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Gender und öffentliche Orte im Mittleren und Nahen Osten

Ein Regionalüberblick

Hausarbeit 2013 18 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bereich des Privaten als Welt der Frau, Bereich des Öffentlichen als Welt des Mannes – eine Dichotomie?

3. Gender in al-Zawiya al-Hamra
3.1. Gender, Privatsphäre und öffentliche Orte in al-Zawiya al-Hamra
3.2. Der suq und die Frauen
3.3. Der coffee shop und die Männer

4. Suqs und Gender in Marokko – wer dominiert den Markt?
4.1. Der suq in Sefrou – eine Männerdomäne
4.2. Frauen auf Marokkos Märkten

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Welche Rollen haben Frauen und Männer im Mittleren und Nahen Osten in der Öffentlichkeit inne? Wie unterscheidet sich ihr Verhalten in diesem Bereich und inwiefern wird dieses von der Gesellschaft bzw. ihren Familien beeinflusst? Kann man ihre Rollen an öffentlichen Orten überhaupt pauschal unterscheiden, oder gibt es hier Ähnlichkeiten oder gar Schnittpunkte zwischen den beiden Geschlechtern?

Diese und weitere Fragen werde ich im Folgenden behandeln. Insbesondere werde ich mich dabei auf drei ethnographische Beispiele beziehen, um von diesen konkreten Fällen zu allgemeineren Aussagen zu gelangen. Bei diesen Beispielen handelt es sich vor allem um Untersuchungen zu Märkten (suqs) im Mittleren und Nahen Osten. Ich werde mich also hauptsächlich auf den suq als öffentlichen Ort beziehen und hierbei besonders das weibliche Geschlecht betrachten: welche Rolle spielen Frauen in diesen Märkten und was für eine Rolle haben diese Märkte wiederum im Leben der Frauen inne?

Zunächst werde ich eine These auf allgemeinerer Ebene untersuchen, die bisherige Forschungsansätze zu diesem Thema hervorgebracht haben und die ich in dieser Arbeit auch in Frage stellen möchte: der Bereich des Privaten wurde oft als Welt der Frau gesehen, während der öffentliche Bereich dem Mann zugeschrieben wurde (Ghannam 2002: 90-92). Anhand von Arbeiten wie dem Werk Levi-Strauss‘ und u.a. Jeff Weintraubs Gedanken zu dem Thema werde ich versuchen, diese vermeintliche Dichotomie zunächst allgemeiner zu betrachten, um dann im Folgenden durch die Fallbeispiele aus der Region Mittlerer und Naher Osten (v.a. also durch den Markt als öffentlicher Ort in Bezug zur Frau) zu einer Aussage zu dieser These zu gelangen. Als erstes Beispiel werde ich Farha Ghannams Forschung in al-Zawiya al-Hamra in Kairo nutzen. Hier werde ich zunächst beschreiben, was sie allgemein zum Thema Gender, Privatsphäre und öffentliche Orte in al-Zawiya al-Hamra beobachtet hat. Dann werde ich mich auf zwei öffentliche Orte konzentrieren, die sie näher untersucht und mit den beiden Geschlechtern verbunden hat, um hier bereits die beschriebene These der Dichotomie zu überprüfen: der suq als frauendominierter Ort und der coffee shop als vermeintliche Sphäre der Männer.

Anschließend untersuche ich durch die Arbeiten von Clifford Geertz und Deborah zweiten Landes aus der Region die These zu hinterfragen, bevor ich schließlich über die Verbindung der allgemeineren Forschungsansätze und der Betrachtung der konkreten Beispiele versuche zu einem Fazit bezüglich meiner Fragestellung zu gelangen. Somit dient Farha Ghannams Arbeit mir als Hauptquelle. Weiterhin zentral sind Geertz‘ und Kapchans Werke als Grundlage der marokkanischen Fälle.

Ich fokussiere mich in meiner Arbeit hauptsächlich auf Frauen und ihre Rolle in öffentlichen Orten und streife die männliche Perspektive nur anhand von zwei Beispielen, eines davon Ende der 1970er-Jahre niedergeschrieben, um sie mit der der Frauen in Kontrast zu setzen. Vor allem in der heutigen Zeit sind Frauen und ihre Positionen im öffentlichen Leben weltweit ein Gegenstand von Interesse, und ich finde ihre Rolle gerade in einer Region, wo sie häufig als unterdrückt oder untergeordnet gesehen werden (Ghannam 2002: 90-92), untersuchenswert. Auch konzentriere ich mich lediglich auf zwei Länder des Mittleren und Nahen Ostens und gehe hierbei vor allem auf einen öffentlichen Ort, den suq, ein, da weitere Beispiele den inhaltlichen Rahmen dieser Arbeit gesprengt hätten und ich die gewählten Exempel in ihrem teilweise offensichtlichen Widerspruch zur oben genannten These als besonders geeignet für die Beantwortung meiner Fragestellung erachte.

