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Mediensozialisationseffekte. Der Einfluss der Medien auf den Sozialisationsprozess

Hausarbeit 2015 17 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffliche Grundlagen der Mediensozialisation

3 Mediensozialisationseffekte
3.1 Entwicklungsaufgaben, Medienkompetenz und Medienbildung
3.2 Identität und Subjektivität

4 Mediensozialisation in einer vernetzten Kultur

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seitdem es Medien gibt, haben sie einen prägenden Einfluss auf die Gesellschaft. Bereits die Erfindung des Buchdrucks hat es ermöglicht, eine breite Masse an Menschen mit Informationen und somit auch Bildung zu versorgen. Durch das Telefonnetz ist man seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Lage auch über große Entfernungen mit Menschen zu kommunizieren. Der Rundfunk macht es möglich viele Menschen zeitgleich zu erreichen und sie zu informieren und unterhalten. Das Internet, als bahnbrechende Erfindung des 20. Jahrhundert, vereint und erweitert alle diese Funktionen. So werden neue Medien oft sehr schnell durch ihren zusätzlichen Nutzen in Gesellschaften integriert. Die weltweite Vernetzung und die damit verbundene Fähigkeit, zu jeder Zeit überall mit jedem kommunizieren zu können, prägt das heutige Zeitalter so sehr, dass die gegenwärtige gesellschaftliche Epoche oft als „Informationszeitalter“ betitelt wird. Die Beziehung zwischen Medien und Menschen ist dabei wechselseitiger Natur, da die Menschen einerseits Art und Inhalt der Medien bestimmen, anderseits jedoch von Form und Inhalt der Medien selbst beeinflusst werden. Hierbei ist der Einfluss von Medien dermaßen ausschlaggebend, dass sich Veränderungen im Kommunikationsverhalten sowohl auf das gesamte soziale Zusammenleben, als auch auf die einzelnen Individuen auswirken. Sich dem medialen Einfluss zu entziehen wird in Zeiten von Smartphones und mobiler Internetnutzung immer schwieriger. Im Durchschnitt verbringen die Deutschen mittlerweile bis zu 10 Stunden täglich mit der Mediennutzung.1 Dies kann insbesondere bei heranwachsenden Personen, die ihren Platz in der gesellschaftlichen Ordnung noch nicht gefunden haben, zu einer Beeinflussung des Eingliederungsprozesses führen.

Im Folgenden soll sich mit diesen medial bedingten Sozialisationseffekten auseinandergesetzt werden und untersucht werden, wie Individuen durch Medienrezeption in ihrer Persönlichkeitsentwicklung geprägt werden können. Dabei fällt die Analyse dieser Prozesse unter anderem in den Forschungsbereich der Mediensoziologie, wird aber auch interdisziplinär von Medien-, Kommunikations- und Erziehungswissenschaftlern behandelt. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Mediensozialisation gibt es somit viele theoretische und empirische Werke, die eine Reihe unterschiedlicher Sichtweisen und Schwerpunkte in Bezug auf die medialen Sozialisationseffekte darbieten. Die Effekte sind an sich nie gut oder schlecht, sondern hängen von den individuellen, sozialen und kontextuellen Rahmenbedingungen ab. Es soll also vor allem herausgearbeitet werden, auf welchen Ebenen Sozialisation von Medienkonsum beeinflusst wird. Hierzu werden vorerst relevante Begriffe für die Thematik definiert und eine Einordnung des Forschungsfeldes der Mediensozialisation vorgenommen. Im weiteren Verlauf wird auf einige Gebiete eingegangen, in denen Mediennutzung auf den Sozialisationsprozess einwirkt (Entwicklung von Medienkompetenzen, medienbasierten Bildungsmöglichkeiten und den Einfluss von Mediennutzung auf die Identitätsbildung eines Individuums). Abschließend soll sich noch mit den potenziellen

