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Friedrich I. Barbarossa und die deditio Mailands 1158. Ein Beispiel friedlicher Konfliktbeilegung im Hochmittelalter im Spiegel der Gesta Frederici

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.) Rituale und symbolische Kommunikation
1.1 Allgemeines
1.2 Die deditio

2.) Der Konflikt zwischen Friedrich I. Barbarossa und Mailand
2.1 Die Ausgangslage
2.2 Der 1. Italienzug
2.3 Der 2. Italienzug und die Friedensverhandlungen mit Mailand

3.) Die deditio 1158 im Spiegel der Gesta Frederici
3.1 Rahewin und die Gesta Frederici
3.2 Die Darstellung der deditio 1158 in der Gesta Frederici

4.) Besonderheiten der Quelle

Schluss

Quellen und Literaturverzeichnis

Einleitung

Mittelalterliche Konfliktforschung befasst sich mit Techniken und Charakteristika der Konfliktführung. Die Konfliktführung setzt sich aus einer Art Regelwerk zusammen, das „nicht zuletzt darauf angelegt ist, unkontrollierte Eskalation zu vermieden und allseits akzeptierte Schritte zur Beendigung der Auseinandersetzungen bereitzustellen“.[1] In Form von symbolischer Kommunikation stellt die deditio ein gängiges Ritual gütlicher Konfliktbeendigung dar. „Politische Konflikte wurden gelöst und geregelt durch Genugtuung, die der Rechts- und Friedensbrecher dem für Rechts- und Friedenswahrung zuständigen Herrschaftsträger schuldete. Genugtuung (satisfactio) kam durch rituelle Unterwerfung (deditio) zustande […]“[2]

Im Sommer 1158 belagert Friedrich I. Barbarossa die Stadt Mailand. Der Konflikt endet friedlich, allerdings müssen die Mailänder in einem demütigenden Unterwerfungsakt vor ihren Kaiser treten und ihn um Hulderweisung bitten. Das Ereignis bietet zum einen anschauliche Einblicke in die Aspekte und Gestaltungsmöglichkeiten gütlicher Konfliktbeilegung, zum anderen bietet es Aufschluss über Barbarossas Herrschaftsverständnis in Reichsitalien.

Im Folgenden soll zunächst das Ritual der deditio im Allgemeinen charakterisiert werden. Daraufhin folgt ein ausführlicher Einblick in Hintergründe des Konfliktes zwischen Mailand und Barbarossa, um Barbarossas Handlungsspielräume ausreichend nachvollziehen zu können. Den Hauptteil der Arbeit wird eine eingehende Untersuchung der deditio 1158 einnehmen, geschildert in der Gesta Frederici. Unter besonderem Augenmerk auf die Schilderungen der Durchführung soll die Quelle auf gängige Merkmale und Besonderheiten einer typischen deditio untersucht werden.

1.) Rituale und symbolische Kommunikation

1.1 Allgemeines

Gerd Althoff betont in seinen Untersuchungen über die Bedeutung von politischen Spielregeln, Ritualen und symbolischer, öffentlicher Kommunikation den performativen Charakter öffentlicher Handlungen.[3] Im Allgemeinen lässt sich feststellen, dass die öffentliche Kommunikation im Mittelalter von ritualisierten Formen des Umgangs untereinander geprägt ist. Rituale boten Verhaltensmuster, die dazu beitrugen die Verständigung durch festgelegte Vorgaben zu erleichtern. Sie trugen dazu bei schneller Erwartungen zu erfüllen und Vertrauen aufzubauen als individuelle Handlungsweisen.[4] Im Regelfall waren diese Handlungsweisen aufwendig inszeniert, um den symbolischen Charakter, beispielsweise im Falle einer Konfliktbeilegung oder Neuordnung von Verhältnissen konkurrierender Parteien, hervorzuheben. Dabei sollte neben dem performativen- zusätzlich der öffentliche Charakter ausreichend zur Geltung gebracht werden, um die Akteure hinsichtlich ihrer Gesinnung und Verhalten zu verpflichten.[5] Solche Handlungen dienten neben der Verständigung auch der Demonstration von Herrschaftsordnungen sowie Rang und honor der Akteure.[6] In einer entsprechend medienarmen und durch Oralität geprägten Zeit, wie die des Mittelalters, war man auf Rituale dieser Art angewiesen, um Entscheidungen für ein breites Publikum sichtbar zu machen.[7] So lässt sich im Allgemeinen festhalten, dass „[…] der Kommunikationsstil des Mittelalters in der Öffentlichkeit insgesamt ein demonstrativ-ritueller war […].“[8]

