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Die Modernisierungsverlierer-Theorie und ihr Einfluss auf die Wahlentscheidung für eine rechtspopulistische Partei in Westeuropa

Bachelorarbeit 2017 90 Seiten

Politik - Methoden, Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

  • Zusammenfassung
  • Abbildungsverzeichnis
  • Tabellenverzeichnis
  • 1 Einleitung
  • 2 Theoretischer Rahmen und Hypothesenableitung
  • 2.1 Definition des Rechtspopulismus
  • 2.1.1 Populismus-Konzept
  • 2.1.2 Rechtspopulismus
  • 2.1.3 Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus
  • 2.2 Modernisierungsverlierer-Theorie
  • 2.2.1 Modernisierungsverlierer-Theorie im Kontext der Globalisierung
  • 2.2.2 Modernisierungsverlierertheorie nach Spier
  • 2.2.3 Ableitung der Hypothesen
  • 3 Methodik
  • 3.1 Untersuchungsdesign
  • 3.1.1 Fallauswahl
  • 3.2 Vorstellung der Analyseverfahren
  • 3.2.1 Regressionsanalyse
  • 3.2.2 Faktorenanalyse
  • 4 Analyse
  • 4.1 Deskriptive Statistik
  • 4.1.1 Operationalisierung
  • 4.2 Regressionsanalysen
  • 4.2.1 Einfluss der Modernisierungsverliererindikatoren auf das Wahlverhalten
  • 4.2.2 Einfluss der rechtsaffinen Einstellungen auf das Wahlverhalten
  • 4.2.3 Brückenhypothese
  • 5 Fazit
  • 6 Literaturverzeichnis
  • 7 Anhang

Zusammenfassung

 

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Modernisierungsverlierer-Theorie Tim Spiers, die einen Versuch darstellt, den Erfolg rechtspopulistischer Parteien in Westeuropa zu erklären. Da Spier seine Theorie auf Grundlage von Individualdaten des European Social Survey aus den Jahren 2003 und 2005 empirisch überprüft, scheint es im Kontext der steigenden Erfolge rechtspopulistischer Parteien in den letzten Jahren interessant, die Theorie für einen aktuelleren Zeitpunkt erneut anzuwenden. Dazu wurde der Einfluss der aus Spiers Theorie abgeleiteten Indikatoren auf die Wahlabsicht einer rechtspopulistischen Partei anhand aktueller Daten des European Social Survey aus dem Jahr 2014 untersucht. Damit soll am Ende dieser Arbeit die Frage geklärt werden, ob sich die Modernisierungsverlierer-Theorie für das Jahr 2014 dazu eignet, die Erfolge rechtspopulistischer Parteien in Westeuropa zu erklären.

 

Tabellenverzeichnis

 

Tabelle 1: Nettostichprobengröße und Anteil der realisierten Interviews im ESS 2014

Tabelle 2: Aufteilung des Geschlechts nach Untersuchungsland in Prozent

Tabelle 3: Bildung nach Ländern in Prozent

Tabelle 4: HauptberufsgruppenISCO-08

Tabelle 5: Anteil der Industrieberufe in den Untersuchungsländern

Tabelle 6: Subjektive Einkommensarmut der Untersuchungsländer in Prozent

Tabelle 7: Arbeitslosigkeit der Untersuchungsländer in Prozent

Tabelle 8: Komponentenladungen und Reliabilität der Skala sozialer Exklusion

Tabelle 9: Mittelwerte sozialer Exklusion nach Ländern und subjektiven Einkommen

Tabelle 10: Komponentenladungen und Reliabilität der Skala politische Unzufriedenheit

Tabelle 11: Mittelwerte politischer Unzufriedenheit nach Ländern und subjektivem Einkommen

Tabelle 12: Komponentenladung und Reliabilität der Xenophobie-Skala

Tabelle 13: Xenpohobie-Mittelwerte nach Ländern und Bildung

Tabelle 14: Komponentenladungen und Reliabilität der Autoritarismus-Skala

Tabelle 15: Autoritarismus-Mittelwerte nach Ländern und Bildung

Tabelle 16: Komponentenladungen und Reliabilität der Misanthropie-Skala

Tabelle 17: Misanthropie-Mittelwerte nach Ländern und subjektivem Einkommen

Tabelle 18: Anteil der rechtspopulistischen Wähler nach Untersuchungsland

Tabelle 19: Anteil der rechtspopulistischen Wähler innerhalb der Berufsklassen nach Land

Tabelle 20: Einfluss der Klassenlage auf das Wahlverhalten

Tabelle 21: Wahl rechtspopulistischer Parteien nach subjektivem Einkommen

Tabelle 22: Einfluss des subjektiven Einkommens auf das Wahlverhalten

Tabelle 23: Wahl rechtspopulistischer Parteien nach Erwerbsstatus

Tabelle 24: Einfluss der Arbeitslosigkeit auf das Wahlverhalten

Tabelle 25: Mittelwerte sozialer Exklusion nach Wahlverhalten und Land

Tabelle 26: Einfluss der sozialen Exklusion auf das Wahlverhalten

Tabelle 27: Umfassendes Modell der Modernisierungsverlierer-Indikatoren

Tabelle 28: Politische Unzufriedenheit nach Wahlverhalten und Ländern

Tabelle 29: Einfluss der politischen Unzufriedenheit auf das Wahlverhalten

Tabelle 30: Autoritarismus nach Wahlverhalten und Ländern

Tabelle 31: Einfluss des Autoritarismus auf das Wahlverhalten

Tabelle 32: Xenophobie nach Wahlverhalten und Ländern

Tabelle 33: Einfluss der Xenophobie auf das Wahlverhalten

Tabelle 34: Misanthropie nach Wahlverhalten und Ländern

Tabelle 35: Einfluss der Misanthropie auf das Wahlverhalten

Tabelle 36: Einfluss der rechtsaffinen Einstellungen auf das Wahlverhalten

Tabelle 37: Auswirkungen der rechtsaffinen Einstellungen auf das Gesamtmodell

 

1 Einleitung

 

Das Jahr 2016 wird in vielen Jahresrückblicken als „Das Jahr der Populisten“ bezeichnet. Die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten und die durch ein Referendum herbeigeführte Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen, sind nur einige Beispiele dafür, wie sehr der Begriff des Rechtspopulismus im Jahr 2016 im Fokus der Öffentlichkeit stand. Rechtspopulistische Parteien sind allerdings nicht erst mit diesen Ereignissen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Seit mehr als 20 Jahren können rechtspopulistische Parteien in weiten Teilen Europas zunehmende Erfolge verzeichnen. Neu ist jedoch, dass sich die rechtspopulistische Konstellation in den vergangen zwei bis drei Jahren erheblich zugespitzt hat. Ein Symptom hierfür ist der Aufstieg der AfD in Deutschland: Während in vielen anderen westeuropäischen Staaten – wie beispielsweise in Frankreich mit dem Front National – rechtspopulistische Parteien schon seit vielen Jahren große Erfolge aufweisen können, war dies in Deutschland in der Vergangenheit mit Ausnahme der Republikaner nicht der Fall. Der Aufstieg der AFD geht einher mit dem Aufschwung anderer rechtspopulistischer Formationen wie der PEGIDA-Bewegung.

 

Erfolge wie die Donald Trumps zeigen, dass es mittlerweile möglich ist, große Teile der Bevölkerung mit mithilfe des rechtspopulistischen Politikstils zu erreichen. Dabei ist die Gegenüberstellung von „Volk“ und „korrupter Elite“ eine der Kernwesensmerkmale des Rechtspopulismus. So teilte US-Präsident Trump am 10.08.2016 über den Kurznachrichtendienst Twitter mit: „One of the key problems today is that politics is such a disgrace. Good people don’t go into government“. Aus dieser Gegenüberstellung kristallisiert sich eine fundamentale Konfrontation zwischen den „etablierten“ Parteien von ehemaligen Sozialisten über Sozialdemokraten, Grüne, Liberale bis hin zu christlich- konservativen Parteien auf der einen Seite und den rechtspopulistischen Parteien auf der anderen Seite heraus. Stehen die einen für eine am Kompromiss und dem innerhalb eines globalisierten sowie supranationalen Rahmens Machbaren orientierte Politik, so artikuliert der Rechtspopulismus die Stimmen der Bevölkerungsteile, die sich durch eben jene Politik an den gesellschaftlichen Rand gedrängt fühlen (Jörke/Nachtwey 2016: 1).

