Lade Inhalt...

Der Einfluss der arabischen Sprache auf das français parlé in Saint-Denis (Paris)

Bachelorarbeit 2015 42 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Klassifikation der arabischen Sprache

3. Arabische Graphematik und Phonetik
3.1. Die arabischen Grapheme
3.2. Artikulationsarten und Artikulationsorte einiger arabischer Konsonanten

4. Geschichte des Sprachkontaktes zwischen Frankreich und dem Orient
4.1. Früher Einfluss ab dem Hochmittelalter
4.2. Direkte Kontakte in der Neuzeit
4.3. Die sprachlichen Folgen

5. Gesprächsanalyse
5. 1. Methodologie
5. 2. Gesprächsanalyse 1
5.3. Gesprächsanalyse 2
5.4. Gesprächsanalyse 3

6. Konklusion

7. Bibliographie

8. Anhang
8. 1. Transkription der Gesprächsanalysen
8.1.1. Transkription 1: Hachim H.
8.1.2. Transkription 2: Kenza Ait M.
8.1.3. Transkription 3: Unbekannter Proband
8.2. Guidelines für die Gesprächsanalysen
8.3. Liste der arabischen Buchstaben (Ineichen 1997)

1. Einführung

„Die Sprache ist ein lebender Organismus, und bei Organismen war es schon immer so, dass sie nach bestimmten Gesetzen wuchsen und sich entwickeln“ (Keller 2004, 194f.). Diese Metapher stammt von Rudi Keller, einem der berühmtesten deutschen Linguisten unserer Zeit, der sich mit dem Thema des Sprachwandels auseinandersetzt. Sprache ist nichts Statisches, sie befindet sich in einem permanenten Wandlungsprozess.

Während meines Auslandsaufenthalts in Paris verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit in dem Vorort Saint-Denis, wo sehr viele Franzosen mit maghrebinischem Migrationshintergrund leben. An einem Nachmittag fragte ich meine französische Gastmutter, wo mein Gastbruder bleibe. Ihre Antwort motivierte mich dazu, meine Bachelorarbeit diesem Thema zu widmen: „ Salam Ibrahim. Ludovic n'est pas encore là. Je crois qu'il est dans la madrasah, peut-être il est passé chez mon ukht. Wallah il m'a dit qu'il viendrait avant le maghrib, mais c'est presque nuit“.

Es ist bekannt, dass die französische Sprache viele Wörter arabischen Ursprungs beinhaltet und dieses sind Wörter, die Sprecher tagtäglich benutzen und die sich in das französische Sprachsystem integriert haben. Nichtsdestotrotz benutzte meine Gastmutter, die kein Arabisch spricht, drei Wörter und eine Phrase, die wir heutzutage in keinem französischen Wörterbuch finden, wie madrasah = école, ukht = sœur, maghreb = coucher du soleil und wallah = Je jure par Dieu. Natürlich fragte ich meine Gastmutter sofort, wieso sie diese Wörter benutzt hatte und sie antwortete mir nur: „C'est ma langue maternelle, je comprends pas ce que tu veux dire“. Saint-Denis ist ein Ort, wo die arabische Sprache eine sehr dominante Position einnimmt. Im Maghreb ist sie die Erstsprache der meisten Bewohner. In muslimisch-afrikanischen Staaten ist das Erlernen der arabischen Sprache von großer Wichtigkeit. Folglich lernen die Schüler über mehrere Jahre das Hocharabische. In Saint-Denis leben sowohl Migranten aus dem Maghreb als auch Migranten aus verschiedenen muslimisch-afrikanischen Staaten.

Diese Bachelorarbeit hat den Titel „Der Einfluss der arabischen Sprache auf das français parlé in Saint-Denis (Paris)“ und soll dem Leser diese beeindruckende Begegnung zweier Sprachen schildern und anhand von praktischen Untersuchungen demonstrieren.

Die folgende Arbeit ist in zwei Teile gegliedert: Zu Beginn wird die hocharabische Sprache vorgestellt und gezielt auf die Graphematik und Phonetik eingegangen. Außerdem wird die Geschichte des französisch-arabischen Sprachkontaktes vom Mittelalter bis zur Neuzeit zusammengefasst skizziert und es wird dabei auch auf den von Ferguson eingeführten Begriff der Diglossie eingegangen.

