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Bildung und Fernsehen. Eine Betrachtung der Television aus pädagogisch-anthropologischer Sicht

3., überarbeitete & erweiterte Auflage

Studienarbeit 2017 80 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Wirklichkeit des Fernsehens
1.1 Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit
1.2 Die mediale Konstruktion der Wirklichkeit

2 Die Anthropologie des Fernsehens
2.1 Kommunikation und Rezeption
2.2 Zuschauen als Vermittlung
2.3 Raum und Zeit
2.4 Bild und Raum

3 Die Pädagogik des Fernsehens
3.1 Fernsehen und Bildsamkeit
3.2 Bildung, Wirklichkeit und Wahrheit
3.3 Halbbildung und Kritik

Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

television, conversion of a scene in motion – with its accompanying sound – into an electric signal, transmission of the signal, and its reconversion into visible and audible images by a receiver.[1]

Im Laufe der Geschichte hat jede medientechnologische Erfindung, jede Entwicklung eines neuen Mediums zu einer irreversiblen Veränderung in der Kommunikation und in den Wirklichkeitsverhältnissen geführt.[2] Nicht nur sind Medienaneignung, Medienumgang und Mediennutzung in den lebensweltlichen Kontext als alltägliche Aktivität handelnder Subjekte fest eingebunden.[3] Medien und Massenkommunikationsmittel sind zu einem wesentlichen Bestandteil der technologischen Organisation (post-)moderner Gesellschaften und deren treibende technologische Kraft geworden.[4] Interessanterweise sind solche Gesellschaften dadurch gekennzeichnet, dass direkte Kontakte zwischen Individuen als Wir-Beziehung immer seltener vorkommen. Vor allem Film und Fernsehen drängen die Realbegegnung zwischen den Individuen merklich zurück.[5]

Individuen müssen sich in einer unüberschaubaren und differenzierten (sozialen) Welt zurechtfinden, in der vieles Unbekannt oder im Verborgenen bleibt.[6] Die Welt selbst verschwindet in diesen Gesellschaften hinter ihren medialen Re-Präsentationen und scheint nur an wenigen Orten in ihrer Eigentlichkeit erreichbar. Die Technologisierung und Medialisierung in Ihnen hat alle Lebensbereiche und Lebensfunktionen erreicht und unterworfen, sodass das Leben gerade nicht einfacher, übersichtlicher und sinnerfüllter wird. Der (post-)moderne Mensch erlebt seine Welt vielmehr als brüchig, hektisch, unübersichtlich, komplex, ambivalent und herausfordernd.[7] Hier gibt es kein einheitliches, ganzheitliches Leben. Dieses muss erst innerhalb des vielfältigen und geschichteten Alltags hergestellt werden, indem der Einzelne all seine verschiedenen Lebensbereiche (Familie, Freunde, Beruf, Urlaub, Freizeit, Verkehr, Konsum, Medien, Politik, Religion etc.) zu einer sinnhaften Lebenswelt verbindet und sich in dieser einen Lebenssinn erarbeitet.[8] Gleichsam sind die Gesellschaften, die eine solche Lebensgestaltung einerseits ermöglichen andererseits aber auch zwanghaft vorgeben, durch objektive Bedingungen konstituiert bzw. gar selbst solche objektiven Bedingungen, die das Denken von Menschen mitbestimmen und somit auch ihren Blick auf die Welt, sich selbst und das, was als Wirklichkeit angesehen wird, beeinflussen.[9]

Einen Ausweg aus dieser Verborgenheit von Beziehungen und Welt und eine Hilfe zur sinnhaften Konstruktion einer eigenen Lebenswelt kann das Fernsehen bieten, das selbst zu den objektiven gesellschaftlichen Bedingungen zählt und diese gleichzeitig hervorbringt. Denn wer fernsieht, sieht wahrhaft in die Ferne, begibt sich an Orte, die unerreichbar sind oder zumindest gegenwärtig außerhalb der eigenen, unmittelbaren Wirklichkeit liegen, und erlangt Zugang zu einer Wirklichkeit, die vor dem Moment des Zuschauens noch unwirklich war. Wer fernsieht, erhält Zugriff auf symbolisches und ästhetisches Material, mit dem sich Subjektivität und Lebenswelt sinnhaft erweitern lassen.[10] Denn in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, die immer weniger dazu in der Lage ist, ihren Mitgliedern einheitliche und verbindliche Sinnorientierungen zu bieten, kommt den Medien die bedeutsame Funktion zu, kompensatorische Sinnangebote zu vermitteln, die zur Orientierung aber auch Desorientierung beitragen können. Das Fernsehen wird hierzu als natürlicher Sinnlieferant genutzt, da es nicht als exponiertes mediales Ereignis wahrgenommen und bewertet, sondern als selbstverständlicher Teil der Alltagswelt und des Alltagshandelns begriffen wird.[11]

War in vormodernen Gesellschaften das Bewusstsein noch von Mythen umstellt, so lässt sich im Anschluss an Arnold Gehlen formulieren, dass es heute von Zeitungen und Fernsehen umwickelt ist. Die Orientierungsleistung, die vor Jahrhunderten noch der Mythos übernahm, wird heute durch mediale Informationen erbracht.[12] Wir gewinnen unsere Erfahrungen nicht einfach und direkt aus einer an sich gegebenen Wirklichkeit, sondern immer nur vermittelt durch mediale Deutungen und Formeln. Diese Formeln und Deutungen setzen uns im wahrsten Sinne des Wortes ins Bild und zeigen uns, wie wir die Dinge zu sehen und zu verstehen haben. Das Fernsehen ordnet das Erfahrbare und die Dinge.[13] Für unsere Erziehung, Bildung und Sozialisation, unsere Gefühle und Erfahrungen, unser Lernen und Wissen, unser Denken und Handeln und unsere Kommunikation nimmt es damit eine Rolle von größter Bedeutung ein. Es ist das mediale Instrument der Wirklichkeitskonstruktion schlechthin und entscheidet als solches darüber, was in jenen Wirklichkeitsbereichen überhaupt existiert.[14] Die Bilder und Töne der Television bedeuten dem Zuschauer Ereignisse in der realen Welt, mit denen zwar das Fernsehen unmittelbar der Rezipient aber nur mittelbar verbunden ist.[15] Insofern muss sich uns die Frage nach dem Wahrheits- und Wirklichkeitsgehalt des Fernsehens stellen. Denn eine solche ungleiche Verbindung zu wirklichen Ereignissen eröffnet nicht nur die recht banale Möglichkeit der Manipulation. Die Möglichkeiten der Television gehen soweit, dass ganze Welten medial erschaffen werden können und diese Welten wiederum zum Rohstoff für televisionale Erzeugnisse werden. Bedeutsam für den enormen Einfluss auf unser Verständnis von Wirklichkeit und Welt ist allein schon der Verbreitungsgrad des Fernsehens, seine gegenständliche Ubiquität. In westlichen Ländern sind nahezu einhundert Prozent der Haushalte mit mindestens einem Fernsehgerät ausgestattet.[16] In Geschäften, Lokalen, Einkaufszentren und Hotels, an Bahnhöfen und Flughäfen finden sich ebenfalls Fernseher in großer Zahl, sodass auch der öffentliche Raum vom Fernsehen durchdrungen ist.

