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Einfluss der Chat-Kommunikation auf die Schriftsprache von Jugendlichen

Hausarbeit 2014 27 Seiten

Medien / Kommunikation - Technische Kommunikation

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Klassifizierung der Kommunikationsform ‚Chat‘
2.1 Modell der medialen / konzeptionellen Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit
2.2 Einordnung der Chat-Kommunikation

3. Analyse der Chat-Kommunikation
3.1 Grundsätzliche trägermediale Bedingtheiten in der Chat-Kommunikation
3.2 Linguistische Merkmale der Chat-Kommunikation

4. Veränderung der Schriftsprache Jugendlicher durch den vermehrten Einsatz von Chat-Kommunikation? – Vorstellung einiger Studien aus diesem Forschungsgebiet
4.1 Vergleichsstudie zur Sprachverwendung auf Artikel- und Diskussionsseiten der deutschen Wikipedia
4.2 Projekt „Schreibkompetenz und neue Medien“

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

„Millionenfach ergießt sich heute spontanes Alltagsschriftdeutsch [...] ins Internet. Dort lässt sich aufs ausführlichste besichtigen, wie es um die Schreibkompetenz der aus den Schulen ins Leben erlassenen Bevölkerung bestellt ist“ (Zimmer, 2005, zitiert nach Dürscheid & Brommer, 2009, S.1). So beschreibt der Journalist Dieter E. Zimmer die Auswirkungen der sogenannten neuen Medien, gemeint sind damit vor allem jegliche Arten von Chat-Programmen, auf die Schreibfähigkeit und –kompetenz der Jugendlichen. Tatsache ist, dass Chats in jeglicher Form im letzten Jahrzehnt zu einem wichtigen Bestandteil in der Kommunikation von Jugendlichen geworden sind. Egal, ob es sich um Instant Messenger wie ‚ICQ‘, ‚Windows Live Messenger‘ oder ‚WhatsApp‘, um Webchats oder um die Chat-Funktionen sozialer Netzwerke wie ‚Facebook‘ handelt, ein Großteil der Kommunikation zwischen Jugendlichen findet medienvermittelt statt (ARD/ZDF Onlinestudie, 2013).

Ob diese vermehrte Verwendung eines neuen sprachlichen Duktus (Koch & Oesterreicher, 1994) sich auch auf die Schriftsprache der Jugendlichen außerhalb der virtuellen Welt von Chats auswirkt, ist in der Forschung umstritten. Vor allem in der Öffentlichkeit, aber auch in den Publikationen einiger Wissenschaftler, wird die Meinung vertreten, die Sprache, die Jugendliche in den Chat-Programmen verwenden, färbe auf die Schriftsprache außerhalb der Chats negativ ab (Dürscheid, Wagner & Brommer, 2010).

In der Gegenposition wird betont, dass Jugendliche (wie auch Personen anderer Altersgruppen) sehr gut zwischen den verschiedenen Sprech- und Schreibsituationen unterscheiden können und so den jeweils angemessenen sprachlichen Duktus verwenden (Dürscheid, Wagner & Brommer, 2010).

In der vorliegenden Arbeit soll nun untersucht werden, ob und inwieweit sich die Schriftsprache Jugendlicher außerhalb der virtuellen Realität durch den vermehrten Einsatz von Chats in den letzten Jahren verändert hat. Ziel dieser Arbeit ist es, Veränderungen in der Sprache Jugendlicher anhand der aktuellen Forschung zu beschreiben und zu identifizieren.

Hierzu wird in Kapitel 2 zunächst die Kommunikationsform Chat anhand des Modells zur Mündlichkeit und Schriftlichkeit von Koch und Oesterreicher (1994) eingeordnet, analysiert und charakterisiert. Diese Analyse der Kommunikationsform Chat wird in Kapitel 3 weitergeführt, unter Hinzunahme eines vergleichenden Aspekts der Chat-Kommunikation mit der Face-to-Face-Kommunikation.

Kapitel 2 und 3 dienen somit als theoretische Grundlage für die Beantwortung der anfänglichen Fragestellung. Um den Sachverhalt jedoch ganzheitlich beurteilen zu können, bedarf es einer Untersuchung der aktuellen Forschung zu diesem Themengebiet. Daher werden in Kapitel 4 aktuelle Studien zum angesprochenen Forschungsgebiet vorgestellt und kritisch diskutiert.

