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Spanien als Handelspartner und Investitionsstandort vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise

Eine kritische Analyse

Masterarbeit 2017 82 Seiten

BWL - Handel und Distribution

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einführung

2. Aspekte der internationalen Finanzkrise
2.1 Immobilienkrise / Subprimekrise
2.2 Bankenkrise
2.3 Finanzkrise
2.4 Wirtschaftskrise
2.5 Kriseneffekte auf die spanische Volkswirtschaft

3. Methodologie

4. Kriseninzidenz: Stärken und Verwundbarkeiten der spanischen Volkswirtschaft
4.1 Sozio-kulturelle Charakteristika der spanischen Volkswirtschaft
4.1.1 Demographie
4.1.2 Einkommensentwicklung
4.1.3 Bildung
4.1.4 Arbeitseinstellung
4.1.5 Separationstendenzen
4.2 Makroökonomische Strukturelemente und Eckdaten
4.2.1 BIP pro Kopf und BIP-Entwicklung
4.2.2 Außenhandel
4.2.3 Investitionen
4.2.4 Privater Konsum
4.2.5 Verschuldungsgrad
4.2.6 Arbeitsmarkt
4.2.7 Inflationsrate
4.2.8 Wirtschaftssektoren
4.3 Politische Akteure
4.3.1 Politische Situation in Spanien
4.3.2 Fiskalpolitik der spanischen Regierung
4.3.3 Rolle der EZB
4.3.4 Hilfen der EU
4.4 Technologische Entwicklungen und Innovationsgrad
4.4.1 Innovationsgrad
4.4.2 Forschung und Entwicklung

5. Diskussion
5.1. Chancen
5.2. Gefahren

6. Fazit

Bibliographie

Internetquellen in chronologischer Reihenfolge

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1 Kreislauf der einzelnen Krisen

Abb. 2 Teufelskreis der Banken-, Schulden- und Währungskrisen

Abb. 3 Bevölkerungsentwicklung in Spanien 2007 bis 2016

Abb. 4 Bevölkerungsentwicklung Spanien / Deutschland 2015 bis 2050

Abb. 5 Vorausgeschätzter Altenquotient Spanien / Deutschland 2015 bis 2080

Abb. 6 Äquivalenzgesamtnettoeinkommen Spanien / Deutschland 2005 bis 2015

Abb. 7 Bildungsniveau der spanischen Bevölkerung in Prozent (16 Jahre und älter) 1991 bis 2010

Abb. 8 Human Development Index Deutschland / Spanien 1980 bis 2014 .

Abb. 9 Wachstum des realen BIP Spaniens 2006 bis 2016 (Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent)

Abb. 10 BIP pro Kopf in Kaufkraftstandards Deutschland / Spanien 2004 bis 2015

Abb. 11 Handelsbilanzsaldo Spaniens 2005 bis 2016

Abb. 12 Bruttoanlageinvestitionen Spanien 2005 bis 2016

Abb. 13 Saldo ausländische Nettodirektinvestitionen Spanien 2005 bis 2015 .

Abb. 14 Konsumausgaben der privaten Haushalte und der privaten Organisationen ohne Erwerbszweck Spaniens 2006 bis 2016

Abb. 15 Staatsverschuldung Spaniens in Relation zum BIP 2005 bis 2015

Abb. 16 Haushaltssaldo Spaniens in Relation zum BIP 2005 bis 2015 .

Abb. 17 Arbeitslosenquote und Jugendarbeitslosenquote Spanien 2005 bis 2016

Abb. 18 Inflationsrate Spaniens 2006 bis 2016

Abb. 19 Anteile der Wirtschaftssektoren in Spanien am Bruttoinlandsprodukt 2005 bis 2015 Branchen

Abb. 20 Verteilung der Erwerbstätigen Spaniens auf die Wirtschaftssektoren 2004 bis 2014

Abb. 21 Entwicklung Leitzins der Europäischen Zentralbank 2007 bis 2017

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Bevölkerung der autonomen Gemeinschaften Spaniens 2016

Tabelle 2 Spanien - Exportländer 2015

Tabelle 3 Spanien - Importländer 2015

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

„Keine Regierung - na und?“, so titelte im August 2016 das Handelsblatt und bezog sich auf das ungebremste Wirtschaftswachstum in Spanien, obwohl seit bereits acht Monaten eine politische Führung fehlte. Die Bürger wären erbost und würden monieren, dass sie seit acht Monaten ihre Politiker „fürs Rumsitzen“ bezahlen müssten. Ende Juni 2016 wurde zum zweiten Mal gewählt, jedoch konnte abermals keine Regierung gebildet werden. Bei der ersten Wahl im Dezember 2015 war die konservative Partido Popular (PP) von Premier Mariano Rajoy zwar die stärkste Kraft, allerdings benötigte sie, mit nur 33 Prozent der Stimmen, Hilfe um eine Mehrheit zu erreichen. Ein dritter Wahlgang wurde immer wahrscheinlicher.1

Ende Oktober 2016 wurde Rajoy nun endlich im Amt bestätigt, was jedoch nur durch die Einwilligung der oppositionellen Sozialisten, sich bei der Abstimmung zu enthalten, erreicht werden konnte. Ein Minderheitenkabinett stellt ein Novum für die spanische Politik dar. Bisher wechselten sich, seit Ende der Diktatur, die Konservativen mit den Sozialisten jeweils mit entsprechenden Mehrheitsverhältnissen mit der Regierungsbildung ab. Eine stabile Koalition ist demnach immer noch nicht in Sicht und somit wird die neue (Minderheiten-) Regierung bei wichtigen (Reform-) Entscheidungen auf die Unterstützung der Opposition im Parlament angewiesen sein.2

Die internationale Finanzkrise traf Spanien in vielerlei Hinsicht härter als andere Länder der Europäischen Union. Nach dem langen Boom von 1994 bis 2007 offenbarten sich Strukturschwächen der spanischen Wirtschaft. So galt das Land nach der „Griechenlandkrise" im Frühjahr 2010 vielen Beobachtern als der nächste Insolvenzkandidat.3

