Lade Inhalt...

Die Konstruktion des Männerbildes im Spätkapitalismus

Wie stellt David Fincher die Krankheitssymptome des Kapitalismus am Charakter Edward Norton im Film "Fight Club" dar?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 19 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ziele und Aufbau der Arbeit
1.2 Mind-Game Film
1.3 Der Regisseur: David Fincher

2. FIGHT CLUB
2.1 Allgemeine Filminformationen
2.2 Analyse und Darstellung
2.3 Kompensation

3. Fazit
3.1 Das neue Bild des Mannes in den Medien
3.2 Das Ergebnis der Analyse und Schlusswort

Filmografie

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird eine stets steigende Profit- und Gewinnorientierung basierend auf einem unstillbaren Konsum- und Produktionswahn beobachtet, der den Markt dominiert. Diese, als Kapitalismus bezeichnete, Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung nimmt mit jedem Jahr mehr Anteil an den sozialen Strukturen und auch am Alltag jedes einzelnen Individuums.

Die Jahrtausendwende, die unumgänglichen fortschreitenden Vernetzungen und die Globalisierung der 1990er Jahre bauten ein sowohl individuell, als auch kollektiv soziologisches und psychologisches Phänomen auf, dessen rasante Entwicklung ein sich selbst gestelltes Hindernis für den kapitalistischen Arbeits- und Wirtschaftsmarkt ist.

Das Leitprinzip der Gewinnmaximierung und das stetige Wachstum der scheinbaren Entwicklung sowie des Wohlstandes haben einen offensichtlich bitteren Beigeschmack, der sich hauptsächlich in der produzierenden Ebene der Gesellschaft entfaltet.

Durch die fast unbegrenzten Möglichkeiten der Produktion, des Transports und der Vermarktung auf dem globalen Markt kann der Preis für jeden Schritt, vom Rohstoff bis zur Theke immer weiter minimiert werden. Diese Kluft zwischen der Gewinnmaximierung und Kostenminimierung spiegelt sich schließlich in der sich immer weiter ausweitenden Schere zwischen Arm und Reich wieder.

Die Leistung, die von den Arbeitnehmern gefordert wird, steigt im Gegensatz zur Bezahlung immer höher. Längeres und effektiveres Arbeiten, ähnlich wie Maschinen und Sklaven, bringen das Leben jedes Individuums psychologisch und physisch ins Schwanken. Im Alltag der Menschen entstehen dadurch neue Herausforderungen, wie beispielsweise das Wahren des Work-Life-Balance und ebenso Probleme, die bis hin zu psychologischem Druck und labilen Zuständen führen.

Traditionell betrachtet ist die Hauptzielgruppe dieser belastenden Forderungen überwiegend Männer. Der arbeitende und seine Familie versorgende Mann des Spätkapitalismus fühlt sich überfordert den Wünschen seines Selbst und der seiner Familie gerecht zu werden. Ein massiver Überschuss an manipulierender Werbung und genormt, sowie makellos präsentierten Lebensformen, setzen das Eigen- und Lebensbild in Zweifel. Perfekt trainierte Körper, designt eingerichtete Wohnungen, ein scheinbarer Luxus - der Mann des Spätkapitalismus ab den 1960er Jahren wird regelrecht von Anforderungen und Maximen unterdrückt. Der Alltag scheint in zwei geteilt: Die sklavenähnliche Arbeit und der angeblich zum Greifen nahe Traum eines unabhängigen und wohl befindlichen Lebens. Der Mann gerät so in eine morbide psychologische Situation und versucht über multiple Persönlichkeiten seinem verstörten Weltbild einen Platz zu geben.

Diese Kontraste und gegensätzlichen Lebenslagen können folgendermaßen aufgelistet werden: Armut und Reichtum, Überleben und Luxus, Überforderung und der Wille nach mehr, Arbeit und Freiheit, Verdienst und Konsum und schließlich dauerhaft und vergänglich.

Diese sozialen Fallen münden in vielen Krisen, wie beispielsweise in Form von Wirtschaftsoder Finanzkrisen und prägen den Zeitgeist der 2000er Jahre bis heute.

An dieser Stelle will ich ein Filmzitat aus David Finchers FIGHT CLUB (R.: David Fincher, 1999) bringen, um die gegensätzlichen und zum Teil paradoxen Bedürfnisse und „Krankheitssymptome“ des modernen spätkapitalistischen Bürgers zu bestärken:

„I see in the Fight Club the strongest and smartest men who've ever lived. I see all this potential and I see squandering. God damn it, an entire generation pumping gas, waiting tables, slaves with white collars, advertising has us chasing cars and clothes, working jobs we hate so we can buy shit we don't need. We're the middle children of the history man, no purpose or place, we have no Great war, no Great depression, our great war is a spiritual war, our great depression is our lives, we've been all raised by television to believe that one day we'd all be millionaires and movie gods and rock stars, but we won't and we're slowly learning that fact. and we're very very pissed off,“ (Fight Club, 1999, TC 01:10:10-01:11:15h).

