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Was ist Kommunikation? Die Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer und ihre Relevanz für den Fremdsprachenunterricht

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Was ist Kommunikation? (Definitionen und Modelle)

2. Die anthropologische Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer
2.1 Leben und Werk von G. Ungeheuer
2.2 Menschliche Erfahrung als Ausgangspunkt der Kommunikationstheorie
2.2.1 Innen-Außen-Dichotomie
2.2.2 Individuelle Welttheorie
2.3 Das Eindrucksmodell der Kommunikation
2.4 Kommunikation als Sozialhandlung
2.5 Semiotische Dimension von Kommunikation

3. Ungeheuers Kommunikationstheorie und Fremdsprachenunterricht
3.1 Kommunikative Didaktik
3.2 Kommunikativer Fremdsprachenunterricht

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Täglich und überall auf der Welt findet Kommunikation in den unterschiedlichsten Formen und Handlungen statt. Dabei tauchen unzählige Fragen auf: wie funktioniert die Kommunikation, wie lässt sie sich erfolgreich durchführen, was ist ihr Ziel und Mittel? Es wird großer Wert auf Kommunikation nicht nur im alltäglichen Leben gelegt, sondern auch im Unterricht, vor allem im fremdsprachlichen Unterricht, ist Kommunikation von der großen Bedeutung.

Die vorliegende Arbeit ist den Fragen gewidmet, was unter der menschlichen Kommunikation verstanden wird, wie setzt sich mit dem Begriff der deutsche Kommunikations- und Sprachwissenschaftler, Phonetiker Gerold Ungeheuer auseinander und inwieweit sich seine konzeptionellen Vorstellungen zur Kommunikation in dem modernen Fremdsprachenunterricht bemerkbar gemacht haben.

Kapitel 1 stellt einige ausgewählte Kommunikationstheorien und Modelle aus unterschiedlichen Bereichen dar, die einen Überblick über die verschiedenen Verständnisweisen und Begriffe von Kommunikation schaffen sollen.

Im Anschluss daran widmet sich ein Kapitel der möglichst ausführlichen Darstellung der Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer und seinem Blick auf die Problematik der zwischenmenschlichen Verständigungsprozesse.

Im Kapitel 3 wird versucht, der Frage auf den Grund zu gehen, welche Rolle die Kommunikation im Fremdsprachenunterricht spielt und inwiefern Ungeheuers Überlegungen und Auffassungen von Kommunikation für den heutigen Fremdsprachenunterricht aktuell und relevant sein könnten.

1. Was ist Kommunikation? (Definitionen und Modelle)

Es gibt Hunderte von Formen und Mittel der Kommunikation, wie auch Vorstellungen und Meinungen darüber, was unter der Kommunikation verstanden wird und wie die menschliche Kommunikation (von lat. communicare ‚ mitteilen, gemeinsam machen’) funktioniert. Es gibt Dutzende von Definitionen des Begriffs, die die Kommunikation unter verschiedenen Aspekten betrachten, es existiert aber keine Definition, die allgemein anerkannt ist.

Eine der wohl bekanntesten Definitionen des Begriffs, in der von der Unmöglichkeit nicht zu kommunizieren gesprochen wird, stammt aus dem berühmten Buch „Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien“ von Paul Watzlawick, Beavin, Jackson . Er setzt Verhalten mit Kommunikation gleich und kommt zum Schluss, dass jedes Verhalten Bedeutungen vermittelt und damit kommunikatives Potenzial besitzt:

Wenn man […] akzeptiert, dass alles Verhalten in einer zwischenpersönlichen Situation Mitteilungscharakter hat, d.h. Kommunikation ist, so folgt daraus, dass man, wie immer man es auch versuchen mag, nicht nicht-kommunizieren kann. Handeln oder Nichthandeln, Worte oder Schweigen haben alle Mitteilungscharakter: Sie beeinflussen andere, und diese anderen können ihrerseits nicht nicht auf diese Kommunikation reagieren und kommunizieren damit selbst (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1996, S. 51).

Auch Rudi Keller definiert die Kommunikation als Verhalten, aber als das Verhalten, dass dazu dient andere zu beeinflussen:

Kommunikation soll jedes intentionale Verhalten genannt werden, das in der Absicht vollzogen wird, dem anderen auf offene Weise etwas zu erkennen zu geben.

