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Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen Deutschlands und Argentiniens zwischen 1917/1918 und 1933

Bachelorarbeit 2016 35 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund

3. Die Wirtschaftsbeziehungen 1917/1918 bis 1933
3.1 Die Wiederaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen 1917/1918 bis 1924
3.1.1 Kapitalentwicklung
3.1.2 Die Erholung der Handelsbeziehungen und des Güterverkehrs
3.2 Die Hochphase der Wirtschaftsbeziehungen 1924bis 1929
3.2.1 Handel und Investitionen
3.3 Die Folgen der Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1933
3.3.1 Der Niedergang des Handels und der Schifffahrt
3.3.2 Kapital

4. Die politischen Beziehungen
4.1 Völkerbund
4.2 Besuche deutscher und argentinischer Offizieller
4.3 Deutsche Militärmission

5. Die auswärtige Kulturpolitk

5.1 Auswanderung

5.2 Deutschtumspolitik

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Fußball, Rindfleisch, Staatspleiten und Nazis sind die Begriffe, die den meisten Menschen in Deutschland bei Argentinien in den Sinn kommen. Die lange Geschichte kultureller und wirtschaftlicher Beziehungen[1] ist allerdings den wenigsten bekannt. Die heute eher geringe ökonomische Bedeutung Argentiniens für Deutschland[2] mag ihr übriges getan haben.

Die Wahl der konservativ-liberalen Koalition unter Mauricio Macri Ende 2015 in Argentinien, hat, nach Jahrzehnten peronistischer Herrschaft, eine Zeitenwende eingeläutet[3], die der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Anlass nahm, nach mehr als 10 Jahren das Land wieder zu besuchen und in diesem Zusammenhang von einem „neuen Momentum in der Beziehung zwischen Deutschland und Argentinien“ sprach.[4]

Dies soll zum Anstoß genommen werden, die Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und Argentinien, die eine der prägendsten Zeiten war, einer näheren Betrachtung zu unterwerfen. Der kulturelle und wirtschaftliche Austausch florierte und es wurde die Basis für die späteren Beziehungen gelegt, die in der Gründung von kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Einrichtungen dies- undjenseits des Atlantiks zum Ausdruck kam.

Die Beziehungen zur Kaiserzeit wurden in der Literatur ausführlich behandelt, während die Zwischenkriegsjahre von 1917/18 bis 1933 eine Randnotiz bleiben. Es gibt zwei Monografien, die sich ausführlich mit der Thematik befassen. Das Werk des ostdeutschen Historikers Werner Pade beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Beziehungen der Weimarer Republik und der Republik Argentinien. Ihm zufolge stand die Weimarer Außenpolitik in der Tradition des Kaiserreichs, das heißt verfolgte imperialistische Großmachtinteressen. Der Verlust der Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent sei Antriebsfeder gewesen, Argentinien zum neuen Objekt kolonialer Machtpolitik zumachen. Dies macht er zum einen an der Vermehrung deutschen Kapitals fest als auch an der auswärtigen Kulturpolitik, die das Ziel verfolgte mithilfe deutscher Einwanderer Einfluss in Argentinien zu nehmen.[5] Dagegen steht die Darstellung Stefan Rinkes, der sich mit der Lateinamerikapolitik der Weimarer Republik in seiner Gesamtheit beschäftigt hat. Er stellt fest, dass man in diesem Fall kaum von Imperialismus sprechen kann. Zwar haben sich die deutschen Wirtschaftsinteressen in relativ kurzer Zeit in Argentinien erholen können und man habe in einigen Wirtschaftszweigen gar expandieren können, doch sei man an den Schlüsselindustrien nur marginal beteiligt gewesen. Zudem sei die Motivation für wirtschaftliche Expansion vielmehr daher gekommen, dass sich dort aufgrund der eher deutschfreundlichen Haltung nach dem 1. Weltkrieg günstigere Bedingungen zu finden gewesen seien. Er stellt dabei die These auf, dass es nie eine offizielle Außenpolitik hinsichtlich Lateinamerikas gegeben habe, und sei vielmehr von transnationalen Akteuren bestimmt worden, die eigene Zielsetzungen hatten. Im Falle der Wirtschaft seien dies die diversen Handelskammern in Deutschland und Argentinien gewesen und im kulturellen Bereich die zahlreichen deutschen Kultureinrichtungen. Zudem sei die Zahl an Auswanderern weit hinter Zahl derjenigen geblieben, die in die Vereinigten Staaten auswanderten. Wirtschaftlich seien die Vereinigten Staaten für den Außenhandel wichtiger gewesen.[6]

Die vorliegende Arbeit soll die Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen darlegen. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, welche Ziele, die deutsche Außenpolitik bezüglich Argentiniens verfolgte und welche Mittel sie dabei einsetzte.

