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Die Bedeutung Gottes und der Natur in Bertolt Brechts Werk am Beispiel des Gedichts "Vom ertrunkenen Mädchen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Einordnung des Gedichts V om ertrunkenen Mädchen in Brechts Werk

III. Das Motiv der Natur
1. Bedeutung der Natur in Brechts Werken
2. Natursymbolik im Vom ertrunkenen Mädchen

IV. Das Motiv Gottes
1. Brechts Entwicklung zum Nihilismus
2. Der Einfluss Gottes im Vom ertrunkenen Mädchen

VI. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Bertolt Brecht – bei der Nennung des Namens wird sofort der Begriff des epischen Theaters oder Werke wie die Mutter Courage und ihre Kinder assoziiert. Doch Brecht ist nicht nur einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts sondern auch Lyriker.

Brechts Lyriksammlung, die er 1927 unter dem Titel Hauspostille veröffentlichte, wurde in der Forschung bereits häufig thematisiert. Als eines der berühmtesten Gedichte in Brechts Lyriksammlung gilt das Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen, auf das im Laufe dieser Arbeit noch näher eingegangen wird.

1964 erschien von Klaus Schuhmann die erste Überblicksdarstellung zu Brechts Hauspostille, die den Fokus der Interpretation auf Brechts Entwicklung zum Marxismus legte. 1971 folgte ein Werk von Peter Paul Schwarz, der im Gegensatz zu Schuhmann, den Nihilismus Brechts als Grundlage der schematischen und strukturellen Zusammenhänge in Brechts Werk sah.[1] Eben jener Forschungsansatz hat auch die Themenwahl dieser Arbeit beeinflusst. Die Abwendung Brechts von Gott, hin zu einer nihilistischen Weltsicht, wirkte sich auf die von ihm, im Zuge dieser Entwicklung, verfassten Einzelwerke aus. Ein Teil dieser Arbeit befasst sich demnach mit der religiösen Entwicklung Brechts und deren Auswirkung auf Brechts Gesamtwerk. Die Ausarbeitung dieses Teils basiert weitgehend auf Schwarz' Werk, Brechts frühe Lyrik, 1914 – 1922.

Des weiteren wird das Motiv Gottes, dessen Existenz und die dadurch zu reflektierende Weltsicht Brechts, anhand des Gedichts Vom ertrunkenen Mädchens, exemplarisch erläutert.

Doch nicht nur das Motiv Gott, sondern auch die Thematik der Natur spielt in Brechts Lyrik eine bedeutende Rolle. Bereits ab dem 18. Jahrhundert finden Gefühle und die Reflexion des Naturbegriffs Ausdruck in der Lyrik. Der Strom der Naturlyrik breitete sich bis hin ins 20. Jahrhundert aus. Die freie Natur galt als Hauptthema dieser Strömung. Brecht, der zwar ebenfalls von diesem Strom tangiert wurde, wird in der Forschung als Ausnahme innerhalb der Naturlyriker des 20. Jahrhunderts gesehen.[2] “Seine 'Natur-Lyrik' hat sicherlich nicht als Haupthema das >freie< Natur-Objekt […]. Ihr bewusstes Thema ist das komplizierte Mit- und Gegeneinander von Natur und Menschen-Geschichte.“[3] Wie Brecht die Natur und ihre Symbolik in sein Werk einband, wird im Laufe dieser Arbeit näher betrachtet. Auf die allgemeine Einordnung der Natur in Brechts Gesamtwerk, folgt die spezifische Interpretation dieses Motivs im Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen.

Abschließend soll im Fazit, durch eine Reflexion der Ausarbeitungen zu den Motiven Gott und Natur in Brechts Werken, auf den Zusammenhang zwischen jenen zwei Thematiken eingegangen werden.