1.2 Die deditio

Die deditio lässt sich ebenfalls in diese rituellen Handlungsweisen zuordnen. Sie stellte eine verbreitete Verfahrensweise gütlicher Konfliktbeilegung dar, die sowohl bei Einzelpersonen als auch bei Gruppen wie Burgbesatzungen, Stadtbewohnern oder Stammesmitgliedern praktiziert wurde.[9] Im Allgemeinen war die deditio ein Privileg des Adels- bzw. Hochadels.[10] Sie lässt sich im Grunde durch Folgendes charakterisieren. Zunächst werden im Voraus unter Rückbezug auf sog. Mediatoren bzw. Vermittler („Hochgestellte“, i.d.R. Adelige) mit der Konfliktpartei Leistungen ausgehandelt. Diese Leistungen zielen darauf ab compositio und satisfactio, sprich Genugtuung zu gewähren. Diese Genugtuung liefert der Unterlegene überwiegend in einem aufwendig geplanten und inszenierten Unterwerfungsakt, der deditio.[11] Dieser vollzog sich in einem öffentlichen Bußakt. Man übergab seine Person in die Hand desjenigen, der die Genugtuung beanstandete, um die eigene Unterlegenheit zur Geltung zu bringen.[12] Die Durchführung fand häufig an Hof- oder Festtagen statt. Zum einen verpflichtete wie eingangs erwähnt die Öffentlichkeit die Akteure auf ihr Verhalten, zum anderen fungierten die Zuschauer als eine Art „Zeugen“. Daraufhin bestand der Handlungsspielräum des Siegers darin, seinem Gegner zu verzeihen, ihn gegebenfalls erneut in ehemalige Ämter einzusetzen, oder ihn ins Exil bzw. in Haft zu senden.[13]

Im Allgemeinen gab es bei der Ausführung der deditio einen breiten Gestaltungsspielraum, der je nach Situation und Härte der Strafe für den Unterworfenen beeinflusste wurde.[14] Dazu kommt, dass diese Vorgaben, sog. consuetudines, nicht schriftlich fixiert waren, daher lässt sich ein größerer Ermessenspielraum als bei schriftlich fixierten Gesetzen vermuten.[15] Im Konkreten spielte sich eine dedito dennoch nach einem gängigen Schema mit festgelegten Regeln ab, deren Einzelheiten variieren konnten. So musste der sich Unterwerfende in der Regel in ein Büßergewand kleiden und sich barfüßig seinem Gegner zu Füssen werfen. Belegt sind ebenfalls Fälle in denen man, um der Strafe die man eigentlich verdiente zusätzlich Gewicht zu verleihen, einen Gegenstand tragen musste, zum Beispiel ein Schwert im Nacken, einen Strick um den Hals oder eine Rute in den Händen, um die eigentliche Strafe zu symbolisieren. „Mache mit mir, was dir beliebt“ verlautete für gewöhnlich der Unterworfene und übergab sein Schicksal in die Hände seines Gegners, der ihn vorwiegend vom Boden erhob und ihm verzieh.[16]

Grundsätzlich ergibt sich ein Problem bei Ritualen. Nicht jeder Akteur hielt sich an die Verbindlichkeit der Regeln oder sein reuiges Verhalten. Dahingehend hatte man nie eine vollkommende Sicherheit hinsichtlich der Verbindlichkeit Einhaltung des gezeigten Verhaltens.[17] Eine rituelle Form gütlicher Konfliktbeilegung, wie die der deditio, war trotz des beschriebenen Ablaufes alles andere als einheitlich. Aufgrund ihrer Wandelbarkeit und dem Zugriff auf einen traditionsgesättigten Vorrat an Gestaltungsmöglichkeiten, finden sich viele Variationen solcher Rituale.[18] Mit den Feststellungen Gerd Althoffs lässt sich zusätzlich betonen, dass Rituale im Mittelalter, auch beispielsweise die deditio, nicht als sklavisch-feststehende Rituale vollzogen wurden. Vielmehr nutzte man die Vorgaben der Rituale utilitaristisch-rational und wandelte sie den spezifischen Situationen entsprechend ab, schränkte sie ein oder erfand sie neu, falls ein Ritual für eine politische Aussage nicht geeignet war.[19] Aufgrund von vielen überlieferten Quellen einzelner Rituale lassen sich diese miteinander vergleichen und durchaus Unterschiede und Veränderungen erkennen. Verborgen bleibt jedoch die Erklärung warum sich ein Akteur beispielsweise üblich oder unüblich verhielt. So fehlt in vielen Fällen eine hinreichende Thematisierung der Handlungsgründe geltende Normen und Rituale einzuhalten oder zu verletzen.[20]

Um dahingehend ein genaueres Bild für den Handlungsspielraum Friedrich Barbarossas zu gewinnen werden im Folgenden die Ereignisse die zur deditio 1158 führten genauer beleuchtet.