Umso mehr überrascht es, dass nach Jahren der Rezession Spaniens Wirtschaft seit Mitte 2013 stetig gewachsen ist. Funcas, die Stiftung der spanischen Sparkassen, hatte ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal 2016 sogar von 2,9 auf 3,1 Prozent erhöht, wohlwissend, dass eine funktionierende Regierung noch in weiter Ferne lag.4 Investitionen und Konsum sind gestiegen. Für das gesamte Jahr 2016 erwartet die Stiftung sogar ein Wachstum von 3,3 Prozent.5 Zwar wird in 2017 mit einem Rückgang um 0,9 Prozent auf 2,4 Prozent gerechnet6, jedoch liegt dieser Wert immer noch über dem des Wirtschaftswachstums der gesamten Eurozone für das Jahr 2015, welches laut Statistischem Bundesamt bei “nur“ 2,2 Prozent lag.7

Die Arbeitslosigkeit verbleibt jedoch auf einem hohen Niveau und liegt derzeit bei circa 20 Prozent.8 Demnach ist jeder fünfte Spanier erwerbslos. Dennoch ist ein Aufschwung zu erkennen. So konnten im Jahr 2015 eine halbe Million Jobs geschaffen werden. Dieser Trend soll sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Zudem profitiert Spanien derzeit von externen Faktoren. Der niedrige Ölpreis und vor allem die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wirken sich förderlich auf das Wirtschaftswachstum aus. Hinzu kamen das Hilfsprogramm des Internationalen Währungsfonds und die durch die andauernden Konflikte in beliebten Urlaubsländern begünstigte Neubelebung der Tourismusbranche. Auch wurde das durch die expansive Ausgabenpolitik verursachte Haushaltsdefizit im Jahr 2015 in Höhe von 5,1 Prozent durch die EU-Kommission nicht geahndet.9

Die Wirtschaft im einstigen Krisenland brummt. Aber könnte die mögliche politische Instabilität nach den Parlamentswahlen nicht zum Problem für die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone werden? Lassen sich mögliche Investoren durch die “Regierungskrise“ verschrecken oder lohnt ein Investment gerade zum jetzigen Zeitpunkt? Sind die Auswirkungen der Finanzkrise bereits überwunden? Welche Gefahren, aber auch Chancen bieten sich aktuell ausländischen Unternehmern beim Gang nach Spanien?

Diesen Fragen soll in der Masterarbeit “Spanien als Handelspartner und Investitionsstandort vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise: Eine kritische Analyse“ mit Hilfe der sogenannten PESTLE -Analyse nachgegangen werden, einem strategischen Managementtool, welches Unternehmen befähigt, Entscheidungen auf Grundlage von politischen, ökonomischen, sozio-kulturellen, technologischen, umwelt- und gesetzesbezogenen Umweltfaktoren treffen zu können. Um sich nicht in der Fülle an vorhandenen Details der Umfeldanalyse zu verlieren, können im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht alle Aspekte der PESTLE -Analyse bearbeitet werden. Vielmehr sollen die aktuell relevanten und augenscheinlich wichtigsten makroökonomischen Umweltfaktoren für ein Investment in Spanien ausführlich Betrachtung finden. Für die genaue Vorgehensweise sei auf das Kapitel “Methodologie und Literatur“ verwiesen.

Der Aufbau der Ausarbeitung wird im Folgenden kurz erläutert:

Zunächst soll umrissen werden, wie es zur internationalen Finanzkrise kam und welche Auswirkungen selbige auf die spanische Volkswirtschaft hatte. Im Anschluss wird, nach Erklärung der Methodik, die makroökonomische Umfeldanalyse mit ausgewählten Aspekten durchgeführt. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die sozio-kulturellen Charakteristika der spanischen Volkswirtschaft, die makroökonomischen Strukturelemente und Eckdaten, die politischen Akteure und den technologischen Entwicklungs- bzw. Innovationsgrad gelegt. In der anschließenden Diskussion sollen dann aus dem zuvor Zusammengetragenen die möglichen Chancen und Gefahren für Unternehmungen bei einem Investment in Spanien zum heutigen Zeitpunkt herausgearbeitet werden.

Als Grundlage der Untersuchung dienen neben der einschlägigen Fachliteratur Daten des Statistischen Bundesamtes, der Europäischen Union sowie statistische Erhebungen der spanischen Behörden und Verbände.

2. Aspekte der internationalen Finanzkrise

Kaum ein anderes Thema beherrschte in den letzten Jahren die Medienlandschaft so sehr, wie die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise. Fast tagtäglich wurde sich mit neuen Hiobsbotschaften überschlagen oder aber ein weiterer Insolvenzkandidat in der euro- päischen Staatengemeinschaft ausgemacht. Bevor der Ablauf der aktuellen Krise aufgezeigt wird, soll zunächst jedoch erörtert werden, was unter dem Begriff Krise zu verstehen ist.

Laut Duden handelt es sich bei einer Krise um eine schwierige Zeit, Lage oder Situation, welche „den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt“.10 Ist das Wort Krise im öffentlichen Diskurs meist negativ besetzt, da es die Allgemeinheit fast ausschließlich mit der kürzlich erfahrenen Bedrohung verbindet, so bietet der Wendepunkt aber auch die Chance, aus der überwundenen Ausnahmesituation zu lernen. Somit könnten zukünftige ähnliche Entwicklungen frühzeitig erkannt, abgemildert und im Idealfall gänzlich vermieden werden. Schlussfolgernd bleibt daher festzustellen, dass eine Krise immer auch produktive Aspekte und nicht nur katastrophale beinhalten kann.11

Krisen, welche die Wirtschaft erschüttern, gab es schon immer, allerdings haben diese nicht immer die gleichen Ursachen und Auswirkungen. Man denke z. B. an den Börsencrash vom 24. Oktober 1929, hinlänglich als “Schwarzer Donnerstag“ bekannt, welcher nach landläufiger Meinung die damalige Weltwirtschaftskrise auslöste.12 Jedoch wurde die “Große Depression“ am Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts durch verschiedene andere Faktoren verschärft.13 Somit kann der Börsencrash nicht als alleiniger Verursacher verantwortlich gemacht werden.

Auch bei der aktuellsten Finanzkrise können mehrere, sich mehr oder minder beein- flussende Krisen ausgemacht werden. Schneider (2010) nennt in diesem Zusammenhang die im Schaubild auf der nächsten Seite dargestellten und sich gegenseitig bedingenden Krisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Kreislauf der einzelnen Krisen

(eigene Darstellung nach Schneider (2010), S. 2)

Abbildung 1 soll verdeutlichen, dass sich die anfängliche Krise auf dem US-Immobilienmarkt im Jahr 2007 sukzessiv erst zu einer Bankenkrise und nach kurzer Zeit zu einer weltweiten Finanzkrise entwickelte, welche wiederum die Weltwirtschaft ab dem Jahr 2008 stark belastete. Zahlreiche renommierte und weltweit agierende Finanzinstitute gerieten ins Wanken. Notenbanken griffen ein und Rettungsschirme wurden geschaffen, um die internationalen Finanzmärkte zu stützen.

