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Historische Perspektiven auf die Arbeitsteilung im Haushalt

Akademische Arbeit 2017 14 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Geschlechterverhältnisse im Wandel

Mythos Familie

Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern

Der Kult der Häuslichkeit

Hausarbeit ist unproduktiv

Frauen erhalten weniger Lohn

Fazit

Literaturverzeichnis

„Seit Jahrtausenden haben Frauen zu dem Prozess ihrer eigenen Unterwerfung beigetragen, indem sie die Idee ihrer eigenen Unterlegenheit internalisieren. Die Unkenntnis ihrer eigenen Kampfgeschichte und Leistung diente als einer der Hauptmittel, die Frauen unterdrückt zu halten.“ (Gerda Lerner)[1]

Einleitung

Der österreichische Gesetzgeber sieht vor, dass beide Ehegatten zur Haushaltsführung verpflichtet sind[2] und ihre Beiträge mit dem Ziel der vollen Ausgewogenheit einvernehmlich gestalten sollen.[3] Gleichwohl ist es eine zentrale Errungenschaft des liberalen Rechtsstaates, sich nicht in den Bereich des Privaten einzumischen. Die Verteilung der Haushaltsarbeit auf die Partner obliegt diesen und wird von staatlicher Seite weder kontrolliert noch sanktioniert. Gesellschaftlich scheint eine partnerschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit im Sinne der Geschlechterdemokratie ein weithin anerkannten Ziel. Im krassen Gegensatz dazu steht jedoch der Umstand, dass Hausarbeit nach wie vor auch dann noch weiblich dominiert ist, wenn beide Partner erwerbstätig sind.[4] Die so genannten „Chamäleonfrauen“[5] wechseln je nach Ort bruchlos ihre Identität und Aktivität: selbstbewusste Karrierefrau im Job, traditionelle Hausfrau im Privaten. Hierfür gibt es neben biologischen, psychologischen[6] oder religiösen Rollenzuschreibungen unterschiedliche Erklärungsansätze.

Ökonomische Ansätze betrachten die Haushaltsmitglieder als rational handelnde Akteure, die ihre verfügbaren Ressourcen zwischen Markt und Haushalt so aufteilen, sodass ihr Gesamtnutzen maximal wird. Wie in einem guten Team macht jeder das, was er am besten kann. Sind die komparativen Vorteile beispielsweise dahingehend verteilt, dass der Mann mehr verdient, so ist es ökonomisch sinnvoll, wenn sich die Frau um die Hausarbeit kümmert.[7] Ressourcen- oder Austauschtheorien verstehen die Aufteilung der Hausarbeit hingegen als Ergebnis eines Verhandlungsprozesses. Wer innerhalb des Haushalts über mehr Ressourcen (Bildung, Einkommen, Berufsposition) verfügt und/oder aufgrund eines höheren „Beziehungs-Marktwertes“ weniger Interesse am Fortbestand der Beziehung hat, hat eine stärkere Verhandlungsmacht und kann die unangenehme Hausarbeit von sich weisen.[8] Diese Theorien sind per se geschlechtsneutral, d.h. sie erklären bestenfalls den konkreten Einzelfall, können aber keine Begründung dafür liefern, warum es de facto immer die Frauen sind, die den Großteil der Hausarbeit zu verrichten haben. Ein möglicher Erklärungsansatz hierfür wäre die Geschlechterrollentheorie. Geschlechterrollen sind eine Sammlung von kulturellen Werten, die über Sozialisation (Tradition, Geschichte) erlernt werden. Solche Rollen sind dauerhaft angelegt und entstehen durch ständige Reproduktion von Geschlechtsidentität („Doing Gender“).[9] Ein kurzer Blick in die Geschichte soll Klarheit bringen.