 

Oftmals fällt im Zusammenhang dieser durch die Folgen der Globalisierung abgehängten Bevölkerungsgruppen der Begriff des Modernisierungsverlierers. Momentan zeichnet sich die gegenwärtige Situation dadurch aus, dass es den traditionellen linken Parteien nicht mehr gelingt, Modernisierungsverlierer – sowohl kultureller als auch ökonomischer Art – an sich zu binden. Als Folge dessen wenden sich immer größere Teile der Bevölkerung von den zentralen Institutionen und Werten der liberalen Demokratie ab und bieten damit ein perfektes Ziel für die rechtspopulistische Propaganda, die oftmals von Lügen und Desinformationen geprägt ist, was Beispielsweise der erst kürzlich durch Donald Trump eingeführte Begriff der „alternativen Fakten“ zeigt. Wilhelm Heytmeyer macht in diesem Kontext in den Erfolgen der rechtspopulistischen Parteien eine der wesentlichen „Schattenseiten der Globalisierung“ aus (Heytmeyer 2001: 15). Hans Georg Betz spricht im Kontext des ausgerichteten Fokus der rechtspopulistischen Parteien auf Modernisierungsverlierer auch von der „Proletarisierung“ der Wählerschaft rechtspopulistischer Parteien (Betz 2001: 413).

 

Ein Ansatz der versucht, diese Thematik in ein theoretisches Modell umzusetzen, ist die Modernisierungsverlierer-Theorie Tim Spiers. In seiner im Jahr 2010 veröffentlichten Monographie „Modernisierungsverlierer. Die Wählerschaft rechtspopulistischer Parteien in Westeuropa“ geht Spier dabei der vielfach geäußerten These nach, dass es sich bei den Wählern der rechtspopulistischen Parteien um Modernisierungsverlierer handelt, überführt die These in ein Modell der Wahl rechtspopulistischer Parteien und überprüft sie empirisch anhand von quantitativen Umfragedaten des European Social Survey (ESS) für Westeuropa auf der Individualebene. Dabei wird der Einfluss verschiedener Modernisierungsverlierer-Indikatoren auf rechtsaffine Einstellungen und das Wahlverhalten zugunsten rechtspopulistischer Parteien untersucht (Spier 2010). Da Spiers Umfragedaten aus den Jahren 2003 und 2005 stammen, scheint es vor dem Hintergrund der zuvor beschriebenen Erfolge rechtspopulistischer Parteien in den letzten Jahren interessant, die Modernisierungsverlierertheorie für aktuellere Umfragedaten aus dem Jahr 2014 empirisch zu überprüfen. Dabei soll die Frage im Mittelpunkt stehen, inwieweit sich die Wahlentscheidung einer Person zugunsten einer rechtspopulistischen Partei mithilfe der Modernisierungsverlierer-Theorie Spiers und der daraus abgeleiteten Indikatoren erklären lässt. Bevor es zur Überprüfung der Theorie kommt, muss dazu zunächst eine Definition des Rechtspopulismus erarbeitet werden, auf deren Grundlage die Auswahl der entsprechenden Parteien in den einzelnen Untersuchungsländern getroffen werden kann. Nachdem dieser Schritt abgeschlossen wurde, soll in einem weiteren Schritt die Modernisierungsverlierer-Theorie Spiers und die dieser abgeleiteten Indikatoren und Hypothesen vorgestellt werden. Anschließend folgt der methodische Teil dieser Arbeit, in dem zunächst die Fallauswahl begründet werden soll, die auf Grundlage der erarbeiteten Definition getroffen wurde. Anschließend sollen mithilfe von Regressionsanalysen die auf Basis der verschiedenen Indikatoren erstellten Hypothesen überprüft werden. Im letzten Schritt dieser Arbeit sollen im Fazit alle Ergebnisse zusammengefasst und zusätzlich in Bezug auf die Theorie interpretiert werden.

 

2 Theoretischer Rahmen und Hypothesenableitung

 

2.1 Definition des Rechtspopulismus

 

Um rechtspopulistische Parteien im Rahmen einer empirischen Analyse untersuchen zu, bedarf es zunächst einmal einer Definition des Rechtspopulismus, auf der Grundlage derer Kriterien abgeleitet werden können, die eine rechtspopulistische Partei als diese definieren. Dabei geht es vor allem um die Frage, was die neuen, erfolgreichen rechten Parteien als rechtspopulistisch charakterisiert und was die Merkmale des Rechtspopulismus sind (vgl. Schönfelder 2008: 20).

 

In der internationalen politikwissenschaftlichen Literatur ist der Begriff des Rechtspopulismus vor allem im Hinblick auf die im selben Kontext ebenfalls oftmals verwenden Begriffe Rechtsextremismus und Rechtsradikalismus sehr umstritten. Der niederländische Politikwissenschaftler Cas Mudde sieht die Ursachen für diesen „war on words“ zum einen in unterschiedlichen theoretischen Grundvorstellungen und Differenzen zwischen verschiedenen Schulen der Forschung und zum anderen darin, dass häufig auch ohne besondere theoretische Rechtfertigungen neue Begrifflichkeiten geprägt werden würden. Letztendlich führe dies zu Problemen bei der Verständigung auf diesem Forschungsfeld (Mudde 2007: 11). Auf die Probleme dieser Begriffsbestimmung soll im Folgenden allerdings nicht weiter eingegangen werden, sondern nach einer passenden Definition gesucht werden, die im Rahmen der Analyse genutzt werden kann. Da diese Arbeit auf der Untersuchung Martin Spiers aufbaut, liegt es zunächst nahe auch seine Definition des Rechtspopulismus zu nutzen. Aufgrund der Tatsache, dass Spiers Definition größtenteils auf den Arbeiten Muddes aufbaut und dieser auch für das Jahr 2014 eine Einordnung der westeuropäischen rechtspopulistischen Parteien zur Verfügung stellt, soll in dieser Arbeit mit der Definition des Rechtspopulismus Muddes gearbeitet werden. Nach Mudde teilen rechtspopulistische Parteien eine Kernideologie, die drei verschiedene Eigenschaften miteinander verbindet: Populismus, Nativismus und Autoritarismus (Mudde 2017: 4). Ausgehend von dieser Definition, soll in einem ersten Schritt zunächst auf das politische Stilmittel des Populismus eingegangen und dessen wichtigste Eigenschaften erläutert werden. Im Anschluss soll der erklärt werden, was den Rechtspopulismus ausmacht und dabei vor allem auf die ideologischen Elemente des Nativismus und des Autoritarismus eingegangen werden, die im Falle des Rechtspopulismus zum Konzept des Populismus hinzukommen.

 

2.1.1 Populismus-Konzept

 

Bevor man sich der Frage widmet, ob die Verbindung mit radikal rechten Inhalten im Falle rechtspopulistischer Parteien das Kriterium einer eigenen Ideologie erfüllt, macht es zunächst Sinn sich mit dem generellen Phänomen des Populismus zu beschäftigen.

 

In der Populismus-Forschung wird das Konzept des Populismus primär als Politikstil aufgefasst, der dazu genutzt wird, um einen politischen Führer, eine Partei oder Bewegung, mit dem „Volk in Verbindung zu setzen“ (Betz: 2003 15). Populismus wird demnach als rein formales Merkmal verstanden, das in Verbindung zu höchst unterschiedlichen Ideologien stehen kann, so schreibt beispielsweise der Sozialwissenschaftler Nikolaus Wertz: „Den Populismus gibt es nicht, sondern nur dessen vielgestaltige Erscheinungsformen (Werz 2003: 14). Oftmals wird das Phänomen mit einem Chamäleon verglichen, das sich permanent neuen Bezugssystemen anpasst und sich zu ihnen in eine Anti-Beziehung setzt (vgl. Priester 2012b: 3). Für die Populismusforscherin Karin Priester ist Populismus ein „bloßes Bündel von Vorstellungen ohne einen beharrenden Träger (Substanz) seiner Akzidenzien, die gleichwohl eine beharrliche Gleichförmigkeit aufweisen“. Er lasse sich daher nicht essentialistisch definieren und auf eine kohärente Doktrin festlegen. Die programmatische Variationsbreite des Populismus hat nach Priester dazu geführt, ihn lediglich als eine Strategie des Machterwerbs zu definieren (vgl. Priester 2012a: 185). Da unter Strategien aber auch Verfahrensweisen zur Erreichung beliebiger Ziele verstanden werden könnten, sieht Priester im Populismus keine bloße Strategie, sondern ein Set von bestimmten Merkmalsbestimmungen, die aber nicht substanziell determiniert werden, sondern sich erst in unterschiedlichen Kontexten aktualisieren (Priester 2012a: 187). Reduziert man den Begriff auf ein ideologisches Minimum, kann zunächst eine Anti- Establishment-Haltung ausgemacht werden. So dient die Abgrenzung von politisch Verantwortlichen eines Landes und der inszenierte Widerstand gegen sie zugleich als Identifizierungspunkt mit der Klientel, um die geworben wird. Abstand halten vom politischen Establishment wird als Mittel der Wahl genutzt, um Annäherung an das Volk zu erzielen (Reuter 2009: 36). Auch Mudde nimmt diese vertikale Achse vom „armen Volk“ und „korrupter Elite“ in seinen Überlegungen zum Populismus auf und definiert ihn als

 

„an ideology that considers society to be ultimately separated into two homogeneous and antagonistic groups, ‘the pure people’ versus ‘the corrupt elite’, and which argues that politics should be an expression of the volonté générale (general will) of the people.“ (Mudde 2004: 543)

 

In diesem Kontext stellt der Berliner Politikwissenschaftler Jan Werner Müller zudem die These auf, dass Kritik an Eliten zwar ein notwendiges, aber kein hinreichendes Kriterium für die Bestimmung von Populismus sei. Die Anti-Establishment-Attitüde allein würde zu kurz greifen und zum Anti-Elitären auch das Anti-Pluralistische hinzukommen. Der Kernanspruch der Populisten lautet ihm zufolge: „Wir – und nur wir – repräsentieren das Volk.“ Nur diejenigen die sowohl einen moralischen Alleinvertretungsanspruch für sich reklamieren und sich über das Kollektivsubjekt Volk legitimeren, können, so Müller, als Populisten bezeichnet werden (Müller 2016: 26).