Im zweiten Teil werde ich eine praktische Umsetzung vorstellen, bei der ich drei Konversationen analysieren werde, die ich im Gespräch mit Einwohnern Saint-Denis‘ aufgezeichnet habe. Diese Gespräche wurden phonetisch transkribiert und in Hinblick auf die Fragestellung analysiert, inwieweit der arabisch-französische Sprachkontakt in den Aussagen eines Franzosen in Saint-Denis nachgewiesen werden kann. Zu Beginn werde ich meine methodische Herangehensweise beschrieben. Anschließend werden die Gespräche, unter Zuhilfenahme von Literatur zur Struktur- und Soziolinguistik, analysiert.

2. Klassifikation der arabischen Sprache

Es ist von großer Bedeutung zu wissen, dass das Arabische nicht als Sprache des arabischen Volkes gesehen wird, sondern als „die Sprache des Islam“ (Ineichen 1997, 6). Die Einwohner der arabischen Länder sprechen alle arabisch, seien sie Christen, Drusen oder Andere, aber alle Muslime, die nicht die arabischen Länder bewohnen, sprechen dennoch arabisch. Die Sprache wird benötigt, um den Koran rezitieren und auswendig lernen zu können. Außerdem wird sie gebraucht um die Aussagen des Propheten Mohameds und der islamischen Gelehrten zu verstehen und zu interpretieren (vgl. ebd.). Zur Veranschaulichung des hohen Stellenwertes der arabischen Sprache in der islamischen Religion wird oft der folgende Hadith[1] genannt:

„Liebt die Araber aus drei Gründen: Weil ich ein Araber bin, weil der Koran auf Arabisch offenbart wurde und weil sie die Sprache der Paradiesbewohner ist.‘“[2]

Durch diesen Hadith sieht man deutlich, wie nah die arabische Sprache mit dem Islam verknüpft ist. Sie dient als Identitätsmerkmal der islamischen Religion und als Zeichen einer äußert starken Literaturepoche. Als Mohamed den Koran lehrte, herrschte die Hoch- und Blütezeit der arabischen Sprache. Die Sprachkunst faszinierte alle Einwohner der arabischen Halbinsel und viele folgen Mohamed, weil der Koran in einer Sprache verfasst wurde, die kein Dichter oder Linguist zuvor hätte beschreiben oder verfassen können. Diese Relation zwischen Religion und Sprache kann auch für das Judentum attestiert werden, wo das Hebräische von hoher Wichtigkeit ist. Alle Menschen jüdischen Glaubens lernen das Hebräische zu lesen und zu schreiben, selbst wenn sie nicht in Israel leben. Vergleichbar ist dieses auch mit dem Lateinischen, das als Verkehrssprache für das Christentum diente (vgl. Ineichen, 6.), wenn dies auch heute nur noch im Vatikan selbst der Fall ist. Arabisch ist eine Weltsprache und wird derzeit von ca. 353 Millionen Menschen als Muttersprache gesprochen und von etwa 246 Millionen als Zweit-oder Fremdsprache (vgl. Ulaval 2010).

Das Arabische gehört zu den semitischen Sprachen, welche sich wiederum als Untergruppe der Afro-Asiatischen Sprachgruppe zuordnen lassen. Die semitische Sprachgruppe weißt viele Gemeinsamkeiten in ihren unterschiedlichen Sprachen auf, wozu unter anderem auch das Hebräische, das Bärbische und das Aramäische gehören. Beispielsweise besitzen sie alle ein Dreikonsonantenwurzelsystem, Glottale Konsonanten und parataktische Konstruktionen zudem werden Aktionsarten mit Prä- bzw. Suffixen dargestellt. Diese Gemeinsamkeiten vereinfachen die Entlehnung von Wörtern von einer in die andere Sprache. Ansonsten wäre es sehr schwer, dass sich ein Wort der indogermanischen Sprache ins klassische Arabisch integriert (Versteegh 1997, 10), da die komplette Morphologie der semitischen Sprachen auf dem Dreikonsonantenwurzelsystem beruht. Zusätzlich unterscheidet man zwischen süd- und nordsemitischen Sprachen. Während das Hebräische beispielsweise zum nordsemitischen Sprachzweig gehört und Amharisch zum südsemitischen, ist das Arabische sowohl eine südsemitische als auch eine nordsemitische Sprache. Dies erklärt Kusters wie folgt:

Typologically and geographically, Arabic occupies a position between these two groups. In older works Arabic was classified as a southern Semitic language, but Hetzron (1976) adducts arguments for a grouping amongst the northern languages. The position of Arabic between the two poles is often explained in a historical scenario in which the speakers of Arabic hold an intermediary position between the southern and northern Semitic people (2003, 91).

In älterer Literatur liest man oft, dass das Arabische eine südsemitische Sprache ist, doch Kusters weißt hier sehr explizit darauf hin, dass das Arabische aufgrund des Sprachkontaktes mit Nord- und Südsemiten ein Intermediär zwischen beiden Sprachgruppen ist.

Das Wissen um den großen Stellenwert, den das Arabische unter den Mitgliedern der islamischen Religionsgemeinschaft hat, lässt die Erwartungen zu, dass muslimische Sprecher anderer Erstsprachen wie z.B. des Französischen die Sprache ihrer Religion auch in den Sprachgebrauch ihrer Umgangssprache integrieren und besonders Phrasen und Wörter religiöser Hintergründe durch arabische Phrasen und Wörter ersetzen.

3. Arabische Graphematik und Phonetik

3.1. Die arabischen Grapheme

Das Arabische besitzt seine eigene Schrift, die auch in andere Sprachsysteme eingeführt wurde, wie in den persischen Dialekten im Iran und Afghanistan. Sie wird, anders als die lateinische Schrift, von rechts nach links geschrieben. Im Folgenden werden die arabischen Grapheme und Phoneme behandelt, damit das Folgen der späteren Gesprächsanalysen leichter nachvollzogen werden kann. Im Arabischen gibt es insgesamt 28 Konsonanten, worunter zwei als Semivokale fungieren (vgl. Boudaakkar 2008, 13 ff.). „Sie ist eine Kurrentschrift, d.h., sowohl in der Schreibschrift als auch in der Druckschrift werden die Buchstaben – mit Ausnahme von sechs – durch Verbindungsstriche […] mit dem Nachfolgenden Buchstaben im Wortverband verbunden“ (Kästner & Waldmann 1992, 7). Vergleichbar ist dieses mit der lateinischen Ausgangsschrift, die die Buchstaben nicht isoliert voneinander, sondern die Wörter als Buchstabenketten repräsentierten. Die arabische Schrift kennt – anders als die lateinische – keine Groß- und Kleinschreibung, hat aber für jeden Buchstaben 4 Formen. Zunächst einmal existiert die isolierte Form, d.h., die Form, in der der Buchstabe geschrieben wird, wenn er alleine steht, ohne von einem anderen Buchstaben gefolgt zu sein oder einem anderen zu folgen. Dann gibt es die Initialposition, welche verwendet wird, wann immer der Buchstabe zu Beginn des Wortes gebraucht wird. Die Medialposition stellt den Buchstaben in der Mitte des Wortes dar und die Finalposition repräsentiert den Buchstaben am Ende eines Wortes (vgl. ebd.). Um dieses Phänomen darzustellen, habe ich den Buchstaben des Lautes /x/ in all seinen möglichen Positionen in (1) dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Oft haben mehrere arabische Buchstaben denselben Korpus und unterscheiden sich nur durch einen Punkt. Das Alphabet ist nach der optischen Form der Buchstaben sortiert, d.h., dass die Buchstaben, die denselben Korpus haben, nebeneinanderstehen, sich jedoch durch die Punktierung unterscheiden (vgl. ebd.). Hierfür habe ich zur Verdeutlichung in (2) einige Beispiele angegeben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vokale existieren nicht als Buchstaben, sondern als sogenannte Vokalzeichen. Das Arabische kennt drei Vokale: /a/, /u/ und /i/. Diese drei werden durch Symbole realisiert, die auf den jeweiligen Buchstaben kommen, um seine Vokalposition anzuzeigen. In der Blütezeit der arabischen Sprache war das Volk so sprachbegabt, dass diese Vokalisierungssymbole nicht benötigt wurden, doch aufgrund zunehmender Unwissenheit und des falschen Rezitierens des Korans wurden diese Vokalisierungssymbole von islamischen Linguisten eingeführt und werden bis heute noch gebraucht (vgl. Versteegh 1993, 20). Sie dienen heute vor allem denjenigen als Hilfe, die arabisch als Zweit- oder Fremdsprache lernen. Arabische Muttersprachler benötigen diese Vokalisationszeichen in der Regel nicht, gebrauchen sie jedoch mitunter, um Ambiguität zu vermeiden, da auch die kurzen Vokale bedeutungsverändernd sind. Darüber hinaus können die kurzen Vokale durch das Einfügen von gewissen Buchstaben verlängert werden. Diese drei Buchstaben sind einmal das [ali:f] /a:/, [wa:w] /u:/ und [ja:] /i:/ (ebd., 30). Eine Vokalverlängerung wird in (3) dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Darstellen jedes einzelnen Graphems und Phonems der arabischen Sprache würde hier zu weit führen. Ineichens Darstellung der arabischen Grapheme und Laute ist jedoch im Anhang angefügt und darin ist ebenso dargestellt, welche IPA-Symbole hier jeweils verwendet werden. Zum Abschluss dieses Kapitels möchte ich gerne einige Besonderheiten der arabischen Phonetik erwähnen, die im Französischen nicht existieren, darunter verschiedenen Artikulationsarten und –orte.