2.) Der Konflikt zwischen Friedrich I. Barbarossa und Mailand

2.1 Die Ausgangslage

Auf dem Hoftag in Konstanz 1153 erfährt Barbarossa erstmals und unerwartet von der konfliktträchtigen Situation der oberitalienischen Städte. So erhoben zwei Kaufleute aus der Stadt Lodi Klage gegen die seit Jahrzehnten anhaltende Gewaltpolitik und ungebrochene Oberherrschaft Mailands.[21] Seit dem späten 11. Jahrhundert erlebten viele Kommunen in Oberitalien einen Aufstieg. So haben sich innerhalb der Kommunen wie z.B. Mailand die Bürger der Stadt auf der Grundlage einer Schwureinung gegen den bischöflichen Stadtherren durchgesetzt und eine größere Teilhabe der Stadtregierung erzwingen können. Diese setzten auf ein Jahr gewählte Konsuln zur Selbstverwaltung ein und zogen sowohl die Rechtsprechung als auch die Befehlsgewalt über die Milizen an sich. Daraufhin unterwarfen sie durch fortwährende Kriegszüge die schwächeren Kommunen im Umland und grenzten sich gegen andere Kommunen ab. Damit entstand ein komplexes Geflecht aus Bündnisverträgen, Hilfszusagen aber auch Feindseligkeiten, was die oberitalienische Stadtlandschaft sinnbildlich ein Schachbrett werden ließ.[22] So wurden bereits im Jahre 1111 die südlich von Mailand gelegene Stadt Lodi und 1127 die nördlich gelegene Stadt Como dessen Einfluss unterworfen. Dahingehend nutzten die zwei Lodeser Kaufleute den Hoftag 1153, um ihren König, der nach ihrer Auffassung der rechtmäßige Wahrer von Recht und Frieden war, in einer demütigen Inszenierung mit Kreuzen auf den Schultern und Fussfall, um Hilfe zu bitten. Erst kurz davor waren viele Lodesen von den Mailändern aus ihrer Stadt vertrieben worden und ihr Markt wurde nur noch außerhalb der Stadt geduldet. Barbarossa, geriet neben der offensichtlichen Rechtsverletzung auch durch die Selbstdemütigung der Kaufleute unter Druck und beschloss sofort einen Boten mit einem Brief loszusenden, der die Mailänder maßregeln sollte.[23]

Dieser Brief wurde öffentlich und demonstrativ mit dem Siegel des Königs von den Mailändern zerstört. Die Ablehnung der Bildgegenwart des Herrschers in Form des Siegels ist gleichzeitig als Ablehnung der königlichen Autorität und als schwere Beleidigung bis hin zur Verletzung seiner Ehre zu deuten. Dieses Ereignis ist nur der Beginn einer Reihe von Auseinandersetzungen mit der Kommune Mailand, die sich offensichtlich dem Rechts- und Herrschaftsanspruch ihres Königs widersetzten und überschattet den anstehenden Krönungszug im folgenden Jahr.[24]

2.2 Der 1. Italienzug

Ende 1154 zieht Barbarossa mit einem Heer über die Alpen nach Oberitalien. Dort hält er auf den roncalischen Feldern einen Hoftag ab und empfängt Gesandschaften der umliegenden Städte. Auch die Konsuln von Mailand traten hier vor den König und versuchten dessen Gunst für seine Stadt wiederzuerlangen. Er überreichten Barbarossa eine goldene Schale voll mit Denaren, die dieser jedoch ablehnte.[25] Eine Annahme wäre einer Aussöhnung und Rückerlangung der königlichen Huld gleichgekommen, die für Barbarossa nicht auf diesem Weg erreicht werden konnte.[26] Trotzdem leisteten die Konsuln den Treueid und man einigte sich auf ein Bündnis, das mit einer Zahlung von Silber verbunden war.[27] Barbarossas Vorstellung nach verlangte es dennoch mehr als ein Geldgeschenk, um die Genugtuung zu erreichen, die ihm aufgrund der Ehrverletzung zustand.[28]

[...]


[1] Althoff 2014, Privileg S. 99f.

[2] Schreiner 2001 S. 111.

[3] Pohl 2014, S. 33.

[4] Althoff 2003, S. 199.

[5] Pohl 2014, S. 33f.

[6] Althoff 2001, S. 160.

[7] Pohl 2014, S. 33.

[8] Althoff 2001, S. 160.

[9] Ebd. S. 162.

[10] Althoff 2014, Privileg S. 99.

[11] Ebd. S. 100.

[12] Schreiner 2001, S.111.

[13] Althoff Privileg S. 101.

[14] Ebd. S. 103.

[15] Ebd. S. 122.

[16] Althoff 2014, Demonstration S. 238.

[17] Pohl 2014, S. 34.

[18] Schreiner 2001, S. 113.

[19] Althoff 2001, S. 161.

[20] Pohl 2014, S. 36.

[21] Görich 2001, Ehre S. 214.

[22] Görich 2011, S. 226f.

[23] Görich 2011, S. 227f.

[24] Görich 2001, Ehre S. 215.

[25] Görich 2011, S.231f.

[26] Görich 2001, Ehre S. 216.

[27] Görich 2011, S. 232.

[28] Görich 2001, Ehre S. 216.

Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668541092
ISBN (Buch)
9783668541108
Dateigröße
523 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v376487
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Schlagworte
mittelalter konflikt krieg friedrich barbarossa mailand

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