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Jüdisches Exil in Mexiko

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 24 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Wege zum Visum
1.1. Das mexikanische Konsulat
1.2. Mexikanische Exilpolitik

2. Deutschsprachige Juden
2.1. Menorah: Vereinigung deutschsprechender Juden
2.2 Kulturleben der Exilanten
2.3. Heinrich Heine-Club

3. Überzeugungsarbeit der KPD-Gruppe
3.1. Freie Deutsche und der Zionismus
3.2. BFD-Jugend
3.3. Demokratische Post

4. Mexiko: Lebensbedingungen, Biographien
4.1. Egon Erwin Kisch
4.2 Wolfgang Paalen

5. Heimkehr

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll versuchen einen Einblick in das Leben der jüdischen Emigranten im mexikanischen Exil zu verschaffen. Dabei gehe ich näher auf die Frage ein, inwiefern die jüdischen und vor allem die politischen Emigranten ihr Leben und Wirken in Mexiko gestalteten. In einem ersten Kapitel führe ich die Voraussetzungen einer Emigration nach Mexiko an. Somit werde ich kurz die Arbeit des mexikanischen Konsulats in Frankreich wie auch die Gegebenheiten ansprechen, die Mexiko durch seine Politik zu einem Exilland machte. Im zweiten Kapitel gehe ich direkt auf das Kulturleben der Emigranten ein, um im folgenden, dritten Kapitel zur politischen Überzeugungsarbeit der politischen und vorwiegend kommunistischen Emigranten überzugehen, wodurch deutlich werden soll, daß Mexiko als Exilland der „Linken“ eine Plattform politisch-kommunistischer Arbeit darstellte. Augenmerk soll dabei in weiteren drei Unterkapiteln auf die Arbeit der politischen Exilanten im Hinblick auf die zionistische Bewegung, die Vereinszusammenarbeit sowie die bezüglich der politischen Überzeugungsarbeit hemmenden und fördernden Faktoren gelegt werden. Im vierten und vorletzten Abschnitt hebe ich unter anderen bedeutenden Exilanten und deren Lebensbedingungen und Exilbiographien , die von Egon Erwin Erwin Kisch und Wolfgang Paalen spezieller hervor. Das fünfte Kapitel spricht die Heimkehr der politischen Exilanten an und deren der Nachkriegszeit widersprechenden politischen Ideale. In der Schlußbetrachtung wird zusammengefaßt, daß sich Mexiko-Stadt und Mexiko als Exilland als ein Zentrum der Wissenschaft und Kultur, bereichert um die Kulturarbeit der Exilanten, vor allem aber für die jüdisch-kommunistischen Exilanten, als politisches Betätigungsfeld herausstellte.

1. Wege zum Visum

Die Exilierten , die den Weg nach Mexiko schafften, waren ohne die Hilfe politischer und gewerkschaftlicher Institutionen oder humanitärer Hilfsorganisationen nicht dazu in der Lage, oder ihre Visa wäre ohne diese Unterstützung nicht zustande gekommen. Die Flucht erforderte meist illegale sowie legale Verbindungen zu diesen Organisationen, Fürsprechern oder auch einzelnen Persönlichkeiten. In Europa waren es vor allem die Zusammenarbeit mit den mexikanischen Konsulaten in Marseille und Lissabon, in denen auch deutsche Exilierte ihre Tätigkeit hatten und direkten Einfluß nehmen konnten, so wie es im Fall des SAP- Sekretärs Max Diamant der Fall war. Bis 1941 im Büro des „Emergency Rescue Commitees“ (ERC) tätig, setzte er sich für die Rettung von Schriftstellern und Politikern ein, die in die USA flüchteten, aber auch für viele Intellektuelle, die nach Mexiko emigrierten, wie im Fall von Paul Westheim.[1] Wichtig bei der Flucht aus Frankreich waren also vor allem eingehende Verbindungen, Mittler zwischen Betroffenen und den Organisationen, Konsulaten und Résistance-Kräften.