3.2. Artikulationsarten und Artikulationsorte einiger arabischer Konsonanten

Es gibt eine Artikulationsart, die im Französischen nicht existiert. Dieses ist der Affrikat. Dieses Phänomen beschreibt eine derart enge Verbindung zwischen Plosiv und Frikativ, dass der Plosivlaut direkt in den Reibelaut übergeht (vgl. Gimson 2008, 326). Affrikate existieren auch im Deutschen, wie zum Beispiel im Wort Dschungel [ ʤ ʊŋl̩]. Genau dieser Laut /ʤ/ existiert auch im Arabischen.

Das Arabische kennt vier Artikulationsorte, die in der französischen Phonetik nicht gebraucht werden, darunter die interdentalen Laute. Die Artikulation erfolgt durch eine Friktion zwischen Zunge und den beiden oberen großen Schneidezähne. Bekannte Beispiele hierfür kennt man aus der englischen Sprache, wie in den Wörtern th is und th at. Im Arabischen gibt es drei interdentale Laute: stimmhaftes /ð /, empathisches /ðˤ/ und stimmloses /θ/. Glottale Laute werden in der Glottis (Stimmritze) gebildet und sind ebenfalls in der deutschen Aussprache zu finden, wie in Haus [ h aʊs] (vgl. Plag u.a. 2007, 11). Erneut existiert derselbe Laut /h/ auch im Arabischen. Pharyngeale Laute, wovon es im Arabischen zwei gibt, werden im Pharynx (Rachen) gebildet: Zunächst den stimmlosen Frikativlaut /ħ/ und den stimmhaften Frikativlaut /ʕ/ (vgl. Ineichen, 8).

Außerdem unterscheidet das Arabische bei der Stimmbeteiligung zwischen 3 Arten: Stimmlos, stimmhaft und emphatisch. In der arabischen Phonetik ist die Bezeichnung emphatisch gleichbedeutend mit einer Sekundärartikulation mit verengtem Rachen- oder Hinterzungenraum, welche je nach Artikulationsstelle als Velarisierung oder Pharyngalisierung betrachtet wird. Im Arabischen existieren drei solcher Laute: Der alveolare Plosiv /dˤ/, der interdentale Frikativ /ðˤ/ und der alveolare Frikativ /sˤ/ (vgl. ebd.).

