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Die Bedeutung des Hundes in "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"

Essay 2017 4 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Rilke und der beste Freund des Menschen ̶ die Bedeutung des Hundes im „Malte“

Arthur Schopenhauer sagte einst, dass er nicht leben wollen würde, wenn es keine Hunde gäbe. Ähnlich scheint es wohl auch Rainer Maria Rilke zu sehen. In seinem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, aber auch in anderen Werken, spielt der Hund eine große Rolle. Gleich mehrfach taucht er im Malte auf, zwar meist nebensächlich, dennoch ist es interessant, welch tragende Bedeutung diesem Motiv zukommt.

Bereits zu Beginn der Aufzeichnungen wird ein Hund erwähnt. Malte, einsam und verängstigt, beschreibt die zahlreichen Geräusche der großen Stadt, die ihn nicht schlafen lassen: „Elektrische Bahnen rasen läutend durch meine Stube. Automobile gehen über mich hin. Eine Tür fällt zu.“[1] Malte selbst ist in einer ländlichen Gegend aufgewachsen; Modernität und Menschenmassen der Großstadt bewirken bei ihm ein Gefühl der Panik und rauben ihm den Schlaf. Doch plötzlich tönt durch den Lärm etwas Vertrautes: „Ein Hund bellt. Was für eine Erleichterung: ein Hund.“[2] Für Malte bedeutet der Hund hier nicht etwa noch eine weitere Lärmquelle, sondern vielmehr ein Stück Heimat. Schon zu Beginn des Romans wird deutlich, dass Hunde auf den Protagonisten eine äußerst positive Wirkung ausüben.

Hunde spielen im Roman jedoch auch an einigen weiteren Stellen eine wichtige Rolle. Als Malte von seinen Kindheitserinnerungen berichtet, beschreibt er die letzten Wochen seines Großvaters, des alten Kammerherrn Brigge. Obwohl das Thema „Tod“ im „Malte“ viel Raum einnimmt, finden auch an dieser Stelle Hunde Erwähnung. Sie belgeiten den Großvater kurz vor seinem Tod in jedes Zimmer:

„Vor allem aber schien den Hunden der Aufenthalt in einem Raum, wo alle Dinge rochen, ungemein anregend. Die großen, schmalen russischen Windhunde liefen beschäftigt hinter den Lehnstühlen hin und her, durchquerten in langem Tanzschritt mit wiegender Bewegung das Gemacht, hoben sich wie Wappenhunde auf und schauten, die schmalen Pfoten auf das weiß-goldene Fensterbrett gestützt, mit spitzem, gespanntem Gesicht und zurückgezogener Stirn nach rechts und nach links in den Hof. Kleine, handschuhgelbe Dachshunde saßen, mit Gesichtern, als wäre alles ganz in der Ordnung, in dem breiten, seidenen Polstersessel am Fenster, und ein stichelhaariger, mürrisch aussehener Hühnerhund rieb seinen Rücken an der Kante eines goldbeinigen Tisches, auf dessen gemalter Platte die Sèvretassen zitterten.“[3]

Auffällig ist hierbei zunächst, dass es sich in dieser Aufzählung ausschließlich um Jagdhunde handelt. Also um Tiere, denen in den meisten Fällen keine Namen gegeben werden und zu denen der Besitzer keine enge Bindung aufbaut. Ähnlich verhält es sich zwischen Malte und den Hunden: Auch er nennt nur ihre Rassen, erwähnt aber keine Namen. Trotzdem beschreibt er ihr Verhalten und ihr Aussehen recht genau. Dies entspricht Rilkes Anspruch an den Dichter und somit an sich selbst, die Tiere, die literarisch verarbeitet werden, genau zu kennen. Dazu gehört die Fähigkeit einer genauen Beschreibung und das Hineinfühlen in die Tiere.

Für Malte nimmt der Hund eine tragende Rolle ein, deren Dasein jedoch auch als selbstverständlich erachtet wird. Für ihn gehören die Tiere zum Leben wie ein Dach über dem Kopf und Erbstü name="_ftnref4" title="">[4] Sie sind nicht lebensnotwendig, wie Nahrung oder Schlaf, aber scheinen trotzdem zu basalen Bedürfnissen der Menschen zu zählen. Interessant ist, dass Malte nicht näher auf die Hunde eingeht. Er rechtfertigt nicht, warum sie ebenso wichtig wie ein Haus zu sein scheinen, für ihn ist es schlichtweg selbstverständlich, Hunde zu besitzen. Der Hund scheint für Rilke von Natur aus ein Wesen zu sein, das untrennbar zum Menschen gehört. Im Laufe des Werkes entwickelt sich die Bedeutung des Hundes sogar noch weiter:

„Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draußen in den Buchenwäldern oder auf der Heide; und es gab zum Glück Hunde auf Urnekloster, die mich begleiteten; es gab da und dort ein Pächterhaus oder einen Meierhof, wo ich Milch und Brot und Früchte bekommen konnte, und ich glaube, daß ich meine Freiheit ziemlich sorglos genoß, ohne mich, wenigstens in den folgenden Wochen, von dem Gedanken an die abendlichen Zusammenkünfte ängstigen zu lassen. Ich sprach fast mit niemandem, denn es war meine Freude, einsam zu sein; nur mit den Hunden hatte ich kurze Gespräche dann und wann: mit ihnen verstand ich mich ausgezeichnet. Schweigsamkeit war übrigens eine Art Familieneigenschaft; ich kannte sie von meinem Vater her, und es wunderte mich nicht, daß während der Abendtafel fast nichts gesprochen wurde.“[5]

Hunde sind nun die einzigen Lebewesen, die Malte gerne um sich herum duldet. Er betrachtet sie nicht als Einschnitt in seine Freiheit. Die Gespräche, die er mit den Tieren führt, sorgen für eine Vermenschlichung der Hunde. Man könnte vermuten, dass Malte unter der Einsamkeit leidet, und sich in den Hunden einen Ersatz sucht, um zwischenmenschliche Beziehungen zu imitieren. Gegen diesen Ansatz spricht allerdings, dass Malte es als eine „Freude“ bezeichnet, „einsam zu sein“.

Es könnten noch zahlreiche weitere Beispiele geliefert werden, in denen der Hund im Malte eine gewichtige Rolle einnimmt. Die Bedeutung des Hundes im Roman ist jedoch größer einzuschätzen als ein beruhigendes Moment oder Selbstverständlichkeit zu sein. Auffällig ist die scheinbar innige, und doch als selbstverständlich erachtete Beziehung zwischen Mensch und Hund im Malte. Rudolf Kassner sieht im Verhältnis zwischen Mensch und Hund lediglich eine „Entfremdung“, wobei sich diese lediglich auf das äußere Erscheinen beschränkt. Somit ist es durchaus möglich, dass Malte mit den Hunden ein Gespräch führt. Mehr noch, der Hund scheint – zumindest im Malte – ähnlich der Mensch zu handeln. So wird ein Hund auf einem Wandteppich folgendermaßen beschrieben: „Rechts unten auf der Schleppe hält sich ein kleiner, seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man werde sich seiner erinnern.“[6] Auffällig ist, dass diese Worte nicht im Konjunktiv stehen. Dem Leser wird es als Tatsache präsentiert, dass der besagte Hund solche Gefühle hat. Hierbei fällt ins Auge dass Rilke eine menschliche Handlung durch den Vergleich mit Zuhilfenahme des Hundes beschreibt. Dort, wo Worte nicht mehr ausreichen, um Maltes Gefühlswelt zu erläutern, wird auf die Tiere zurückgegriffen. Scheinbar ganz zufällig werden die Hunde im Malte erwähnt, dabei sind sie der Schlüssel, um auf den Menschen näher einzugehen.

Insgesamt ist besonders die Entwicklung, die die Signifikanz des Hundes im Verlauf des Romans erfahren, bemerkenswert. Zunächst wirken die Tiere beruhigend auf Malte, für den Großvater nehmen sie die Rolle von Freunden ein, die ihn in seinen letzten Tagen loyal begleiten und schlussendlich kommt ihnen der Zweck zu, Maltes Gefühle zum Ausdruck zu bringen – an der Stelle, an dem es ihm charakterlich unmöglich erscheint, seine eigenen Empfindungen offenzulegen. Hunde sind nicht nur von marginaler Bedeutung, sie spiegeln schlussendlich das Selbstbild Maltes wieder. Um auf Schopenhauer zurückzukommen: Ob Malte nun ohne Hunde leben könnte oder nicht, sie stellen für ihn, den Einzelgänger, einen Ersatz für Freunde dar und bilden ein Sprachrohr für seine Empfindungen, die nicht auf andere Weise kommuniziert werden können.

[...]


[1] RILKE, Rainer Maria: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Stuttgart 2014, S. 7f

[2] Ebd.

[3] Ebd., S. 13.

[4] Ebd., S. 18.

[5] Ebd., S. 28.

[6] Ebd. S. 109.

Details

Seiten
4
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668547728
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v377102
Note
1,0
Schlagworte
rainer maria rilke

Autor

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