Worum soll es uns also auf den folgenden Seiten eigentlich zu tun sein? Wenn neben der offensichtlichen Frage nach dem Einfluss des Fernsehens auf unsere Bildung im Untertitel dieser Untersuchung von einer Betrachtung der Television aus pädagogischer und anthropologischer Sicht die Rede ist, dann ist damit vor allem auf eine anthropologische Konstante abgehoben. Das Fernsehen als Medium ist in die fundamentalen menschlichen Möglichkeiten der Kommunikation, der Weltdeutung und der Sinnerzeugung schon immer integriert.[17] Für diese Untersuchung wird daher ein Zugang aus vier Blickrichtungen gewählt. So wird das Fernsehen aus Sicht der Wissenssoziologie, Anthropologie, Philosophie und Kommunikationslehre in seiner spezifischen Beschaffenheit analysiert, bevor zu einer theoretisch fundierten Erörterung der Pädagogizität des Fernsehens sowie dessen Kritik übergegangen wird. Leitend sind dabei drei Fragestellungen, die – später in präzisere Einzelfragen zergliedert – in den nachfolgenden Kapiteln bearbeitet werden:

1) Welche Prozesse der medialen Wirklichkeitskonstruktion finden auf Seiten der Produzenten und der Zuschauer statt? Auf welche Art und Weise wird im Vorgang des Zuschauens Wirklichkeit konstruiert?
2) Welche Erfahrungen gehen mit diesen spezifischen Konstruktionsprozessen einher und wie modifizieren diese das Verhältnis des Rezipienten zu der ihm bekannten Wirklichkeit?
3) Auf welche Weise modifiziert das Fernsehen durch die Konstruktion und Veränderung von Wirklichkeiten und Welten das, was wir als Bildung verstehen?

So wird versucht, aus den Richtungen eines materialen Sozialkonstruktivismus, eines radikalen Relativismus und einer phänomenologisch orientierten Medienphilosophie auf den Untersuchungsgegenstand – das Verhältnis von Bildung zur Wirklichkeit und deren medialer Konstruktion im Fernsehen – zuzudenken, um jene Ansätze schließlich in einer Pädagogik des Fernsehens ineinander aufzulösen. Es soll daher nach Eigenschaften gesucht werden, die nicht immer exklusiv für das Fernsehen in Geltung stehen, die doch aber in ihrer Kombination wenigstens den Versuch einer Wesensbeschreibung des Fernsehens gestatten und damit letztlich auch eine Betrachtung der Television aus pädagogischer und anthropologischer Sicht erlauben. Keineswegs kann erwartet werden, dass im Verlauf dieser Abhandlung letztgültige Antworten auf die gestellten Fragen gefunden werden können. Antworten solcher Art zu finden, ist nicht nur vom Standpunkt einer kritischen Wissenschaftstheorie aus unmöglich. Zumindest kann aber versucht werden, die gestellten Fragen genauer zu erörtern und in einen Zusammenhang zu stellen, sodass sich hieraus eine Fragehorizont ergibt, innerhalb dessen es möglich ist, nach weiteren Fragen und möglichen Antworten zu suchen.

Die Wissenssoziologie nach Berger und Luckmann liefert uns im ersten Kapitel den geeigneten theoretischen Rahmen, innerhalb dessen wir eine Analyse der anthropologischen Dimensionen des Fernsehens und seiner Wirklichkeitsstrukturen durchführen können.[18] Nicht wird hier danach gefragt, ob das vom Fernsehen erzeugte Bild ein richtiges, der objektiven Wirklichkeit entsprechendes oder ein falsches, verzerrtes Abbild gesellschaftlicher Realität ist, denn eine objektive und nicht-konstruktive Berichterstattung ist unmöglich.[19] Unsere drei Einzelfragen in diesem Kapital lauten daher: Wodurch wird die Konstruktion der medialen Wirklichkeit des Fernsehens bestimmt? Welche Kriterien, Mechanismen und Konventionen üben hierbei ihren Einfluss aus? Wie wird das Medienangebot des Fernsehens verarbeitet und angeeignet und welche Wirklichkeiten werden durch diese Aneignung produziert?[20] Bedeutsam ist daher bereits an dieser Stelle der Hinweis, dass im Verlauf dieser Untersuchung nicht mit dem umgangssprachlichen Konstruktionsbegriff gearbeitet wird, demzufolge eine Konstruktion als planvolle, intentionale und teils auch willkürliche Herstellung von etwas bezeichnet ist.[21] Im Gegensatz dazu wollen wir hier unter Konstruktion Prozesse verstanden wissen, „in deren Verlauf sich Wirklichkeitsvorstellungen herausbilden, und zwar keineswegs willkürlich und ohne Auseinandersetzung mit der Umwelt, sondern gemäß den konkreten biologischen, kognitiven und sozio-kulturellen Bedingungen, denen sozialisierte Individuen in ihrer sozialen wie natürlichen Umwelt unterworfen sind.“[22] Die Konstruktionsprozesse von Wirklichkeit sind weder willkürlich noch planvoll gesteuert noch bewusst. Anstatt über sie zu verfügen, widerfährt uns die Wirklichkeitskonstruktion vielmehr, sodass wir die Konstruiertheit unserer Welt im alltäglichen Handeln kaum bemerken.[23] Im zweiten Kapitel wird unter Bezugnahme auf einschlägige philosophische und kommunikationstheoretische Positionen eine Anthropologie des Fernsehens entwickelt. Von zentraler Bedeutung sind dort der Akt des Zuschauens selbst sowie die durch das Fernsehen veränderten anthropologischen Dimensionen des Raumes und der Zeit. Im dritten Kapitel ist mit Adorno, Flusser und Goodman die Frage nach der Pädagogizität des Fernsehens zu stellen. Leitend sind dort vor allem die Einzelfragen, inwieweit das Fernsehen Bildung ermöglichen oder verhindern kann und auf welche Weise es unser eigentliches Verhältnis zu Dingen, Mitmenschen und uns selbst verändert. Im beschließenden Kapitel dieser Untersuchung wird keine zusammenfassende Rückschau auf die vorausgegangenen Ausführungen geboten, sondern der Versuch eines kritischen Ausblicks unternommen.

