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Schillers Rezension "Über Bürgers Gedichte"

Eine ästhetische Kontroverse

Hausarbeit 2010 11 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Aufbruch in die Moderne

2. Die Begegnung zwischen Schiller und Bürger

3. Schillers Rezension
3.1 Inhalt der Rezension
3.2 Wirkung der Rezension und Reaktion Bürgers

4. Ästhetische Kontroverse von Schiller und Bürger

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Am 15. und 17.1.1791 veröffentlichte Friedrich Schiller die Rezension „Über Bürgers Gedichte“. Gottfried August Bürger gehörte zwischen 1745 und 1775 zu den beliebtesten Dichtern in Deutschland und stand mit vielen berühmten Zeitgenossen in persönlichen oder auch brieflichen Kontakt, z. B. Klopstock, Lessing, Goethe und eben auch Schiller ist hierbei zu nennen. Bürgers Ansehen war groß und erhielt lobende Rezensionen der Gedichtausgabe von 1778 und auch seine Tätigkeit als Herausgeber des Göttinger Musenalmanachs bewahrte dieses Ansehen. Es hielt noch bis zur zweiten Gedichtausgabe von 1789, als Schillers Rezension von 1791 die Lage grundlegend änderte.

Durch die Rezension trafen nicht nur zwei Dichter, sondern auch zwei unterschiedliche ästhetische Ansichten aufeinander. Das Thema der vorliegenden Arbeit wird sein, den Inhalt und die Strategie Schillers bei der zweiteiligen Rezension zu erfassen. Eine kurze Beschreibung über die erste und einzige Begegnung der beiden, soll helfen die Intension Schillers zu verstehen. Die Wirkung der Rezension soll in einem weiteren Teil der Arbeit untersucht werden, wobei besonders die Reaktion Bürgers betrachtet wird. Schillers ästhetische Ansichten, literaturtheoretisch und philosophisch, bilden dabei die Grundlage seiner Kritik. Bevor jedoch näher auf die Unterschiede der beiden Dichter eingegangen werden kann, ist es wichtig den geschichtlichen Hintergrund kurz aufzuarbeiten.

1. Aufbruch in die Moderne

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war Deutschland ein rückständiges Land. Der 30-jährige Krieg hatte die Bevölkerung um zwei Drittel vermindert und das einstige deutsche Reich war nun in unzählige Kleinstaaten zerrissen.

So entstanden 296 souveräne Staaten. Kleine und kleinste Fürstentümer wurden durch die feudale Ordnung bestimmt, an deren Spitze sich jeweils ein Territorialfürst befand. Der Kaiser, ohne wirkliche Macht und Stärke, zeigte kein Interesse an ein Reich mit Einheit und Stärke. Johann Gottfried Herder nennt das zersplitterte Deutschland einen „Sund von kleinen monarchischen Inseln“.[1] Der Leidtragende in dieser Zeit war das Volk, denn es musste alle Lasten tragen, vor allem die des Hofes, der Regierung und Verwaltung. Der Willkür und Ausbeutung der Feudalherren ist es schutzlos ausgeliefert. Dieser Zustand spiegelt sich auch in der Literatur wider, wie bei Lessings und Schillers Dramen. Politisch, wie ökonomisch war das Reich ohnmächtig. Die Kleinstaaterei wirkte sich hemmend auf die Wirtschaft aus und schaffte immer wieder Hindernisse und Behinderungen. Durch die vielen Zollschranken und hohen Zölle (1790 gab es 1800 Zollschranken), die viele Münzsorten, Maße und Gewichte war es schwer zu der Zeit eine Wirtschaft gedeihen zu lassen, die sich solcher Hindernisse im Wege zu Angesicht sieht. Die Bauern trifft es am härtesten in dieser Gesellschaft, denn sie sind rechtlich, steuerlich und menschlich abhängig und mit rückständigen Arbeitsmethoden belastet. Dies hat auch Folgen für die Agrarproduktion. Darauf folgten immer wieder Teuerungen und somit auch Hungersnöte.

Das deutsche Bürgertum entwächst vor allem in großen und größeren Reichsstädten. Dieses erstarkende Bürgertum nicht mehr auf staatliche und höfische Verwaltungspositionen angewiesen, wie das Bürgertum im 17. Jahrhundert. Die Entwicklung des Bürgertums war u.a. durch Medien und technische Erfindungen, wie den Buchdruck, das Postwesen und erste Wochenzeitungen möglich. Es ist beachtlich, wie sich das Individuum im zeitlichen Verlauf immer stärker aufwertete. Die Aufwertung fand zwar schon in der Renaissance statt, jedoch emanzipierte es sich jetzt mehr und mehr, erstarkte und forderte zunehmend „soziale, intellektuelle und ästhetische Autonomie“[2] ein.