Geschlechterverhältnisse im Wandel

Zwischen dem 6. und dem 16. Jahrhundert ist der Feudalismus[10], bei dem abhängige Bauern für ihren Lehensherrn den Grund bewirtschaften, die vorherrschende Gesellschafts- und Wirtschaftsform in Europa.[11] Die stark durch saisonalen Rhythmus geprägte Arbeit (Aussaat, Ernten…), an der jeder im Haushalt beteiligt ist, steht im Mittelpunkt. Jedes Familienmitglied muss unabhängig von Geschlecht oder Alter[12] mitarbeiten. Da Blutsverwandtschaft für den Arbeitsalltag sekundär ist, wird der Familienbegriff in einem weiteren Sinne verstanden und umfasst neben der Kernfamilie auch nicht-verwandte Angestellte (Diener, Arbeiter, Gesinde). Nahrung, Kleidung, Kerzen, Seifen, Haushaltswaren werden von der Familie selbst hergestellt, lediglich spezialisierte Produkte wie Pflüge, Schuhe oder Fässer werden zugekauft. Die Produktion ist primär für den Eigengebrauch ausgerichtet, zufällige Überschüsse werden auf Märkten getauscht.[13]

Wie schon im antiken Griechenland der „Oikos“[14] bildet auch in dieser vorindustriellen Gesellschaften „das ganze Haus“[15] als Wirtschaftsgemeinschaft den Lebensmittelpunkt. Produktion und Reproduktion, Arbeit und Freizeit sind weder zeitlich noch räumlich getrennt. Die Arbeitsaufteilung orientiert sich nicht am Geschlecht sondern am Status innerhalb der Hausgemeinschaft. Hausherr und Hausherrin stehen ihren Bediensteten vor. Auch Söhne lernen Handarbeiten wie Spinnen oder Weben.[16] Frauen verrichten an der Seite ihrer Männer oft harte körperliche Arbeit.[17] Auch wenn diese Form des Zusammenlebens aus der Distanz zu romantischen Vorstellungen Anlass gibt, ist der harte Alltag durch Arbeitspragmatismus und patriarchale Strukturen geprägt. Da Wohn- und Arbeitsbereich eine Einheit darstellen, gibt es keine Privatsphäre. Die Kinder gelten als Esser, Arbeiter und Erben, ihre Erziehung erfolgt bestenfalls beiläufig, da die Konzentration auf Reproduktionsaufgaben, nicht auf Sozialisationsaufgaben liegt.[18]

Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert wird dieses Feudalsystem durch erste Frühformen des Kapitalismus[19] verdrängt.[20] Eine Modernisierung des Agrarsektors durch neue Techniken führt zur Produktionssteigerung. Innovationen bei Fruchtfolge, Entwässerung und Pflügen erhöhen die landwirtschaftlichen Erträge, Maschinen ersetzen die menschliche Arbeit. Größere Landwirte wandeln ihre feudalen Titel am Land in vertragliche private Eigentumsrechte um. Kleinbauern, die dem Wettbewerbsdruck nicht standhalten können, müssen ihre Höfe verlassen und werden zu Lohnarbeitern. Solange jeder nur für den Eigenbedarf arbeitete, war jeder automatisch beschäftigt. Nun entsteht erstmals das Phänomen der Arbeitslosigkeit.[21] Etwa zweihundert Jahre nach der Agrarrevolution kommt es im 18. und 19. Jahrhundert durch Innovationen im Sektor der Industrie zu einer erneuten Revolution. Massenproduktion und maschinenproduzierte Waren ersetzen die Heimarbeit und weniger effizienter Kleinproduzenten. Wie in der Landwirtschaft steigt die Anzahl der Lohnarbeiter und es entstehen nun zwei Klassen: Auf der einen Seite die Bourgeoisie der wohlhabenden Bauern, Handwerker und Kaufleute, die durch Reinvestition ihrer Gewinne immer reicher wird, auf der anderen Seite die lohnabhängigen Industrie-, Landwirtschafts- und Handels-Arbeiter, die zusehends zu verarmen drohen.[22]

Mit Aufstieg des Bürgertums kommt es zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und Sphärentrennung. Der Bürger übt einen außerhäuslichen Beruf aus, der nicht mit der Geburt vererbt wird sondern fachspezifische Kenntnisse erfordert, die erst erworben werden müssen. Eine zeitweise Vertretung durch andere Familienangehörige ist damit nicht mehr möglich. Da die Qualifikation nicht wie Grund und Boden oder ein Adelstitel vererbt werden kann, treten Bildung und bürgerliche Erziehung in den Vordergrund. Diese Rolle wird den Müttern zugedacht, die den entstandenen Freiraum füllen, der durch den Wegfall der Erwerbsarbeit entsteht. Dieses Leitbild setzt sich wegen der prägenden Kraft des Bürgertums durch und wird auch für die Arbeiterschaft erstrebenswert.[23]

