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Frankreich und das "andere "Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 32 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

I. Offizielle Beziehungen zwischen der DDR und Frankreich

Als Pyrrhus= Sieg unter schweren Verlusten, so kann man die außenpolitischen Erfolge betrachten, wenn man den Blick auf das Ende der DDR mit einbezieht und die Machterosion im Inneren im Verhältnis zu den außenpolitischen Beziehungen und dem, so Ulrich Pfeil, schwindenden Realitätsverlust der Partei- und Staatsführung betrachtet. Die internationale Anerkennung , um die die DDR kämpfte, zwang sie zu einem Drahtseilakt zwischen Abgrenzung und Öffnung, den sie immer weniger steuern konnte. Denn die ersehnte Anerkennung durch die benannten außenpolitischen Erfolge sind mit dem Blick auf das Ende der DDR nur Siege unter schweren Verlusten zu betrachten, und es würde sich die Frage danach stellen, ob nicht die Widersprüchlichkeit, so prägend für die ostdeutsche Gesellschaft und den totalitären Herrschaftsanspruch der Partei war.[1] Denn die Kontakte der politisch determinierten DDR- Gesellschaft mit den Zivilgesellschaften des Westens birgt eine Paradoxie in sich , die uns gleichzeitig die Machterosion der Partei- und Staatsführung wie aber auch die Möglichkeit der DDR- Gesellschaft sich der Partei- und Staatsführung zu entziehen zeigt und nach außen den Eindruck eines stabilen Staates erweckte. Das kam sowohl für die Parteiführung als auch für Frankreich –Kenner überraschend und deshalb spricht Detlef Pollack von dem kontraproduktiven Wirken bei dem Bemühen der Partei- und Staatsführung der DDR um internationale Anerkennung.[2] Diese Tatsache ließ manche zu der Einsicht kommen, daß die „Wende“ und damit der Zusammenbruch der DDR für viele überraschend kam und nicht vorausgesehen werden konnte. Andere, wie Étienne Francoise, fragten sich drei Jahre nach der Wiedervereinigung nach den Wahrnehmungsdefiziten bei den westlichen Beobachtern:

„Pourquoi avons- nous trôp fait confiance aux apparences, sans nous rendre compte que la coquille était vide et que la désaffection intérieur à l’égard du régime était infiniment plus avancée que nous ne le soupconnions? Pourquoi avons- nous surestimé la stabilité interne du régime, les éléments d’abbrobation qu’il pouvait rencontrer dans la population […]? Quelle a été dans cette cécité relative la part du soupcon persistant à l’égard de l’état nationale allemand (Mauriac et Andreotti n’étaient pas les seuls à se réjouir de l’existence de deux Ètats allemands)? Quelle a été la part du préjugé favorable à l’égard d’un états affirmant plus hautement que la RFA sa volonté de rupture avec le nazisme, et dont beaucoup on continué d’espérer qu’il pût représenter, une fois débarrassée de ses traits autoritaires, une alternatives socialiste et puritaine à une Allemagne occidentale trop capitaliste et opulente? Quelle a été la part d’illusion d’une pratique historienne naivement légitimiste acceptant sans recul critique suffisant les information données par le régime lui- même?[3]

