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Das Scheitern der Grünen Gentechnik in Deutschland und das Prinzip der Koexistenz

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grüne Gentechnik
2.1. Nutzen
2.2. Risiken

3. Warum die grüne Gentechnik am Prinzip der Koexistenz scheiterte

4. Ablehnung der grünen Gentechnik - ein demokratischer Prozess?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Gesetz zur Regelung der Gentechnik vom 16. Dezember 1993, das zuletzt im April 2008 geändert wurde, heißt es:

„Zweck dieses Gesetzes ist,

1. unter Berücksichtigung ethischer Werte, Leben und Gesundheit von Menschen, die Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge, Tiere, Pflanzen und Sachgüter vor schädlichen Auswirkungen gentechnischer Verfahren und Produkte zu schützen und Vorsorge gegen das Entstehen solcher Gefahren zu treffen,
2. die Möglichkeit zu gewährleisten, dass Produkte, insbesondere Lebens- und Futtermittel, konventionell, ökologisch oder unter Einsatz gentechnisch veränderter Organismen erzeugt und in den Verkehr gebracht werden können,
3. den rechtlichen Rahmen für die Erforschung, Entwicklung, Nutzung und Förderung der wissenschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Gentechnik zu schaffen.“[1]

Unter diesen Aspekten wird versucht einen geregelten Einsatz von grüner Gentechnik (auch Agro-Gentechnik genannt) zu gewährleisten. Allein diese drei Punkte zeigen schon, dass viele verschiedene Seiten beleuchtet und Aspekte bedacht werden müssen, um die Möglichkeit in Betracht ziehen zu können, dass Gentechnik in der Landwirtschaft eingesetzt werden kann. Auf dem Gebiet der grünen Gentechnik werden Gene verschiedenster Pflanzen miteinander gekreuzt und kombiniert, um dem Endprodukt neue wünschenswerte und positive Eigenschaften aus dem zugefügten Gen zuzuführen. Im Großteil der Fälle betrifft dies die Resistenz gegen Viren und Insekten, sowie die Produktqualität und die Steigerung von wichtigen Nährwerten, zum Beispiel in Form von Vitaminen. In dieser Hausarbeit wird es darum gehen, worauf beim Einsatz von Agro-Gentechnik geachtet werden muss. Welchen potenziellen Nutzen hat der Einsatz von genetisch veränderten Organismen (GVO) für die Landwirtschaft? Welche Risiken gehen damit einher? Diese Fragen sollen in den ersten Kapiteln dieser Arbeit geklärt werden, um anschließend den Fokus darauf zu legen, warum die grüne Gentechnik bislang noch nicht den Durchbruch in Deutschland geschafft hat. In Amerika zum Beispiel ist der Einsatz von Agro-Gentechnik gang und gäbe. Warum dies in Deutschland nicht der Fall ist und welche Rolle das Prinzip der Koexistenz, also der Sicherstellung des Nebeneinanders verschiedener Systeme, in diesem Zusammenhang spielt, wird im Hauptteil dieser Arbeit geklärt. Zum Schluss folgt eine kurze Schlussfolgerung, ob dieser Prozess der weitestgehenden Ablehnung von grüner Gentechnik in Deutschland ein demokratischer war, ehe ein eigenes Fazit die Arbeit abschließt.

2. Grüne Gentechnik

Zunächst einmal soll geklärt werden, was genau unter dem Begriff der grünen Gentechnik zu verstehen ist. Durch Gentechnik wird genetisches Material isoliert und neu kombiniert und/oder anderen Organismen zugefügt. Unterschieden wird unter weißer, roter und grüner Gentechnik. Mit der weißen Gentechnik beschäftigt sich die Industrie, in der die Herstellung von neuen Chemikalien, Kunststoffen, Medikamenten, etc. vorangetrieben wird. Von der roten Gentechnik spricht man in der Medizin. Mit ihrer Hilfe entwickeln Biotechnologen neue diagnostische Verfahren, um Krankheiten und Gendefekte frühzeitig zu erkennen, vor allem Erbkrankheiten werden hiermit bekämpft. Die grüne Gentechnik dagegen wird in der Landwirtschaft betrieben. Sie ist der Bereich von den dreien, der am kritischsten beäugt wird. Laut einer gemeinsamen Studie des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) über das Naturbewusstsein in Deutschland stehen rund 76 Prozent der Deutschen dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen kritisch gegenüber. Zudem sind 79 Prozent gegen die Fütterung von Nutztieren mit gentechnisch veränderter Nahrung.[2] Doch was genau passiert im Bereich der grünen Gentechnik überhaupt? Dies wird in den nächsten Absätzen erklärt werden.

