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Spott im antiken Griechenland. Was erzeugt Schande?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Spott im antiken Griechenland – Was erzeugt Schande?
2.1 Optische Abweichung von der Norm – Die Hässlichkeit des Thersites
2.2 Auflehnung gegen die Herrschenden – Die Schmachrede des Thersites
2.3 Unfähigkeit sich angemessen auszudrücken – Odysseus‘ Reaktion auf die Schmachrede des Thersites
2.4 Auflehnung gegen die Herrschenden – Die Demütigung des Achill
2.5 Mangelnde Tüchtigkeit im Krieg – Paris
2.6 Das Auslachen als Demütigung
2.7 Die Schadenfreude über Missgeschicke
2.8 Körperliche Mängel
2.9 Charakterfehler

3 Die homerische Gesellschaft: Die Figur des Thersites und ihre Bedeutung

4 Fazit

5 Anhang: Karte Smyrna und Chios

6 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ziel dieser Hausarbeit ist es folgende Frage zu beantworten: Was erzeugt Schande? Um diese Fragestellung zu untersuchen wird der Spott in der griechischen Antike untersucht, insbesondere anhand der Ilias von Homer. Homer lebte etwa um 600 v.Chr, es handelt sich demnach um die griechische Archaik, auch bekannt als das ,,Dunkle Zeitalter“. In der Archaik ging es den Aristokraten gut und die Unterschicht war der Inbegriff des Schlechten. Dies erkennt man unter anderem durch die von Homer in der Ilias dargestellten Personen: Thersites, Achill und Paris. Thersites, dem Demos angehörig wird von Homer besonders abwertend dargestellt. Diese drei Personen stammten aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und sind deshalb für eine umfassende Untersuchung des Spottparadigmas, welches im Fokus dieser Arbeit liegt, unerlässlich. Abgesehen von konkreten personellen Beispielen aus der Ilias werden allgemeine Gründe aufgezählt, die als Untugenden des idealtypischen griechischen Mannes galten und somit zu Schande führten. Im Anschluss der Spottthematik geht es um den Dichter Homer, da seine Ilias das Kernstück dieser Arbeit bildet und der gesonderten Interpretation seiner Person und die damit einhergehende Analyse der Person Thersites bedarf. Um Homers Absicht bei der Beschreibung dieser Person untersuchen zu können und damit das griechische Spottparadigma umfassend zu interpretieren, ist eine objektive Quellenkritik durch Hinzunahme geeigneter Sekundärliteratur notwendig. Im Fokus stehen hier Schmidt, ein Philologe, der sich intensiv mit Thersites beschäftigte und Petermandl, ein Sporthistoriker, der sich mit der Kombination aus Sport und Spott auseinandersetzte. Die Spott-Thematik wird in der Forschung bereits seit Jahren untersucht, wodurch sich auch die vorwiegend ältere Literatur erklären lässt. Die Ilias von Homer existiert schon viele Jahrhunderte und mit ihr die Person des Thersites, dem Sinnbild einer verspotteten Person. Viele Forscher haben sich im Laufe der Jahre der Interpretation dieser Figur diskursiv angenommen und die Merkmale der Schande herausgestellt, die sich bis heute nicht geändert und ihre Gültigkeit behalten haben. Diverse Gründe der Erzeugung von Schande werden mit dem Personenbeispiel des Thersites verknüpft, da seine Darstellung, bezogen auf Spott, äußerst ergiebig ist. Achill und Paris erhalten in gesonderten Kapiteln ihre Rechtfertigung. Inhaltlich gesehen könnte die homerische Ilias zum Teil auch zu der Belustigung der Aristokratie gedient haben. Dazu werden im Folgenden einige Beispiele genannt. Die Unterschicht war dem Spott der Oberschicht ausgesetzt und hatte in der Archaik selten Grund zum Lachen.

2. Spott im antiken Griechenland – Was erzeugt Schande?

Verspottet wird, wer nicht der Norm entspricht. Die Verspottung bestimmter Menschen unterliegt gesellschaftlichen Kriterien, die dadurch bestätigt und gefestigt werden. Im antiken Griechenland gab es zahlreiche Gründe einen Menschen zu verspotten: Missgeschicke, Versagen oder das Zuziehen von Verletzungen im sportlichen Kontext. Körperliche Abnormitäten, Widerspruch gegen die Herrschenden, das Aussehen, der Charakter und die Ausdrucksweise einer Person zählten ebenfalls zu den Untugenden des Griechen. Entsprach man nicht dem Ideal, gab es viele Möglichkeiten sich den Hohn seiner Mitmenschen zuzuziehen, wie im Folgenden beschrieben wird.[1]

