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Der Kosovo-Konflikt: Ursachen und Entwicklung

Seminararbeit 2004 34 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Ursachen des Konfliktes
„Warum ist das Problem überhaupt entstanden?“
Der historische Hintergrund des Konfliktes
Kosovo – seit dem Mittelalter
Kosovo von 1912 bis
Titos Jugoslawien

II. Entwicklung des Konfliktes
Entwicklung 1981-
Kosovo als Armenhaus Jugoslawiens
Im Kosovo beginnt es zu brodeln
Der Aufstieg Milosevics
Entwicklung ab
Gewaltloser Widerstand der Kosovo-Albaner von 1990-
Die UCK und die Rückkehr der Gewalt
Beginn der serbischen Offensive gegen die UCK

III. Der Kosovo-Konflikt 1998/
Rambouillet: Der Versuch einer friedlichen Lösung?
Der Krieg um das Kosovo
Beginn der NATO-Bombardements
Politischer Prozess Juni

IV. Die Zukunft des Kosovo
Bilanz des 78tägigen Krieges
Kosovo – auf dem Weg in die Unabhängigkeit?
Transformation und Wiederaufbau
Wahlen – ein Allheilmittel der demokratischen Prinzipien der Internationalen Gemeinschaft
Heutige Situation:
Die Wirtschaftslage im jetzigen Kosovo
Öffentliche Ordnung und Sicherheit
Ethnische Minderheiten in Kosovo
Die Statusfrage

V. Resümee
Die serbische Perspektive: Kosovo die „Wiege der Nation“
Die Perspektive der Kosovo-Albaner: Kosovo, das Land der Kosovaren?
Blick in die Zukunft
Persönliche Anmerkung

VI. Literaturverzeichnis
Literaturverzeichnis der Bücher
Literaturverzeichnis Zeitschriften
Literaturverzeichnis WWW

I. Ursachen des Konfliktes

„Warum ist das Problem überhaupt entstanden?“

Um den Kosovo-Konflikt zu begreifen, der sich um Fragen wie die Souveränität eines Staates, den Anspruch auf das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes und die Universalität der Menschenrechte handelt, ist es unumgänglich, die gegensätzlichen Positionen zu verstehen, um den emotional gefärbten Streit zumindest einigermaßen nachvollziehen zu können. In diesem Konflikt stehen sich die Kosovo-Albaner und Serben gegenüber, die beide ein historisches Recht am Kosovo für sich in Anspruch nehmen.

Sowohl Serben als auch die Kosovo-Albaner können auf eine lange Verbundenheit ihrer Kultur mit dem Kosovo zurückblicken. Ihre Koexistenz ist nicht immer durchwegs von blutiger Feindschaft durchzogen. Eher wurden im 20. Jahrhundert, um den jeweils eigenen territorialen Herrschaftsanspruch zu begründen, historische Mythen herangezogen, die für beide Völker eine sehr wichtige Rolle spielen.

Der historische Hintergrund des Konfliktes

Kosovo – seit dem Mittelalter

Das Kosovo wurde im Mittelalter zum staatlichen, kulturellen und geistigen Mittelpunkt des serbischen Volkes, auch dank seiner Lage und den natürlichen Verbindungswegen zu den übrigen Teilen der Balkaninsel. Seine Blüte erreichte es während der langen Herrschaft der Nemanjiden (1196-1355). Durch Stefan Nemanja und später durch seinen Sohn und Nachfolger kam das Kosovo im 12. Jahrhundert erstmals unter serbische Herrschaft. Bis dahin befanden sich diese Gebiete zunächst im 9. und 10. Jahrhundert unter der Herrschaft der Bulgaren und nach 1018 unter der Herrschaft Konstantinopels.

Das gut organisierte kirchliche Leben der orthodoxen Kirche in Kosovo hatte einen großen Einfluss auf die kulturelle und geistige Entwicklung der Serben. Dazu hat wesentlich der Bau zahlreicher Kirchen und Klöster beigetragen, die noch heute als besonders wertvoll gelten.