 

Ein populistischer Politikstil, lässt sich durchaus auch in bestimmten Mainstreamparteien wiederfinden. Mudde spricht diesbezüglich gar von einem „populistischen Zeitgeist“ (Mudde 2004). So weist Frank Decker etwa auf den populistischen Politikstil des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröders in Deutschland hin (Decker 2013: 46). Ebenfalls wurde der aktuelle Kanzlerkandidat der SPD Martin Schulz in einem Kommentar des Journalisten Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung zuletzt als „Populist im besten Sinne“ bezeichnet (Süddeutsche: 2017). Populistische Elemente lassen sich dementsprechend fast in jeder Bundestagspartei identifizieren (Lösche 2001: 83). Rudolf Korte spricht gar von einer Tendenz, die dahingehend beobachtet werden könne, dass populistische Agitationsformen zunehmend in der Regierungspraxis der Parteiendemokratien Westeuropas eingesetzt würden (Korte 2003: 66). Die Politikwissenschaftlerin Margaret Canovan bezeichnet diesen Wandel als „demokratisches Paradoxon“ der heutigen Politik. Demnach wächst bei den Wählerinnen und Wählern das Bedürfnis nach Eingängigkeit und Transparenz umso stärker, je komplizierter und intransparenter die realen Entscheidungsprozesse für die Öffentlichkeit werden. Durch die Hinwendung zum Populismus versuchten die politischen Akteure diesem Bedürfnis zu entsprechen. Im besten Fall führe dies zu mehr vertrauen, so Canovan, im schlechtesten Fall führe dies zu einer Gefälligkeitspolitik und zu produzierten Erwartungen, die später nicht erfüllt werden könnten (Canovan 2002: 25).

 

Diese Popularisierung des Populismus-Begriffs bringt eine zunehmende inhaltliche Unschärfe mit sich. Dem kann Abhilfe geschaffen werden, in dem der Begriff klar definiert wird und so einer empirischen Anwendung zugänglich gemacht wird. In Anbetracht der Arbeit Spiers und weiterer Literatur lassen sich insgesamt fünf Definitionsmerkmale festlegen, die im Kontext des Populismuskonzepts immer wieder genannt werden: der Appell an das vermeintlich homogene „Volk“, der Rückgriff auf das Denken in Feindbildern, das Phänomen charismatischer Führerschaft, common sense Argumente sowie der Bewegungscharakter populistischer Parteien. (Vgl. Spier 2010; Priester 2008; Schönfelder 2008).

 

Eines der wichtigsten Merkmale populistischer Parteien ist, dass sie an das „Volk“, die „kleinen Leute“, oder den „kleinen Mann auf der Straße“ appellieren. Das Volk wird dabei als homogene Masse betrachtet und zudem romantisch überhöht; So gilt es stets als einfach, ehrlich und vernünftig, hartarbeitend und grundanständig. Diese rückwärtsgewandte Utopie einer Lebenswelt wird in der angloamerikanischen Debatte auch als „heartland“ bezeichnet (Priester 2012b: 5).

 

Das zweite Definitionsmerkmal des Populismus ist das Erstellen von Feindbildern, die in einem antagonistischen Verhältnis zum „Volk“ stehen (Spier 2010: 21). Dies führt neben der Anti-Establishment-Haltung zusätzlich zu einem Anti-Intellektualismus und einer generellen Institutionenfeindlichkeit. In diesem Sinne werden gesellschaftliche Probleme auf bestimmte Personengruppen projiziert, um diese als Schuldige zu entlarven (Sündenbockfunktion). Wobei als äußerer und unmittelbar wahrgenommener Feind in der Regel der Fremde erscheint, als innerer Feind derjenige der das Eindringen des Fremden betreibt oder geschehen lässt (Schönfelder 2008: 25). Bei Rechtspopulisten sind äußere Feinde üblicherweise Ausländer, es können aber auch weitere soziale, kulturelle, religiöse oder sprachliche Minderheiten sein. In den Vorstellungen der Populisten sind diese Minderheiten nicht Teil des „heartlands“, sie stören die Homogenität des „Volkes“. Ziel dieser In-Group-Out-Group-Differenzierung ist die Inklusion der zum beschworenen „Volk“ Zugehörigen, durch Exklusion anderer Gruppen (Schönfelder 2008: 28).

 

Ein weiteres wichtiges Merkmal von populistischen Gruppierungen sind ihre charismatischen Führerfiguren, die sich zu Vertretern des Volkes hochstilisieren und suggerieren, dass sie genau verstehen, was „die Leute auf der Straße“ wünschen (Spier 2010: 22). In ihrer Argumentation bieten diese Führerfiguren meist einfache Lösungen für komplexe Probleme der modernen Welt an und sorgen durch Provokation und Tabubrüche dafür, sich von der herrschenden Elite abzugrenzen und als Außenseiter selbst an Glaubwürdigkeit unter den eigenen Anhängern zu gewinnen (Decker/Lewandowsky 2009). Das vierte Merkmal ist die Berufung auf den common sense, das heißt das Gleichsetzen von individueller und kollektiver Moral. Aus populistischer Sicht ist der „gesunde Menschenverstand“ dem Reflexionswissen von Intellektuellen nicht nur ebenbürtig, sondern überlegen, weil er auf konkreter, lebensweltlicher Erfahrung beruhe, noch nicht vom Virus des modernen Skeptizismus infiziert sei und daher noch einen unverfälschten „gesunden Zugang zu Recht und Wahrheit“ habe (Priester 2012b: 4).

 

Das letzte Definitionsmerkmal des Populismus ist sein bewegungsförmiger Organisationscharakter. Populistische Parteien treten meist als „Anti-Parteien-Parteien“ auf, was als Ausdruck ihrer Frontstellung gegenüber dem politischen Establishment, zu dem die etablierten Parteien des jeweiligen politischen Systems gehören, zu sehen ist. Die Struktur klassischer Parteien wird aus diesem Grund häufig gemieden. Deshalb sind populistische Bewegungen in den wenigsten Fällen basisdemokratisch organisiert, viel öfter findet sich eine hohe Zentralisation der Entscheidungsgewalt, die sich zumeist konzentriert völlig auf die Führungsfigur konzentriert (Spier 2010: 22).

 

Laut Spier ist es gerade dieser populistische Politikstil, der besonders geeignet ist, die Affinität von Modernisierungsverlierern zu rechtspopulistischen Parteien zu begründen. Wenn man davon ausginge, dass Modernisierungsverlierer sich tendenziell durch Unzufriedenheit, Ohnmachtsgefühl, Entfremdungs- und soziale Isolationserscheinungen auszeichnen, so lasse sich zeigen, wie die unterschiedlichen populistischen Stilelemente diesen Tendenzen entsprechen: Die Inklusion in das „heartland“ verschaffe den orientierungslosen und sozial isolierten Modernisierungsverlierern ein Gefühl der Zugehörigkeit und vermittle ihnen eine soziale Identität. Ebenso würden durch die Agitation gegenüber stilisierten Feindbildern – insbesondere dem politischen Establishment – verschiedene Bedürfnisse effektiv angesprochen: Auf der einen Seite würde eine Unzufriedenheit mit der politischen Elite bedient, die für die negativen Modernisierungsfolgen oder zumindest die ausbleibende Abfederung ihrer Konsequenzen verantwortlich gemacht wird. Andererseits würde aber auch gerade durch die Abgrenzung gegenüber dem vermeintlich korrupten Establishment die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der „einfachen und ehrlichen Leute“ verstärkt und so eine Identitätsfindung unterstützt. Ebenfalls würde durch die Gegenüberstellung beider Gruppen die latente Wut und Aggression von sich politisch ohnmächtig fühlenden Menschen angesprochen werden. Auch das Phänomen der charismatischen Führerschaft ergibt in diesem Kontext für Spier einen Sinn, da er in der tiefen Unsicherheit der Modernisierungsverlierer ein Bedürfnis nach politischer Klarheit und einer damit einhergehenden Führung sieht, die die als richtig wahrgenommenen Entscheidungen propagiert und durchsetzt. Schließlich würde der Bewegungscharakter der populistischen Parteien das Gefühl vermitteln, die Organisation sei aus der konstruierten Gemeinschaft selbst hervorgegangen, was wiederum die Identitätsfindung positiv beeinflussen würde (Spier 2010: 24).

