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Eine Analyse und gattungstheoretische Einordnung der Ballade "Jammertal" von Heinrich Heine

Hausarbeit 2017 16 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Gattungen und Gattungstheorie
1.1. Ballade als Gattung
1.1.1. Merkmale einer Ballade
1.2. Heines Lyriktheorie

2. Heinrich Heines Ballade Jammertal
2.1. Erscheinungskontext
2.2. Titel
2.3. Analyse

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die verschiedenen Lebensmittelpunkte Heinrich Heines wirken sich auf sein Werk aus, das sich sowohl politisch als auch religiös auslegen lässt und mit sich wandeln- der öffentlicher Rezeption einhergeht. Heute gilt Heine als beliebter und bekannter Lyriker und Prosaschriftsteller, dessen Werke nicht nur in der universitären For- schung behandelt werden, sondern auch als Unterhaltungsliteratur von einem gro- ßen Publikum gelesen wird.

In Hinblick auf Heines politische Kontroversität ist auch die gattungstheoretische Frage, inwiefern von Heine literarische Grenzen eingehalten oder überschritten werden, interessant. Um diese Frage zu beantworten, wird die Arbeit sowohl einen theoretischen Teil, der eine Grundlage zur Gattungstheorie schafft als auch einen praktischen Teil beinhalten, der mit dem ersten Teil in Verbindung gesetzt wird. Das erste Kapitel widmet sich der Gattungstheorie einschließlich der terminologi- schen Klärung des Begriffs Gattung sowie deren Funktion und die dabei auftreten- den Schwierigkeiten. Darauf aufbauend wird im zweiten Teil diskutiert, wie die Ballade im Feld der Gattungstheorie einzugrenzen und im Vergleich zu benachbar- ten Gattungen zu definieren ist. Anschließend wird ein Aufsatz von Heinrich Heine thematisiert, der mit Überlegungen zur Lyrik, Epik und Dramatik eine ideale An- knüpfung zur Gattungstheorie der Ballade bietet.

Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser theoretischen Vorarbeit wird die Ballade Jammertal von Heinrich Heine untersucht. Indem die vorher skizzierten Merkmale von literarischen Gattungen und Balladen auf diese Ballade angewendet werden, findet der Transfer statt. Dabei werden lyriktheoretische Überlegungen werden auf die Ballade angewandt. Die Analyse wird dabei nicht nur die textinternen Merk- male umfassen, sondern auch auf den Titel der Ballade sowie auf den Erscheinungs- kontext von Jammertal eingehen.

1. Gattungen und Gattungstheorie

Gattungen unterscheiden sich hinsichtlich ihres Sprechers, der Redeform und der behandelten Themen. Die Begriffseinordnung von Gattungen

[...] dien[t] zur Zusammenfassung von Texten nach verbindlichen Kriterien, um

- zu beschreiben, wie und warum Texte von Lesern auf ähnliche Weise gelesen, verstanden, gedeutet, werden;

- zu erklären, wie und warum sich Autoren zur Realisierung individueller Aus drucksinteressen vorgeprägte Muster bedienen;

- zu gewährleisten, dass kommunikative Verständigungen über größere Texteinhei ten stattfinden können.1

Durch Gattungsbegriffe entwickeln Leser bestimmte Erwartungen, die sie bei der Rezeption von Texten beibehalten.2

Laut Fricke sind Gattungen von Menschen inszeniert und werden erst durch die Zuteilung von Begriffen greifbar. Dabei entsteht nicht nur der Anspruch der in- tersubjektiven Nachvollziehbarkeit, sondern auch die allgemeine Kontroverse der Gattungseinteilung in der Literaturwissenschaft. Die Bestimmung von Gattungsbe- griffen soll den „Charakter einer Begriffsexplikation haben (Hervorhebung im Ori- ginal)“3, da diese eine möglichst sorgfältige Analyse des bisherigen Wort- und Begriffsgebrauchs (also eine Lexikalische Definition im Sinne von deskriptiven Wörterbuch-Eintragun- gen, die richtig oder auch mal empirisch falsch sein können) mit einem Vorschlag für die Festsetzung des dann selber terminologisch geklärt verwendeten Fachaus- drucks (also mit einem Bedeutungs-Postulat im Sinne einer explizit eingeführten Sprachkonvention, die nicht >falsch<, sondern nur mehr oder weniger unzweckmä- ßig sein kann) [verbindet].4

