Lade Inhalt...

Objektivität des Autors? Vergleich der Sueton-Viten Augustus' und Domitians

von Anonym (Autor)

Essay 2017 5 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Vergleich der Viten Augustus und Domitian

In dem vorliegenden Essay sollen die Augustus- und Domitianvita von Sueton auf vermeintliche Objektivität des Autors hin untersucht werden. Sind beide Viten objektiv verfasst worden oder lassen sich narrative Textstrategien identifizieren, die eine solche Objektivität infrage stellen? Der besondere Schwerpunkt bei dieser Betrachtung wird dabei auf die Prodigien gelegt werden.

Die Vorzeichen waren ein wichtiger Bestandteil im Leben der Römer, weshalb ihnen innerhalb der Viten Suetons ein großer Raum zugeteilt wird, in denen der Verfasser über verschiedene Erscheinungen berichtet. Trotz vielfältiger und ausführlicher Aufzählungen von Vorzeichen ist davon auszugehen, dass Sueton mehr Informationen besaß, als die, die er angeführt hatte. Legt man diese Überlegung zu Grunde, dann lässt sich daraus nur eine Darstellungsabsicht ablesen, die dem Willen Suetons entspricht. Das bewusste Verschweigen von Vorzeichen, aber auch die gewollte Nennung von positiven oder negativen Prodigien impliziert bereits vor einer genaueren Auswertung der Viten eine fehlende Objektivität und damit eine einhergehende subjektive Gestaltungsabsicht.[1]

Diese Gestaltungsweise lässt sich anhand der Augustusvita sehr genau darstellen. Sueton fasst bis auf drei Ausnahmen alle Vorzeichen in einer großen Rubrik zusammen, welche durch ein spezielles Schema in vier Abschnitte geordnet ist.[2] Den Anfang der Rubrik und somit des ersten Abschnittes bilden die Blitz- und Donnerfurcht des Augustus (Tonitrua et fulgura paulo infirmius expavescebat, ut semper et ubique pellem vituli marini circumferret pro remedio […] Aug. 90), welche als schlechte Vorbedeutungen angesehen werden können. Doch bereits im nächsten Schritt lässt Sueton dieses schlechte Prodigium durch drei positive Träume verdrängen, die ein Gegengewicht darstellen:

Augustus wurde durch den Traum eines Freundes gewarnt, sein Zelt in der Schlacht von Philippi zu verlassen und dies war sein Glück, weil sein Lager angegriffen und zerstört worden ist (cessitque res prospere, quando captis castris lectica eius, quasi ibi cubans remansisset, concursu hostium confossa atque lacerata est. (Aug. 91,1)). Auch die beiden darauffolgenden Träume bewirken Gutes für Augustus und werden als positiv wahrgenommen.

In der Darstellungsweise Suetons folgt auf die drei Träume nun wieder eine schlechte Vorbedeutung, welche sich mit dem verkehrten Schuhanziehen befasst (si mane sibi calceus perperam ac sinister pro dextro induceretur, ut dirum. (Aug. 92,1)). Im Anschluss daran werden drei Naturereignisse genannt, die positiv interpretiert werden. Dazu gehörte zum einen frisch gefallener Tau zu Beginn einer Reise und zum anderen die Aufstellung einer zwischen den Hofplatten gewachsenen Palme neben den Hausgöttern. Den Abschluss des ersten Abschnitts der großen Rubrik über die Vorzeichen bildet die Nennung über die als negativ wahrgenommenen Unglückstage. Sueton gelingt es auf diese Weise negative und positive Prodigien zu erwähnen, aber durch das Übergewicht an sechs positiven Vorbedeutungen bleiben die negativen Erwähnungen eher im Hintergrund und spielen eine untergeordnetere Rolle.

Den zweiten Abschnitt der Rubrik bilden die Vorzeichen um die Geburt des zukünftigen Herrschers. Hier unterscheidet Sueton zwischen Prodigien vor, am Tag und nach der Geburt des Augustus. Jedes dieser Vorzeichen ist positiv und weist auf die zukünftige Größe des Kaisers hin: […] quibus futura magnitudo eius et perpetua felicitas sperari animadvertique posset. (Aug. 94,1). Außerdem steigert die Aussage, dass Augustus für einen Sohn Apollos gehalten worden sei ([…] Apollinis filium existimatum (Aug. 94,4)), dessen Bedeutung und herausragende Stellung.

