Lade Inhalt...

Ein Vergleich des Begriffes der Pflicht zwischen Kant und Hegel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Pflichtbegriff bei Kant
2.1 Herleitung der obersten Pflicht
2.2 Rechts- und Tugendpflichten
2.2.1 Tugendpflichten
2.2.1.1 Pflichten gegen andere
2.2.2 Rechtspflichten

3 Der Pflichtbegriff bei Hegel
3.1 Grundbedingung der Sittlichkeit
3.2 Freier Wille und Pflicht

4 Vergleich der Pflicht zwischen Kant und Hegel
4.1 Grundbedingung
4.2 Formalitätsvorwurf
4.3 Oberste Pflicht
4.4 Freiheit
4.5 Autonomie
4.6 Pflicht versus Glück/Liebe/Neigung

5 Fazit

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Begriff der Pflicht bei Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel auseinander.

Basierend auf einer Diskrepanz zwischen Hegels Kritik an Kant und der folgenden Äußerung Hegels aus der “Wissenschaft der Logik - Die Lehre vom Sein”: “Die Pflicht ist ein Sollen gegen den besonderen Willen, gegen die selbstsüchtige Begierde und das willkürliche Interesse gekehrt; […].” (Hegel 2008 1812, S. 133) stellt sich die Frage, in wie weit sich der Begriff der Pflicht zwischen Kant und Hegel unterscheidet, da dem ersten Anschein nach der zitierte Satz aus Hegels Werk der Pflichtdefinition von Kant gleicht.

Da es nicht ausreichend ist, lediglich den Begriff der Pflicht zu untersuchen, da dieser stets in einer gesamten Theorie verwickelt ist, werde ich im ersten Teil meiner Untersuchung die Ethiktheorien von Kant (Kapitel 2) und Hegel (Kapitel 3) rekonstruieren um anhand dessen die grundlegenden Aussagen beider bzgl. des Pflichtbegriffes darzustellen. Als Primärliteratur dient mir Kants “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” und Hegels “Grundlinien der Philosophie des Rechts”. Im Anschluss an die Rekonstruktion werde ich die herausgearbeiteten Ansätze unter der Berücksichtigung der Kategorien: Grundbedingungen, Formalitätsvorwurf, Oberste Pflicht, Freiheit, Autonomie und Pflicht versus Glück/Liebe/ Neigung gegenüberstellen und vergleichen (Kapitel 4).

Ziel der Untersuchung ist die Gegenüberstellung der Pflichtbegriffe von Kant und Hegel. Darüber hinaus sollen anhand dessen die Unterschiede beider Theorien offengelegt und damit ein Ansatzpunkt geschafft werden, mit dem Kritik an beiden Theorien geübt werden kann.

2 Der Pflichtbegriff bei Kant

Der Begriff der Pflicht findet sich bei Kant primär in den Werken “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” und “Metaphysik der Sitten” wieder.1 Ich werde mich für die Rekonstruktion des Pflichtbegriffes sowie für das, was aus dem Begriff der Pflicht folgt auf die genannten Werke beziehen, jedoch wird mir die “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” als Hauptquelle dienen. Der Grund dafür ist, dass in der “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” die Mehrzahl von Kants entscheidenden Ideen entwickelt werden, welche in seinen späteren Werken lediglich weiter ausgebaut werden (Vgl. Henning 2016, S. 9). Dies soll nicht bedeuten, dass diese Ausführungen weniger relevant sind, doch finden sie in meiner Untersuchung keinen Platz, da ich mich mit den grundlegenden Gedanken zum Begriff der Pflicht von Kant auseinandersetze.