1.1 Das mexikanische Konsulat

Einen besonderen Stellenwert hatte das mexikanische Konsulat in Marseille. Dabei ist anzumerken, daß die mexikanischen Behörden vorzugsweise Kommunisten (und der deutsche Anteil war sehr hoch) in ihr Land aufzunehmen bereit gewesen sind und ihnen diese Einseitigkeit nicht gering zum Vorwurf gemacht wurde. Ebenso gab es Vorwürfe der verzögerten Flüchtlingshilfe im Falle von Flüchtlingen anderer kultureller oder politischer Orientierung. Wobei dies durchaus begründet werden kann, da die deutschen Kommunisten in Frankreich zu der am meisten von Auslieferung bedrohten Gruppe gehörte, und sie auch ebenso wenig von den USA aufgenommen wurden.[2] Präsident Cárdenas wies seine Gesandten zwei Tage nach der französischen Kapitulation an, mit der französischen Regierung Verhandlungen bezüglich der sich in Frankreich befindlichen spanischen Freiheitskämpfer und republikanischen Flüchtlinge aufzunehmen. Die Entscheidung über dieses mexikanische Gesuch, die Flucht der auf französischen Boden existierenden spanischen Flüchtlinge zu finanzieren, zu organisieren und deren Auslieferung zu verhindern, wurde Marshall Petain überlassen, dessen Kommentar „Viel Herz, aber wenig internationale Erfahrung!“ gelautet haben soll.[3] Druck herrschte von doppelter Seite, sodaß Frankreich aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen aus Nordfrankreich und Belgien an einer Reduzierung dieser interessiert war, aber viele Auslieferungen spanischer prominenter Republikaner aufgrund des Drucks auf Hitler- deutscher und Franco-spanischer Seite konnten auch nicht vermieden werden.[4] Quantitativ nützte dieses Abkommen nur ca 4000 spanischen Republikanern, da die Angelegenheit an fehlenden Schiffen für den Überseetransport scheiterte und die USA keine Schiffe zur Verfügung stellte.[5]

Der eigentliche Verdienst diese Abkommens besteht in der Verhinderung von Massenauslieferungen und im Zeitgewinn für die mexikanischen Behörden und deren Hilfs- und Solidaritätsmaßnahmen. Von Anfang an waren aber auch deutsche, italienische und andere Antifaschisten in diese Hilfsmaßnahmen miteinbezogen. Die mexikanischen Behörden waren nicht immer damit einverstanden nichtspanische Flüchtlinge aufzunehmen, wenn auch der Präsident durchaus seine Gesandtschaft in Frankreich dazu angehalten hatte. Denn ein in Europa ausgestelltes Visum war eine Hürde, die zweite stellte das mexikanische Innenministerium dar. Dennoch sind nur circa 20 % derer, die ein Visum erhalten haben auch tatsächlich nach Mexiko gekommen. Andere sind an den französischen Behörden gescheitert, bis nach Nordafrika gekommen oder nach längerer Internierung ausgeliefert worden. Geglückte Fluchten sind oft illegal vonstatten gegangen, indem man in den französischen Untergrund schlüpfte, oder wenn man auf die Hilfe von einflussreichen Persönlichkeiten oder auf überseeische Hilfe zählen konnte, wie im Fall von Gustav Regler, der ebenfalls lange vorher im Pyrenäenlager Le Vernet interniert war. Ein Name, der sich um die Rettung vieler politischer Flüchtlinge verdient gemacht hat ist der Marseiller Generalkonsul Gilbert Bosques. Er verhalf in Zusammenarbeit mit dem Marseiller Konsulat Anna Seghers, Franz Werfel, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger und Walter Mehring zur Flucht, um nur einige zu nennen.

1.2. Mexikanische Exilpolitik

Zwischen 1920 und 1930 wanderten etwa 10.000 osteuropäische Juden in Mexiko ein, womit die Anzahl jüdischer Mitbürger in den Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg auf etwa 20.000 anwuchs. Andererseits kam es zu einer massiven legalen und illegalen chinesischen Einwanderung im pazifischen Raum Mexikos. Eine restriktive Einwanderungspolitik und eine konsequente Verstaatlichungspolitik waren die politische Reaktion der revolutionären Regierung.[6] Vor diesem sozialen Hintergrund etablierten sich um 1930 erste nationalistische Organisationen. Mit dem Regierungsantritt von Präsident Cárdenas wurden diese nationalistischen Bewegungen zurückgedrängt und bekämpft; die Einwanderungsbeschränkungen für asiatische und osteuropäische Einwanderer wurden gelockert. Dennoch betrieb Mexiko weiter eine restriktive Einwanderungspolitik und kontingentierte die Wirtschaftsmigration bis 1938 auf etwa 1.000 Familien pro Jahr.