In Abschnitt drei behandelt Sueton die Vorzeichen, die in Augustus` Männeralter geschehen sind. Auch diese weisen alle auf die großartige Herrschaft hin und untermauern die Legitimität des zukünftigen Kaisers.[3] Die Vorzeichen, die seinen Tod vorausgingen enthalten keinerlei negative Charakteristika, sondern stehen im Zeichen seiner Aufnahme unter die Götter. Nach einem Blitzeinschlag in seine Statue, bei welchem der erste Buchstabe des Namens Caesar verschwand, deuteten die Menschen dies als Vorzeichen für seinen baldigen Tod.

Der Buchstabe C bedeutet 100 und ebenso viele Tage werde Augustus noch leben, bis er unter die Götter aufgenommen würde, denn der Rest des Namens aesar bedeutet in etruskischer Sprache „Gott“: responsum est, centum solos dies posthac victurum, quem numerum C littera notaret, futurumque ut inter deos referretur, quod aesar, id est reliqua pars e Caesaris nomine, Etrusca lingua deus vocaretur (Aug. 97,2).

Wie die Beispiele zeigen, lassen sich aus den Vorzeichen, die Sueton in der Augustusvita anführt nur selten negative Passagen oder Bedeutungen herauslesen. Meistens stehen die Prodigia im Zusammenhang mit der Größe oder Vergöttlichung des Kaisers Augustus. Betrachtet man nun im Vergleich die Vita des Domitians, so lässt sich dort nur ein einziges positives Vorzeichen finden. Auffälligerweise sind alle anderen Prodigien negativ und weisen auf den bevorstehenden Tod des Kaisers hin.[4]

Das positive Vorzeichen findet sich in Dom. 6.2, als ein Adler seine Statue umflog und Jubelschreie ausstieß und er danach vom Sieg über Antonius erfuhr: […] siquidem ipso quo dimicatum erat die statuam eius Romae insignis aquila circumplexa pinnis clangores laetissimos edidit. Es wird allerdings nicht ersichtlich, aus welchem Grund Sueton überhaupt eine positives Vorzeichen nennt. Denn so wie bei Augustus die negativen Vorbedeutungen sehr schnell in den Hintergrund treten, geschieht dies in der Domitianvita umgekehrt mit einem einzigen positiven Vorzeichen. Eine langen Aufzählung von Gewalttaten Domitians kulminiert in dem Satz, dass er allen verhasst war und durch seine Freunde und Ehefrau getötet worden ist (per haec terribilis cunctis et invisus, tandem oppressus est <...> amicorum libertorumque intimorum simul et uxoris ((Dom. 14,1).

In den darauffolgenden Kapiteln 15 und 16 beschreibt Sueton die immer größer werdende Angst Domitians vor seiner Ermordung und den damit einhergehenden Prodigien. Dazu gehören zum Beispiel die Warze, die er sich selbst aufkratzt und dabei hofft, dass dies Alles sei, was ihm geschehe: Ac dum exulceratam in fronte verrucam vehementius scalpit, profluente sanguine: ´ Utinam ´ , inquit, ´ hactenus. ´ (Dom. 16,2). Ebenso auffällig ist die Nennung der immer häufiger einschlagenden Blitze (continuis octo mensibus tot fulgura facta nuntiataque sunt […] (Dom. 15,2)), die sich ständig Domitian selbst nähern: tactum de caelo Capitolium templumque Flaviae gentis, item domus Palatina et bubiculum ipsius […] (Dom. 15,2).

Wurde in den Vorzeichen des Augustus dieser für einen Sohn Apollos gehalten oder von seiner Vergöttlichung gesprochen, so erscheint es bei Domitian ebenfalls in umgekehrter Weise, wenn Minerva ihn verließe und nicht weiter beschützen könne: Minervam, quam superstitiose colebat, somniavit excedere sacrario negantemque ultra se tueri eum posse, quod exarmata esset a Iove. (Dom. 15,3). Die Götter wenden sich von ihm ab, wohingegen sie bei Augustus seine Erhebung zu ihnen durch Vorzeichen andeuteten.

Eine Rezeptionslenkung ist im letzten Kapitel der Domitianvita nicht mehr zu widerlegen, denn durch die beiden Vorzeichen am Ende der Vita rückt Sueton die Herrschaft Domitians in ein schlechtes Licht. Die herausragende Stellung am Schluss führt zu einem getrübten Rückblick auf die gesamte Vita und lässt die nach Domitian kommenden Herrscher in einem glanzvollen Licht erscheinen. Zum einen krächzte eine Krähe, dass alles gut sein werde, zum anderen habe Domitian geträumt, dass ihm ein goldener Buckel ([...] gibbam [...] auream enatam […]) aus dem Nacken gewachsen sei, welches er als Zeichen deutete , dass nach ihm der Zustand des Staat glücklicher und fröhlicher sein werde ([…] pro certoque habuisse beatiorem post se laetioremque portendi rei publicae statum […] Dom. 23,2).