2. Historischer Hintergrund

Die offiziellen Beziehungen zwischen Argentinien und Deutschland begannen erst mit der Reichsgründung 1871. Davor waren es die hanseatischen Stadtstaaten, die die jungen lateinamerikanischen Länder anerkannten.[7] So waren es zunächst Hamburger und Bremer Kaufleute zusammen mit Vertretern der rheinisch-westfälischen Wollindustrie, die sich am Rio de la Plata wirtschaftlich betätigten. Rasch etablierten sie sich mit der Gründung von Handelshäusern und assimilierten sich durch Heirat mit dem einheimischen Bürgertum und erlangten einflussreiche Stellungen im Staatsdienst. Beispielhaft war hier der Hamburger Kaufmann Luis Vernet, der zum Gouverneur der Malwinen ernannt wurde. Auch Preußen schickte einen Vertreter nach Südamerika, den Agenten Johann Eschenburg, beschränkte sich aber zunächst nur auf die Erkundung von Handelsmöglichkeiten, der im preußisch-argentinischen Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag von 1856 mündete.[8]

Neben Kaufleuten zog es auch Wissenschaftler nach Argentinien, unter anderen den Naturwissenschaftler Herman Burmeister, der zum Leiter des Museo Argentino de Sciencias Naturales ernannt wurde und beim Aufhau des argentinischen Universitätswesens mitwirkte.[9]

Die Reichsgründung von 1871 führte zu einem raschen Wandel in den ökonomischen und politischen Beziehungen. Festmachen ließ sich dies an den ersten ernst zu nehmenden aus Deutschland getätigten Investitionen. 1893 wurde die erste erfolgreiche Bank, die Banco Alemán Transatlántico, eröffnet. Bis Kriegsende waren 160 deutsche Unternehmen in Argentinien aktiv. Die Wichtigeren unter ihnen waren in der Schifffahrt, im Agrarsektor, im Bank- und Finanzwesen, Bergbau, Hüttenwesen, Maschinenbau, der Chemieindustrie als auch in öffentliche Versorgungsunternehmen, zu finden. Diese waren Dependancen der großen deutschen Industrieunternehmen wie Siemens und Halske, AEG, Thyssen, Stinnes, Vereinigte Stahlwerke, Krupp, Mannesmann, I.G.Farben. Die Banken wurden von den großen deutschen Bankhäusern kontrolliert.

Bei der Mehrzahl der Unternehmen handelte es sich allerdings um Import- und Exportfirmen.

Der Vormarsch der Wirtschaft schlug sich auch in der Organisation der Einwanderer nieder. Der Gründung des Deutschen Klubs in Buenos Aires 1855, in dem sich regelmäßig die deutschen Wirtschaftseliten trafen, folgte die Etablierung weiterer Interessensgemeinschaften wie etwa der des Vereins Vorwärts, des Vereins zum Schutze germanischer Einwanderer, des Rudervereins Teutonia, des Vereins Deutscher Ingenieure oder des Deutschen Wissenschaftliche Vereins etc. . Darüber hinaus entwickelte sich auch eine deutsche Presse in Argentinien: Das Argentinische Tageblatt, die Freie Presse, die Deutsche Zeitung, die La Plata Monatsschrift und der Argentinische Bote.[10] Auf dem Gebiet der Kolonisation blieb der Beitrag deutscher Einwanderer gering, trotz der Versuche der argentinischen Regierung, Einwanderer aus Nordeuropa anzulocken. Die Mehrheit zog Nordamerika als bevorzugtes Auswanderungsland vor, beziehungsweise ließ sich in Buenos Aires nieder.[11]

Trotz der Bewegung, die durch die Reichsgründung in die deutsch-argentinischen Beziehungen gekommen war, hatte Großbritannien, das sich schon seit den 1820er Jahren in Argentinien festgesetzt hatte, einen weiten wirtschaftlichen Vorsprung, da es das argentinische Transportwesen und die Fleisch verarbeitenden Industrien kontrollierte.