II. Einordnung des Gedichts V om ertrunkenen Mädchen in Brechts Werk

Die Entstehung des Gedichtes Vom ertrunkenen Mädchen ist dem Jahr 1919 zu zuordnen.[4] Seinen Ursprung fand das Gedicht im Stück Baal. In diesem Stück, weckt der betrunkene Protagonist Baal seinen Freund Eckart und trägt ihm das Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen vor.[5] Veröffentlicht wurde das Gedicht jedoch erst in Brechts Hauspostille. Brecht begann mit dem Niederschreiben der Hauspostille ebenfalls im Jahr 1919. Die erste Ausgabe von Brechts Hauspostille erschien 1927, dementsprechend dauerte der Schreibprozess des Werkes etwa acht Jahre. Ziel dieses Werkes war die Erstellung einer eigenen Lyriksammlung.[6] Bei der Strukturierung seiner Sammlung orientierte sich Brecht ironischerweise an der kirchlichen Postillenform, die ihren Ursprung in Luthers Kirchen-und Hauspostille von 1527 fand.[7] Eine Postille stellt im ursprünglichen Sinne einen predigtartigen Kommentar dar, welcher zur Reflexion des eigenen Glaubens und religiösen Texten bestimmt war. Brechts Hauspostille wird durch eine Anleitung, Lektionen und Kapitel strukturiert. Die einzelnen Lektionen sind durch liturgische Vorgänge wie folgt betitelt: Bittgänge, Exerzitien, Chroniken, Psalmen, kleine Tagzeiten der Abgestorbenen. Der Titel der letzten Lektion von Brechts Hauspostille lautet demnach „Die kleinen Tagzeiten[8] der Abgestorbenen“. Hier kann nun die Verbindung zum Gedicht „Vom ertrunken Mädchen“ aufgegriffen werden. Das Gedicht „Vom ertrunkenen Mädchen“ wird gemeinsam mit den Gedichten Choral vom Manne Baal, Von den verführten Mädchen, Ballade vom Liebestod, und D er Legende vom toten Soldaten eben jener Lektion zugeordnet. Die fünf Lektionen werden durch das Schlusskapitel Gegen Verführung abgerundet.[9]

Folglich ist das Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen, wie oben erläutert, als Teil der Hauspostille und spezifischer, als Teil der letzten Lektion einzuordnen. In der Forschung, wird das Gedicht jedoch auch mit den sogenannten Untergangsgedichten Brechts konnotiert. Im Fokus dieser Gedichtreihe steht die Verschmelzung der Hauptfiguren mit dem Tod. Hierbei kann wiederum zwischen den Gedichten unterschieden werden, in denen der Tod der Handlung vorausgeht und denen, die den Tod als Endpunkt des Geschehens darstellen. Letztere Möglichkeit trifft, auf das im Zentrum der Arbeit liegende Gedicht V om ertrunkenen Mädchen zu. Eine weitere Subkategorisierung der Untergangsgedichte wird in der Forschung betrieben. So sind hier die Waldgedichte, Wassergedichte und Späte Untergangsgedichte zu nennen.[10] Das Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen wird den Wassergedichten zu gerechnet. Charakteristisch für diese Gedichte ist der Tod im Wasser und die Verschmelzung mit der Natur durch das Wasser.[11] Inwieweit diese so typischen Merkmale in „Vom ertrunkenen Mädchen“ eine Rolle spielen, soll im Laufe dieser Arbeit noch erörtert werden.

III. Das Motiv der Natur

1. Bedeutung der Natur in Brechts Werken

„Jeder spricht sich nur selbst aus, indem er von der Natur spricht“ (Goethe)[12]

Bereits Goethe sah einen Zusammenhang zwischen der Natur und dem Individuum. Der Begriff der Natur ist im literarischen Sinne schwer zu fassen. Die Natur beschreibt nichts Existentielles, nicht Greifbares und Objektives. Sie ist zwar innerhalb einer Landschaft auszumachen, doch geht es, laut Alexander von Humboldt, nicht um äußerliche Charakteristika der Natur, sondern darum, wie sie das Innerste eines Individuums reflektiert. Demnach beschäftigt sich die Literatur wohl eher mit der Beziehung zwischen Natur und dem Einzelnen, als mit der Natur selbst.[13]

Auch in Brechts Werk stellt die Natur ein essentielles Motiv dar. Brecht hegte seit 1916 eine Neigung zum Naturalismus[14], von dem er sich erst etwa 1924, im Zuge seines Umzuges nach Berlin, abkehrte. Es schien als hielt Brecht die Natur im Großstadttrubel fehlplatziert.[15] Die in diesem Zeitraum verfasste Lyrik, spiegelt Brechts Menschen- und Weltbild wider. In diesem Gedichttypus stehen die Aspekte Niedergang, Verklärung und Opfer klar im Vordergrund. Die Natur stellt stets ein Mittel zum Übergang vom Leben in den Tod dar.