II. Beziehungen FR und die DDR

Der hohe Kommissar der französischen Republik beäugte die Gründung der DDR am 7. Oktober 1949 mit Argwohn hinsichtlich des Aufbaus Westeuropas, und tatsächlich sollte die DDR bis 1973, dem Jahr ihrer Anerkennung, nur „lockere“ Beziehungen zu Frankreich hegen. 1954 wurde die DDR aber von der Sowjetunion in den Grenzen des Potsdamer Abkommens anerkannt. Dennoch war die französische Republik an dem „anderen Deutschland“ interessiert, vor allem als sich Stimmen zur Wiedervereinigung in der Bevölkerung erhoben. Poncet und seine Stellvertreter sandten ständig Berichte über ostdeutsche Politiker an das Quai d’Orsay. Im Rahmen der Diskussion um die EVG, wurde dies zum Anlaß mehrere Bündnisse zu schließen, u.a. zwischen den ancien combattant, deutschen Widerstandskämpfern und französischen Deportierten, die vor allem eine Revanche Westdeutschlands „als riesiges Waffenarsenal“ bezüglich des „Schuman-Plans“ fürchteten und in wesentlichen Ansichten darüber übereinstimmten.[4] Auch stellten sich Bündnisse auf gemeinsamer Interessenbasis unter den Lehrergewerkschaften, der FDGB und dem CGT heraus. Es fanden auch regelmäßige Reisen von französischen Kommunisten in die DDR statt, beispielsweise die von MRP- Mitglied André Denis)

Wilhelm Pieck beäugte die EVG –Vorhaben mit Bedrücken und setzte auf Frankreichs Unterstützung bei der Erhaltung des Friedens. So hoffte die DDR, als sich präsentierender Garant des Friedens mit antifaschistischer Haltung Beziehungen zu Frankreich zu knüpfen und beobachtete auch dessen Innenpolitik. Ziel war es die wirtschaftlichen Beziehungen auszubauen, tatsächlich fand seit 1950 regelmäßig ein „Stelldichein“ von französischen Unternehmern auf der Leipziger Messe statt, und bis 1955 sollten 50 Firmen auf ihr vertreten sein.[5] Es bleibt festzuhalten, daß die Kontakte bis 1958 doch eher begrenzt gehalten wurden, wenn auch folgende kleine Erfolge zu verzeichnen sind:

Wirtschaftliche Transaktionen liefen ohne Handelsabkommen ab. Seit 1951 gab es aber Bestreben der französischen Handelsabteilung Kontakt mit der DDR aufzunehmen, im Rahmen der zunehmenden Konkurrenz zu Westdeutschland. Kulturelle Kontakte ergaben sich über den französisch-evangelischen Kirchenverband, bei dem ab 1953 ostdeutsche und französische Studenten zusammentrafen. Auch Universitätsangehörige seitens Frankreich durften in die DDR, was unter einem wissenschaftlichen Konsens genehmigt wurde. 1954 ging die „Comédie Francaise“ in der DDR auf Tournee, ebenso die Solisten der Pariser Staatsoper, und im Austausch dazu wurde das Ensemble der Deutschen Staatsoper nach Paris geladen, ebenso auch die Ost-Berliner Volksbühne.[6] Über diese Kontakte hinweg kam man stolz zu der Aussage, daß die DDR nun einmal nicht zu verleugnen sei.[7]

II.1. Charles de Gaulle und die Ostpolitik

Sein Machtantritt beruhigte die ostdeutschen Politiker aufgrund seiner Stellungnahme gegen den EVG-Vertrag, seines Nationalismus und seines Unabhängigkeitsbestrebens. Seine Verhandlungen mit der Sowjetunion bezogen sich auf die Achtung der Ostgrenze und den Verbot der atomaren Rüstung Westdeutschlands, was man sehr begrüßte und für die ersten Erfolge verzeichnet sehen wollte. Allerdings erkannte er die DDR nicht an, war auch gegen ein freies Berlin, sowie gegen die Kontrolle der DDR über die Verkehrswege zwischen Westdeutschland und Berlin.[8] Die Wiedervereinigung war für ihn ein weit hinaus zu schiebendes Anliegen. Diese Beziehung sollte sich auch im Rahmen der Konkurrenz zwischen Ost –und Westdeutschland gestalten. 1964 nahm man, als Frankreich Abstand von der USA genommen hatte, Beziehungen zu Moskau auf. Eine französische Parlamentariergruppe reiste nach Ostberlin, während Bundeskanzler Erhard in Paris vorgeladen war. De Gaulle stellte sich unwissend und „Die Welt“ gab ihrer Entrüstung darüber Ausdruck. Ostdeutsche Politiker zeigten sich angetan von weiteren Zusprachen seitens französischer Parlamentarier, beispielsweise als Außenminister Couve de Murville nach Moskau reiste. Die BRD hegte auch weitere Befürchtungen dem gegenüber, da Frankreich 1966 auch gerade aus der NATO ausgetreten war.

