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Die Geschichte der mittelniederdeutschen Fastnachtspiele. Entwicklung und Wandel

Essay 2004 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Fastnachtspiele

Mittelniederdeutsche Fastnachtspiele

Im 15. Jh. beschränkte sich der Begriff „Fastnachtspiel“ weder auf die dramatische Gattung, noch war er auf den Bereich des Fastnächtlichen beschränkt: als „Fastnachtspiel“ werden jegliche der Volksbelustigung dienenden Vorführungen und Vergnügungen bezeichnet.

Heute versteht man unter „Fastnachtspiel“ ab etwa 1430 im gesamten deutschsprachigen Raum aufgeführte Spiele in städtischer Umgebung zur Fastnacht, die (zunächst) an ihren Anlass (Fastnacht) und ihren Zweck (Belustigung und Unterhaltung) gebunden waren.

Nur in einzelnen städtische Zentren hat es zeitversetzt eine literarische Gestaltung erfahren: Lübeck (ab 1430), Nürnberg (ab 1440), im alemannischen Raum (ab 1510), Tirol (ab 1500),

Ein erster Hinweise auf den Begriff „Fastnachtspiel“ findet sich in einer archivalischen Nachricht aus Hall in Tirol (1426), in der von „zwein spiln ze vasnacht“ die Rede ist. Ob das „eigentliche“ Fastnachtspiel gemeint ist, ist fraglich, zumal es zeitgenössisch weder auf die dramatische Gattung noch den Bereich des Fastnächtlichen beschränkt ist. Als Fastnachtspiele werden die verschiedenen der Volksbelustigung dienenden Vergnügungen und Vorführungen bezeichnet.

Im Folgenden soll das „Fastnachtspiel“ als Fastnachtspiel verstanden werden, das ab etwa 1430 im gesamten deutschsprachigen Raum in städtischer Umgebung zur Fastnacht aufgeführt wurde und dass zunächst anlass- und kontextgebunden war.

Die Fastnacht ist seit 1091 (Konzil von Bevent) der Faschingsdienstag, Tag vor Aschermittwoch. Feiern finden jedoch später vor allem in den letzten drei Tagen, auch in der vorhergehenden Woche vor Aschermittwoch statt.

Die Fastnacht, „dies pingues“, ist Zeit der Ausgelassenheit und Lebenslust, Verabschiedung der irdischen Freuden und bevorzugte Zeit für Feste (u.a. Fastnachtspiele). Sie leitet die nachfolgenden Wochen asketischer und reinigender Enthaltsamkeit ein.

Die Fastenwochen von Aschermittwoch bis Gründonnerstag (40tägige Quadragesima) werden dabei als Nachvollzug der Passion Christi und seines 40-tägigen Aufenthaltes in der Wüste (Mt 4, 1-11) verstanden. Während der Zeitspanne Fastnacht-Fasten-Ostern sollte die Sündhaftigkeit der Menschen zur Umkehr geleitet und in die österliche Bußstimmung der Weltabgewandtheit überführt werden

„Mittelniederdeutsche Fastnachtspiele“ sind die in mittelniederdeutscher Sprache verfassten Spiele. Die Silbe „Mittel“ bedeutet hier „zwischen Altsächsisch und Neuniederdeutsch (Plattdeutsch)“. Die Silbe „nieder“ umfasst das deutsche Sprachgebiet, das nicht von der 2.Lautverschiebung betroffen ist. Die Silbe „deutsch“ bezeichnet die Verkehrssprache der Hanse (das Sassesche). Im 16. und 17. Jh. wird die mittelniederdeutsche Sprache langsam von der sich ausbildenden Hochsprache verdrängt.

Gattung

Abgesehen von einzelnen weltlichen Stücken wie „Des Endkrist Vasnacht“ (14. Jh), dem „Spiel von Herbst und Mai (13./14. Jh)“ oder dem „St. Pauler Neidhardspiel (14. Jh)“ wird das weltliche Spiel des Mittelalters allein durch das Fastnachtspiel repräsentiert. Der Spielinhalt des Neidhart-Spiels geht nahtlos in die Fastnachtspiele über.