2.1 Optische Abweichung von der Norm – Die Hässlichkeit des Thersites

Wer als hässlich galt, wurde schnell zum Opfer der Verhöhnung. Als hässlich galt, wer eine große Nase hatte. Das vorherrschende Motiv in den griechischen Epigrammen ist der Vergleich einer Nase, die so groß ist, dass sie als Instrument dienen konnte. Außerdem wurde eine Nase erwähnt, die man zum Fischen gebrauchen könnte oder als Leiter, um ein Feuer zu löschen. Die Nase als Zeiger einer Sonnenuhr oder Maßstab war ebenfalls aus Epigrammen bekannt. Des Weiteren wird von einem Mann gesprochen, dessen Nase so groß sei, dass er sie nicht mit dem ausgestreckten Arm erreichen könne.[2]

Thersites ist wohl die bekannteste Figur aus der Ilias, die mit Spott und vor allem der Hässlichkeit verbunden wird:

,,Als der häßlichste Mann war er nach Troja gekommen:

Krumm die Beine, auf einem Fuß hinkend, die Schulter, die beiden,

Bucklig, zur Brust hin zusammengebogen; aber darüber

Lief ihm der Kopf spitz zu, drauf sproßte spärliche Wolle.“[3]

Dieser kurze Auszug aus der Ilias beschreibt das abstoßende Äußere des Thersites, der nicht nur aus diesem Grund von Odysseus auf drastische Art zum Schweigen gebracht wird. In diesem Kapitel soll es aber nur um die Hässlichkeit gehen. Offen bleibt die Frage, ob Thersites als Buckliger geboren wurde oder sich den hinkenden Fuß beispielsweise durch eine Verletzung in einer Schlacht zugezogen hatte. Dies ist unwichtig, da selbst verschuldete Hässlichkeit und angeborene nicht unterschieden wurde. Der Autor, Homer, zeichnet hier das Bild eines Mannes der es aufgrund seines Aussehens und seiner späteren Worte nicht Wert ist bemitleidet zu werden. Bewusst pflanzt Homer den Lesern eine Antipathie gegenüber Menschen, die dem Aussehen Thersites´ entsprechen ein.[4] Thersites ist ein Zerrbild eines idealtypischen Mannes: Hässlich, körperlich behindert, literarisch unbegabt und ohne aristokratische Herkunft.[5]

2.2 Auflehnung gegen die Herrschenden – Die Schmachrede des Thersites

Es widersprach gänzlich der antiken griechischen Gesellschaftsnorm, wenn sich jemand von gesellschaftlich niedrigerem Rang anmaßte, sich gegen die Herrscher auszusprechen. Vor allem, wenn dies in einem Umfeld geschah, wo ein Höhergestellter zugegen war, der sich diesem Herrschenden zugehörig fühlte. Das beste Beispiel, um eine solche Auflehnung zu beschreiben und die Konsequenzen zu betrachten ist die Schmachrede des Thersites aus der Ilias:

,,Aber mit lautem Ruf beschimpfte er da Agamemnon:

»Atreussohn, was fehlt dir denn wieder, und wessen bedarfst du?

Dir sind die Zelte voll mit Erz, und Frauen in Menge

Sind bei dir im Zelt, erlesene, die wir Achäer

Dir als dem ersten geben, sooft eine Stadt wir erobern.

Oder brauchst du noch Gold, das der rossezähmende Troer

Einer als Lösegeld für den Sohn aus Ilion bringe,

Welchen ich selbst oder sonst ein Achäer gebunden gebracht?

Oder ein neues Weib, dem du dich in Liebe vereinigst,

Die du gesondert für dich behältst? Es ist doch nicht richtig,

Daß der Achäer Söhne als Führer du bringst ins Verderben.

Weichlinge, feiges Pack, ihr Weiber, nicht Männer Achaias,

Laßt uns nach Hause ziehn mit den Schiffen und diesen in Troja

Hier die Ehrengeschenke verdauen, damit er gewahre,

Ob nicht auch wir oder ob wir ihm nicht zu helfen vermögen.

Hat er doch auch den Achill, einen Mann, der weit besser als er ist,

Jetzt entehrt und behält das Geschenk, das er selber ihm wegnahm.