Bloße Definitionen hingegen gelten „als ‚starr’ und deshalb auch als ungeeignet mit Rücksicht auf den steten Wandel gattungsgeschichtlicher Entwicklungen“5. Fest steht, dass die „[...] Vielfalt von Gattungssortierungen historisch nach ganz uneinheitlichen Unterscheidungskriterien und Allgemeinheitsgraden entstanden ist“6. Damit einhergehend ist die Frage, ob „vorhandene Gattungen durch >Real- Definitionen< [ beschrieben ] werden [...] “7 oder ob „[...] sie lediglich durch >Nominal-Definitionen< sprachlich so oder auch anders [ konstruiert ] (Hervorhebung im Original)“8 werden.

Die Gattungstheorie, die bis in die Antike reicht, hat auch damals Gattungsdefiniti- onen definiert. Die „in der Topik des Aristoteles entfaltete Auffassung, dass die Erfassung eines Gegenstandes durch seine differenzierende Untergliederung zu er- folgen hat und mit einer Definition vollendet wird“9 kann als Kontrast zu der ge- genwärtigen Auffassung von Klausnitzer gelten. Klausnitzer fasst zusammen, dass wenn „Gattungen nicht als übergeschichtliche und normsetzende Formkonstanten, sondern als heuristische d.h. vorläufige und modifizierbare Begriffe zur Erklärung des Umgangs mit literarischen Texten“10 verstanden werden, „ihre Bestimmung aufgrund operationaler Kriterien ein erster Schritt für die nachfolgenden Tätigkei- ten des Beschreibens und Interpretierens [ist]“11. Hier liegt also im Fokus, dass Gat- tungsbestimmungen das Beschreiben und Interpretieren erleichtern kann.

Für Klausnitzer sind vor allem die darstellenden bzw. referentiellen Sprachfunktionen, die emotive bzw. expressiven Sprachfunktionen und die appellativen Sprachfunktionen kennzeichnend für literarische Gattungen12. Diese werden im Kapitel zwei auf die Ballade Jammertal angewandt.

1.1. Ballade als Gattung

Nachdem die Problematiken, die bei der Gattungstheorie auftreten, erörtert wurden, wird im Folgenden die Ballade als Gattung von verschiedenen Positionen vorge- stellt.

Im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft wird die Ballade in ihrem Ein- trag als „Gedicht-, meist liedförmige Erzählung einer merkwürdigen Begebenheit.“ beschrieben.13 In romanischen Ländern gilt die Ballade als „ein von Tanzenden ge- sungenes Lied“14, was auf die provencalischen bzw. italienische Bedeutung von ballade bzw. ballata zurückzuführen ist.15 Historisch ist die Bezeichnung Romanze von Bedeutung, die teils, auch von Dichtern wie Dichter wie Herder, Goethe und Schiller, synonym mit Ballade verwendet wurde. Neuere Forschungsansätze schrei- ben der Ballade die Adjektive ernst, düster und „nordisch-dunkel“16 zu, während die Romanze eher komisch und „südlich-hell“17 sei. Inhaltlich wurde auch die Be- zeichnung Erzählgedicht gebraucht. Bei dieser Bezeichnung taucht das Problem auf, dass diese Bezeichnung weiter gefasst ist als die ursprüngliche Auffassung ei- ner Ballade.18

Nach der Definition von Goethe kann eine Ballade zwischen den drei Elementen Lyrik, Epik und Drama wechseln.19 Kennzeichnend für die Ballade sei die Vortragsweise20 sowie „der Refrain, das Wiederkehren ebendesselben Schlußklanges“21. Die von Goethe genannten drei Elemente würden in der Ballade vereint die „Urform der Dichtung“22 verkörpern.

Durch die verschiedenen Elemente Epik, Drama und Lyrik, die in Balladen vorkommen können, ist die Ballade also ein Beispiel für die Probleme der Zuordnung von historisch konkreten und individuellen Texten zu Klas- sen- oder Typenbegriffen, die ihren Charakter durch die Feststellung gemeinsamer Eigenschaften gewinnen - und damit kategoriale bzw. normierende Feststellungen produzieren, die hybride Formen und Formate ebenso ausschließen wie Varianten der Regelübertretung.23

Daraufhin bietet eine mögliche Lösung „der von Ludwig Wittgenstein verwendete Begriff der ‚Familienähnlichkeit’“24, bei dem der Fokus auf den „Mengen sich überschneidender Merkmale“25 liegt. Klausnitzer definiert dahingehend, dass „die in Versen und Strophen verfasste Ballade, bei der die Darstellung von Handlung dominiert und Dialogpartien an die Unmittelbarkeit des Dramas erinnern, eine an Lyrik, Epik, Dramatik partizipierende Grenzgattung [bildet] (Hervorhebung im Original)“26.

