Lade Inhalt...

Das Ende des Kriminalromans? Friedrich Dürrenmatts "Das Versprechen"

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“

3 Der Kriminalroman
3.1 Verbrechensdichtung versus Kriminalliteratur
3.2 Detektivroman und Thriller als Idealtypen des Kriminalromans

4 Gattungstypische Elemente des Detektivromans
4.1 Handlungselemente
4.1.1 Das rätselhafte Verbrechen
4.1.2 Die Fahndung: Who (Wer), How (Wie), Why (Warum)
4.1.3 Lösung des Falls und Überführung des Täters
4.2 Die Figuren des Detektivromans
4.2.1 Der ermittelnde Detektiv
4.2.2 Die Nicht-Ermittelnden
4.3 Der Raum / das Milieu im Detektivroman

5. Fazit: „Das Versprechen“ – ein Requiem auf den Kriminalroman?

6. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Um ehrlich zu sein’ begann Dr. H. später, (...), um ehrlich zu sein, ich habe nie viel von Kriminalromanen gehalten und bedaure, daß auch Sie sich damit abgeben. Zeitverschwendung’ “ (Dürrenmatt, 1985, S. 11).

Von allen Genres, die die Literaturwissenschaft hervorgebracht hat, ist der Krimi aktuell das nachweislich beliebteste (Zwaenepoel, 2004, Klappentext). Scheinbar ohne Mühen gelingt es den Verfassern von Romanen, Kurzgeschichten, Novellen aber auch Filmdrehbüchern, die eigentlich schon längst erschöpfte Geschichte um ein Verbrechen und dessen Aufklärung, durch einen rationalen und gleichsam durch Intuition geprägten Ermittler, neu zu entfachen.

Gleichwohl ist das oben angeführte Zitat, welches aus dem dritten Kriminalroman des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatts, „ Das Versprechen “, stammt, ein prototypisches Abbild der ebenso vorzufindenden negativen Kritik zum Kriminalroman:

„Das Lesen von Detektiv- oder (Kriminal)romanen gehört zu den Dingen, die man zwar gerne tut, von denen man aber nicht gerne spricht. Man kann seinen Ruf kaum wirksamer gefährden, als indem man sich ernsthaft damit befaßt, zumindest in deutschen Landen. Anstößig ist seine Popularität, und für anstößig gilt sein Thema“ (Alewyn, 1998, S. 52).

Dürrenmatt selbst, der seinem dritten Kriminalroman den fast schon provokanten Untertitel „ Requiem auf den Kriminalroman “ gab, scheint diese Ansicht nicht zu teilen. Seine Motivation, sich mit Kriminalromanen zu beschäftigen, wird in seinem Aufsatz „Theaterprobleme“ aus dem Jahr 1954 deutlich. So argumentiert Dürrenmatt, dass die Gesellschaft vom Schriftsteller eine Perfektion verlangt, die vermeintlich nur in den Klassikern literarischer Schriftstücke zu finden sei, die aber gleichzeitig die künstlerische Freiheit der Autoren untergräbt: „So wird ein Klima erzeugt, in welchen sich nur noch Literatur studieren, aber nicht mehr machen lässt“ (Dürrenmatt, 1996, S. 68). Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist für Dürrenmatt das Schreiben von Kriminalromanen, „indem er […] Kunst da tut, wo sie niemand vermutet. Die Literatur muß so leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nichts mehr wiegt: Nur so wird sie wieder gewichtig“ (ebd., S. 68f). Betrachtet man seine Werke genauer, so scheint es nicht nur das Befassen mit dem Kriminalroman an sich, sondern vor allem seine gattungstypische Verfremdung zu sein, mit der Dürrenmatt versucht eine „Leichtigkeit“ herzustellen.