Bis zu seiner Unterwerfung unter die türkische Herrschaft im 15. Jahrhundert war das Kosovo auch das politische Zentrum des serbischen Staates. Nach dem unerwarteten Tod des Zaren Dusan (1355) brachen schlechte und unruhige Zeiten für Kosovo und den gesamten serbischen Staat aus. Seinen Nachfolgern gelang es nicht das territoriale Reich zusammenzuhalten und so zerfiel es in einzelne Feudalstaaten, die nicht in der Lage waren, der androhenden Gefahr der türkischen Expansion entgegenzutreten. Erst im Jahre 1389 gelang es einem serbischen Feudalherrscher, Fürst Lazar (1371-89), angesichts der drohenden osmanischen Gefahr die serbischen Fürsten zu einen und gemeinsam gegen den Feind vorzugehen. Die entscheidende Schlacht ereignete sich am 28.6.1389 auf dem Kosovo Polje, dem Amselfeld (nahe der heutigen Hauptstadt Pristina). In jener großen und bedeutungsvollen Schlacht fielen die beiden Herrscher: der türkische Sultan Murat und der serbische Fürst Lazar.

Der Sieg der Osmanen auf dem Amselfeld war auch eine Niederlage für die albanische Bevölkerung, die zu einem Teil katholisch und zum anderen Teil orthodoxen Glaubens waren.

Mitte des 17. Jahrhunderts begann die Islamierung der Albaner, teils gezwungen, teils freiwillig. Der islamische Glaube sowie das immer größer werdende militärische Engagement bei den türkischen Eroberungszügen verschaffte den „übergetretenen“ Albanern eine privilegierte Stellung gegenüber den Christen. Die Position der Serben, die an ihrer christlich-orthodoxe Überzeugung festhielten wurde zunehmend schwächer.

Im Jahre 1683 änderten sich die Machtverhältnisse, als die Osmanen bei der zweiten Belagerung von Wien eine vernichtende Niederlage erlitten und von den habsburgerischen Truppen weit “nach hinten“ zurückgeschlagen wurden. Die Serben nutzten diese Möglichkeit um sich mit den Habsburgern zu verbünden, und gemeinsam gegen die Osmanen vorzugehen. 1690 kam es jedoch zur Niederlage des christlichen Heeres und darauffolgend zum Massenexodus der Serben in Richtung Norden. Diese Auswanderungswelle Ende des 17. Jahrhunderts ging in die serbische Geschichte als die „Große Wanderung der Serben“ ein. Anzunehmen ist, dass dieser Migrationsbewegung noch weitere kleinere folgten, so dass sich der serbische Siedlungsschwerpunkt nach Belgrad und die umliegenden Gebiete verlagerte. Für die Bevölkerungszusammensetzung hatte diese Entwicklung längerfristig entscheidende Folgen. Seit dem Ende des 17., besonders stark im 18. und noch bis in die Vierziger Jahre des 19. Jahrhunderten siedelten sich Albaner verstärkt in den Ebenen des Kosovo an.

1804 kam es zum erfolgreichen serbischen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft. Als Resultat des zweiten erfolgreichen Aufstandes 1815 erhielt das Fürstentum Serbien ab 1830 einen autonomen Status innerhalb des Osmanischen Reiches. Innerhalb von etwa weiteren fünfzig Jahren konnte Serbien Schritt für Schritt viele territoriale Zugewinne erzielen.

Das Kosovo ist auch die Geburtsstätte der albanischen Nationalbewegung, der „Liga von Prizren“, die 1878 in Prizren gegründet wurde und eine albanische Verwaltung- und Kulturautonomie im Osmanischen Reich erkämpfen wollte. „Dieser Initiative fehlte es allerdings an internationaler Anerkennung. Speziell der Berliner Kongress, der im Juli/August 1878 tagte und die Souveränität Rumäniens, Serbiens und Montenegros festschrieb, wollte sich mit den albanischen Problemen nicht auseinandersetzen. So bleiben die von den Albanern bewohnten Gebiete vorläufig noch Teil des Osmanischen Reiches.“[1]

Kosovo von 1912 bis 1945

Im entscheidenden Ersten Balkankrieg 1912 wurde das Osmanische Reich von Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland geschlagen. Bei der darauffolgenden territorialen Aufteilung brach jedoch der Zweite Balkankrieg 1913 aus. Das Ergebnis dieser Kriege war, daß das Königreich Serbien Kosovo und einen Teil Mazedoniens erhielt. , und man sich 1913 Auf der Londoner Konferenz 1913 wurden die Grenzen des neu entstandenen albanischen Staates so festgelegt, dass ein serbischer Meereszugang verhindert wurde. Diese Neuordnung des gesamten Gebietes geschah ohne jede Rücksicht auf ethnische Grenzen.

