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Alkohol in der Literatur. Sven Regeners Roman "Herr Lehmann" und seine Adaptionen

Hausarbeit 2016 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 „Alkohol“ – ein Thema in der Literatur?

3 „Alkohol“ – Ein Thema in Sven Regeners Herrn Lehmann?
3.1 Was? Kurze Darstellung der Grundhandlung in Herr Lehmann
3.2 Wer? Welche Charaktere treten auf? Wer trinkt Alkohol, wer nicht?
3.3 Wie? Wie wird das Thema „Alkohol“ medial umgesetzt?
3.3.1 Hörspiel
3.3.2 Graphic Novel
3.4. Wozu? Welche Funktion kommt Alkohol in Herr Lehmann zu?
3.4.1 Alkohol trinken aus Gewohnheit
3.4.2 Alkohol trinken, wenn es etwas zu feiern gibt
3.4.3 Alkohol trinken bei Problemen
3.4.4 Alkohol trinken als Gruppenzugehörigkeit und Gruppenabgrenzung

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Figuren in Herr Lehmann (aus Film entnommen)

Abb. 2: Visuelle Gestaltung der Kapitel (aus Dinter, 2014 entnommen)

Abb. 3: Verschwommene Panelfolge (aus Dinter, 2014 entnommen).

Abb. 4: Panelsequenz (aus Dinter, 2014 entnommen)

Abb. 5: Bewegungslinien (aus Dinter, 2014 entnommen)

1 Einleitung

„Alkohol ist immer dabei, der Promillespiegel schwankt im Sommer 1989 bis zur Maueröffnung am 9.November dauerhaft zwischen 0,5 - 2,5. (…) Es kommt zu interessanten Diskussionen wie ‚Wenn man betrunken ist, läuft die Zeit dann langsamer oder schneller?‘ oder ‚Ist ein einsamer Kristall-Weizen-Trinker ein Zivilbulle?‘“ (Amazon Rezension vom 5. März 2004)

Das Alkohol in Sven Regeners 2001 erschienenen Roman Herr Lehmann eine Rolle spielt, wird nicht nur beim Lesen der obigen Amazon Kundenrezension, sondern bereits durch das im Goldmann-Verlag erschienene Buchcover, welches einen Becks-Bierdeckel ziert, deutlich. Trotzt der vermeintlichen Dominanz des Themas „Alkohol“ in Herr Lehmann können vom jetzigen Standpunkt aus keine literaturwissenschaftlichen Analysen in der Forschung zum Thema „Alkohol in Herr Lehmann “ identifiziert werden. Vielmehr scheinen in der Sekundärliteratur die Beschäftigung mit der Figur des Herr Lehmanns, seinen Mitprotagonisten sowie erzähltheoretische Analysen vorherrschend zu sein. Interessant ist hierbei jedoch, dass der „Stoff“Herr Lehmann nicht nur als Buch, sondern auch in Form eines Films, eines Hörspiels, eines Hörbuchs und einer Graphic Novel erschienen ist, sodass verschiedene medienspezifische Analysen zum Thema „Alkohol“ darüber hinaus denkbar sind.

Ziel der vorliegenden Seminararbeit soll es daher sein, die Rolle des Alkohols in Sven Regeners Werk Herr Lehmann inhaltlich als auch unter Beachtung ausgewählter, medialer Umsetzungsformen zu beleuchten. Hierzu soll – ausgehend von einer allgemeinen Betrachtung der Rolle von Alkohol in der Literatur – eine medienorientierte Analyse[1] vorgenommen werden. Ein besonderes Augenmerk wird auf den Fragestellungen liegen, wie das Thema „Alkohol“ in den verschiedenen Medien Hörspiel und Graphic Novel umgesetzt wurde und welche Funktion dem Thema „Alkohol“ oder dem Trinken von Alkohol in Herr Lehmann zukommt.