Als frühestes Exempel für Brechts Hinwendung zur Naturlyrik ist Der Brennende Baum aus dem Jahre 1913, welches charakteristisch für die sogenannten naturmythischen Passionsgedichte ist, zu nennen . Die im vorangegangenen Kapitel erwähnten Untergangsgedichte stehen zu den naturmythischen Passionsgedichten im engen Zusammenhang und gelten als dessen Weiterentwicklung. In den Untergangsgedichten, werden laut Bernhard Blume zwei Abläufe, einerseits das „Hinabschwimmen“ und anderseits das „Verwesen“, zur Vereinigung mit der Natur genutzt.[16]

Brechts Naturlyrik stellt die Natur als etwas Fremdes, gefährliches und bedrohliches, gar mit verschlingenden Zügen dar, analog der Ballade von des Cortez Leuten. Zugleich verdeutlicht Brecht in seinen Entgrenzungsszenarien, dass das menschliche Individuum in seinem Sein an die Natur gebunden ist.[17]

Innerhalb der Naturlyrik Brechts wird zwischen positiven und negativen Einheitserlebnissen mit der Natur unterschieden. Zu den Gedichten des positiven Einheitserlebnisses werden Vom Schwimmen in Seen und Flüssen, Vom Klettern in Bäumen und O die unerhörten Möglichkeiten gezählt.[18] Hier gilt die Vereinigung von Individuum und Natur als beglückende Erfahrung, die einen „Zugang zu einer Grenzerfahrung zwischen Tod und Neugeburt, sexueller Ekstase und Naturverschmelzung, bewusstlosem Rausch und Himmelfahrt eröffnet“[19]. Die Gedichte des negativen Einheitserlebnisses, sprich des Untergangs in der Natur, inkludieren beispielsweise Das Lied von der Eisenbahntruppe von Fort Donald, die Ballade von den Seeräubern und das für diese Arbeit im Vordergrund stehende Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen.[20]

[...]


[1] Arendt, Christine:Natur und Lieber in der frühen Lyrik Brechts. Frankfurt am Main 2001.S. 9.

[2] Haupt, Jürgen: Natur und Lyrik. Naturbeziehungen im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1983. S. 135.

[3] Ebd. S. 135.

[4] Hillesheim. Jürgen: Bertolt Brechts Hauspostille. Einführung und Analysen sämtlicher Gedicht.Würzburg 2013. S. 15.

[5] Rüesch, Jürg Peter: Ophelia. Zum Wandel des lyrischen Bildes im Motiv der 'navigatio vitae' bei Arthur Rimbaud und im deutschen Expressionismus. Zürich 1964. S.152.

[6] Hillesheim. Jürgen: Hauspostille. S. 15.

[7] Müller, Klaus - Detlef: Bertolt Brecht. Epoche – Werk – Wirkung. München 2009. S. 25.

[8] „'Tagzeiten' sind eine Abteilung der sog. 'Stundengebete' (liturgia horarum), die traditionell von Priestern und Bischöfen, nicht also vin Gläubigen, gesprochen wurden.“ zitiert nach Hillesheim, Jürgen: Hauspostille. S.30.

[9] Hillesheim, Jürgen: Hauspostille. S. 19 -36.

[10] Arendt, Christine: Natur und Lieber in der frühen Lyrik Brechts. Frankfurt am Main 2001. S. 32 – 36.

[11] Ebd. S. 58 -60.

[12] Haupt, Jürgen: Natur und Lyrik. Naturbeziehungen im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1983. S. 1.

[13] Ebd. S.1.

[14] Müller, Hans Harald: Brechts frühe Lyrik. Brecht, Gott, die Natur und die Liebe. München 2000. S. 41.

[15] Müller, Hans – Harald: Brechts frühe Lyrik. S. 63.

[16] Ebd. S. 41 - 43.

[17] Kittstein, Ullrich: Das lyrische Werk Bertolt Brechts. Stuttgart 2012. S. 7.

[18] Müller, Hans – Harald: Brechts früher Lyrik. S. 44.

[19] Kittstein, Ullrich: Das lyrische Werk. S. 72.

[20] Müller, Hans – Harald: Brechts frühe Lyrik. S. 43. - 47.

Details

Seiten
14
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668539440
ISBN (Buch)
9783668539457
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376633
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
bertolt brecht episches theater lyrik gott

Autor

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