Mit den Inhalten aus den drei vorangegangenen Kapiteln wird im fünften Abschnitt dieser Arbeit ein Fazit gezogen und die anfängliche Forschungsfrage beantwortet.

2. Klassifizierung der Kommunikationsform ‚Chat‘

Schon der Begriff ‚Chat‘[1] lässt erahnen, dass es sich bei dieser Kommunikationsform, obgleich schriftlich repräsentiert, um eine Form der Kommunikation handelt, die in vielen Bereichen dem Mündlichen sehr ähnlich ist. Die These wird unterstützt durch die Tatsache, dass Chatter ihre Handlungen oftmals als ‚reden‘, ‚sprechen‘, ‚sagen‘ oder auch ‚hören‘ bezeichnen (Stumpf, 2005). Diese Wahrnehmung der Nutzer ist in erster Linie auf die Synchronizität und die dialogische Struktur dieser Kommunikationsform zurückzuführen (Stumpf, 2005).

Trotz aller Nähe zur gesprochenen Sprache ist in der Chat-Kommunikation auch immer wieder das „zwitterhafte Wesen der Chat-Kommunikation zwischen gesprochener und geschriebener Sprache“ (Wilde, 2002, S.9) zu beobachten:

„(dr.hc) könnd ih mis höen?

(…)

(Findalf) d,hc. nur schwach, es fehlen Buchstaben…“ (Storrer, 2001, S.445)

In der Forschung nimmt der Chat damit durchweg eine hybride Stellung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und somit eine Sonderstellung gegenüber herkömmlichen Kommunikationsformen, ein (Wilde, 2002).

Im Bereich der kommunikationstheoretischen Einordnung können die Begriffe ‚mündlich‘ und ‚schriftlich‘ verschiedene Bedeutungen tragen. So kann ‚mündlich‘ zum einen anzeigen, dass man spricht (z.B. in einer Face-to-Face-Kommunikation), auf der anderen Seite kann es aber bedeuten, dass es sich um einen spontanen, dialogischen Text handelt (z.B. in einer Chat-Kommunikation). ‚Schriftlich‘ dagegen kann zum einen bedeuten, dass es sich um einen geschriebenen Text handelt (z.B. eine wissenschaftliche Ausarbeitung), als auch, dass es sich um einen reflektierten, meist monologischen Vortrag handelt (z.B. ein vorgelesener Gesetzestext) (Stumpf, 2005).

2.1 Modell der medialen / konzeptionellen Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit

In der Klassifizierung von Kommunikationsformen hat sich das Modell der Mündlichkeit / Schriftlichkeit von Koch & Oesterreicher (1994) bewährt. Hier wird differenziert zwischen medialer und konzeptioneller Mündlichkeit / Schriftlichkeit. Im Bereich der Medialität handelt es sich um eine dichotomische Abgrenzung, die sich auf das Medium bezieht, in dem die Kommunikation realisiert wird. ‚Medial mündlich‘ (alternativ auch: ‚phonisch‘) bedeutet, dass die Äußerungen gesprochen werden. ‚Medial schriftlich‘ (alternativ auch: ‚graphisch‘) besagt, dass die Aussagen geschrieben vermittelt werden (Wilde, 2002).

Die Konzeption bezieht sich dagegen auf „den Duktus, die Modalität der Äußerung“ (Storrer, 2000, zitiert nach Stumpf, 2005, S.11). Es kann hier somit keine klare Dichotomie festgestellt werden; die Begriffe ‚mündlich‘ und ‚schriftlich‘ sind vielmehr als Endpunkte eines Kontinuums zu verstehen, zwischen welchen es einige Abstufungen gibt. (vgl. hierzu Abbildung 1 und 2) Dies wird deutlich, wenn man vier Beispiele auf ihre Konzeption überprüft: ein familiäres Face-to-Face-Gespräch ist eindeutig der konzeptionellen Mündlichkeit zuzuordnen, ein Gesetzestext dagegen der konzeptionellen Schriftlichkeit; die Abstufungen werden deutlich, wenn man die konzeptionelle Mündlichkeit / Schriftlichkeit eines privaten Briefes mit der eines Behördenbriefs vergleicht (Wilde, 2002).