Ziel der vorliegenden Hausarbeit ist es daher, Friedrich Dürrenmatts „ Das Versprechen “ hinsichtlich seiner gattungstypischen Elemente des Detektiv- bzw. Kriminalromans zu analysieren und vorkommende Abweichungen von diesen zu erörtern. Dabei soll die zentrale Frage beantwortet werden, ob wir es bei Dürrenmatts Roman „ Das Versprechen “ tatsächlich – wie sein Untertitel suggeriert – mit einem Abgesang bzw. Requiem auf den Kriminalroman zu tun haben. Hierzu scheint es zunächst unerlässlich die Gattung des Kriminalromans sowie seine möglichen Ausprägungen zu argumentieren und divergente Forschungspositionen aufzuzeigen und zu bewerten.

Begriffe wie Kriminalroman, Verbrechensdichtung, Detektivroman und Thriller, die mal als Synonyme, mal als Klassifizierung verschiedener Gattungen und mal als zusammenhängende Subgenres verwendet werden, verdeutlichen die Problematik des nicht-systematisierbaren, oft als literarisch minder wertvollen und als Trivialliteratur betitelten Kriminalromans. Kapitel Drei dieser Arbeit wird sich daher der definitorischen Abgrenzung, der in der Literatur vorzufindenden Begrifflichkeiten zur Kriminalliteratur widmen. In Kapitel Vier sollen dann gattungstypische Elemente aufgezeigt werden, die mit der zuvor gefundenen Arbeitsdefinition im Einklang stehen. Es soll der Versuch unternommen werden, dem Krimi seinen Mantel der Trivialliteratur abzustreifen und die von seinen Autoren geschickt verwendeten Erzähltechniken, seine rounded-characters sowie die in ihm eingebetteten und subtil wirkenden Methoden zur Steigerung der Rätselspannung zum Vorschein zu bringen. Am Ende eines jeden Unterkapitels soll dann geprüft werden, ob sich diese gattungstypischen Elemente, in dem von Friedrich Dürrenmatts verfassten Roman, wiederfinden lassen. Die zentrale Frage dieser Arbeit, ob wir es bei Dürrenmatts Roman wirklich mit einem Requiem auf dem Kriminalroman zu tun haben, soll im Fazit, unter Beachtung der klassischen Elemente des Kriminalromans, beantwortet werden.

2 Friedrich Dürrenmatts Roman „Das Versprechen“

Gewiss können es nicht nur finanzielle Gründe gewesen sein, die Dürrenmatt 1957 veranlassten seine dritte Auftragsarbeit, diesmal ein Drehbuch für den Film „Es geschah am hellichten Tag“, anzunehmen. Denn bei dem beauftragten Drehbuch blieb es nicht: Ein Jahr später wandelte der Autor den Stoff zu seinem Roman „Das Versprechen“ um, in dessen Zentrum die vergeblichen - und nicht wie im Film die erfolgsgekrönten - Detektivbemühungen des Polizisten Matthäis standen. Darüber hinaus waren es, anders als in Dürrenmatts Romane zuvor, nicht die Erörterungen weltanschaulicher oder gesellschaftlicher Themen, die im Vordergrund standen. Vielmehr schien Dürrenmatt von dem Interesse geleitet zu sein, das klassische Gattungsmuster des Detektivromans zur Diskussion zu stellen bzw. dieses ad absurdum zu führen (Riedlinger, 2000, S. 127). Dies wird unter anderem durch die Rahmenhandlung des Romans deutlich. Diese thematisiert das Treffen des „Ich“ erzählenden Schriftstellers mit dem ehemaligen Kommandanten der Züricher Polizei, Dr. H., der ihm die eigentliche, in der Binnenhandlung vorkommende, Detektivgeschichte erzählt:

„Doch wird leider in all diesen Kriminalgeschichten ein noch ganz anderer Schwindel betrieben. Damit meine ich nicht, dass eure Verbrecher ihre Strafe finden. [...] Nein, ich ärgere mich vielmehr über die Handlung in euren Romanen. [...] Ihr baut eure Handlungen logisch auf, wie bei einem Schachspiel geht es zu […], es genügt, dass der Detektiv die Regeln kennt und die Partie wiederholt, und schon hat er den Verbrecher […]. Die Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen. Dabei, zugegeben, sind wir von der Polizei gezwungen, ebenfalls logisch vorzugehen, doch die Störfaktoren, die uns ins Spiel pfuschen, sind so häufig, daß allzu oft nur das reine Berufsglück und der Zufall zu unseren Gunsten entscheiden. [...] ihr stellt eine Welt auf, die zu bewältigen ist. Diese Welt mag vollkommen sein, möglich, aber sie ist eine Lüge“ (Dürrenmatt, 1985, S. 11f)