Die Chronologie der Weltfinanzkrise und die aufgeführten Krisen im Einzelnen werden im Folgenden nun genauer betrachtet.

2.1 Immobilienkrise / Subprimekrise

Nach herrschender Meinung waren der wesentliche makroökonomische Grund für die Weltfinanzkrise die zu niedrigen Zinsen nach 2001, insbesondere in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die billigen Kredite begünstigten die Bildung von Blasen an bedeutenden Märkten, im besonderen Maße aber auf dem Immobilienmarkt. Aufgrund der niedrigen Zinsen stieg die Nachfrage nach Immobilien stark an, was wiederum die Häuserpreise in die Höhe trieb.14 Die günstigen Zinssätze führten zunächst zur Immobilienkrise, auch Subprimekrise genannt.

Der Häuserbau in den USA wurde seit der “Großen Depression“ stark politisch gefördert, um die Wählerschaft an sich zu binden und dem durch das Bevölkerungswachstum ent- standenen Wohnungsdefizit entgegenzuwirken. War es anfangs nur Wohlhabenden vergönnt, ein Eigenheim zu bauen, so ermöglichten es mehrere von der US-Regierung initiierte Hilfsprogramme und Gesetzesänderungen auch den weniger Vermögenden, sich den “American Dream“ vom eigenen Haus zu erfüllen. Infolgedessen stieg der Anteil der Hauseigentümer unter den US-Haushalten in den Jahren 1940 bis 1980 rasant von knapp 43 Prozent auf über 64 Prozent an. Wurden Hypothekenkredite anfänglich noch restriktiv vergeben, erhöhte sich, wie politisch gewollt, die Kreditvergabe an Personen mit geringer Bonität (sogenannte Subprime-Mortgages). Zudem wurden Hypothekenkredite ab dem Jahr 1986 auch steuerlich attraktiv. Schuldzinsen aus Immobilienkrediten waren nun, durch den Tax Reform Act, absetzbar, Zinsen für Konsumentenkredite hingegen nicht.15

Infolge der hohen Nachfrage nach Immobilien stiegen deren Preise. Allmählich entwickelte sich eine fiskal- und kreditinduzierte Immobilienblase. Fiskalinduziert meint in diesem Zusammenhang die staatlichen steuerlichen Förderungen, kreditinduziert hingegen die (künstliche) Verbilligung der Kredite durch die niedrigen Zinsen und die vermehrte Ausgabe von Krediten mit hohem Rückzahlungsrisiko.16

Das Subprime-Segment, also die Vergabe von Hypothekenkrediten an Bevölkerungs- schichten mit geringem oder sehr geringem Einkommen, erwies sich als lukratives Geschäft für die Kreditinstitute. Diese vergaben nun Kredite an Personen, welche sie selbst als “Ninjas “ („No Income, No Job and no Assets“) bezeichneten, also Personen ohne Einkommen, ohne Arbeit und ohne Sicherheiten. Man war der Meinung, dass die Häuser als Sicherheiten genügen würden und begründete dies mit den stetig steigenden Preisen und der hohen Nachfrage. Die Kreditnehmer waren der Meinung, das Haus im Falle der Zahlungsunfähigkeit lukrativ verkaufen zu können und gegebenenfalls einen weiteren Niedrigzinskredit aufnehmen zu können.17

Die Blase platzte im Juli 2006 mit der Folge, dass bis April 2009 die US-Immobilienpreise um mehr als 30 Prozent einbrachen und der Verkauf von neugebauten Einfamilienhäusern im Zeitraum von Juli 2005 bis Januar 2010 um enorme 78 Prozent zurückging, mit drastischen Folgen für das Baugewerbe.18 Zeitgleich stiegen die Zinsen für Hypothekenkredite auf Höchstniveau. Immer mehr Subprime-Kreditnehmer gerieten in Zahlungsschwierigkeiten, mit dem Ergebnis, dass durch das Ausbleiben der Tilgungen sich nun die Banken mit Liquiditätsengpässen konfrontiert sahen.19

2.2 Bankenkrise

Banken haben in modernen Volkswirtschaften eine bedeutende Stellung inne. Einerseits verwalten sie das Geld der Sparer und andererseits stellen sie Wirtschaftsakteuren (Unternehmen wie Privatpersonen) Geldmittel gegen Zinserträge zur Verfügung. Sie treten gewissermaßen als Mittler zwischen Investoren und Sparern auf und tragen somit zur Funktionsfähigkeit des volkswirtschaftlichen Kreislaufs bei.20 Die vergebenen Kredite werden in der Regel durch Sachwerte, Bürgschaften oder andere Vermögenswerte abgesichert. Bei Zahlungsausfällen wird versucht, mit den hinterlegten Sicherheiten die Forderungen auszugleichen. Sollten nun die Tilgungen durch zahlungsunfähige Schuldner vermehrt ausbleiben und wurden zudem falsche Bewertungen der Sicherheiten und Risiken vorgenommen, kann dies im schlimmsten Fall zum Zusammenbruch von Banken führen.21

Wie bereits im vorangegangenen Kapitel angesprochen, traf dieses Szenario auf den Subprime-Markt zu. Vor allem die Hypothekenbanken litten zunächst unter den steigenden Ausfallraten, verursacht durch die steigenden Leitzinsen, die sinkenden Immobilienpreise und die Ausgabe von Krediten ohne ausreichende Untersuchung der Ausfallrisiken. Problematisch war jedoch, dass durch Verbriefung von Hypothekenkrediten ebenfalls Investmentbanken in Schwierigkeiten kamen.