Am 28. Juni 1914 (dem Jahrestag der vernichtenden Niederlage am Amselfeld) besuchte Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Frau Sarajewo, wo er und seine Gemahlin von einem fanatischen serbischen Nationalisten getötet wurden. Mit diesen Schüssen wurde der Erste Weltkrieg eingeleitet.

„Nach der Niederlage Serbiens errichteten k.u.k. Truppen 1916-18 eine Militärverwaltung, der auch Kosovo unterstand. Die Zugehörigkeit Kosovos zu Serbien – bzw. zum neu entstandenen Staat der Serben, Kroaten und Slowenen („SHS-Staat“, ab 1928 Königreich Jugoslawien) blieb aufrecht.“[2]

In der Zwischenkriegszeit förderte die serbische Politik eine Zuwanderung der Serben in das Gebiet des Kosovo, was Aufstände der Albaner nach sich trug.

Im Zweiten Weltkrieg kam es kurzfristig zu einer Verschiebung der Grenzen. 1941 marschierte Hitler in Jugoslawien ein und zwang die Armee zur Kapitulation. Der Vielvölkerstaat wurde in Besatzungszonen eingeteilt, wobei der größte Teil Kosovos, Westmazedoniens sowie die von Albanern bewohnten Gebiete Montenegros zu einem Großalbanien zusammengefaßt wurden.

Das Verhältnis zwischen Serben und Albanern verschlechterte sich in dieser Zeit immer mehr.

Titos Jugoslawien

Das Kriegsende 1945 brachte der Republik Serbien, im Rahmen der Neugestaltung des jugoslawischen Bundesstaates, zwei autonome Regionen: Vojvodina und Kosovo-Metohija[3]. Jugoslawien bestand demnach aus einer Föderation von sechs Staaten: Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Slowenien, Mazedonien, Montenegro und Serbien mit den zwei autonomen Gebieten (Kosovo und Vojvodina). Dieser Vielvölkerstaat wurde von Josip Broz Tito ab 1945, zunächst als Ministerpräsident und ab 1953 als Staatspräsident (ab 1963 auf Lebenszeit) bis zu seinem Tode 1980 regiert.

Die jugoslawisch-albanische Zusammenarbeit nach dem Krieg (nicht nur auf staatlicher Ebene) trug langsam zur allmählichen Stabilisierung der Lage im Kosovo bei. Die Führung beider Länder schmiedete bereits Pläne für eine Inkorporierung Albaniens in eine von Jugoslawien dominierte „Balkanföderation“. Der Bruch Stalins mit Tito[4] im Jahr 1948, zerschlug die Träume von einem Zusammenschluss der Balkanländer. Die Beziehungen zwischen Jugoslawien und Albanien kühlten merklich ab, da Albanien sich ausdrücklich seiner Treue zu Stalin verschrieben hatte. Das Ende der Föderationspläne hatte drastische Auswirkungen auf die Albaner im Kosovo. Sie hatten praktisch keine Autonomierechte mehr und wurden zudem noch verstärkt durch die serbischen Geheimpolizei kontrolliert.

In der jugoslawischen Verfassung von 1963 wurde die Autonome Region Kosovo in eine Autonome Provinz umgewandelt, was formell eine Besserstellung bedeutete. Doch erst der Sturz des berüchtigten serbischen Innenministers und Geheimdienstchefs Aleksandar Rankovic im Jahre 1966, der als „Feind der Albaner“ bekannt war, brachte das Ende der Diskriminierung und ein Mindestmaß an politischen Rechten. Im Jahre 1969 wurde den Kosovo-Albanern das Benutzen der albanischen Flagge erlaubt und im gleichen Jahr die Universität von Pristina gegründet.

In der neuen Verfassung von 1974 wurde schließlich dem Kosovo der Status einer Autonomen Provinz (eigentlich schon 1963) zugesichert und damit die Rechte der Albaner gestärkt.. Dieser Status bedeutete eine annähernde Gleichstellung des Kosovo mit den Republiken der Jugoslawischen Föderation. Durch die Verfassung wurde der Provinz Kosovo ein Sitz im föderalen Parlament, das Recht auf eine eigene Verfassung, eine eigene Gesetzgebung und die Sprachautonomie (Albanisch wurde neben Serbokroatisch zur Amtssprache) garantiert.