Die Seminararbeit gliedert sich entlang der gewählten Analysefragen „Was, Wer, Wie und Wozu“ folgendermaßen:

1.) Was? Kurze Darstellung der Grundhandlung in Herr Lehmann.
2.) Wer? Welche Charaktere treten auf? Wer trinkt Alkohol, wer nicht?
3.) Wie? Wie wird das Thema „Alkohol“ medial umgesetzt (Hörspiel /Graphic Novel)?
4.) Wozu? Welche Funktion kommt Alkohol in Herr Lehmann zu?

Das Fazit dieser Seminararbeit soll die gewonnenen Erkenntnisse der Analyse zusammenfassen und kritisch beleuchten.

2 „Alkohol“ – ein Thema in der Literatur?

„That’s the problem with drinking. I thought, as I poured myself a drink. If something bad happens you drink in an attempt to forget; if something good happens you drink in order to celebrate; and if nothing happens you drink to make something happen.” (Charles Bukowski, Women, 1978).

Dieses von dem amerikanischen Schriftsteller und Dichter Charles Bukowski stammende Zitat ist nur eines von vielen Zitaten, welches das Thema Alkohol aufgreift und vor allem Bukowskis eigene Haltung als „Vieltrinker“ zum Ausdruck bringt. Neben Bukowski lassen sich noch zahlreiche weitere Literaten[2] ausmachen, die Alkohol direkt oder indirekt zum Thema ihrer Prosa oder Gedichten haben werden lassen. So sind Jack Londons „John Barleycorn. Alcoholic Memoirs" (1913) und Charles Jacksons „The lost weekend“ (1944) nur zwei weitere Romanbeispiele für die thematische Einbeziehung der Alkoholsucht aus einer autobiographischen Perspektive (Sitzler, 2014, o. S.). Dass das Thema Alkohol bereits seit den Anfängen der Schrift zu einem literarischen Gegenstand avanciert ist, macht auch die Bibel deutlich. So heißt es beispielsweise in Psalm 104, Vers 15: "Der Wein erfreue des Menschen Herz." Damit zeichnet sich nicht nur ab, dass Alkohol, wie Niels Höpfner (2003, o. S.) schreibt, zum Leben seit jeher dazugehört, sondern es wird ferner deutlich, dass Alkohol als eine Art Lustdroge und Freudenspender in der frühen Literatur deklariert wird. Diese positive Wertung von Alkohol ist auch bis zu Beginn des 19 Jahrhunderts vorherrschend und erfährt mit dem Start der industriellen Revolution und den „härter“ werdenden Zeiten im Verlauf des 19. Jahrhunderts einen Wandel: Zunehmend werden die Schattenseiten des Trinkens auf direkten als auch indirekten Weg durch Autoren wie Edgar Ellen Poe oder E.T.A. Hoffmann aufgezeigt (ebd.). So wird beiden Autoren nicht selten ihr von Brüchen durchzogener Lebenslauf und der damit verknüpfte Alkoholkonsum als kreatives Element ihrer düsteren und zum Teil surreal wirkenden Texte attestiert (ebd.) Upton Sinclair zufolge ist auch die Literatur des 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der trinkenden Schriftsteller, deren Alkohol-Exzesse sich in ihren Schriften künstlerisch manifestieren. In dem 1956 von Sinclair veröffentlichten Buch The cup of Fury schildert er beispielweise den von Alkohol geprägten Werdegang namhafter amerikanischer Schriftsteller wie Ambrose Pierce und Ernest Hemingway und zeigt deren literarisch-bedeutsames Wirken als Trinker in einer von Krieg und Verzweiflung geprägten Zeit auf (Höpfner, 2003, o. S.). Deutschsprachige „Trinker-Literraten“ sind interessanterweise weitaus seltener auszumachen als ihre amerikanischen Kollegen, wenngleich Alkohol auch ohne autobiographische Züge in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts zum Thema wurde. Thomas Mann und Berthold Brecht, beide „Nicht-Trinker“, verarbeiten beispielsweise teils verzweifelte oder ironisch pointierte Alkoholiker-Figuren in ihren Prosa und Gedichten. In Thomas Manns Novelle Der Weg zum Friedhof (1901) wird zum Beispiel der Trinker Lobgott Piepsam zu einer lächerlichen Figur degradiert und in Der Zauberberg (1924) pointiert Thomas Mann ironisch seinen trinkenden Schriftstellerkollegen Gerhardt Hauptmann in der Figur des Mynheer Peeperkorn (Höpfner, 2003, o. S.). Insgesamt verbleibt jedoch stets der Eindruck, dass Alkohol vor allem dann zum literarischen Forschungsthema wird, wenn der Poet, Dichter oder Schriftsteller selbst „zur Flasche greift bzw. griff“. „Wer schreibt, trinkt auch“ lautete auch das Fazit von Michael Krüger, dessen erstmals 1993 veröffentlichter Text Literatur und Alkohol zu den wenigen Forschungsversuchen der Thematik „Trink- und Leseverhalten“ gehört (Krüger & Faude, 2004, S. 11). Julia Ansprach (2005) schreibt in ihrer Rezension zu drei, von ihr ausgewählten Büchern zum Thema „Literatur und Alkohol“, dass die Erörterung forschungstheoretischer Fragestellungen oft weit hinter den Ausführungen der Autorenbiographien zurück bleibt (S. 51). Dieser Umstand macht unter anderem darauf aufmerksam, dass das Thema „Alkohol“ in der Literatur nur selten bis gar nicht losgelöst vom Autor thematisiert und analysiert wird. Fragestellungen wie zum Beispiel „Welche Rolle kommt Alkohol in der in dem Roman X,Y thematisierten Gesellschaft zu?“ oder „Wie wird das Thema ‚Alkohol‘ dem Rezipienten vermittelt?“ bleiben weitestgehend unbeachtet.

