Lade Inhalt...

Die Stabilität einer Demokratie nach Alexis de Tocqueville

Vergleich zwischen "Der alte Staat und die Revolution" und "Über die Demokratie in Amerika"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 15 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zentrale Argumente aus „Der alte Staat und die Revolution“
1.1 Der Tocqueville-Effekt
1.2. Das System der Taille in Frankreich

2. Über die lokalen Gegebenheiten in Nordamerika

3. Die nordamerikanischen Strukturen im Vergleich zu den französischen
3.1. Wahlen zur Sicherung der demokratischen Verhältnisse
3.2. Interessenvertretung und Religion

Fazit

Literaturverzeichnis

Fragestellung

„Der alte Staat und die Revolution“ von Tocqueville ist ein Klassiker der politischen Soziologie. Erläutern Sie die Fragestellung des Textes und rekonstruieren Sie die zentralen Argumente, nach denen die Französische Revolution nicht zu stabilen republikanischen Verhältnissen, wie etwa in Amerika, hat führen können

Einleitung

Der erste Teil der vorgelegten Arbeit wird die Fragestellungen des von Alexis de Tocqueville verfassten Buches „Der alte Staat und die Revolution“ präzise erläutern. Es soll erörtert werden, welches die zentralen Argumente sind und warum die Französische Revolution so stattfand, wie wir es aus den Geschichtsbüchern kennen. Hierbei wird einerseits auf die Gründe für den gewaltsamen Systemumschwung in Frankreich eingegangen, dabei wird der in der Sozialwissenschaft bekannte Tocqueville-Effekt herangezogen, um die Motivation der Bürgerbewegung genauer zu verstehen und diese zu analysieren. Die Bedeutung der drei Stände in Frankreich sind, um die Arbeit von Tocqueville in Gänze zu bearbeiten, genauer in Frage zu stellen und zu betrachten. Andererseits ist es wichtig zu erwähnen welche Folgen die Revolution in Frankreich hatte. Hat sich der Staat so geändert wie die Revolutionäre es sich erträumt hatten? Warum kam es nicht zu den erwünschten stabilen republikanischen Verhältnissen, die durch die Revolution etabliert werden sollten? War die untere Bürgerschicht tatsächlich der Motor der Revolution oder versteckt sich ein anderer Grund hinter den brutalen politischen und systemstrukturellen Umschwung in Frankreich? Diese Fragen werden im Laufe der Arbeit geklärt.

Der zweite Teil beinhaltet den Schwerpunkt dieser wissenschaftlichen Analyse über Tocquevilles „Der alte Staat und die Revolution“. In diesem Teil wird der Vergleich der Demokratien zwischen den beiden Ländern Frankreich und Amerika gezogen. Um diesen Vergleich überhaupt vollführen zu können, muss das Frühwerk „Über die Demokratie in Amerika“ in Betracht genommen werden. In diesem Werk berichtet Tocqueville über die Reise durch Amerika und von den politischen bzw. systemstrukturellen Eigenheiten dieses Landes. Die neue Welt gilt für ihn als der Idealtypus der Demokratie. Durch den Vergleich wird klarer, warum in Frankreich die Demokratie nur so schwer und nicht so fließend und organisch wie in Amerika (Nordamerika) vonstattenging, dieser Vergleich erschuf die Motivation für das Schreiben der vorgelegten Hausarbeit. Die lokalen Gegebenheiten sowie das Erbrecht, um hier schon einen Einblick in die Hausarbeit zu gewährleisten, werden von Tocqueville als die Hauptpunkte der stabilen republikanischen Demokratie genannt. Jedoch hat die amerikanische Demokratie auch ihre Tücken bzw. Nachteile, unteranderem das Wahlrecht. Die genauere Analyse dieses „Selbstbetruges“ (Herb und Hidalgo 2005: 73) welches die Amerikaner weitestgehend hinnehmen, wird zum Ende der Hausarbeit veranschaulicht.