So setzte es Tendenzen und Bestrebungen durch, die auf Befreiung des Menschen von der Bevormundung des Feudalismus und inbegriffen vom höfischen Zwang gerichtet waren. Die Ziele der französischen Revolution wollten sie durchsetzten und für eine allgemeine Besserung der sozialen Lage der Bevölkerung kämpfen.

Dieser Aufbruch in die Moderne ist eine gesamteuropäische Bewegung und wird als Aufklärung bezeichnet. Die Literatur des 18. Jahrhunderts wird insgesamt ebenfalls als Epochenbegriff Aufklärung bezeichnet. Dabei umfasst der Begriff allerdings vielfältige und unterschiedliche Strömungen. Das Jahrhundert ist davon geprägt, dass mehrere Strömungen und Schriftstellergruppen gleichzeitig laufen, ineinander übergehen oder von gegenseitigen ästhetischen Programmen geprägt sind. Es ist nicht mehr so, dass sich Epochen hintereinander anordnen. Die Epoche erstreckt sich ungefähr von 1680 bis 1805 und gliedert sich in Früh-, mittlere und Spätaufklärung. Die Sturm-und-Drang-Bewegung ist eine zeitlich begrenzte Erscheinung innerhalb dieses Zeitalters.[3] Die Schriftsteller des Sturm und Drang, zu denen u.a. Goethe, Schiller, Herder und Bürger gehören, versuchten in dieser relativ kurzlebigen Bewegung die Regelzwänge von Gesellschaft und Kunst zu sprengen.[4] Dabei trat das „Genie“ an diese Stelle, als ein Künstler, der autonom aus seiner eigenen Schöpferkraft Werke erschafft und dabei auch gesellschaftskritisch pointiert, indem bspw. Bürger das Thema des Kindsmords aufzeigt. Dabei spiegelt er reale Konflikte und moralische Probleme der Zeit wider. Schiller und Goethe lösen diese Bewegung durch Beeinflussung der philosophischen Schriften Kants mit einer weiteren Strömung ab. Der Klassizismus setzt ein. Die Orientierung der Stoffe wendet sich wieder der Antike zu, wobei sie als vorbildlich und mustergültig gilt, jedoch nicht in bloßer Nachahmung enden. Daraus leitet sich der Begriff „modernisierter Klassizismus“ ab.[5] Kunst und ästhetische Erziehung bilden dabei einen Mittelpunkt, denn sie sollen dafür sorgen, dass die Gesellschaft nach dem humanistischen Ideal erzogen wird.

Wie schon erwähnt, lösten sich die einzelnen Bewegungen nicht nacheinander ab, sondern gingen oft ineinander über. An diesen Überschneidungspunkten trafen sich zwei Dichter – Gottfried August Bürger und Friedrich Schiller.

2. Die Begegnung zwischen Schiller und Bürger

Anderthalb Jahre liegen zwischen der ersten Begegnung der beiden und Schillers vernichtender Kritik, welche 1791 in der Allgemeinen Literaturzeitung unter Angabe eines anonymen Verfassers erschien. Als Bürger erfuhr, wer der Verfasser war, konnte er es zunächst nicht begreifen, dass sein von ihm hochgeschätzter Dichterfreund solch eine Anklage gegenüber seinen Werken erhob. Doch zunächst zur Begegnung. Friedrich Schiller und Gottfried August Bürger trafen nur einmal in Jena aufeinander, etwa Ende April des Jahres 1789. Schiller berichtet sogleich seinem Freund Körner, ebenfalls Schriftsteller, in Briefen vom Eindruck den die Person Bürger bei ihm gemacht hat.

[…] Bürger war vor einigen Tagen hier und ich habe seine Bekanntschaft gemacht. Sein Äusserliches verspricht wenig es ist plan und fast gemein, dieser Karakter seiner Schriften ist in seinem Wesen angegeben. Aber ein gerader ehrlicher Kerl scheint er zu seyn, mit dem sich allenfalls leben ließe. […][6]

Anscheinend war Schiller von Bürgers Erscheinung nicht gerade angetan. Jedoch besteht keine direkte Antipathie, die Schiller dazu hätte leiten können, persönliche Motive in die Rezension einzubringen, sondern eher eine Gleichgültigkeit gegenüber Bürger, die aus Desinteresse an Bürgers „gemeiner“ Persönlichkeit hervorgeht. Es ist wichtig für das Verständnis der Rezension, dies zu beachten, denn wurde diese Aussage auch Teil seiner Kritik.