1.1.1. Merkmale einer Ballade

Auch wenn die Bezeichnung der Ballade als Grenzgattung den Anschein erweckt, keine konkreten Merkmale zu liefern, zählt Wagenknecht zu den Merkmalen einer Ballade “[...] (1) Fiktionaler Text (2) geringen Umfangs (3) in Versen, worin (4) ein konflikthaftes Ereignis (5) erzählt wird“27. Bei diesen aufgeführten Merkmalen im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft findet der im Kapitel 1.1 be- schriebene Ansatz von Wittgenstein keine Anwendung. Es wird nicht festgelegt, ob alle Merkmale auf einen Text zutreffen müssen um ihn als Ballade zu bezeichnen oder nicht.

In Anlehnung an das erste Merkmal führt Wagenknecht aus: „Die Fiktionalität der Ballade schließt (wie im Fall der Novelle) die historische Verbürgtheit des Gesche- hens nicht aus“. Das Adjektiv fiktional wird oft mit faktual gegenübergestellt.28 Scheffel stellt fest, dass die Rezeption verschiedener Textsorten auch verschiedene Ansprüche an Fiktionalität und Faktualität stellt. Autobiographien sind abhängig vom Faktualitätskriterium, auch wenn dessen Anfänge bei Aristoteles in der Dicht- kunst lagen. Aristotles nennt die Fiktionalität als Unterschied zwischen Dichtung und Geschichtsschreibung. Dennoch taucht das Prinzip der Mimesis bei allen Dich- tungen, auch der des Epos und der Tragödie, auf. Damit wird Fiktionalität bei Aris- toteles nicht zu den entscheidenden Kriterien für die Gattungseinteilung gezählt. Relevant wird Fiktionalitätskriterium, wenn in den vormals engen Literaturbegriff nun auch „[...] z.B. >Grabbuchsformen<, Faktographische Literatur oder Formen der Kunstprosa (Biographie, Aphorismus, Essay etc.)“29 miteinbezogen werden.

[...]


1 Klausnitzer, Ralf: Literaturwissenschaft.: Begriffe, Verfahren, Arbeitstechniken. Berlin 2012., S. 97.

2 Vgl. Klausnitzer, S. 97.

3 Fricke, Harald: Definieren von Gattungen. In: Handbuch Gattungstheorie. Hrsg. von Rüdiger Zymner. Stuttgart 2010. S. 7.

4 Fricke, S. 7.

5 Fricke, S. 7.

6 Fricke, S. 10

7 Fricke, S. 10.

8 Fricke, S. 10.

9 Klausnitzer, S. 99.

10 Klausnitzer, S. 115.

11 Klausnitezr, S. 115.

12 Vgl. Klausnitzer, S. 114.

13 Wagenknecht, Christian: Ballade. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hrsg. von Klaus Weimar. Berlin u.a. 2007. S. 192.

14 Weißert, Gottfried: Ballade. 2. Auflage. Stuttgart/Weimar: 1993. S. 1.

15 Vgl. Weißert, S. 1.

16 Weißert, S. 3.

17 Weißert, S. 3.

18 Weißert, S. 1.

19 Vgl. Weißert S. 4f.

20 Vgl. Weißert S. 4f.

21 Goethe: Kunst und Altertum II, S. 1., zitiert nach Weißert, S. 5.

22 Weißert, S. 5.

23 Klausnitzer, S. 113.

24 Klausnitzer, S. 113.

25 Klausnitzer, S. 113.

26 Klausnitzer, S. 169.

27 Wagenknecht, S. 192.

28 Scheffel, Michael: Faktualität/Fiktionalität als Bestimmungskriterium. In: Handbuch Gattungstheorie. Hrsg. von Rüdiger Zymner. Stuttgart 2010. S. 29.

29 Scheffel, S. 30.

Details

Seiten
16
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668542785
ISBN (Buch)
9783668542792
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376861
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
eine analyse einordnung ballade jammertal heinrich heine gattungstheorie gattungen lyrik lyriktheorie

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