2 Die Wirklichkeit des Fernsehens

2.1 Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit

Die Wirklichkeit, die uns von unserem Ort aus in den Blick gerät, ist die Wirklichkeit, wie sie uns erscheint. Das Wissen, mit dem wir sie ordnen, ist Wissen, das sich für diesen Standort so ergeben hat.[24]

Um im weiteren Verlauf dieser Untersuchung den Zusammenhang zwischen bildender Weltbegegnung und Welterzeugung durch das Fernsehen erläutern zu können, sind zunächst systematische Vorarbeiten zu leisten, in deren Zentrum die Begriffe der Wirklichkeit und der Welt stehen. Leitend für die Ausführungen auf den folgenden Seiten ist dabei die Grundfrage einer phänomenologisch orientierten Soziologie: Wie macht der Mensch überhaupt Erfahrungen und wie bestimmen diese seinen Umgang mit der Welt? [25]

Wissenssoziologie, so wie sie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann verstanden wird, hat sich nicht nur mit theoretischem bzw. abstraktem Wissen zu beschäftigen,sondern mit allem, das in einer Gesellschaft als Wissen gilt. Der primäre Untersuchungsgegenstand der Wissenssoziologie ist das Alltagswissen und dessen Zustandekommen.[26] Die Analyse der Entstehungsmechanismen des Alltagswissens gibt Aufschluss darüber, wie für den Menschen als gesellschaftliches Wesen Wirklichkeit entsteht, sich verfestigt und wieder verändert. Denn die reale Existenz von Dingen ist immer an ein (alltägliches) Wissen über diese gebunden.

Der Bezug des Menschen zur Wirklichkeit erschöpft sich nicht nur im Handeln. Wir verstehen unter Wirklichkeit die ausgezeichnete Qualität von Phänomenen[27], die ungeachtet menschlichen Wollens existieren[28] und über die wir ein objektiv zugängliches, gesellschaftlich vermitteltes Wissen besitzen. Wissen bedeutet hier die „Gewißheit, daß Phänomene wirklich sind und bestimmbare Eigenschaften haben.“[29] Demgegenüber ist die offene Welt „eine anthropologische Dimension und fungiert als unausschöpfbarer Hintergrund für jede Art von artikulierter Wirklichkeit.“[30] Sie ist selbst ein ubiquitär Wirkliches, in dem menschliche Erfahrungen überhaupt erst wirklich werden können, nicht aber die (soziale) Wirklichkeit schlechthin.

Nach soziologischer Auffassung ist Wirklichkeit nur das, als was sie durch den in sie verstrickten Menschen definiert wird.[31] Erst aus dem Wissen über eine Sache kommt dieser der Status des Realen zu. Wissen, das in gesellschaftlichen Situationen entwickelt, vermittelt und bewahrt wird, verfestigt sich und erstarrt schließlich zu einer unhinterfragten, selbstverständlichen Wirklichkeit. Die (soziale) Welt ist nicht vorab gegeben, sie entsteht erst im gesellschaftlichen Konstruktionsprozess der Wirklichkeit[32], sodass es nicht die eine, allen Menschen gleichsam zugängliche Wirklichkeit geben kann. Menschen leben in einer Vielzahl parallel existierender Wirklichkeiten[33], die in verschiedene gesellschaftliche Rahmen eingebettet sind oder gleichen gesellschaftlichen Voraussetzungen entspringen. Der Begriff der „gesellschaftlichen Relativität“[34] zeigt an, dass keine Wirklichkeit eines beliebigen Menschen identisch mit der eines anderen sein kann, da alle Prozesse des Wissenserwerbs eine biographische Dimension aufweisen. Wissen wird immer in einer biographischen Situationen erworben bzw. konstruiert.[35] Eine Identität der Wissensbestände zweier Menschen ist eine Denkmöglichkeit, bleibt aber faktisch unmöglich. Jeder betrachtet die gemeinsame Welt aus einer einzigartigen, anderen Menschen unzugänglichen Perspektive.[36] Individuelles Wissen konstituiert damit eine (subjektive) Wirklichkeit, die aus Licht- und Schattenbereichen besteht. Es gibt Sphären der Wirklichkeit, über die wir etwas wissen, und solche, die uns kaum oder überhaupt nicht bekannt sind.

Alles menschliche Wissen wird in gesellschaftlichen Situationen entwickelt, vermittelt und bewahrt, sodass spezifische Konglomerate von Wirklichkeit und Wissen zu spezifischen gesellschaftlichen Gebilden gehören.[37] Diese Entwicklung, Vermittlung und Bewahrung, so ist nachdrücklich hervorzuheben, betrifft tatsächlich alles menschliche Wissen und nicht etwas nur abstraktes oder theoretisches Wissen. Auch das unproblematische und selbstverständliche Alltagswissen ist wesentlich konstruiert und folglich kontingent.[38]

Das seinsgebundene menschliche Denken entsteht und dauert in sozialen Gebilden fort. Wissen ist also jeder individuellen Erfahrung vorgelagert und bettet diese in eine gesellschaftliche vorgegebene Situation ein, die Erscheinung und Gehalt menschlicher Gedanken bestimmt.[39] So ist kein menschlicher Gedanke – mit Ausnahme der Mathematik und von Teilen der Naturwissenschaften – immun „gegen die ideologisierenden Einflüsse des gesellschaftlichen Gebildes, zu dem er gehört.“[40] Die gesellschaftlich konstituierte und konstruierte Wirklichkeit ist damit eine objektive, sprachlich verdinglichte Wirklichkeit, da sie prinzipiell allen Menschen zugänglich ist. Wirklichkeit ist objektiv (Faktizität) und subjektiv (Sinn) zugleich.[41]

Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird als Wirklichkeit hingenommen. Über ihre einfache Präsenz hinaus bedarf sie keiner zusätzlichen Verifizierung. Sie ist einfach da – als selbstverständliche, zwingende Faktizität. Ich weiß, daß sie wirklich ist. Obgleich ich in der Lage bin, ihre Wirklichkeit auch in Frage zu stellen, muß ich solche Zweifel doch abwehren, um in meiner Routinewelt existieren zu können. Diese Ausschaltung des Zweifels ist so zweifelsfrei, daß ich, wenn ich den Zweifel einmal brauche – bei theoretischen oder religiösen Fragen zum Beispiel, eine echte Grenze überschreiten muß. Die Alltagswelt behauptet sich von selbst, und wenn ich ihre Selbstbehauptung anfechten will, muß ich mir dazu einen Stoß versetzen. Die Verwandlung der natürlichen Einstellung in die theoretische des Philosophen oder Wissenschaftlers ist ein Beweis dafür.[42]

Die Wirklichkeit der Alltagswelt bildet die oberste Wirklichkeit und als solche die Wirklichkeit par excellence.[43] Sich ihrer imperativen Gegenwärtigkeit zu entziehen, kann immer nur zeitweise gelingen, indem sich das Bewusstsein mit mehr oder weniger großen Anstrengungen zwischen verschiedenen Wirklichkeiten (Alltagswelt, Träume, Gedankenspiele, Theaterbühne, Kinoleinwand, Fernsehen, Internet usw.) zu bewegen vermag. Möglich ist dies, da wir ein spezifisches Wissen über die Grenzen und Übergange von Wirklichkeitsbereichen besitzen.[44] Die Wirklichkeit des Traumes ist allen anderen Menschen außer dem Träumenden selbst unzugänglich. Das Erwachen markiert die natürliche Grenze der Traumwirklichkeit und zeigt den Übergang bzw. die Rückkehr in die Wirklichkeit der Alltagswelt an. Sie aber ist eine intersubjektive Welt, die mit anderen Menschen geteilt wird.[45] Die Rückkehr zur Wirklichkeit der Alltagswelt ist letztlich unvermeidbar, denn sie umschließt alle anderen Wirklichkeiten, die als Enklaven und „umgrenzte Sinnprovinzen“ erscheinen, von allen Seiten.[46]

Das Bewusstsein vermag sich aber nicht nur zwischen verschiedenen Wirklichkeiten zu bewegen. Es ist die Bedingung der Möglichkeit von Wirklichkeit überhaupt. Die grundlegende Verfasstheit des Bewusstseins ist Intentionalität, also der notwendige Bezug auf etwas.[47]

Wer eine Erfahrung macht oder eine Handlung vollzieht, stellt eine Beziehung zu etwas her, das selbst nicht die Erfahrung oder die Handlung ist. Dieses ‚Beziehen auf etwas‘ kann auch als Grundstruktur des Sinns angesehen werden. Welt oder Wirklichkeit ist immer ‚Welt für uns‘ und ‚Wirklichkeit für uns‘, die also durch die Bezugnahme unseres Bewusstseins zustande kommen.[48]

Das menschliche Ausdrucksvermögen – die Sprache – bildet gemeinsam mit dem Bewusstsein die Bedingungen der Möglichkeit von Wirklichkeit und Erfahrung überhaupt. Das Bewusstsein ermöglicht soziales Handeln und ist gleichsam der einzige Ort, an dem Wissen entstehen und auch verbleiben kann. Sprache ermöglicht wiederum die Artikulation und Verwirklichung von entstandenem Wissen und bietet selbst die umfangreichsten Möglichkeiten sozialen Handelns. Der größte Teil des menschlichen Erfahrungswissen, das sich im je individuellen Bewusstsein ablagert, ist aber gerade kein eigenständig erworbenes Wissen, sondern ein Wissen, das von anderen handelnd erzeugt und (medial) vermittelt wurde.[49] Jenes Wissen ist ein Wissen über die intersubjektiv zugängliche Wirklichkeit und liegt als solches immer schon bereit, muss also nicht von jedem Einzelnen erzeugt, sondern lediglich internalisiert werden.[50]

Wirklichkeit – und damit ist tatsächlich nicht nur die Gesellschaft als soziale Faktizität, sondern alle Wirklichkeit gemeint – entsteht und existiert nach Berger und Luckmann nur in den Handelnden und durch die Handelnden.

Anders als die Welt der Natur, die wir mit Hilfe unserer wissenschaftlichen Konstruktionen erschließen, ist die soziale Welt eine durch die Praktiken sozialen Handelns erst erzeugte Welt. Sie ist durch menschliche Praxis entstanden, und dies wiederum in einer Weise, in der sich das Erzeugende – die Arten gesellschaftlicher Praxis – zusammen mit seinen Erzeugungen – den Verfestigungen dieser Praxis – herausbildet und verändert.[51]

Damit wird aber ausdrücklich nicht der Denkrichtung des radikalen Konstruktivismus gefolgt. Auch wenn die Wirklichkeit eine Konstruktion ist, so verläuft diese keineswegs beliebig und ohne (transzendentale) Regeln und Bedingungen.[52] Die Konstruktion der Wirklichkeit vollzieht sich auf der Folie einer negativen bzw. defizitären Anthropologie, nach der der Mensch sich aufgrund seiner biologisch mangelhaften Ausstattung notwendigerweise eine Wirklichkeit erschaffen muss, in der er als endliches und vernünftiges Mängelwesen existieren kann.[53]

Unsere sehr offene körperliche Ausstattung und die Möglichkeiten unseres Bewusstseins bilden den Rahmen, der unser Handeln und die soziale Konstruktion begrenzt.[54]

Die Erkenntnis, dass die gesamte Wirklichkeit einem sozialen Konstruktionsprozess unterworfen ist und somit von der Gesellschaft definiert wird, was wirklich ist, hat weitreichende Folgen für unser Verständnis vom Status des Wissens.[55]

Denn Wissen wird nicht durch die Vernunft (oder gar Bedürfnisse) hergeleitet, Wissen wird auch nicht durch Beobachtung erhoben oder durch Anerkennung, Aushandlung oder Konsens hergestellt – Wissen ist etwas, das durch die Prozesse erzeugt wird, die den spezifischen Rahmen der Konstruktion bilden: Die Trias der Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung, die als Dialektik den Zusammenhalt von subjektiver und objektiver Wirklichkeit garantieren.[56]