Wie bereits einleitend angedeutet, soll im Rahmen dieser Seminararbeit nicht der Autor Sven Regener, sondern sein Roman Herr Lehmann in Hinblick auf das Thema „Alkohol“ fokussiert und unter Beachtung seiner medialen Realisierungen (Hörspiel und Graphic Novel) analysiert werden. Ein besonderes Augenmerk wird wie eingangs geschildert auf der Beantwortung folgender Fragen liegen:

a) Wie wird das Thema „Alkohol“ in Herr Lehmann in den Medien Hörspiel und Graphic Novel umgesetzt?

b) Welche Funktion kommt dem Thema „Alkohol“ oder dem Trinken von Alkohol in Herr Lehmann zu?

3 „Alkohol“ – Ein Thema in Sven Regeners Herrn Lehmann?

3.1 Was? Kurze Darstellung der Grundhandlung in Herr Lehmann

„Saukomisch, tragisch, lebensnah und seicht“ sind nur einige der Wörter, die fallen, wenn Sven Regeners 2001 veröffentlichter Debütroman in Rezensionen beschrieben wird (Viertelhaus, 2002, S. 76). „Seicht“ wohl deshalb, weil die eigentliche Handlung durch wenige Höhen und Tiefen gekennzeichnet ist, wenngleich sie dem Leser oft komisch-alltäglich und teilweise tragisch präsentiert wird. Frank Lehmann, Wahlkreuzberger und von seinen Freunden zu seinem Missfallen stets „Herr Lehmann“ genannt, arbeitet als Barkeeper in Erwins Kneipe „Einfall“ und steht kurz vor seinem 30. Geburtstag. Bis dahin begegnet er jedoch der Köchin Katrin (in die er sich unglücklich verliebt), lernt den seltsam wirkenden Kristall-Rainer kennen (der vermeintlich Zivilbulle ist und später eine Beziehung mit Katrin führt), muss den unverhofften Besuch seiner Eltern arrangieren und sich um seinen psychisch angeschlagenen Freund Karl kümmern. Das alles bringt etwas Aufregung in seinen eigentlich recht ziellosen Alltagstrott, der gewöhnlich eher einem Dahinleben zwischen Eineinhalbzimmerwohnung und dem Gang in die nächste Kneipe als einer spannenden Berg- und Talbahn gleicht. Die Geschichte endet mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, an der Herr Lehmann, nur bedingt interessiert, und nach dem Austrinken seines Biers in einer Kneipe, teilnimmt. Inwieweit sich das Leben von Herr Lehmann nach seinem 30. Geburtstag und dem Mauerfall verändern wird, bleibt für den Leser offen. Der Roman endet mit den für Herrn Lehmann fast schon charakteristischen Gedanken: „Ich gehe erst einmal los […]. Der Rest wird sich schon irgendwie ergeben.“ (Regener, 2003, S. 285).

