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Mechanismen der sozialen Ausgrenzung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 14 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Soziale Ungleichheit und Vergleich der Theoretiker

2. Die Stigmatheorie

3. Der Figurationsansatz
3.1. Die Machtverteilung in Winston Parva

4. Vergleich

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die erschreckenden Beispiele, die einem in den Sinn kommen, wenn es um das Thema des sozialen Ausschlusses und der Stigmatisierung geht, sind u. A. die Hugenottenvertreibung aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts, die negativ konnotierte und strafbare Homosexualität in den USA und das Rodney King Tribunal 1992 in Kalifornien.

Bis heute sind Indikatoren der Ausgrenzung aufgrund von Hautfarbe, Behinderungen und optische Defizite ein Problem, mit denen die betroffenen Personen ihren Alltag erleben müssen. Durch die vorangestellten Beispiele kann man erschließen, dass soziale Exklusion ein breites und vieldimensionales Feld darstellt, welches mit komplexen Interdependenzen ausgestattet ist, die jede Kultur prägt, in der sie auftritt. Dabei kann festgestellt werden, dass die drei Beispiele auf verschiedene soziale Gruppen und Orte verweisen, nämlich Religiosität in Europa und Sexualität, sowie Ethnie in den USA. Ausgrenzung findet somit nicht nur innerhalb einer bestimmten Gesellschaft statt, sondern spannt verschiedene Mechanismen über den gesamten Globus.

Einleuchtend hierbei ist, dass die Exklusion einem zeitlichen Wandel ausgesetzt ist, denn was heutzutage als ein Grund für Ausgrenzung gesehen wird, musste damals nicht zur Exklusion führen oder war kein eindeutig-konnotiertes Kriterium, welches eine Ausgrenzung legitimieren könnte. Dadurch lässt sich erschließen, dass qualitative Unterschiede in der sozialen Ausgrenzung von verschiedenen Entwicklungsrichtungen oder -positionen1 beeinflusst werden. Die Wahrnehmung über soziale Exklusion ist somit von einem gesellschaftlicher Standpunkt zu betrachten und der Diskurs, der in den Medien über den Prozess2 des Ausschließens ausgelöst wird, macht es dementsprechend schwierig das Problem wissenschaftlich in puncto Begrifflichkeiten und Inhalte zu erfassen. Diese Arbeit setzt genau an diesem Punkt an. Die Fragen, die sich hierzu stellen, sind: Wie funktioniert sozialer Ausschluss?, welche Mechanismen wirken dabei?, was sind Gründe für den Ausschluss und wie wirken Stigmata?

Der erste Teil der Arbeit wird sich der theoretischen und grundlegenden Erläuterung des Phänomens der sozialen Exklusion widmen. Danach folgt die Analyse über die Stigmatisierung von Personen und Personengruppen auf Grundlage der Theorien von Erving Goffman und Nobert Elias.

1. Soziale Ungleichheit und Vergleich der Theoretiker

Der Mittelpunkt dieser Hausarbeit und des Themas der Ausgrenzung lässt sich durch die Überordnung des Begriffes soziale Ungleichheit manifestieren. Doch was ist soziale Ungleichheit?

Soziale Ungleichheit ist „die Menge der Differenzierungen in einer Gesellschaft nach sozialen Merkmalen, die zu unterschiedlichen sozialen Positionen führen, unterschiedliche Lebenslagen nach sich ziehen, dadurch eine unterschiedliche individuelle und kollektive Teilhabe an Entwicklungschancen, sowie knappen und begehrten Gütern einräumen.“ (Fachlexikon der sozialen Arbeit 2001: 814) Da diese Definition zur sozialen Ungleichheit so allgemein ist, ist es die Aufgabe dieser Hausarbeit auf die kleinen Mechanismen, welche soziale Differenzierung auslösen, einzugehen.

Diese Aufgabe lässt sich durch die Konzepte der beiden Theoretikern Erving Goffman und Norbert Elias bearbeiten, obwohl beide Theoretiker verschiedene soziologische Betrachtungsweise verfolgen, bietet eine Kombination beider Theorien Lösungsansätze über das Thema des sozialen Ausschlusses. Beide Theoretiker haben gemein, dass sie einen interdisziplinären, soziologischen Ansatz verfolgen. Desweiteren erkennen beide den sozialen Ausschluss als prozessualen Zustand, wobei die Handlungen von Individuen ausgeführt werden. Weiterhin ist die Betrachtung von interdependenten Akteuren, die über eine Zeitspanne zusammenleben und eine Gesellschaft bilden, als Grundvoraussetzung für ihre Theoriebildung über sozialen Ausschluss maßgeblich.

Der Punkt, in dem sich beide Theoretiker jedoch unterscheiden, ist die Verknüpfung mit der Gesellschaft als Ganzes. Goffman beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf einer individuellen, direkt-mikrosoziologischen Ebene, welche folglich auf größere Gruppen projiziert werden können. Wobei Elias sich mit dem Resultat des Prozesses der Interdependenzen und der Einbindung in das Gesellschaftsgeflecht befasst - speziell wird in dieser Arbeit die Forschung über die Gemeinde Winston Parva als „empirisches Paradigma“ (Neckel, Mijic 2010: 355) erläutert. Die Verbindung der beiden Sichtweisen auf ein ähnliches Problem ist insofern praktisch, da durch den Vergleich sich ein größeres, umfassenderes Bild eröffnet, dass im folgenden aufgeschlüsselt wird.