2.1 Herleitung der obersten Pflicht

Die Herleitung der obersten Pflicht steht in direktem Zusammenhang mit der Herleitung des Sittengesetz und dieses wird von Kant im ersten Abschnitt der “Grundlegung” aufgestellt. Es ist möglich drei Prämissen herauszuarbeiten, die die Herleitung zum Sittengesetz beschreiben: Erstens lässt sich nur dort ein moralischer Wert denken, wo der Handelnde eine Motivation besitzt und diese Motivation kann der gute Wille sein. Zweitens liegt der gute Wille nur dort vor, wenn davon gesprochen wird, dass aus Pflicht gehandelt wird. Drittens muss, wenn davon gesprochen wird dass ein Subjekt aus Pflicht heraus handelt, der Inhalt der Pflicht das Sittengesetz sein (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 399ff). Bzgl. dieser drei aufgestellten Prämissen sind vorerst die Begriffe Pflicht und guter Wille sowie die Prämissen Eins und Zwei relevant.

Kant definiert den Willen als zwingend gut, wenn dieser keinen Einflüssen von äußeren Faktoren und den subjektiven Neigungen eines handelnden Subjektes unterlegen ist (Vgl. ebd., S. 398). Der Begriff der Pflicht steht in unmittelbarem Verhältnis zum Begriff des guten Willens, denn es ist nur möglich vom guten Willen in einer Handlung zu sprechen, wenn aus Pflicht gehandelt wird. Kant verwendet in diesem Zusammenhang den Ausdruck Triebfeder. Dieser Terminus bezeichnet den Grund einer Handlung, sodass die eben beschriebene Annahme auch wie folgt lauten kann: die Triebfeder einer Handlung muss die Pflicht sein, darf nicht eine Neigung sein, denn nur dann kann von einer Handlung mit gutem Willen gesprochen werden2 (Vgl. Henning 2016, S. 22).

Um den Konflikt zwischen Pflicht und Neigung zu verdeutlich arbeitet Kant mit einem Vergleich - Mensch versus Gott oder anderes ausgedrückt, Wesen, welches nicht vollkommen von der Vernunft bestimmt ist versus Wesen, welches vollkommen von der Vernunft bestimmt ist. Gott besitzt einen guten Willen, da es in seiner Natur liegt das Richtige zu tun. Es bedarf keiner Pflicht und es gibt für Gott auch kein Handeln aus Pflicht, denn dieses Handeln existiert nur bei Wesen, die keinen vollkommen von der Vernunft beherrschten Willen haben und sich somit stets im Konflikt mit ihren Neigungen befinden (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 412ff.).

Ein weiteres Beispiel, um das Verhältnis zwischen Handeln aus Pflicht und Handeln aus Neigung zu behandeln ist das des “Menschenfreundes”. Ein Mensch, der die Neigung hat anderen zu helfen vollzieht keine Handlung aus gutem Willen, solange die Neigung die Triebfeder zur Handlung ist. Die Triebfeder muss die Pflicht sein und nur dann spricht Kant von gutem Willen (Vgl. ebd., S. 398). Dieses Beispiel hat Friedrich Schiller auf ironische Weise kritisiert. Er schreibt: “Gerne dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.” (Schiller 1962, S. 299) Schiller tut Unrecht mit dieser Kritik, da er eines nicht beachtet hat: positive Gefühle und Neigungen sind bei Handlungen nicht verboten, doch wenn man mit gutem Willen handeln will, darf man nicht aus Neigung, sondern muss aus Pflicht handeln. (Vgl. Henning 2016, S. 27).

Die dritte Prämisse zur Hinleitung zum Sittengesetz besagt, dass wenn eine Handlung aus Pflicht geschieht, diese Pflicht einen Inhalt haben muss. Der Inhalt von einer Pflicht wird von Kant als Maxime bezeichnet und diese sind subjektive Prinzipien des Wollens. Maximen sind die inneren Prinzipien nach denen äußere Handlungen vollzogen werden. Eine jede Triebfeder, die zu einer Handlung führt, ist ein Teil einer Handlungsmaxime (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 400). Zugleich müssen sie aber auch objektive Prinzipien sein und dürfen keine subjektiven Neigungen als Inhalt haben. Daraus ergibt sich, dass jeder Mensch mit einem guten Willen nach einer Maxime handelt, da die Maxime der Inhalt der Pflicht ist, und darüber hinaus in der Maxime ein objektives Prinzip erkennt. Daraus folgt, dass der aus Pflicht handelnde Mensch ohne Achtung vor seinen subjektiven Neigungen und stattdessen aus Achtung vor einem allgemeinen Gesetz handelt, bzw. aus Achtung vor dem Sittengesetz. Aufgrund der drei hergeleiteten Prämissen lautet das Sittengesetz: “[…] handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass Sie ein allgemeines Gesetz werde.” (ebd., S. 421)