 

2.1.2 Rechtspopulismus

 

Obwohl sich der Populismus in den Mainstreamparteien bereits etabliert hat, ist er vor allem auf den politischen Flügeln zu verorten. Allgemein unterscheidet man in diesem Sinne zwischen Rechts- und Linkspopulismus (Decker 2005: 35). Als grobes Unterscheidungskriterium können laut Karin Priester die Begriffe „Inklusion“ und „Exklusion“ herangezogen werden. So strebe der linke Populismus durch Partizipation und Ressourcenumverteilung die Inklusion unterprivilegierter Bevölkerungsschichten in ein parastaatliches, direkt an die Person des „Führers gebundenes, parlamentarisch nicht kontrolliertes Klientelsystem an“. Rechtspopulismus hingegen betreibe umgekehrt die Exklusion von Menschen („Sozialschmarotzer, Immigranten, Asylbewerber, ethnische Minderheiten) und reserviere politische und soziale Teilhaberechte nur für die eigene autochthone Bevölkerung (Priester 2012b:1). Obwohl Linkspopulistische Parteien ein historisches wie auch aktuelles Phänomen (Bsp. Die Linke) darstellen, sind es vor allem die rechtspopulistischen Parteien die in den meisten westeuropäischen Parteisystemen elektoral deutlich stärker abschneiden. Um eine rechtspopulistische Parteifamilie zu konzipieren und zu rechtfertigen, sind laut Martin Spier zwei Voraussetzungen von Nöten: Einerseits müsse der populistische Politikstil dieser Partei so prägend sein, „dass auf seine Berücksichtigung in der Familienbezeichnung nicht verzichtet werden kann“. Andererseits müsse sich jenseits dieses Politikstils eine rechte Ideologie nachweisen lassen, die wiederum die inhaltliche Homogenität erzeuge, die für eine eigenständige Parteifamilie konstitutiv sei und sie von anderen Parteienfamilien unterscheide (Spier 2010: 23). Mudde sieht mit den Konzepten des Nativismus und des Autoritarismus zwei Kerneigenschaften, die Sentiments und Ressentiments von Zielgruppen der rechtspopulistischen Parteien in Westeuropa ansprächen und deshalb für eine nähere ideologische Qualifikation des Populismus-Begriffs im Sinne eines Rechtspopulismus geeignet seien (Mudde 2017: 3).

 

Die erste Eigenschaft des Autoritarismus bezieht sich dabei auf den Glauben an eine streng geordnete Gesellschaft, in der Verletzungen von Regeln streng zu bestrafen seien (Mudde 2017: 4). Nach Spier äußere sich dies vor allem am harten law-and-order-Kurs, der im Bereich der Kriminalitätsbekämpfung von rechtspopulistischen Parteien propagiert werde (Spier 2010: 24).

 

Das Konzept des Nativismus, welches gemäß Mudde neben Populismus und Autoritarismus die dritte Eigenschaft des Rechtspopulismus ausmache, beinhaltet eine Kombination aus Nationalismus und Xenophobie:

 

„It is an ideology that holds that states should be inhhabited exclusivley by members of the native group (‚the nation’) and that non- native (or ‚alien’) elements, whether persons or ideas, are fundamentally threatening to the homogeneous nation-state“ (Mudde 2017: 4)

 

In diesem Sinne setzt der Nationalismus durch identitätsstiftende Sentiments vor allem auf die Inklusion der „Einheimischen“ und Xenophobie durch aggressive Ressentiments auf die Exklusion von Immigranten, Asylbewerber oder anderen Ausländern (Spier 2008: 25). Die Grundlage der nativistischen Unterscheidung bilden vor allem ethnische und religiöse Vorurteile, die oftmals auch kombiniert auftreten können. So sieht Mudde in der Islamophobie eine Form des Nativismus der sowohl ethnische als auch religiöse stereotypen miteinander verbinde (Mudde 2017: 5). Auf sozio-ökonomischer Seite äußert sich das Konzept des Nativismus oftmals über einen Protektionismus, der die vermeintlich bedrohte nationale Wirtschaft durch Ab- und Ausgrenzungsstrategien zu schützen versucht (Schönfelder 2008: 24).

 

Nach Spier und Mudde sind es vor allem diese drei Eigenschaften, die im Falle der Rechtspopulisten die nähere ideologische Qualifikation bilden. Sie seien inhaltlich so prägend für diese Parteien, „dass sie – bei aller Wechselhaftigkeit ihrer konkreten Forderungen – eine relativ kohärente Kernideologie aufweisen, die über den populistischen Stil hinausgeht und die Gruppierung zu einer Parteifamilie im Sinne einer ‚famille spirituelle’ zulässt.“ (Spier 2008: 25).

 

2.1.3 Rechtsradikalismus und Rechtsextremismus

 

Neben dem Rechtspopulismusbegriff werden im deutschen Sprachgebrauch mit dem Begriff des Rechtsradikalismus und des Rechtsextremismus zwei weitere Begriffe zur Bezeichnung der einschlägigen Parteien, ihrer politischen Forderungen und ihrer Aktionsformen verwendet (Arzheimer 2008: 28). Hinsichtlich der terminologischen und inhaltlichen Abgrenzung zwischen diesen Begriffen ist der politikwissenschaftliche Diskurs noch ganz im Fluss (Reuter 2009: 35). In dieser Arbeit soll es nicht um die Weiterentwicklung, sondern um die Klärung dieser Begriffe gehen, damit sich die Einordnung der untersuchten Parteien unter dem Begriff „Rechtspopulismus“ im Einklang mit der Forschungsliteratur befindet.

 

Grundsätzlich handelt es sich beim Rechtsextremismus-Konzept um eine Ideologie, die den „äußersten Rand“ (Spier 2010: 30) des rechten politischen Spektrums bildet. Von rechtsextremen Parteien spricht man dann, wenn bestimmte Meinungen und Orientierungen zusammentreffen: übersteigerter Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, ein autoritär-konservatives, hierarchisches Familien- und Gesellschaftsbild und die Ablehnung der Demokratie (Jaschke 2006: 1). Die Problematik der Unterscheidung dieses Begriffes gegenüber dem des Rechtspopulismus ist schon daran zu erkennen, dass sich viele Merkmale beider Ideologien überschneiden. Der Politikwissenschaftler Michael Kohlstruck, der sich mit Unterschieden zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus auseinandergesetzt hat, unterscheidet zwischen Anti-System- und Anti-Establishment-Parteien: Rechtsextreme Parteien seien Anti-System-Parteien, populistische dagegen „nur“ Anti-Establishment-Parteien, die sich als Gegenstimme zur politischen Elite verstehen würden (Kohlstruck 2008: 224). Priester sieht aber auch diese Unterscheidung problematisch, da sich vermehrt auch rechtsextreme Parteien einer Anti- Establishment-Rhetorik bedienten (Priester 2012b: 33).

 

Während die Begriffe des Rechtsextremismus (extreme right) und des Rechtsradikalismus (radical right) in der internationalen Fachliteratur weitgehend inhaltsgleich verwendet werden, werden sie in der deutschen Fachliteratur voneinander unterschieden: Mudde sieht den Begriff Radikalismus in Deutschland als Bezeichnung für Gruppierungen, die demokratische Methoden (wie freie Wahlen) zwar akzeptieren, demokratische Werte (wie Pluralismus) hingegen ablehnen. Extremismus hingegen umfasse beides: Die Ablehnung demokratischer Methoden und Werte. Viele rechtspopulistische Parteien werden auf diese Weise als „radikal“, nicht aber als „extremistisch“ eingestuft (Mudde 1996: 230). Selbst wenn man im Bereich der internationalen Forschung von einer Austauschbarkeit der Begriffe des Rechtsradikalismus und des Rechtsextremismus ausgehen kann, stellt sich trotzdem die Frage bezüglich der Abgrenzung zum Konzept des Rechtspopulismus.

 

Im Hinblick auf diese Abgrenzung konkurrieren in der wissenschaftlichen Diskussion zwei verschiedene Definitionen. Die erste Definition schließt an Kohlstrucks Unterscheidung an und bezeichnet den Begriff des Rechtspopulismus als „politische Strömungen, die sich von überkommenen Formen des Rechtsextremismus abgrenzen, die scheinbar klassen- und schichtübergreifend mobilisieren und die häufig eine Art politisch-ideologisches ‚Scharnier’ zwischen Konservatismus und organisiertem Rechtsextremismus darstellen“ (Dörre/Kraemer/Speidel 2004: 79). Rechtspopulistische Parteien seien demnach in der Regel nicht als antidemokratisch bzw. systemfeindlich einzustufen – zumindest nicht unter normativen Gesichtspunkten (Rensmann 2005: 10). In dieser Variante steht Rechtspopulismus im Gegensatz zum Rechtsextremismus für eine moderatere Position.