Der Erfolg blieb aber aus, De Gaulle erkannte die DDR nicht an, was 1967 auch auf dem französischen Sender „Europe 1“ offiziell angekündigt wurde. Die Beziehungen machten sich auf dem wirtschaftlichem Sektor breit, wobei die DDR auf eine Ausweitung der politischen Beziehungen anhand der wirtschaftlichen Verknüpfungen glauben wollte. Nach dem Scheitern der Kollektivierung der Landwirtschaft und des 7-Jahresplans von Ulbricht 1958 wurde diese Ebene näher ins Auge gefaßt. 1959 war Frankreich mit 351 Exponaten auf der Leipziger Messe vertreten. Die Ostdeutschen interessierten sich vorwiegend für Ausrüstungsgüter, Werkzeugmaschinen, Elektroartikel und Agrarprodukte.[9] Im Gegenzug dazu lieferte die DDR Werkzeugmaschinen, Textilien, Feinmechanik, Büromaschinen, optische Geräte von Carl Zeiss (Jena) und chemische Industrieprodukte. Sie stellt für Frankreich den zweitgrößten Abnehmer nach der UDSSR dar. 1965 kommt es zu Vereinbarungen zwischen Vertretern der Außenhandelskammer Ostdeutschlands und den Leitern der französischen Handelsabteilung, welche in Deutschland unterschrieben werden. Die Ostdeutschen drängen auf ein längerfristiges Abkommen und die Einrichtung einer französischen Handelskammer in der DDR. Somit erhält 1968 die Vertretung der Außenhandelskammer der DDR, die seit 1955 in Frankreich eingerichtet ist, den Titel einer Vertretung des Amtes für auswärtige Beziehungen der DDR, und im Juni 1970 wird in Berlin ein Büro der französischen Industrie- und Handelskammer eröffnet- eine halboffizielle Vertretung mit einem Handelsabkommen über fünf Jahre.

Die Beziehungen Frankreich/ DDR machen aber nur 10% des Gesamthandelvolumens aus, die Befürchtung der BRD, daß die DDR in fremden „Revieren wildert“, ist unbegründet.[10] Weitere Beziehungen vollziehen sich über die EFA (Echange franco- allemand), deren Pendant in der DDR 1962 als Freundschaftsgesellschaft DDR- Frankreich ins Leben tritt. Darüber vollziehen sich, Städtepartnerschaften, Sportler- und Akademikeraustausche, sowie Ausstellungen über das DDR-Leben 1964-1974 und Brecht –Vorträge oder Vorträge über den deutschen Expressionismus an der Sorbonne.

Seit 1970 gibt es Anerkennungsbestreben seitens der EFA oder berühmter Persönlichkeiten, wie Sartre, Beauvoir oder Piccoli und französischer Parlamentarier, die sich wesentlich auf die Kultur, den Sport und die Wissenschaft beziehen.[11] 1973 wird die DDR von Großbritannien anerkannt, die Beziehungen sollten sich aber paradoxerweise abschwächen, u. a. aufgrund der Politik der friedliebenden Koexistenz Honneckers. Unter anderem war der Botschafter „bei“ der Regierung und nicht „in“ der Regierung der DDR akkreditiert, und eine ostdeutsche Staatsbürgerschaft anzuerkennen, stellte sich ebenfalls als schwieriges Unterfangen heraus. Die Versuche dazu im Jahre 1980 scheiterten an der im Grundlagenvertrag von Bonn nicht akzeptierten Definition.[12] Es finden eher bescheidene Beziehungen auf wirtschaftlicher Ebene statt; seitens der DDR gibt es immer wieder Kritik an Exporten Frankreichs, obwohl die Nachfrage seitens der DDR groß ist. Französische Verantwortliche zeigen mehr Unternehmergeist, so kommt 1979 ein Industrie- und Kooperationsabkommen zustande für den Zeitraum 1980-1985 im Umfang von 12 Milliarden Franc. Citroen soll 7 Betriebe in der DDR modernisieren und die Autoindustrie neu strukturieren. Die DDR will die Handelsbeziehungen vervielfältigen, ohne auf eine Abgrenzung von COMECON zu verzichten. Doch für den Bedarf an Mikroelektronik und Robotertechnologie ist Frankreich ein geschätzter Kunde. Kulturell gibt Honnecker das Einverständnis zur Öffnung eines französischen Kulturzentrums in Ostberlin und eines ostdeutschen Kulturzentrums in Paris; die Intensivierung des Lehrer- und Forscheraustausches ist in den 80ern zu verzeichnen. (Gymnasienaustausch Herdergymnasium Berlin und Albert Schweizer Lycee Mulhouse, sowie Lektorenaustausch Paris-Berlin, Lyon und Leipzig)