Im folgenden Kapitel soll kurz auf die Figuren eingegangen und ihr Verhältnis zum Alkohol anhand ausgewählter Romankapitel thematisiert werden.

3.2 Wer? Welche Charaktere treten auf? Wer trinkt Alkohol, wer nicht?

Abb. 1: Figuren in Herr Lehmann (aus Film entnommen)

Neben Herrn Lehmann sind die zentralen Figuren des Romans:

- Karl Schmitt: Er ist eigentlich Künstler, arbeitet aber als Kellner in der „Markthalle“ und im „Einfall“. Er ist der langjährige und beste Freund von Herrn Lehmann. Im Verlauf des Romans erscheint er psychisch immer instabiler und muss gegen Ende des Romans in ein Krankenhaus eingewiesen werden.
- Katrin Warmers: Sie ist die (neue) Köchin der „Markthalle“, in die sich Herr Lehmann verliebt und die er im Verlauf des Romans an Kristall-Rainer verliert.
- Herr Lehmanns Eltern: Herr Lehmanns Eltern, die aus Bremen stammen, besuchen ihren Sohn in Berlin. Beide Elternteile werden dem Leser eher konservativ-naiv präsentiert. Die Beziehung zu ihrem Sohn scheint oberflächlich und von Seiten Frank Lehmanns angespannt.
- Erwin: Besitzer der Kneipe „Einfall“ und der „Markthalle“. Tritt als eigennützige Figur in Erscheinung.
- Kristall-Rainer: Er ist eine relativ unscheinbare, fast charakterlose Figur des Romans. Kristallweizentrinkend sitzt er regelmäßig ohne Gesprächspartner in der Kneipe „Einfall“ und wird daher von Erwin und den anderen zunächst für einen Zivilbullen gehalten. Gegen Ende des Romans führt er eine Beziehung mit Katrin.

Die obige Abbildung 1 macht bereits deutlich, dass alle zentralen Figuren Alkohol trinken, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität und Einstellung zum Alkohol. Während beispielsweise Erwin andere zum Schnaps trinken überredet (Regener, 2003, S. 5) und zudem als schlechtgelaunt beschrieben wird, wenn er nüchtern ist (ebd., S. 179); tritt Katrin als eine dem Alkohol etwas kritischer gegenüberstehende Figur in Erscheinung. So ist sie es beispielsweise, die Herr Lehmann kritisiert, als er vormittags bereits das erste Bier in der Markthalle trinkt (ebd., S. 45). Herr Lehmanns Eltern scheinen ähnlich wie Katrin keine „Gewohnheitstrinker“ zu sein, was über das Kapitel „Gastmahl“, in welchen sie ihren Sohn in Berlin besuchen, deutlich wird. Zwar trinken sie gemeinsam mit ihrem Sohn eine Flasche Wein, wirkliche „Weinkenner“ scheinen sie jedoch nicht zu sein. So zweifelt Herr Lehmann beispielsweise an, dass sein Vater tatsächlich etwas von Wein versteht, als dieser behauptet dass der ihnen servierte Wein kein „85er“ sei (ebd., S. 172).