Durch Dr. H. ist es Dürrenmatt möglich, seine Kritik am klassischen Schema des Detektivromans und seine Skepsis gegenüber dem allmächtigen Detektiv, der sich in einer scheinbar beherrschbaren Welt bewegt, zu artikulieren.

Im Folgenden soll thematisiert werden, ob und inwieweit Dürrematt eine auf seiner Kritik basierende Dekonstruktion des klassischen Kriminalromans vornimmt. Grundsätzliche Kenntnisse zum Inhalt des Romans „Das Versprechen“ werden dabei vorausgesetzt.

3 Der Kriminalroman

3.1 Verbrechensdichtung versus Kriminalliteratur

„Krimi ist Krimi“, behauptet der Literaturwissenschaftler Ulrich Suerbaum (1982, S. 128), der, in Übereinstimmung mit der Alltagssprache, unter dem Begriff „Krimi“ „alle Werke der Kriminalliteratur versteht, einerlei ob sie erzählend oder dramatisierend dargeboten werden und ob sie einen Ermittler als Zentralfigur haben oder nicht“ (ebd., S. 116). Mit dieser Aussage zieht Suerbaum vermutlich den denkbar weitesten Definitionsradius des Kriminalromans und umgeht in gewisser Weise der, von Tom Zwaenepoels (2004), angeführten Problematik, dass es der Fachliteratur trotz „vieler Versuche [...] bis heute nicht gelungen ist, die Bezeichnung für die vielschichtige Literaturgattung um Verbrechen und deren Aufklärung stringent zu definieren“ (S. 17). Aber was ist dann ein Krimi und was nicht? Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Genre des Kriminalromans spricht sich Riedlinger (2000, S. 23), ähnlich wie Jarosch und Scharf (2014, S. 6) sowie Nusser (2004) und Liessmann (2004, S. 74), für die Unterscheidung und definitorische Abgrenzung von „Kriminalromanen“ auf der einen Seite und „Verbrechensdichtungen“ auf der anderen Seite aus. Sie verstehen unter Verbrechensdichtungen in Anlehnung an Richard Gerber (1998) Erzähltexte, die „nach dem Ursprung, der Wirkung und dem Sinn des Verbrechens und damit der Tragik des menschlichen Existenz“ (ebd., S. 74ff) forschen und – so Liessmann (2004) – den Blick besonders auf den Verbrecher und seine Motivation sowie seine inneren und äußeren Konflikte richten (S. 74; s.a. Jarosch & Scharf, 2014, S. 7). Nach Nusser (2003) liegt im Unterschied zur Verbrechensdichtung das Hauptaugenmerk der Kriminalliteratur auf den „Anstrengungen, die zur Aufdeckung des Verbrechens und zur Überführung und Bestrafung des Täters notwendig sind“ (S. 1). Hieraus folgernd bleibt das Verbrechen und die Bestrafung zwar ebenfalls Thema der Kriminalliteratur, ihr Fokus liegt jedoch anders als bei der Verbrechensdichtung, auf dem Motiv der Jagd bzw. Ermittlung. Auch Gerber (1971) hebt die Bedeutung des ermittelnden Menschen, der die Anstrengungen zur Lösung des Falles auf sich nimmt, als Indikator der Kriminalliteratur hervor und macht auf eine weitere Unterscheidung im selben Gattungskontext aufmerksam: Detektivroman und Thriller (S. 77ff).