Dies bedeutet, dass Gesellschaft ein rein menschliches Produkt ist und eine objektive Wirklichkeit darstellt. Als soziokulturelle Welt kann sie unabhängig von diesen Vorgängen und Vollzügen nicht existieren, da sie aus dem Zusammenhang der für sie konstitutiven Praktiken besteht bzw. dieser Zusammenhang ist.[57] Daraus lässt sich ableiten, dass spezifische gesellschaftliche Formationen je unterschiedliche Auffassungen von Wirklichkeit hervorbringen.[58] Der Mensch wiederum ist ein gesellschaftliches Produkt jener Konstruktion, die er selbst hervorgebracht hat. Mensch und (gesellschaftliche) Welt stehen miteinander in einer fundamentalen Wechselwirkung.[59]

2.2 Die mediale Konstruktion der Wirklichkeit

Another piece of history sprayed through the back of my eyeballs. Another chunk of the universe bounced into my retina. From The Beatles, to bombs, birds, stats, cornflakes, über models, governments, starvation, battleships, cartoons, „Drink Beer“, „Eat This“, „Drive That“, „Buy This“ – it's a polyunsaturated shampoo whitewash. Too much television.[60]

Den Ausgangspunkt für die Erörterung des Zusammenhangs zwischen medialer Erfahrung und medialer Wirklichkeit bildet die kontroverse These, dass es „angesichts der massenmedialen Durchdringung unseres Alltags“ zu einem beachtlichen Verlust von unmittelbaren Erfahrungen und Wirklichkeit komme.[61]

Statt der ursprünglichen, unmittelbaren Erfahrung an einer gegebenen, selbsterlebten Wirklichkeit – also der Erfahrung aus erster Hand – dominiere die nur vermittelte, auf Fiktion basierende mediale Erfahrung – die Erfahrung aus zweiter Hand.[62]

Obgleich sich gewichtige Argumente für und gegen diese These finden lassen, entzieht sie sich dennoch jeder eindeutigen Verifikation oder Falsifikation. So soll hier in differenzierter Sichtweise gezeigt werden, dass mediale Erfahrungen nicht einfach reale Erfahrungen ersetzen und televisionale Wirklichkeitsbereiche nicht beliebig an die Stelle der alltäglichen Wirklichkeit treten, sondern vielmehr mit diesen auf verschiedenen Wirklichkeitsebenen verwoben sind und diese um Dimensionen erweitern können, die neue Möglichkeiten des Selbst- und Weltverständnisses eröffnen. Die Möglichkeit, dass das Mediale das Wirkliche dennoch ersetzt oder überdeckt, ist damit freilich nicht ausgeschlossen.

Die mediale Wirklichkeit des Fernsehens ist ein Sinnbereich, der nach eigenen Regeln funktioniert, die sich von denen der Wirklichkeit der Alltagswelt unterscheiden.[63] Die Fragen, die wir uns zunächst stellen müssen, können daher nicht lauten: Wie exakt bildet das Fernsehen die Wirklichkeit der Alltagswelt ab? Inwieweit wird Realität durch das Fernsehen verzerrt?[64] Denn die Frage, wie eine Realität aussieht, die unabhängig von einem Beobachter existiert, können wir nicht beantworten, da wir im Akt der Beobachtung Realität verändern bzw. hervorbringen.[65] Es geht nicht um das Was, sondern um das Wie, darum, wie das Was televisional (mit-)erschaffen wird. So gilt es für uns zwei andere Fragen zu formulieren:

1) Welche Rolle hat das Fernsehen und die durch es vermittelte und ermöglichte Kommunikation für unser Verständnis von der Wirklichkeit?
2) Auf welche Weise greift die mediale Kommunikation durch das Fernsehen in die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit ein?

Diese Fragen betreffen nicht nur den Aspekt der Auswahl von Geschehnissen durch die Medienanstalten, sondern ebenso die Art und Weise deren medialer Re-Präsentation als tatsächliches Ereignis sowie deren Deutung im Akt der Rezeption.[66]

Das Fernsehen als Medium der Massenkommunikation ist eine Instanz der Sinngebung und damit aktiv an der Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt. Es ist also nicht zwangsläufig ein Übermittler einer objektiven und unabhängigen Realität, sodass von einer scharfen Trennung zwischen gesellschaftlicher und medialer Realität auszugehen wäre, sondern vielmehr integraler Bestandteil der Gesellschaft und ihrer sozialen Konstruktion.[67] Das Verhältnis zwischen der objektiven Wirklichkeit und der Wirklichkeit des Fernsehens entspricht nicht dem Mechanismus der Abbildens einer beobachterunabhängigen und faktischen Gegebenheit.[68] Als Mittel zur kollektiven Kommunikation spielt das Fernsehen eine zentrale Rolle im Prozess der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit. Es objektiviert, ordnet und konserviert Welt und schleust diese Weltentwürfe schließlich als Vorgabe in den kollektiven Kommunikationsprozess ein.[69] Da das Fernsehen einen wesentlichen Teil des gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses bildet, befördert es die „Herausbildung und Differenzierung von Verständnissen dessen, was im gesellschaftlichen Kontext als real und irreal, relevant und irrelevant gilt.“[70] Die Intersubjektivität der medial vermittelten Alltagswirklichkeit sichert deren Objektivität. Jedes Subjekt weiß, dass diese Wirklichkeit für alle anderen Subjekte ebenso real ist wie für es selbst. Auch das Fernsehen umfasst dementsprechend alle Elemente der dialektischen Trias aus Externalisierung, Objektivierung und Internalisierung. Es bietet eine schier unerschöpfliche Folie, auf der sich Externalisierungen als Konstruktionen von Wissen und Wirklichkeiten ausbreiten lassen, die im Akt des Vernehmens durch den Zuschauer wiederum zu objektiver Wirklichkeit gerinnen und internalisiert werden. Zwar trifft dieser Umstand auch auf alle anderen Formen medialer Wissensvermittlung zu, doch bietet kein anderes Medium die Möglichkeiten solch eindrücklicher und nahezu unverzögerter Wirklichkeitskonstruktion und Wirklichkeitsrepräsentation.