1.1 Ziele und Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Konstruktion des Männerbildes im Spätkapitalismus. In diesem Rahmen soll die Frage beantworten werden, wie der zeitgenössische Regisseur David Fincher die Krankheitssymptome des Kapitalismus am Charakter Edward Nortons im Mind-Game Film FIGHT CLUB darstellt. Hierfür wird zunächst in der Einführung die Ausgangslage beschrieben und aufgezeigt, welchen Einfluss der Kapitalismus auf die Gesellschaft hat. Danach wird der Begriff des Mind-Game Movie s definiert, um FIGHT CLUB darin einordnen zu können. Nach der Vorstellung des Regisseurs wird die Auswahl des Filmes begründet und allgemeine Informationen hierfür gegeben. Mit diesen theoretischen Grundlagen wird die darauffolgende Analyse und Darstellung ausgewählter Szenen fundiert. Dabei wird die Frage behandelt, wie sich die Identitätslosigkeit der Männer äußert. Abschließend werden die wichtigsten Überlegungen zusammengefasst und ein Fazit gezogen.

1.2 Mind-Game Film

Mind-Game Movie s werden eher als eine Rezeptionsform als ein Genre verstanden. Zum ersten Mal wurde dieser Begriff systematisch vom Filmwissenschaftler Thomas Elsaesser eingeführt. Er unterteilte den Mind-Game Film in zwei Ebenen: Die eine Ebene beschreibt das Spiel mit einem Protagonisten, die andere Ebene das Spiel mit dem Publikum und seiner Wahrnehmung. Bei beiden Fällen ist es möglich, dass die Person, mit der gespielt wird, sei es eine Filmfigur oder der Zuschauer selbst, nicht weiß, dass mit ihm gespielt wird und selbst wenn es erahnt wird, es dennoch ungewiss bleibt, wer die Person ist, die das Spiel leitet. Dieser Spielleiter kann seine Identität zwar zum Ende des Spiels hin offenbaren, tut es aber nicht immer. Typisch für Mind-Game Movie s ist die Darstellung mehrerer Ebenen des Unterbewusstseins. Es wird damit gespielt, wie die Realität wahrgenommen wird und wie das Bewusstsein geschaffen wird. Weitere Elemente des Spiels sind die Illusion, die Fantasie und das täuschende Erinnerungsvermögen. Nicht nur Themen, wie die der Identitätsbildung, Sexualität und Gesellschaft werden aufgegriffen, sondern auch erkenntnistheoretische und philosophische Fragen, die unter anderem Gesetze, Normen und Regeln betreffen. Nichtlineare Plots, anspruchsvolle Handlungsverläufe und -wendungen mit eingebetteten Geschichten verschlüsseln das Wesentliche des Films und es werden durch unzuverlässige Erzähler noch komplexere Vernetzungen geschaffen. Als übergeordnetes Merkmal für den Mind-Game Film gilt der Wunsch, dass der Zuschauer irregeleitet wird und dass mit ihm gespielt wird (Elsaesser, 2009).

Diesem Wunsch des Publikums widmete sich der Regisseur David Fincher in einigen seiner Werke. Im nächsten Kapitel soll eine kurze biografische Vorstellung folgen, um einen Überblick zu den wichtigsten Informationen zu seinem Leben zu verschaffen.

1.3 Der Regisseur: David Fincher

Als Sohn eines Journalisten und einer Krankenschwester wurde David Andrew Leo Fincher 1962 in Denver, Colorado geboren. Aufgewachsen während der Kernzeit der Hippiekultur, mit Legenden, wie beispielsweise The Rolling Stones, The Beatles, Queen, Kiss, Prince und David Bowie und wichtigen Begebenheiten, wie die erste Mondlandung eines Menschen und die Einführung der Antibabypille, war die Zeit geprägt von revolutionären Ereignissen. In den Kinos liefen THE GODFATHER (R.: Francis F. Coppola, 1972), JAWS (R.: Steven Spielberg, 1975) UND ROCKY (R.: John G. Avildsen, 1976). Fincher, der leidenschaftlich interessiert an Filmen war, wusste bereits in seinen jungen Jahren, dass die Regietätigkeit seine Berufung sein wird. Der Autodidakt arbeitete zunächst als Trickfilmzeichner und sammelte unter anderem an den Filmen INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM (R.: Steven Spielberg, 1984) und STAR WARS: EPISODE V - THE EMPIRE STRIKES BACK (R.: Irvin Kershner, 1980) Erfahrungen, die ihm danach zur Gründung der Produktionsfirma Propaganda Films verhalfen. Anschließend gab er sich dem Dreh von Musikvideos für beispielsweise Legenden wie Michael Jackson, Madonna und The Rolling Stones hin. Darauf folgten gleichzeitig auch Aufträge für Werbefilme, unter anderem für Coca-Cola, Heineken, Levi ’ s und Nike (Schnelle, 2002). Seinen Einstieg als Filmregisseur begann er mit dem Film Alien³ (1992). Er führte die Regie weiter fort in seinen Filmen SE7EN (1995), THE GAME (1997), FIGHT CLUB (1999), PANIC ROOM (2002), ZODIAC (2007), THE CURIOUS CASE OF BENJAMIN BUTTON (2008), THE SOCIAL NETWORK (2010), THE GIRL WITH THE DRAGON TATTOO (2011) und GONE GIRL (2014). Dabei gelang es ihm stets, den Zeitgeist genau einzufangen und ausgezeichnete Arbeiten darzubieten (Schnelle, 2002). Immer wiederkehrende Elemente in Finchers Filmen sind unter anderem die Nutzung von gefilterten, sowie dunklen Filmbildern, der Fokus auf das Handwerk, die Darstellung der Körperlichkeit und das Scheitern der Identifikation.