1. Zentrale Argumente aus „Der alte Staat und die Revolution“

„Der alte Staat und die Revolution“ wurde in drei Bücher unterteilt. Das erste Buch versucht die Bedeutung der Französischen Revolution einzuschätzen. Das zweite behandelt die Frage warum solch eine Revolution gerade in Frankreich ausbrechen musste. Der letzte Teil des Werkes „Der alte Staat und die Revolution“ untersucht die Gründe für den Ausbruch, also, warum die Menschenmassen so davon überzeugt waren einen politischen und sozialen Umsturz in die Wege zu leiten. Das Werk beschreibt also die politische Situation in der Zeit vor und nach der Revolution. Tocqueville geht hierbei speziell auf die Ständegesellschaft in Frankreich ein. Der erste Stand, die Aristokratie, war im Mittelalter zwar noch eine herausragende Klasse, verlor doch im Laufe des 18. Jahrhunderts immer mehr an Macht, d.h. die Adligen wurden materiell und intellektuell machtloser. Diese Entmachtung spiegelte sich im Wachstum der Bürokratie wider, denn bürokratische Funktionen wurden häufiger an qualifizierte nicht-adlige-Bürger verteilt, dadurch verloren die Aristokraten die Kontrolle über den Einsatz der Armeen und die Verwaltung bzw. die Ministerien gingen fließend in die Hand des Bürgertums über (Tocqueville 1969: 36 f.). Obwohl es dem Bürgertum möglich war, gehobene Berufslaufbahnen einzuschlagen, wurde der Hass auf den Adel größer, da die Adligen nicht aus Eigenleistung, sondern durch ihr Geburtsrecht, auch ohne Gegenleistung, in der Lage waren akademische Berufsfelder zu erschließen. Nicht nur der soziale Druck auf die Aristokratie wurde stärker, die Zunahme der Industrialisierung und der Verstädterung sorgten für wirtschaftliche Probleme, denn der erste Stand generierte meist durch Agrarwirtschaft ihre monetäre Macht. Zentrum der Zentralisierung wurde Paris, da die Stadt „nicht nur das Verwaltungs-, Handels-, Wirtschafts-. und Kulturzentrum“ bildete, sondern auch die Industrialisierung weiter fortschritt, konnte man in der Hauptstadt eine Vermehrung der Proletariaten feststellen (Herb und Hidalgo 2005: 110). Die Zentralisierung fand also schon weit vor der Französischen Revolution statt, sie wurde lediglich durch die Revolution vollendet (Tocqueville 1987a: 633), sie wurde nicht nur vollendet, die Zentralisierung zerstörte das aristokratische Machtmonopol, denn der Feudalismus begründete die Herrschaft der Aristokratie und durch Zentralisierung wurde dem Adel die Macht über die ärmere Bevölkerung genommen, da diese nun nicht mehr auf den Feldern der Aristokraten arbeiteten, sondern in der Stadt ihr Glück suchten (Tocqueville 1969: 73). Durch die zentralisierte Verwaltung wurde die Demokratie schon längst vor 1789 etabliert, die sprichwörtliche tabula rasa, nach der Revolution, war nichts weiter als eine Illusion. Anhand der sich in Paris befindlichen Bürgermassen wurden die Feudalrechte der Adligen immer bedeutungsloser. Nicht nur der Adel wurde in seiner Macht instabil, der Klerus, also der zweite Stand, wurde ebenso geschwächt. Diese Schwächung wurde durch den allgemeinen Atheismus, welcher Frankreich überfiel, erschaffen. Zerfall des Christentums bedeutete auch Zerfall der Legitimation durch Gottesgnaden (Tocqueville 1969: 39ff). Der Aufschwung der Bürgerklasse wurde durch diesen Faktor unaufhaltsam. Man darf dies nicht missverstehen, Tocqueville geht davon aus, dass das Christentum eines der Faktoren für eine gleichgestellte, demokratische Gesellschaft ist. Er geht so weit zu sagen, dass eine Volksherrschaft von Gott gewollt zu seien scheint. Jedoch wird die Gesellschaft erst dann vollkommen demokratisch und gleich, wenn grobe Klassenunterschiede, wie es in Frankreich vor 1789, eliminiert werden (Herb und Hidalgo. 2005: 35). Durch diese These bestärkt kann man daraus schließen, dass Revolutionen nicht zufällig in Ländern stattgefunden haben, die bestärkt vom christlichen Glauben regiert wurden (Herb und Hidalgo. 2005: 35).