Karl wiederum spricht zwar selten über den Alkohol, trinkt aber stets mit. Im Verlauf der Handlung und mit zunehmend angeschlagener Psyche scheinen nicht nur das Trinken von Alkohol, sondern auch andere Substanzen für Karl eine Rolle zu spielen. So werden dem Leser doppeldeutige Situationen präsentiert, in denen Karl vermeintlich Drogen nimmt: In Kapitel „Abendbrot“ möchte Karl beispielsweise ohne bestimmten Anlass „nur mal eben etwas mit Erwin besprechen“ und geht mit diesem daher nach oben in Erwins Wohnung und bittet Herr Lehmann unten im „Einfall“ zu bleiben (ebd., S. 102). Im Kapitel „Wiedervereinigung“ verschwindet Karl während der Arbeitszeit im „Einfall“ immer wieder in den Keller, um angeblich Dinge zu holen, die sie für die Arbeit benötigen. Herr Lehmann macht dies stutzig, da ihm Karls Gründe für seine Abwesenheit im Keller nicht plausibel erscheinen (ebd., S. 196). In Kapitel „Zivildienst“ erhält Herr Lehmann einen aufgeregten Anruf von Erwin, der ihm schildert, dass Karl durchzudrehen scheint. Auf Herr Lehmanns Frage hin, ob Karl betrunken sei, antwortet Erwin: „Keine Ahnung, was der ist. Wahrscheinlich auch. Aber das ist nicht das Problem“ (ebd., 241). Die Antwort von Erwin erweckt beim Leser abermals die Vermutung, dass Karl nicht nur Alkohol, sondern auch Drogen konsumiert. Inwieweit Karl jedoch wirklich Drogen nimmt, bleibt für den Leser auch bis zum Ende der Lehmann Geschichte offen.

Kristall-Rainer, dessen Name bereits für seinen Alkoholkonsum spricht, ist eine unauffällige Person über die der Leser nur beiläufig und meist über die Gedankengänge anderer Figuren etwas erfährt. Das Kristallweizen-Rainer ein „Vieltrinker“ ist, wird vor allem in Kapitel „Später Imbiss“, als er sich mit Herr Lehmann unterhält, deutlich: (…)“‘Wenn es lange regnet, dann bilden sich Pfützen‘, sagte Kristall-Rainer, und Herr Lehmann fiel auf, daß er nie lallte, obwohl er immer Unmengen von Weizenbier intus haben musste, (…)“ (ebd., S. 116). Der Gedankengang von Herr Lehmann deutet darauf hin, dass Kristall-Rainer regelmäßig zum Alkohol greift und daher kaum etwas von der Wirkung des Alkohols spürt.

Herr Lehmann, der etwas gegen Schnaps und gezapftes Bier hat (obwohl er beides im Verlauf des Romans trinkt: siehe S. 5 und S. 181) ist in seinem Alltag stets mit Alkohol konfrontiert. Als Barkeeper in der Kneipe „Einfall“ serviert er seinen Gästen nicht nur Alkohol, sondern er scheut sich auch nicht davor, selbst während der Arbeitszeit mitzutrinken (siehe Kapitel „Der Hund“). Zudem trinkt er auch dann Alkohol, wenn er nicht arbeitet, egal um welche Tageszeit es sich handelt (siehe Kapitel „Frühstück“, „Mittagsessen“, „Kaffee und Kuchen“). Dass das Trinken von Alkohol für ihn zudem gesellschaftlich akzeptiert ist, wird über einen Dialog mit Katrin deutlich. Seinen Beruf als Barkeeper rechtfertigt er vor ihr folgendermaßen:

„Die Leute gehen in eine Kneipe und besaufen sich“, unterbracht Herr Lehmann sie (...). „Manche mehr, manche weniger. Und das macht ihnen Spaß. Wie würde das Leben der Leute in dieser Stadt aussehen, wenn es keine Kneipen und oder Cafés, oder wie auch immer die Dinge sich nennen, gäbe. Was ist gegen eine Arbeit zu sagen, die darin besteht Leuten etwas zu bieten, was sie gerne haben? Lebensinhalt! Vielleicht sind die Leute hinterm Tresen die einzigen, die Lebensinhalt geben“ (ebd., S. 58).