Dagegen kam es im Militärischen zu einer bedeutungsvollen Kooperation. Argentinien, sich immer noch in der Konsolidierung des Staates befindend, suchte nach einem Weg intern seine Macht zu stabilisieren, etwa gegen Sozialrevolutionäre Bewegungen als auch extern gegen seine unmittelbaren Nachbarn Brasilien und Chile. Aus argentinischer Perspektive wirkte die preußische Armee erstens als Garant für den Zusammenhalt zwischen den Ländern, die im Deutschen Reich vereinigten waren. Zweitens hatte sich die preußische Armee seit jeher als Stütze des Staates erwiesen. Zu guter Letzt galt sie nach dem deutsch-französischen Krieg als die modernste Streitmacht Europas. Deshalb entschloss man sich mithilfe deutscher Instrukteure, das argentinische Heer nach preußischem Vorbild zu reformieren. In der Folge wurden ab 1890 deutsche Ausbilder an den Rio de la Plata berufen und umgekehrt auch argentinische Offiziere im Deutschen Reich ausgebildet. Die politische Absicht dahinter war ein Protest gegen die Monroedoktrin als auch eine Untermauerung des Führungsanspruch Argentiniens in Lateinamerika. Obwohl die Initiative von Argentinien ausging, ging es der deutschen Führung und der Rüstungsindustrie auch darum, geostrategische und ökonomische Interessen auszuüben. Beispielsweise wurde die argentinische Artillerie bis 1914 ausschließlich mit Krupp Kanonen ausgestattet, obwohl diese oft schlechter als die ihrer Konkurrenten abschnitten. Der Einfluss der Militärberater sicherte aber die Aufträge. Das Gewicht, des durch Deutsche ausgebildeten argentinischen Offizierskorps, sollte sich während des Großen Krieges als Glücksfall erweisen, da es unter anderem maßgebliche diesem geschuldet war, dass Argentinien dem Reich nicht den Krieg erklärte.[12]

Der Ausbruch des Krieges veränderte wenig bis gar nichts an den Beziehungen zwischen beiden Ländern, noch hatte es Auswirkungen auf deutsche Kapitalanlagen oder Unternehmen am Rio de la Plata. Zwar wurde deutschen Angestellten alliierter Firmen gekündigt, doch wurden diese durch die deutsche Gemeinschaft versorgt. Der Überseehandel hatte durch die britische Blockade zunächst zu leiden und deutsche Unternehmen wurden auf die sogenannten schwarzen Listen gesetzt. Die Betroffenen fanden jedoch Wege, dem Verbot zu entgehen. Teils kam es zu Namensänderung, zum Austausch des Direktoriums oder dem Einsatz von Mittelsmännern unverdächtiger Nationalität. Zur Verteidigung, gegen die schwarzen Listen gründeten die deutschen Händler 1916 die Deutsch-Argentinische Handelskammer.[13] Zeitgleich erfolgte die Etablierung des Deutschen Volksbundes für Argentinien (DVA) zur Pflege des Deutschtums.[14]

Im Jahr darauf kam es zu weiteren Unruhen in den Beziehungen, als deutsche U-Boote die Handelsschiffe Monte Protegido und Toro versenkten. Gegen den Druck der politischen Opposition, der argentinischen Kriegsmarine und den der Mehrheit der Bevölkerung, bewahrte der damalige Präsident, Yrigoyen, Neutralität.[15] Die deutsche Seite bemühte sich gleichzeitig um eine schnelle Beilegung des Konfliktes und versprach eine Entschädigung sobald wie möglich. Die herablassenden verbalen Entgleisungen des Gesandten Luxburg über argentinische Regierungsmitglieder, die vorsätzlich von den USA veröffentlicht worden waren, hatten zur Folge, dass er zur Persona non grata erklärt wurde. Der Vorfall änderte aber nichts am Status quo, da Yrigoyen weiterhin an Argentiniens Neutralität festhielt.[16]

3. Die Wirtschaftsbeziehungen 1917/1918 bis 1933

Im Folgenden wird die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen geschildert. Diese sind in drei verschiedene Phasen aufgeteilt, in denen jeweils die Handels- und Schifffahrtsbeziehungen und die Expansion des deutschen Kapitals in Argentinien behandelt wird.