Koch & Oesterreicher (1994) halten an dieser Stelle fest, dass man die angesprochenen Endpunkte dieses Kontinuums durch die Parameter ‚raum-zeitliche Nähe‘ (Tendenz zur Mündlichkeit) und ‚Distanz‘ (Tendenz zur Schriftlichkeit) beschreiben kann. Sprachliche Nähe / Distanz sind gekennzeichnet durch gewisse „Kommunikationsbedingungen“ sowie „Versprachlichungsstrategien“ (Koch & Oesterreicher, 1985, S.23):

- Sprache der Nähe
- Kommunikationsbedingungen: Dialog, Vertrautheit der Partner, Face-to-Face-Interaktion, freie Themenentwicklung, keine Öffentlichkeit, Spontaneität, Affektivität
- Versprachlichungsstrategien: Prozesshaftigkeit, Vorläufigkeit, geringe Informationsdichte, geringe Planung und Komplexität
- Sprache der Distanz
- Kommunikationsbedingungen: Monolog, Fremdheit der Partner, raumzeitliche Trennung, Themenfixierung, Öffentlichkeit, Reflektiertheit
- Versprachlichungsstrategien: Endgültigkeit, größere Informationsdichte, Kompaktheit, Komplexität, Elaboriertheit, Planung (Wilde, 2002)

2.2 Einordnung der Chat-Kommunikation

Die Chat-Kommunikation ist eine medial schriftliche Kommunikationsform, die sich in ihrer Konzeption allerdings sehr nahe am Pol der konzeptionellen Mündlichkeit befindet. Dies wird vor allem dann deutlich, wenn man die Kommunikationsbedingungen der Sprache der Nähe auf ihre Anwesenheit in der Chat-Kommunikation überprüft. So handelt es sich bei Chats um Dialoge, die charakterisiert werden können durch eine freie Themenentwicklung. Die einzelnen Beiträge sind geprägt von Spontaneität, Affektivität und Expressivität. Außerdem sind die Chatbeiträge in eine Konversation eingebunden (Involvement) und sind folglich nicht zusammenhanglos zu verstehen (Stumpf, 2005)

Die von Koch & Oesterreicher (1985) aufgeführten Eigenschaften der Sprache der Nähe treffen alle auf die Chat-Kommunikation zu: Wie auch im Face-to-Face-Gespräch spielt die Vorläufigkeit eine große Rolle, da sich die Beiträge an den vorherigen Beiträgen orientieren. Außerdem ist ein Chat-Gespräch geprägt von einer geringen Informationsdichte und geringer Kompaktheit. Dies hängt damit zusammen, dass Beiträge bei einer Chat-Kommunikation sehr schnell erfolgen müssen, was dazu führt, dass der Sender einer Information keine größere Überlegungsphase oder Produktionszeit beanspruchen kann. Diese zeitliche Knappheit führt in Chat-Beiträgen zu geringerer Komplexität und Elaboriertheit. Um die Pausen zwischen den einzelnen Chat-Beiträgen möglichst gering zu halten, fällt die Planungsphase einer Nachricht in der Chat-Kommunikation ebenfalls kürzer aus (Stumpf, 2005).

3. Analyse der Chat-Kommunikation

Im vorangegangenen Kapitel konnte gezeigt werden, dass die Chat-Kommunikation nach der kommunikationstheoretischen Einordung von Koch & Oesterreicher (1985) eine medial schriftlich repräsentierte Kommunikationsform ist, die sich im Kontinuum der Konzeption aber sehr nahe am Pol der Mündlichkeit (Sprache der Nähe) befindet. Die Chat-Kommunikation nimmt somit eine einzigartige hybride Position zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein.

In diesem Abschnitt sollen nun typische Merkmale der Chat-Kommunikation, im Hinblick auf linguistische Besonderheiten aber auch trägermediale und externe Bedingungen analysiert werden. Der Schwerpunkt der Analyse liegt dabei auf der Untersuchung der Merkmale, die für die Ermittlung von konzeptioneller Mündlichkeit (Sprache der Nähe) relevant sind.