Unter Verbriefung wird die Wandlung von gewöhnlich nicht handelbaren Vermögenswerten, wie Hypothekenkrediten, in Anlageprodukte (Wertpapiere), sogenannte Asset Backed Securities, verstanden. Diese werden an professionelle Anleger, wie Investmentbanken, veräußert. Der Vorteil besteht hierbei darin, dass die neu geschaffenen Anlageprodukte für die Besicherung neuer Kredite verwendet werden können und eine Verkürzung der Bilanz und die Erhöhung der Eigenkapitalquote erreicht werden. Die Geschäftstätigkeit kann somit erweitert werden. Zudem wird das Kreditrisiko auf mehrere Investoren verteilt. Im Zusammenhang mit Hypothekenkrediten spricht man von sogenannten Mortgage Backed Securities. Hierbei werden zunächst Einzelkredite mit gleichem Ausfallrisiko gebündelt.

Durch diese Strukturierung entstehen unterschiedlich riskante Wertpapiere, welche entsprechend der Risikobereitschaft der Anlegerschaft verkauft werden können.22 Durch die Verzahnung der Finanzprodukte und der Intermediäre führten die Ausfallraten bei den Hypothekenkrediten, wie bereits angesprochen, nicht nur zu Zusammenbrüchen von Hypothekenbanken, sondern es gerieten vielmehr die Investmentbanken in immer größere Bedrängnis. Die wohl bekannteste Insolvenz im Zusammenhang mit der Finanzmarktkrise war die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, in deren Folge es in den USA in den Jahren von 2008 bis 2010 zu einer großen Anzahl an Bankeninsolvenzen kam.23

Durch das Entstehen von immer neueren hybriden Anlageformen war es schon bald Niemandem mehr möglich, deren wahren Wert festzustellen. Zudem bezahlten die Banken renommierte Ratingagenturen, wie z. B. Moody´s oder Standard & Poors, dafür, die besten Bewertungen abzugeben. Auch wurde der Absatz von risikobehafteten Anlageformen durch die Vergabe von Boni in exorbitanter Höhe an die verkaufenden Banker angekurbelt. Durch die eigens für den Verkauf von den Banken gegründeten Zweckgesellschaften, welche die Wertpapiere verwalteten und in ihren Bilanzen führten, konnte zudem eine bessere Eigenkapitalausstattung vorgegaukelt werden.24

Da sich die risikobehafteten Finanzprodukte nicht nur prächtig in den Vereinigten Staaten verkauften, kamen weltweit auch jene Banken in Bedrängnis, welche die sogenannten Toxic Assets in ihren Bilanzen führten. Diese mussten nun nämlich, aufgrund der Ausfallraten bei den Hypothekenkrediten, massive Wertberichtigungen durchführen.25

All dies führte zu gegenseitigem Misstrauen, mit der Folge, dass die Banken sich untereinander kaum mehr Geld liehen und ihre liquiden Mittel für sich selbst behielten. Daraufhin stiegen die Zinsen auf dem Interbankenmarkt, was ebenfalls Finanzinstitute, welche die benannten Anlageformen nicht führten, ins Wanken brachte.26

Hinzu kamen psychologische Ansteckungseffekte. Aufgrund der herrschenden Unsicherheit über die Kapitalausstattung einer Bank, kann es in Krisensituationen zu sogenannten Bank Runs kommen. Banken müssen jederzeit damit rechnen, dass ihre Kunden Bargeld abheben. In der Regel werden aber nie alle Sparer gleichzeitig ihre Einlagen abziehen. Die überlassenen Geldmittel können somit zur Kreditvergabe verwendet werden, jedoch muss ein bestimmter Bestand an Bargeld vorhanden sein. Ziehen jedoch innerhalb kürzester Zeit viele Bankkunden durch Überweisung oder Barabhebung ihre Mittel ab, spricht man von einem Bank Run, welcher das betreffende Institut in erhebliche Liquiditätsengpässe führen kann. Als Beispiel im Zuge der nun weltweiten Bankenkrise wäre der Bank Run auf die britische Northern Rock Bank im September 2007 zu nennen.27

2.3 Finanzkrise

Die Akteure der aktuellsten Finanzkrise wurden im vorangegangenen Kapitel bereits benannt. Im Grunde haben wir es mit international agierenden Banken, Zweckgesellschaften, toxischen Wertpapieren und Ratingagenturen zu tun. Jedoch wurden bisher die staatlichen oder internationalen Regulierungs- bzw. Überwachungsbehörden keiner genauen Betrachtung unterzogen.

Durch die internationale Verzahnung mussten viele Banken und Unternehmen nach Ausbruch der Krise enorme Gewinneinbrüche und Abschreibungen schultern. Als Reaktion versorgte z. B. auf internationaler Ebene der internationale Währungsfonds die angeschlagenen Banken mit Eigenkapital, um den Handel nicht komplett zusammenbrechen zu lassen. In Europa war dies die Europäische Zentralbank. Zudem starteten die einzelnen Staaten eigene Rettungsprogramme, um die Realwirtschaft zu stützen.28

Doch kann genau darin auch ein Dilemma liegen. Da diese Maßnahmen meist mit der Aufnahme von Schulden verbunden sind, können diese in einen Teufelskreis führen, welcher im Folgenden kurz erläutert wird.

Charakteristisch für Finanzkrisen sind zumeist kreditfinanzierte Massenspekulationen, Zahlungsunfähigkeiten von Banken und der breite Rückgang von Vermögenswerten. Hierbei kann in Bankenkrisen und Währungskrisen unterschieden werden. Die Bankenkrisen beziehen sich erwartungsgemäß auf die Unternehmen der Finanzwirtschaft, wo hingegen sich Währungskrisen auf die Abwertung von Zahlungsmitteln beziehen.29

Banken-, Währungs- und Schuldenkrisen treten häufig gemeinsam in Erscheinung und beeinflussen sich gegenseitig. Die aktuellste Finanzkrise schätzt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung z. B. als Zwillingskrise ein, da die Bankenkrise, aufgrund massiver staatlicher Stützungsmaßnahmen, letztendlich in eine Staatsschuldenkrise führte.30

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Teufelskreis der Banken-, Schulden- und Währungskrisen

(eigene Darstellung nach Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2011), S. 138)

Abbildung 2 verdeutlicht dies. Bankenkrisen können Schuldenkrisen auslösen, wenn Staaten Maßnahmen zur Rettung von vor Zahlungsunfähigkeit bedrohter Institutionen unternehmen müssen. Um die Realwirtschaft vor gravierenden negativen Effekten zu schützen, ist das Staatswesen grundsätzlich an der Rettung von Banken interessiert. In diesem Zusammen- hang kam es auch in der jüngsten Finanzkrise zu umfassenden Rettungsaktionen, welche jedoch mit immensen fiskalischen Kosten verbunden sein können. Im Extremfall droht der Staatsbankrott. Ebenso können die inländischen Banken, als Hauptgläubiger des Staates, in Schieflage geraten, was im schlimmsten Fall zu deren Insolvenz führen kann. In Folge der Globalisierung kann je nach Größe des Landes auch das internationale Bankensystem in Mitleidenschaft gezogen werden.31