4. Geschichte des Sprachkontaktes zwischen Frankreich und dem Orient

Die arabische Sprache und ihre Kultur beeinflussten das gesamte Abendland. In der französischen Sprache können wir dies anhand der vielen Lehnwörter aus dem Arabischen feststellen, die bereits zur Zeit des Altfranzösischen begannen sich zu etablieren und deren Entlehnungsprozess teilweise bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortging. Dabei erreichten die Arabismen sämtliche verschiedenen Register des Französischen wie die Fachsprache alcali < [alka:li], das Umgangssprachliche bésef < [basa:f] und das das Vulgäre zob < [zib] (vgl. Kiesler 2006, 1648). Linguisten sprechen hierbei zwei Möglichkeiten, wie die Arabismen ins Französische gelangt sind: Entweder fand eine direkte Entlehnung aus dem Arabischen ins Französische oder eine indirekte Entlehnung vom Arabischen über das Italienische oder das Spanische ins Französische statt, sodass man von verschiedenen Schichten französischer Wörter mit arabischer Herkunft sprechen kann. Vergleicht man den Einfluss des Arabischen auf das Französische mit dem Einfluss auf die Südromanischen Sprachen, so lassen sich zwei bedeutende Unterschiede feststellen: Zunächst einmal der zeitliche Unterschied, da die südromanischen Sprachen die meisten Arabismen während des Mittelalters ins Sprachsystem aufgenommen haben, während im Französischen der hohe Zuwachs an Arabismen erst in der Neuzeit stattfand. Der zweite wichtige Unterschied sind die beeinflussten Register, da die Arabismen sowohl die Gemeindesprachen, als auch die Dialekte der südromanischen Sprachen beeinflusst haben, während beim Französischen überwiegend die niedrige Umgangssprache und der Argot durch die Wörter arabischer Herkunft beeinflusst wurde (vgl. ebd., 1649).

4.1. Früher Einfluss ab dem Hochmittelalter

Der direkte und indirekte Einfluss der arabischen Sprache auf die französische fand in drei signifikanten Bereichen sowohl direkt als auch indirekt statt. Der wichtigste Zeitraum waren die Kreuzzüge, denn dort begegneten französische Krieger den Arabern zum ersten Mal. Wichtig hierbei ist die Eroberung Jerusalems durch die Christen im Zeitraum vom 1099-1291, zu welcher Zeit auch christliche Staaten im Orient existierten, die einen Sprachkontakt zwischen Franzosen und Arabern möglich machten. Der zweite wichtige Einflussfaktor war der Handel mit dem Orient, durch den ein Sprachkontakt zwischen dem Orient und Frankreich unvermeidlich wurde. Da jedoch Italien zu dieser Zeit eine überlegenere Handelsmacht war, hat das Italienische in dieser Epoche dementsprechend mehr Arabismen aufnehmen können als das Französische. Der letzte Bereich des gesellschaftlichen Lebens im Mittelalter, der die Aufnahme von Wörtern arabischer Herkunft in das Französische positiv bedingte, war die Übersetzung verschiedenster Literatur „durch die romanischen Schwestern“ (ebd.). Aus dieser Epoche, dem Hochmittelalter, stammen die ersten Arabismen im Französischen, welche auf 15 geschätzt werden, jedoch gibt es in der Literatur auch Fachleute, die bis zu 17 oder 18 Arabismen entdecken konnten. Zu diesem frühesten Arabismen gehören gazelle < [raza:l] und caroubier < [xaru:ia:].

Bei der Frage, weshalb es so wenig arabische Wörter ins Französische geschafft haben, ist zunächst „das Fehlen direkter kultureller Kontakte zwischen Arabern und Kreuzfahrern“ zu nennen (ebd.). Außerdem hatten die Franzosen im Bereich des Handels eine zu starke Konkurrenz von der Seite der Italiener, sodass sie oft nicht mit den Arabern verhandeln konnten. Im Übrigen war das Lateinische die einzige anerkannte Wissenschaftssprache in Frankreich, sodass keine Motivation bestand das Arabische zu lernen (vgl. Ineichen, 6ff.). Jedoch war die Übernahme indirekter Arabismen zu dieser Zeit höher, die durch die Übersetzungen aus mittellateinischen Texten oder aus den romanischen Schwestern ins Französische resultieren, worunter auch viele Termini verschiedener Wissenschaften gehören, die dem Abendland durch die Araber vermittelt wurden. Im Mittelalter waren die Araber in vielen wissenschaftlichen Disziplinen wissender als das heutige Europa, sodass sie sehr viele Fachbegriffe aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Botanik, Medizin, Anatomie und Astrologie ans Abendland übermittelt haben. Einige Beispiele für diese indirekten Entlehnungen wären julep (13. Jh.) < mlat. Julapium < ar. [ʁula:b] oder algèbre < mlat. Algebra < ar. [alʁabr]. Des Weiteren erhielt das Französische durch die Handelsbeziehung zwischen Italien (Italienisch) und der Iberischen Halbinsel (Katalanisch) und durch viele literarische Kontakte mit diesen Sprachen einen weiteren großen Zuwachs an Wörtern arabischer Herkunft wie sucre < it. Zucchero < ar. [sukar] oder alcôve < sp. Alcoba < ar. [alquba] (vgl. Kiesler, 1650).