3.1 Grundsätzliche trägermediale Bedingtheiten in der Chat-Kommunikation

Beisswenger (2002) macht auf die trägermediale Bedingtheit aufmerksam, die „Bedeutung […] nicht nur für das Zustandekommen [der Chat-Kommunikation] sondern darüber hinaus auch für die spezifische konzeptionelle Verfaßtheit von Chat-Kommunikation [hat]“ (Beisswenger, 2002, S.6). Laut Beisswenger steht „[d]er Begriff des Trägermediums […] für die Medialität der Übermittlung der Beiträge im Rahmen computervermittelter Kommunikation und umfaßt sowohl die technischen Voraussetzungen für die Teilnahme an der Kommunikation […] als auch sämtliche Prozeduren, die das Zustandekommen der Kommunikation und die Organisation und Distribution der Teilnehmerbeiträge regeln“ (Beisswenger, 2002, S.6). Die trägermediale Bedingtheit in der Chat-Kommunikation wird im Folgenden im Vergleich zur Face-to-Face-Konversation untersucht.

- Im Gegensatz zur Face-to-Face-Kommunikation, bei der räumliche und zeitliche Kopräsenz aller Teilnehmer eine Grundvoraussetzung sind, spielt bei der Chat-Kommunikation lediglich die zeitliche Kopräsenz eine Rolle.

- Die Chat-Kommunikation findet, trotz ihrer konzeptionellen Mündlichkeit, im Medium Schrift statt, während Face-to-Face-Gespräche an die mediale Mündlichkeit gebunden sind.

- Bei einer Face-to-Face-Konversation ist eine (minimale) Bekanntheit der Teilnehmer unerlässlich, was bei der Chat-Kommunikation keine Voraussetzung ist.

- Anders als bei einem direkten mündlichen Gespräch, bedarf es für eine Chat-Kommunikation einer technischen Ausstattung (Computer, Internetzugang).

- Bei einer Face-to-Face-Kommunikation können trägermediale Einschränkungen lediglich von der eigenen Stimme und der persönlichen Verfassung her rühren; beim Chatten hängen trägermediale Einschränkungen von mehr Faktoren ab (z.B. Kapazität des eigenen Computers, Datenverarbeitungsgeschwindigkeit).

- Anders als in der direkten mündlichen Konversation können bei der Chat-Kommunikation Probleme bei der Datenübertragung die Aussagen verändern. Auch kann die Absenz von sozialer Präsenz der Gesprächsteilnehmer, von non- und paraverbalen Hinweisen zu Verständnisproblemen bei chat-vermittelter Kommunikation führen.

- Im Vergleich zu anderen medial schriftlichen Kommunikationsformen zeigt die Chat-Kommunikation eine große Spontaneität und Direktheit; verglichen mit der Face-to-Face-Kommunikation kann aber nur von einer eingeschränkten Spontaneität und Direktheit gesprochen werden, da in der Chat-Kommunikation Produktions- und Äußerungsakt (Tippen und Absenden) getrennt sind.

(Wilde, 2002)

Aufgrund dieser trägermedialen Bedingtheiten in der Chat-Kommunikation kommt Beisswenger (2002) zu dem Schluss, dass „die kommunikative Grundhaltung beim Chatten […] weitgehend durch die technischen und prozeduralen Leistungen des Trägermediums beeinflusst“ (Beisswenger, 2002, zitiert nach Wilde, 2002, S.18) wird.

3.2 Linguistische Merkmale der Chat-Kommunikation

Im folgenden Textabschnitt werden linguistische Besonderheiten der Chat-Kommunikation beschrieben und analysiert. Die linguistischen Merkmale werden hierfür den nachstehenden Gruppen zugeordnet: Phonetik / Phonologie und Morphologie, Syntax, Lexik, Abkürzungen / Akronyme und Orthographie. Diese detailgenaue Analyse und Zuordnung dient der späteren Überprüfung, inwieweit sich eben diese linguistischen Besonderheiten der Chat-Kommunikation auch in der Schriftsprache der Jugendlichen außerhalb der virtuellen Welt der Chat-Programme finden lassen und ist somit unabdingbar für die spätere Beantwortung der anfänglich dargelegten Fragestellung.