Schulden- und Bankenkrisen wiederum können Währungskrisen auslösen. Im Zuge einer Schuldenkrise ist dies dann der Fall, wenn die Verteidigung des (fixen) Wechselkurses nicht mehr gewährleistet werden kann, da die staatlichen Währungsreserven bereits aufgebraucht sind und das Land seine öffentlichen, in Fremdwährung notierten Schulden mit Devisenreserven bedient. Bankenkrisen können, wie bereits angesprochen, Bank Runs auslösen, in deren Verlauf Devisen abgezogen und somit die Währungsreserven aufgezehrt werden. Auf der anderen Seite verschärfen Währungskrisen, wie z. B. der Austritt aus einer Währungsunion, die anderen beiden Krisen. Zwar kann durch den Austritt die Wechselkursfixierung aufgehoben werden, die folgende Abwertung lässt jedoch die in Fremdwährung notierte Schuldenlast des öffentlichen Sektors und der Banken ansteigen.32

Da sich jeder der drei Krisentypen, isoliert betrachtet, negativ auf die volkswirtschaftliche Produktion auswirkt, führen diese in den meisten Fällen in eine Wirtschaftskrise, welche dann abermals die bereits angesprochenen Krisen verschärft.33

2.4 Wirtschaftskrise

Aufgrund des großen Anteils der Finanzwelt an der Wirtschaftskraft der Industriestaaten haben Weltwirtschaftskrisen meist ihren Ursprung in dieser.34

Im Falle einer Bankenkrise schränken die Kreditinstitute die Vergabe von Geldmitteln ein. Ebenso kann es zu Bankeninsolvenzen kommen, mit der Folge, dass Privatanleger und Investoren mit erheblichen Vermögensverlusten zu kämpfen haben. Negative Vermögens- effekte und die geringe Kreditvergabe hemmen wiederum die Konsumnachfrage und die Investitionstätigkeit, wodurch nun die volkswirtschaftliche Produktion in Mitleidenschaft gezogen wird. Der wirtschaftliche Einbruch seinerseits verschärft abermals die bereits aufgeführten Krisen. Meist kommt es nun noch zu einer politischen Krise, da in aller Regel die Regierung für die mit Schulden-, Währungs- und Bankenkrise einhergehenden sinkenden Einkommen und Vermögensschnitte verantwortlich gemacht wird.35

Nach der allgemeinen EU-Definition spricht man von einer wirtschaftlichen Krise, wenn über mindestens zwei aufeinander folgende Quartale ein negatives Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ist, in dessen Folge es zu negativen Kapitalströmen und rückläufigen Beschäftigungszahlen kommt. Die Auswirkungen der Krise beschränken sich, im Gegensatz zur Immobilien- und Finanzkrise, nicht nur auf die Bau-, Finanz- oder Immobilienbranche, sondern werden verallgemeinert auf die Realwirtschaft. Hierbei müssen jedoch nicht alle Wirtschaftszweige gleich stark oder überhaupt betroffen sein. Dennoch sind weite Bevölkerungsteile von den Krisenauswirkungen betroffen (z. B. durch Arbeitslosigkeit).36

Das zuvor beschriebene Szenario deckt sich mit den Ereignissen nach der Lehman Brother Insolvenz. Die Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen und der Vermögensverfall waren nun in der Realwirtschaft angekommen. Durch die weltweite Vernetzung wiesen nahezu alle Länder der Welt negative Wachstumsraten auf. Besonders stark export- abhängige Staaten mussten gravierende Rückgänge des Bruttoinlandsproduktes hin- nehmen.37

Da sich diese Ausarbeitung mit dem Staat Spanien befasst, also einem Land der Eurozone, muss natürlich die Eurokrise ab 2010 kurz Erwähnung finden, welche als Folge der weltweiten Wirtschaftskrise zustande kam. War ab dem Jahr 2007 die Krise auf dem USImmobilienmarkt und die daraus resultierende Finanzkrise als Auslöser der Wirtschaftskrise auszumachen, so war es nun die hohe Staatsverschuldung einiger Euro-Staaten, welche die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion erschütterte. Zwar befanden sich die Industriestaaten bereits auf dem Weg der Erholung, jedoch litten viele Länder der Gemeinschaft noch unter dem Rückgang der Steuereinnahmen der vergangenen Jahre und wiesen ein hohes Haushaltsdefizit auf. Unverhältnismäßig stark betroffen waren Griechenland, Portugal, Italien, Irland und ebenfalls Spanien.38

2.5 Kriseneffekte auf die spanische Volkswirtschaft

Im Folgenden sollen nun die unmittelbaren Auswirkungen der Krisen auf die spanische Volkswirtschaft genauer betrachtet werden.

Wie bereits erwähnt, war Spanien eines der Länder in Europa, welches bereits die Folgen der US-Immobilienkrise unmittelbar zu spüren bekam. Zwar wirkte sich die weltweite Immobilien- und Finanzkrise auf alle Mitgliedsländer der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion konjunkturbremsend aus, jedoch waren die Auswirkungen von Land zu Land unterschiedlich stark ausgeprägt. Länder wie Spanien, welche selbst einen Immobilienboom zu verzeichnen hatten, sahen sich nun ebenfalls mit rückläufigen Wohnungsbauinvestitionen und gesunkenen Vermögenspreisen konfrontiert, da sie direkt von der Korrektur der Immo- bilienpreise betroffen waren. Deutschland trafen z. B. erst zeitlich verzögert die indirekten Folgen der Krise in Form der gesunkenen ausländischen Nachfrage nach deutschen Produkten.39

Die aus der Bankenkrise hervorgegangene Reduktion der Kreditvergabe und die damit verbundenen sinkenden Konsum- und Investitionsausgaben, waren gerade in Spanien mit besonders starken konjunkturellen Einbußen verbunden, ausgelöst durch den hohen Verschuldungsgrad der Unternehmen und Haushalte. Stellt man z. B. die Verbindlichkeiten der privaten Haushalte in Relation zu Ihrem verfügbaren Einkommen, so war im Zeitraum von 1999 bis 2007 ein Anstieg der Verschuldung von knapp 60 Prozent zu verzeichnen. Lag der Wert im Jahr 1999 noch bei 62,7 Prozent, war er innerhalb von acht Jahren auf 131,7 Prozent gestiegen.40