3. Schillers Rezension

3.1 Inhalt der Rezension

Friedrich Schiller veröffentlichte seine Rezension anonym in der Allgemeinen Literaturzeitung, in den Nummern 13 und 14 am 15.1. und 17.1.1791, mit dem Titel Schöne Künste. Über Bürgers Gedichte. Er setzt sich mit der Dichtung und ihrer Rolle angesichts der Moderne auseinander. Weitergeführt kann man diese Thematik und Schillers Denkformen in seiner Abhandlung Über naive und sentimentale Dichtung finden. Zunächst teilt sich die Debatte in zwei erschienene Teile, doch Schillers Argumentation erfolgt im Wesentlichen in drei Teilen.

Der Dichter fängt recht allgemein an und beschreibt zunächst die Situation in der sich die Lyrik, in der bei ihm aktuellen Gesellschaft, befindet. Schiller trifft die Diagnose, dass die Moderne zu Entfremdungserscheinungen führt. So wird dem Lyrischen eine Gleichgültigkeit entgegengebracht, wie allen Künsten der Poesie, jedoch ist sie am schlimmsten betroffen. Die Dramatik ist hierbei ein wenig geschützt, ebenso wie die erzählende Poesie durch ihre Anpassungsfähigkeit und die freiere Form.

Schiller würdigt die Dichtkunst in seiner Rezension und will vermitteln, dass sie Unterpunkte des Intellekts des Menschen in Einklang bringt und alle Bereiche und Gegensätze der Seele miteinander vereint, wie etwa „Kopf und Herz, Scharfsinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft“[7]. Durch die Dichtkunst, die eine Vereinigung dieser Bereiche und Kräfte erreichen kann, wird der „ganze Mensch“ wiederhergestellt. Es ist für Schiller allerdings wichtig, dass die Dichtkunst der Zeit folgt, dabei idealisiert und die Funktion eines Spiegels übernimmt, reflektiert und sammelt.

Die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit müsste sie, geläutert und veredelt, in ihrem Spiegel sammeln, und mit idealisierender Kunst aus dem Jahrhundert selbst ein Muster für das Jahrhundert erschaffen.[8]

Für Schiller muss ein Dichter erhöht empfinden und seine Individualität preisgeben, indem er sie in seine Gedichte einbringt. An dieser Stelle der Rezension verfestigt sich schon ein Grundargument von Schiller, auf das er immer wieder zurückkommt: Nur ein vollkommener Geist kann Vollkommenes erschaffen.

[…] so ist es nur der reife, der vollkommene Geist, von dem das reife, das vollkommene ausfließt. Kein noch so großes Talent kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht wegnehmen.[9]

Demnach lässt mangelhafte Dichtung auf eine „fehlerhafte“ oder ebenso mangelhafte Persönlichkeit dahinter schließen, was nach Schillers Meinung bei Bürger und seinen Gedichten zutrifft. Im zweiten Teil der Rezension geht Schiller nun direkt auf Bürger und die Begriffe Volk und Popularität näher ein. Das Problem für Schiller ist, dass es nicht den einen großen „Haufen“ Volk gibt, sondern ein Unterschied zwischen einer sogenannten Auswahl und der Masse existiert. Automatisch bildet sich zwischen diesen beiden ein gewisser Abstand.

[...]


[1] Jeßing, Benedikt, Köhnen, Ralph: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Weimar 2007. S.6. (im folgenden zit. Jeßing, Köhnen 2007.)

[2] Jeßing, Köhnen 2007. S.35.

[3] Huyssen, Andreas: Drama des Sturm und Drang. Kommentar zu einer Epoche. München 1980. S. 21.

[4] Der Literatur des Rationalismus der Frühaufklärung (1680-1740) war bestimmt durch die Regelpoetik, z.B. des Johann Christoph Gottsched. Er entwickelt dabei ein Regelsystem für die Poetik, das wissenschaftlich exakten Gesetzten folgt.

[5] Jeßing, Köhnen 2007. S.36.

[6] Schiller, Friedrich: Brief an Körner vom 30.4.1789, in: Nahler, Edith und Horst (Hrsg.): Schillers Briefe 1.3.1790-17.5.1794. Bd. 26. Weimar 1992.

[7] Allgemeine Literaturzeitung Nr. 13, S. 97.

[8] Allgemeine Literaturzeitung Nr. 13, S. 98.

[9] Allgemeine Literaturzeitung Nr. 13, S. 98.

Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668545663
ISBN (Buch)
9783668545670
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376908
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Philosophische Fakultät II
Note
2,7
Schlagworte
Schiller Gottfried August Bürger Sturm und Drang Literaturgeschichte Rezension Über Bürgers Gedichte

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Titel: Schillers Rezension "Über Bürgers Gedichte"