Kommunizieren in dem hier relevanten Sinne heißt Mitmenschen beeinflüssen, und zwar dadurch, dass man dem andern mittels Zeichen (im weitesten Sinne) zu erkennen gibt, wozu man ihn bringen möchte, in der Hoffnung, dass diese Erkenntnis für den andern ein Grund sein möge, sich in der gewünschten Weise beeinflussen zu lassen (Keller, 1994, S. 104).

Nach einer anderen Definition werden unter der Kommunikation ein Austausch von Informationen, der eine Verständigung ermöglicht, und damit verbundene Prozesse verstanden:

Kommunikation […] Zwischenmenschliche Verständigung, reflexives sprachliches Handeln, intentionales Mitteilen von Zeichen, vor allem durch Sprache als besondere und zugleich fundamentale Form sozialer Interaktion; absichtsgelenktes und zielgerichtetes, auf das Bewußtsein von Partnern einwirkendes und eigenes Bewußtsein veränderndes Handeln; Übertragung und Verarbeitung von Informationen, die der Erzeugung von Bedeutung und Sinn sowie in Arten und Weisen des Verstehens realisiert wird (Lewandowski, 1990, S. 551).

Im Gegensatz zu der oben genannten Definition schlägt der Soziologe Niklas Luhmann den Kommunikationsbegriff vor, der „Kommunikation als komplexe Einheit und eigenständige soziale Operation versteht, die nicht von Menschen, sondern ausschließlich von sozialen Systemen prozessiert wird“ (Krallmann, Ziemann, 2001, S. 322).

Zur begrifflichen Beschreibung von Kommunikation ist eine Vielzahl von Modellen und Theorien entworfen worden. Je nachdem aus welcher Perspektive man das Thema Kommunikation betrachtet, treten verschiedene Schwerpunkte in den Vordergrund.

Als klassisch gilt das Transportmodell nach C.E. Shannon und W. Weaver, in welchem es in erster Linie um die Vermittlung der Informationen handelt. Die Nachrichten werden nach diesem Modell wie Pakete zwischen dem Sprecher und dem Hörer transportiert (vgl. Bartsch, Marquart, 1999, S. 22).

Ein Anblick aus der psychologischen Perspektive stellt das „Vier-Ohren-Modell“, oder auch „Vier-Seite-Modell“ genannt, von Schulz von Thun dar. Die Grundidee des Modells ist die Vielseitigkeit der menschlichen Kommunikation, die als Voraussetzung für eine funktionierende zwischenmenschliche Beziehung steht. Laut der These kann die Nachricht, die der Empfänger wahrnimmt, von den 4 verschiedenen Seiten beleuchtet werden: Sachebene, Beziehungsebene, Selbstoffenbarungsebene und Appellebene (vgl. Bartsch, Marquart, 1999, S. 26). Eine Nachricht oder Botschaft kann in sich viele Botschaften einschließen, was die Kommunikation so kompliziert und empfindlich macht. Das Vier-Ohren-Modell von Schulz von Thun und sein bekannter Werk „Miteinander Reden 1. Störungen und Klärungen“ schließt viele aufschlussreiche pädagogische und psychologische Aspekte ein und leistet vor allem zu der Entwicklung der Kommunikationspsychologie einen wichtigen Beitrag.

Die sprachwissenschaftliche Beschreibung von Kommunikation weist andere wichtige Komponente im Kommunikationsprozess auf und sieht die Sprache als ein Medium des kommunikativen Handels. Der Mediziner, Psychologe, auch Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Karl Bühler bezeichnete in seiner Sprach- und Zeichentheorie die Kommunikation „als ein sozialer Prozess, an dem mindestens zwei Menschen beteiligt sind, die mittels Zeichen, Medien und Sprache in ein wechselseitiges Mitteilungs- und Verständigungshandeln eintre­ten, um sich aktuell aneinander zu orientieren, etwas Bestimmtes zu erreichen oder gemeinsam auf ein zukünftiges Ziel hin tätig zu sein“ (Krallmann, Ziemann, 2001, S. 48). Sein Grundmodell des sprachliches Zeichens, auch als „Organon-Modell der Sprache“ genannt, beschreibt drei Dimensionen/Aspekten der Sprache: Ausdruck als Mitteilen von Gefühlen und Denkweise des Sprechers, Darstellung – die Inhalt der Äußerung und Appell – Wirkung auf den Hörer. So lassen sich die sprachliche Kommunikationsprozesse in Rahmen der Zeichentheorie etwa besser erklären und beschreiben, denn „Kommunikation ist ohne Zeichenverwendung nicht denkbar, und umgekehrt verweist jede Zeichenverwendung auf Kommunikation“ (Krallmann, Ziemann, 2001, S. 66).