Wie die soziale Wirklichkeit ist die Wirklichkeit des Fernsehens ihrem Doppelcharakter nach auf zweifache Weise aufzufassen: als objektives Faktum, das intersubjektiv zugänglich ist, und als internalisierte Wirklichkeit von subjektivem Sinngehalt.[71] Beim Fern-Sehen als Tätigkeit handelt es sich folglich keineswegs um einen simplen und unhinterfragten Übernahmeprozess medial dargebotener Wirklichkeiten durch ein Publikum. Die Konstruktion der medialen Wirklichkeit des Fernsehens vollzieht sich als aktiver Vorgang sowohl auf Seiten der Produzenten wie auch auf Seiten der Rezipienten.[72]

Die Bilder des Fernsehens sind auch innerhalb dokumentarischer Formate keine Abbilder der Realität, denn sie sind selbst eine hergestellte Realität, in dem Sinn, dass bei der Entstehung eines audiovisuellen Produkts von der Recherche über die Aufnahme bis zu Schnitt, Montage und Vertonung, professionelle und technische Standards und Konventionen eine konstitutive Rolle spielen.[73]

So kommt es im Moment der Wahrnehmung einer medialen bzw. televisionalen Repräsentation zu einer Aneignung durch den Rezipienten, in der sich reale und mediale Situation miteinander verschränken. Das Wahrgenommene erhält eine Bedeutung im Kontext der anderen Lebenssituationen des Rezipienten, indem sich die Aneignung als interpretative und kommunikative – und damit auch Wirklichkeit konstruierende – Handlung innerhalb anderer alltäglicher Situationen vollzieht.[74] Wir gehen also davon aus, dass ein Rezipieren, ohne eine Wirklichkeit dabei zu konstruieren, nicht möglich ist.[75] Auch wenn mediale Ereignisse die Wirklichkeit der unmittelbaren Alltagswelt zumindest zeitweise in den Hintergrund rücken können. Und dennoch liest der Zuschauer die Botschaften der Television stets als direkte Vermittlungen zwischen sich und den wirklichen Ereignissen in der Welt.[76]

Die mediale Realität, die im Fernsehen konstruiert wird, verändert das, was wir unter tatsächlicher Realität oder objektiver Wirklichkeit verstehen. Das Fernsehen greift durch seine Konstruktionsprozesse in die nicht-mediale Welt ein und schafft in dieser Fakten. Es ist „zum Verkörperer des Realitätsprinzips in der modernen Gesellschaft geworden.“[77] Gleichsam bedarf das Fernsehen aber einer nicht-medialen Realität als Rohstoff für seine Konstruktionen. Hier ist es aber wiederum die immanente Struktur dieser sozial geformten Wirklichkeit, die die Konstruktionsprozesse seitens des Fernsehens mitbestimmt. Auf diese Weise sind soziale Wirklichkeit und mediale Wirklichkeit des Fernsehens in einem nicht zu trennenden wechselseitigen Wirkungsverhältnis miteinander verbunden. Das Verhältnis des Menschen zur Welt zeichnet sich folglich dadurch aus, dass Welt durch (mediale) Beobachtungen ständig auf ihr Vorhandensein geprüft, auf ihre Existenz hin befragt und dadurch gleichzeitig erst konstituiert wird.[78] Empirisches Beobachten dient als Instrument dem Wissenserwerb über die Welt und gibt damit gleichsam vor, was und wie die Welt ist.[79]

Auch wenn das Fernsehen einen großen Einfluss auf unsere Realität besitzt, so bedeutet das bis hierhin Ausgeführte nicht, dass das Fernsehen die Wirklichkeit verfälscht oder diese gar als ein ausschließlich mediales Erzeugnis hervorbringt.[80] Die reale Wirklichkeit des Alltags und die fiktionale Wirklichkeit des Fernsehens verschmelzen zu einer aktuellen, handlungsleitenden Wirklichkeit, innerhalb derer allen medial behandelten Sachverhalten enorme Bedeutung zukommt.[81] Die Wirklichkeit des Fernsehens ist ein gesamtgesellschaftliches Relevanzmodell.[82] Um Wirklichkeit werden zu können – und dann auch zu bleiben – muss alles, was Relevanz beansprucht, in den Medien auftauchen.[83] Was nicht medial repräsentiert wird, bleibt bloße Möglichkeit. So werden vom Fernsehen eine Vielzahl von Sichtweisen und Deutungsmustern[84] zur Verfügung gestellt, die ungefragt von den Rezipienten übernommen, für den Alltag verwendet und nur selten problematisiert werden.[85] Durch das Fernsehen wird hier etwas bewirkt, zu dem kaum eine andere Institution fähig ist. Seine Bilder sind Botschaften und liefern so Verhaltensmodelle, durch deren Nachahmung sich moderne Gesellschaften verwalten und kontrollieren lassen. Eine funktionierende Verwaltung erfordert vorhersehbares Verhalten seitens der Gesellschaft, das mittels solcher Modelle, die gleichzeitig auch als Erlebnis- und Erkenntnismodelle fungieren, auf einfachem Wege vorgeschrieben werden kann.[86]

Beim Zuschauen als dem primären Modus der Fernsehrezeption, modifiziert das Fernsehen bestimmte, für die Wirklichkeit des Alltagslebens konstitutive Elemente.[87] In dieser sich beim Zuschauen einstellenden medialen Erfahrung des Fernsehens kommt es zur Verschränkung verschiedener Welten. Beim Fernsehen begegnen uns Situation, in denen wir nie waren oder auch nie sein werden. Die Situation, die medial erfahren wird, ist verschieden von der Situation, in der erfahren wird. Die Situation der Erfahrung und die erfahrene Situation sind auf solche Weise verschieden, dass uns zeitweise oder dauerhaft eine unerreichbare Welt in der erreichbaren Welt begegnet und beide Welten zugleich ineinanderfließen.[88] Die mediale Erfahrung ist nicht bloß eine Vor- oder Nachbereitung der existentiellen Erfahrung, die uns in jeder Lebenssituation zwar begleitet, nicht aber immer spürbar ist, sondern ein eigener Typus von Erfahrung. Sowohl die mediale wie auch die existentielle Erfahrung sind als gesonderte Momente nicht allein abhängig von physischen Gegebenheiten. Erfahrung entsteht erst, wenn ein aneignendes und sinngebendes Subjekt aus seiner je eigentümlichen Lebenslage ein Geschehen deutend erschließt.[89] Erfahrung ist nicht das Ergebnis eines Ereignisses, sondern dessen Einfall in unser Bewusstsein. Zum Wahrnehmbaren außer uns und in uns muss etwas hinzukommen, damit dieses zur Erfahrung wird. Mediale Erfahrung ist damit wesentlich ein aktiver Vorgang des rezipierenden Subjekts, die nicht erlitten, sondern erzeugt wird.[90] Erfahrbares entsteht zwischen dem Fernsehen und dem Zuschauer und nicht lediglich im Fernsehen, sodass dieses als bloßes Faktum von jedem Zuschauer in gleicher Weise angeeignet werden könnte.