Nach dem Tode Titos 1980 entfachte in serbischen Intellektuellenzirkeln der serbische Nationalismus, da sich die Serben als die „großen Verlierer“ des sozialistischen Jugoslawiens sahen. Ihrer Meinung nach war die Teilrepublik Serbien als einzige in ihren politischen Interessen durch zwei autonome Provinzen eingeschränkt, da sie Entscheidungen nicht ohne deren Zustimmung treffen konnte, und somit die schwächste Stellung von allen Teilrepubliken in Jugoslawien innehatte.

II. Entwicklung des Konfliktes

Entwicklung 1981-1990

Kosovo als Armenhaus Jugoslawiens

Die schlechte ökonomische Situation des Kosovo seit Beginn der 80er Jahre war einer der entscheidenden Gründe für die Politisierung der Kosovo-Albaner. Erste Protest- und Streikwellen gab es bereits 1981. Kosovo ist aus der ökonomischen Krise Jugoslawiens, die durch hohe Inflationsraten, eine hohe Auslandsverschuldung und ein negatives Handelsbilanzdefizit gekennzeichnet war, als eindeutiger Verlierer hervorgegangen. Seit diesen Jahren bildet das Kosovo das ökonomische Schlusslicht Jugoslawiens.

Das überdurchschnittliche Bevölkerungswachstum im Süden Exjugoslawiens verhindert eine Überwindung der ökonomischen Krise zusätzlich. Die Regierung zeigte seit den 80er Jahren auch keine wirklichen politischen Ansätze, das Problem zu lösen. Weder wurde die Infrastruktur ausreichend verbessert noch kam es zur Schaffung von Arbeitsplätzen im sekundären Sektor, der aufgrund der reichlich vorhandenen Bodenschätze erhebliche Wachstumspotentiale bieten könnte. Die Arbeitslosenquote des Kosovos lag 1984 nach offiziellen Angaben bei 36%inoffiziellen Schätzungen zufolge lag der Wert bei nahe 50%. wohingegen bei inoffiziellen Erhebungen sie einen Wert von beinahe 50% hatte. Auch das Durchschnittseinkommen lag deutlich unter dem Restjugoslawiens.

Im Kosovo beginnt es zu brodeln

Die Unruhen gingen von unzufriedenen Studenten aus der völlig überfüllten Universität in Pristina aus und verbreiteten sich sehr schnell über das gesamte Gebiet. In den 80erJahren waren etwa 28% (!) der Bevölkerung Kosovos Studenten, doch die meisten hatten nach ihrer Ausbildung keine Aussichten auf einen geeigneten Arbeitsplatz.

Weitere Unruhen führten dann immer mehr zu einer Polarisierung der beiden Volksgruppen im Kosovo. Serbische und montenegrinsche Einwohner wurden geschlagen, ihre Häuser in Brand gesetzt und ihre Geschäfte geplündert. Die öffentliche Meinung Serbiens wandte sich scharf gegen das albanische Bildungssystem im Kosovo, vor allem gegen die Universität Pristina, die als Hochburg der Entstehung albanischen Nationalismus gesehen wurde. Im Gegenzug gab man dem serbischen, montenegrinischen und mazedonischen Nationalismus großen Antrieb.

Mitte der Achtziger Jahre wuchs die Anzahl der Serben, die aus dem Kosovo auswanderten. Die erste organisierte nationalistische Massenkundgebung seitens der Serben im Kosovo fand, im Zusammenhang mit dem Begräbnis des ehemaligen Innenministers Rankovic, im Jahre 1983 statt.

Die Forderung der Kosovo-Albaner nach demokratischen Reformen und nach dem Austritt aus der serbischen Republik, um eine eigene Republik Kosovo zu gründen, führte zu einem massiven Einschreiten der serbischen Polizei, welche die Protestwelle mit Massenverhaftungen und anderen rigorosen Mitteln zum Erliegen zu bringen versuchte. Die gewaltsame Unterdrückung durch die Polizei und die mangelnde Bereitschaft Belgrads, die wirtschaftliche und soziale Situation im Kosovo zu verbessern, führten zu einer zunehmenden Politisierung der Kosovo-Albaner und verstärkte das Verlangen nach politischen Veränderungen.

