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Herodots Darstellung des Histiaios von Milet

Hausarbeit 2016 11 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Herodots Charakterisierung des Histiaios
2.1 Einordnung und Besprechung der Quelle
2.2 Herdotos Gesamtdarstellung des Histiaios
2.3 Funktion der Darstellung von Histiaios bei Herodot

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Literatur

1. Einleitung

Histiaios, der Tyrann von Milet, ist als Initiator des ionischen Aufstands eine wichtige Persönlichkeit der griechischen Klassik. Obwohl er Berater des Perserkönigs Dareios war, hinterging er ihn, indem er den Aufstand der ionischen Städte des Perserreichs 449 v. Chr. in Gang setzte. Histiaios war dazu fähig, seine Interessen mit List und strategischem Geschick zu verwirklichen, doch sein Verrat wurde ihm zum Verhängnis.[1]

Beinahe alle Informationen zu Histiaios Leben stammen aus dem Werk Herodots. Dieser war ein griechischer Geschichtsschreiber aus dem fünften Jahrhundert v. Chr., der in seinen „Historien“ eine Chronologie der Perserkriege erzählt. Die Entwicklung des ionischen Aufstandes ist als Auslöser des Krieges zwischen Persien und Hellas zentral in den „Historien“. Daher wird auch die Figur des Histiaios ausführlich dargestellt.[2]

Im Hauptteil dieses Quellenkommentars werde ich mich mit der Frage befassen, wie die Charakterisierung des Histiaios durch Herodot verfasst ist und welche Funktion sie erfüllen könnte.

Um Erklärungsansätze zu finden, werde ich zuerst einen exemplarischen Auftritt Histiaios in den „Historien“ einordnen und besprechen, um die dortige Charakterisierung zu erkennen. Von dieser ausgehend werde ich weitere Charakterisierungsaspekte aus anderen Textstellen besprechen, um aufzuzeigen, wie die Gesamtdarstellung ausgestaltet ist. Danach werde ich Thesen für ihre Funktion aufstellen und diese mit Sekundärliteratur abgleichen.

2. Herodots Charakterisierung des Histiaios

2.1 Einordnung und Besprechung der Quelle

Die ausgewählte Stelle befindet sich im Kapitel 35 des fünften Buches. Sie erstreckt sich über den dritten und vierten Abschnitt. In diesem Buch werden hauptsächlich die Entstehung und der Beginn des ionischen Aufstandes ab 499 v. Chr. beschrieben.[3]

Es ist sinnvoll, zuerst den Kontext der gewählten Stelle ausgehend von den Schlüsselbegriffen Milet, Susa, Histiaios, Aristagoras und Aufstand zu erläutern.

Milet war eine ionische Stadt an der Küste Westkleinasiens. Die Ionier waren ein griechisches Volk, welches damals diese Region bewohnte. Sie gehörte zum persischen Großreich und wurde von dem milesischen Tyrannen Histiaios regiert.[4] Dieser wurde für seine Hilfe während Dareios‘ Skythenfeldzug (513 v.Chr.) von ihm mit der Gründung einer Kolonie belohnt.[5] Auf die Warnung, der Machtzuwachs des Griechen könne den Persern gefährlich werden, habe Dareios Histiaios als Berater nach Susa beordert.[6] Susa war eine Hauptstadt des Perserreichs und lag tief im Landesinneren.[7] Dort konnte er Histiaios besser kontrollieren und war weit von der ionischen Küste entfernt.[8] Histiaios sei mit dieser Situation sehr unzufrieden gewesen und habe nach Milet zurückkehren wollen.[9] Er habe geglaubt, dass Dareios ihn im Falle eines Aufstandes aus Susa entlassen würde, um die Probleme in Milet zu klären.[10]

Nachdem Histiaios nach Susa gerufen wurde, übernahm sein Vetter Aristagoras dessen Position.[11] Aufgrund von militärischen Problemen[12] habe er befürchtet, dass man ihm die Kontrolle über Milet entziehen würde. Deswegen habe er beschlossen, vom Perserreich abzufallen. Zeitgleich sei eine Botschaft von Histiaios eingetroffen, welche ihn zum Abfall aufgerufen habe.[13] Dieser Abfall sollte durch einen Aufstand verursacht werden, wobei Aufstand in diesem Fall eine Rebellion gegen die persische Autorität bedeutet.