Phonetik / Phonologie und Morphologie

Im Bereich der Phonetik, Phonologie und Morphologie weist die Chat-Kommunikation zahlreiche Merkmale der gesprochenen Sprache auf. Auffällig ist hierbei die stark phonetisch orientierte Schreibweise, die oft auch dialektale Aspekte enthält. Naumann (1998, zitiert nach Wilde, 2002) nennt ein Beispiel: „oder kamma da überhaupt aufhören“ (Naumann, 1998, zitiert nach Wilde, 2002, S.12). Dass diese phonetisch orientierte Schreibweise (wie auch im vorangegangenen Beispiel) nicht immer konsequent durchgehalten wird, kann auf eine Gewöhnung an die orthographischen Normen zurückgeführt werden (Wilde, 2002).

Kilian (2001) fasst die häufigsten durch die phonetische Schreibweise bedingten Phänomene zusammen:

- Endungsausfall (z.B. „Was is?“)
- Kontraktion (z.B. „sone“)
- Verschmelzung des konjugierten Verbs mit dem Personalpronomen der zweiten Person Singular (z.B. „Kommste morgen?“)
- Wiedergabe des sprechsprachlich vokalisierten /ɐ/[2] (z.B. „War mal wieda dort“)
- Auslassung des ‚Schwa-Lautes‘[3] (z.B. „Kommst du morgn?“)

(Kilian, 2001)

Syntax

Wenn in der Chat-Kommunikation überhaupt vollständige Sätze verwendet werden, sind sie meist einfach konstruiert und hypotaktisch aufgebaut. Häufig finden sich anstelle von vollständigen Sätzen Ellipsen oder Einwortsätze. Dies hängt mit der Schnelligkeit dieses Kommunikationsmediums zusammen. Die Chat-Teilnehmer sind gewillt, die Wartezeiten zwischen den einzelnen Beiträgen möglichst kurz zu halten, um beispielsweise den Anschluss an den Gesprächsfaden nicht zu verlieren. Zudem finden in einem Chat-Programm meist mehrere Dialoge parallel statt, sodass die Teilnehmer einen großen Anteil ihrer kognitiven Kapazität darauf verwenden müssen, zu überprüfen, welche Beiträge thematisch zusammengehören. Hier würden lange Beiträge die Gesprächspartner in ihrer Konzentration und Aufnahmefähigkeit überfordern (Wilde, 2002).

Eine sehr häufig genutzte syntaktische Variante in der Chat-Kommunikation sind Inflektive (Infinitkonstruktionen), die „bis auf wenige Ausnahmen durch Verbendstellung des Verbstammes gekennzeichnet sind, wobei eine Vollprädikation vorliegt gegenüber den bekannten Infinitkonstruktionen (Infinitiv- und Partizipialkonstruktionen), die eine Nebenprädikation aufweisen“ (Runkehl et al. 1998, zitiert nach Burkert, 2012, S.11). Beispiele hierfür sind: *grins*, *knuddel*, *ganzliebguck*, *daumendrück*. Inflektive dienen dazu, den (emotionalen) Zustand oder die (aktuelle) Handlung des Chatters zu beschreiben und sind somit ein Mittel für die Erzeugung von sprachlicher Nähe (Wilde, 2002).

Lexik

Anders als bei der Face-to-Face-Kommunikation entfallen bei der Chat-Kommunikation mit der Absenz von räumlicher Verbundenheit der Teilnehmer auch bestimmte Faktoren der Kommunikation, wie beispielsweise der Situations- und Wissenskontext und para- und nonverbale Hinweise. Dies führt dazu, dass der verbale Austausch einen gewichtigeren Anteil an der Gesamtkommunikation erhält und die Lexik (Wortwahl) daher ein relevantes Thema in der Chat-Kommunikation ist (Wilde, 2002).

Zusammenfassend können die Besonderheiten in der Lexik der Chat-Kommunikation in zwei große Bereiche eingeteilt werden: Verwendung von Umgangssprache und Verwendung von Anglizismen.