Doch auch Achill hat keine Galle im Leib, er ist träge,

Sonst hättest du, Atride, zum letztenmal heute gefrevelt.«“[6]

Thersites wird nicht als gewöhnlicher Krieger beschrieben, aber sein Charakter kann einen Wechsel vollziehen, genau wie der von Odysseus. Dies ist wichtig, denn beide bewegen sich auf einer Spannungslinie zwischen den beiden unterschiedlichen sozialen Mächten.[7] Achill sowie Odysseus mochten ihn nicht, da sie diverse Male von ihm beschimpft wurden.[8] Kurz bevor Thersites diese Schmachrede hielt, hatte Odysseus es geschafft, dass die Truppen nicht zurück in die Heimat kehrten. Da Thersites sie mit seiner Schmachrede dazu aufforderte sich dem Befehl Agamemnons zu verweigern, fällt Odysseus Reaktion heftig aus. Er bringt Thersites mit Gewalt und rüden Worten zum Schweigen. Die Truppen zieht er damit auf seine Seite, denn sie lachen schmählich über den am Boden liegenden Thersites.

Politisch gesehen möchte Homer damit mitteilen, dass man sich nicht gegen die Mehrheit auflehnen sollte, da man sonst als Einzelkämpfer dasteht. Ein Volk braucht eine Führungsperson.[9]

Odysseus kritisierte nicht den Inhalt der Schmachrede als falsch und abwegig, sondern betont die soziale Ordnung: Thersites sei selbst der niedrigste und übelste Mensch und dürfe sich nicht anmaßen über einen König zu sprechen. Das Thersites nicht nur über den König spricht, sondern diesen anklagt verschärft die Situation. Odysseus war gezwungen ihn durch harte Schläge durch das Szepter gewaltsam zu unterbrechen, da ihm keine andere Möglichkeit blieb, um die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Thersites hatte Recht mit seiner Anklage. Das ist dem ganzen Heer bewusst. Selbst die Götter hätten den Aufbruch der Griechen in die Heimat nicht verhindert, da Agamemnons Verhalten ungerecht war. Es war für Odysseus unablässig den Redner zu schlagen. Dass das königliche Szepter dazu genutzt wurde, bestärkt die Symbolkraft dieser Handlung. Die Folgen für Thersites waren verheerend: Odysseus schlug gezielt auf seine Verwachsungen, er litt unter starken Schmerzen und begann zu weinen.[10] Mit seiner Schmachrede forderte Thersites eine höher gestellte Autorität heraus, seine Rede war rebellisch und aufrührerisch, jedoch gestützt durch die Wahrheit dessen was er sagte. Er sprach in dem Glauben, das richtige zu tun.[11] Die soziale Ordnung war im antiken Griechenland von äußerster Wichtigkeit und wird in der Ilias durch die zwei ambivalenten Charaktere Odysseus und Thersites beschrieben.

2.3 Unfähigkeit sich angemessen auszudrücken – Odysseus‘ Reaktion auf die Schmachrede des Thersites

Dummheit und literarische Unbildung gehen in den griechischen Spottepigrammen miteinander einher. Ein kluger Mensch ist in der Lage seine Fehler zu verbergen. Wer Wissen vortäuscht, aber durch Halbwissen von einem schlauen Menschen enttarnt wird, wird verspottet, denn nichts ist schlimmer als die Kombination aus Frechheit, in diesem Falle dem Vortäuschen von Wissen, und der Dummheit, dem Entdecken dieser Farce durch eine weitere Person. Ein Mensch ohne Bildung erkennt laut ihrer Auffassung die Schönheit eines Schwanes nicht und zieht ihm eine Lerche vor. Im übertragenen Sinne ist ein Mensch der sich nicht angemessen literarisch ausdrücken kann nicht fähig Schönheit zu erkennen, bzw. er interpretiert Schönheit falsch. Hier ist eine erneute Abweichung von der Norm erkennbar. Der Schwan ist schön, wer ihn nicht schön findet kann also nur dumm sein und somit auch nicht in der Lage angemessen zu sprechen. Am besten erhebe er nicht die Stimme gegen jemanden, der in der Lage ist, die Schönheit des Schwans zu erkennen.[12] Wie die Obrigkeit mit Menschen umging, die sich dennoch anmaßten das Wort zu ergreifen erfuhr Thersites in der Ilias. Odysseus reagiert auf seine Schmachrede gegen Agamemnon folgendermaßen:

,,»Auf des Atreus Sohn Agamemnon, den Hirten der Völker,

Schmähend sitzest du hier, nur weil der Danaer Helden

Ihm so vieles verliehn, und verhöhnst ihn vor der Versammlung?