2. Die Stigmatheorie

Den ersten Gedanken, den man mit dem Namen Erving Goffman verbindet, ist das Themenfeld der Mikrosoziologie. Goffman ist bestrebt „soziale Tatbestände und Vorgänge zu erklären, indem er die kleinsten Einheiten, die Wechselwirkungen zwischen einigen wenigen in direkter Interaktion miteinander stehender Individuen, in ihrer Abhängigkeit von umgebenden sozialen Strukturen“ (Hillmann 2007: 567) analysiert. Dabei ist Goffman bemüht die mikrosoziologischen Phänomene auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen und einen Erklärungsansatz für Stigmatisierung zu elaborieren.

Ein Stigma ist eine Zuschreibung von wahrnehmbare Unterschiede, die nicht typischerweise in dem Normalit ä tskanon der Kultur auftreten. Stigmatisierung kann durch viele verschiedene Merkmale entstehen. „Erstens gibt es die Abscheulichkeiten des Körpers - die verschiedenen physischen Deformationen“ (Goffman 1996: 12). Der zweite Punkt sind die individuellen Charakterfehler also Unehrenhaftigkeit und Willensschwäche, die sich u. A. aus dem Beispielen von Geistesverwirrung, Gefängnishaft und Sucht herleiten können (Goffman 1996: 13). Der dritte und letzte Aspekt der zur Stigmatisierung führen kann, ist die „phylogenetischen Stigmata von Rasse, Nation und Religion“ (Goffman 1996: 13). Durch diese dreigeteilte Typologie der Stigmatisierungskriterien wird deutlich, dass die Wahrnehmbarkeit von defizitären Merkmalen als unterschiedlich betrachtet werden kann. Manche physischen Deformationen lassen sich besser verbergen als andere und manche Charakterfehler werden dem Gegenüber erst nach mehreren Kommunikationssituationen bewusst. Diese ambivalente Wahrnehmbarkeit wird von Goffman in seinem Werk ebenfalls identifiziert. Er unterscheidet zwischen diskreditierbaren und diskreditierten3 Individuen. Die Diskreditierten werden in dieser Hausarbeit als Gruppe gewählt, an denen der Aspekt des sozialen Ausschlusses untersucht wird, denn erst durch bewusst wahrnehmbare Stigmata kann eine Person effizient exkludiert werden.

Das Zentrum des Stigmas bildet somit ein sichtbares Merkmal bzw. eine Eigenschaft, die von anderen Individuen als ein legitimierten Grund zur Befleckung, Beeinträchtigung oder zur allgemeinen Herabminderung der leittragenden Person gesehen werden kann (Goffman 1996: 11). Das faszinierende am Stigma ist nun, dass ein solches Attribut bei der einen Person als stark-negative Diskreditierung wahrgenommen wird, bei einer Anderen jedoch nicht als Abwertung empfunden werden kann, sondern dieses Merkmal seine Persönlichkeit gar unterstreicht oder definiert (Goffman 1996: 11f.). Das Stigma ist somit „als ein Ding an sich weder kreditierend noch diskreditierend“ (Goffman 1996: 11). Aber wieso ist ein Stigma nun weder schlecht noch gut und kann für einige Personen den entscheidenden Unterschied zwischen Ex- und Inklusion bedeuten? Die Antwort lautet: Erwartungshaltungen.

Stigmatisierung kann laut Goffman nur entstehen, wenn erstens: alle Teilnehmer einen einzigen Kanon normativer Erwartungen teilen - dieser Grundsatz ist übrigens eine notwendige Bedingung für soziales Leben (Goffman 1996: 157). Zweitens; wenn bei einem Zusammentreffen dem Gegenüber direkt, also auf dem ersten Blick, eine bestimmte Eigenschaft zugeordnet wird. Diese Eigenschaft wird in eine „Schublade“ gepackt. Die Mittel, um einen Menschen überhaupt erst zu kategorisieren, werden von der Gesellschaft geschaffen und von Mitgliedern dieser als komplett „gewöhnlich und natürlich“ (Goffman 1996: 9) empfunden. Die Kategorien können einerseits in strukturelle (berufliche) Merkmale und andererseits in Antizipationen von Charaktereigenschaften aufgeschlüsselt werden (Goffman 1996: 10). Durch die Kombination der Antizipationen und der strukturellen Merkmale entstehen Identitätsnormen (Goffman 1996: 159). Die Identitätsnormen sind eine Kombination von virtuale soziale Identität4 und aktuale soziale Identität5

[...]


1 Hiermit ist die historische oder gegenwärtige politische und wirtschaftliche Lage in der Gesellschaft angesprochen. So sind z.B. politisch verfolgte Gruppen meist von der Mehrzahl der Personen nicht als Etablierte, sondern als Außenseiter zu betrachten.

2 Karl Heinz-Hillmann (2007) bezeichnete in seinem Werk „Wörterbuch der Soziologie“ die Begriffe Exklusion und Ausgrenzung als einen Prozess, der es bestimmten Personengruppen nicht möglich macht in „vollem Maße am Gesellschaftleben teilnehmen (zu) können“ und somit effektiv an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Das Wort Prozess gibt an, dass sich Ausgrenzung nicht schlagartig entwickelt, sondern erst via Reihen von Aktionen hergestellt werden muss.

3 Diskreditierbare Individuen kontrollieren ihre Informationen über ihr Defizit. So können sie selbst entscheiden, wem sie in welcher Situation darüber berichten. Diskreditierte hingegen müssen sich in fast jeder Interaktion darüber bewusst sein, dass ihr Stigma erkannt wird und dadurch Komplikationen entstehen können.

4 Rechtmäßig gestellte Anforderungen, die der Person zugeschrieben werden.

5 Attribute, die sich nach der Zuschreibung bestätigt haben.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668541412
ISBN (Buch)
9783668541429
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376814
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut
Note
2.0
Schlagworte
Ausgrenzung Sozial Goffman Elias Winston Parva

Autor

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Titel: Mechanismen der sozialen Ausgrenzung