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Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie der indirekten Sprechakte bei Searle

3. Weiterführende Theorien

4. Kritik an der Theorie der indirekten Sprechakte
4.1 Schlussfolgerungsprozess
4.2 Existenz zweier Illokutionen
4.2.1 Fehlendes Lexem
4.2.2 Nicht-Einhaltung der Handlungsbedingungen

5. Lösungsvorschlag: Semantische Muster

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Können Sie mir noch eine Cola bringen? Die Analyse dieses Satzes kann in der sprachwissenschaftlichen Forschung für eine große Diskussion sorgen. Ausgehend von der Sprechakttheorie, die von John Austin geprägt und von John R. Searle weiterentwickelt wurde, liegt in jeder formulierten Äußerung eine Sprechhandlung des Sprechers vor, mit welcher er einen bestimmten Zweck erfüllen möchte. Auch das genannte Zitat stellt eine Sprechhandlung dar. Stellt ein Kunde in einem Restaurant dem Kellner exakt diese Frage, fordert er ihn auf, ihm eine Cola zu bringen. Da es sein Job ist, wird er diese Frage als Aufforderung verstehen, dem Kunden eine Cola bringen und somit ist die Sprechhandlung gelungen. Nun gibt es allerdings den Widerspruch, dass die Äußerungsform nach Searle nicht der einer Aufforderung gleicht. Diese entspricht vielmehr der einer Frage. Da dieser Widerspruch zwischen der wörtlichen und der kontextbezogenen Bedeutung in der Realität mehrfach zu finden ist, widmet sich Searle diesem Problem mit seiner Theorie der indirekten Sprechakte.

Die Theorie der indirekten Sprechakte wurde in der wissenschaftlichen Literatur kritisch begutachtet und teilweise widerlegt, weshalb ausgehend der Frage Können Sie mir noch eine Cola bringen? über diese Theorie diskutiert werden kann. Demnach geht die vorliegende Arbeit der Fragestellung nach, inwiefern die Theorie der indirekten Sprechakte nicht zutrifft und welcher alternative Lösungsansatz solcher Sprechakte besser geeignet wäre. Ziel ist es, bei der Erläuterung der Theorien und der Kritikpunkte immer wieder Rückschlüsse zu der Beispielfrage zu ziehen, um am Ende eine logische Erklärung der Sprechhandlung der Äußerung Können Sie mir noch eine Cola bringen? bereitzustellen.

Um von der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle auszugehen, wird diese zunächst erläutert. Dabei werden Grundkenntnisse über die Sprechakttheorie vorausgesetzt. Nachfolgend werden kurz die Weiterentwicklungsideen der Searl‘schen Theorie aufgezeigt, da so deutlich werden soll, dass diese Theorie nicht nur Widersacher erfahren hat. Im nächsten Kapitel werden die wichtigsten Kritikpunkte an der Theorie aufgelistet. Von diesen ausgehend wird letztendlich ein Lösungsansatz vorgestellt, der die Eingangsfrage zutreffend klassifizieren soll. Um diese Arbeit abzuschließen, wird es im Fazit darum gehen, die Theorie von Searle bezüglich indirekter Sprechakte als auch den Lösungsansatz, der auf der Literatur von Götz Hindelang beruht, zu bewerten.

2. Theorie der indirekten Sprechakte bei Searle

In Searles Theorie der indirekten Sprechakte geht es um seine These, dass es Fälle gibt, „in denen der Sprecher einen Satz äußert, zwar meint, was er sagt, aber darüber hinaus noch etwas mehr meint“ (Searle 1982: 51). So stimmt beispielhaft „bei Andeutungen, Anspielungen, in Fällen von Ironie und metaphorischer Redeweise […] die Bedeutung der Äußerung in mancherlei Hinsicht nicht mit der Satzdeutung überein“ (Searle 1980: 127). Searle nennt als einen klassischen Fall den der Aufforderung in Form einer Feststellung: „Ich will, daß du es tust“ (Searle 1980: 127). So tätigt man ausgehend von der Äußerungsform eine Feststellung, meint jedoch eine Aufforderung. Demnach enthält der Satz zwei Illokutionsakte (vgl. Searle 1980: 127). Searle unterscheidet dabei zwischen dem primären und sekundären Illokutionsakt, wobei mit Letzterem der wörtliche Illokutionsakt gemeint ist (vgl. Hindelang 2010: 91). In dem obigen Beispiel wäre dementsprechend der primäre Illokutionsakt eine AUFFORDERUNG[1] und der sekundäre, der durch die Äußerungsform bedingt ist, eine FESTSTELLUNG.