Doch das sag ich dir gerade heraus, und das wird sich erfüllen:

Treff ich noch einmal dich so sinnlos redend wie eben,

Soll des Odysseus Haupt nicht länger stehn auf den Schultern,

Soll des Telémachos Vater mich keiner künftig mehr nennen,

Wenn ich dich dann nicht ergreife, die Kleider vom Leibe dir reiße,

Mantel sowohl als Leibrock und was die Scham dir bedeckt hält,

Und dich selbst, den Weinenden, dann zu den Schiffen, den schnellen,

Aus der Versammlung jage, geschlagen mit schmählichen Schlägen.“[13]

Alle Krieger saßen, nur Thersites erhob sich und wagte es seine Worte an das Heer zu richten. Er, ein Mann der sich eine Lautstärke anmaßte und Worte ohne Sinn und Verstand an Andere richtete. Ein Mann dessen Gehirn, viele Wörter kannte, aber nicht ihre Bedeutung. Ein Mann der sich nicht an die soziale Ordnung hielt.[14] So wird er in der Ilias beschrieben. Letztlich ging es nicht allein um die genauen Worte die Thersites bei seiner vorangegangenen Rede benutze, sondern um seine unangemessene Auflehnung gegen die Obrigkeit, die im vorigen Kapitel bereits behandelt wurde. Trotzdem betonte Odysseus seine Missbilligung über die sinnlose Ausdrucksweise des Thersites. Die Kombination aus mangelnder literarischer Begabung und dem Widerspruch eines einfachen Mannes gegen Agamemnon führte zu einer harten Bestrafung des Thersites, der am Ende weinend am Boden liegt und von den Umstehenden wegen seiner Dummheit verspottet wird.

2.4 Auflehnung gegen die Herrschenden – Die Demütigung des Achill

Die Demütigung beschränkt sich nicht nur auf die Personen der Unterschicht. Im Folgenden werden zwei Beispiele aus der Oberschicht, eines aus der Aristokratie, genannt. Schmach konnten sich demnach Personen aller Gesellschaftsschichten zuziehen.

Im Vorfeld der Schmachrede des Thersites zog eine Pestwelle durch die Truppen Agamemnon unternahm neun Tage lang nichts, sah lediglich seinen Soldaten beim Sterben zu. Den Männern war klar, dass dies als Strafe der Götter geschah, da Agamemnon einen Priester entehrte, verspottete und ihm, wie eigentlich versprochen, seine Tochter nicht zurückgab. Achill rief eine Heeresversammlung ein, bei der dieser wahren Grund der Pest angesprochen wurde. Schlussendlich gab Agamemnon die Priestertochter heraus und demütigte im Anschluss Achill, der die Heeresversammlung veranlasst hatte, indem er ihm seine Frau abnahm und diese anstelle der Priestertochter für sich beanspruchte. Gleichzeitig symbolisierte diese Handlung, dass die Teilnahme Achills an weiteren Kämpfen um Troja nicht mehr gewünscht war.[15] Die Frau erhielte Achill als Ehrengabe für erfolgreiche Kriegsdienste. Der Entzug dieser Ehrengabe bedeutete eine starke Kränkung des Beraubten und verstärkte das Bild eines egoistischen Agamemnon, der selbst nicht vor der Demütigung eines seiner besten Vorkämpfer scheute. Gleichzeitig kritisierte Thersites mit seiner Schmachrede nicht nur Agamemnon, sondern auch Achill der tatenlos seine Schmähung über sich ergehen ließ. Es besteht also ein Missverhältnis zwischen Leistung und Entlohnung, da Achill als bester Kämpfer eine Frau als Ehrengabe erhielt, jedoch bei Agamemnon das Zelt voll von Frauen ist, obwohl es seine einzige Leistung ist, der Anführer zu sein.[16]

2.5 Mangelnde Tüchtigkeit im Krieg – Paris

Die Ilias liefert uns mit Thersites eine Person aus der niederen Volksschicht, die durch diverse Untugenden zum Spottobjekt wird. Homer beschränkt sich aber nicht nur auf die Darstellung der Verspottung der unteren Schicht. Die bekannte Geschichte um Paris, der Helena stahl, ist ebenfalls von Spott geprägt. Paris ist ein homerisches Beispiel für die Verspottung eines Aristokraten:

,,Doch ihn (Paris) erblickte Hektor und schalt ihn mit schmähenden Worten:

»Unglücks-Paris, sehr schön von Gestalt und Frauenverführer,

Wärest du nie doch geboren und unvermählt doch gestorben,

Ja, da lachen sie wohl, die Achäer im Schmucke des Haupthaars,

Meinend, ein trefflicher Vorkämpfer seist du, weil du ein schönes

Aussehn hast, doch ist dir im Innern nicht Kraft und nicht Stärke.