Diese exponierte Stellung der beiden Vorzeichen ist absichtlich von Sueton ausgewählt worden, denn sie hätten auch im Bereich der anderen Vorzeichen (15,2 - 16,1) genannt werden können. Auf diese Weise gelingt Sueton nicht nur ein Abschluss der Domitianvita, sondern auch ein Abschluss aller Viten mit einem glücklichen Ausblick auf die kommenden Herrscher.[5] Durch die Steuerung der Rezipienten auf eine negative Sichtweise über die Herrschaft Domitians, kann Sueton den Unterschied zwischen diesem und den Nachfolgern Trajan und Hadrian wesentlich verstärken. Der Autor konnte sich in dieser Situation indirekt bei den nachfolgenden Kaisern beliebt machen und eventuell sein Ansehen verbessern.

Wie sich in Bezug auf die Fragestellung gezeigt hat, lassen sich durchaus narrative Textstrategien identifizieren, die eine Objektivität Suetons in Frage stellen. Schlechte Vorbedeutungen oder auch Vorzeichen werden bei Augustus fortwährend durch gute Vorzeichen neutralisiert oder übertroffen. Die Nennung der negativen Vorbedeutungen könnten lediglich für einen literarischen Gebrauch von Nutzen gewesen sein, nämlich in dem Sinne, dass Augustus auf diese Weise nicht als vollkommener Herrscher gezeigt und darüber hinaus auch Abwechslung in die Aufzählungen eingebracht wird. Sueton kann durch die Verwendung dieses positiv-negativ Schemata ein Interesse des Lesers aufrechterhalten ohne ihn mit einem perfekten und unangreifbaren Herrscher zu langweilen.

Sueton ist es nicht gelungen, eine vollkommene Objektivität einzuhalten. Wie durch die genannten Beispiele deutlich geworden ist, steuert der Autor durch die Auswahl an Prodigien die Wahrnehmung der Rezipienten. Es kann nicht geleugnet werden, dass Augustus als ein „guter“ Kaiser dargestellt wird, dessen Vorzeichen bis auf drei Ausnahmen durchweg positiv sind. Als konkretes Gegenbeispiel lässt sich in dieser Betrachtungsweise die Vita des Domitians ansehen, in welcher er als ein „schlechter“ Kaiser charakterisiert wird. Die Furcht vor einem Hinterhalt oder einer Ermordung lassen ihn immer grausamer werden. Diese Angst vor dem Tod wird durch die literarische Gestaltungsweise noch verstärkt, indem viele negative Vorzeichen aufeinander folgen. Am deutlichsten wird das bevorstehende Ende des Kaisers durch die stetig näher kommenden Blitzeinschläge aufgezeigt, die gleichzeitig eine fortschreitende Gefährdung des Herrschers ausdrücken.

Der stärkste Beweis für eine mangelnde Objektivität Suetons findet sich jedoch im letzten Kapitel der Domitianvita, in welcher er ganz deutlich die Zeit nach Domitian als segensreicher für den römischen Staat bezeichnet und somit eine direkte Wertung abgibt. Wären die beiden letzten Prodigien in den Bereich der Paragraphen 15,2-16 eingeflossen, hätten ihre Aussagen vielleicht eine nicht ganz so hervorstechende Bedeutung. Doch durch die Positionierung am Ende der Vita kann nur eine offensichtliche Beeinflussung des Lesers gewollt worden sein.

Bibliographie:

C. Suetoni Tranquilli: De vita Caesarum, Libri VIII, recensuit: Ihm, Maximilan, Stuttgart 1993.

Gugel, Helmut: Studien zur biographischen Technik Suetons, Wien 1977.

[...]


1 Gugel, Helmut: Studien zur biographischen Technik Suetons, Wien 1977, S. 24-27.

2 Gugel: Studien, S. 36-38.

3 Vgl. Aug. 94,10- 96.

4 Gugel: Studien, S. 70.

5 Gugel: Studien, S. 72-73.

Details

Seiten
5
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668539914
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376692
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Sueton Kaiserviten Augustus Domitian Gute Kaiser Schlechte Kaiser

Autor

  • Anonym (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Objektivität des Autors? Vergleich der Sueton-Viten Augustus' und Domitians