Der Aufstieg Milosevics

1986 erfolgte der politische Aufstieg von Slobodan Milosevic, der zuerst die Parteiführung und Ende 1987 die Präsidentschaft übernahm. Im April 1987 besuchte Milosevic zum ersten Mal Kosovo, um sich einen Überblick der Lage zu verschaffen. Bei einer politischen Zusammenkunft mit einheimischen Serben, kam es rund um das Gebäude zu Kampfhandlungen zwischen serbischen Demonstranten und lokaler Polizei. Milosevic trat in diesem Moment – vor laufenden Kameras – vor die aufgebrachte Menschenmenge und sprach jene bedeutenden nationalistischen Worte, welche die weitere politische Entwicklung stark beeinflussten, und auch als Meilensteine seiner Karriere gesehen werden können.

Die Kernpunkte der Politik Milosevic waren der Stopp der Auswanderung von Serben aus dem Kosovo und die vollständige serbische Kontrolle des Kosovo durch die Abschaffung der Bundesverfassung von 1974. Die schnelle Gleichschaltung der serbischen Medien und die organisierten Massendemonstrationen in Serbien führten zur Stärkung seiner Politik und damit seiner Machtposition.

Im Kosovo hingegen fanden zahlreiche Demonstrationen und Streiks der Albaner statt, die aber nur die Beibehaltung der Autonomie forderten und nicht, wie so oft von serbischer Seite behauptet wird, ausschließlich sezessionistische bzw. großalbanische Motive hatten.

Nach und nach schränkte man die Autonomie Kosovos ein: Es wurde die Polizei– und Justizgewalt der Provinz aufgehoben und im Jahr 1988 wurden führende albanische Politiker abgesetzt. Serbien wollte die direkte Kontrolle über die Provinzen übernehmen und verbot schließlich auch das Albanisch als Amtssprache.

Im Jahr der 600-Jahres-Feier von 1389 (Schlacht am Amselfeld) beschloss das serbische Parlament im März 1989 eine Verfassungsänderung, welche die Autonomie des Kosovo aufhob.

Es kam zur ersten Welle von Entlassungen der Albaner aus vielen Bereichen des öffentlichen Lebens und es folgten Monate heftiger und zum Teil gewaltsamer Proteste von Kosovo-Albanern gegen die neue Verfassung, die durch den massiven Einsatz von Polizei und Armee immer wieder niedergeschlagen wurden: Tote und Massenverhaftungen waren an der Tagesordnung.

Entwicklung ab 1990

Gewaltloser Widerstand der Kosovo-Albaner von 1990-1997

Im Juli 1990 wurden die albanischen Abgeordneten von Polizeieinheiten daran gehindert, das Parlamentsgebäude in Pristina zu betreten. Als Reaktion darauf versammelten sie sich vor dem Parlamentsgebäude und erklärten die Unabhängigkeit der Republik Kosovo von Serbien, nicht aber das Loslösen von Jugoslawien.

Daraufhin wurde von serbischer Seite das Parlament aufgelöst, ein dauerhafter Ausnahmezustand über die Provinz verhängt und die Unabhängigkeitserklärung (von Milosevic) für ungültig erklärt.

Im September 1991 wurde in einem inoffiziellen Referendum der Kosovo-Albaner die Souveränität und die Unabhängigkeit des „Staates Kosova“ bestätigt und eine Koalitionsregierung gebildet. Die einflussreichste dieser politischen Bewegung war die LDK („Demokratische Liga des Kosovo“) unter der Leitung von Dr. Ibrahim Rugova. Als Folge der Unabhängigkeitserklärung der Republik Kosovo wurden für den Mai 1992 Wahlen für ein Parlament und die Präsidentschaft ausgeschrieben. Der überwältigende Sieg der LDK führte zur Wahl Rugovas zum Präsidenten. Rugovas drei Zielsetzungen waren: Eine konsequent betriebene Politik des passiven und gewaltfreien Widerstandes; der Versuch der Internationalisierung des Kosovo-Konfliktes und des Weiteren der Versuch des Aufbaus eines eigenen Staatsapparates, um somit die serbische Oberhoheit zu unterwandern.