 

Andererseits wird auch vertreten, dass sich die Begriffe des Rechtspopulismus und des Rechtsextremismus auf unterschiedliche Dimensionen beziehen. Rechtspopulismus erfasst hier den Politikstil, während Rechtsradikalismus/Rechtsextre-

mismus die Ideologie qualifiziert. In dieser Konzeption überschneiden sich beide Dimensionen, es kann sowohl populistische Parteien geben, die nicht rechtsradikal sind, oder auch rechtsradikale Parteien, die nicht populistisch sind (Spier 2010: 27).

 

Die in dieser Arbeit angewendete Definition Muddes entspricht dabei am ehesten der zuletzt genannten zweidimensionalen Begriffserklärung, da die neben dem Populismus genannten Eigenschaften Autoritarismus und Nativismus ebenfalls zu den Eigenschaften einer rechtsextremen Ideologie gezählt werden können. Auch Spier arbeitet mit dieser zweiten Definition und spricht dann von Rechtspopulismus, „wenn populistischer Politikstil und rechtsradikale Ideologie zusammentreffen“. (Spier 2010: 27). Um eine Partei im Rahmen dieser Arbeit als rechtspopulistisch zu identifizieren, müssen demnach sowohl die populistischen Stilelemente im Sinne der fünf Definitionsmerkmale, als auch die beiden Ideologeme Nativismus und Autoritarismus vorliegen.

 

2.2 Modernisierungsverlierer-Theorie

 

2.2.1 Modernisierungsverlierer-Theorie im Kontext der Globalisierung

 

Häufig werden die Erfolge rechtspopulistischer Parteien mit Modernisierungsprozessen in Verbindung gebracht die unter dem Schlagwort „Globalisierung“ zusammengefasst werden. In diesem Kontext spricht Wilhelm Heytmeyer gar von den „Schattenseiten der Globalisierung“ (Heitmeyer/Loch 2001). Heytmeyer zufolge wurde die Globalisierung vom Aufstieg des Neoliberalismus als herrschendes Paradigma der Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie begleitet, dessen Maßnahmenkatalog von weitgehender Deregulierung der Güter-, Finanz und Arbeitsmärkte, Senkung der direkten Steuern, Abbau von Handelsschranken, Privatisierung von Staatsunternehmen und restriktiver antiinflationärer Geldpolitik bis hin zum zumindest teilweisen Abbau der öffentlichen Sozialleistungen und Subventionen, reichte (Heitmeyer/Loch 2001: 167). Das Ziel lautete, so Heitmeyer, die Aufgabenbereiche und Kompetenzen des Staates drastisch zu reduzieren, um damit dem schleichenden Legitimationsverlust des Staates zu begegnen. Mit diesen Maßnahmen hätte die vom Neoliberalismus geprägte Globalisierung zu jenen Individualisierungs-, Desintegrations- und Fragmentierungsprozessen beigetragen, die immer mehr die Entwicklungstendenzen „der durchkapitalisierten westlichen Gesellschaft“ bestimmt hätten. Dieser Prozess löste eine Gegenbewegung aus, die sich im Ruf nach einer gesellschaftlichen Rückbesinnung auf traditionelle Werte zuerst in den USA und kurze Zeit später auch in Westeuropa niederschlug. Heytmeyer kommt letztendlich zu dem Ergebnis, dass der Aufstieg der rechtspopulistischen Formationen seit den Achtzigern als Folge dieses Spannungsfeldes zwischen neoliberalistischer Offensive und antiliberaler Gegenbewegung entstanden sei (Heytmeyer/Loch 2001: 170). Ein Zusammenhang zwischen Globalisierung und rechtspopulistischen Parteien zeigt eine erst kürzlich durchgeführte Studie von Catherine de Vries und Isabell Hoffmann, die verdeutlicht, dass Globalisierungsängste bei Personen, die sich mit rechtsgerichteten Parteien in Europa identifizieren, signifikant häufiger vertreten sind, als bei Personen, die sich mit anderen Parteien identifizieren (De Vries/Hoffmann 2016: 4). Bis heute gibt es keine akzeptierte Theorie, die in der Lage wäre, die Erfolge der rechtspopulistischen Parteien zu erklären, obwohl Parallelen und Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Ansätzen zu erkennen sind. Forscher, die sich mit den Wählern rechtsradikaler Parteien beschäftigen, haben aus der allgemeineren politikwissenschaftlichen Extremismusforschung, der politischen Psychologie, der Soziologie und sogar aus der Pädagogik eine ganze Reihe von heterogenen Konstrukten, Begriffen und Erklärungsmechanismen übernommen (Arzheimer 2008: 79). Der erste Ansatz der unter der verkürzten Form der sogenannten „Modernisierungsverliererhypothese“ bekannt wurde und auf Grundlage der beschriebenen Globalisierungsprozesse entwickelt wurde, stammt von Erwin K. Scheuch und Hans Dieter Klingenmann, die mit ihrer „Theorie des Rechtsradikalismus in westlichen Industriegesellschaften“ erste Überlegungen einer Integration einzelner Aspekte und damit das Grundgerüst einer umfassenden Erklärung skizzierten (Arzheimer 2006: 117).

 

Tim Spier entwickelt auf Grundlage dieser und weiterer Arbeiten eine integrative Theorie, mit deren Hilfe er das Wahlverhalten zugunsten rechtspopulistischer Parteien erklären möchte.

 

2.2.2 Modernisierungsverlierertheorie nach Spier

 

Die Modernisierungsverlierertheorie nach Spier setzt sich aus insgesamt drei unterschiedlichen Erklärungsansätzen der Wahlforschung zusammen, aus denen sie drei verschiedene Ebenen ableitet: die der sozialen Lage, die der psychologischen Disposition und die des sozialen Wandels (Spier 2010: 49).

 

Die Ebene der sozialen Lage und der damit verbundene Grundgedanke, dass diese die Wahlentscheidung einer Person maßgeblich beeinflusst, wurde der mikrosoziologischen Lazarsfeld Wahlforschung entnommen, während die Ebene der psychologischen Disposition auf dem sozialpsychologischen Ansatz der Wahlforschung beruht, welcher auf Angus Campbell, Gerald Gurin und Warren E. Miller zurückzuführen ist. Diesen zufolge sind die individuellen Einstellungen und Motivationen wahlentscheidend, ohne dass eine Wirkung der sozialen Lage bestritten würde, die sich nach diesem Ansatz aber indirekt über die Einstellungen in manifestes Wahlverhalten umsetzen würden (Arzheimer 2003: 2). Mit der dritten Ebene des sozialen Wandels wurde die makrosozilogische Tradition der Wahlforschung in Form der Cleavage-Theorie (Lipset/Rokkan 1967) aufgegriffen. Im Sinne des Popperschen Scheinwerfermodells sollen die unterschiedlichen Ansätze stets ausgewählte Aspekte beleuchten, die dem Forscher im Bezug auf den Erkenntnisgegenstand eine Richtung geben (Spier 2010: 46). Nach Spier ist die getroffene Unterscheidung von drei Ebenen, aus denen heraus ein Einfluss auf das Wahlverhalten ausgehen kann – auch angesichts der Tatsache, dass sich zu diesen drei allgemeinen Schulen der Wahlforschung keine unmittelbaren Entsprechungen im Feld der Erklärungsansätze für rechtspopulistisches Wahlverhalten finden ließen – dafür geeignet, die Vielzahl von theoretischen Ansätzen, die sich mit den Erfolgen historischer wie aktueller rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen beschäftigen, sinnvoll zu strukturieren (Spier 2010: 257). Im Folgenden sollen zunächst die einzelnen Ebenen der Theorie Spiers und ihr Zusammenspiel durchleuchtet werden. Um dabei nicht den Rahmen dieser Arbeit zu sprengen, soll nicht auf die Entstehungsgeschichte, sondern lediglich auf die Funktion, die Spier in den einzelnen Ebenen sieht, eingegangen werden.