Ein Grund für den Anstieg der Verschuldung ab dem Jahr 1999 kann im Beitritt zur Europäischen Währungsunion gesehen werden. Zunächst fielen für Spanien die Währungsrisiken weg. Hinzu kamen die historisch niedrigen Zinsen. Beides bescherte dem EU-Land zunächst einmalig hohe Kapitalzuflüsse. Die massenhafte Aufnahme ausländischer Kredite verstärkte die spanische Immobilienblase in einer Weise, welche über das Ausmaß in den Vereinigten Staaten hinaus ging. Spanien wies bereits im Jahr 2007 hinter den USA das zweitgrößte Leistungsbilanzdefizit weltweit auf.41

Anfang 2008 erreichte die Immobilienkrise Spanien. Im ersten Quartal des Jahres brachen die Hausverkäufe um 27 Prozent ein. Zudem war ein Rückgang bei der Vergabe von Hypothekenkrediten in Höhe von 25 Prozent zu verzeichnen. Im weiteren Verlauf kam es wie in Amerika zu von Finanzproblemen geplagten Unternehmen der Baubranche, welche nicht selten in Firmeninsolvenzen endeten.42

Der durch die sinkenden Immobilienpreise verursachte Rückgang der Bauinvestitionen und der damit verbundene Einbruch im Bausektor, welcher rund 10 Prozent der gesamtwirt- schaftlichen Bruttowertschöpfung ausmachte, sowie die verschlechterte Kreditvergabe und die zurückgehende Nachfrage erschütterten den gesamten Industriesektor. Infolgedessen kam es durch die verlangsamte Investitionstätigkeit ebenfalls zu einem Rückgang der Produktion im verarbeitenden Gewerbe und zu einem rasanten Anstieg der Arbeitslosen- quote.43

Wie bereits beschrieben, profitierte die spanische Wirtschaft zunächst von den niedrigen Zinsen und den ausländischen Kapitalzuflüssen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg seit 1999 in einem Maße, welches das Land aus eigener Kraft nicht erreicht hätte. Umso stärker fiel der Fall des BIP im Jahr 2009 aus. Waren in den Vorjahren noch positive Wachstumsraten zu verzeichnen, so sank das reale Bruttoinlandsprodukt in Spanien um rund 3,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr.44

Zudem kam es angesichts der schrumpfenden Wirtschaft und der hohen Arbeitslosigkeit zu geringeren Steuereinnahmen und höheren Sozialausgaben. Auch mussten hohe Aufwendungen zur Sicherung der Stabilität des Bankensektors aufgebracht werden. Aus diesen Gründen hatte sich die Staatsverschuldung von 36,1 Prozent des BIP in 2007 auf 79,8 Prozent des BIP im Jahr 2012 mehr als verdoppelt.45

Nichtsdestotrotz ist in den letzten Jahren ein ungebremstes Wirtschaftswachstum in Spanien zu verzeichnen. Der Frage, ob Spanien einen Weg aus der Krise (bzw. den Krisen) gefunden hat, soll nun im Folgenden nachgegangen werden.

3. Methodologie

In der Masterarbeit “Spanien als Handelspartner und Investitionsstandort vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise: Eine kritische Analyse“ soll, wie bereits in der Einleitung erwähnt, mit Hilfe der sogenannten PESTLE-Analyse die globale Umwelt von Unternehmen bei einem Gang nach Spanien analysiert werden.

Im strategischen Management unterteilt man die Umwelt eines Unternehmens in die eben angesprochene globale Umwelt und in die spezifische Unternehmensumwelt. Bei der Analyse der spezifischen Unternehmensumwelt, auch Wettberwerbsumwelt genannt, wird die Branche, in der ein bestimmtes Unternehmen agiert, bespielsweise auf Markteintritts- barrieren oder auf die Gleichartigkeit der Produkte untersucht. Zudem erfolgt eine Analyse von strategischen Gruppen, also eine Untersuchung der Branche auf Unternehmen mit der selben Strategieausrichtung. Die Konkurrenz- und Zulieferersituation werden ebenso analysiert wie der Markt an sich.46

Auf die Analyse der Mesoebene, also der direkten Unternehmensumwelt, kann und soll in dieser Ausarbeitung nicht näher eingegangen werden, da kein bestimmtes Unternehmen im Mittelpunkt der Untersuchung steht. Vielmehr soll mit Hilfe der seit über 30 Jahren47 zur Verfügung stehenden checklistenartigen PEST- oder PESTLE-Analyse die Makroebene untersucht werden.

Bei der PESTLE-Analyse handelt es sich um ein strategisches Managementtool, welches Unternehmen befähigt, Entscheidungen auf Grundlage von politischen, ökonomischen, sozio-kulturellen, technologischen, umwelt- und gesetzesbezogenen Umweltfaktoren treffen zu können. Diese sind durch das Unternehmen nicht bzw. kaum beeinflussbar, sondern vielmehr gegeben. Im Akronym “PESTLE“ steht jeder Buchstabe für einen Bereich des unternehmensrelevanten und -beeinflussenden Umfelds. Das “P“ (political) steht für den politischen Faktor und betont die Rolle des Staates. “E“ (economic) betrachtet die wirtschaftliche Seite, also makroökonomische Aspekte wie Wachstumsraten, Wechselkurse und Geschäftszyklen. Soziale Einflüsse, wie sich verändernde Kulturen oder Demographien, werden unter dem Punkt “S“ (social) behandelt. Das “T“ (technological) betrachtet die technologischen Faktoren, zum Beispiel Innovationen. Die rechtlichen Aspekte, also per Gesetz verordnete Beschränkungen, werden unter “L“ (legal) untersucht. Der letzte Buchstabe “E“ (ecological / ethical) befasst sich z. B. mit Themen wie dem Klimawandel oder der Umweltverschmutzung bzw. dem Umweltschutz im betreffenden Land. Jedes einzelne Feld birgt Chancen aber auch Risiken für die Unternehmung. Hinzu kommt, dass viele dieser Umweltfaktoren miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen.48

