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Strukturelle Überakkumulation und säkulare Stagnation. Ein Theorienvergleich

Bachelorarbeit 2016 49 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Nicht-technische Zusammenfassung III

1. Einleitung
1.1. PROBLEMSTELLUNG
1.2. AUFBAU UND ZIELSETZUNG DER ARBEIT
1.3. ZEITLICHE, ÖRTLICHE UND METHODISCHE ABGRENZUNG

2. Strukturelle Überakkumulation
2.1. DEFINITION UND BEGRIFFSERKLÄRUNG
2.1.1. Profitrate und Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate
2.2. LANGFRISTIGE ENTWICKLUNG DER ÜBERAKKUMULATION
2.2.1. Gründe der Überakkumulation
2.3. ZYKLISCHE ÜBERAKKUMULATION
2.3.1. Abgrenzung der Strukturellen Überakkumulation
2.4. VERSCHÄRFUNG DER KRISE

3. Säkulare Stagnation
3.1. DEFINITION UND BEGRIFFSERKLÄRUNG
3.2. GRÜNDE
3.3. INDIKATOREN
3.4. GEFAHREN

4. Plausibilitätsprüfung und Vergleichbarkeit der Annahmen
4.1. GEMEINSAMKEITEN
4.2. UNTERSCHIEDE
4.3. ERGEBNIS DER DISKUSSION

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Rechtsquellenverzeichnis

0. Nicht-technische Zusammenfassung

Diese Bachelorarbeit befasst sich mit der Strukturellen Überakkumulation und der säkularen Stagnation. Da beide Theorien die anhaltende, strukturelle Krise auf ähnliche Weise beschreiben, wurde hierzu ein Theorievergleich durchgeführt. Ziel dieser Arbeit war es die Relationen zwischen den Theorien zu erfassen. Inwiefern ergänzen, verbessern bzw. widersprechen sich die Theorien? Inwieweit erscheinen sie plausibel?

Die Strukturelle Überakkumulation geht dabei auf Kisker zurück, der argumentiert, dass der Fall der Profitrate in allen Industrieländern feststellbar ist. (Kisker 2007, S.335) Dieser resultiert daraus, dass die Kapitalisten stets neue Technologien implementieren und die mehrwertschaffenden Arbeiter durch Maschinen bzw. andere Produktionsmittel ersetzen. Seit dem Strukturbruch im Jahr 1974 bzw. 1975 reicht das zusätzlich gebildete Realkapital, die Akkumulationsrate, nicht mehr aus, um dem Fall der Profitrate entscheidend entgegenzuwirken, sodass die erzielte Profitmasse der Unternehmen sinkt. Diese langfristige Entwicklung stellt Kisker als „neue Phase der kapitalistischen Systeme“ dar. (Kisker 2007, S. 335).

Die säkulare Stagnation stammt von Alvin Hansen, der nach der Weltwirtschaftskrise argumentierte, dass das US-amerikanische Wirtschaftswachstum sein Potenzial ausgeschöpft haben könnte (Hansen, 1939). Die Wachstumsfaktoren der US- amerikanischen Volkswirtschaft wie beispielsweise Bevölkerungswachstum und technologische Innovationen wären ausgereizt. Vertreter der säkularen Stagnation wie Hansen oder Gordon sehen Innovationen aber gleichzeitig auch als Chance an, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Dabei wird jedoch festgestellt, dass die heutigen Innovationen nicht mehr so produktionsfördernd sind wie vergleichsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aufgrund der Kriegsvorbereitungen auf den zweiten Weltkrieg und des darauffolgenden ökonomischen Fortschrittes ist die säkulare Stagnation schließlich in Vergessenheit geraten.

