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Vergleich der beiden Einführungen in Manzonis Werk "Fermo e Lucia" von 1823

von Anonym

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 21 Seiten

Romanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Questione della lingua

III. Manzonis Sprachtheorien

IV. Fermo e Lucia

V. Prima introduzione contemporanea alla stesura dei primi capitoli

VI. Introduzione rifatta da ultimo

VII. Vergleich

VIII. Zusammenfassung

IX. Anhang

XII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich folgenden Vergleich anstellen:

Inwiefern veränderte Manzoni in seinem Werk Fermo e Lucia die Einführung Prima introduzione contemporanea alla stesura dei primi capitoli zur Introduzione rifatta da ultimo? Und welchen Einfluss hat die storia auf den discorso?

Zuallererst möchte ich eine kurze Übersicht über die >Questione della linguae im Allgemeinen und im 19. Jahrhundert geben.

Danach möchte ich meinen Fokus auf Manzonis Sprachtheorien legen. Folgende sprachtheoretische Texte werde ich untersuchen: Lettera a Carena (1850), Relazione sull'unità della lingua (1868) und Lettera intorno al libro De vulgari eloquio di Dante Alighieri (1868). Dabei ist jedoch zu beachten, dass diese Theorien, allesamt nach den zu untersuchenden Einleitungen von Fermo e Lucia entstanden, allenfalls einen Ausblick auf die Entwicklung bezüglich der >Questione della linguae geben, die beiden Einleitungen selbst aber nicht beeinflussen.

Als Nächstes werde ich den Inhalt von Fermo e Lucia darstellen. Darauffolgend werde ich mich mit den beiden Einleitungen befassen um sie letztendlich miteinander zu vergleichen.

Schließlich werde ich meine Ergebnisse kurz in einer Zusammenfassung festhalten.

II. Die Questione della lingua

Mit dem Begriff Questione della lingua ist im Allgemeinen die Frage nach einer „italienischen Sprachnorm“ (Ellena 2008, 21) gemeint. Man spricht auch von einem „Problemkomplex“ (eigene Übersetzung; Vitale 1984, 12), der sich durch die Entstehung des Volgare bildete und über die Jahrhunderte stark diskutiert wurde (Geckeler/Kattenbusch 1992, 153). Bei einer diachronen Betrachtung dieses Komplexes werden von den beteiligten Sprachtheoretikern oftmals unterschiedliche Schwerpunkte im Bezug auf

.]die Natur der Sprache: Florentinisch und Italienisch;

- ihre Verwendung: Schriftsprache und gesprochene Sprache;
- die zeitliche Ausdehnung ihrer Grenzen: Antike und modeme Sprache;
- die Anpassungsfähigkeit an neue Zeiten: Tote und lebendige Sprache;
- und Funktionalität: Literatursprache und Sprache als soziales Element [...]“

gesetzt (eigene Übersetzung; Vitale 1984, 12).

Im Gebiet des heutigen Italiens existierte lange Zeit kein Gemeinsprache, da sich keiner der zahlreichen Dialekte überregional durchsetzte (Ellena 2008, 22). Im 19. Jahrhundert verhalf vor allem die sich nähernde politische Einigung Italiens 1861 der Questione della lingua wieder zu neuer Aktualität und forderte von den zeitgenössischen Sprachtheoretikem eine baldige Lösung (Haase 2007, 41).

Im Folgenden werde ich einige Bewegungen des 19. Jahrhunderts skizzieren, die durch verschiedene Ansätze und Positionen eine Spracheinigung anstrebten.

Mit dem Widerstand gegen französische Wörter, die sich während der Herrschaft Napoleons in der italienischen Sprache festsetzten, begann sich die Purismusbewegung zu entwickeln (Marazzini 2011, 167). Der Hauptvertreter dieser Strömung, der Veroneser Cesari, forderte sich an der antiken Literatursprache des 14. Jahrhunderts zu orientieren (Migliorini 2002, 545). Diese erlangte ihr großes Prestige vor allem durch die Tre Corone, Dante, Petrarca und Boccaccio, die ihre Werke im florentinischen Dialekt des 14. Jahrhunderts schrieben und somit die italienische Literatursprache stark beeinflussten (Geckeler/Kattenbusch 1992, 150-153). So wurde das Florentinische schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur ,,akzeptierte[n] und verwendete[n] Literatursprache“ (Geckeler/Kattenbusch 1992, 151). Allerdings blieb diese Sprache den Gebildeten Vorbehalten und erreichte noch lange nicht den Großteil der Bevölkerung (ebd.).