Im Gegensatz zu fastnächtlichen Bräuchen handelt es sich hier um eine selbstständige literarisch-theatralische Form, die in Deutschland neben verschiedenen Arten des geistlichen Spiels um 1430 entsteht und nach 1600 wieder aus der Literatur verschwindet. In anderen europäischen Ländern entsteht sie bereits ab dem 13. Jh.

Schon Ende des 15. Jh. ist das Fastnachtspiel Synonym für das weltliche Spiel und ausdrücklicher Gegenbegriff zum geistlichen Spiel. Im 16. Jh. setzen sich mit den Gattungsformen der antiken Dramatik auch deren Bezeichnungen durch.

Ursprung

Es scheint belegt zu sein, dass die Kirche Ursprung für das geistliche Spiel ist. Die Hypothesen über den Ursprung des weltlichen Fastnachtspiels gehen weit auseinander.

Es gibt verschiedene Vermutungen, wie z.B. mittelalterliche Vaganten haben Einfluss geübt, Fastnachtspiele seien eine Spätstufe germanistischer Kultspiele, das Fastnachtspiel habe sich aus dem geistlichen Spiel, dem frühen weltlichen Spiel oder aber aus den fastnächtlichen Bräuchen selbst entwickelt. Diese Vermutungen werden heute von der Auffassung abgelöst, es gebe keinen Ursprung, sondern diverse Anfänge, die von dem Unterhaltungsbetrieb der Städt abhängig seien. Es handele sich bei Fastnachtspielen um literarische Produkte individueller Verfasser, die in städtischer Umgebung unter bestimmten sozialen Umständen -unabhängig von Brauchtumsursprüngen- entstanden seien. Einflüsse der niederländischen Rederijker-Kamers und der etwa zeitgleichen Lübecker Zirkelbrüderspiele sind wahrscheinlich.

Entwicklung und Nachwirken

Innerhalb des Fastnachtspiels bildet sich im Laufe des 16. Jh. eine Form des dramatischen Lustspiels heraus, die jedoch nicht weiter wirkt. Insgesamt hat die Gattung so gut wie keine literarische Fortwirkung und keinen gestaltenden Einfluss auf das Drama. Möglicherweise übte das Fastnachtspiel Einfluss auf die Dialogdichtung aus, die hierdurch zu einer wirklichkeitsnäheren Gestaltung angeregt worden sein könnte.

Mitte des 18. Jh. wird die Dichtung wieder auf das Fastnachtspiel aufmerksam. Johann Christoph Gottsched untersucht als erster die Gattung des Fastnachtspiels wissenschaftlich. Er beginnt seine Darstellung der Entwicklung des deutschen Dramas mit Auszügen und Erörterungen von Hans Sachs, Hans Rosenplüt und Peter Probst. Seit Gottsched wird das geistliche vom weltlichen Spiel aufgrund der jeweiligen inhaltlichen Unterschiede abgegrenzt.

Im Sturm und Drang und in der frühen Romantik gewinnt das Fastnachtspiel vorübergehend literarische Bedeutung für die Literaturgattung des Dramas, die von Johann Wolfgang von Goethe in Deutschland eingeführt wird. Jakob Michael Rainer Lenz, August Wilhelm von Schlegel, Ludwig Tieck und Heinrich Leopold Wagner übernehmen diese.

Forschung

Erst Mitte des 19. Jh. wendet sich die Forschung dem Fastnachtspiel zu. Sie widmet sich zunächst den größtenteils handschriftlich überlieferten Texten.

Den entscheidenden Anlass gibt Adelbert von Keller mit seinem vierbändigen „Fastnachtspiele aus dem fünfzehnten Jahrhundert“ (1853/58).

