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Petrarkismus und Mystik. Eine literaturwissenschaftliche Differenzierung und Gegenüberstellung

Anhand von Gedichten Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus und Catharina Regina von Greiffenbergs

Hausarbeit (Hauptseminar) 2016 12 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Grundsätzliche stilistische Eigenschaften der Lyrik im Barock

2. Petrarkismus erklärt an: „ Verg ä nglichkeit der Sch ö nheit

3. Mystik erklärt an: „ Auf vor-erw ä hnte Hochw ü rdigste Entfahung “

4. Die Gegenüberstellung der Gattungen

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Inhalt dieser Hausarbeit wird die wissenschaftliche Betrachtung der unterschiedlichen Formen und Inhalte von petrarkistischer und mystischer Lyrik im Zeitalter des Barock sein. Das zentrale Thema bildet die beispielhafte Analyse zweier Sonette aus dem 17. Jahrhundert und deren Einordnung in die jeweiligen Gattungen der barocken Lyrik.

Die Gattungen Petrarkismus und Mystik werden beide in die Kategorie der Liebeslyrik zur Zeit des Barock eingeordnet. Das Sonett bildet die Form und die Liebe den Inhalt der Lyriken. Problematisch ist nun die Differenzierung, denn auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Gattungen kaum bis gar nicht. Beide sind in Alexandriner geschrieben und habe eine ähnliche Thematik. Wieso ist nun in der Literaturwissenschaft eine Unterscheidung dieser beiden Liebeslyriken von Nöten? Welches Gefühl der Liebe wird zum Thema genommen und wie wird die körperliche, leidenschaftliche Liebe im Barock Ausdruck verliehen? Ist die Liebe zu Gott platonisch oder zeigen die Gedichte der Mystik dem Leser auch Ekstase und Wollust?

Diese Hausarbeit soll dem Zweck dienen, diese Fragen zu beantworten, die unterschiedliche Darstellung der Liebe zu thematisieren und eine allgemeine Abgrenzung zwischen der weltlichen und geistlichen Lyrik darzustellen. Dabei wird die Sondierung der verschiedenen stilistischen Mittel, die exemplarisch für diese Gattungen der Lyrik herausgestellt und durch klar definierte Begriffe manifest gemacht werden, die Unterschiede der beiden Liebeslyriken präzise widerspiegeln. Wichtig hierbei ist, dass diese Hausarbeit sich auf das Deutschland des 17. Jahrhunderts bezieht und dass die Gedichte auch dementsprechend gewählt worden sind.

Die Untersuchungsmethode, die in dieser Hausarbeit angewendet wird, ist der direkte und exemplarische Vergleich von petrarkistischer und mystischer Lyrik. Dieser Vergleich wird anhand der beiden Gedichte; „ Verg ä nglichkeit der Sch ö nheit “ von Christian Hofmann von Hofmannswaldau und „ Auf vor-erw ä hnte Hochw ü rdigste Entfahung “ von Catharina Regina von Greiffenberg, die ihre streng protestantische Religiosität (Augner 2001: 175) in diesem aber auch in anderen Werken als Kernelement gewählt hat, gestellt (Szyrocki 2003: 182).

1. Grundsätzliche stilistische Eigenschaften der Lyrik im Barock

Im 17. Jahrhundert sind die Formen und die Metrik, die in der Lyrik benutzt werden, strikt vorgegeben. Martin Opitz setzte im Buch von der Teutschen Poeterey die Normen der Alternation fest und etablierte die Bevorzugung von Jambus und Trochäus im Versmaß des Alexandriners (Burdorf 2015: 25).