III. Imagepolitik statt offizielle Beziehungen

Felder kultureller und sozialer Kontakte

Ende der 50er Jahre ergaben sich für die DDR nach institutionellen Verankerungen der kulturellen und kulturpolitischen Beziehungen neue Einwirkungsmöglichkeiten nach Frankreich. Die DDR setzte alle Hebel in Bewegung, um auf kulturpolitischer Ebene ihre Anerkennung als Staat im internationalen Mächtekonzert zu erlangen. So plante man im Jahre 1964 anlässlich des 15. Jahrestages der DDR in Paris die Ausstellung „Malerei und Graphik der DDR“.

Begründung: „ Die [] Ausstellung gäbe die Möglichkeit, breite Kreise der französischen Intelligenz mit der Entwicklung der Kunst in der DDR vertraut zu machen und sie für die Entwicklung kultureller Beziehungen zu gewinnen [...]. Die Ausstellung wird dazu beitragen, die Anerkennung der Existenz Der DDR bei breiten Kreisen der französischen Bevölkerung voranzutreiben, und die Erkenntnis mit der DDR normale Beziehungen herzustellen, weiter voran bringen. Aus diesen Gründen empfehlen wir die Durchführung der Ausstellung auch unter erhöhtem finanziellen Aufwand.“[13]

Dieses Vorhaben sollte sich aber als schwierig herausstellen. Die Ausstellung, von der hier die Rede ist, scheiterte, trotz des Einsatzes des sozialistischen Politikers Georges Dardel, da die Haltung der französischen Ministerien gegenüber den Plänen der DDR, die Beziehung auf kulturpolitischer Ebene aufzunehmen, eher negativ war. Die offiziellen französischen Stellen verweigerten sich ostdeutschen Ambitionen, versagten u. a. Auftritte von Theater-Ensemblen, Chören und Orchestern, sowie Gastauftritte von französischen Künstlern, indem die finanziellen Mittel verweigert wurden oder man den Kontakt unter den Künstlern, Wissenschaftlern, Pädagogen, Sportlern und Schriftstellern beider Länder unterband.

Am 14. April 1967 reagierte der Generaldirektor für kulturelle Verbindungen im Außenministerium in entsprechender Weise auf einen von der EFA (Echange franco-allemand) veranstalteten Vortrag an der „Sorbonne“ von Benno Besson über „La mise en scène après Brecht“.

Er bat den Rektor ihn zu informieren, falls Vertreter der DDR für Veranstaltungen eingeplant seien, und er fügte hinzu:

„Peut- être serez vous d’accord avec moi pour estimer que les demandes d’association non agréées par les pouvoir publics n’on pas de caractère de nécessité et qu’il est préférable de les ignorer lorsqu’une acceptation risque d’être désagréable aux autorités d’un pays avec lequel nous entretenons des relations amicales.»