Die Textstelle selbst handelt davon, wie Histiaios Aristagoras eine heimliche Mitteilung geschickt habe, um ihn zum Abfall vom persischen Großkönig Dareios zu motivieren. Histiaios habe die Botschaft auf den rasierten Schädel eines Sklaven tätowieren lassen und gewartet, bis sein Haar wieder nachgewachsen sei.[14] Das ist notwendig, da der Aufruf zum Aufstand in Milet ein Verrat an Dareios gewesen wäre. Als Histiaios Beweggrund wird seine angebliche Unzufriedenheit mit der Situation genannt.[15]

2.2 Herdotos Gesamtdarstellung des Histiaios

Herodot charakterisiert seine historischen Figuren, auch Histiaios, mittels zweier Wege: durch direkte Beschreibung und indirekt durch deren Handeln.[16] Die erstere äußert sich auf der Wortebene (zum Beispiel durch den Gebrauch von Adjektiven), letztere auf der Inhalts- und Handlungsebene.

Seine Intelligenz wird auf beiden Wegen dargestellt. In der besprochenen Quellenstelle zeigt sich diese Eigenschaft an der raffinierten Mitteilungsart der Geheimbotschaft. Eine direkte, also sprachliche Beschreibung gibt es, als ein persischer Feldherr ihn als „eine[n] gewandten und schlauen Griechen“[17] bezeichnet habe.

Laut Löffler habe Histiaios seinen Intellekt genutzt, um durch Manipulation seine Privatinteressen zu verwirklichen[18]. Dieses Handlungsmuster zeigt er wie im besprochenen Quellenabschnitt bei seiner Beteiligung am ionischen Aufstand. Histiaios habe Aristagoras nur zum Abfall aufgerufen, weil er aus Susa entlassen und nach Milet zurückkehren wolle.[19] Hier zeigt Herodot Eigennutz als einziges Handlungsmotiv. Auch How beschreibt Herodots Histiaios als Egoisten.[20]

Eine weitere Eigenschaft, sein Machtstreben, wird hauptsächlich durch indirekte Charakterisierung dargestellt, besonders während des Skythenfeldzugs des Dareios. Als er und andere griechische Tyrannen die Chance hatten, den Persern zu schaden und eventuell ihre Unabhängigkeit wieder zu gewinnen, überzeugte Histiaios sie, ihren jetzigen Status zu behalten. Das gelang ihm mit der Befürchtung, bei einer Befreiung von der persischen Oberherrschaft könnte auch ein innenpolitischer Freiheitswunsch aufkommen. So wären ihre Positionen als Tyrannen der griechischen Städte Kleinasiens gefährdet.[21] Weil sie letztendlich auf Histiaios Initiative hin die persische Herrschaft einer Gefährdung ihrer Macht vorzogen, seien sie von den Skthen als schlechtes, unmännliches Volk von Sklaven bezeichnet worden.[22]

Die Rolle des Lügners ist zentral in Herodots Beschreibung von Histiaios. Sie wird wegen ihrer Wichtigkeit mehrfach auf beiden Charakterisierungswegen entwickelt. Seine Antwort auf die Frage der Ionier, weswegen er Aristagoras zum Aufstand geraten habe, zeigt die Verknüpfung der sprachlichen und inhaltlichen Charakterisierung: „[…] teilte ihnen Histiaios den wirklichen Grund in keiner Weise klar mit, sondern gab vor, König Dareios habe beabsichtigt, die Phoiniker nach Ionien umzusiedeln und die Ionier nach Phoiniken.“[23]

Nun lässt sich der Zusammenhang zwischen seinen Lügen und seinem manipulativen Verhalten erkennen. Histiaios verbreitet gezielt Lügen, um andere in die gewollte Richtung zu lenken. In diesem Fall sollten die Ionier den Aufstand wegen der angeblichen Umsiedlungspläne als legitim und Histiaios als ihren Verbündeten betrachten. Histiaios versucht, beide Seiten, die der Ionier und die der Perser, glauben zu lassen, er stünde auf der ihrigen. Als Dareios Histiaios wegen des Aufstands unter seinem Stellvertreter Aristagoras zur Rede gestellt habe, habe dieser ihm Ahnungslosigkeit und den Wunsch zur Beendigung vorgespielt. Seine List sei ihm gelungen, Dareios habe ihm Glauben geschenkt und ihn nach Milet geschickt, um Ordnung zu schaffen.[24]