Durch mediale Erfahrung werden entfernte oder fiktive Wirklichkeiten erschlossen und so in den Horizont der Bildung gestellt.[91] Im Erschließen des Unbekannten vollzieht sich Bildung als Verhältnis des Subjekts zu den Dingen, zu den Anderen und zu sich selbst. Dieses Verhältnis aber ist ein dynamisches und statisches zugleich, weshalb es nicht nur besteht, sondern tatsächlich vollzogen wird. Es bedeutet einen Zustand und ist gleichsam in Veränderung begriffen, wenn wir neue (mediale) Erfahrungen machen und die genannte Trias sich modifiziert.

[...]


[1] The New Encyclopaedia Britannica (XI, S. 616).

[2] Vgl. Schmidt (1996, S. 95).

[3] Vgl. Mikos (1994, S. 17).

[4] Vgl. Bachmair (1996, S. 19).

[5] Vgl. Steenblock (2008a, S. 216).

[6] Vgl. Treibel (2006, S. 93).

[7] Vgl. Bachmair (1996, S. 12).

[8] Vgl. Bachmair (1996, S. 12 f.).

[9] Vgl. Abels (2007, S. 92).

[10] Vgl. Bachmair (1996, S. 13).

[11] Vgl. Langer (2002, S. 33).

[12] Vgl. Prange / Strobel-Eisele (2006, S. 218).

[13] Vgl. Prange / Strobel-Eisele (2006, S. 218).

[14] Vgl. Schmidt (1994, S. 14).

[15] Vgl. Flusser (2008, S. 107 f.).

[16] Vgl. Mikos (2008, S. 403).

[17] Vgl. Bachmair (1996, S. 19).

[18] Eine Schwäche des Ansatzes von Berger und Luckmann ist nach Hejl (1994, S. 44) sicherlich der Umstand, dass erkenntnistheoretische Probleme systematisch aus der Wissenssoziologie ausgeschlossen werden. Dies ist aber nicht von gravierender Bedeutung, da ontologische Fragen im Verlauf dieser Untersuchung keine ausschlaggebende Rolle spielen. Weitaus bedeutsamer ist wohl der Umstand, dass soziologisches Wissen in den Bereich eindringt, zu dessen Untersuchung es entworfen wurde. Es gestaltet dabei als Rückkopplung einer Reflexion seinen Untersuchungsgegenstand wie auch sich selbst um (vgl. Giddens 1995, S. 26 f.). Die Wissenssoziologie kann also trotz ihrer Eignung für unser Vorhaben die Dinge nur so sehen, wie sie sie eben sieht. In der Analyse der Entstehungsmechanismen des Alltagswissen gestaltet sie diese Mechanismen mit und wird von diesen gestaltet.

[19] Vgl. Schmidt (1994, S. 18). Vgl. hierzu auch den aufschlussreichen Beitrag Recherche und Nachrichtenproduktion als Konstruktionsprozesse von Haller (1994). Haller (1994, S. 285) hebt unter anderem hervor, dass Aussagen, die Geschehnisse erklären oder begründen, schon immer eine Interpretation faktischer Sachverhalte voraussetzen. Selbst der redlichste Versuch einer objektiven Beschreibung von Handlungsabläufen und Geschehnissen ist letztlich immer nur eine Version des Hergangs aus der spezifischen Perspektive des jeweils Beobachtenden und Beschreibenden.

[20] Vgl. Keppler (2005, S. 104).

[21] Vgl. Schmidt (1994a, S. 595).

[22] Schmidt (1994a, S. 595).

[23] Vgl. Schmidt (1994a, S. 595).

[24] Abels (2007, S. 94).

[25] Vgl. Abels (2007, S. 65).

[26] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 16).

[27] Unter einem Phänomen wollen wir hier das verstanden wissen, was sich an sich selbst zeigt und dadurch offenbar wird (vgl. Heidegger 2006, S. 28), im Gegensatz zu jenen Dingen, die verborgen bleiben oder sich nicht von selbst und nur durch menschliches Zutun zeigen können. Die Phänomene sind die Gesamtheit des Offenbaren.

[28] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 1).

[29] Berger / Luckmann (2007, S. 1).

[30] Plessner (2007, S. X).

[31] Vgl. Plessner (2007, S. XVI).

[32] Vgl. Plessner (2007, S. IX).

[33] Vgl. Plessner (2007, S. IX); Berger / Luckmann (2007, S. 3).

[34] Berger / Luckmann (2007, S. 3).

[35] Vgl. Knoblauch (2005, S. 147 f.).

[36] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 26).

[37] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 3).

[38] Vgl. Langer (2002, S. 68).

[39] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 2 ff.).

[40] Berger / Luckmann (2007, S. 11).

[41] Vor dem Hintergrund unserer phänomenologischen Orientierung soll unter Sinn die Verbindung zwischen zwei Erfahrungen bzw. Phänomenen verstanden werden, die für beide Seiten eine Bedeutung besitzen (vgl. Abels 2007, S. 67). Sinn ist also eine mögliche Interpretation von Tatsachen bzw. der Versuch, Ordnung unter den Dingen herzustellen (vgl. Abels 2007, S. 96).

[42] Berger / Luckmann (2007, S. 26).

[43] Laut Abels (2007, S. 97) ist die Welt des Alltags nicht etwas, das außerhalb anderer Welten liegt. Der Alltag ist „das ständige Ereignis nichtreflexiven Handelns.“

[44] Dieses Wissen, mit dem stets ein subjektiver Sinn verbunden ist, ist konstitutiv für das Handeln in verschiedenen Wirklichkeitsbereichen (vgl. Knoblauch 2005, S. 142). Wir wissen, was in der Alltagswelt möglich und was nicht möglich ist, was in der Schule, im Gerichtssaal oder in der U-Bahn getan oder nicht getan werden kann bzw. sollte.

[45] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 24 f.).

[46] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 28).

[47] Vgl. Knoblauch (2005, S. 142).

[48] Knoblauch (2005, S. 143).

[49] Vgl. Knoblauch (2005, S. 148).

[50] Vgl. Abels (2007, S. 91).

[51] Keppler (2005, S. 93).

[52] Vgl. Knoblauch (2005, S. 153 f.).

[53] Vgl. Knoblauch (2005, S. 154).

[54] Knoblauch (2005, S. 154).

[55] Vgl. Knoblauch (2005, S. 156).