 

Der erste Ansatz sucht die Erklärung für die Wahl rechtspopulistischer Parteien auf Ebene der sozialen Lage. Auf dieser Ebene wird aufgrund der Schicht- oder Klassenlage der Versuch einer Verortung der rechtspopulistischen Wählerschaft unternommen. Da davon ausgegangen werden könne, dass die soziale Lage allein nicht ausreiche, um einen Rückschluss auf das jeweilige Wahlverhalten schließen zu können, müssen nach Spier zusätzliche Faktoren vorliegen, die einen Teil ihrer Mitglieder zur Unterstützung der jeweiligen Bewegung der Partei prädisponieren können (Spier 2010: 49). Die meisten Gründe, die in verschiedenen Ansätzen von einem Einfluss der sozialen Lage auf die Wahl rechtspopulistischer Parteien ausgingen, seien auf Zustände des allgemeinen Mangels an bzw. des tatsächlichen oder zumindest wahrgenommenen Entzugs von etwas Erwünschtem zurückzuführen. Diese Mechanismen würden unter dem Konzept der Deprivation erfasst werden, dass in diesem Sinne verschiedene Ebenen, Inhalte und Modi der Wirkungsweise von Mangelzuständen wiederspiegele. In der Literatur ließen sich viele verschiedene Formen der Deprivation identifizieren, die ein Wahlverhalten rechtsradikaler Parteien befördern sollen. So könne sie sich auf materielle und immaterielle Inhalte beziehen, objektiv vorliegen oder lediglich subjektiv wahrgenommen werden und ihr Vorliegen an absoluten Maßstäben festgemacht werden oder relativ im Vergleich zu anderen Personen oder Personengruppen. Aus dieser sozialen Lage und dem damit verbundenen Konzept der Deprivation leitet Spier insgesamt neun Modernisierungsverliererindikatoren ab, die jeweils unterschiedliche Inhalte, Formen und Aspekte der Deprivation abdecken sollen (Spier 2008: 70).

 

Im Kontext der zweiten Ebene der psychischen Disposition geht Spier von einem Einfluss der Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale einer Person auf das Wahlverhalten aus. Spier beschreibt die Unterschiede zwischen Einflüssen der Ebene der sozialen Lage und der der psychischen Disposition mit den Begriffen externe bzw. interne Faktoren der Wahlentscheidung. Während die von außen auf das Individuum einwirkenden Einflüsse der sozialen Lage als externe Faktoren bezeichnet werden könnten, seien die internen Faktoren diejenigen, die auf Ebene der psychischen Disposition wirkten und die „inneren Anschauungen und Haltungen“ einer Person darstellten (Spier 2010: 51). Allerdings handele es sich hier um eine rein analytische Trennung, da von einer Beeinflussung der psychischen Disposition durch die soziale Lage auszugehen sei. Die Ebene der psychologischen Disposition spiegelt, so Spier, die rechtsaffinen Einstellungen wieder, die dabei von Einstellungsmustern allgemeiner politischer Unzufriedenheit über Autoritarismus und Xenophobie bis hin zu einer allgemeinen Menschenfeindlichkeit reichen (Spier 2010:52).

 

Auch auf der Ebene des sozialen Wandels erkennt Spier Ursachen für die Erfolge rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen. Zu diesen Ursachen zählt er zum einen kurz- und mittelfristige ökonomische, soziale und politische Krisenerscheinungen und zum anderen den Prozess des fortlaufenden sozialen Wandels, der zumeist mit dem Begriff Modernisierung verbunden werde. So würden die verschiedenen Rechtsradikalismen teilweise als Gegenbewegung zur Moderne und ihren Anforderungen und Zumutungen aufgefasst werden, die der Moderne durch eine Flucht in Irrationalität und überkommene Traditionalität begegnen wollen (Spier 2008: 258).

 

Die These Tim Spiers lautet, „dass der Topos des ‚Modernisierungsverlierers’ sich auf das Zusammenspiel verschiedener Faktoren auf den drei skizzierten Ebenen der Erklärung des Wahlverhaltens zugunsten rechtsradikaler Parteien bezieht und insofern geeignet ist, als Leitbegriff für einen Ansatz zu dienen, der diese drei Ebenen miteinander verbindet“. Ein Überblick auf das Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen wird durch Abbildung 1 ermöglicht:

 

Abbildung 1: Schematische Darstellung der Modernisierungsverlierer-Theorie

 

 

Quelle: Spier 2010

 

Demnach sind es Spier zufolge gesellschaftliche Modernisierungsprozesse auf der Ebene des sozialen Wandels, die auf der Ebene der sozialen Lage Gewinner und Verlierer hervorbringen. Die Deprivationserfahrungen in der Verlierergruppe setzten sich, so Spier, in bestimmte rechtsaffine Einstellungen auf der Ebene der psychischen Disposition um, was wiederum eine erhöhte Wahrscheinlichkeit mit sich bringe, rechtsradikale Parteien und Bewegungen zu unterstützen (Spier 2010: 257). Die Modernisierungsverlierer-Theorie sei damit keine einfache Hypothese, da sie Aussagen nicht über eine Ursachen- Wirkungsbeziehung mache, sondern mehrere Konstrukte und ihr Verhältnis zueinander beschreibe. Sie sei zudem ein Versuch, die verschiedenen Ansätze zur Erklärung des Wahlverhaltens zugunsten rechtspopulistischer Parteien zu integrieren und in eine umfassende Theorie zu überführen (Spier 2010: 259). Dass die Modernisierungsverlierer- Theorie geeignet sei, das Wahlverhalten rechtspopulistischer Parteien zu erklären, könne laut Spier schon deshalb vermutet werden, weil Modernisierungsverlierer in besonderer Weise von den verschiedenen Charakteristika dieser Parteien angesprochen werden würden. Neben dem populistischen Politikstil, dessen Affinität zu den Modernisierungsverlierern im vorherigen Kapitel schon erläutert wurde, sieht Spier gerade auch in den beiden Eigenschaften des Nativismus und des Autoritarismus Faktoren, die Modernisierungsverlierer ansprechen. Während Nativismus, Inklusion durch Identität und Exklusion durch Abgrenzung gegenüber den Nicht-Zugehörigen stifte, korrespondiere der Autoritarismus mit der latenten Wut und Aggression frustrierter und ohnmächtiger Menschen (Spier 2010: 260).

 

Untersuchungsmodell der Modernisierungsverlierer-Theorie

 

Um die Theorie in ein empirisches Untersuchungsmodell zu übertragen müssen Spier zufolge zunächst die theoretischen Konstrukte „Modernisierung“, „Modernisierungsverlierer“, „rechtsaffine Einstellungen und „Wahl einer rechtspopulistischen Partei“, die aus den verschiedenen Ebenen der Modernisierungsverlierertheorie und des Erklärungsobjekts des Rechtspopulismus hervorgehen, auf messbare Indikatoren heruntergebrochen werden (vgl. Spier 2010: 64). Mit Verweis auf das Mikro-Makro-Problem der Sozialwissenschaften, welches die Schwierigkeit der Verbindung beider Ebenen thematisiere, verzichtet Spier auf die Messung des Konstrukts der „Modernisierung“ und konzentriert sich allein auf die Analyse der auf der Mikroebene vermuteten Zusammenhänge. Damit wird die Brückenhypothese, dass Modernisierung Modernisierungsverlierer ohne empirische Überprüfung angenommen. Stattdessen berücksichtigt Spier seine Überlegungen zu diesem Konstrukt direkt bei der Erstellung der einzelnen Indikatoren, denn so müsse nach Spier „die Auswirkungen der Globalisierung als die aktuelle Form gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse (...) in den einzelnen Elementen des Untersuchungsmodells zu berücksichtigen sein“ (Spier 2010: 65).

 

Abbildung 2: Darstellung des Untersuchungsmodells

 

 

Quelle: Spier 20

 

Im Folgenden soll zunächst das Untersuchungsmodell Spiers anhand der abgebildeten Darstellung (Abb. 2) erklärt und in einem zweiten Schritt die einzelnen Variablen vor dem Hintergrund der Theorie vorgestellt werden.