Die Bemühungen, mit friedlichen Mitteln und Geduld eine Unterstützung der Unabhängigkeitsbestrebungen seitens der Internationalen Gemeinschaft zu erlangen, scheiterten jedoch.

Die UCK und die Rückkehr der Gewalt

Die Beendigung des Bosnienkrieges durch das Abkommen von Dayton im November 1995 änderte nichts an der sozialen und politischen Situation im Kosovo. Rugovas Position und Einfluss wurde dadurch sogar nachhaltig geschwächt. Rugovas Politik des gewaltfreien und passiven Widerstandes stand immer mehr im Mittelpunkt der albanischen Kritik. Im Jahr 1996 kam es nach fast sechs Jahren ohne gewaltsame Aktivitäten erstmals zu terroristischen Racheanschlägen auf serbische Institutionen und Verantwortliche, zu denen sich die UCK („Befreiungsarmee des Kosovo“) bekannte. Es war der Beginn des bewaffneten Aufstandes der Kosovo-Albaner. Die Politik des gewaltfreien Widerstandes hatte in den Augen der Kosovo-Albaner versagt, da es weder zu einer politischen und sozialen Verbesserung noch zu einer Intervention der Großmächte gekommen war. Die Bevölkerung sah nun ihre einzige Chance für eine Verbesserung ihrer Lage im gewaltsamen Kampf der UCK gegen die serbische Unterdrückung. Nach einigen großen Erfolgen der UCK gegen die serbische Polizei wandelte sich die UCK mehr und mehr zu einem politischen Machtfaktor, ohne den eine Lösung der Kosovo-Krise nicht mehr möglich schien. Im Juli 1998 kam es zum ersten Treffen zwischen Richard Holbrooke, dem amerikanischen Unterhändler, und dem UCK-Kommandanten Lum Haxhiu.

Beginn der serbischen Offensive gegen die UCK

Die ersten Großeinsätze der serbischen Polizei fanden im Februar 1998 in der Drenica-Region statt, da man sich durch ein rasches Vorgehen gegen die Hochburgen der UCK einen schnellen Sieg erhoffte.

Bis zum Beginn der großen serbischen Sommeroffensive Ende Juli 1998 konnte die UCK durch Guerillamethoden noch Gegenwehr leisten, musste dann aber vor der groß angelegten Offensive der jugoslawischen Armee fliehen. Die Folge war der Rückzug der UCK und die Vertreibung von etwa 300.000 Kosovo-Albaner, deren Häuser zerstört und Ortschaften gebrandschatzt wurden.

[...]


[1] Petritsch, Kaser, Pichler; Kosovo Kosova; Kosovo 1285 bis 1913; S.74

[2] Erwin A. Schmidl, Der Krieg um das Kosovo 1998/99, Erich Reiter (Hrsg.), Kosovo zwischen Groß-Serbien, Albanien und europäischer Intervention: der geschichtliche Hintergrund, S.20

[3] Die amtliche jugoslawische Bezeichnung „Kosovo und Metohija“ („Kosmet“) bezieht sich nicht auf zwei getrennte Landschaften, sondern auf die unterschiedliche Verwaltung von weltlichen und kirchlichen (klösterlichen ) Territorien, Siehe: Erich Reiter (Hrsg.), Der Krieg um das Kosovo, S.11

www.amselfeld.com: stammt aus dem Griechischen „metochi“ und bedeutet Kloster- oder Kirchengut

[4] Tito versuchte 1948 mit Albanien und Bulgarien eine Balkanföderation zu begründen, was durch Moskau verhindert wurde. Seine Weigerung, sich dem sowjetischen Führungsanspruch bedingungslos unterzuordnen, führte zum Bruch mit Moskau und einer stärkeren Anbindung Jugoslawiens an die westlichen Länder.

Details

Seiten
34
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638369411
ISBN (Buch)
9783638654128
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37666
Institution / Hochschule
Universität Wien – Politikwissenschaften
Note
Sehr Gut
Schlagworte
Kosovo-Konflikt Ursachen Entwicklung Proseminar

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Titel: Der Kosovo-Konflikt: Ursachen und Entwicklung