Auswirkungen, beziehungsweise Gefahren des veränderten Medienkonsums auseinandergesetzt werden, wobei die verbreitete Handynutzung in Verbindung mit mobilen Internet im Mittelpunkt steht. In diesem Zusammenhang soll auf die Theorien der amerikanischen Soziologin und Psychologin Sherry Turkle eingegangen werden, die sich mit den Folgen der dauerhaften Konnektivität in den „vernetzten Kulturen“ beschäftigt. Im Fazit werden die Ergebnisse letztlich zusammengefasst und in Perspektive gesetzt. Zusätzlich wird über zukünftige Herausforderungen der Mediensozialisationsforschung gesprochen und auf die Bedeutung von Medienkompetenzen eingegangen.

2 Begriffliche Grundlagen der Mediensozialisation

„ Im heute allgemein vorherrschenden Verst ä ndnis wird mit Sozialisation der Proze ß der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Pers ö nlichkeit in Abh ä ngigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen verstanden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. “ 2

Diese Definition nach Hurrelmann steht exemplarisch für einen Sozialisationsbegriff, der in der Wissenschaft allgemeine Verwendung findet und die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen, individuellen und auch medialen Einflussgrößen betont. Die gesellschaftlichen Lebensbedingungen und die Bildung der Persönlichkeit stehen in einem ständigen Wechselverhältnis, welches auch dem Mediensozialisationsbegriff von Schorb zu Grunde liegt. Ihm zufolge dienen Medien als Mittler von Wissen, Weltbildern und somit als Lebensorientierung.3 Im Prozess der Persönlichkeitsentwicklung spielen Medien also insofern eine Rolle, dass sie als Kommunikationsinstrument zwischen Gesellschaft und Subjekt vermitteln.4 Besonders Kinder und Jugendliche, die meist den Forschungsgegenstand darstellen, sind weniger als Erwachsene in ihrem Denken festgelegt und daher offener für äußere Einflüsse.

Unter „Medien“ werden im Folgenden größtenteils die Massenmedien verstanden, die sich nach Definition zum einen durch ihren uneingeschränkten Kreis an möglichen Rezipienten, und zum anderen durch ihre einseitige, zeitlich und räumlich unabhängige Übertragung auszeichnen.5 Der Medienpsychologe Daniel Süss, dessen Forschungsschwerpunkt auf Mediensozialsation liegt, unterscheidet die am Sozialisationsprozess beteiligten Akteure abhängig von ihrer Rolle als Sozialisator oder Sozialisand. Dabei agieren Sozialisatoren als Vermittler, die den „Lernenden“ (Sozialisanden), mit den Werten, Normen und Rollen der Gemeinschaft vertraut macht. Zusätzlich können die Sozialisatoren in Sozialisationsinstanzen und -agenten unterteilt werden. Die Instanzen setzen sich aus Institutionen, beziehungsweise Personen zusammen, die eine explizite Sozialisationsfunktion ausführen, wie zum Beispiel die Eltern oder die Schule. Die Instanzen besitzen Sanktions- beziehungsweise Belohnungsmechanismen gegenüber den Sozialisanden. Sozialisationsagenten vermitteln im Gegensatz dazu ohne direkten Auftrag oder Sanktionsmittel Wertehaltungen und Verhaltensmodelle. Dies können ebenfalls Personen oder Institutionen sein, die jedoch in keinem direkten autoritären Verhältnis zum Sozialisanden stehen. Beispiele hierfür wären Werbung, gleichaltrige Personengruppen und auch die Medien.6 Diesen prozesshaftigen Sozialisationsbegriff kann man durch den Erwerb bestimmter Eigenschaften ergänzen, welche zur „Vergesellschaftung“ beitragen. Diese Eigenschaften werden als Dispositionen bezeichnet. In der Forschungsliteratur existiert eine große Diskussion darüber, was als Disposition definiert werden kann und was nicht, beziehungsweise ob diese eine nicht-dispositionale Basis braucht und auf die „vererbten“ Eigenschaften reduziert werden kann. Die Erläuterung dieser Diskussion würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten, jedoch kann festgehalten werden, dass sich Sozialisation kaum vom Erwerb rein individueller Dispositionen abgrenzt. Dispositionen sind dabei kein statisches Konstrukt, sondern situationsbedingt unterschiedlich ausgeprägt und verändern sich mit der Zeit. Neu gewonnene Eigenschaften und Eindrücke modifizieren nämlich die bereits vorhandenen Dispositionen eines Individuums. Um unsere Forschungsfrage zu beantworten, sind Dispositionen, die über eine größere Anzahl von Personen hinweg ähnlich sind, von großer Bedeutung.7 Dadurch kann eine sehr anschauliche Definition von Mediensozialisation gegeben werden:

Mediensozialisation sei der Prozess des Erwerbs von Dispositionen, welche auf typische und ausreichend folgenreiche Weise mit Bezug auf die Mediennutzung sozial strukturbildend sind, also die Mediennutzung zum Gegenstand haben (k ö nnen).8

Zuletzt wird noch kurz eine Einordnung des Forschungsfeldes vorgenommen. Die Forschung zur Mediensozialisation ist mittlerweile breit gefächert. Ihre theoretische Ausrichtung soll sie von der klassischen Medienwirkungsforschung abheben, indem sie ein anderes Menschenbild postuliert. Dabei stellt sie ein aktives Subjekt, welches symbolische Deutungsleistungen zu Stande bringen kann, in den Vordergrund. Die Forschung vereint sozialisationstheoretische Ansätze mit Perspektiven aus der Medienwirkungsforschung und behandelt tendenziell mehr unbeabsichtigte und unbemerkte Effekte. In Debatten zur Mediensozialisationsforschung wird teilweise auch die Frage diskutiert, ob Medien überhaupt eine sozialisierende Wirkung ausüben.9 Diese Frage soll im Folgenden jedoch nicht genauer behandelt werden, um einen sinnvollen Rahmen der Arbeit beizubehalten.

Methodisch wird in der Forschung eher ethnographisch, rekonstruktiv-interpretativ und qualitativ gearbeitet. Wenn quantitative Daten zu Rate gezogen werden, beziehen sie sich meist nur auf die Mediennutzung an sich. Thematisch stehen, wie schon erwähnt, meist Kinder und Jugendliche im Vordergrund, doch auch Erwachsenenbildung und Medienkompetenzen verschiedener Altersgruppen werden beachtet.10 Des Weiteren könnte man Sozialisation auch aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und zwischen funktionalistischer, sozialökologischer oder kultursoziologischer Perspektive unterscheiden,11 wobei für den weiteren Verlauf der Arbeit die erläuterten Begriffe ausreichen um Mediensozialisationseffekte in ihrer Wirkungsweise zu verstehen. Im folgenden Abschnitt werden nun Mediensozialisationseffekte in Bezug auf die Entwicklung von Heranwachsenden vorgestellt und es wird dabei sowohl auf den allgemeinen Umgang mit Medien, als auch auf den Einfluss bezüglich individueller Dispositionen eingegangen.