Großbürger gewannen mehr politischen Einfluss als die Adligen, somit wurde die Bourgeoisie die neue Führungsklasse und Qualifikationen waren nun mehr Wert als Herkunftsfamilie oder Stand (Herb und Hidalgo. 2005: 100). Fälschlicherweise wird die Französische Revolution von unten gesteuert aus betrachtet. Was aber wahrscheinlich war, war die Steuerung von oben, so Tocqueville. Tocqueville geht sogar so weit zu behaupten, dass es ohne die Führung der Eliten keine Revolution gegeben hätte, da die Unterschichten zu orientierungslos für solch ein Handeln gewesen wäre (Herb und Hidalgo 2005: 113). Die Eliten versagten im Vorhaben die Revolution zeitgemäß zu erkennen und diese zu Regulieren, stattdessen wurde die Revolution zügellos auf die Straßen von Paris losgelassen (Herb und Hidalgo 2005: 115). Durch die schiere Masse des Bürgertums und durch den rapiden Machtanstieg wurde der Drang zur Gleichheit erhöht. Die Güterverteilung war nun nicht mehr von der Herkunft bestimmt, der Kampf um die Spitze des Gütermarktes wurde gefördert, nun konnte der Kapitalismus sich in Frankreich entfalten. Doch die Führungsschicht wehrte sich gegen das aufstrebende kapitalistische Verhalten der Großbürger, dieser Disput wurde in der französischen Revolution entladen. Hierbei ist es wichtig zu erwähnen, dass Tocqueville die These aufgestellt hat, dass die Mittelschicht die „Feinde von gewaltsamen Bewegungen“ sind (Tocqueville 1987b: 371). Ursache für die Revolution war folglich, dass die Armen den Reichen den Besitz rauben wollten. Die Reichen wiederum hatten das Ziel die Ärmeren ihres Reichtums zu berauben und sich selbst somit zu profilieren. Es ist daraus zu schließen, hätte es in Frankreich einen größeren Mittelstand gegeben, wäre die Revolution folglich nicht so ausgeartet. Die Spalte zwischen Besitzenden und Besitzlosen war viel zu groß, als das die Besitzlosen jene Situation weiter hätte ertragen können. Jedoch ist das Elend der unteren Klassen keine Ursache für die gewaltsamen Taten der Bürgerschicht, die Ungleichheit wird als Faktor der Revolution in Frankreich gesehen. Diese Gegebenheiten sorgten für das entflammen der Herzen für Freiheit und Gleichheit (Tocqueville 1969: 10 f.).

Abschließend ist zu sagen, dass die Revolution als solch ein gewaltsamer Akt, wie es im Jahre 1789 der Fall war, war eine komplette Innovation der „Moderne“. Die kulturellen Ideen von 1789 nämlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sind die entscheidenden Katalysatoren für den Ausbruch der Revolution in Frankreich. Die Feudalgesellschaft die sich über Jahrhunderte aufbaute wurde schlagartig durch den revolutionären Terror zerschlagen. Die zerstörerische Gewalt, die das Bürgertum inne hatte, wird von Tocqueville als Imitation der rücksichtslosen Vorgehensweise der Aristokratie gesehen, denn politischen Feinden des Régime wurde die Wahl gelassen ihren Kopf zu beugen oder eben diesen zu verlieren. Die Bürger schauten sich die Gewalt der Politik ab und nahmen diese als Vorlage für ihre eigenen Handlungen (Herb und Hidalgo 2005: 117) Tocqueville bezeichnet die Revolution als das Herausreißen der toten Wurzeln des Ancien Régime (Herb und Hidalgo 2005: 111). Man kann daraus schlussfolgern das Tocqueville die Französische Revolution nicht als Neuanfang sieht, sondern als eine Art Überarbeitung für das französische System. Die Revolutionäre zielten auf einen kompletten Umschwung Frankreichs ab, der sich in Wirklichkeit jedoch nie ergab. Die Revolution beendete nur den Entwicklungsvorgang, den Frankreich durchmachte, war aber nicht der Anfang des Vorganges, sondern es zeichnete das Ende dieses ab.