 

Um die Modernisierungsverlierer-Eigenschaften eines Individuums zu messen, greift Spier auf insgesamt neun Indikatoren zurück, welche die Deprivationserfahrungen auf der Ebene der sozialen Lage erfassen sollen. Diese Modernisierungsverlierer-Indikatoren bilden die unabhängigen Variablen und decken verschiedene Inhalte, Formen sowie Aspekte der Deprivation ab. Als relativ grobes, kategoriales Konzept zur Erfassung der Deprivation wurde die Klassenlage, welche die Unterscheidungen zwischen typischen Berufsgruppen ermöglichen soll, als Indikator genutzt. Spier zufolge ergibt die Nutzung dieses Indikators Sinn, da die meisten auf der Makroebene angesiedelten Theorien des sozialen Wandels Gruppen von Gewinnern und Verlierern aktueller Modernisierungsprozesse identifizieren würden. Diese Verlierergruppen ließen sich über das Konzept der Klassenlage in Individualdatensätzen nachweisen und auf die zugeschriebenen Einstellungen und Verhaltensweisen empirisch überprüfen (Spier 2010: 72). Als zweiter Indikator, der im Modell zur Erfassung der Modernisierungsverlierer-Eigenschaft herangezogen wird, dient der sozioökonomische Status einer Person. Dieser indiziert Ungleichheiten über Ressourcen, Ausbildung, Beruf und Einkommen (Spier 2010: 80). Beide bisher genannten Indikatoren erfassen die absolute Deprivation, unabhängig von einem erwünschten Zustand, und objektiv, das heißt unabhängig von der subjektiven Wahrnehmung der betroffenen Person. Die relative Deprivation kommt hingegen durch den Indikator der sozioökonomischen Statuskonsistenz zum Tragen, in welcher der wünschenswerte Zustand einer Person zum Maßstab der tatsächlichen sozialen Lage wird. Dabei wurde der Erwartungshorizont bei der Umsetzung durch den Status definiert, den man üblicherweise mit bestimmten Bildungszertifikaten erreichen kann. Die positiven oder negativen Abweichungen des tatsächlichen Status von diesem Erwartungshorizont machen damit die Statuskonsistenz aus (Spier 2010: 261). Während Objektive Einkommensarmut, die sich auf die konkreten Vermögensangaben stützt und Subjektive Einkommensarmut, welche sich auf das Auskommen mit dem zur Verfügung stehenden Haushaltseinkommen bezieht, wie auch die Klassenlage absolute Modernisierungsverlierer-Indikatoren darstellen, steht der Indikator des Sozialprestiges für einen nicht materiellen Aspekt der Deprivation und greift dabei auf das über den Beruf vermittelte Ansehen zurück. Die Arbeitslosigkeit einer Person wurde von Spier ebenfalls als Indikator herangezogen, da mit dieser „nicht nur materielle, sondern auch vielfältige immaterielle soziale und psychologische Folgen“ verbunden seien, die Sinne der Deprivationsthese gedeutet werden könnten. Ähnliches gelte für neue mit dem Beruf verbundene Unsicherheiten, die häufig unter dem Begriff der prekären Beschäftigung diskutiert werden würden (Spier 2010: 66). Als letzten Modernisierungsverlierer-Indikator greift Spier auf das Konzept der sozialen Exklusion zurück, welches im Kontext seiner Arbeit als Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und sozialer Isolation verstanden werden könne. In diesem Konzept sieht Spier eine immaterielle und nicht unbedingt ökonomisch verursachte Form der Deprivation.

 

Wie bereits erläutert, geht Spier nicht nur von einer Beeinflussung auf die Wahl einer rechtspopulistischen Partei durch die auf der Ebenen der sozialen Lage entstehenden Deprivationserfahrungen aus. Aus diesem Grund führt er wie in Abb. 1 zu sehen, vier Indikatoren ein, die die Rechtsaffinen Einstellungsmuster auf Ebene der psychischen Disposition abbilden sollen, die laut Spier dazu geeignet sind, zu erklären, warum Modernisierungsverlierer im Sinne der verwendeten Indikatoren dazu neigen, rechtspopulistische Parteien überdurchschnittlich oft zu wählen. Im Rahmen des Untersuchungsmodells stellen diese rechtsaffinen Einstellungsmuster die intervenierenden Variablen dar (Spier 2010: 66). Die Auswahl der Indikatoren begründet Spier damit, dass im Rahmen der Forschungsliteratur für jede Einstellungsdimension vertreten werde, dass sie zumindest auch durch Deprivation befördert werden würden. Der erste rechtsaffine Einstellungsindikator ist die politische Unzufriedenheit, die, so Spier, immer wieder als Grund dafür angeführt werde, warum sich Wähler von den etablierten Parteien abwenden und eine Formation wählen würden, die sich als Alternative zum politischen Establishment generiert (Spier 2010: 65). Ein weiterer Indikator ist die Xenophobie, die sich insbesondere auf die Ablehnung der Immigration bezieht. Diese ersten beiden Indikatoren erfassen laut Spier Einstellungen, die in besonders direkter Weise mit dem konkreten Politikangebot rechtspopulistischer Parteien korrespondieren würden (Spier 2010: 261). Mit dem dritten Indikator untersucht Spier die autoritäreren Einstellungen, die, so Spiers Vermutung, nicht nur der law-and-order Programmatik derartiger Parteien entsprechen, sondern in einer ganz generellen Weise dem rigiden Politikstil der Rechtspopulisten nahestehen dürften (Spier 2010: 66). Mit der vierten Einstellung der Misanthropie bringt Spier einen im Rahmen dieses Forschungsfelds noch wenig beachteten Indikator ins Spiel. Er begründet die Hereinnahme dieses Indikators mit der Vermutung, dass auch ein allgemein negatives Menschenbild und ein hohes Misstrauen gegenüber Anderen ein Grund dafür sein könnte, rechtspopulistische Parteien zu wählen (Spier 2010: 67). Die abhängige Variable der Untersuchung Spiers ist die Wahl einer rechtspopulistischen Partei. Als Wähler einer solchen Partei werden diejenigen Personen angesehen, die in Rückerinnerung an die letzte nationale Parlamentswahl angeben, eine der im vorherigen Abschnitt identifizierte Partei gewählt zu haben. Neben den unabhängigen und intervenierenden Variablen sieht Spier weitere Faktoren von denen zu vermuten sei, dass sie ebenfalls einen Einfluss auf die abhängige Variable des Wahlverhaltens zugunsten einer rechtspopulistischen Partei hätten, ohne dass sie durch die von ihm angewandte Modernisierungstheorie abgedeckt wären. Zu diesen Kontrollvariablen zählt Spier neben Alter, Bildung und Geschlecht auch die des Untersuchungslandes: So seien viele Faktoren, die durch das vorgestellte Untersuchungsmodell nicht erfasst werden würden – beispielsweise die institutionellen Restriktionen und Ressourcen, die politische Kultur oder der politische Wettbewerb – im nationalen Kontext des jeweiligen Untersuchungslandes verankert. Die Berücksichtigung einer Kontrollvariable erlaube es zumindest, die nicht weiter aufgeschlüsselten nationalen Einflüsse zu kontrollieren (Spier 2010: 68).

 

2.2.3 Ableitung der Hypothesen

 

Nachdem nun das Untersuchungsmodell Spiers erläutert wurde, sollen nun aufgrund der beschriebenen Indikatoren empirisch überprüfbare Hypothesen aufgestellt werden, mit deren Hilfe die Modernisierungsverlierer-Theorie geprüft werden kann.

 

Hypothesen: Modernisierungsverliererindikatoren

 

Aufgrund des nur begrenzt zur Verfügung stehenden Umfangs dieser Arbeit, wurden nicht alle Modernisierungsindikatoren operationalisiert und geprüft. Somit wird lediglich der Einfluss der Modernisierungsverliererindikatoren Klassenlage, Subjektive Einkommensarmut, Arbeitslosigkeit und soziale Exklusion gemessen. Dies ist aus zwei Gründen aber nicht weiter tragisch: Erstens beziehen sich die ersten vier Modernisierungsverliererindikatoren Klassenlage, sozioökonomischer Status, sozioökonomische Statuskonsistenz und Sozialprestige, allesamt auf die berufliche Stellung einer Person und somit auf ein und dieselbe Variable. Aus diesem Grund wäre zwischen diesen Variablen ohnehin eine Multikollinearität zu erwarten gewesen, womit die Voraussetzung einer Regression nicht erfüllt gewesen wäre.

 

Auch das Weglassen der Variablen prekäres Beschäftigungsverhältnis und Objektive Armut kann im Hinblick auf das theoretische Modell verkraftet werden, da mit den Variablen Arbeitslosigkeit und subjektive Armut nach wie vor Indikatoren vorhanden sind, die einen ähnlichen theoretischen Bereich abdecken. Zumal werden durch die vorhandenen Indikatoren nach wie sowohl die absolute als auch die relative Deprivationsdimension erfasst. Aufgrund der vier verbliebenden Modernisierungsverliererindikatoren wurden folgende Hypothesen aufgestellt.

 

Klassenlage

 

Spier sieht im Konzept der Klassenlage eine gute Möglichkeit um Modernisierungsverlierer zu identifizieren. Um eine überprüfbare Hypothese aufzustellen, ist es laut Spier in diesem Sinne notwendig, vor dem Hintergrund der Modernisierungsverlierer-Theorie Überlegungen anzustellen, von welcher der verschiedenen Berufsklassen eine besondere Unterstützung rechtspopulistischer Parteien zu erwarten ist. Dabei stelle sich die Frage, welche Gewinner- und Verlierergruppen in Bezug auf die Globalisierungsprozesse festzumachen seien.