Ebenso wie die Frage nach der definitorischen Abgrenzung von Verbrechensdichtung und Kriminalliteratur, ist auch die Unterscheidung der beiden von Gerber angeführten Begriffe Thema der Auseinandersetzung mit der Kriminalliteratur geworden. So ist Alewyn (1998) der Meinung, man müsse scharf zwischen Kriminal- und Detektivroman unterscheiden, da Ersterer die Geschichte des Verbrechens erzählt und Letzterer die Aufklärung des Verbrechens in den Fokus stellt. Demnach wäre – so Alewyn – die biblische Originalgeschichte der Ermordung Abels durch Kain ein Kriminalroman, während diese Geschichte etwas anders erzählt, nämlich beginnend mit dem Mord am Abel und der sich daran anschließenden Ermittlung des Mords, einen klassischen Detektivroman darstellt (S. 53). Gegen diese trennscharfe Unterscheidung spricht sich Gerber (1998) aus, der den Kriminal- und Detektivroman nicht als „zwei gleichberechtigt(e), klar voneinander unterscheidbar(e) Gattungen“ sieht, da eine solche Unterscheidung seiner Ansicht nach „eine Pseudodistrinktion (darstellt), die der Wirklichkeit nicht entspricht und sie verfälscht“ (S. 78). Auch Nusser (2003) spricht sich gegen die Gleichsetzung beider Begriffe aus: „Diese Begriffsverwendung ist unzweckmäßig, weil dadurch der Begriff ‚Kriminalroman’ (bzw. ‚Kriminalliteratur’) seine Funktion als Oberbegriff verliert und ein neuer Oberbegriff für die Abgrenzung der Verbrechensliteratur gefunden werden müßte“ (S. 4). Aus dieser Aussage Nussers wird seine Sichtweise deutlich. Ähnlich wie Gerber, sieht er den Begriff der Kriminalliteratur als Oberbegriff an, von dem aus sich die idealtypischen, jedoch inhaltlich/formal voneinander unterscheidbaren, Stränge - nämlich der Detektivroman und der Thriller – bilden. Diese sollen im Folgenden erörtert werden, wobei analog zu Nusser (2003) die Systematisierung von Kriminalroman als Oberbegriff und der Untergliederung in die Typen Detektivroman und Thriller beibehalten werden soll.

Es soll allerdings, bezugnehmend auf Nusser, darauf hingewiesen werden, dass die Unterformen Detektivroman und Thriller lediglich Idealtypen darstellen, die in ihrer reinsten Form in kriminalistischen Romanen – so auch in dem hier vorzierten von Dürrenmatt – nur selten vorkommen (s.a. Jarosch und Scharf, 2000, S. 11).

3.2 Detektivroman und Thriller als Idealtypen des Kriminalromans

Nusser (2003) zieht zur Unterscheidung des Detektivromans und Thrillers vor allem inhaltliche und formal-strukturelle Kriterien heran, die im Folgenden erörtert werden sollen:

Detektivroman

Der Detektivroman ist inhaltlich durch ein rätselhaftes Verbrechen (meist einen Mord) gekennzeichnet, dessen näheren Umstände und dessen Täter sowie sein Tatmotiv zu Beginn des Romans unbekannt sind und die es im Verlauf durch einen Detektiv (oder Ermittler) aufzuklären gilt. Der Detektiv und seine intellektuellen Bemühungen werden im Detektivroman zum zentralen Gegenstand und verleihen ihm – so Nusser (2003) – den Charakter einer Denksportaufgabe. Die Frage nach dem „whodunit“ (= who done it), also nach dem Täter, lenkt den Detektiv, der durch sein analytisches Geschick dafür sorgt, dass die vom Autor gesetzten planmäßigen Verdunklungen (d.h. der Versuch, den Leser z.B. hinsichtlich Motiv und Täter in die Irre zu führen = „red herrings“) gegen Ende des Romans in eine Erhellung des Rätsels münden (d.h. die systematische Rekonstruktion des Tathergangs und der Motive sowie die Festnahme der Verdächtigen durch den Detektiv). Hierbei spielt das so genannte „Fair Play“, das dem Leser keinerlei Wissensvorsprünge gegenüber dem Detektiv zugesteht, eine zentrale Rolle. Dieses lässt den Leser als Idealkonkurrenz mit dem scharfsinnigen Ermittler in Erscheinung treten und ermöglicht das Miträtseln. Das so genannte „Frage-Antwort-Spiel“, welches darin besteht, dass keine Aussage getätigt wird, die nicht die Antwort auf eine vorab aufgeworfene Frage wäre, ist ebenfalls ein Charakteristikum des streng gebauten Detektivromans (Alewyn, 1998, S. 58).