Diese stilistischen Eigenheiten lassen sich insbesondere im Sonett wiederfinden. Durch das Konzept der zweigeteilten Blöcke - zweimal ein Quartett und zweimal ein Terzett - lässt sich eine Dualität, die nicht nur augenscheinlich, sondern auch inhaltlich ist, verdeutlichen. Diese Dualität ist nicht nur prägend für die Form der Sonette, sondern auch für das gesamte Schaffen der Autoren. Die christlichen Glaubensvorstellungen - ob protestantisch oder katholisch - sind allumfassend in den gewählten Gedichten wiederzufinden. Das Leben war stark durch die Vorstellung des Jenseits geprägt. Deshalb sind Themen, die im Petrarkismus und in der Mystik angesprochen werden; die Vereinigung Gottes mit dem Menschen (unio mystica), das Gedenken an den Tod (memento mori), die Vergeblichkeit (vanitas) und die Sehnsucht nach Liebe und Friede (Burdorf 2015: 27).

2. Petrarkismus erklärt an: „Verg ä nglichkeit der Sch ö nheit“

Das Gedicht „ Verg ä nglichkeit der Sch ö nheit “ von Christian Hofmann von Hofmannswaldau zeigt sich in Motivik und Form als vollendetes Beispiel für die lyrische Gattung des Petrarkismus. Das Thema dieses Gedichts ist der Verfall der körperlichen Vorzüge einer Frau. Der Verfall und somit die Vergänglichkeit der Schönheit wird anhand paradox-antithetischen Bilder durchdekliniert und erhält im gesamten Sonett, durch die rhetorischen Mittel, eine klare Struktur.

Der erste und letzte Vers werden hier als umarmender Reim verfasst, welcher sich in beiden Quartetten wiederfindet. Diese Struktur vermittelt dem Leser, dass der Tod allumfassend ist und im Mittelpunkt der stetige Verfall liegt. Das Herannahen des Sterbens wird durch die Personifikation „der bleiche tod mit seiner kalten hand“ (V.1) verdeutlicht. Die ersten erotischen Interpretationen werden direkt durch den zweiten Vers erzeugt, indem der personifizierte Tod um die Brüste der Frau streicht. Der Gipfel des Quartetts wird durch die Inversion und das gleichzeitige Oxymoron „der schultern warme schnee wird werden kalter sand“ (V.4) gebildet. In diesem findet sich nicht nur das Schönheitsideal des Barock wieder, die sehr helle Haut, sondern auch das Erkalten und Verblassen des kranken, fast toten Leichnams. Diese regulierte ästhetische Strategie - typisch für den Barock - lässt den petrarkischen Charakter des Gedichts erkennen. Der Autor nutzt das Prinzip der aemulatio oder der Überbietung. Die festgelegte Topik ist hier, fast wie in allen Gedichten des Barock, eindeutig zu identifizieren. Die Lippen einer schönen Frau werden mit Korallen verglichen, die Brust mit Marmor und ihre weiße Haut mit Schnee (Hoffmeister 1973: 79). Diese Glorifizierung der sekundären Geschlechtsmerkmale und des Mundes wird durch die stetige artifiziellen Umschreibungen gewissermaßen zum überprunkvollem Standard der barocken Lyrik und zur maßgebenden Kriterium für manieristische und petrarkistische Gedichte.

Diese katalogartiger Schönheitspreis und das Schönheitsideal, welches durch die Unumgänglichkeit der Vergänglichkeit repräsentiert wird und jene weibliche Figur im Sonett als Merkmale zugeschrieben werden, lassen vermuten, dass das lyrische Ich an der Frau auf nicht-platonische, sinnliche Weise interessiert ist. Hofmannswaldau versteht es, durch die Metaphorik des herannahenden Todes, dies zu unterstreichen.

Im zweiten Quartett wird der Tod nicht mehr so direkt angesprochen. Der Vanitas- Gedanke ist jedoch immer noch präsent. Die Verse „Der augen süsser blitz [...] Für welchen solches f ä llt, die werden zeitlich weichen “ (V.5,6) zeigen metaphorisch, dass der Lebensfunke der Frau langsam dahinschwindet. Die Hyperbolik der blitzenden, süßen Augen ist ein weiterer Indikator für die sexuelle Zuneigung oder die Liebe des lyrischen Ichs.