„Kannst du mir das Salz reichen?“ (Searle 1980: 127) ist ein weiteres Beispiel, mit dem Searle seine Theorie der indirekten Sprechakte einleitet. Hier erkennt man hinsichtlich der Äußerungsform eindeutig den Sprechakt einer FRAGE. In diesem Fall wird vom Sprecher jedoch nicht die Fähigkeit des Hörers erfragt, ob dieser ihm das Salz reichen kann, vielmehr wird diese Person darum gebeten. Folglich entspricht der primäre Illokutionsakt der einer BITTE und der sekundäre der einer FRAGE. An dieser Stelle lässt sich festhalten, dass der primäre Illokutionsakt durch den Handlungszusammenhang entsteht und der sekundäre durch die wörtliche Bedeutung. So wird „ein illokutionärer Akt indirekt, über den Vollzug eines andern, vollzogen“ (Searle 1982: 52).

Das Problem, dem sich Searle nun gewidmet hat, ist die Frage „wodurch es dem Hörer möglich ist, den indirekten Sprechakt zu verstehen, wenn der von ihm vernommene und verstandene Satz etwas anderes bedeutet“ (Searle 1982: 52). Dafür setzt Searle zunächst voraus, dass der Hörer rational denkt und mit dem Sprecher bestimmte sprachliche und außersprachliche Hintergrundinformationen teilt (vgl. Searle 1982: 53). Außerdem muss man von „allgemeinen Prinzipien kooperativer Konversation“ (Searle 1982: 53) ausgehen.

Als Lösung dieses Problems stellt Searle eine Reihe von Schlussfolgerungen auf, durch welche sich der Hörer aus der sekundären Illokution die primäre Illokution erschließen kann. Searles Analyse geht von einer Situation aus, in der Sprecher 1 (X) Sprecher 2 (Y) fragt, ob sie zusammen ins Kino gehen wollen. Dieser antwortet: „Ich muss für eine Prüfung lernen“ (Searle 1982: 53). Anhand dieser Antwort tätigt Searle seine sequenzielle Schlussfolgerung, um von der sekundären Illokution einer FESTSTELLUNG auf die primäre Illokution einer ABLEHNUNG des zuvor geäußerten Vorschlags zu schließen. Die FESTSTELLUNG entspricht in diesem Fall also der wörtlichen Bedeutung, die ABLEHNUNG entsteht durch den Kontext. Nun stellt Searle sich unter anderem die Fragen „Woher weiß X, dass die Äußerung von Y eine Ablehnung seines Vorschlags ist?“ und „Wie ist es möglich, dass Y die Äußerung 2 als Ablehnung seines Vorschlags intendieren oder meinen konnte?“ (Searle 1980: 130). Als Antwort auf die Fragen folgen nun die erwähnten Schlussfolgerungen, die nach Searle in normalen nicht unbewusst ablaufen (vgl. Searle 1980: 130f.).

Zur Verdeutlichung dieses Ansatzes der Theorie wird im Folgenden das Beispiel dieser Arbeit verwendet, an dem die von Searle entwickelten Gedankenschritte erprobt werden. Der Sprecher (SP) sitzt in einem Restaurant und möchte eine Cola bestellen. Um diese zu bekommen, muss er den zuständigen Kellner (H) auffordern, ihm eine Cola zu bringen. Diese Aufforderung realisiert SP durch folgende Äußerung: Können Sie mir noch eine Cola bringen?

Die Äußerung von SP entspricht der wörtlichen Bedeutung einer FRAGE, weshalb diese nach Searle den sekundären Illokutionsakt darstellt. Da es jedoch gleichzeitig eine Aufforderung an H ist, dass dieser ihm eine Cola bringe, entsteht zusätzlich die primäre Illokution der AUFFORDERUNG. Wie sich H die primäre Illokution erschließen kann, wird laut Searles Theorie folgendermaßen deutlich:

Schritt 1: SP hat mir eine Frage gestellt. Er möchte wissen, ob ich in der Lage sei, ihm eine Cola zu bringen (Fakten über das Gespräch).

Schritt 2: Ich nehme an, dass Person A in diesem Gespräch mit mir kooperiert und dass deshalb seine Äußerung ein Ziel oder einen Zweck hat (Prinzipien kooperativer Gesprächsführung).

Schritt 3: Aus dem Kontext heraus macht es wenig Sinn, dass SP ein theoretisches Interesse an meiner Fähigkeit, ihm eine Cola zu bringen, hat (faktisches Hintergrundwissen).

Schritt 4: Des Weiteren wird SP wissen, dass ich seine Frage aufgrund meines Jobs als Kellner bejahen muss und bejahen werde (faktisches Hintergrundwissen).

Schritt 5: Seine Äußerung ist deshalb wahrscheinlich nicht bloß eine Frage. Sie hat wahrscheinlich einen weiteren Illokutionszweck (Folgerung aus Schritt 1,2,3,4). Worin kann dieser bestehen?

Schritt 6: Eine Vorbereitungsbedingung jedes direktiven Illokutionsaktes besteht darin, dass der Hörer in der Lage ist, die in der Bedingung des propositionalen Gehalts prädizierte Handlung zu vollziehen (Sprechakttheorie).

Schritt 7: SP hat mir also eine Frage gestellt, deren Bejahung meinerseits voraussetzen würde, dass die Vorbereitungsbedingung für seine Aufforderung, ihm eine Cola zu bringen, erfüllt ist (Folgerung aus Schritt 1 und 6).