Erst „Larry“ Summers verhalf im November 2013 mit seinem Vortrag vor dem Internationen Währungsfonds (IWF) der säkularen Stagnation zur neuen Popularität. Dabei ist feststellbar, dass auch Summers erst das Wort in einem Moment ergreift, wo die wirtschaftliche Erholung nach einer starken Rezession hinter ihren Erwartungen zurückbleibt. Es stellt sich die Frage, wieso die Anzeichen einer säkularen Stagnation so spät bemerkt wurden. Wie auch die Strukturelle Überakkumulation adressiert die säkulare Stagnation vor allem das zurückgehende Wirtschaftswachstum und die schwache Konsum- und Investitionsnachfrage. Beide Theorien erscheinen plausibel, jedoch ist festzustellen, dass die säkulare Stagnation im Gegensatz zur Strukturellen Überakkumulation keine einheitliche Definition besitzt. Seitdem Lawrence Summers sie wiederbelebt hat, debattieren Ökonomen stets über ihre Existenz, jedoch fällt Eichengreen auf, dass viele Ökonomen sie noch nicht verstanden haben (Eichengreen 2014, S.41). Indikatoren einer säkularen Stagnation sind eine niedrige Realinvestitionsquote, eine hohe gesamtwirtschaftliche Sparquote und tiefe Realzinsen. Summers und Kisker bemerken beide, dass die Unternehmen große Geldkapitale bilden. Diese hohe Sparquote resultiert daraus, dass die Unternehmen hauptsächlich Rationalisierungsinvestitionen tätigen und präferieren Marktanteile zu erwerben, anstatt in Produktionsausweiterungen zu investieren. Beispielsweise hat Facebook seit der Gründung im Jahr 2005 schon über 50 Akquisitionen getätigt. Zusätzlich ist die Investitionsnachfrage durch die ungleiche Einkommensverteilung und den Bevölkerungsrückgang negativ beeinträchtigt. Summers bemerkt weiterhin, dass die Haushalte weniger Kredite nachfragen und der Preis für Kapitalgüter gesunken ist (Summers 2014b, S.69-70).

Zu guter Letzt ist zu sagen, dass der weitere Verlauf der Strukturellen Überakkumulation schwer vorauszusagen ist. Die Kapitalisten werden weiterhin Versuche unternehmen, um den Fall der Profitrate bzw. die abnehmende Grenzleistungsfähigkeit der Investition zu stoppen. Doch es ist fraglich, ob es ihnen gelingt. Öffentliche Investitionen wären eine Lösung, um das Produktivitätswachstum und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln.

Jedoch stellen beispielsweise staatliche Subventionen keine langfristige Lösung dar. Weiterhin konnte festgestellt werden, dass die Wachstumsfaktoren des ökonomischen Fortschrittes, die von Hansen genannt wurden (Hansen, 1939), ausgereizt sind. Mögliche Wege aus der Krise konnten hier nur am Rande behandelt werden, sodass sich eine weitere Untersuchung der Lösungsvorschläge anbietet.

1.Einleitung

Das Wirtschaftswachstum, welches die zusätzliche Wirtschaftsleistung anhand der prozentualen Veränderung des Bruttoinlandproduktes in einem gegebenen Zeitraum beschreibt, ist ein Hauptziel der Wirtschaftspolitik. In Deutschland ist es beispielsweise als Teil des magischen Vierecks als „stetiges und angemessenes Wirtschaftswachstum“ (§1 Stabilitätsgesetz) als wirtschaftspolitisches Ziel verankert. Doch es scheint, als sei das Wirtschaftswachstum in Deutschland und anderen kapitalistischen Ländern am stagnieren. Laut den veröffentlichten BIP-Wachstumsraten der Weltbank[1] hatte Deutschland in den Jahren 2012 und 2013 ein reales BIP-Wachstum von 0,6% bzw. 0,4% zu verzeichnen. In ihren Vorhersagen prophezeit die Weltbank, dass mindestens bis zum Jahr 2018 die jährliche, reale BIP-Wachstumsrate unter 2% bleiben wird. Solche geringen Wachstumsraten interpretiert Reuter als „dekadenübergreifenden Trend zurückgehender Wachstumsraten.“ (Reuter 2009, S.176) Er geht dabei von einer Stagnation aus, da die Wirtschaftsleistung hinter ihrem möglichen Potenzial bleibt. (Reuter 2009, S.176). In der Tat stellt sich die Frage, inwiefern heutzutage noch Wirtschaftswachstum vorliegt.

Das Wirtschaftspotenzial wird unter anderem von neuen Produktionstechnologien und Innovationen beeinflusst (Hansen 1939, S.3). Heutzutage hören wir dabei oft von neuen Technologien, die vor kurzer Zeit noch eine Utopie darstellen würden. Unsere Wirtschaft befindet sich im Zeitalter der Digitalisierung und digitale Transformationen revolutionieren Informations- und Kommunikationsprozesse zahlreicher Unternehmen.