Die Frage, welche sich jeder aus Pflicht handelnde Mensch stellen muss lautet: kann der Inhalt meiner Pflicht, bzw. kann die Maxime meiner Handlung als ein objektives Gesetz, bzw. Sittengesetz gelten? Ist somit meine Maxime vollkommen frei von subjektiven Neigungen und beruht sie einzig und allein auf der Triebfeder der Pflicht und somit aus Achtung vor dem Sittengesetz?

2.2 Rechts- und Tugendpflichten

Die oberste Pflicht ist die Achtung vor dem Sittengesetz. Wenn diese Achtung besteht und ein Subjekt aus Pflicht handelt, dann handelt es zugleich mit gutem Willen und nach dem Sittengesetz, bzw. gemäß des kategorischen Imperativs (Vgl. ebd., S. 400). Von der obersten Pflicht lassen sich die Rechts- und Tugendpflichten ableiten. Schnädelbach verwendet für den Unterschied dieser Pflichten die Begriffe Legalität und Moralität (Vgl. Schnädelbach, S. 147).

Darüber hinaus gibt es innerhalb dieser beiden Formen der Pflicht noch die Unterscheidung in vollkommene- und unvollkommene Pflichten (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 421).

2.2.1 Tugendpflichten

Tugendpflichten werden durch jeder_jedem Einzelnen selbst festgelegt und sind somit nicht durch Externe bestimmt (Vgl. Kant MS, AA VI, S. 394ff.). Unter die Kategorie der Tugendpflichten zählen die Pflichten gegen uns selbst. Diese lauten Vervollkommnung sowie Selbsterhalt (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 422f.).3

Die Vervollkommnung beinhaltet, dass ein vernünftiges Wesen wollen muss, dass sein Wille gestärkt wird. Ein Wille kann nicht lediglich auf Genuss ausgelegt sein, denn dann würden seine Talente vernachlässigt werden und womöglich nicht mehr benutzbar sein. Bezogen auf die oberste Pflicht bedeutet dies, dass ein Wille niemals gegen die Vervollkommnung der Talente ausgerichtet sein darf, denn es liegt in der Natur des Willens, dass dieser alle potentiellen Vermögen entwickelt um allen potentiellen Absichten nachgehen zu können (Vgl. ebd., S. 423).

“Der erste Grundsatz der Pflicht gegen sich selbst liegt in dem Spruch: lebe der Natur gemäß (naturae convenienter vive), d. i. erhalte dich in der Vollkommenheit deiner Natur, der zweite in dem Satz: mache dich vollkommner, als die Natur dich schuf (perfice te ut finem ; perfice tu ut medium)”. (Kant MS, AA VI, S. 419)

Die Pflicht der Vervollkommnung ist eine unvollkommene Pflicht, da keine spezifischen Handlungen sondern das Setzen eines allgemeinen Zweckes verlangt wird. Diese Form der Pflicht wird von Kant als “weit” charakterisiert (Vgl. ebd., S. 390). Dies bedeutet, dass es einen Spielraum für die Willkür gibt, da eben die Pflicht nicht im Speziellen vorschreibt, was zu tun ist, denn eine unvollkommene Pflicht bestimmt lediglich den Zweck. “Unvollkommene Pflichten verlangen […] nur, dass Sie etwas tun. Was genau das ist, ist vom Gesichtspunkt der Moral her gesehen arbiträr oder zufällig.” (Henning 2016, S. 73)

Wenn ein Mensch gegen die Pflicht der Vervollkommnung agiert, agiert er gegen die Vernunft, bzw. gegen die Natur des Willens selbst und dies ist, wenn man die Handlung verallgemeinert ein Widerspruch im Wollen, da niemand gegen die Natur kämpfen wollen kann. Darüber hinaus kann kein vernunftgeleiteter Mensch wollen, dass eine Maxime, deren Inhalt die Befeuerung des Genusses ist, zum allgemeinen Gesetz wird.