Nach dem Gesetz zur Regelung der Gentechnik §3, Absatz 3 ist ein genetisch veränderter Organismus „ein Organismus, mit Ausnahme des Menschen, dessen genetisches Material in einer Weise verändert worden ist, wie sie unter natürlichen Bedingungen durch Kreuzen oder natürliche Rekombination nicht vorkommt; ein gentechnisch veränderter Organismus ist auch ein Organismus, der durch Kreuzung oder natürliche Rekombination zwischen gentechnisch veränderten Organismen oder mit einem oder mehreren gentechnisch veränderten Organismen oder durch andere Arten der Vermehrung eines gentechnisch veränderten Organismus entstanden ist, sofern das genetische Material des Organismus Eigenschaften aufweist, die auf gentechnische Arbeiten zurückzuführen sind“[3].

Grüne Gentechnik beschäftigt sich also mit dem Kreuzen und Kombinieren von pflanzlichen oder tierischen Genen, um so gewünschte Eigenschaften durch den Transfer über die Grenzen einer Art hinweg zu erzielen. Auf diesem Gebiet der Gentechnik werden zum Beispiel neue Pflanzenarten gezüchtet, die besonders resistent gegen Pestizide oder Schädlinge sind. Zudem soll durch den Einsatz von Gentechnik die Produktqualität gesteigert oder mehr Nährwerte hinzugefügt werden. Obwohl die grüne Gentechnik also bedeutsame Vorteile für die Landwirtschaft liefert, gibt es seit Jahren eine anhaltende Diskussion um diese Technologie, die in den Umweltgutachten des SRUs (Sachverständigenrat für Umweltfragen) in den Jahren 2004 und 2008 intensiv behandelt wurde.

In den folgenden zwei Abschnitten der Arbeit wird vor allem auf der Grundlage des Umweltgutachtens des SRUs von 2004 auf den potenziellen Nutzen und die möglichen Risiken eingegangen, die mit der grünen Gentechnik einhergehen können. Das Gutachten bezieht sich auf den Einsatz in Deutschland nach den Richtlinien der EU.

2.1. Nutzen

Im Umweltgutachten des SRU von 2004 heißt es zu den potenziellen Nutzen der grünen Gentechnik: „Die Gentechnik eröffnet die Möglichkeit, gezielt Veränderungen des Erbgutes vorzunehmen, um phänotypisch erwünschte Eigenschaften von Organismen zu erschaffen.“[4] Im Bereich der grünen Gentechnik bedeutet dies, dass die Technologie dazu eingesetzt werden kann, um zum Beispiel die Produktivität von gewissen Organismen zu steigern oder Beeinträchtigungen in der Umwelt zu reduzieren. Es werden unter anderem die Herbizidresistenz, Insektenresistenz, Resistenz gegen Krankheitserreger, Schutz der Böden und des Grundwassers, Kulturpflanzen für ungünstige Standorte und die Ertragssteigerung genannt. Bei den ersten drei möglichen Nutzen, die aus der Gentechnik gezogen werden können, werden Enzyme in gentechnisch veränderten Pflanzen produziert, durch die Herbizide unwirksam werden, die giftig für Insekten sind oder die sich gegen Bakterien, Pilze und andere Pflanzenkrankheiten richten, um die Pflanzen vor einem Befall zu schützen. Der Schutz von Boden und Grundwasser dagegen soll zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass weniger chemische Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, die sowohl Boden als auch Grundwasser belasten. Kulturpflanzen für ungünstige Standorte durch Gentechnik zu entwickeln, bedeutet, dass Pflanzen, die unter anderem in Entwicklungsländern nicht ausreichend vorhanden sind, durch Gentechnik so an die Umwelt angepasst werden, dass sie dort wachsen können und der (unterernährten) Bevölkerung als Nahrungsmittel dienen. Ein weiterer genannter Vorteil ist die Ertragssteigerung, bei der eine höhere Produktion im landwirtschaftlichen Bereich auf einer geringeren Fläche durch gentechnische Veränderungen erreicht werden soll.