[56] Knoblauch (2005, S. 156).

[57] Vgl. Keppler (2005, S. 94).

[58] Vgl. Langer (2002, S. 68).

[59] Vgl. Berger / Luckmann (2007, S. 65). Berger / Luckmann verweisen an dieser Stelle ebenso darauf, dass der Mensch in dieser Wechselwirkung selbstverständlich nicht isoliert ist, sondern sich stets inmitten von Kollektivgebilden befindet.

[60] Simple Minds: Too Much Television, auf: Simple Minds: Stranger, Sanctuary Records (2005, Nr. 4).

[61] Vgl. Neumann (2002, S. 14).

[62] Neumann (2002, S. 14).

[63] Vgl. Gortner (1985, S. 25).

[64] Vgl. Vollbrecht (2001, S. 62).

[65] Vgl. Keppler (2005, S. 94).

[66] Vgl. Keppler (2005, S. 97).

[67] Vgl. Keppler (2005, S. 95).

[68] Vgl. Keppler (2005, S. 95). Nach Luhmann (1995, S. 9 ff.) ist dieser Umstand so zu beschreiben, dass das Fernsehen als Teil des Systems der Massenmedien die Welt nicht so abbilden kann, wie sie ist. Zwar kommuniziert das System der Massenmedien über etwas, das tatsächlich existiert – auch die Systemtheorie setzt die Existenz einer realen Welt voraus und jeder Akt der Erkenntnis stellt einen Bezug auf diese reale Welt dar (vgl. Vollbrecht 2001, S. 69) –, aber die primäre Realität liegt nicht in der Welt, sondern in den kommunikativen Operationen selbst. Die reale Welt wird nicht als Gegenstand, sondern im Sinne der Phänomenologie vielmehr als ein unerreichbarer Horizont verstanden, sodass Realität nur ein internes Korrelat von Systemoperationen ist und systemintern durch Sinngebung erarbeitet wird. Für das Fernsehen geht es im eigentlichen Sinne nie um die Repräsentation einer Welt, wie sie im Augenblick tatsächlich ist. Es arbeitet nur darauf hin, dass eine Sendung eine weitere Sendung verspricht, dass die eigene Kommunikation fortgesetzt werden kann. Hinzu kommt, dass das Fernsehen die Welt, wie sie eigentlich und wahrhaft ist, und die Welt, wie sie lediglich vom Fernsehen beobachtet wird, überhaupt nicht unterscheiden kann. Beobachtete Welt und eigentliche Welt fallen in Eines zusammen. Die Welt außerhalb seiner Beobachtungen ist für das Fernsehen schlichtweg nicht zugänglich. So bleibt festzuhalten, dass die Realität des Fernsehens aus systemtheoretischer Perspektive eine nicht konsenspflichtige, individuell anschneidbare ist, die damit weder allgemeingültig noch die Wirklichkeit schlechthin sein kann.

[69] Vgl. Früh (1994, S. 18).

[70] Keppler (2005, S. 95).

[71] Vgl. hierzu auch Berger / Luckmann (2007, S. 20).

[72] Vgl. Keppler (2005, S. 97).

[73] Keppler (2005, S. 104).

[74] Vgl. Keppler (2005, S. 102).

[75] Vgl. Gortner (1985, S. 11).

[76] Vgl. Flusser (2008, S. 108).

[77] Schmidt (1994, S. 17).

[78] Aus systemtheoretischer Perspektive ließe sich hier vielleicht der Gedanke anschließen, dass das Fernsehen ähnlich einem Beobachter erster Ordnung fungiert, indem es eine außermediale Wirklichkeit betrachtet und dem Zuschauer zur Verfügung stellt, der demgemäß die Position des Beobachters zweiter Ordnung einnehmen würde. Beim Beobachten des vom Fernsehen Beobachteten generiert der Rezipient neue Bereiche oder verändert bereits bestehende Bereiche seiner je individuellen Wirklichkeit, die als solche aber nur in ihm liegen kann. Hier wird Welt nicht kommunikativ mitgeteilt oder vermittelt, sondern differenziert (vgl. Vollbrecht 2001, S. 60 f.). Das Reale ist allein das Innere des Subjekts. Wir wollen damit aber nicht bestreiten, dass es ein Äußeres, eine Umwelt gibt. Denn diese bleibt die Voraussetzung dafür, dass sich Realität als Inneres bildet. Vgl. zum Beobachter erster und zweiter Ordnung sowie zur Frage der Realität der Massenmedien insbesondere Luhmann (1995).

[79] Vgl. Luhmann (1990, S. 12).

[80] Vgl. Keppler (2005, S. 91).

[81] Aus Sicht der Simulationstheorie wäre dies sicherlich anders zu bewerten. Es geht ihr nämlich nicht um die epistemologische Fragestellung, ob ein medial repräsentiertes Ereignis tatsächlich stattgefunden hat oder ob es bloß medial konstruiert bzw. erschaffen wurde. Als Wirkung des Fernsehens fällt für die Simulationstheorie die Realität mit ihrem Bild zusammen. Die televisionale Wirklichkeit existiert einzig und allein im Bild und ist ohne reale Entsprechung in der Welt (vgl. Vollbrecht 2001, S. 59).

[82] Vgl. Merten (2008, S. 481).

[83] Vgl. Merten (2008, S. 482).

[84] Unter dem Begriff des Deutungsmusters verstehen wir Sinninterpretationen sozialer Sachverhalte, die praktisch handlungsrelevant sind, überindividuelle bzw. intersubjektive Gültigkeit besitzen sowie logische und konsistente Verknüpfungen miteinander aufweisen (vgl. Niesyto 2002, S. 42).

[85] Vgl. Keppler (2005, S. 97) und Mikos (2008, S. 404).

[86] Vgl. Flusser (2008, S. 85).

[87] Vgl. Gortner (1985, S, 12).

[88] Vgl. Keppler (2005, S. 98 f.).

[89] Vgl. Neumann (2002, S. 16).

[90] Vgl. Neumann (2002, S. 15).

[91] Vgl. Keppler (2005, S. 102 f.).

Details

Seiten
80
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668541191
ISBN (Buch)
9783668541207
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377484
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
Schlagworte
Bildung Fernsehen Medienpädagogik Medienbildung Wirklichkeit Raum und Zeit Anthropologie Kommunikation

Autor

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Titel: Bildung und Fernsehen. Eine Betrachtung der Television aus pädagogisch-anthropologischer Sicht