Ostdeutschen Künstlern wurde die Einreise verweigert, darunter beispielsweise die von Johannes R. Becher. Die Kontaktaufnahme des Louvre mit DDR- Museen ließ sich ebenfalls nur unter Abstimmung mit dem Generaldirektor für kulturelle Verbindungen im Außenministerium abstimmen. Noch verweigerten sie sich. Erst Ende der 60er Jahre mit den Verbesserungen der deutsch- deutschen Beziehungen selbst wurde eine Ausstellung des Kunstschmieds Fritz Kühn im Musée des Arts décoratifs gezeigt. Die DDR bediente sich aber kommerzieller Agenturen, um die staatlichen Einrichtungen zu umgehen, und ihre Pläne nicht aufzugeben, wenn es auch auf französisch- staatlich- kulturellem Sektor Zusagen gab. Die kulturellen Beziehungen sind aber, wie bereits eingangs erwähnt, nur im Dreiecksverhältnis Bonn, Berlin-Ost und Paris zu betrachten, von Konkurrenzverhalten gegenseitig angekurbelt. Eine Anekdote wird bei Ulrich Pfeil zu Besten gegeben, die besagt, daß der Vater eines bundesdeutschen Politikwissenschaftsstudenten sich an das auswärtige Amt wandte , um zu bemängeln, daß im Institut nur „Das Neue Deutschland“ und „Der Morgen“ auslägen. Sofort reagierte Bonn und ließ diesem Institut westdeutsche Tageszeitungen aus der Bundesrepublik zukommen.

III.1. Theater und Oper

Erste kulturelle Kontakte vollzogen sich über das „Théâtre des Nation“. Unter anderem wurden Stücke von Brecht vom „Berliner Ensemble“ beim ersten internationalen Theaterfestival 1954 aufgeführt. Wichtiger Nebeneffekt sollte dabei sein, den SED- Staat mithilfe der Darstellung seiner reichhaltigen Kultur in Eigenständigkeit und Abgrenzung gegenüber des „ersten deutschen Staates“ zu zeigen. Es bürgerte sich dabei die „Marotte“ ein, die Staatshymnen beider Länder von den Künstlern vor Vorstellungsbeginn spielen zu lassen. Unter anderem reiste im März 1955 das Théâtre National Populaire unter der Leitung von Jean Vilar zu einem Gastspiel nach Ost- Berlin. Die Pantomimegruppe von Marcel Marceau reiste ebenfalls in die DDR. Im Rahmen der Internationalen Theaterfestspiele 1957 präsentierten sich „Die komische Oper“ und „Das Deutsche Theater“. Ebenfalls waren „Die städtischen Bühnen Leipzig“ im Jahre 1958 eingeladen mit dem Stück „Die Verurteilung des Lukullus“. Die „komische Oper“ spielte 1959 „Hoffmanns Erzählungen. Noch vor dem Mauerbau spielte das bekannte „Leipziger Gewandhausorchester“ und das „Berliner Ensemble“ führte unter anderen Stücken von Brecht „Die Mutter“ von Gorki auf, für das es mit dem 1. Preis des „Théâtre des Nations“ ausgezeichnet wurde.[14] Nach dem Mauerbau flachten die Kontakte zunächst ab. Die französische Regierung unterband den Austausch und Aufenthalt von DDR- Ensembles mit dem „Théâtre des Nations“. Erst im Jahre 1966 wurde durch den neuen Theaterintendanten Jean-Louis Barrault die Situation auch mit Unterstützung des französischen Außenministeriums gelockert bis durch die Ereignisse im Jahre 1968 erneut eine Unterbrechung der Kontakte stattfand.