Über den Ausschnitt des Dialogs wird die positive Wertung Herr Lehmans zum Thema „Alkohol“ ersichtlich, indem er das Ausschenken von Alkohol mit dem Geben von Lebensinhalt gleichsetzt. Im Film Herr Lehmann gewinnt man als Rezipient zudem den Eindruck, dass Herr Lehmann Alkohol bzw. Becks-Bier als Teil seiner Persönlichkeit assoziiert. So werden beispielsweise seine Gedankengänge zu seiner fiktiv-ausgemalten Zukunft mit der Köchin Katrin in Form von Becks Flaschen-nuckelnden Babys filmisch pointiert.

3.3 Wie? Wie wird das Thema „Alkohol“ medial umgesetzt?

Wie bereits einleitend angeführt, wurde der von Sven Regener verfasste Roman Herr Lehmann bereits als Hörbuch (2005), Hörspiel (2009), Film (2003) und Graphic Novel (2014) veröffentlicht. Im Folgenden soll daher auf zwei der medialen Umsetzungen des Themas „Alkohol“ in Herr Lehmann eingegangen werden. Aufgrund der begrenzten Zeitenzahl dieser Arbeit soll auf eine ausdifferenzierte, medientheoretische Analyse jedoch verzichtet werden.

3.3.1 Hörspiel

Nach Götz Schmedes (2002) sind die zentralen Zeichensysteme im Hörspiel die Sprache, die Stimme, das Geräusch und die Musik (S. 69 ff).

Unter den Aspekt der Sprache fallen der Monolog, der Dialog, die Narration (oft durch eine höhere Erzählinstanz umgesetzt) sowie die Sprachgestaltung (poetische versus Alltagssprache) (ebd., S. 73). Auch in dem Hörspiel Herr Lehmann wird die Sprache genutzt, um das Thema „Alkohol“ für den Rezipienten zu transportieren. So finden nicht nur, wie im vorherigen Kapitel zum Roman gezeigt, Monologe und Dialoge zum Thema „Alkohol“ statt, sondern auch der Erzähler bettet narratologisch Figurengedanken zum Alkoholtrinken in die Geschichte ein.

Unter den Aspekt der Stimme fallen vor allem jene Gestaltungselemente, die den gesprochenen Wörtern weitere Bedeutungen einschreiben (ebd., S. 76). Dies kann im Hörspiel auf verbaler (Träger des sprachlichen Ausdrucks einer Figur), paraverbaler (z.B. durch Amplifikationen, Modifikation verbaler Inhalte durch Sprechhaltung etc.) und nonverbaler (Laute wie Räuspern ‚mhm‘, Lachen etc.) Ebene passieren. In dem Hörspiel Herr Lehmann wird der Aspekt der Stimme vor allem genutzt, um zum Ausdruck zu bringen, dass die Figuren betrunken sind. Dies geschieht in Form einer undeutlichen Aussprache oder „Lallen“ der Figuren.

Ein weiterer und für das Hörspiel bedeutender Aspekt ist das Geräusch. Geräusche übernehmen in unterschiedlichen Zusammenhängen unterschiedliche Funktionen und tragen im Rahmen ihrer Realisierung (syntagmatisch) oder in Verbindung zur Sprache und Stimme (paradigmatisch), zu einer Generierung von Bedeutung und damit zu einem besseren Verständnis der Handlung bei (ebd., S. 77). Auch das Hörspiel Herr Lehmann nutzt verschiedene Geräusche, um das Alkoholtrinken der Figuren anzukündigen oder deutlich zu machen, welche Art von Alkohol die Figuren gerade trinken. Typische Geräusche, die im Hörspiel auftreten sind: Zischen (Bier öffnen), Bierzapfgeräusche, Abstellgeräusche des Biers auf dem Tisch und Glasklirren als Anzeichen für gemeinsames Anstoßen.