Davon war besonders die jüdische Einwanderung in Mexiko betroffen. Das Innenministerium agierte sehr restriktiv und oft im Widerspruch zu den Entscheidungen des Präsidenten, der noch im letzten Moment von Fall zu Fall persönlich entschied, ob und wer nun zusätzlich einreisen durfte. Nach der Flüchtlingskonferenz von Evian legte die mexikanische Einwanderungsbehörde 1938 eine Quote von 5.000 für Österreicher fest, während 1939 die Anzahl wieder auf 1.000 Personen gesenkt und auf "Deutsche und Österreicher" erweitert wurde. Nur für Asylanten aus Spanien gab es bis 1941 keine zahlenmäßige Beschränkung. Man spricht in diesem Zusammenhang von Schutz und Unterstützung vor allem und in erster Linie den hispanischen Menschen aus Europa und Lateinamerika und den indigenen Völkern Mexikos.[7] In dieser Krisensituation dachte Präsident Cárdenas an die Gründung einer landwirtschaftlichen Flüchtlingskolonie im tropischen Grenzgebiet zwischen Veracruz und Tabasco, wo etwa 1.500 europäische Familien aus Deutschland, Polen, Österreich und der Tschechoslowakei hätten angesiedelt werden sollen. Als der Plan der Presse bekannt wurde, formierte sich eine Front gegen diese Flüchtlingspolitik und wurde nicht realisiert.[8]

Die Fluchtroute der spanischen Republikaner und vieler Österreicher verlief über Frankreich und Marseille. Ab 1941 bestand jedoch nur mehr eine einzige Möglichkeit: Der Weg verlief über die Pyrenäen mit einem Transitvisum für Spanien und führte nach Lissabon, von wo aus die letzten Schiffe die Karibik, die USA, Mexiko und Südamerika anliefen. Die mexikanische Botschaft in Frankreich und vor allem das Konsulat in Marseille waren das Tor ins mexikanische Exil. Ab 1941 beschränkte sich die Hilfe nicht mehr nur auf die spanischen Vertriebenen und deren internationale Mitkämpfer im Spanischen Bürgerkrieg. Aus Mexiko kamen zahlreiche Namenslisten von politisch Verfolgten, für die ein Visum bereitgehalten werden sollte. Anträge für die Flucht nach Mexiko wurden von den Vertriebenen gestellt, die in den französischen Flüchtlingslagern eingesperrt waren. Das mexikanische Konsulat bewilligte ihnen Visa, die so gekennzeichneten Reisepässe wurden von der Polizei des Vichy-Regimes anerkannt und die österreichischen, deutschen und jugoslawischen Exilierten somit nicht den Nazis ausgeliefert.[9]

2. Deutschsprachige Juden

Etwa 20000 Juden osteuropäischer Herkunft lebten seit den 30er Jahren in Mexiko, unter ihnen befanden sich weniger als 100 deutschsprachige Juden, die sich Ende April an den deutschen Reichskanzler wandten, um ihm mitzuteilen, daß sie ihre Rechte als deutsche Reichsangehörige gewahrt sehen wollen und gegen den Antisemitismus kämpfen, sowie von der Reichsregierung erwarteten gegen auftretende Gewaltübergriffe vorzugehen. Ab 1936 klärte man diese Nationalgesinnten auf. Die Zahl der deutschsprachigen Juden sollte sich bis 1942 auf mehr als 1600 belaufen.

2.1. Kulturleben der Exilanten

2.1.1.Menorah: Vereinigung deutschsprechender Juden

Es bestanden zahlreiche Einrichtungen der jüdischen Minderheit, aber diese Absonderung der Menorah war Ausdruck einer innerjüdischen kulturellen Differenz: die in Deutschland und Österreich lebenden Juden standen dem vom ostjüdischen und sephardischen Traditionen bestimmten Leben der mexikanischen Juden fern. Zum anderen war sie auch Ausdruck der besonderen kulturellen Prägung dieser Flüchtlinge. (weil sie der deutschen Sprache und den jeweiligen österreichischen und deutschen Traditionen verbunden blieben) Nur eine kleine Minderheit wandte sich von allem Deutschen radikal ab, sowie nur eine Minderheit sich konsequent Palästina und der zionistischen Idee zuwandt.[10]

Die Mehrheit der deutschen Juden charakterisiert folgendes Zitat:

„Die deutschen [...] Juden verstand[en] ihr Judesein eben nicht als etwas Nationales, sie sah[en] sich nicht als Teil eines jüdischen Volkes. [...] Bekenntnis zum Judentum[...]bedeutete in der Regel nur eine Identifikation mit jüdischer Geschichte und Religion und war fast durchweg verbunden mit einer Hinneigung zu den „deutschen“ geistigen Traditionen und der „deutschen“ Lebensweise, es war so sehr mit dieser Hinneigung verbunden, dass man vielfach von einer Symbiose, ja selbst von zionistischer Seite von einer „Synthese“ gesprochen hat.“[11]

Zu den erklärten Zielen der Menorah gehörte ein organisiertes kulturelles Leben.