Die (männlich dominierten) Gewerkschaften versuchen die Situation der Arbeiter zu verbessern und fordern einen Familienlohn, der groß genug ist, um eine ganze Familie zu ernähren. Dazu suchen sie Verbündete in den oberen Klassen, indem sie sich der „Ideologie der Häuslichkeit“[24] bedienen. Das Ziel: Frauen sollen aus bestimmten Industriezweigen und Berufen ausgeschlossen werden, um den Wettbewerb um Arbeitsplätze zu begrenzen und die Löhne zu erhöhen.[25] Das Male-breadwinner-Modell wird Ausdruck der wirtschaftlichen Interessen von qualifizierten männlichen Gewerkschaftern, die die Konkurrenz von Frauen, die für einen niedrigeren Lohn arbeiten würden, verrichteten.[26] Bis Ende des 19. Jahrhunderts gelingt es tatsächlich, Löhne zu etablieren, die groß genug sind, um eine Mittelschichts-Familie zu ernähren.[27] Dadurch wird die außerhäusliche Arbeit der Frauen überflüssig. Als „Arbeit“ gilt fortan nur mehr solche, die außerhalb des Hauses für einen Lohn durchgeführt wird.[28] Die Löhne der Frauen, die dennoch arbeiten, gelten als „Spielgeld“ („Nadelgeld“). Die Verbesserung der Einkommen der Arbeiterklasse erfolgte somit zu Lasten der wirtschaftlichen Chancen der Frauen.[29]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gerät die Gesellschaft in eine Krise. Modernisierung und Beschleunigung der Gesellschaft führen zu einer Re-Mythologisierung der Geschlechterverhältnisse.[30] Nach dem Ersten Weltkrieg wird die Reproduktionsarbeit schließlich in die alleinige Verantwortung der Frauen aller Schichten gelegt.[31] Im Nationalsozialismus wird die Rolle der Hausfrau zunächst ideologisch überhöht und später durch deren Einsatz in der Rüstungsindustrie konterkariert. Nach 1945 machen Haushaltsgeräte die Hausarbeit einfacher und ersetzen in den oberen Schichten das Dienstbotenpersonal.[32] Erst jetzt entsteht das heute als „traditionell“ bezeichnete Familienmodell mit einer strukturellen, zeitlichen und räumlichen Trennung in eine Männerwelt (Beruf) und eine Frauenwelt (Heim, Familie). Diese strikte Trennung wird auch durch eine entsprechende Gesetzgebung gefestigt. So haben Frauen bis in die 1970er Jahre kein Recht auf eine eigene Erwerbstätigkeit ohne die Zustimmung ihres Ehemannes.[33] Die soziale und ökonomische Existenz der Frau ist dadurch an Mann gebunden, da auch das Sozialversicherungssystem auf das Arbeitsverhältnis (des Mannes) aufbaut, Ehefrau und Kinder sind „nur“ mitversichert.[34] Feministische Bestrebungen haben mittlerweile erreicht, dass zwar die gesetzliche Gleichstellung vollzogen ist, der der staatlichen Einflussnahem entzogene Bereich des Privaten ist jedoch nach wie vor weiblich dominiert. Dieser Umstand veranlasste die damalige Frauenministerin Helge Konrad im Jahr 1996 zur Lancierung der Kampagne „Ganze Männer machen Halbe/Halbe“, um die Beteiligung der Männer im Haushalt zu forcieren.[35] Welche Erkenntnisse können nun aus diesem kurzen geschichtlichen Streifzug gezogen werden?

[...]