„Das theoretische Potenzial für die Landwirtschaft, für eine Verringerung von Umweltbelastungen und für die Gesundheit des Menschen ist beträchtlich, einzelne Einsatzvarianten werden aber unterschiedlich bewertet. Über die in der Erforschung befindlichen Anwendungen hinaus sind viele Nutzungen denkbar, die einen positiven Einfluss auf Mensch und Umwelt haben könnten. Die derzeitigen Anwendungsformen stellen nur einen geringen Ausschnitt des Spektrums möglicher Nutzungen dar.“[5]

Die bislang erwähnten potenziellen Nutzen der grünen Gentechnik sind vor allem positive Auswirkungen auf die landwirtschaftlichen Güter, die es zu schützen gilt. Positive Folgen, die sich direkt für den Konsumenten ergeben, sind relativ selten. Darunter zu verstehen sind Pflanzen der zweiten oder dritten Generation, die durch Gentechnik verändert wurden und sogenannte „output traits“[6] erhalten, die laut SRU ernährungspsychologische und geschmackliche Vorteile für den Konsumenten bieten. Auch längere Aufbewahrungszeiten sind eine mögliche positive Auswirkung dieser output traits.

Ein konkretes Beispiel dafür wäre unter anderem der Goldene Reis. Dieser gentechnisch veränderte Reis enthält mehr Beta-Carotin (Provitamin A) und sollte so vor Erkrankungen, die durch Vitamin-A-Mangel entstehen, schützen. Im Time Magazine wurde der goldene Reis im Juli 2000 mit dem Satz „This rice could save a million kids a year“[7] („Dieser Reis könnte Millionen Kinder pro Jahr das Leben retten“) vorgestellt. Es wäre auch möglich GV- Reis mit anderen Genen, die die Eisen- oder Vitamin-E-Produktion fördern, zu kombinieren, um anderen Mangelerkrankungen entgegenzuwirken. Warum dieser gentechnisch veränderte Reis noch immer noch nicht zu diesem hochgelobten Wundermittel wurde, wird im nächsten Kapitel, in dem die Risiken von grüner Gentechnik näher beschrieben werden, erklärt.

Im Umweltgutachten des SRU wird zudem auch der Nutzen der grünen Gentechnik im Zusammenhang mit der Entwicklung von Arzneimitteln näher betrachtet. Sie gibt der Forschung die Möglichkeit viele neue Medikamente durch die Kreuzung von Genen in Pflanzen herzustellen, zum Beispiel Wachstumshormone, xenogene Proteine oder Blutproteine wie Hämoglobin. Dies sind nur einige wenige Beispiele, möglich sind weitere unzählige Anwendungen der grünen Gentechnik zur Entwicklung von genetisch veränderten Pflanzen, die zur Arzneimittelproduktion genutzt werden können.

[...]


[1] Dreli, Volker/ Thies, Christian (2008): Agro-Gentechnik. Zum Für und Wider einer neuen landwirtschaftlichen Technologie. Berlin: LIT Verlag Dr. W. Hopf. S. 75.

[2] http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Naturschutz/naturbewusstseinsstudie_20 15_infopapier_bf.pdf S.4-6. (Letzter Zugriff: 28.03.2017)

[3] http ://www. gesetze-im-intemet.de/gentg/_ 3.html

[4] http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/01_Umweltgutachten/2004_Umweltgutachten_BTD.p df;jsessionid=EED53A27BA3A3BlC23DC3BlF0BlB56D9.l_cid335?_blob=publicationFile. S. 399

[5] Ebd. S. 400.

[6] Ebd.

[7] Zarzer, Brigitte (2006): Einfach GEN:ial. Die grüne Gentechnik: Chancen, Risiken und Profite. Hannover: Heise Zeitschriften Verlag GmbH & Co KG. S. 79.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668546684
ISBN (Buch)
9783668546691
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377195
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
Philosophie Ethik Umweltethik Gentechnik Grüne Gentechnik Koexistenz Praktische Philosophie

Autor

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