Diese Rationalisierungsinvestitionen scheinen ihre Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, um somit gegen die heutige, enorme Verdrängunskonkurrenz bestehen zu können. Schon Karl Marx erläuterte, dass der Kapitalismus die Produktionsverhältnisse stets „revolutioniert“ (MEW 4, S.465) und auch Schumpeter ging der „schöpferischen Zerstörung“[2] nach. (Schumpeter 1912, S.157).

Darauf aufbauend könnte vermutet werden, dass das Wirtschaftswachstum aufgrund der „schöpferischen Zerstörung“ stets angekurbelt werden müsste. Bezugnehmend auf die niedrigen Wachstumsraten könnte diese Vermutung jedoch nur eine ökonomische Wunschvorstellung sein.

Die überzyklisch gestiegene Arbeitslosigkeit ist wie die wirtschaftliche Stagnation in vielen Volkswirtschaften ein gegenwärtiges Problem. In bereitgestellten Daten des Statistischen Amtes der Europäischen Union „Eurostat“ ist erkennbar, dass die Arbeitslosenquote in der EU (28-Länder) 2015 auf mittlerweile 9,4 Prozent angestiegen ist.[3] Das sind über 21 Millionen Menschen, die momentan offiziell arbeitslos in der Europäischen Union gemeldet sind. Zu beachten ist hier jedoch, dass diese Zahlen geschönt sind, da sie die Stille Reserve nicht berücksichtigen.[4] Im Endeffekt wird die nicht offizielle Arbeitslosenzahl der Europäischen Union mittlerweile bei über 25 Millionen liegen (Kisker, 1997).

In der Volkswirtschaftstheorie wird zur Senkung der Arbeitslosenquote das Wirtschaftswachstum meistens vorausgesetzt. Im Jahr 1962 veranschaulichte der Ökonom Arthur Melvin Okun anhand von US-amerikanischen Wirtschaftsdaten die Korrelation zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit. Er stelle fest, dass der Anstieg der Arbeitslosenquote durch die Abnahme des Bruttoinlandsproduktes verursacht wurde. Die Hauptaussage seines Gesetzes ist, dass wenn das reale BIP-Wachstum einen bestimmten Wert erreicht, die Arbeitslosigkeit sinken bzw. konstant sein wird (Okun, 1962). Die beiden Wirtschaftswissenschaftler Charles Wyplosz und Michael C. Burda gehen sogar davon aus, dass die Richtung der Veränderung der Arbeitslosenquote davon abhängt, ob sich die reale Wachstumsrate verlangsamt oder beschleunigt (Burda & Wyplosz 2001, S.304-305). Ist die bestehende Arbeitslosigkeit also ein Indikator der wirtschaftlichen Stagnation?

Schon während der Großen Depression publizierte der US-amerikanische Keysianer Alvin Hansen die Theorie der säkularen Stagnation, die einen langanhaltenden, stagnierenden Wirtschaftszustand in einer Volkswirtschaft beschreibt (Hansen, 1939). Mit dem Krieg und den darauffolgenden ökonomischen Fortschritt geriet sie jedoch in den Hintergrund. Kisker bezieht diese Entwicklungen auf die Strukturelle Überakkumulation und argumentiert, dass Deutschland und „alle hochindustrialisierten Länder inzwischen von der Überakkumulationskrise erfasst sind“ (Kisker, 1997). Laut Dillard hielt Keynes vom Marxismus nicht viel (Dillard 1972, S.322), sodass es erwähnenswert erscheint, dass die Theorien der Strukturellen Überakkumulation und säkularen Stagnation trotzdem Ähnlichkeiten aufweisen.

1.1.Problemstellung

Erst in dem Jahr 2011 wurde die säkulare Stagnation von Paul Krugman, einem der Wirtschaftsnobelpreisträger des 21. Jahrhunderts, in der Dogmengeschichte wiederentdeckt. Krugman erweckte die Hypothese zum Leben, dass ein Überschuss an Einsparungen gegenüber Investitionen heutzutage den Staat zu dauernden Interventionen zwingen würde, um Vollbeschäftigung zu erreichen (Krugman, 2011). Mit anderen Worten, aufgrund von risikoaversen Marktakteuren kann die Wirtschaft ihr Potenzial nicht ausschöpfen, denn es wird nicht ausreichend investiert und zu viel gespart. Obwohl Paul Krugman erstmals die säkulare Stagnation wieder verwendet habe, gelang es Lawrence „Larry“ Summers, einem Harvard Ökonomen und ehemaligen US-amerikanischen Finanzminister, erst zwei Jahre später eine neue und intensive Wachstumsdebatte nach seinem Vortrag vor dem IWF im November 2013 zu entfachen. Krugman attestiert Summers, dass er die Theorie auf einzigartige Weise belebt habe (Krugman, 2013).