Eine ähnlich archaisch ausgerichtete Position vertrat der Privatschullehrer Puoti, der in seiner Schule ebenfalls nach den sprachlichen Vorbildern des Trecentos lehrte, jedoch auch die Sprache einiger weniger Autoren des 16. Jahrhunderts guthieß (Marazzini 2011, 168).

Eine vollständig gegensätzliche Position findet man in den Werken des Schriftstellers Monti. Dieser kritisierte nicht nur Cesari sondern auch die Accademia della Crusca für ihr Wörterbuch, das viele nicht mehr gebräuchliche Begriffe enthielt (Migliorini 2002, 546).

III. Manzonis Sprachtheorien

Nachdem ich soeben verschiedene Positionen in der Sprachenfrage aufgezeigt habe, möchte ich nun zu Manzonis Standpunkt kommen. Anhand folgender Texte werde ich seine Sprachtheorie erläutern: Lettera a Carena (1847), Relazione sull’unità della lingua (1868) und Lettera intorno al libro De vulgari eloquio di Dante Alighieri (1868).

In seinem Brief an Giancinto Carena von 1847 wird deutlich, dass Manzoni sich für eine Nationalsprache nach dem Vorbild des Florentinischen ausspricht. Carena, Mitglied der Accademia della Crusca und Verfasser eines Wörterbuchs, gab in diesem oft neben dem florentinischen Wort Synonyme aus anderen Dialekten an. Dies kritisiert Manzoni mit den Worten „la lingua italiana è in Firenze“ (Manzoni 1870b, 409). Warum er das Florentinische als Grundlage für ein Standarditalienisch sieht, begründet er mit mehreren Beispielen. So spricht er das hohe Prestige des Florentinischen an, das seine Akzeptanz schon durch seine Verwendung in der Literatur gefunden hat. Seiner Meinung nach würde sich ein Gelehrter aus dem Piemont auf der Suche nach fehlenden Wörtern eher nach Florenz begeben, als nach Mailand, Neapel, Genua oder Bologna. Damit verdeutlicht Manzoni, dass das Florentinische unbewusst als Wahl für eine italienische Standartsprache anerkannt worden ist (ders., 410). Als weiteres

Argument führt er an, dass das Toskanische schon seit fünf Jahrhunderten von vielen Italienern aus unterschiedlichen sozialen Schichten als das Italienische tituliert wurde (ders., 412). Seine Entscheidung für das Florentinische begründet er also nicht mit einer intrinsischen Überlegenheit gegenüber anderen Dialekten, sondern allenfalls mit einer historisch gewachsenen Überlegenheit (Geckeler/Kattenbusch 1992, 150-155).

Die Relazione sull'unità della lingua e dei mezzi di diffonderla ist ein Bericht aus dem Jahr 1868 an den Kultusminister Bonghi und den Abgeordneten Carcano. Um die italienische Sprache zu verbreiten schlägt Manzoni dort vor ein Wörterbuch herauszubringen.

Uno poi de' mezzi più efficaci e d'un effetto più generale, particolarmente nelle nostre circostanze, per propagare una lingua, è, come tutti sanno, un vocabolario. (Manzoni 1870a, 602)

Im Lettera intorno al libro De vulgari eloquio di Dante Alighieri wendet Manzoni sich an Bonghi und an alle anderen Sprachtheoretikem, die auf Dante verweisend die Meinung vertraten, die Sprachenfrage sei längst gelöst worden. In diesem Brief begründet Manzoni, warum er Dante bezüglich der Sprachenfrage nicht erwähnt.