3.1 Die Wiederaufnahme der Wirtschaftsbeziehungen 1917/1918 bis 1924

Der Krieg hatte fast den kompletten Überseehandel zum Erliegen gebracht. Die Niederlage führte außerdem dazu, dass deutsche Unternehmen und Kapitalanlagen in alliierten Ländern konfisziert wurden. In Südamerika, vor allem in Argentinien, welches neben einigen anderen lateinamerikanischen Ländern, Neutralität bewahrt hatte, stellte sich die Situation günstiger dar. Denn dieses hoffte mithilfe Deutschlands, dem immergrößer werdenden ökonomischen Einfluss der USA Einhalt zu gebieten.[17] Auf der anderen Seite hatten die handelspolitischen Einschränkungen des Versailler Vertrags keine Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen. Der preußisch­argentinische Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsvertrag von 1856 galt weiterhin.

3.1.1 Kapitalentwicklung

Die Auswirkungen des Versailler Vertrags blieben für deutsches Kapital in Argentinien weitgehend wirkungslos, da es diesen nicht unterschrieben hatte·[18] Nichtsdestoweniger kam es in vielen Fällen dazu, dass deutsche Unternehmen sich dem jeweiligen Landesrecht unterstellten und ihren Namen änderten. Dies lag hauptsächlich an zwei Gründen. Zum einen befürchteten sie die Konfiszierung durch die Alliierten, jedoch viel schwerwiegender, durch die Reichsregierung, die damit versuchte, die Reparationsschuld zu begleichen.

Neben der Angst vor Konfiszierungen spielten auch die ökonomischen und rechtlichen Vorteile solcher Umwandlungen eine Rolle. Der einst mächtige diplomatische Schutz des Reiches hatte seinen Wert verloren und ausländische Kapitalgeber waren weniger geneigt, in deutsche Unternehmen zu investieren. Überdies gab es teilweise die Möglichkeiten Zollbarrieren zu umgehen als auch enge Beziehungen zu den jeweiligen Regierungen zu knüpfen.[19]

Aufgrund der zuvor genannten Problematik kam es zu vielen Neugründungen deutsch­argentinischer Unternehmen als auch zu Investitionen in die nationale Wirtschaft, die mithilfe deutschen Kapitals getätigt wurde. Darunter waren unter anderem die Telefongesellschaft Transradio (1920), die Versicherung La Protectora, die Fábrica Argentina de Productos Químicos (1921) und die Industrial and Mercantil Thyssen Limitada (1921).[20] Die Deutsche Erdöl Gesellschaft beteiligte sich am größten argentinischen Erdöl Produzenten La Astra.[21]

Bei Kriegsausbruch betrug das in Argentinien investierte deutsche Kapital ca. 500 Mill, argentinische Papierpeso (ca. 200 Mill. US Dollar). Darunter fielen hauptsächlich Unternehmensbeteiligungen, das Kapital deutscher Banken als auch argentinische Staatsanleihen. Während weltweit, einschließlich Argentiniens, der Zustrom deutschen Kapitals zum Erliegen gekommen war, stiegen dort die von Deutschen gemachten Investitionen.[22] Bei Kriegsende lagen sie bei 250 Mill. US Dollar.[23] Dies lag hauptsächlich daran, dass die Kapitalgewinne, in Argentinien sofort reinvestiert wurden und nicht nach Deutschland zurück transferiert wurden.[24]

Währenddessen blieben aber nicht alle Unternehmungen verschont. Beispielsweise wurden die Aktien Richard Wendelstadts der Brasserie Argentine Quilmes, einem der Gründer[25], da sie in der Bemberg Bank in Paris einlagen, vom französischen Staat eingezogen, Otto Sebastian Bemberg, der Sohn des Gründers, gelang es aber kurze Zeit später diese für einen geringen Preis zurückzukaufen und wurde so zum alleinigen Besitzer.[26]

Die Compania Alemana Transatlantica de Electricida, ein Tochterunternehmen der AEG, die die größte deutsche Investition in Lateinamerika, beziehungsweise Argentinien, darstellte, wurde in eine spanische Aktiengesellschaft mit Namen CHADE umgewandelt. Die Gründe dafür waren, dass man befürchtete, dass die Reichsregierung diese beschlagnahmen würde und es fehlte das reichsdeutsche Kapital, um die dringende Modernisierung des Unternehmens durchzuführen. Zwar gab es Angebote von britischer, italienischer und argentinischer Seite, doch befürchtete man, dann komplett den Einfluss im Unternehmen zu verlieren. Schließlich entschied man sich für das Angebot einer Gruppe spanischer Banken, da man sich seitens der AEG und der Deutschen Bank einen gewissen Einfluss erhoffte. Die deutsche Belegschaft des Werkes wurde weiterhin beschäftigt und es blieb der deutsche Kapitaleinfluss bestehen, da die Stammaktien ausgetauscht und sich somit deutsche Anleger wieder an dem Unternehmen beteiligen konnten.[27]