Im Folgenden soll die Bedeutung der einzelnen Makro-Umwelten für Unternehmen kurz umrissen werden:

Political (politische Umweltfaktoren)

Das politische Umfeld besitzt die Fähigkeit die Geschäftsaktivität eines Unternehmens zu beeinträchtigen bzw. zu beschränken. Es stellen sich Fragen zur Natur des politischen Systems und seiner Institutionen. Zudem müssen direkte bzw. indirekte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft Berücksichtigung finden. Im Zuge der Globalisierung und der Existenz internationaler Handelsorganisationen müssen internationale politisch-ökonomische Ein- flüsse ebenso mit einbezogen werden. Hinzu kommt der Einfluss der öffentlichen und politischen Meinung, z. B. in Bereichen wie Umweltpolitik oder Unternehmensverant- wortung.49

Da die politische Dimension eng mit den rechtlichen Rahmenbedingungen verknüpft ist, werden diese meist zu einem Punkt, den politisch-rechtlichen Umweltfaktoren, zusammen- gefasst.50

Economic (ökonomische Umweltfaktoren)

Die Unterscheidung zwischen dem politischen, wirtschaftlichen und rechtlichem Umfeld ist etwas willkürlich gewählt. Wie bereits angedeutet, spielt die Regierung in der Wirtschaft sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene eine wichtige Rolle. Die staatlichen Aktivitäten beeinflussen sowohl die Nachfrage- als auch die Angebotsseite.51

Jedoch stellen die wirtschaftlichen Tätigkeiten der Unternehmen und der privaten Haushalte das konjunkturelle Zentrum von Volkswirtschaften dar. Diese lassen sich z. B. durch die monatlichen Angaben zum Konsum der privaten Haushalte oder zur Produktion des produzierenden Gewerbes messen. Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt lässt sich am Bruttoinlandsprodukt erkennen. Hinzu kommen in einer globalen Welt außenwirtschaftliche Umweltfaktoren wie z. B. Direktinvestitionen oder Wechselkurse.52

Social (soziodemographische bzw. sozio-kulturelle Umweltfaktoren)

Sowohl Nachfrage als auch Angebot werden durch soziale, kulturelle und demographische Faktoren beeinflusst. Kulturelle Faktoren können zum Beispiel die Art der produzierten oder verkauften Produkte, die Märkte, in denen sie verkauft werden, den Preis, zu dem sie verkauft werden und eine Reihe anderer Variablen beeinflussen. Menschen sind eine wichtige organisatorische Ressource und ein wesentlicher Bestandteil des Marktes für Waren und Dienstleistungen. Dementsprechend haben sozio-kulturelle Entwicklungen einen wichtigen Einfluss auf den Geschäftsbetrieb, ebenso wie der demographische Wandel.53

Veränderte Lebensstile, wie z. B. der Anstieg von Einpersonenhaushalten und sogenannter DINK-Haushalte (No Income - No Kids), drücken sich in neuen Bedürfnissen aus (z. B. Nachfrage nach Lifestyle-Produkten). Aber auch veränderte Einstellungen und Verhaltensweisen stellen neue Anforderungen an die Unternehmen. In diesem Zusammenhang wäre als Beispiel das neue Umweltbewusstsein der Konsumenten zu nennen.54

Technological (technologische Umweltfaktoren)

Die technologischen Umweltfaktoren zielen auf den Einsatz neuer Technologien und in diesem Zusammenhang auf die Herstellung von neuen innovativen Produkten ab. Durch die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit im Technologiesektor, spricht man heutzutage auch vom technologischen Wandel. Gerade durch die revolutionären Entwicklungen in der Informationstechnologie (z. B. durch das Internet) verändern sich die gegenwärtigen Spielregeln des Wettbewerbs nachhaltig. Neue Märkte werden geschaffen, insbesondere durch die Fortschritte in der Mikroelektronik, der Gentechnik oder der Robotik.55

Investitionen in Technologie und Innovation werden häufig als Schlüssel für den Erfolg eines Unternehmens gesehen. Zudem werden sie verwendet, um Unterschiede in der relativen Wettbewerbsfähigkeit verschiedener Länder aufzudecken.56

Legal (gesetzliche Umweltfaktoren)

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben einen erheblichen Einfluss auf Unternehmen. Gesetze regeln in der Regel unter anderem den Status der Organisation, die Beziehung zu Kunden und Zulieferern sowie bestimmte interne Verfahren und Tätigkeiten. Sie können die Marktstrukturen und das Verhalten der Akteure beeinflussen. Da Gesetze von der Regierung (einschließlich supranationaler Regierungen) und von den Urteilen der Gerichte ausgehen, müssen ebenfalls diese Institutionen und Prozesse in die Analyse der gesetzlichen Umweltfaktoren mit eingehen.57

Abermals zeigt sich die enge Verzahnung der gesetzlichen Rahmenbedingungen mit den politischen Umweltfaktoren.

Ecological / Ethical (ökologische / ethische Umweltfaktoren)

Johnson et al. interpretiert das letzte “E“ im Akronym “PESTLE“ als ökologische Umweltfaktoren. Diese befassen sich nach seiner Auffassung mit rein “grünen“ Belangen wie z. B. dem Umweltschutz und der Vermeidung von Müll.58

Worthington und Britton fassen diesen Begriff weiter und subsumieren unter dem “E“ sämtliche ethische Umweltfaktoren. Ethische Überlegungen sind vor allem bei den größeren global agierenden Unternehmen von Wichtigkeit. Für den Konsumenten ist es heutzutage von Bedeutung, dass Unternehmen in einer sozial verantwortungsvollen Weise handeln und die Auswirkungen auf Menschen, ihre Gemeinschaften und die natürliche Umwelt berück- sichtigen.59

Dementsprechend ist für die heutige Kundschaft nicht nur der Umweltschutz von Relevanz, sondern kann ebenso die Entscheidung der Verlagerung der Produktion, in ein Land in dem Kinderarbeit erlaubt ist, den Absatz der Produkte sinken lassen.

Um sich nicht in der Fülle an vorhandenen Details der Umfeldanalyse zu verlieren, werden und können im Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht alle Aspekte der PESTLE-Analyse bearbeitet werden. Vielmehr sollen die aktuell relevanten und augenscheinlich wichtigsten makroökonomischen Umweltfaktoren für ein Investment in Spanien ausführlich betrachtet werden. Der Aufbau der Ausarbeitung wird im Folgenden nochmals kurz dargestellt.