Mit Hilfe der marxistischen Strukturellen Überakkumulation bzw. keynesianischen säkularen Stagnation lässt sich die aktuelle, strukturelle Wirtschaftskrise erklären. Obwohl schon seit über 40 Jahren die Profitmasse fällt, konnte der Fall der Profitrate bis heute nicht aufgehalten werden. Die Folgen sind niedriges Wirtschaftswachstum, hohe Arbeitslosigkeit und persistente Überkapazitäten (Kisker 1997). Genau wie Krugman und Summers adressiert auch Kisker die zurückgehende Investitionsnachfrage mit einer zurückgehenden Realinvestitionsquote. Zusätzlich ist die Investitionsnachfrage aufgrund des zurückgehenden Bevölkerungwachstums und der Alterung der Gesellschaft geschwächt. Wie an diesem Beispiel gut zu erkennen ist, weisen beide Theorien Ähnlichkeiten bzw. Ergänzungen auf, sodass ein ausführlicher Vergleich sinnvoll erscheint.

Neben den Verfechtern der Strukturellen Überakkumulation bzw. der säkularen Stagnation gibt es jedoch Ökonomen, die die momentane Entwicklung für einen zyklischen Trend halten, da sich die Wirtschaft immer noch nach der Finanz- und Weltwirtschaftskrise noch erholen müsse. Wie die marxistische Theorie mit der strukturellen Überakkumulation stellen Krugman und Summers die säkulare Stagnation nicht als zyklisches Phänomen dar. Denn diese strukturelle Krise war absehbar (Kisker, 1997).

1.2. Aufbau und Zielsetzung der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in fünf Kapitel. Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel die Strukturelle Überakkumulation erörtert. Dazu muss zuerst die Profitrate und das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate erläutert werden. Anschließend wird die langfristige Entwicklung der strukturellen Überakkumulationskrise erklärt. Aufgrund welcher Gründe ist es zu ihr gekommen? Was sind ihre Merkmale? Darauf aufbauend wird beschrieben, wie die strukturelle Überakkumulationskrise verschärft wird. Woran kann man sie erkennen? Was für Gefahren birgt diese langfristige Entwicklung? Im dritten Kapital wird die säkulare Stagnation definiert und anschließend hinsichtlich ihrer Gründe, Indikatoren

und Gefahren untersucht. Ausgehend von der Erörterung der Strukturellen Überakkumulation und der säkularen Stagnation werden beide Theorien im Kapitel vier miteinander verglichen. Dem Vergleich, der auf jeweils den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Theorien beruhen wird, folgt eine Diskussion der Ergebnisse. Diese werden dann in die momentane Wachstumsdebatte, die vor allem durch Lawrence „Larry“ Summers gegen Ende des Jahres 2013 ausgelöst wurde, eingeordnet. Im fünften Kapitel folgt schlussendlich eine Schlussbetrachtung, die die Ergebnisse in die Wachstumsdebatte einordnet. Ein weiterer Bestandteil der Schlussbetrachtung ist eine Zukunftsvorhersage. Inwiefern und im welchem Maße wird die Strukturelle Überakkumulation bzw. säkulare Stagnation in der Zukunft auftreten?

Generell hat der Theorievergleich der säkularen Stagnation und der Strukturellen Überakkumulation das Ziel, Relationen zwischen den beiden Theorien zu identifizieren. Sind die Theorien substituierbar, komplementär oder verhalten sie sich sogar konkurrierend zueinander? Weiterhin sollen nach der Analyse Ideen entwickelt werden, wie sich die theoretischen Ansätze beider Theorien ergänzen, verbessern oder widersprechen. Daher wird auch Plausibilität der beiden Annahmen geprüft.