1.1 Der Tocqueville-Effekt

Die Ungleichheit unter der die Franzosen litten, die stätig abnahm, verschlimmerte jedoch die soziale Situation. Warum kam es denn doch zur Revolution, obwohl das Bürgertum immer mächtiger wurde und der Adel mehr und mehr an Macht verlor? Die Erklärung liefert der in der Soziologie bekannte Tocqueville-Effekt. Der Tocqueville-Effekt beschreibt eine Situation, in der eine einsetzende Verbesserung der sozialen Lage deutlich wird. Diese Verbesserung der Lebensqualitäten sorgt dafür, dass die Wünsche der einzelnen Schichten schneller wachsen als die Möglichkeit zur Erfüllung dieser Wünsche. Man kann also sagen, dass trotz verbesserte Gesamtsituation die Frustration der Bevölkerung zunimmt und somit noch intensiver wird, als sie es vor der Verbesserung gewesen war (Tocqueville 1969: 176 f.). Nicht nur das Politikwesen verbesserte sich, Industrie sowie das Handelswesen wuchsen. Der allgemeine Wohlstand Frankreich wuchs schon vor 1789 kontinuierlich an. Die Französische Revolution, als soziales und politisches Phänomen hat an diesem Tatbestand nichts geändert. Die Aristokratie, wäre laut Tocqueville auch ohne Revolution zerfallen, die plötzliche Zertrümmerung des „alten Gebäudes“ hätte sich von selbst ergeben. Die Bürger Frankreichs hassten das Ancien Régime, am meisten in dem Moment, wo die größten Probleme zu verschwanden. Hierzu ist es wichtig zu erwähnen, dass das Denken der Franzosen stark von dem denken der Philosophen beeinflusst war. Tocqueville schrieb hierzu das die Philosophen alles hassten „was alt ist“ (Tocqueville 1969: 28). Der englische Systemumschwung wurde hier als Beweis, zur Kräftigung der These von Tocqueville genommen, da dort der Wandel der bürgerlichen Gesellschaft auch ohne Gewalt vollzogen werden konnte. Genauer gesagt wurden durch die Revolution nur die „Reste der feudalen Sitten und Institutionen“ entsorgt (Herb und Hidalgo 2005: 108). Anhand des Tocqueville-Effekts kann man Erleutern das sich gerade durch dieses Wirtschaftswachstum die soziale Lage weiterhin verschlechterte und die Lage umso unaushaltbarer wurde, je besser es Frankreich als Ganzes erging.

1.2. Das System der Taille in Frankreich

Ein weiterer noch ungenannter Faktor der zur Revolution führte war das System der Taille in Frankreich. Die Aristokratie wurde vor der Französischen Revolution nämlich komplett von der Steuer befreit, denn die Taille wurde zu einer Zeit eingeführt in der die Aristokratie noch Macht besaßen (Swedberg 2005: 19). Doch als diese Macht schwand, verschwand auch die Legitimation für die Befreiung des Adels für die Steuer. Die Begründung für das nicht zahlen der Steuer war die Tatsache, dass im Kriegsfalle der Adel unentgeltlich zum Kriegsdienst gerufen wurde. Diese Begründung reichte dem Volke aber nicht um besänftigt zu sein, denn die Ungerechtigkeit wurde dadurch kein Einhalt geboten. Durch kaum vorhandene Legitimation und durch den schwachen Adel entstand Unruhe in Frankreich. Diese Gegebenheit sorgte für eine immense Ungleichheit in der Zeit vor der Französischen Revolution. Diese vom König eingeführte Steuer belastete vor allen Dingen jene Klassen, die kein geregeltes Einkommen besaßen und von z.B. der Ernte abhängig war. Ein Charakteristikum der Steuer war, dass sie willkürlich, vom Steuereintreiber, gewählt werden konnte. Dieser Steuereintreiber war jemand aus dem eigenen Dorf, der von Intendanten dazu aufgefordert wurde für den König die Gelder einzutreiben. Das hatte den Vorteil, dass dieser Eintreiber wusste wer Geld im Dorf hatte und wer nicht und wie hoch dieser oder jener zu besteuern wäre. Die Steuerzahler versteckten aber möglichst viel Geld vor dem Steuereintreiber, um eben dieses Geld zu behalten und die Familie besser unterstützen zu können (Swedberg 2005: 19). Ein weiteres Charakteristikum war, dass die Höhe der Steuer geheim ausgewählt worden war. Der arme Bauer konnte sich also nie sicher sein wie hoch die Steuer sein wird und ob seine Ersparnisse reichen, um diese zu tilgen. Desweiteren waren die Bauern meist nur Pächter für die Ländereien der Adligen, diese wollten selbstverständlich auch noch einen Anteil an dem erwirtschafteten Geld. Die Bauern hatten meist nun nur einen Ausweg aus der Misere, nämlich den etwas besser bezahlten Kriegsdienst. Der Adel blieb jedoch defensiv und versuchte die gegebene Situation beizubehalten.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668541610
ISBN (Buch)
9783668541627
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376808
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Tocqueville Staat Revolution Alte Amerika Hausarbeit PDF

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Stabilität einer Demokratie nach Alexis de Tocqueville