3 Mediensozialisationseffekte

Mit Hilfe der beschriebenen Grundlagen und einer kurzen Beschreibung, inwiefern Medien als „Sozialisationsagent“ fungieren, soll im Weiteren erklärt werden, in welchen Bereichen und Ebenen sich Medien auf die Sozialisation der Menschen auswirkt. Allgemein gilt, dass die Wirkung von medialen Inhalten auf ihre Rezipienten, in der Medienwirkungsforschung wie in der Mediensozialisationsforschung, nicht mehr bloß durch monokausale Zusammenhänge erklärt wird, wie es dem klassischen Stimulus-Response-Modell zugrunde liegt („Was machen Medien mit den Menschen?“). Vielmehr wird von einer wechselseitigen Wirkung ausgegangen, die zusätzlich die aktive Rolle des Rezipienten bei der Wahl des Medienkonsums („Was macht der Mensch mit den Medien?“) einbezieht. Laut Schorb beeinflussen sich diese zwei Ebenen im Prozess der Mediensozialisation gegenseitig.12 Als „Sozialisationsagent“ stellen die Medien entwicklungsrelevante Umwelterfahrungen dar.13 Es werden Situationen medial dargeboten, deren reine Darstellung bereits eine Bewertung der jeweiligen Situation beinhaltet. So können über Medien die für üblich gehaltenen moralischen Werte erschaffen und die Vorstellung von sozialer Realität und gesellschaftlicher Normalität konstruiert werden. Gerade die im sogenannten Mainstream gezeigten Bilder können suggerieren, wie eine funktionierende Gesellschaft und das „gute Leben“ auszusehen haben.14

3.1 Entwicklungsaufgaben, Medienkompetenz und Medienbildung

Entwicklungsaufgaben sind ein wichtiges Konstrukt der Sozialisationsforschung und stellen gewisse Sozialisationsziele dar, welche es typischerweise in einer bestimmten Altersphase und in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext zu erfüllen gilt. Es wird meist von einer „normalen Biografie“ ausgegangen. Gängige Sozialisationsziele in der mittleren Kindheit (6- 12 Jahre) sind das Erlernen körperlicher Geschicklichkeit, das Lernen mit Altersgenossen zu Recht zu kommen oder die Entwicklung grundlegender Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen, sowie die Aneignung gewisser Medienkompetenzen. Allgemein kann zwischen F- und B-Kompetenzen unterschieden werden (Fähigkeiten und Berechtigungen).

[...]


1 Vgl. Hippel, Aiga von (2007), S. 47; Die Mediennutzung ist dabei jedoch nicht nur aktiv sondern auch passiv. 3

2 Hurrelmann, Klaus (1986), S. 14.

3 Vgl. Schorb, Bernd (2005), S. 387 ff.

4 Vgl. Hippel, Aiga von (2007), S. 47.

5 Vgl. Kr ä mer, Benjamin (2013), S. 62.

6 Vgl. S ü ss, Daniel (2004), S. 25f.

7 Vgl. Kr ä mer, Benjamin (2013), S. 25ff.

8 Kr ä mer, Benjamin (2013), S. 32.

9 Vgl. Lutze, Peter (2008), S. 3; Der Medien- und Kommunikationssoziologen Dr. Peter Lutze argumentiert hier beispielsweise mit dem „kognitiven Axiom“, welches besagt, dass ein Mensch im wachen Zustand „nicht nicht kognizieren“, also wahrnehmen kann und somit ständig Sachen aus seiner direkten Umwelt mit Bedeutung versieht, egal ob bewusst oder unbewusst. Dieser Ansatz ist angelehnt an eines der fünf Axiome der bekannten Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick „Man kann nicht nicht kommunizieren“.

10 Vgl. Kr ä mer, Benjamin (2013), S. 21f.

11 Vgl. S ü ss, Daniel (2004), S. 29ff.

12 Vgl. Schorb, Bernd (1998), S. 495ff.

13 Vgl. Lukesch, Helmut (2008), S. 386.

14 Vgl. Kr ä mer, Benjamin (2013), S. 191.

Details

Seiten
17
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668542198
ISBN (Buch)
9783668542204
Dateigröße
261 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376881
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
Mediensozialisation Smartphone Technischer Fortschritt Chancen Gefahren Mediensoziologie Sozialisationsprozess Mediensozialisationseffekte Identität Subjektivität Vernetzung Globalisierung Netzwerke Soziale Netzwerke Facebook Medienpädagogik Digitalisierung digitale Welt Einsamkeit Sherry Turkle

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Titel: Mediensozialisationseffekte. Der Einfluss der Medien auf den Sozialisationsprozess