Der Aspekt der Musik wird in Hörspielen häufig in Form von paralleler Musik (oft Hintergrundmusik) und kontrapunktischer Musik (Musik, die dem eindeutigen Charakter der Bilder/Sprache widerspricht und somit Akzente setzt) umgesetzt (ebd., S. 81). Im Hörspiel zu Herr Lehmanns Geschichte wird ebenfalls Musik eingesetzt, um die Bedeutung des Themas „Alkohol“ für den Rezipienten zu verdeutlichen. So startet das Hörspiel mit einer Intromusik, deren Songtext eindeutig auf Herr Lehmanns Job als Barkeeper hinweist und zudem sein Trinkverhalten anbahnt: „Ich steh heute auch mal hinter der Bar und nicht wie sonst nur immer davor. Ich seh‘ Euch reinkommen und weiß schon Bescheid (…)“ (Stricker, 2009, Minute: 00:00:12 des Hörspiels).

Das Hörspiel Herr Lehmann realisiert somit auf allen medienspezifischen Ebenen das Thema „Alkohol“ und schlägt somit eine Brücke zu den Leseeindrücken der Romanvorlage. Im Weiteren soll auf die Graphic Novel des Romans Herr Lehmann eingegangen werden. Da die Graphic Novel ein moderner Begriff ist, der erklärungsbedürftiger erscheint, wird der Analyse zur medienspezifischen Umsetzung des Themas „Alkohol“ eine kurze Begriffserläuterung vorangestellt.

3.3.2 Graphic Novel

Obwohl die Comic- bzw. Graphic Novel-Forschung besonders in den letzten Jahren einen Aufschwung erfahren hat, existiert bis heute keine eindeutige Definition des Begriffs „Comic“ bzw. „Graphic Novel“ (Trabert & Stuhlfauth-Trabert, 2015, S. 14). Im Rahmen dieser Seminararbeit soll auf die Comic-Definition von Martin Schüwer (2008) zurückgegriffen werden, die im Vergleich zu anderen Definitionen, nicht nur den Aspekt ‚Bild‘, sondern auch den Aspekt ‚Sprache‘ integriert. Für Schüwer (2008) wird unter Comic „die seit Beginn des 20. Jahrhunderts dominante, grundsätzlich auf Reproduzierbarkeit angelegte Ausprägung des ‚Prinzips Bildgeschichte‘ verstanden, die mithilfe von Sequenzen starrer Bilder zeitliche Abläufe vermittelt, dabei überwiegend von der ‚engen Bildfolge‘ Gebrauch macht und verbale Sprache, so wie sie verwendet wird, formal ins Bild integriert.“ (S. 10). Weitestgehend im Einklang mit dieser Definition, stehen auch die Beschreibungsversuche für den Begriff ‚Graphic Novel‘. Zu diesem kann jedoch ergänzend hinzugefügt werden, dass der Graphic Novel im Vergleich zum Comic meist eine höhere Literarizität (Schikowski, 2014, S. 241) sowie eine innere Kohärenz und Abgeschlossenheit der Handlung zugesprochen wird (Grünewald, 2014, S. 19). Graphic Novels entlehnen sich hinsichtlich ihrer Gestaltungsformen zudem verschiedener Disziplinen. Hierunter fallen unter anderem Formen der erzähltheoretisch- und raumtheoretisch-orientierten Literaturwissenschaft, der Kunstwissenschaft, der Filmwissenschaft sowie der Comic-Theorie. Im Folgenden soll nur auf jene Gestaltungsformen der Graphic Novel verwiesen werden, die für das Thema „Alkohol“ in Herr Lehmann relevant sind.

[...]


[1] Aufgrund der begrenzten Seitenanzahl dieser Seminararbeit wird auf eine ausführliche medientheoretische Analyse verzichtet und der Fokus auf jene medienspezifische Bestandteile gelenkt, die „Alkohol“ als thematisches Konzept für den Rezipienten transportieren. Ferner wird auf die Analyse des Hörbuchs und des Films verzichtet.

[2] Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text nur die männliche Form verwendet. Gemeint ist jedoch stets sowohl die weibliche als auch die männliche Form.

Details

Seiten
20
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668542334
ISBN (Buch)
9783668542341
Dateigröße
867 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376889
Note
1,7
Schlagworte
Herr Lehmann transmedial Alkohol in der Literatur Graphic Novel Hörspiel

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Titel: Alkohol in der Literatur. Sven Regeners Roman "Herr Lehmann" und seine Adaptionen