Bist als solcher du denn auf meerdurchfahrenden Schiffen,

Treue Gefährten dir sammelnd, über das Meer hin gefahren,

Um dir bei fremden Leuten ein schönes Weib zu entführen

Aus entlegenem Land, die Schwägerin streitbarer Männer,

Deinem Vater zum großen Leid und der Stadt und dem Volke,

Feindlichen Männern zur Freude, zur Schande aber dir selber?

Möchtest du jetzt nicht stehn Menelaos, dem aresgeliebten?

Wüßtest dann, welchem Manne du nahmst die blühende Gattin.

Gar nichts nützte das Saitenspiel und nichts Aphrodites

Gaben, das Haar und der Wuchs, wenn du mit dem Staube dich mischtest.

Aber sehr feig sind die Troer; denn wahrlich, sonst hättest du längst schon

An einem steinernen Rock für das Unheil, das du getan hast.«“[17]

Hektor schalt seinen Bruder Paris wegen seiner Leichtsinnigkeit die Frau des Menelaos zu entführen. Dabei bezeichnete er ihn als schlechten Kämpfer, stellte also eine Untugend heraus. Es nützt einem griechischen Aristokraten nicht schön wie er zu sein, wenn er nicht fähig ist im Kampfe für sich einzustehen. Das Verspottungsparadigma existiert demnach auch in der oberen sozialen Schicht. In diesem Ausschnitt aus der Ilias wird beschrieben, welches Aussehen der idealtypische griechische Mann haben muss: Schön von Gestalt (3, 39) sowie Haar und Wuchs (3, 55). Seine mangelnde Tüchtigkeit in Kämpfen, machte Paris zu einem Objekt des Spottes und wirkte sich somit negativ auf die Wahrnehmung der Gesellschaft, in Bezug auf seine Person selbst und seine Familie, aus. Der Menschenraub per se ist nicht verpönt, aber die Frau des Menelaos, eines mächtigen Kriegers, als unfähiger Kämpfer, wie Paris einer war, zu entführen grenzte an Dummheit. Nur durch Glück und Zufall konnte er mit Helena entkommen, bevor ihm die schlimmste Strafe der steinerne Rock, die Steinigung, getroffen hätte.

,,»Kommst du vom Kampf? O wärest du dort zugrunde gegangen,

Von dem Manne bezwungen, der früher mein Gatte gewesen.

Früher hast du geprahlt, du seist dem aresgeliebten

Menelaos an Kraft überlegen und Händen und Lanze.

Auf denn, fordere jetzt Menelaos, den aresgeliebten,

Wieder zum Kampfe heraus! Indessen ich rate dir eher,

Abzulassen vom Kampfe und Menelaos, dem blonden,

Nicht gegenüberzutreten im Kampfe, mit ihm nicht zu fechten

Unbedacht, daß dich nicht etwa bald sein Speer überwältigt.«“[18]

Diese Worte richtete Helena an Paris und bestätigt damit die Schmachrede Hektors über seinen jüngeren Bruder. Sie wies ihn darauf hin, dass es der Ehre gebühre Menelaos erneut zu einem Kampf herauszufordern, dem Paris zuvor aus mangelndem Mut entflohen war. Dennoch stellte sie heraus, dass Paris diesen Kampf nie hätte gewinnen können und riet ihm sich, um seines Lebens Willen, nicht erneut auf einen Kampf einzulassen. Sie weiß, dass ihr erster Gemahl der bessere Kämpfer wäre. Wenn man als Aristokrat so feige war, wie Paris, verspielte man sich den Respekt der Familie und sogar den seiner Frau.

[...]


[1] Vgl. Petermandl, Spott, 205.

[2] Vgl. Brecht, Spottepigramm, 93f.

[3] Homer, Ilias 2, 216-219.

[4] Vgl. Ebert, Gestalt, 162.

[5] Vgl. Schmidt, Anliegen, 132.

[6] Homer, Ilias 2, 223-242.

[7] Vgl. Kouklanakis, Social Order, 36.

[8] Vgl. Homer, Ilias 2, 220f.

[9] Vgl. Schmidt, Anliegen, 129.

[10] Vgl. ebd., 140f.

[11] Vgl Kouklanakis, Social Order, 40.

[12] Vgl. Brecht, Spottepigramm, 87.

[13] Homer, Ilias 2, 254-263.

[14] Vgl. Kouklanakis, 38.

[15] Vgl. Schmidt, Anliegen, 135f.

[16] Vgl. ebd., 137f.

[17] Homer, Ilias 3, 38-57.

[18] Ebd., 428-436.

Details

Seiten
24
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668551381
ISBN (Buch)
9783668551398
Dateigröße
645 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377866
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
3,0
Schlagworte
spott griechenland schande

Autor

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