Ora, per giustificare la mia omissione, devo far di più e peggio, negar il fatto addirittura e dire che, riguardo alla questione della lingua italiana, quel libro è fuor de' concerti, perchè in esso non si tratta di lingua italiana nè punto nè poco. [···] Dante era tanto lontano dal pensare a una lingua italiana nel comporre il libro in questione, che alla cosa proposta in quello, non dà mai il nome di lingua. (Manzoni 1870c,610)

Manzoni erachtet es als ausschlaggebend, dass Dante in seinem Werk De vulgari eloquio gar nicht über eine Sprache im Sinne von Standartsprache oder Nationalsprache schreibt, sondern über eine Art Poesiesprache, die er zudem nicht „lingua“, sondern „vulgare illustre“ (Manzoni 1870c, 610) nennt. Von diesem Standpunkt ausgehend, und im Bewusstsein darüber, dass eine archaisch ausgerichtete Sprache nur von einem sehr geringen Teil der Bevölkerung verstanden werden kann, favorisiert Manzoni eine Orientierung an einer modernen und lebendigen Sprache, die somit auch die Möglichkeit mit sich bringt sie sowohl in der Literatur als auch zur mündlichen Kommunikation zu verwenden. So sind also archaisch ausgerichtete Modelle, die sich an Dantes Sprache richten, allenfalls als Literatursprache für eine gebildete Minderheit, nicht aber zur Nationalsprache geeignet(Geckeler/Kattenbusch 1992, 150-155).

In seinem historischen Roman Fermo et Lucia versucht sich Manzoni an der praktischen Ausarbeitung des uso vivo fiorentino, der Vorbildcharakter für ganz Italien haben soll (Marazzini 2011, 172).

Es ist jedoch zu beachten, dass Manzoni die vorgestellten sprachtheoretischen Texte erst nach der Fertigstellung der beiden zu untersuchenden Einleitungen schrieb und dass daher nur eine partielle Umsetzung zu erwarten ist.

IV. Fermo e Lucia

Das uns heutzutage unter dem Titel I promessi sposi bekannte Werk Manzonis erschien zunächst 1823 als Fermo e Lucia. Es folgte 1827 eine erste überarbeitete Fassung und 1842 konnte schließlich die endgültige Fassung veröffentlicht werden.

Ipromessi sposi ist eine Variation des seit 1814 bekannten Historischen Romans von Walter Scott. Gänzlich untypisch für den historischen Roman ist Manzonis strenge Trennung der fiktionalen (Liebes-)Geschichte von den historischen Ereignissen.

Die Geschichte der beiden Verlobten Renzo und Lucia spielt im 17. Jahrhundert während der spanischen Fremdherrschaft. Die in einem kleinen Dorf nahe Lecco lebenden Verlobten stehen kurz vor ihrer Trauung durch Don Abbondio. Dieser lässt sich jedoch von Don Rodrigo, einem grausamen Feudalherren, der Lucia selbst gerne besitzen möchte, so einschüchtern, dass die Hochzeit nicht stattfindet. Stattdessen sind Renzo, Lucia und ihre Mutter gezwungen vor dem gewalttätigen Don Rodrigo zu fliehen. Lucia und ihre Mutter Agnese finden in einem Kloster bei Monza Unterschlupf, wohingegen Renzo sich mit Hilfe von Pater Cristoforo auf den Weg in ein mailändisches Kloster begibt. Angekommen im von der Hungersnot beherrschten Mailand wird Renzo verdächtigt zu politischen Aufwieglern zu gehören. Er wird verhaftet, dann jedoch wieder befreit und kann sich so nach Bergamo zu seinen Vettern retten. Zur gleichen Zeit wird Lucia auf Befehl von Don Rodrigo vom Condottiere, dem „Ungenannten“, einem noch viel schrecklicheren Feudalherren als Don Rodrigo, aus dem Kloster bei Monza in dessen Burg entführt. Durch die Anwesenheit der frommen und reinen Lucia beginnt eine Läuterung des tyrannischen Condottiere zum christlichen Wohltäter. Dieser Sinneswandel wird durch die Begegnung mit dem Kardinal Frederigo Borremeo verstärkt und zeigt sich zunächst dadurch, dass der nun bekehrte Condottiere Lucia freilässt. Lucia gelangt nach Mailand, wo nach einem Einfall deutscher Soldaten Chaos, Hunger und die Pest herrschen. Lucia selbst erkrankt an der Pest und wird nun geheilt, als Krankenschwester noch immer in einem Pestlazarett arbeitend, von Renzo gefunden. Ihr unter Not gemachtes Gelöbnis das ganze Leben lang unverheiratet zu bleiben, wird von Pater Cristoforo annulliert, als Renzo dem todgeweihten Don Rodrigo verzeiht. Lucia und Renzo kehren in ihre Heimat zurück, in der sie von Don Abbondio getraut werden. Renzo wird zum namhaften Besitzer einer gut laufenden Seidenspinnerei und ein Jahr darauf stellt sich auch das familiäre Glück mit der Geburt der ersten Tochter ein (www.kll-online.de s.v. >1 promessi sposic).