An dieser Stelle schließt sich Histiaios prägnanteste Rolle an, die des Verräters. Sie wird hauptsächlich durch indirekte Charakterisierung aufgezeigt, vereinzelt auch durch direkte. Beispielsweise habe er seinen König Dareios verraten, als er den ionischen Aufstand angezettelt habe.[25] Zu Beginn seiner Rückkehr nach Ionien habe Artaphrenes, der Satrap von Sardes, Histiaios falsches Spiel erkannt.[26] Daraufhin sei er geflohen und habe sich den Ioniern gegenüber als Perserfeind zu erkennen gegeben.[27]

2.3 Funktion der Darstellung von Histiaios bei Herodot

Da Herodot der Figur des Histiaios einen vergleichsweise großen Raum gibt[28], erscheint es unwahrscheinlich, dass sie keinem größeren Zweck dient. Es liegt nahe, dass Herodot die Figur nutzt, um sich in spezifischer Weise zu positionieren. Die Schwierigkeit hierbei ist, dass Herodots Beweggründe und Ziele oft schwer zu erkennen sind. Strasburger beschrieb sie als „verwickelt und hintergründig“.[29]

Histiaios werden in den „Historien“ hauptsächlich negative Charaktermerkmale zugeschrieben, genauer gesagt: Unehrlichkeit, Machthunger, Egoismus, Untreue und Manipulationswille. Das einzige Positive, was an ihm zu vermerken ist, ist seine Intelligenz. Diese wird jedoch nur als Instrument für seine Charakterschwächen eingesetzt, weswegen man sie als entwertet betrachten könnte. Somit ist eine Kritik an der Person des Histaios selbst unschwer erkennbar.

Man könnte auch eine Kritik an den Persern, insbesondere an König Dareios, erkennen. Histiaios gelingt es, ihn zu manipulieren - der König unterliegt dem Intellekt des Griechen. Artaphrenes hingegen erkennt Histiaios Lügen augenblicklich.[30] Und auch die Ionier werden von Histiaios überlistet, als sie nach der Ursache des Aufstandes fragen.[31]

Somit wird die Funktion der Kritik an den Persern entkräftet, weshalb ich mich der nächsten Möglichkeit widme: als Kritik an den Ioniern, genauer gesagt, den ionischen Tyrannen. Laut Bichler habe Herodot den ionischen Alleinherrschern Kooperation, bzw. Unterwürfigkeit gegenüber dem persischen König zugeschrieben.[32] Dieses Verhalten ist nicht vereinbar mit dem damaligen griechischen Freiheits- und Demokratieideal. Das ist an der Entscheidung während des Skythenfeldzugs zu erkennen, in dessen Verlauf sich die ionischen Tyrannen an Stelle der Befreiung für die Seite der Perser entschieden haben sollen. Der Wortführer der Tyrannen an dieser Stelle sei Histiaios gewesen, der alle anderen von dieser Entscheidung überzeugt habe.[33]

[...]


[1] s. Cobet 1998, 633.

[2] s. Meister 1988, 470.

[3] Hornblower 2013, 2.

[4] Cobet 2000, 170.

[5] Herodot (zukünftig Hdt.) 5, 11, 1/2.

[6] Hdt. 5, 24, 4.

[7] Boucharlat 2002, 1119.

[8] Kienast 1994, 389.

[9] Hdt. 5, 35, 4.

[10] Kienast 1994, 396.

[11] Cobet 1996,1086.

[12] Hdt. 5, 35, 1.

[13] Hdt. 5, 35, 2.

[14] Hdt. 5, 35, 3.

[15] Hdt. 5, 35, 4.

[16] Flower 2002, 9.

[17] Hdt. 5, 23, 2.

[18] Löffler 2008, 181.

[19] Hdt. 5, 35, 4.

[20] How 1912, 66.

[21] Vgl. Bichler 2011, 74.

[22] Hdt. 4, 142.

[23] Hdt. 5, 3.

[24] Hdt. 4, 106, 1-4.

[25] Hdt. 5, 35, 2.

[26] Hdt. 6, 1, 1.

[27] Hdt. 6, 2, 1.

[28] Cobet 1998, 663.

[29] Strasburger 1955, 6.

[30] Hdt. 6, 1, 2.

[31] Hdt. 6, 3.

[32] Bichler 2011, 74.

[33] vgl. Hdt. 4, 137.

Details

Seiten
11
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668547841
ISBN (Buch)
9783668547858
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377262
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
Herodot Histiatios von Milet Ionischer Aufstand Dareios

Autor

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Titel: Herodots Darstellung des Histiaios von Milet