4.2. Direkte Kontakte in der Neuzeit

Die höchste Anzahl an Arabismen erhielt die französische Sprache in der Neuzeit. Gründe hierfür waren beispielsweise der Handel, Reiseberichte, der Ägyptenfeldzug von Napoleon zwischen 1789 und 1799 und besonders die französische Kolonialisierung im Maghreb. 1830 begann die französische Eroberung Algeriens, 1883 führte Frankreich mit der Kolonialisierung Tunesiens seine Expansion fort und eroberten mit Marokko im Jahre 1912 den gesamten Maghreb. Durch diese Übernahme kamen viele verschiedene französische Truppen, die nur französisch sprachen in eine Umgebung, wo das Arabische die dominierende Sprache war (vgl. ebd.). Es entstand also ein sehr enger Sprachkontakt zwischen diesen beiden Sprachen, wobei aufgrund der Stellung Frankreichs als Kolonialsmacht das Französische jedoch anschließend die dominierende Sprache in diesen Umgebungen wurde. Vor allem Algerien wurde das Zentrum der französischen Aktivitäten, sodass im Jahre 1898 ca. 275000 Franzosen in Algerien lebten. Viele Lehnwörter, die sich ins Französische etabliert haben sind nicht hocharabischer Herkunft, sondern stammen von den umgangssprachlichen Dialekten des Maghreb. Damit dieses besser nachvollzogen werden kann ist es notwendig zu wissen, dass heute in allen arabischen Ländern das Phänomen der Diglossie herrscht, was bedeutet, dass zwei Varietäten einer Sprache von der gleichen Sprechergemeinschaft gesprochen werden (vgl. Ferguson 1959, 232 ff.). Dabei unterscheidet man zwischen der H-Varietät (High-Variety), die in formellen Kontexten wie der Schule, Universität oder Verwaltung genutzt wird und der L-Varietät (Low-Variety), die normalerweise die Erstsprache (L1) der Sprecher ist und in familiären Kontexten genutzt wird. Die H-Varietät ist in allen arabischen Ländern das Hocharabische, jedoch unterscheiden sich alle Länder in ihrer L-Varietät. Folglich spricht man marokkanisches Arabisch, libanesisches Arabisch, ägyptisches Arabisch etc. Somit nutzen Araber aus verschiedenen Ländern das Hocharabische als Verkehrssprache, da die H-Varietät bei allen identisch ist (vgl. ebd.). Das Arabische wurde im gesamten Maghreb während der Kolonialzeiten unterdrückt und die Araber und Berber sollten sich die französische Sprache aneignen, jedoch haben Franzosen während ihres Aufenthaltes sehr viele Wörter aus den maghrebinischen Dialekten ins Französische übernommen. Dabei gelangte sehr viel Kriegsvokabular arabischen Ursprungs in die französische Sprache, weil Eingeborenentruppen wie die Bat d’Af in Nordafrika stationiert waren und die Einheimischen des Maghreb auch für Frankreich im ersten Weltkrieg kämpften. Nach einiger Zeit kehrten die sogenannten Pieds-noirs, die in Nordafrika lebenden Franzosen, zurück nach Frankreich, sodass sehr viele Arabismen ins Französische gelangt sind. Diese Arabismen teilt man in zwei Kategorien: Die einen Wörter arabischer Herkunft haben sich ins Standartfranzösisch etablieren können wie houri ‚Paradiesjungsfrau‘ > ar. [hu:ri]. Diese Arabismen sind bislang nicht ausführlich erforscht worden. Die zweite Kategorie beinhaltet Wörter, die fünf gemeinsame Charakteristika haben:

1. Sie sind aus dem maghrebinischen Arabisch entlehnt
2. Sie gehören sowohl im Arabischen, als auch im Französischen zu einem niedrigen Stil
3. Sie haben Konnotationen des Abschätzigen, Familiären und Derben
4. Sie sind in direkten, andauernden Kontaktsituationen zwischen soziologisch analogen Schichten übernommen worden.
5. Sie stehen den Etyma lautlich nahe

Dazu gehört zum Beispiel kif-kif ‚gleich‘ > ar. [kifkif]. Während dieser Zeit wurden nicht nur Substantive ins Französische aufgenommen, sondern auch Verben wie niquer ‚ficken‘ > ar. [ni:k], Adjektive wie mesquine ‚arm’ > ar. [misqi:n], Adverbien wie chouIa ‚wenig’ > ar. [ʃwai] und Interjenktionen wie zob ‚Penis‘ > ar. [zib]. Es gibt auch Arabismen, die nur im Französischen und nicht in anderen romanischen Sprachen existieren, wie bled ‚Kaff‘, clebs ‚Köter‘ oder maboul ‚dumm‘ (vgl. Kiesler, 1651).

4.3. Die sprachlichen Folgen

Die arabische Sprache hat den französischen Wortschatz direkt oder indirekt in vielen Bereichen wie dem Militär, der Schifffahrt, dem Vokabular für Stoffe, Haushalt, Tiere und Früchte bereichert. Viele wissenschaftliche Arbeiten beschäftigen sich mit den indirekten Arabismen, jedoch stellen die direkten Arabismen ein noch nicht sehr weit erforschtes Gebiet dar. Bezüglich der graphematischen Anpassung der Arabismen an das Französische lässt sich sagen, dass dies ein relativ komplexer Vorgang ist, weil es sich hierbei um zwei völlig unterschiedliche Schriftsysteme handelt. Zusätzlich lässt sich der Dialekt des Maghreb oft nicht in arabischer Schrift schreiben, weil gewisse Laute wie das [e] im Hocharabischen nicht existieren. Durch die graphematische Anpassung verwendet man für einige Arabismen wie cadi die finale Position des Vokals [i] (<-i>), die im Französischen sonst nicht gebraucht wird sowie einen Vokal vor dem Buchstaben <h> (<(V)h>) wie bei kasbah. Außerdem erscheint öfters der Buchstabe <k>, der sehr selten im Französischen verwendet wird wie bei aboukorn. Zusätzlich wird das Französische um zwei Diagraphen bereichert: Zunächst einmal das <dj>, um den frikativen Affrikatenlaut /dʒ/ wie bei canadji zu markieren und das <gh> bei Worten wie fellagha, obwohl der Laut identisch mit dem französischen /ʁ/ wie bei la rue ist. Die übrigen Konsonanten der arabischen Sprache bleiben erhalten, jedoch verfällt die empathische Eigenschaft einiger Laute, sodass sie je nach Wort durch einen stimmlosen oder stimmhaften Konsonanten substituiert werden. Der pharyngale Frikativlaut /x/ wird sowohl graphematisch als auch phonetisch zu einem /k/, selten auch [kʁ] wie bei [xalas] ‚Schluss‘ fr. class. /h/ und /ħ/ verschwinden komplett in der Aussprache und Schreibweise der Wörter arabischer Herkunft (vgl. ebd., 1651).

Die Arabismen werden zudem an das Französische so angepasst, dass sie verschiedene französische Suffixe annehmen können, wie {ni:k} + {er} = niquer oder [alku ħ u:l] > { alc Ɔ l} + {ik} = alcoolique. Ebenfalls unterschiedet man zwischen zwei Sorten von Arabismen, nämlich denen, die sich ins Französische integriert haben, wie jupe und candi und jenen, die von französischen Sprechern noch als fremd angesehen werden, wie couscous (vgl. ebd., 1652 f.).