V. Prima introduzione contemporanea alla stesura dei primi capitoli

Die erste Einleitung von Fermo eLucia beginnt mit einem kurzen Zitat eines unbekannten Erzählers, der über seine Absicht spricht eine Erzählung aus seiner Kindheit anzufertigen.

Erst nach dem ersten Absatz erfährt man - über einen zweiten Erzähler, der sich in die Position des Autors begibt - , dass es sich bei dem vorherigen Text um eine „eigenartige Geschichte aus dem 18. Jahrhundert“ (eigene Übersetzung; Manzoni 1988a) handelt. Zudem teilt er dem Leser mit die Geschichte nicht nur zu kopieren, sondern sie von Grund auf neu schreiben zu wollen. Als Hauptgrund dafür gibt er an, dass der zitierte Erzähler die Geschichte mit vielen eigenen Überlegungen vermischt habe.

Im nächsten Abschnitt bedauert der Erzähler nun, dass der Erzähler des kurzen Vortextes nur selten die Nachnamen der Personen und die Ortsnamen nennt. Jedoch seien einige Orte so ordentlich beschrieben, dass es ihm gelang, die Namen der Orte in der Erzählung zu identifizieren.

Im nächsten Abschnitt geht er dann darauf ein, dass man ihn verdächtigen könnte, die Geschichte nicht nach einer wahren Begebenheit zu erzählen, sondern sie erfunden zu haben. Dass es in der italienischen Literatur keine erfundenen Geschichten oder nur wenige davon gäbe, ist seiner Meinung nach ein großer Erfolg.

Dennoch gibt er das Heldengedicht und den Ritterroman als Beispiel für wahre und reale Sitten, genauso wie für erfundene Taten an, die falsch und gehaltlos seien.

Um jeden Verdacht der Erfindung von sich zu weisen, schlägt er vor das ursprüngliche Manuskript einigen wenigen Freunden zu zeigen. Er verwirft diese Idee jedoch schnell in der Angst, dass diese Freunde das Original mehr schätzen könnten als seine Neufassung.

Stattdessen schlägt er den Zweiflern vor sich seine Nachforschungen anzusehen und diese mit Hilfe der angegebenen Literaturverweise nachzuvollziehen.

Er gibt jedoch zu bedenken, dass einige dieser Bücher schwer auffindbar und außerdem auch in einem schlechten Stil geschrieben seien.

Im letzten Abschnitt richtet er sich direkt an den Leser um die Frage zu stellen, inwiefern ihm, dem Leser, diese Lektüre nützlich sein könnte.

Er sieht die Antwort in der Möglichkeit neues Wissen über das 17. Jahrhundert zu erwerben.

Zusammengefasst kann man sagen, dass in dieser Einleitung nur marginal auf den offenbar schlechten Stil der vorherigen Autoren eingegangen wird. Der Erzähler selbst verkörpert ein schwaches Selbstbewusstsein in Bezug auf seine eigene Schreibleistung. Die Hauptaussage ist außersprachlich und befasst sich mit der Vermittlung historischer Begebenheiten.

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668539211
ISBN (Buch)
9783668539228
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376716
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,3
Schlagworte
vergleich einführungen manzonis werk fermo lucia

Autor

  • Anonym

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Titel: Vergleich der beiden Einführungen in Manzonis Werk "Fermo e Lucia" von 1823