Schritt 8: Ich arbeite in diesem Moment als Kellner in einem Restaurant und normalerweise fordern die Kunden die Kellner auf, ihnen ein Getränk zu bringen (Hintergrundwissen).

Schritt 9: SP hat also darauf angespielt, dass die Vorbereitungsbedingung einer Aufforderung erfüllt ist, und er will wohl, dass ich die Bedingung erfülle, durch die der Aufforderung Folge geleistet wird (Folgerung aus Schritt 7 und 8).

Schritt 10: Da ich keinen anderen plausiblen Illokutionszweck erkennen kann, fordert SP mich also vermutlich auf, ihm eine Cola zu bringen (Folgerung aus Schritt 5 und 9).

Durch diese vorgestellten Schlussfolgerungen im Unterbewusstsein des Hörers soll es laut Searle demnach möglich sein, den primären Illokutionsakt zu erkennen. Diese Theorie der indirekten Sprechakte steht in der Forschung mehreren kritischen Meinungen gegenüber. In der Forschung gibt es jedoch auch ähnliche Ansätze, auf die zunächst eingegangen werden soll.

3. Weiterführende Theorien

In diesem Kapitel werden exemplarisch Beiträge aus der Forschung berücksichtigt, die sich nicht mit alternativen Theorien zu den indirekten Sprechakten beschäftigen, sondern an die Theorie von Searle anführen.

Dorothea Franck befasst sich in ihrem Aufsatz „Zur Analyse indirekter Sprechakte“ (vgl. 1975: 219ff) ebenfalls mit indirekten Sprechakten, die sie folgendermaßen definiert:

Ein Sprechakt ist dann indirekt ausgedrückt, wenn der mit sprachlichen Mitteln angezeigte Illokutionstyp (nach der normalen Interpretation aller Illokutionsindikatoren) nicht mit der primär intendierten illokutiven Funktion übereinstimmt (Franck 1975: 219).

Dabei weißt sie ausdrücklich darauf hin, dass indirekte Sprechakte trotz eventuell analoger Erklärungsmodelle von ironischen, metaphorischen und standardisierten Reden zu unterscheiden sind (vgl. Franck 1975: 219f.). Man erkennt an ihrer Definition, dass Franck die Existenz zweier illokutiver Akte befürwortet. Sie ist der Meinung, dass die Illokutionsindikatoren ‚normal‘ interpretiert werden müssen und schließt eine Ambiguität der Illokutionsindikatoren, die lediglich auf einen illokutiven Akt hindeuten würde, aus. Die Folgerung des intendierten Sprechaktes, funktioniert bei ihrer Theorie ähnlich wie bei der von Searle durch „einen Folgerungsprozeß, in dem sowohl die wörtliche Bedeutung wie auch bestimmte Kontextfaktoren, Regeln der Sprechakte und Sprechaktsequenzen, allgemeine Prinzipien der Konversation und des Schließens eine Rolle spielen“ (Franck 1975: 220).

Ein weiterer Beitrag, der sich an der Theorie von Searle anlehnt, stammt von Veronika Ehrich und Günter Saile (vgl. Ehrich / Saile1972: 255ff). Im Gegensatz zu Searle schreiben sie jedoch von ‚nicht-direkten Sprechakten‘. Diese unterteilen sie in indirekte und implizierte Sprechakte, wobei diese Kategorisierung nicht weiter thematisiert werden soll. Die Gemeinsamkeit mit Searles Theorie wird an dieser Stelle deutlich:

Da mit jedem nicht-direkten Sprechakt zugleich ein direkter performiert wird, halten wir es auf dieser Ebene der Analyse für notwendig, zwischen der intendierten kommunikativen Funktion des nicht-direkten Sprechaktes und ihrer Realisierung einerseits sowie der realisierten kommunikativen Funktion des direkten Sprechaktes zu unterscheiden (Ehrich / Saile 1972: 256).

Sie teilen dementsprechend die Meinung mit Searle von der gleichzeitigen Realisierung von zwei illokutiven Akten.

Dies trifft auch auf Wunderlich zu, der diese Formen von Sprechakten ebenso ähnlich wie Searle definiert: „Sprechhandlungen, die wörtlich genommen werden können, jedoch eigentlich nicht wörtlich genommen werden sollten (nicht wörtlich intendiert waren), nenne ich indirekte Sprechhandlungen“ (Wunderlich 1972: 32).

In diesem Kapitel wurde deutlich, dass die Theorie der indirekten Sprechakte von John Searle neben den Kritikern auch Befürworter nach sich gezogen hat, die an der Annahme zweier illokutiver Akte bei einer Sprechhandlung anknüpfen.

[...]


[1] Um die illokutiven Akte besser hervorzuheben, werden diese von nun an in Großbuchstaben geschrieben.

Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668551428
ISBN (Buch)
9783668551435
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377524
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
3,0
Schlagworte
kritische auseinandersetzung theorie sprechakte searle
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Titel: Kritische Auseinandersetzung mit der Theorie der indirekten Sprechakte von Searle