In den vier Bänden befinden sich insgesamt 132 Spiele. Davon sind 129 hochdeutsche Spiele vorwiegend aus Nürnberg. Die drei in niederdeutscher Sprache verfassten Fastnachtspiele sind „Burenbedregerie“, „Wo men böse Frouwens främ maken kan“ und „Ein Vastelavendes Spil van dem Dode unde van dem Levende“ (Nicolaus Mercatoris, 1576).

Nach den Textausgaben der (Nürnberger) Spiele durch E. Goetze, A. von Keller und F. Schnorr von Carolsfeld erscheinen 1886 O. Zingerles „Sterzinger Spiele“ (Tirol). Im Jahr 1885 gibt Wilhelm Seelmann weitere niederdeutsche Fastnachtspiele heraus: „Das Glücksrad“, „Das Röbeler Spiel“, „Der Scheveklot“ und „Das Zwiegespräch zwischen Leben und Tod“.

Damit waren schon vor 1900 fast alle bis heute bekannten Fastnachtspiele der Forschung zugänglich gemacht worden. Später wurden nur noch ganz vereinzelt weitere Fastnachtspiele entdeckt und veröffentlicht. So z.B. die in mittelniederdeutscher Sprache verfassten Lübecker Fastnachtspiele „Historie van dem Papyrio praetextato“ von Matthaeus Forchem (1551) und das von Woeste entdeckte „Claus Bur“ von M. Bado aus Minden. Letzteres wurde 1850 von A. Hoefer herausgegeben.

Laut Eckehard Catholy sind noch nicht alle Handschriften und Frühdrucken gesichtet. Bedeutendste Quelle archivalischer Hinweise auf Fastnachtspiele und deren Aufführungen stellen die Nürnberger Ratsprotokolle dar. Auf bisher unveröffentlichte Quellen weist die Bibliographie von Kertz und Strössenreuther hin.

C. Walther schließt aus der Tatsache, dass die vereinzelten in niederdeutscher Sprache verfassten Spiele aus Hildesheim, Lübeck, Riga, Röbel, Soest und Wolfenbüttel stammen, dass sich mehr niederdeutsche Städte beteiligt haben müssen, aber viele Spiele verloren seien. In Lübeck, z.B., ist neben 73 Spieltiteln lediglich die Drucklegung eines einzigen Fastnachtspiels erhalten, nämlich die des „Henselyns boek“.

Aus Nürnberg, dagegen, sind recht viele Spiele erhalten, weshalb sich die Forschung zunächst fast ausschließlich mit ihnen beschäftigte. Trotz des reichen Materials setzt die Forschung nur zögernd ein. Zunächst stieß es möglicherweise aufgrund der Moralvorstellungen des 19. Jh. nur auf wenig Interesse. Abwertende Äußerungen von z.B. von Creizenach oder Goedeke lassen darauf schließen, dass man formal die strukturelle Unabgeschlossenheit kritisierte, die den gattungspoetischen Normen der Klassik widersprach. Inhaltlich nahm man an der scheinbaren Primitivität und brutalen Rohheit der Sitten Anstoß.

Wichtige Spielzentren waren Lübeck und der niederdeutsche Raum, Nürnberg, Tirol und das alemannische Gebiet.

Die Tradition des Fastnachtspiels ist vor allem im oberdeutschen Raum vertreten, von wo aus die meisten Spieltexte überliefert wurden. Der früheste bekannte Beleg stammt aus dem norddeutschen und verweist auf die ab 1430 regelmäßig in Lübeck stattgefundenen Spiele. Harald Behrendt geht davon aus, dass man die Anfänge bei den Lübecker Spielen suchen muss. Auch Catholy weist darauf hin, dass es nicht die Nürnberger Spiele waren, die alle anderen Fastnachtspielzentren beeinflusst haben. Die Spielkultur Nürnbergs setzte zudem erst an 1440 ein.

Das frühe Nürnberger Spiel („Des Türken Vasnachtspiel“, K 39, 1456) ist kein Reihen -, sondern Handlungsspiel. Es ist nicht heiter, sondern sozialkritisch.