Mit der Abberufung Barraults fehlte der DDR nun auch noch eine wichtige Bezugsperson, sodaß sie gezwungen war andere Kontakte außerhalb des „Théâtre des Nations“ zu knüpfen. Das erzielte auch gewünschte Erfolge. 1970 Beispielsweise nahm die Ostberliner Staatsoper am Festival de Versailles teil, sowie das Bachorchester und die „Thomaner“ aus Leipzig wurden zu Aufführungen nach Frankreich eingeladen. Zum 100. Jahrestag der Pariser Kommune konnten Helene Weigel und Gisela May im Jahre 1971 nur in St. Denis, Nanterre und Aubervillier auftreten, weil sich die Theater der Haupstadt gegen eine Aufnahme entschieden. Auch im Jahre 1972 inszenierten ostdeutsche Regisseure am Theater von Aubervillier ein Stück von Brecht. Im Gegenzug dazu kam es vor, daß französische Regisseure Stagen an Ost-Berliner Bühnen absolvierten. Erst nach der diplomatischen Anerkennung konnten „Die Berliner Staatsoper“ und „Die Berliner Staatskapelle“ im Pariser „Salle Pleyel“ und im „Téâtre des Champs- Elysées“ auftreten. Die Reaktion des Publikums hing von den Kritikern ab, und die Meinungen waren geteilt. Die Begeisterung vollzog sich über die kommunistische „Linie“ hinaus.[15] Der „Figaro“ sprach von „solider Qualität“ vermißte aber den Avantgardismus.[16] Der Präsident des „Conseil Général de la Seine- Saint –Denis, sowie das PCF- Mitglied Georges Valbon gaben in Bezug auf die Tournee des „Berliner Ensembles“ ihre Begeisterung preis.[17]

Jean Vilar vom „Théâtre National Populaire” zeigte ebenfalls Begeisterung. Die FAZ beklagte aus einer selbstverständlichen Logik heraus, daß die Stücke Brecht’s aufgrund ihres ideologischen und politischen Impetus eine Gefahr für das Publikum darstellten. Er befürchtete so in der Applikation der Stücke Brecht’s, daß das Bild Frankreichs über die Bundesrepublik in ein negatives Licht gerückt werden würde. Die Angst, die der Autor des Artikels in der FAZ explizit ausspricht, ist die Angst, daß das französische Publikum von der „Strömung [genährt werde]“[18] und die ideologischen Aussagen „Gehör“ fänden. Aber die Kritik der konservativen Feuilletonschreiber in der Bundesrepublik war gleichzeitig Anlaß die Bundesrepublik in Bezug auf ihr Bemühen ihr eigenes kulturelles Bild im Ausland voranzutreiben, da die DDR wesentliche Fortschritte verzeichnete und an Einfluß zu gewinnen schien.

III.2. Film

Der Film ist ein wichtiger integrativer Bestandteil der Herrschaftsstrukturen im Kultur-und Propagandaprogramm der DDR zur Umerziehung des Volkes im Sinne des Sozialismus. Er läßt einerseits , und dies befindet sich bei den Historikern noch in Arbeit, Aufschlüsse über das Selbstverständnis der DDR und ihre politisch-ästhetische Wirkung zu, andererseits sind die Filme Indiz für den Kampf gegen den, auf die westlichen Länder bezogenen Kosmopolitismus und Formalismus und damit ebenso Indiz für ihre Beziehung und Abgrenzung zu den westlichen Ländern.[19] Mit der im Jahre 1950 gegründeten DEFA stand der SED ein in diesem Sinne entsprechendes Medium zu Verfügung. Wiederum gibt es dabei ostdeutsch–französische Beziehungen zu untersuchen. Im Jahre 1954 kam den DDR Filmemachern ,nach eintretender Unzufriedenheit über das ostdeutsche Filmangebot und nach dem Tod Stalins im Jahre 1953 auf Befehl der SED die Aufgabe zu teil, den Kontakt mit dem Westen zu suchen und ihre Erfahrungen in die eigene Produktion einzubringen. Sie sollten nicht, wie bemängelt wurde, einfach Produkte aus den westlichen Ländern kopieren, wie es mit der filmischen Antwort eines ostdeutschen Regisseurs auf das Theaterstück von Jean-Paul Sartre „Les mains sales“ im Jahre 1952 geschah. Der Sinn sollte sich jetzt danach richten dem Ausland das Bild einer friedliebenden DDR zu vermitteln.[20] Als einer der ersten französischen Produktionen in den ostdeutschen Kinos war „Rendez- vous à Paris“ (von Jack Pinoteau, mit Arlette Mery und Louis Jourdan) (Rückkehr ehemaliger Soldaten ins Zivilleben) zu sehen. Die DEFA kaufte bis Ende 1950 einige französische Filme auf, während in Frankreich nur „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfgang Staudte (1946) und die Verfilmung des „Untertan“ eine kleine Aufmerksamkeit bekamen. Mehr Aufmerksamkeit erzielte die DDR mit ihrem Vorhaben „Die Weltoffenheit [der] Filmproduktion bei der Auswahl [der] Stoffe“[21] und ihre gezeigtes Interesse für die Werke der Weltliteratur.