Formal ist der Detektivroman durch eine analytische bzw. rückwärtsgerichtete Erzählweise gekennzeichnet: Der bereits in der Vergangenheit geschehene Mord wird Stück für Stück, hinsichtlich seines Tathergangs, in die Gegenwart geholt, indem die Handlungen des Detektivs in zeitlicher Umstellung zum tatsächlichen Handlungsverlauf, also eben nicht in ihrer zugrundeliegenden Chronologie, berichtet werden (Immer Früheres, also in der Vergangenheit Passiertes, wird immer später im Roman erzählt bzw. aufgeklärt) (Nusser, 2009, S. 31f). Das langsam ansteigende Spannungsgefüge des Detektivromans unterliegt zudem zwei Höhepunkten: Verbrechen/Mord und Entlarvung (Riedlinger, 2000, S. 49f).

Thriller bzw. kriminalistische Action-/Abenteuererzählung

Ebenso wie der Detektivroman, ist auch der Thriller durch ein Verbrechen mit zunächst unklaren Umständen sowie der Täterüberführung durch den ermittelnden Protagonisten (nicht immer ein Detektiv) gekennzeichnet. Unterschiede zum Detektivroman zeigen sich jedoch vor allem in der Aufklärung des Verbrechens. Während im Detektivroman der zentrale Fokus auf den intellektuellen Bemühungen des Ermittlers liegen, ist es im Thriller die Suche bzw. Verfolgung „eines schon bald identifizierten oder von vorneherein bekannten Verbrechers“ (Nusser, 2003). Die, wie sie Nusser nennt, charakteristischen „analysis“ Elemente des Detektivromans weichen damit im Thriller den „action“ Elementen, die in Form von Kampf-, Flucht und Verfolgungsszenen auftreten und die zu einer chronologisch-vorwärts gerichteten Erzählweise beitragen und damit eine „Zukunftsspannung“ erzeugen. Dies bewirkt eine Erweiterung der Erzählperspektive: Die Geschehnisse werden häufig nicht nur aus Sicht des Ermittlers, sondern ebenfalls aus Sicht der Verdächtigen oder Tätern geschildert. Die Aufgabe des ermittelnden Protagonisten (bzw. Helden) besteht also insgesamt weniger in der Enthüllung des Mords als Rätsel, sondern vielmehr in der „Bekämpfung“ des Bösen und der Abwendung weiterer Verbrechen durch den Täter und seinen kriminellen Hintermännern (Nusser, 2003).

Übertragung auf den Roman „Das Versprechen“: Nimmt man die Frage vorweg, welchem der beiden Idealtypen der hier noch näher zu beschreibende Roman Dürrenmatts zuzuordnen ist, so ist diese Frage vorsichtig mit „Detektivroman“ zu beantworten. „Das Versprechen“ ist nur in Ansätzen polyperspektivisch erzählt und aktionsgeladene Szenen finden sich in dem Roman eher selten bis gar nicht. Vielmehr stehen die intellektuellen Anstrengungen des Polizisten und später nur als Ermittler arbeitenden Mattäis im Vordergrund, der einen längst geschehenen Mord nicht vergessen kann und lösen will (s.a. Riedlinger, 2000, S. 29). Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll der Thriller daher weitestgehend vernachlässigt werden und der Fokus auf die gattungstypischen Elemente des Detektivromans gelegt werden, an die sich dann jeweils eine Analyse des Dürrenmatts Roman anschließt.