„Wenn einerseits zu beklagen war, dass unter all den Emigranten kein einziger Rabbiner[...] war, so hatten wir andererseits das Glück, zahlreiche Intellektuelle unter uns zu haben, die in der Lage waren, Vorträge über vielfältige kulturelle Themen zu halten. Infolgedessen übte unsere Vereinigung bis Mitte der 50er Jahre eine rege kulturelle Tätigkeit aus, die das jüdische Leben und allgemeine Themen gleichermaßen umfasste.“[12]

Zu den Aktivitäten der Menorah gehörten natur- und geisteswissenschaftliche Vorträge, Lesungen, Konzerte und Theaterabende, darunter auch eine Aufführung von Goethes „Scherz, List und Rache“ im Mai 1942. Der Menorah gehörte eine große Anzahl von Akademikern, österreichischen Musikern und Schauspielern an. Prominenter Vortragsredner unter ihnen war der Kunstkritiker Paul Westheim, der einst Kritiker des Expressionismus nun die Ästhetik der altmexikanischen Kunst entwickelte. Unter anderem waren auch politische Exilanten unter den Mitgliedern, aber jeder Versuch die Vereinigung politisch zu instrumentalisieren wurde unterbunden. Die Menorah sollte eine überparteiliche, allgemeine Interessenvertretung und Kulturvereinigung der deutschsprachigen Juden bleiben. Zionistische Avancen führten zu einer zweiten Gruppierung, der Hatikwah, im Jahre 1943. Allerdings folgten sie aber einem Beschluß ihrer Parteigruppe, welche die Zusammenarbeit der jüdischen Vereinigung mit der Bewegung Freies Deutschland erreichen wollte.[13] Eine allgemeine Formulierung der Daseinsbestimmung dieser Vereinigung musste einerseits die sowohl politischen als auch zionistischen Einflüsse erlauben, während sie wesentlich, und so sagt es folgender Auszug von 1942,: „ die Pflege der jüdischen und allgemeinen Kultur“- gegebenenfalls also auch der deutschen, ferner das „Eintreten für die politischen Interessen des Judentums [pflege]“- eine Formulierung, die sowohl zionistische als auch andere Interpretationen zuließ. Die Abwehr des Antisemitismus, dieBekämpfung aller nazifaschistischen Ideen und Elemente sowie totalitärer Bestrebungen und bedingungslose Unterstützung der mexikanischen Regierung [...] im Kampf gegen den Nazifaschismus. Waren Voraussetzungen, um Mitgleid zu werden.[14] Kriterien für den Beitritt in diese Vereinigung erlaubten zweifelsohne auch politischen , wie zionistischen Anhängern des Judentums den Beitritt, wenn sie jüdischer Abstammung und aus den deutschen Gebieten Europas stammend, sich zum Antifaschismus und dem Judentum bekannten. Vorwiegend ging es aber um das am Vereins- und Kulturleben bestehende Interesse der unpolitischen Emigranten.

[...]


[1] Pohle, Fritz: Das mexikanische Exil. Ein Beitrag zur Geschichte d. polit.-kulturellen Emigration aus Deutschland (1937-1946). Metzler, Stuttgart 1986, S.17.

[2] ebd.,S.18ff.

[3] ebd., S.13.

[4] ebd.

[5] ebd.

[6] http:// www.exil-club.de, 31. 03. 2005, S.1.

[7] ebd., S2ff.

[8] ebd.

[9] http://www.exil-club.de, S.3.

[10] Pohle, Fritz: Zwischen Hakenkreuz und Davidstern. Deutschsprachige in Mexiko. In: trend online zeitung. http:// www.trend. Infopartisan.net/trd0301/t080301.html, 07.03.2005.

[11] Pohle, Fritz(1986), S.77.

[12] http://www.trend.infopartisan.net/trd0301/t080301.html.

[13] Pohle, Fritz(1986), S.78.

[14] ebd.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638369893
Dateigröße
740 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37723
Institution / Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III – Institut d'allemand d'Asnières
Note
15=sehr gute 2
Schlagworte
Jüdisches Exil Mexiko Double France

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