Im Bereich der Verwendung von Umgangssprache finden sich häufig Metaphern, Hyperbeln, Floskeln, Interjektionen, Onomatopoetika, sowie Modal- und andere Partikel, die allesamt eine verstärkende Wirkung haben und eine Sprache der Nähe suggerieren (z.B. „nun mal“, „doch“, „eigentlich“, „irgendwie“). Die Interjektionen und Partikel kommen in der Chat-Kommunikation am häufigsten in interaktiver Funktion vor, das bedeutet, sie haben das Ziel, den Gesprächsfaden an den Gesprächspartner weiterzureichen (z.B. „gell“, „ok“, „oder“). Häufig werden auch sogenannte Pausenpartikel verwendet, wie z.B. „ähm“, „achja“, „tja“ (Wilde, 2002).

In hoher Anzahl werden in Chat-Konversationen Anglizismen verwendet. Laut Schwencke (2012) rührt die vielfache Verwendung von Wörtern aus dem Englischen / Amerikanischen aber nicht von der Tatsache her, dass es keine deutschen Entsprechungen gibt. Vielmehr „[…] dient sie zum Unterstreichen der Gruppenzugehörigkeit, was als Solidarität bezeichnet wird, zum anderen zur Abgrenzung nach außen, die sogenannte Distinktion“ (Schwencke, 2012, S.42). Beispiele für häufig gebrauchte Anglizismen sind laut Schwencke (2012) „Party“, „chillen“ und „shoppen“ (Schwencke, 2012, S.29).

Abkürzungen und Akronyme

Abkürzungen und Akronyme sind keine spezifische Erscheinung in Chats, da sie in allen Bereichen computervermittelter Kommunikation zu finden sind. Allerdings wird diese Form der Graphie in Chat-Kommunikationen besonders extensiv verwendet. Beispiele für gängige Abkürzungen in Chats sind z.B.: „btw für by the way“, „cu für see you“, „jk für just kidding“ (Wilde, 2002, S.15). Beispiele für Akronyme sind z.B.: „lol für laughing out loud“, rofl für rolling on floor, laughing“, „afk für away from keyboard“ (Wilde, 2002, S.15 f.).

Es gibt zwei Gründe für das Verwenden von Abkürzungen und Akronymen. Schwencke (2012) unterscheidet Standardabkürzungen (z.B. „etc“, „bspw“) und speziellen Abkürzungen / Akronyme (z.B. „btw“, „lol“, „afk“): „Die Verwendung von Standardabkürzungen […] wird vermutlich an der Ökonomiefunktion orientiert sein, da es keine Notwendigkeit gibt, die Wörter voll auszuschreiben. Spezielle Abkürzungen […] würde ich eher der […] Identitätsfunktion zuschreiben, die die Gruppenzugehörigkeit betont und den Verwender nach außen hin gegen diejenigen abgrenzen soll, die mit der Abkürzung nicht vertraut sind“ (Schwencke, 2012, S.42).

[...]


[1] Das englische Wort ‚chat‘ bedeutet auf Deutsch ‚Plauderei‘, ‚Gespräch‘ oder ‚Unterhaltung‘

[2] Dieser Zentralvokal kommt in der gesprochenen Sprache zum Einsatz wenn ein Wort mit einer unbetonten Endsilbe auf –er endet. Z.B.: „Mutt er “, „bess er “, „Mess er “.

[3] Der ‚Schwa-Laut‘ wird auch mittlerer Zentralvokal genannt und befindet sich in Wörtern wie „schreib e n“, „Pferd e “ oder „Hilf e “. Orthographisch wird der ‚Schwa-Laut‘ im Deutschen allerdings nicht von anderen Vokalen unterschieden.

Details

Seiten
27
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668542709
ISBN (Buch)
9783668542716
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376878
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Weingarten – Mediendidaktik
Note
1,6
Schlagworte
Chat Chat-Kommunikation Mündlichkeit Schriftlichkeit Linguistik Schriftsprache Jugendliche Veränderung sprachlicher Duktus Sprechen Schreiben

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Titel: Einfluss der Chat-Kommunikation auf die Schriftsprache von Jugendlichen