Zunächst werden ausgewählte sozio-kulturelle Faktoren betrachtet. Neben dem demographischen Wandel und dem Bevölkerungswachstum werden Themen wie die Einkommensentwicklung, der Bildungsstand und in diesem Zusammenhang der Human Development Index behandelt. Aktuell stellen sich zudem Fragen zu den innerspanischen Separationstendenzen einiger Regionen.

Im Kapitel über die wirtschaftlichen Umweltfaktoren wird zunächst auf das Wirtschafts- wachstum und seinen Indikator, dem Bruttoinlandsprodukt eingegangen, sowie der Außenhandel (Import/Export), die Bruttoanlageinvestitionen und ausländische Direktinvestitionen beleuchtet. Neben dem privaten Konsum sind weiterhin der Verschuldungsgrad und die Inflationsrate von besonderem Interesse. Ebenfalls muss auf die Arbeitslosenquote, und hier im Besonderen auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit, eingegangen werden.

Hiernach werden die politischen und rechtlichen Charakteristika betrachtet. Stichworte sind hier die aktuelle Regierungskrise aber auch die politische Stabilität. In diesem Zusammen- hang sollen der Political Risk Index, der Korruptionsindex, aber auch die Separations- bewegungen in Katalonien und dem Baskenland Betrachtung finden. Es wird die Rolle der Europäischen Zentralbank mit ihrer Niedrigzinspolitik erörtert. Zudem stellen sich Fragen zur Hilfe der europäischen Institutionen, wie zum Beispiel dem ESM-Rettungsschirm und dem EU-Stabilitätspakt.

Kurz sollen ebenfalls die technologischen Charakteristika Erwähnung finden. Hier werden der Innovationsgrad und der Stand der Forschung und Entwicklung in Spanien abgehandelt.

Auf die Punkte “Legal“ und “Ecological“ der PESTLE-Analyse wird aufgrund der Breite der Thematik bewusst verzichtet.

In der anschließenden Diskussion sollen dann aus dem zuvor Zusammengetragenen die möglichen Chancen und Gefahren für Unternehmungen bei einem Investment in Spanien zum heutigen Zeitpunkt herausgearbeitet werden.

Als Grundlage der Untersuchung dienen, neben der einschlägigen Fachliteratur, Daten des statistischen Bundesamtes, des Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Union sowie statistische Erhebungen der spanischen Behörden und Verbände.

[...]


1 Vgl. Louven (2016), S. 10

2 http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-10/mariano-rajoy-zum-spanischen- ministerpraesidenten-gewaehlt, Stand: 29.10.2016

3 Vgl. Piepenbrink (2010), S. 2

4 https://www.funcas.es/Indicadores/Indicadores.aspx?Id=1, Stand: 22.09.2016

5 https://www.funcas.es/Indicadores/Indicadores.aspx?Id=3, Stand: 06.01.2017

6 https://www.funcas.es/Indicadores/Indicadores.aspx?Id=3, Stand: 06.01.2017

7 https://www.destatis.de/Europa/DE/Startseite.html, Stand: 22.09.2016

8 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/160142/umfrage/arbeitslosenquote-in-den-eu-laendern/, Stand 20.09.2016.

9 Vgl. Louven (2016), S. 10

10 http://www.duden.de/rechtschreibung/Krise, Stand: 20.12.2016

11 Vgl. Hähnel (2016), S. 2

12 Vgl. Hähnel (2016), S. 79

13 Vgl. Wittmann (2009), S. 23 ff.

14 Vgl. Dombret (2012), S. 64 f.

15 Vgl. Hähnel (2016), S. 127 ff.

16 Vgl. Bock (2013), S. 7 f.

17 Vgl. Hähnel (2016), S. 203

18 Vgl. Sinn (2010), S. 63 ff.

19 Vgl. Bloss et al. (2009), S. 26 f.

20 Vgl. Konrad Adenauer Stiftung (2009), S. 13

21 Vgl. Schneider (2010), S. 4

22 Vgl. Konrad Adenauer Stiftung (2009), S. 91

23 Vgl. Hähnel (2016), S. 224

24 Vgl. Tolksdorf (2010), S. 13 f.

25 Vgl. Hähnel (2016), S. 225

26 ebd., S. 226 f.

27 Vgl. Hähnel (2016), S. 233

28 Vgl. Bock (2013), S. 24

29 ebd., S. 8

30 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2011), S. 137 f.

31 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2011), S. 139

32 ebd.

33 ebd., S. 137

34 Vgl. Bock (2013), S. 8

35 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2011), S. 139

36 Vgl. Bock (2013), S. 8 f.

37 Vgl. Dill / Lieven (2009), S. 216

38 Vgl. Bock (2013), S. 27

39 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2008), S. 65

40 ebd., S. 27 ff.

41 Vgl. Kreiß (2009), S. 45 f.

42 Vgl. Ocón Galilea (2013), S. 10

43 Vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (2008), S. 68

44 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/14553/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-in- spanien/, Stand: 01.02.2017

45 Vgl. Ocón Galilea (2013), S. 29

46 Vgl. Camphausen (2003), S. 36 ff.

47 Vgl. Schiele (2001), S. 50

48 Vgl. Johnson et al. (2011), S. 80

49 Vgl. Worthington / Britton (2006), S. 7

50 Vgl. Büchler (2014), S. 47

51 Vgl. Worthington / Britton (2006), S. 7

52 Vgl. Büchler (2014), S. 48

53 Vgl. Worthington / Britton (2006), S. 8

54 Vgl. Büchler (2014), S. 48 f.

55 Vgl. Welge / Al-Laham (2012), S. 295

56 Vgl. Worthington / Britton (2006), S. 8

57 Vgl. Worthington / Britton (2006), S. 9

58 Vgl. Johnson et al. (2011), S. 80

59 Vgl. Worthington / Britton (2006), S. 9

Details

Seiten
82
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668553835
ISBN (Buch)
9783668553842
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377813
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Note
2,7
Schlagworte
Spanien VWL BWL PESTLE Finanzkrise Wirtschaftskrise Bankenkrise Immobilienkrise PESTLE-Analyse Strategisches Management Umfeldanalyse Umweltfaktoren Makroökonomie

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Titel: Spanien als Handelspartner und Investitionsstandort vor dem Hintergrund der Weltfinanzkrise