1.3. Zeitliche, Örtliche und Methodische Abgrenzung

Der Theorievergleich konzentriert sich auf die säkulare Stagnation bzw. die Strukturelle Überakkumulation in den USA bzw. Europa. Hierfür zeitlich relevant ist der Zeitraum der 30er Jahre in den USA und die wirtschaftliche Entwicklung in Europa bzw. USA seit dem Strukturbruch in den Jahren 1974 und 1975. Vereinzelt werden Daten von anderen Industrienationen wie z.B. Japan hinzugezogen, um bestimmte Sachverhalte zu verdeutlichen. Bezüglich der Methodik ist zu sagen, dass zu Beginn der Bachelorarbeit „Strukturelle Überakkumulation und säkulare Stagnation“ eine umfassende Literaturrecherche durchgeführt wurde, um die ersten Eindrücke hinsichtlich der Thematik zu vertiefen. Aufgrund der umfangreichen Wachstumsdebatte, die durch „Larry“ Summers im Jahr 2013 ausgelöst wurde, musste der aktuelle Forschungsstand erarbeitet werden, um eine gute Basis und ein nachhaltiges Konzept für die Bachelorarbeit zu entwickeln. Zur Basisliteratur gehören unter anderem Kisker, Krugman, Summers, Gordon und Petersen. Während der Literaturrecherche wurde auf analoge Quellen Wert gelegt und Internetquellen wurden vermieden.

2.Strukturelle Überakkumulation

2.1.Definition und Begriffserklärung

Die Strukturelle Überakkumalution ist eine langfristige Entwicklung in den „hochindustrialisierten kapitalistischen Ländern“, die schon in der Mitte der 1970er Jahre begonnen hat (Kisker 2007, S.335). Seit dem Strukturbruch in den Jahren 1974 und 1975 befindet sich der Kapitalismus in einer strukturellen Krise. Dieser Strukturbruch resultiert aus der Tatsache, dass die Akkumulationsrate, das zusätzlich gebildete Realkapital, nicht mehr ausreicht, um den Fall der Profitrate zu stoppen. Unternehmen bemerken den Rückgang der Profitmasse und sind gezwungen strategisch zu handeln.

Laut Marx braucht der Kapitalist für seinen Produktionsprozess zwei Bestandteile des Kapitals. Auf der einen Seite benötigt er konstantes Kapital. Darunter versteht Marx alle Arbeitsmittel wie beispielsweise Rohstoffe, Materialien, Werkzeuge und Maschinen, die im Herstellungsprozess zum Einsatz kommen. Der Wert des konstanten Kapitals bleibt stets gleich im Laufe des Produktionsprozesses. (MEW 23, S. 223). Auf der anderen Seite verwendet der Kapitalist das variable Kapital, die Arbeitskraft, um einen Mehrwert zu generieren. Im Gegensatz zum konstanten Kapital schafft die Arbeitskraft zusätzlich zu ihrem Gegenwert einen Überschuss, den Mehrwert, für den Kapitalisten (MEW 23, S. 224).

Doch immer mehr mehrwertschaffende Arbeiter werden durch Maschinen bzw. andere Produktionsmittel ersetzt. Um den langjährigen Prozess der strukturellen Überakkumulation verstehen zu können, ist zuerst eine Einführung der Profitrate und des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate notwendig. Anschließend kann abgeleitet werden, wieso der Fall der Strukturellen Überakkumulationskrise in den Industrieländern eingetreten ist.

2.1.1. Profitrate und das Gesetz des tendenziellen Falls des Profits

Die Profitrate beschreibt die Relation zwischen dem erzielten Mehrwert bzw. unbezahlter Arbeit und dem gesamten eingesetztem Kapital, welches aus konstantem und variablem Kapital besteht. Marx stellt fest, dass durch den ständigen Ersatz der menschlichen, ausbeutbaren Arbeitskraft durch konstantes Kapital die Profitrate fällt (MEW 25, S.223) und gemäß Krüger ist der vermehrte Einsatz von Maschinen eine Voraussetzung für den Fall der Profitrate (Krüger 2010, S.414-415). Daraus ist abzuleiten, dass mit jeder eingesetzten variablen Kapitaleinheit weniger Profit bzw. Mehrwert erreicht wird und die Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals technologiebedingt ist.