3.1.2 Die Erholung der Handelsbeziehungen und des Güterverkehrs

Obwohl der Krieg vorbei war, war es den deutschen Handelshäusern in Argentinien weiterhin verboten, legal Handel zu treiben. Die Handelskammer konnte aber die argentinische Regierung davon überzeugen mit den Briten Verhandlungen einzugehen, die Verbote wieder aufzuheben. Des Weiteren erhielten die Händler einen 100 Mill. Goldpeso Kredit vonseiten der argentinischen Regierung für den Kauf von Leder, Wolle und Leinsamen.[28]

Danach fing der Handel an, sich rasch zu erholen. Im Deutschen Reich herrschte Lebensmittelknappheit und Russland war als Weizenlieferant ausgefallen.[29] Auf der anderen Seite des Atlantiks suchten die argentinischen Produzenten landwirtschaftlicher Erzeugnisse, ab der in den 1920er Jahren einsetzenden Wirtschaftskrise händeringend nach Abnehmern. Andererseits konnten die deutschen Industrien aufgrund der Inflation ihre Waren deutlich unter dem Wert ihrer ausländischen Konkurrenten absetzen.[30] Wegen der bis Mitte Juli 1919 bestehenden Ententeblockade und des Verlustes der Handelsflotte fand die Lieferung über ausländische Schiffe und Häfen statt, beispielsweise der Niederlande oder Belgien.[31] Angesichts der günstigen Lage in Südamerika wurde seitens der Handels- und Industrieverbände für den Standort Argentinien geworben. Federführend war dabei der von Deutschland aus agierende Deutsche Wirtschaftsverband für Süd- und Mittelamerika.[32]

Über die genauen Mengen der exportieren Waren nach Deutschland ist wenig bekannt. In den argentinischen Exportstatistiken beispielsweise wird meistens zwischen England und Kontinentaleuropa unterschieden. Im Fall des Wollexports werden auch die einzelnen Länder aufgelistet. Für Deutschland wird zwischen Ende 1919 und Mitte 1921 eine Verdopplung des Exports von 8101 Tonnen auf 17850 Tonnen verzeichnet.[33] Die deutsche Rüstungsindustrie scheint auch schon früh profitiert zu haben. Stinnes konnte 1922 einen lukrativen Vertrag für die Lieferung eines Schwimmdocks zum Bau von U-Booten, den Minenabwehrfahrzeugen M79 und M80 im Wert von 1,650,000 Mill. RM und 18 Kurierbooten, verbuchen. Die Minenabwehrboote wurden unter den Tarnnamen Melitta und Margot geliefert.[34]

Der Reedereiabfindungsvertrag und das Geld aus dem Dawes Plan half den Reedereien wieder ihren Dienst aufzunehmen. Zunächst gelang es vor allem der Hamburg-Amerika­Linie und dem Norddeutschen Lloyd ihre Handelsflotte wieder aufzubauen.

[...]


[1] Vgl. „Deutsche Botschaft Buenos Aires - Deutschland und Argentinien“, http://www.buenos- aires.diplo.de/Vertretung/buenosaires/de/03-politik/bilateral/0-bilaterale-beziehungen.html (abgerufen am 27.11.2016).

[2] Vgl. „Gesamtwirtschaft & Umwelt - Handelspartner - Rangfolge der Handelspartner im Außenhandel - neu: mit Umsatz und Saldo - Statistisches Bundesamt (Destatis)“, https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Aussenhandel/Handelspartner/Ta bellen/RangfolgeHandelspartner.html (abgerufen am 27.11.2016).

[3] Vgl. „Machtwechsel in Argentinien: Die Ära des Kirchnerismus ist vorbei“, in: Frankf. Allg. Ztg. (2015), http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/argentinien-konservativer-macri-gewinnt- stichwahl-13926799.html (abgerufen am 27.11.2016).

[4] Vgl. „Neues Momentum in den Beziehungen zu Argentinien“, in: Ausw. Amt, http://www.auswaertiges-amt.de/DE/AAmt/BM-Reisen/2016/160601_ARG_MEX/160602_ARG.html (abgerufen am 27.11.2016).