So kam es 1955 zu einem Vertragsabschluß zwischen der DEFA und der französischen Filmgesellschaft „Ariane“ über vier Koproduktionen:

„Tyl Ulenspiegel“ (1957) von und mit Gérard Philipe

„Die Hexen von Salem“ (1957) von Raymond Rouleau mit Yves Montand und Simone Signoret

„Die Elenden“ von Jean Paul Le Chanois mit Bourvil und Jean Gabin (1960)

„Trübe Wasser“ von Louis Daquin

Ein Film von Daquin nach einem Roman von Balzac „La Rabouilleuse“ kann als parteiliche Zusammenarbeit gelten, denn das Politbüro-Mitglied Gaston Plissionnier verfaßte einen Brief an das ZK der SED in dem er es bat, dem PCF- Mitglied Louis Daquin eine Gunst zu erweisen. Er steckte in finanziellen Schwierigkeiten und wurde von der französischen Filmgesellschaft boykottiert. So erhielt er die Zusage und für die Koproduktion 70000 Franc. Der Sektor „Haushalt, Valuta, Revision“ richtete jedoch heftige Kritik an seinen Staatsekretär des MfK, Erich Wendt, bezüglich der enormen Ausgabe. Ebenso wurde Daquin in der französischen Presse „Le Courier de la Presse“ noch im gleichen Jahr 1959 angegriffen, sich lieber ausländischen Mitteln als denen im eigenen Land zu bedienen und damit französischen Kleindarstellern, Technikern und Statisten keine Arbeit zu geben.

Das widerspricht völlig dem Ausgangspunkt der von dem Politbüro-Mitglied eingesandten Bitte an das ZK. Ebenfalls widersprüchlich , trotz der Förderung des internationalen Ansehens der DDR –Filmkunst und der DEFA durch die Koproduktionen, ist die Reaktion der Partei-und Staatsführer, die diese Filme als nicht adäquat genug für die Verbreitung der Idee des Sozialismus hielten. So unter anderem auch eine schon abgeänderte Fassung der „Elenden“, die der Parteifilmkritiker als in zu geringem Maße den Klassenkampf demonstrierend einstufte. Diese Reaktion resultiert aber aus der Absicht Daquins, sich dem internationalen Markt nicht völlig zu verschließen. Man sieht so den Argwohn gegenüber einer als zu ideologisch- aggressiv betrachteten, einseitigen Ausweitung des Kulturbegriffes bezüglich des Mediums Film, wie auch schon in der Theaterkunst kritisiert.[22] Die Nase entsprechend nach dem Wind des Auslands zu richten,war nicht im Sinne der SED-Führung, die bezweckte eine gezielte und gesteuerte Durchsetzung ihrer sozialistischen Anschauungen zu verbreiten. Ein unter dem Deckmantel der Bemängelung der schlechten Synchronisation auf französischer Seite, schwächten die Beziehungen bis Ende der 50er Jahre immer mehr ab.[23]

