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Goffmans und Colemans Handlungstheorien und deren Aktualität im Vergleich. Dramaturgisches Handeln vs. Rational Choice

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 14 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Handlungssystem nach Goffman
1.1 Vorder- und Hinterbühne

2. Rational Choice nach Coleman
2.1. Wirkungen und Wechselwirkungen von Handlungen
2.2. Beeinflussung der Handlungen durch Makrophänomene

3. Der Vergleich

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Jeder Mensch steht jeden Tag in Interkation mit anderen Individuen. Wir begrüßen einander, kaufen etwas in einem Supermarkt und betreiben Smalltalk während der Arbeitszeiten. In diesen Interaktionen herrschen bestimmte Regeln und Mechanismen und Aufgabe dieser Hausarbeit ist es, diese Mechanismen aufzuklären und zu identifizieren. Hierzu werden im folgenden zwei Soziologen (Erving Goffman und James S. Coleman) miteinander verglichen und auf ihre Aktualität überprüft.

Goffman entwickelte eine soziale Theorie der Dramaturgie. Das meint: er analysierte die Relation zwischen Menschen als soziologisches - und nur teilweise psychologisches - Element, um Aufklärungsansätze für ihre Handlungs- und Interaktionsschemata zu kreieren (Goffman 1971: 9). Diese Handlungen werden via Symbole beeinflusst. Goffman nutzte und baute den symbolischen Interaktionismus als Theoriegrundlage aus. Der symbolische Interaktionismus beschreibt, dass individuelle Handlungen bestimmte Bedeutungen zugewiesen bekommen. Reaktion und Aktion der Individuen sind also maßgebend Auslöser eines Kommunikationsverhältnisses und diese Handlungen werden vom Gegenüber wiederrum interpretiert (Münch 2007: 261). Anhand dieser Theorie versucht Goffman das menschliche Verhalten vorherzubestimmen und Hypothesen über den Verlauf der Interaktion zu kreieren.

James S. Coleman und die soziale Theorie des Rational Choice werden in diesem Werk als Vergleichsmaterial herangezogen. James Colemans Theorie beschreibt, dass Aktionen auf mikrosoziologischer Ebene bestimmte Reaktionen auf makrosoziologischer Ebene auslösen (Münch 2007: 90). Die Individuen, unter der Lupe des Rational Choice Ansatzes handeln immer, wie der Name der Theorie es schon vermuten lässt, rational. Jede Person wägt ihr soziologisches Verhalten immer unter Anbetracht von ökonomischen Transaktionen ab. Hierbei ist das Besondere, dass die Personen möglichst alle Alternativhandlungen kennen müssen, um die optimale, ökonomischste Handlungsweise auszuwählen (Münch 2007: 90). Dabei wird jede Wahl unter dem Gesichtspunkt der Nutzenmaximierung getroffen. Kurz: Coleman nimmt an, dass das menschliche Denken auf Ökonomie beruht und dass jede Interaktion auf der einfachen Kosten-Nutzen-Abwägung basiert.

Der Hauptteil der Hausarbeit wird auf die Erklärung von James Colemans Theorie zur rationalen Auswahl liegen. Die These der Hausarbeit ist es, dass diese Handlungstheorie, im Vergleich zu der Theorie Goffmans, auch noch heute aktuell ist und nicht durch die kulturellen und historischen Veränderungen der letzten 50 Jahren an Wert verloren hat. Im Fazit wird auf diesen Punkt Bezug genommen. Der Vergleich der beiden Theorien, der vor dem Fazit den letzten Teil der Hausarbeit ausmacht, wird unter Anbetracht der modernen Gesellschaft und der Globalisierung gefällt.

1. Handlungssystem nach Goffman

Erving Goffmans Theorie des dramaturgischen Handelns versucht durch Symbole, die von jeglichen Interaktionsteilnehmern abgegeben werden, das Verhalten der Personen zu erklären. Alle Individuen sind Darsteller in einem Theaterstück, die eine soziale Rolle inkorporiert haben und sich von Symbol zu Symbol unterschiedlich verhalten (Münch 2007: 279). Die Akteure haben zwei verschiedene Formen, die ihr „Selbst“ bestimmen, nämlich das „I“ und das „Me“. Die Theorie des unterschiedlichen „Selbst“ wurde von George Herbert Mead entwickelt und von Goffman benutzt, um das Konzept von alltäglichen Interaktionen näher beschreiben zu können (Pries 2014: 114f.). Das „I“ beschreibt das spontane Verhalten einer Person, während das „Me“ alle Interaktionen umfasst, welche sozial konstruiert und z.B. via Erziehung oder der gesellschaftlichen Machtverteilung verinnerlicht wurden. Wir formen unsere Konzepte von „I“ und „Me“ durch die täglichen Interaktionen mit anderen Menschen (Pries 2014: 114f.). Die größten Instanzen, Systeme und Organisationen, in der das „Me“ geformt wird, sind erstens die Familie, zweitens die Schule oder der Beruf und drittens das nähere soziale Umfeld, mit Hinblick auf den gesellschaftlichen Überbau (Pries 2014: 117).