[5] Vgl. Pade, Werner: Deutschland und Argentinien 1917/18-1933: Studien zur Expansion des deutschen Kapitals nach Lateinamerika in der Weimarer Republik, Universität Rostock 1971.

[6] Vgl. Rinke, Stefan: „Der letzte freie Kontinent“: deutsche Lateinamerikapolitik im Zeichen transnationaler Beziehungen, 1918 -1933 (Historamericana. - Stuttgart : Verlag Hans-Dieter Heinz, Akademischer Verlag, 1996- 1).

[7] Vgl. Gleich, Albrecht von: Germany and Latin America, Santa Monica, CA: RAND Corporation 1968, S. 3.

[8] Vgl. Lütge, Wilhelm, Werner Hoffmann und Karl Wilhelm Koerner: Geschichte des Deutschtums in Argentinien 1955, S. 99-174.

[9] Vgl. ebd., S. 216.

[10] Vgl. Rinke: Der letzte freie Kontinent, S. 46.

[11] Vgl. ebd., S. 53 f.

[12] Vgl. ebd., S. 71.

[13] Vgl. Business conditions in Argentina, Buenos Aires: Ernesto Tornquist & Company, Limitada 1921, S. 14.

[14] Vgl. ebd., S. 232-307.

[15] Vgl. Gleich/von: Germanyand Latin America, S. 7.

[16] Vgl. Gliech, Oliver: „Die deutsch-argentinischen Militärbeziehungen (1900-1945)“, in: Birle, Peter (Hrsg.): Beziehungen Zwischen Dischi. Argent., Frankfurt am Main: Vervuert 2010, S. 75-85.

[17] Vgl. Buenos Aires und Camara de Comercio Argentino-Alemana: Cámara de Comercio Argentino- Alemana: 1916-1966; Deutsch-ArgentinischeHandelskammer, Buenos Aires: Parada Obiol Artes Graf 1966, S. 88.

[18] Vgl. Keiper, Wilhelm: Das Deutschtum in Argentinien während des Weltkrieges, Hamburg: Christians 1942, S. 47.

[19] Vgl. Romero, Luis Alberto: A History of Argentina in the Twentieth Century: Updated and Revised Edition, Penn State Press 2013, S. 28 f.

[20] Vgl. Newton, Ronald C.: German Buenos Aires, 1900-1933. Social Change and Cultural Crisis, Austin and London: University of Texas Press 1977, S. 49.

[21] Vgl. Doss, Kurt: Das deutsche Auswaertige Amt im Uebergang vom Kaiserreich zur Weimarer Re publik: die Schuelersche Reform, Duesseldorf: Droste 1977, S. 152-154.

[22] Vgl. Sommi, Luis V: Los capitales alemanes en la Argentina: historia de su expansión, Buenos Aires: Editorial Claridad 1945, S. 37 f.

[23] Vgl. ebd., S. 43.

[24] Vgl. ebd., S. 52.

[25] Vgl. Tortella, Gabriel und Gloria Quiroga: Entrepreneurship and Growth: An International Historical Perspective, Palgrave Macmillan 2013, S. 83.

[26] Vgl. Sommi: Los capitales alemanes en la Argentina, S. 40.

[27] Vgl. Rinke: Der letzte freie Kontinent, S. 55-57.

[28] Vgl. Newton: German Buenos Aires, 1900-1933. Social Change and Cultural Crisis, S. 68.

[29] Vgl. ebd., S. 119.

[30] Vgl. ebd., S. 117.

[31] Vgl. Pade: Deutschland und Argentinien 1917/18-1933, S. 52 f.

[32] Vgl. Newton: German Buenos Aires, 1900-1933. Social Change and Cultural Crisis, S. 71.

[33] Vgl. Business conditions in Argentina, S. 11.

[34] Vgl. Schuler, Friedrich E.: Secret Wars and Secret Policies in the Americas, 1842-1929, UNM Press 2011, S. 299 f.

Details

Seiten
35
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668556263
ISBN (Buch)
9783668556270
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378191
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Neuere Geschichte
Note
2,3
Schlagworte
Deutschland Argentinien Beziehungen Kulturpolitik Wirtschaft Handel Schifffahrt Rüstungindustrie Weimar Außenpolitik

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Titel: Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen Deutschlands und Argentiniens zwischen 1917/1918 und 1933