4 Gattungstypische Elemente des Detektivromans

„Wer zur Kenntnis nehmend, daß ein Zehntel aller Morde in einem Pfarrhof passieren, ausruft: ‚Immer dasselbe’, der hat den Kriminalroman nicht verstanden [...]. Die Originalität liegt in anderem. Die Tatsache, daß ein Charakteristikum des Kriminalromans in der Variation mehr oder weniger festgelegter Elemente liegt, verleiht dem Ganzen Genre sogar das ästhetische Niveau“ (Brecht, 1938, S. 33).

So lautete einst die Antwort von Bertold Brecht auf die Frage, ob es sich aufgrund des relativ starren Schemas des Kriminalromans, zurecht um ein der Trivialliteratur angehörendes Genre handele.

Auch Reidlinger (2000) argumentiert, dass die „Kreativität des Autors von Kriminalgeschichten nicht in der Abkehr eines vorgegebenen Schemas besteht. Vielmehr zeigt sie sich darin, wie es dem Autor gelingt, mit diesen festen Bestandteilen zu spielen. In der gelungenen Variation des festgelegten Schemas offenbart sich die Qualität der Schriftsteller“ (S. 31). Suerbaum (1998) sieht darin zudem die Erfüllung der Leseerwartung: Das Rätsel des Mordes ist überraschend und unvorhergesehen und bewegt sich dennoch in einem abgesteckt möglichen Variationsbereich, der die Grenze des Möglichen nicht überschreitet und der in den Erwartungshorizont des Lesers fällt (S. 88). Für Buchloh und Becker (1973) lebt der Erfolg des Detektivromans gerade von der Befolgung aber auch von dem Verstoß seiner Schemahaftigkeit (S. 53; s.a. MA, S. 26).

Diese kennzeichnende und eher starre Form des Detektivromans veranlasste 1924 auch R.A. Knox zur Aufstellung eines Regelkatalogs für das Schreiben eines Detektivromans, der vier Jahre später von W.H. Wright unter dem Pseudonym S.S. Van Dine erweitert wurde und auf den die Mitglieder des „Detection Clubs“ (wie beispielsweise Agatha Christie) zu schwören hatten. Auch wenn die Regeln dieses Katalogs nicht oder nur teilweise eingehalten wurden, so legen sie im Folgenden dennoch wesentliche Weichen zur Systematisierung der Gattungselemente des Detektivromans.

4.1 Handlungselemente

Folgender Handlungsablauf kennzeichnet nach Nusser (2009, S. 23) den klassischen Detektivroman:
1. Das rätselhafte Verbrechen (meist ein Mord)
2. Die Fahndung: Who (Wer), How (Wie), Why (Warum)
3. Lösung des Falls und Überführung des Täters

4.1.1 Das rätselhafte Verbrechen

Zu Beginn des Romans steht das Verbrechen (meist ein Mord), das durch seine mysteriösen und noch ungeklärten Umstände als das die Handlung beherrschende Rätsel fungiert und in Hinblick auf die Tätigkeiten des Detektivs eine auslösende Funktion einnimmt (Nusser, 2009, S. 24). Schilderungen zu Blut- und Gewalttaten spielen, anders als beim Thriller, keine Rolle. Vielmehr soll das Verbrechen als Rätselstellung intellektuelle Neugierde, sowohl beim Detektiv als auch beim Leser, wecken. Hierzu wird das Rätsel um das Verbrechen als eine von der Alltagserfahrung des Lesers abweichende Kuriosität dargestellt, die höchst unwahrscheinlich, aber nicht physisch unmöglich ist (ebd.). So ist das Verbrechen beispielsweise in einem sogenannten „locked-room oder in einem soziologisch untypischen Kontext verübt worden: z.B. in einem geschlossenen Raum, den keiner der Verdächtigen betreten haben kann oder will (locked-room) oder im Kontext „eine(r) idyllische(n) Szene als Topographie, in der die Mittelschicht das Zentrum der dargestellten Gesellschaft bildet“ (Tschimmel, 1979, S. 16; s.a. Riedlinger, 2000, S. 32). Zentral bleibt jedoch immer das zu lösende Rätsel, wobei moralische Defekte der Gesellschaft im Rahmen der Verbrechensschilderung nur dazu dienen, den Schwierigkeitsgrad und die Rätselfrage nach dem Täter zu erhöhen; die Kritik an der Gesellschaft wird nur begrenzt zum Thema erklärt (Tschimmel, 1978, S. 20). So resümiert Tschimmel über den Detektivroman: „Gemäß der Gattungstradition kristallisieren Handlungsschematisierung, Personentypisierung und Abgeschlossenheit des Handlungsschauplatzes essentiell das Rätsel und bewirken eine a-realistische Darstellung der Gesellschaft“ (ebd., S. 24). Die Mordart ist zudem trivial und „erzähltechnisch in eine zeitliche, emotionale und intellektuelle Distanz gerückt“, sodass sie beim Leser und den Romanfiguren nur kurzfristig Emotionen aufkommen lässt, den Detektiv aber – typisch für diese Romanart – am Ende triumphieren lässt (ebd., S. 100). In ähnlicher Weise argumentiert auch Anders (1971): „Der gute Kriminalroman hat seine Tabus und seine goldenen Regeln, er schildert keine Sittlichkeitsverbrechen“ (S. 534).