1.1 Vorder- und Hinterbühne

Als soziale Akteure wählen wir sehr bewusst unser Verhalten aus und passen es den Interaktionspartnern an, damit kontrolliert werden kann, wie sie - die Interaktionspartner - uns wahrnehmen. Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass hierbei die dramaturgischen Fähigkeiten jeder Person zum Tragen kommt. Jedes Individuum vollführt sogenanntes „Impression Management“. Hierbei versucht der Akteur durch dieses Handlungskonzept, welches eine Verhaltensstrategie darstellt, einen möglichst guten Eindruck von sich selbst zu kreieren und zu wahren. Dadurch entsteht ein Image (Goffman 1971: 11). Das dramaturgische Handeln hat eine große Anzahl an Auswirkungen, in Hinblick darauf, wie die Interaktionsteilnehmer sich gegenseitig behandeln. Goffman erkennt, dass Akteure das Verlangen danach haben, ihre Rollen möglichst gut und lückenlos zu spielen. Das bedeutet, sie müssen das Verhalten, mit dem sie ihre Rolle ausfüllen, konstant und stabil darstellen (Goffman 1971: 9). Die Rolle wird, wie wir schon erfahren haben, im Hinblick auf die Audienz gewählt. Jeder Mensch lebt in einer Welt, in der soziale Begegnungen zum Alltag gehören. Diese werden direkt oder indirekt ausgelöst. In einer Kommunikationssituation entscheidet der Akteur, ob das Image, welches er vor der Interaktion ausgewählt hat, von seinem Kommunikationspartner positiv aufgefasst wird oder nicht. Sollte das Kommunikationsverhältnis zu seinen Gunsten verlaufen und der Interaktionsteilnehmer fühlt sich in seinem Image wohl, so behält er dieses auch (Goffman 1971: 10).

Leider ist es so, dass es meist einen Unterschied zwischen „was der Akteur gerne darstellen würde“ (die Personale Identität) und „was der Akteur wirklich darstellt“ (die kollektive Identität) gibt (Pries 2014: 116). Diese unterschiedlichen Wahrnehmungen, die von den Interaktionspartnern direkt erfasst werden, werden durch die Darstellung des Images auf der „Frontstage“ erzeugt. Die Vorderbühne ist der wahre Aufführungsort einer Rolle und beschreibt die Handlungen während einer Interaktion. Der Nebeneffekt der Vorderbühne ist, dass das ausgewählte und relativ starre Verhalten mehr und mehr institutionalisiert wird, denn der Interaktionspartner, der die Vorderbühne seines Gegenübers als solche akzeptiert hat, stellt nun klare Anforderungen an die Rolle des Akteures.

Zum Beispiel: Die Vorderbühne eines Doktors ist das Sprechzimmer. Dort empfängt er Patienten, diagnostiziert bestenfalls ihre Krankheit und berät sie über Medikamente. In dieser Situation achtet er stark auf seine Haltung, seinen Sprachduktus und seine Gestik und erhofft sich dadurch möglichst professionell, einfühlsam, aber auch über alle Maßen qualifiziert auszusehen. Sein wirkliches Ich kann erst auf der Hinterbühne - dazu gleich mehr - entstehen. Bei einem Telefongespräch mit seiner Frau gesteht der professionelle Mediziner nämlich ein, dass er während der Untersuchung nervös gewesen war und sich kaum traute seinen Patienten zu sagen, dass Krebs diagnostiziert wurde. Die Hinterbühne jedoch ist nicht so leicht von dem Interaktionspartner, hier der Patient, zu erfassen. Die sogenannte „Backstage“ beschreibt Lebenserfahrungen, andere Gespräche oder andere Situationen, die von den anderen Interaktionspartnern nicht wahrgenommen werden können. Nur ausgewählte, nahestehende Individuen haben einen Einblick in die Hinterbühne eines Individuums. Die Hinterbühne zeigt das wahre Ich oder „I“ einer Person und verdeckt das spontane Selbst. Deshalb ist es möglich, dass bestimmte Diskreditierungen in einer sozialen Interaktion stattfinden können, denn bestimmte Informationen sind manchen Interaktionspartnern verwehrt. Dabei ist wieder die unterschiedliche Wahrnehmung der Identität und die verschiedene Deutung der Interaktion wichtig.

Nun wird erkenntlich, warum der Arzt - in dem vorhergehenden Beispiel - nur einer nahestehenden und vertrauenswerten Person (seiner Frau) offenbarte, dass er nervös war. Denn sie habe Zugriff auf die Hinterbühne des Arztes und kann den Konflikt oder die Zäsur zwischen seiner virtuellen Identität (qualifizierter Mediziner) und seiner wirklichen, sozialen Identität (nervöse Person, die durch seine Diagnose das Leben eines Dritten verändert) mit ihm bereden und dem Mediziner möglicherweise passende Ratschläge zur Überbrückung seines Defizites aufzeigen.

[...]

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668541832
ISBN (Buch)
9783668541849
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376813
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut
Note
2,7
Schlagworte
Goffman Interaktion Handeln Coleman Dramatik

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