Ein anderes an Sprache orientierte Modell stellen der englische Philosoph John L. Austin und sein Nachfolger John R. Searle vor. Sie gehen davon aus, dass jedes Sprechen ein Handeln ist und dass Sprechakte die Basis der Kommunikation sind. Der Handlungscharakter der sprachlichen Äußerungen steht im Mittelpunkt der Sprechakttheorie. Searle unterscheidet später vier Aspekte, die in jedem Sprechakt vorhanden sind: Lokution, Proposition, Illokution und Perlokution. Die Sprechakttheorie fand in den 1980er Jahren Eingang in die Fremdsprachendidaktik und trug zu einer wichtigen Umorientierung, der kommunikativen Wende bei (vgl. Graefin, Liedke, 2008, S. 178).

Und zuletzt sind einige kommunikationstheoretische Ansätze aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich zu erwähnen, die zum Verständnis des Kommunikationsbegriffs viel beitrugen.

Für Georg Herbert Mead, den bekannten US-amerikanischen Sozialpsychologe, ist Kommunikation als Interpretationsleistung zu verstehen, die auf wechselseitige Rollenübernahme beruht. Mead geht davon aus, dass die Erfahrungen, die ein menschlicher Organismus machen kann, soziale Erfahrungen sind, die er bei der Teilnahme an sozialen Handlungen erwirbt. Meads sozialbehavioristische Kommunikationstheorie zeigt „die Entwicklung von unbewusster, gebärdenvermittelter Kommunikation hin zu bewusster, intentionaler, selbstkontrollierbarer Kommunikation mittels signifikanter (Sprach-)Symbole“ (Krallmann, Ziemann, 2001, S. 202).

„Die Theorie des kommunikativen Handelns“ von Jürgen Habermas, die einigermaßen auch auf die Arbeiten von Mead beruht, geht auch von der Frage aus, wie soziales Zusammenleben von Individuen möglich ist. Es werden die Fragen gestellt, welche Voraussetzungen, Ausprägungen, Geltungsansprüche und Ziele die menschlichen Sprechhandlungen haben können.

Diese kurze Übersicht zu den Kommunikationstheorien und -modellen hat deutlich werden lassen, dass die menschliche Kommunikation ein sehr komplexer Prozess ist und nur die umfassende Auseinandersetzung mit dem Begriff eine zureichende Vorstellung über das Phänomen erlaubt. Im Folgenden kommen die Auffassung des Kommunikationsbegriffs und die anthropologische Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer zum Ausdruck.

2. Die anthropologische Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer

Der kommunikationstheoretische Ansatz von G. Ungeheuer grenzt sich gegenüber den anderen Ansätzen durch „einen sehr eigenständigen wissenschaftlichen Charakter“ und durch seine Sicht auf Kommunikation „als Ganzes “ (Krallmann, Ziemann, 2001, S. 257) ab. Außerdem ist seine Theorie auch durch den empirischen Charakter der Forschung gekennzeichnet, im Gegensatz zu vielen anderen Ansätzen betrachtet er die Kommunikation als ein Teil des alltäglichen Lebens eines Individuums:

Gerold Ungeheuer hatte sich zur Aufgabe gestellt, die zwischenmenschliche Kommunikation durch empirisch fundierte – auch experimentelle – Forschung exakt zu beschreiben und theoretisch zu begründen, den Kommunikationsakt des sprechenden Individuums aus seinen situativen und sozialen, kulturellen und historischen Bedingungen heraus zu deuten und einer wissenschaftlichen – freilich extrakommunikativen – Betrachtung zugänglich zu machen (Kelz, 1985, S. 19).

Dabei geht er systematisch an das Thema heran und versucht zuerst Phänomene kategorial abzugrenzen und dann Kommunikationsmodell zu konzipieren:

nur die klare und eindeutige Abgrenzung einer Kategorie von Phänomenen, ihr Zusammenhang und ihre Einförmigkeit gewährleisten die Einheitlichkeit der auf sie gerichteten Forschungsarbeit und bieten darüber hinaus die Grundlage zu einer sachgerechten Methodik (Ungeheuer, 1972, S. 213).