Übertragung auf den Roman „Das Versprechen“: Dürrenmatt weicht in seinem Roman zwar insofern vom klassischen Detektivroman ab, als das er dem Leser ein Sexualverbrechen („Lustmord“) an einem kleinen Mädchen namens Gritli Moser, präsentiert, jedoch erzielt die recht kühle Ausdruckform des Erzählers Dr. Hs, die vom klassischen Detektivroman geforderte emotionale Distanz. Auf den Mord als Kuriosität, dessen Ausführung zwar möglich aber unwahrscheinlich ist, verzichtet Dürrenmatt. Die Erörterung, dass es sich beim Mord an Gritli Moser um den dritten dieser Art handele, verweist auf die scheinbare Plausibilität eines solchen Mordes in der Gegend. Umfangreiche Erläuterungen zur Außergewöhnlichkeit der Begleitumstände des Mordes lassen sich ebenfalls nicht im Roman finden. Lediglich die vom Regen weggespülten Indizien erzeugen beim Leser eine gewisse Rätselspannung.

4.1.2 Die Fahndung: Who (Wer), How (Wie), Why (Warum)

Die Fahndung und schrittweise Rekonstruktion des Verbrechens nimmt den größten Anteil des Detektivromans ein. Nach Nusser (2009) lässt sich die Fahndung in die Teilaspekte „Beobachtung“, „Verhöre von Verdächtigen“, eventuelle „Verfolgungen von Tatverdächtigen“ und die „Inszenierung der Täterüberführung“ unterteilen (S. 25). Einen besonderen Stellenwert bei der Fahndung (insbesondere bei der Beobachtung) nehmen vor allem die „clues“ ein, die – wie Alewyn (1998) bereits anführte – mit dem Begriff Hinweis, Spur oder Indiz nicht umfassend genug definiert sind: „Ein clue ist ein Kryptogramm: ein Gegenstand, ein Sachverhalt, ein Vorkommnis, eine Geste, die eine Frage provoziert und zugleich eine Antwort verbirgt. Die Kunst besteht darin, clues zu sehen und zu lesen“ (S. 61f). Entscheidend für einen „clue“ ist dabei jedoch nicht seine Ausprägung, sondern sein Abweichen von der Norm des Alltäglichen. So sind nach Alewyn (1998) beispielsweise nicht die verstaubten Bücher im Regal, wohl aber diejenigen unter ihnen, die nicht verstaub sind ein „clue“ (S. 62). Nach Wellersdorf (1975) wird ein solcher „clue“ aber erst im Zusammenspiel mit weiteren zusammenhängenden „clues“ für den Fall relevant (S. 85f).

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668542402
ISBN (Buch)
9783668542419
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376884
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Dürrenmatt Krimi Detektivroman

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Das Ende des Kriminalromans? Friedrich Dürrenmatts "Das Versprechen"