[1] Lerner 1984, S. 410

[2] § 95 ABGB: „Die Ehegatten haben an der Führung des gemeinsamen Haushalts nach ihren persönlichen Verhältnissen, besonders unter Berücksichtigung ihrer beruflichen Belastung, mitzuwirken. Ist jedoch ein Ehegatte nicht erwerbstätig, so obliegt diesem die Haushaltsführung; der andere ist nach Maßgabe des § 91 zur Mithilfe verpflichtet.“

[3] § 91 ABGB: "Die Ehegatten sollen ihre eheliche Lebensgemeinschaft, besonders die Haushaltsführung, die Erwerbstätigkeit, (…) mit dem Ziel voller Ausgewogenheit ihrer Beiträge einvernehmlich gestalten. Von einer einvernehmlichen Gestaltung kann ein Ehegatte abgehen, wenn (…) sein Wunsch nach Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, als gewichtiger anzusehen sind. In diesen Fällen haben sich die Ehegatten um ein Einvernehmen über die Neugestaltung der ehelichen Lebensgemeinschaft zu bemühen.“

[4] Erwerbstätige Männer arbeiten im Schnitt 41 Stunden außerhalb des Hauses und 7 Stunden für Haushalt und Kinder. Bei den berufstätigen Müttern sind es ungleich mehr, nämlich 32 und 40 Stunden. (Vgl. Haidinger 2008, S. 4f)

[5] Vgl. Jurczyk 2008, S. 78f

[6] So bezeichnet etwa der „Geschlechtscharakter“, ein Begriff aus dem 18. Jahrhundert, die mit der Physiologie korrespondierenden Geschlechtsmerkmale. Die Anatomie des Körpers entscheidet in diesem Modell über Eigenschaften wie Aktivität oder Passivität, Rationalität oder Gefühl, etc. und somit über die Zuweisung sozialer Rollen. (Vgl. Schößler 2008, S. 26ff)

[7] Vgl. Becker 1981, S. 15ff

[8] Vgl. Hartmann 1998, S. 143 und Klaus / Steinbach 2002 , S. 21ff

[9] Vgl. Gildemeister 2004, S. 132f

[10] lat. feudum = Lehen

[11] Vgl. Barker / Feiner 2009, S. 20f

[12] Kinder sind bereits ab 4 Jahre in den Arbeitsprozess eingebunden

[13] Vgl. Medick 1982, S. 271ff

[14] Die Begriffe Ökonomie und Ökologie sind von Oikos abgeleitet.

[15] Die Bezeichnung „ganzes Haus“ stammt von Wilhelm Heinrich Riehl 1855 (Vgl. Egner 1985, S-139)

[16] Vgl. Gildemeister / Hericks 2012, S. 10

[17] Das weibliche Schönheitsideal traditioneller Agrargesellschaften ist nicht durch Eigenschaften wie schlank, grazil oder zart geprägt. (Vgl. Mitterauer 1992, S. 143f)

[18] Vgl. Buchholz 2009, S. 13

[19] Der Merkantilismus ist eine frühe Form des Kapitalismus, der zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert die Hauswirtschaft verdrängt. (Vgl. Wagenhofer 2007, S. 4)

[20] Vgl. Mitterauer 1982, S. 241ff

[21] Vgl. Barker / Feiner 2009, S. 22

[22] Ebda., S. 22f

[23] Vgl. Gildemeister / Hericks 2012, S. 11f

[24] Die Vorstellung, dass Frauen zu zerbrechlich sind, um den Härten des industriellen Lebens ausgesetzt zu werden, ist wichtiges Thema in der Arbeitsgeschichte.

[25] Vgl. Barker / Feiner 2009, S. 28ff

[26] Vgl. Folbre 1991, S. 468

[27] Das Erreichen eines Familienlohns war jedoch immer auf einen Teil der Arbeiterklasse beschränkt. In den USA waren beispielsweise bestimmte ethnische Gruppen von guten Arbeitsplätzen ausgeschlossen. So waren farbige Familien von den Einkommen von Frauen und Kindern abhängig. (Vgl. Barker / Feiner 2009, S. 28ff)

[28] Vgl. Folbre 1991, S. 468

[29] Schon Karl Marx und Friedrich Engels wiesen Forderungen der Frauen nach wirtschaftlicher Gleichheit zurück.

[30] Vgl. Schößler 2008, S. 37

[31] Vgl. Wirthenson 1990, S. 83

[32] Vgl. Wagenhofer 2007, S. 6

[33] Vgl. Schwarz 2012, S. 14f

[34] Vgl. Wagenhofer 2007, S. 7

[35] Für nähere Infos zur Kampagne siehe Steger-Mauerhofer, Hildegard 2007: Halbe / Halbe! Utopie Geschlechterdemokratie? Zur partnerschaftlichen Teilung der Versorgungsarbeit in Österreich

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