Es wurden von ihm die Kommunikationsphänomene klassifiziert, die einzelnen Erscheinungen und Merkmale der zwischenmenschlichen Kommunikation beschrieben, aber zu einer umfassenden Formulierung seiner Kommunikationstheorie kam es wegen seinem Tod nicht mehr.

Um einen Eindruck von seinen Überlegungen und Vorstellungen zu bekommen, wäre es zunächst hilfreich, kurz die Biographie und den akademischen Werdegang des Wissenschaftlers vorzustellen.

2.1 Leben und Werk von G. Ungeheuer

Gerold Ungeheuer wird am 6. Juni 1930 in Karlsruhe geboren. Bis 1951 studiert er Mathematik, Musikwissenschaft und Philosophie an der Universität Heidelberg, dann Physik und Nachrichtentechnik an der TH Karlsruhe und anschließend Phonetik und Kommunikationsforschung an der Universität Bohn. 1967 übernimmt er die die Leitung des Instituts für Phonetik und Kommunikationsforschung der Universität Bohn. Das Institut wird auf seine Veranlassung 1969 in „Institut für die Kommunikationsforschung und Phonetik“ (IKP) umbenannt. Die Erforschung der zwischenmenschlichen Kommunikation steht im Mittelpunkt der Forschungsarbeiten des Instituts (vgl. Krallmann, Ziemann, 2001, S. 257-258).

G. Ungeheuer untersucht die verschiedenen Themengebiete und hinterlässt die zahlreichen Schriften zu Phonetik, Linguistik, Kommunikationstheorie, Semiotik und Gesprächsanalyse.

Seine kommunikationstheoretischen Arbeiten wurden dann später von seinen Schülern und Mitarbeiter als „Kommunikationstheoretische Schriften. I und II“ herausgegeben (vgl. Lenke, Lutz, Sprenger, 1995, S. 68).

2.2 Menschliche Erfahrung als Ausgangspunkt der Kommunikationstheorie

Ungeheuers kommunikationstheoretische Überlegungen orientieren sich in erster Linie an menschlichen Individuen mit ihren spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten. Der anthropologische Aspekt ist von der fundamentalen Bedeutung in seiner Kommunikationstheorie.

Es wird von der Grundannahme ausgegangen, dass die Menschen in der Lage sind, etwas zu erfahren (vgl. Ungeheuer, o.J., S. 303). Der Begriff „Erfahrung“ nimmt eine zentrale Stellung in der Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer. Jeder Mensch verfügt über sein individuell ausgebildetes Erfahrungssystem, ein „System“ vom Charakter einer Theorie, einen Zusammenhang von Mustern zur Bewältigung der Probleme der Alltagswirklichkeit, der eine personelle Erfahrungstheorie darstellt“ (Juchem, 1985, S. 25).

Dabei ist die Erfahrung durch einige Eigenschaften gekennzeichnet, die für die Beschreibung der Kommunikationsprozessen besonders wichtig sind. Das menschliche Erfahren lässt sich folgendermaßen beschreiben (vgl. Ungeheuer, o.J., S. 304 – 309):

a) comprehensiv - In jeder Erfahrung wird etwas erfahren. Die Erfahrungen sind Akte der Auseinandersetzung mit Objekten, Gegenständen, Vorstellungen usw.

b) reflexiv – Man erfährt, dass man etwas erfährt. So werden die Erfahrungsinhalte erkannt und ausgewertet.

c) dichotom – Die Zweiteiligkeit der Erfahrung auf innere und äußere (s.u.).

d) individuell – Die Erfahrungsinhalte unterscheiden sich prinzipiell von Individuum zu Individuum.

e) theoretisch – Man erfährt etwas nie in seiner Wirklichkeit. Unsere Vorurteile, Vorstellungen, Annahmen über die Welt, über das Leben, über sich selbst sind Bestandteile unserer individuellen Welttheorie (s.u.).

Die Innen-Außen-Dichotomie und die individuelle Welttheorie werden als die grundlegenden Eigenschaften der Erfahrung herausgestellt: sie veranlassen zur Kommunikation und erschweren sie zugleich.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783668550216
ISBN (Buch)
9783668550223
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377568
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsch als Fremdsprache
Note
2,3
Schlagworte
Kommunikation Kommunikationtheorie von Ungeheuer kommunikative Didaktik kommunikativer Fremdsprachenunterricht

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Titel: Was ist Kommunikation? Die Kommunikationstheorie von Gerold Ungeheuer und ihre Relevanz für den Fremdsprachenunterricht