Die dritte Strophe konzentriert sich vollends auf die schwindende Schönheit der Sterbenden. Ihre Mimik und Gestik verenden langsam und ihr Antlitz wird von der Erde getilgt, sodass sich niemand mehr an sie erinnern wird und ihre Taten vergessen werden. Vers zehn lässt den Vanitas-Gedanken im Gedicht zum Höhepunkt werden und steht sinnbildlich für die gesamte Lyrik des Barock. Vers elf spielt jedoch wieder auf die unerreichbare Schönheit der Frau an. „Denn opffert keiner mehr der gottheit deiner pracht.“ meint, dass die Schönheit der Frau gottesgleich ist und diese gottesgleiche Schönheit nun ein Ende findet und niemand sich mehr ihrer „opffert“, d.h. sich nicht mehr in jene Frau verliebt.

Der symbolische Charakter dieses Verses ist eindeutig für den Petrarkismus sprechend und unterstreicht die Trennung von weltlicher und geistlicher Lyrik. Hofmannswaldau benutzt petrarkische Formeln und Topoi, um das Gegenteil der klassisch-platonischen Liebessituationen zu beschreiben und kreiert ein Bild in der die platonische Begeisterung gegenüber Gott mit der sinnlichen, erfüllenden Liebe zur Frau gegenübergestellt und gleichgesetzt wird (Hoffmeister 1973: 79). Dieses triebhafte Bild der männlichen Begeisterung, mit der Gleichstellung von einer schönen Frau zur prägenden Figur der christlichen Religion, dient der Hausarbeit als ersten eindeutigen Indikator für die nötige Trennung von Petrarkismus und Mystik. Das letzte Terzett des Gedichts kreiert einen überraschend-sarkastischen Ausgang. Die finalen beiden Verse gipfeln im Vanitas-Gedanken. Hier wird beschrieben, dass das Herz - hier ist die unsterbliche, weltliche Liebe gemeint - für ewig existiert und selbst der Tod dies nicht ändern kann. Verdeutlicht wird diese Interpretation noch durch den metaphorischen Gebrauch von „diamant“ (V. 14).

Jedoch lässt sich im Kontext des Werkes nicht nur der Entwurf der Vergänglichkeit, sondern auch ein ironischer Vorwurf gegen die scheinbar abweisend-kalte Frau konzipieren. Die Analogie des Todes kann als eine unerreichte Liebe, die im Zuge einer Romanze nicht erwidert wird, gelesen werden. Das Gedicht mündet in einem concetto2 , indem der Autor eine geistreiche und unvermutete Umdrehung des Topos erzeugt und dem Leser einen nicht ganz tragischen, sarkastischen Ausgang präsentiert.

„ Verg ä nglichkeit der Sch ö nheit “ kann ganz klar in die Gattung des Petrarkismus zugewiesen werden. Die erotische Symbolik und die abschließende, unkonventionelle Umdrehung des Topos sind Elemente, die in der Mystik nicht gefunden werden können. Die Kombination von Erotik und „der gottheit“ (V. 11) sprechen ganz klar gegen die Gattung der christlichen Lyrik. Die körperliche, sinnliche Liebe wird durch Hofmannswaldau via gezielte Metaphoriken hinsichtlich der weiblichen Körperpartien zugeordnet und als scheinbar ewiglich interpretiert.

[...]


1 Ein concetto ist eine Verbindung von zwei Wirklichkeitsbereichen, welcher in einem scharfsinnigen Einfall zusammengebracht wird (Wikipedia: 2016).

Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668541818
ISBN (Buch)
9783668541825
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376816
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Philosophische Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Mystik Petrarkismus Differenz Reim Lyrik Hausarbeit PDF

Autor

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Titel: Petrarkismus und Mystik. Eine literaturwissenschaftliche Differenzierung und Gegenüberstellung