Nun berief sich die DDR-Filmkunst auf ihre eigenen Kräfte, man etablierte den Diskurs zum Antifaschismus und den Verantwortlichen der Spielfilmproduktion wurde in Eigenregie auferlegt, die unvollständigen und verzerrten Vorstellungen vom Kampf der Partei im Ausland und Inland richtig zu stellen, sowie die Liebe zum Vaterland zu zeigen.[24] Der Film „Stärker als die Nacht“ aus dem Jahre 1954 stellte kommunistische Arbeiter und Widerstandskämpfer dar, die sich entgegen aller Widerstände für ihre Weltanschauung einsetzten. Dieser Film sollte und hat in Frankreich Erfolg erzielt. Im März 1956 wurde er im Pariser „Salles Pleyel“ vorgeführt und wurde als Paradebeispiel des antifaschistischen Widerstands gelobt.

[...]


[1] Pfeil, Ulrich: Die „anderen“ deutsch-französischen Beziehungen. Die DDR und Frankreich 1949-1990.Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2004, S.40.

[2] ebd., S.41.

[3] ebd., zit. n.: Etienne Francois: La question allemande, hier et aujourd’hui, in: Écrire l’histoire du temps présent, hrsg. Vom IHTP en hommage à Francois Bédarida, Paris 1993, S.211-218, hier: S.213f.

[4] Metzger,Chantal.Vierzig Jahre Beziehung zwischen Frankreich und der DDR. In: Röseberg, Dorothee (Hrsg.): Frankreich und das „andere Deutschland“. Analysen und Zeitzeugnisse, Tübingen Stauffenberg Verlag 1999, S.23.

[5] ebd.

[6] Röseberg, Dorothee(Hrsg.), S.24.

[7] ebd.,S.25.

[8] ebd.,S.24.

[9] Röseberg, Dorothee(Hrsg.), S.25.

[10] ebd.,S.26.

[11] ebd.,S.28.

[12] Röseberg, Dorothee(Hrsg.), S.29.

[13] Pfeil, Ulrich, S.311.

[14] Pfei, U., S.314.

[15] Pfeil, U., S.315, zit. n.: Steinkühler, Manfred: Brecht in Frankreich und Italien, in: DA 4 (1971) 9, S.977

[16] Pfeil, U., zit n.: , S.315„Le Figaro“ 23. 3. 1973, S.315.

[17] Ebd, zit.n.:«L’Humanité» 17.3.1971.

[18] Pfeil, U.,S.316,zit.n.:Bökenkamp, Werner: Die Zone wirbt in Frankreich. Kulturpolitik als Eingangstür, in: FAZ, 25. 2. 1961.

[19] Pfeil,U., S.317.

[20] Pfeil,U., S.318, zit.n.: Heimann, Thomas: Von Stahl und Menschen 1953 bis 1960, in: Jordan,Günter/Schenk,Ralf (Hrsg.): Schwarzweiß und Farbe. DEFA- Dokumentarfilme 1946-1992, Berlin ²2000, S.49-91.

[21] Pfeil,U.,ebd., zit.n.: Knietzsch,Horst: „Trübe Wasser“. Ein DEFA-Film von Louis Daquin, in: ND,26.5.1960.

[22] Pfeil,U.,S.319,zit.n.: Knietzsch,Horst: Die Elenden. Ein Film nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo, in: ND, 24.1.1959.

[23] Pfeil,U.,S320,zit.n.: Schenk,Ralf Mitten im Kalten Krieg 1950 bis 1960, in: Das zweite Leben der Filmstadt Babelsberg. DEFA-Spielfilme 1946-1992, Berlin 1994, S. 50-157, hier: S93ff. Vgl. Informatonen über einige Maßnahmen zur Verstärkung der kulturellen Beziehungen mit Frankreich vom 8.12. 1956,PA/AA, Bestand MfAA/A 630, Bl.71.

[24] Ebd.

Details

Seiten
32
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638369794
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37709
Institution / Hochschule
Université Sorbonne Nouvelle Paris III – Institut d'allemand d'Asnières
Note
18 Punkte nach franz System=1
Schlagworte
Frankreich Deutschland Coopération

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