5. Gesprächsanalyse

5. 1. Methodologie

Nachdem ich die arabische Sprache und die Geschichte und Mechanismen des arabisch-französischen Sprachkontakts vor- und dargestellt habe, möchte ich nun zum Hauptteil meiner Arbeit übergehen. In dieser Sektion möchte ich darstellen, inwieweit der Sprachkontakt des Arabischen und Französischen im français parlé der Einwohner Saint-Denis‘ nachgewiesen werden kann. Um diese Frage zu beantworten, wurden drei Einwohner des Pariser Vorortes interviewt. Alle drei Befragten unterscheiden sich in Alter, Beruf und nachbarschaftlichem Umfeld, sodass die Ergebnisse ausführlich miteinander verglichen werden können. Jedes Interview dauerte sieben Minuten, was zu insgesamt fünf Minuten Sprechzeit pro Proband geführt hat. Anschließend wurden die Aussagen der Befragten in die IPA-Schrift transkribiert und zunächst damit begonnen, sie einzeln zu analysieren. Außerdem wurden einige Guidelines erstellt, die die Analyse erleichtert haben. Bei jedem Sprecher wurde auf die gleichen Aspekte geachtet und mittels Fachliteratur wurde genauer auf bestimmte linguistische Phänomene eingegangen, um diese genauer analysieren zu können.

Die erstellten Guidelines und die drei transkribierten Gespräche befinden sich im Anhang. Um das Nachvollziehen dieser Analyse zu erleichtern, wurden die jeweiligen Aspekte, auf die eingegangen wurde, fett markiert und nummeriert.

5.2. Gesprächsanalyse

Der erste Sprecher, der interviewt wurde, heißt Hachim H., kommt aus dem Libanon, ist 33 Jahre alt und lebt bereits seit 13 Jahren in Saint-Denis. Im Libanon lernte er Französisch weder als Fremd- noch als Zweitsprache, sondern hat sich seine Sprachkenntnisse während seines langjährigen Lebens in Frankreich angeeignet. Seine Frau ist Französin und für seine beiden Kinder ist das Französische ebenfalls Muttersprache.

Beim Betrachten der Äußerungen des ersten Probanden zeigen sich linguistisch sehr interessante Phänomene. Der Sprecher beherrscht sowohl das Französische als auch das Arabische und kann sich folglich in beiden Sprachen ausdrücken. Beim Betrachten der phonetischen Transkription wird deutlich, dass das Arabische sehr oft anstelle des Französischen benutzt wird. Dieses Phänomen nennt man Code-Switching und darunter versteht man, dass ein mehrsprachiger Sprecher zwischen zwei ihm bekannten Sprachen wechselt. Man unterscheidet hierbei zwischen intersentialem Code-Switching, d.h., dass der Sprecher die Sprache von Satz zu Satz wechselt und intrasentialem Code-Switching, d.h., dass der Sprecher innerhalb eines Satzes mehrere Sprachen benutzt. Code-Switching ist ein sehr verbreitetes Phänomen und der Hauptgrund für dessen Erscheinung ist Migration (vgl. Winford 2003, 13 ff.). Code-Switching erfolgt nur dann, wenn der Gesprächspartner ebenfalls beide Sprachen beherrscht. Es ist demnach nicht verwunderlich, dass im vorliegenden Fall, also unter den Sprechern in Saint-Denis, wo viele Bürger sowohl Französisch als auch Arabisch sprechen, Code Switching ein sehr häufig vorkommender Prozess ist.

Bei der Betrachtung des Probanden 1 ist deutlich festzustellen, dass der Sprecher sowohl intrasentiales, als auch intersentiales Code-Switching gebraucht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Hadith (arab. Aussage) bezeichnet die überlieferten Zitate des Propheten Mohameds.

[2] Eigene Übersetzung von: „أحبّوا العرب لثلاث: لأنّي عربي، والقرآن عربي وكلام أهل الجنة عربي“ (At-Tabarani Al-Jami` as-Saghir, 225)

Details

Seiten
42
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668580046
ISBN (Buch)
9783668580053
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v378020
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Schlagworte
Saint Denis Linguistik Sprachwandel Sprachgeschichte Arabisch Französisch Keller Invisible Hand

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Einfluss der arabischen Sprache auf das français parlé in Saint-Denis (Paris)