 

Laut Spier zeichnet sich die Globalisierung in den entwickelten Industrienationen durch eine zunehmende Deindustrialisierung aus (Spier 2010:77). Die Folge des industriellen Rückgangs der industriellen Produktion lasse insbesondere Teile der industriellen Berufsklasse zu Risikogruppen werden. Im Gegensatz dazu sei beispielsweise der Dienstleistungssektor von der Globalisierung aufgrund hoher Transaktionskosten nur eingeschränkt betroffen. Aufgrund dieser Überlegungen lässt sich in Bezug auf die Klassenlage folgende Hypothese aufstellen:

 

H1: Mitglieder industrieller Berufsklassen wählen rechtspopulistische Parteien mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, als Mitglieder anderer Berufsklassen.

 

Subjektive Armut

 

In der empirischen Forschung wird der individuellen Armut auf unterschiedliche Aspekte der personenbezogenen Lebenschancen ein vielfältiger Einfluss zugesprochen (Spier 2010: 84). Das Konzept der subjektiven Armut eignet sich sehr gut um im Rahmen der Theorie die relative Deprivation einer Person auf Ebene der sozialen Lage zu erfassen, da bei subjektiven Armutskonzepten nicht die objektive Einordnung von Personen in bestimmte Einkommenskategorien, sondern subjektive Einschätzung der einzelnen Individuen im Mittelpunkt stehen (Hölscher 2003: 22). Somit kann die Antwort eine Befragten, dass das Einkommen nicht ausreicht, im Sinne der relativen Deprivation als Vorliegen der Modernisierungsverlierer-Eigenschaft interpretiert werden (Spier 2010: 88). Vor diesem Hintergrund lässt sich folgende Hypothese formulieren:

 

H2: Je weniger eine Person glaubt, mit dem Haushaltseinkommen auszukommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählt.

 

Arbeitslosigkeit

 

Da Erwerbsarbeit einen wichtigen Stellenwert im Leben eines Menschen einnehme, sei es laut Spier wenig verwunderlich, dass Arbeitslosigkeit im Sinne eines Fehlens von Erwerbsarbeit trotz des prinzipiellen Wunsches nach dieser von breiten Bevölkerungsteilen als Mangel empfunden werde und so einer deprivationstheoretischen Interpretation im Sinne der Modernisierungsverlierer-Theorie zugänglich sei.

 

In Bezug auf den Modernisierungsverlierer-Indikator der Arbeitslosigkeit wurde folgende Hypothese aufgestellt:

 

H3: Arbeitslose Personen wählen rechtspopulistische Parteien mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, als Personen die einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

 

Soziale Exklusion

 

Die soziale Exklusion wurde ebenfalls als Modernisierungsverlierer-Indikator in das Modell mit aufgenommen, da es sich im Gegensatz zu den zuvor genannten Konzepten nicht auf die materiellen, sondern auf die immateriellen Aspekte der sozialen Deprivation bezieht.

 

Laut Spier scheint es nicht abwegig, dass sozial ausgeschlossene Personen für die Politikangebote rechtspopulistischer Parteien empfänglicher seien, da die sozialpsychologische Forschung nahelege, dass die soziale Exklusion von Individuen mit einer Abnahme des prosozialen Verhaltens einhergehe. Ebenfalls werde aggressives Verhalten bis hin zu Gewalt durch soziale Exklusion befördert (Spier 2010: 97).

 

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wurde folgende Hypothese aufgestellt:

 

H4: Je höher die soziale Exklusion einer Person, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählt.

 

Rechtsaffine Einstellungsindikatoren

 

Laut Spier geht ebenfalls ein Einfluss der Ebene der psychischen Disposition auf die Wahlabsicht aus. Diese wird durch die Indikatoren der rechtsaffinen Einstellung Xenophobie, Misanthropie, Autoritarismus und politische Unzufriedenheit vertreten. Auf Grundlage der Einstellungsindikatoren wurden folgende Hypothesen entwickelt:

 

Politische Unzufriedenheit

 

Oftmals wird von einer Krise der Repräsentation als Folge der politischen Unzufriedenheit gesprochen. Diese liegt vor, „wenn eine beträchtliche Anzahl von Wahlbürgern vor allem im unteren sozialen Segment an Politik nicht mehr partizipiert, aber einen Groll gegen „die da oben“ hegt und nach Ventilen für ihre Verdrossenheit sucht“. Genau diese enttäuschten Bürger bieten für rechtspopulistische Parteien durch ihre Anti-Establishment-Rhetorik, die sich gegen die herrschenden „Machtelite“ in Wirtschaft, Politik und Kultur richtet, ein leichtes Ziel (Priester 2017: 1). Vor diesem Hintergrund scheint es für Spier angebracht, einen entsprechenden Indikator im untersuchten Modell zu berücksichtigen (Spier 2010: 99).

Für die politische Unzufriedenheit wurde folgende Hypothese aufgestellt:

 

H5: Je höher die politische Unzufriedenheit einer Person, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählt.

 

Xenophobie

 

In der politikwissenschaftlichen Literatur wird Xenophobie als eine ablehnende Haltung beschrieben, welche sich gegen Menschen richtet, die sich durch Herkunft, Nationalität, Religion oder der Hautfarbe von der eigenen Umwelt unterscheiden. Sie äußert sich in Ausgrenzung, tätlichen Angriffen systematischer Vertreibung bis hin zur Ausrottung (Thurich: 2011: 25). Mit Verweis auf verschiedene Ansätze zur Erklärung rechtsextremer Einstellungen und einem Wahlverhalten zugunsten rechter Parteien, deutet Spier darauf hin, dass Xenophobie eine dem konkreten Wahlverhalten sehr eng vorgelagerte Einstellung sei. So würden viele dieser Konzepte auf Ebene der sozialen Lage basieren, die wiederum eine Ebene der Modernisierungsverlierer-Theorie darstellt. Demnach führte die auf der Ebene der sozialen Lage aufgrund unterschiedlicher Ursachen entstehende Deprivation zur Ausbildung xenophober Einstellungen, die wiederum die Wahrscheinlichkeit erhöhen würden, rechtspopulistische Parteien zu wählen (Spier 2010: 105). Aufgrund dieser Überlegungen wurde folgende Hypothese entwickelt:

 

H6: Je höher die Xenophobie einer Person, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählt.

 

Autoritarismus

 

Der methodische Ausgangspunkt aller Studien zum Autoritarismus ist unter der Leitung von Theodor W. Adorno entstandene Studie „The Autoritarian Personality“, welche es sich im Kontext der Geschehnisse im „Dritten Reich“ und anderen Diktaturen zur Aufgabe machte, die psychologischen Prädispositionen des „potentiellen Faschisten“ aufzudecken (Spier 2010:107). Nach dieser Studie seien autoritäre Persönlichkeiten aufgrund der durch harte und lieblose Erziehung bedingten „Ich-Schwäche“ dazu prädisponiert, sich an Stärke und Macht von Autoritäten aller Art zu orientieren (Spier 2010: 108). Auch zu dieser rechtsaffinen Einstellung wurde eine Hypothese erstellt:

 

H7: Je höher der Autoritarismus einer Person, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählt.

 

Misanthropie

 

Für Spier scheint Misanthropie ebenfalls für die Erklärung geeignet, warum Modernisierungsverlierer rechtspopulistische Parteien wählen. Demnach gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass generelles Vertrauen überdurchschnittlich häufig von „gesellschaftlichen Gewinnern“ mit hoher Bildung, hohem Einkommen und hohem Status zum Ausdruck gebracht werde, während „gesellschaftliche Verlierer“ ein eher misanthropisches Menschenbild aufweisen würden (Spier 2010: 111). Für die Misanthropie wurde folgende Hypothese aufgestellt:

 

H8: Je höher die Misanthropie einer Person, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine rechtspopulistische Partei wählt.

 

Brückenhypothese

 

In Spiers Modell haben beide Ebenen der sozialen Lage und der psychischen Disposition einen Einfluss auf das Wahlverhalten. Spier geht aber ebenfalls von einer Beeinflussung der psychischen Disposition durch die soziale Lage aus. Aus diesem Grund bilden die rechtsaffinen Einstellungen sogenannte „intervenierende Variablen“. Laut Spier vermittelt sich der Zusammenhang zwischen sozialer Lage und dem konkreten Verhalten über die entsprechende Einstellung Dimension. Um diese These zu testen wurde folgende Brückenhypothese aufgestellt, die im Rahmen der Analyse ebenfalls getestet werden soll.

 

H9: Die überdurchschnittliche Wahrscheinlichkeit von Modernisierungsverlierern, rechtspopulistische Parteien zu wählen, vermittelt sich über deren rechtsaffine Einstellungen.

 

Details

Seiten
90
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668616202
ISBN (Buch)
9783960951421
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377240
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,7
Schlagworte
Rechtspopulismus Modernisierungsverlierer Globalisierungsverlierer Tim Spier Modernisierungsverlierertheorie Arbeitslosigkeit politische Unzufriedenheit Misanthropie Xenophobie

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Titel: Die Modernisierungsverlierer-Theorie und ihr Einfluss auf die Wahlentscheidung für eine rechtspopulistische Partei in Westeuropa