Die Pflicht des Selbsterhaltes ist die zweite Pflicht gegen uns selbst und ist zugleich eine vollkommene Pflicht (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 422ff.). Vollkommene Pflichten sind enger und verlangen spezifische Handlungen von den Akteuren (Vgl. Kant MS, AA VI, S. 390). Die notwendige Bedingung zur Erfüllung dieser Pflicht ist, dass sich ein Subjekt nicht selbst das Leben nimmt doch ist dies allein keine hinreichende Bedingung. Ein Subjekt darf sich nicht nur nicht selbst töten, es muss auch aus den richtigen Gründen heraus geschehen. Eine hinreichende Motivation wäre, dass sich ein Subjekt nicht selbst töten will, da es dadurch die Möglichkeit zur Vervollkommnung nicht mehr wahrnehmen kann. Kant benennt eine nicht hinreichende Motivation selbst. “Ich mache es mir aus Selbstliebe zum Prinzip, wenn das Leben bei seiner längeren Frist mehr Übel droht, als es Annehmlichkeiten verspricht, es mir abzukürzen.” (Vgl. Kant GMS, AA IV, S. 422) Die Selbstliebe ist somit der Gegensatz zum Selbsterhalt. Wenn eine Handlung auf der Triebfeder Selbstliebe beruht, dann gründet sich diese auf der Motivation der Erfüllung der subjektiven Neigungen und dies allein verstößt schon gegen die oberste Pflicht, denn diese besagt, dass ein Mensch nach der Vernunft handeln und seine Triebfeder somit die Pflicht sein muss, welche zugleich frei von subjektiven Neigungen bestimmt ist. Wenn ein Mensch jedoch sein Leben, beruhend auf der Triebfeder Selbsterhalt, fortsetzt auch wenn das Leben schwierig geworden ist, so ist dies die Erfüllung der Pflicht gegen sich selbst (Vgl. ebd., S. 421f.).

[...]


1 Kant entwickelt seine Ethik darüber hinaus im Werk “Kritik der praktischen Vernunft”, im Werk “Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft” und in kleineren Schriften. Darüber hinaus lässt sich ebenfalls in den Vorlesungsschriften von Kants Studenten Material zu seiner Ethik finden (Vgl. Henning 2016, S. 9).

2 Henning beschreibt das Verhältnis zwischen Pflicht und gutem Willen als ein Implikationsverhältnis. Damit meint er, dass der Begriff Pflicht den Begriff des guten Willens enthält, bzw. impliziert (Vgl. Henning 2016, S. 22).

3 Kant unterscheidet in der “Metaphysik der Sitten” im Kapitel “Ethische Elementarlehre” in “Pflichten gegen uns selbst als animalisches Wesen” (u.A. Vervollkommnung, Selbsterhalt) und in “Pflichten gegen uns selbst als moralisches Wesen (u.A. Lüge, Geiz, Kriecherei) (Vgl. Kant 2014 1797, A63-A97). Diese Unterscheidung trifft er nicht in der “Grundlegung der Metaphysik der Sitten” und darüber hinaus ist diese Trennung nicht zwingend relevant bei der Gegenüberstellung mit Hegel. Aus diesem Grund gehe ich nicht weiter darauf ein.

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668560130
ISBN (Buch)
9783668560147
Dateigröße
667 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377522
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Philosophie Pflicht Kant Hegel Tugendpflicht Rechtspflicht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Ein Vergleich des Begriffes der Pflicht zwischen Kant und Hegel