Der Fall der Profitrate zwingt die Kapitalisten zu einer höheren Ausbeutung der Arbeitnehmer, sodass die Mehrwertrate[5] steigt. Da die Profitrate sinkt, ist der Kapitalist gezwungen auf die neuste Technologie zu setzen, um seinen Gewinn kurzfristig durch steigende Arbeitsproduktivität zu maximieren. Diese Entwicklungen führen dazu, dass die menschliche Arbeitskraft einen immer größer werdenden Berg von konstantem Kapital mit einem Mehrwert versetzen muss. Der Anstieg der Mehrwertrate fällt aber nicht groß aus, da die menschliche Arbeitszeit begrenzt ist.[6]

Im Endeffekt verhindern solche Rationalisierungsinvestitionen die Tendenz der fallenden Profitrate jedoch nicht langfristig, sondern verschärfen die Überakkumulationskrise (Kisker, 1997). Kisker ist aber gleichzeitig der Meinung, dass die Unternehmen aufgrund der anhaltenden Überkapazitäten ihr Investitionsverhalten zurecht einschränken würden (Kisker 2007, S.339). Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate hatte eine bedeutend große Wichtigkeit für Karl Marx, weil sie zeigte, dass sie eine Krise des Kapitalismus auslösen würde (Sweezy 1959, S.74).

2.2. Langfristige Entwicklung der Überakkumulation

Obwohl die Profitrate tendenziell fällt, ist sie weiterhin positiv. Das bedeutet, dass der Kapitalist einen Mehrwert erhält, welcher stets geringer wird. Wie bereits erklärt, teilen sich die Kapitalisten den Mehrwert für die Konsumtion und Akkumulation des Kapitals ein. Gemäß Karl Marx bedeutet Akkumulation des Kapitals die Umwandlung bzw. die Rückwandlung des kapitalistischen Mehrwertes aus der unbezahlten Arbeit in Kapital (MEW 23, S.605). Da die Profitrate tendenziell sinkt, kann der Kapitalist eine geringere Menge an Kapital akkumulieren, weil er einen niedrigeren Gewinn bzw. Mehrwert bekommt. Mit anderen Worten, die Akkumulationsrate fällt. Dieser Fall der Akkumulationsrate verursacht, dass die Steigung der Profitmasse immer geringer wird. Durch diese Senkung der Profitmasse wird der Fall der Profitrate gestärkt, sodass die Akkumulationsrate weiter fällt. Ein Teufelskreis ist entstanden. Falls dieser Teufelskreis eintritt, sind die Voraussetzungen für eine strukturelle Überakkumulation geschaffen. Die Phase der Strukturellen Überakkumulation ist im Jahr 1974 bzw. 1975 eingetreten. Seit diesem Strukturbruch reicht das zusätzlich gebildete Realkapital, die Akkumulationsrate, nicht mehr aus, um dem Fall der Profitrate entscheidend entgegenzuwirken.

[...]


[1] vgl. World Bank (2016): Data - Germany - Annual GDP Growth (%), URL: http://data.worldbank.org/country/germany

[2] Innovationen werden von Unternehmern implementiert, um auf dem Markt bestehen zu können. Dieser Vorgang ist gemäß Schumpeter eine Grundvoraussetzung für den Kapitalismus (Schumpeter 1946, S.137).

[3] Vgl. Eurostat (2016): Arbeitslosenquote, insgesamt %, URL: http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&plugin=1&language=de&pcode=tsdec450

[4] Die Stille Reserve beinhaltet alle potenziellen Arbeitnehmer, wie z.B. Studenten, Hausfrauen, Renter oder nicht registrierte Arbeitslose, die von der Arbeitslosenquote nicht berücksichtigt werden.

[5] Die Mehrwertrate ist ein Quotient, in dem der erzielte Mehrwert als Zähler und das eingesetzte variable Kapital als Nenner fungieren. Sie ist auch bekannt als die Ausbeutungsrate, denn sie beschreibt das Verhältnis der unbezahlten Arbeit zum variablen Kapital. (MEW 23, S.232)

[6] Karl Marx nahm an, dass die Rate bei 100 Prozent lag, da die Arbeiter jeweils die Hälfte des Tages für sich bzw. für den Kapitalisten gearbeitet hätten (MEW 23, S.232).

Details

Seiten
49
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668539952
ISBN (Buch)
9783668539969
Dateigröße
862 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376646
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Strukturelle Überakkumulation Säkulare Stagnation Überakkumulation Stagnation Strukturkrise Kapital Profitrate Fall der Profitrate Karl Marx Kisker FU Berlin Marxistische Wirtschaftslehre Larry Summers

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Titel: Strukturelle Überakkumulation und säkulare Stagnation. Ein Theorienvergleich