Die Nürnberger Spiele beeinflussten die Tiroler Fastnachtspiele. Aber auch zwischen den einzelnen Spielorten scheint es gegenseitige Beeinflussungen gegeben zu haben.

Die Lübecker Spiele waren durch die niederländischen Rederijker beeinflusst. Die Aufführungsform, die Stoffkreise und die innere Organisation der Gesellschaften waren nahezu deckungsgleich mit Veranstaltungen der Zirkelbrüder. Die Lübecker Spiele beeinflussten wiederum die des allemannischen Gebietes.

Wandel

Inhaltlich sind Fastnachtspiele lebende Gebrauchstexte in einem städtischen Kommunikationssystem, an dessen Spielwirklichkeit alle sozialen Schichten Anteil nehmen konnten. Dies betraf gerade auch die Schichten, die nicht lesen oder schreiben konnten bzw. die, die weder lesen noch schreiben konnten.

Die Fastnachtspiele sind zunächst an ihren Anlass, d.h. an die Fastnacht gebunden. Sie sind auch zunächst an deren Zweck gebunden, d.h. ein Beitrag zur Fastnachtunterhaltung zu sein. Zudem haben die Spiele eine Grundstruktur (s.u.).

Die Epoche vor der vorreformatorischen Zeit ist gekennzeichnet durch Daseinslust. Die frühen Spiele des Hans Rosenplüt dokumentieren jedoch auch die Notwendigkeit einer Disziplinierung des sozialen Verhaltens. Schon im 15. Jh. gibt es nicht das bloß heitere, derbe typisch frühe Nürnberger Spiel, sondern ernstere und moralisierende Tendenzen. Beispiele sind die sozialkritischen Spiele „Des Entchrist Vasnacht“ K 68, „Des Türken Vasnachtspil“ K 39, religionspolemische Spiele (K 1, 20, 106) und anti-höfische Spiele (K 80/81).

Die Spiele des 16. Jh. thematisieren Moralität und religionskritische Themen. Mit der sich vollziehenden inhaltlichen Wandlung unter dem Einfluß der Reformation vollzieht sich zudem eine formale Wandlung: Die zunehmende Verbreitung und Verschriftlichung der Spieltexte in Buchform führte zu einer neuen Gebrauchssituation: Das Fastnachtspiel wurde zunehmend stärker im Hinblick auf die Lektüre als im Hinblick auf die Aufführung konzipiert.

Damit löst sich das Fastnachtspiel mehr und mehr von seiner Abhängigkeit vom Aufführungsanlass, der Fastnacht, und dem Zweck. Themen der heiteren Nürnberger Spiele waren z.B. die Bloßstellungen ärztlicher Quacksalber, Debatten- und Gerichtsspiele, die Dummheit der Bauern oder die unglückliche Liebe. Die Themen der Fastnachtsspiele veränderten sich.

Themen, die die Menschen auch losgelöst von der Fastnacht bewegten, wurden zum Mittelpunkt der Spielhandlung. Dazu gehörten im Lübecker Raum ernstere moralisierende Themen und reformatorische Anliegen im niederdeutschen Raum und im allemannischen Gebiet.

Die Rahmenhandlung der Fastnachtspiele entfällt im 16. Jh. -und zwar in zunehmenden Maße parallel zur Ablösung des Fastnachtspiels vom ursprünglichen Anlass und Zweck. Die Spiellänge nimmt zu, erreicht vereinzelt als Lesedrama bis zu 2000 Verse.

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Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783668553026
ISBN (Buch)
9783668553033
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377984
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Niederlandistik
Note
Schlagworte
Mittelniederdeutsch Fastnachtspiele Lübecker Fastnachtspiele Nürnberger Fastnachtspiele Fastnachtspiele im Allemannischen Raum Fastnachtspiele in Tirol Fastnachtspiele im 15. und 16. Jahrhundert

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