2. FIGHT CLUB

Im Rahmen der Analyse von David Finchers Œuvre und der Frage, inwiefern er sich mit gegenwärtigen ästhetischen, sowie technologischen Zusammenstellungen und deren Verhältnissen auseinandersetzt, stach aus einer Reihe von Filmen, wie ALIEN³, SE7EN UND THE GAME im Zusammenhang der Darstellung menschlicher Tiefen und Reflexionen des individuell psychischen Aufbaus, FIGHT CLUB besonders heraus. David Finchers manipulative Konstellation der Wahrnehmung, die Empfindungen der Akteure selbst und dessen Präsentation auf der Leinwand, untermauert vom sogenannten Mind-Game-Movie, schaffte einen starken emotionalen Eindruck zu hinterlassen.

Meine Faszination entwickelte sich zum starken Interesse, eine genauere Analyse der stilistischen und thematischen Machenschaften des Filmes durchzuführen, in Anbetracht dessen, dass FIGHT CLUB kaum an Aktualität zu verloren haben schien.

2.1 Allgemeine Filminformationen

FIGHT CLUB ist ein US-amerikanisches Drama des Regisseurs David Fincher aus dem Jahre 1999. Es basiert auf dem gleichnamigen Roman von Chuck Palahniuk. Das Drehbuch des 139- minütigen Films stammt von Jim Uhls. Er thematisiert emotional ausdrucksstark den Versuch eines unter chronischen Schlafstörungen leidenden Büroangestellten, sein Leben zu verändern. Wie dieser Mann heißt, wird während des gesamten Films nicht erwähnt. Als er gefragt wird, „Who are you?“, antwortet er zwar, aber dem Zuschauer bleibt dies verwehrt, weil der Verkehrslärm seine Stimme übertönt (Fight Club, 1999, TC 00:19:04h-00:19:11h). Des Verständnisses halber wird er in dieser Arbeit ‚Jack‘ genannt, weil ihm im Filmskript dieser Name gegeben wurde (IMSDb, o. J.). Die Hauptrolle als Jack wird gespielt von Edward Norton. Als er eines Tages den anarchischen Freigeist Tyler Durden (besetzt von Brad Pitt) kennenlernt, ändert sich alles in Jacks Leben maßgeblich.

2.2 Analyse und Darstellung

Anhand von ausgewählten Filmszenen und -zitaten werde ich im Folgenden auf einige der von mir oben genannten analytischen Punkte eingehen. Der psychische Kampf formiert in einem banalen physischen ‚Kampfklub’, um das ‚Mann Sein’, wie es die Gesellschaft erwartet, als auch zum Teil voraussetzt, dominiert die Thematik von FIGHT CLUB und die von dem Regisseur kreierte Persönlichkeit des Protagonisten Jack. Um zu verdeutlichen, welches Gesamtbild des Films hervortritt und welcher Zweck dahinter liegt, möchte ich meine Analyse mit einem Zitat von David Fincher beginnen:

„Der ganze Film ist ein Bewusstseinsstrom. […] Es geht nicht darum, die Leute hereinzulegen, es ist eine Metapher. Der Film handelt nicht von einem Typen, der wirklich Gebäude in die Luft jagt, er handelt von einem Typen, der das Gefühl bekommt, dies könnte die Antwort sein, basierend auf all der Konfusion und all der Wut, unter denen er gelitten hat. Aus dieser Frustration und aus diesem unterdrückten Zorn heraus erschafft er [Jack] Tyler,“ (Schnelle, 2002b, S. 321).

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668546646
ISBN (Buch)
9783668546653
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377323
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
Schlagworte
konstruktion männerbildes spätkapitalismus david fincher krankheitssymptome kapitalismus charakter edward norton film fight club

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Konstruktion des Männerbildes im Spätkapitalismus