Ist man beispielsweise alleine zu Hause und sieht fern, dann ist man zum einen in einer natürliche privaten Situation, da man durch die umliegenden Wände geschützt ist. Es gibt jedoch auch Gesetze, die es anderen Personen verbieten ohne Zustimmung eine Wohnung zu betreten. Schafft sich jemand Zugang zur eigenen Wohnung hat man das Recht sich zu beschweren (vgl. ebd.). Diese Unterscheidung in natürliche und normative Privatsphäre ist ein Hauptmerkmal der RALC Theorie:

„The distinction between natural and normative privacy is crucial in defending a restricted access account. Not every situation in which one observes someone else or gathers information about someone else does or should count as a violation of privacy. When walking down a public street, one may give up some natural privacy but not normative privacy.“ (ebd.)

Wie bereits erwähnt bestimmt der jeweilige Kulturkreis, welche Situationen als privat angesehen werden. Das gilt auch für die Unterscheidung in natürliche und normative Privatsphäre. Die RALC Theorie liefert damit einen zukunftsweisenden Ansatz, der auf technischen Wandel und gesellschaftliche Veränderungen flexibel angewendet werden kann:

„A feature that is particularly attractive about the restricted access theory of privacy is that it gives technology the right kind of credit for enhancing privacy and the right kind of challenge for protecting privacy. […] The restricted access theory also suggests the right questions for keeping technology in check. As technology develops, we need to ask what kinds of restrictions should be put on the access to individuals and information about them in order to protect privacy.“ (ebd., 79)

Die RALC Theorie verbindet normative sowie deskriptive Aspekte von Privatsphäre und vereint diese. Es wird unterschieden zwischen „concept of privacy“ (restricted access) und „management of privacy“ (limited control) (Tavani 2008, 144). Privatsphäre wird sowohl als Recht angesehen, welches geschützt werden sollte, als auch als eine Form individueller Kontrolle (vgl. Allmer 2011, 92). Im folgenden Abschnitt werde ich einen Gegenentwurf vorstellen, welcher die provokante These formuliert, dass eine Trennung zwischen öffentlich und privat nicht mehr aufrecht zu halten ist.

[...]

Details

Seiten
38
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668628205
ISBN (Buch)
9783956872488
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378404
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Privatsphäre Öffentlichkeit soziale Netzwerke

Autor

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