2. Bereich des Privaten als Welt der Frau, Bereich des Öffentlichen als Welt des Mannes – eine Dichotomie?

Claude Levi-Strauss als Begründer des Strukturalismus wies bereits in den 60er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf die Bedeutung von Gegensätzen für die verschiedenen menschlichen Kulturen hin. Er erkannte, dass binäre Gegensatzpaare wie „heiß und kalt“ oder „hell und dunkel“ die Lebenswelt der Menschen strukturieren (Badcock 1975: 56). „Privat und öffentlich“ und „männlich und weiblich“ sind weitere binäre Paare dieser Art, und gerade diese beiden Paare scheinen häufig in Verbindung miteinander gebracht zu werden (Badcock 1975: 56 ff; Weintraub, Kumar 1997: xi-xii).

Weintraub nennt diese Dichotomie eine komplexe und eigentlich multiple Gegensätze beinhaltende Ausgeburt v.a. westlichen Gedankengutes, die hilft, die soziale Welt verständlicher zu machen (1997: 1-2). Er unterscheidet zwei Kriterien, die mit dieser Dichotomie gemeint sein können: „collectivity“ als Unterschied zwischen individuellem (privaten) und kollektivem (öffentlichem) Handeln und „visibility“ als Unterschied zwischen dem, was aufgedeckt und zugänglich geschieht (öffentlich) und dem, was versteckt ist und sich im Verborgenen abspielt (privat) (Weintraub 1997: 5). Ich werde mich bei der weiteren Betrachtung der Ansätze zu diesem Thema lediglich auf Dinge beziehen, die Weintraub wohl der „visibility“ zugeordnet hätte. Die Begriffe „privat“ und „öffentlich“ dienen hier also v.a. dazu, verschiedene Arten von menschlichem Verhalten und verschiedene Orte und Bereiche des sozialen Lebens zu unterscheiden (Weintraub 1997: 7). Gerade in vielen feministischen Argumentationen meint z.B. der Begriff „privat“ die Sphäre der Familie oder Intimität, während „öffentlich“ das wirtschaftliche oder politische Leben bezeichnet.

Hier werden auch klar Männer als traditionell Letzterem zugehörig beschrieben, allerdings eher um zu zeigen, dass Frauen quasi per definitionem in eine untergeordnete, für das öffentliche Leben irrelevante Position gedrängt werden und „verschwinden“, ohne dass dies in vielen Gesellschaften hinterfragt würde (Weintraub 1997: 27-29; 31). Weintraub hält dies für historisch bedingt und nachvollziehbar, betont jedoch die Komplexität dieser Unterscheidung gerade in modernen Gesellschaften und zeigt auf, dass sich solche binären Konzepte durchaus überlappen können und dann als Modelle nicht mehr funktionieren (1997: 2; 29; 34). Er spricht zwar durchaus von einer „grand dichotomy“ (1997: 38), doch sieht er deren beide Pole eher als Tendenzen denn als „natürliche Tatsachen“ (Weintraub 1997: 36-38). Auch Gobetti sieht die private Domäne als die des Haushalts und die öffentliche Domäne als die des politischen Lebens als eine historische Tatsache an, die dann später von Feministinnen aufgegriffen wurde, um so die Unterordnung bzw. den Ausschluss von Frauen aus politischen Angelegenheiten zu erklären (1997: 104-105). Sie hält dies für aufschlussreich, jedoch stark vereinfacht, da es bereits früher Theorien gab, die „each sane adult“ ungeachtet seines Geschlechtes potenziell dem öffentlichen Leben zuordneten (1997: 106-107; 109-110; 124). Ob diese Personen dann am öffentlichen Leben teilnahmen oder sich dem privaten Bereich zuordneten war rein theoretisch nicht vorgeschrieben oder gar „natürlich“ angelegt (Gobetti: 1997: 114-115). Cohen wiederum sieht die Dichotomie als durchaus existent und wichtig für den Schutz z.B. der Intimsphäre an und stimmt auch Theorien zu, die sie für Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und Hierarchiebildung verantwortlich machen (1997: 134-135; 143). Sie plädiert aber für eine „reinterpretation“ der vermeintlich getrennten Sphären, v.a. der des Privaten in modernen Gesellschaften (1997: 135). Auch Wolfe erachtet einige Aspekte der Dichotomie als notwendig für das Verständnis moderner Gesellschaften (seine Betrachtung des Gegensatzpaares geschieht allerdings genderunabhängig) (1997: 182-183). Er hält aber die Etablierung eines dritten

Bereichs in der Mitte der beiden Pole für sinnvoll (1997: 182). Hansen spricht sich klar gegen eine strikte, genderbedingte Trennung der Lebenswelten von Männern und Frauen bzw. deren Identifikation mit jeweils dem Privaten oder dem Öffentlichen aus (1997: 274). Auch wenn sie eine derartige Trennung als früher eventuell „intellectually useful“ bezeichnet (1997: 297), zeigt Hansen am Beispiel vom New England des 19.Jahrhunderts, dass sich selbst in einem der eigentlichen Paradebeispiele der Dichotomie-Theorien diese bei weitem nicht pauschal anwenden lassen. Männer und Frauen interagierten hier in beiden Sphären gleichermaßen, wenn auch z.T. auf unterschiedliche Art und Weise (Hansen 1997: 268-270; 274). Auch Hansen schlägt einen „Mediator“ zwischen den beiden Polen vor und nennt diesen „social“ (1997: 274; 292-294). Als Beispiel für diese Zwischenstufe nennt sie Besuche, bei denen man den eigenen privaten Bereich verlässt und in einen anderen eindringt (1997: 274; 279-284. Somit betonen viele Forscher in jüngerer Zeit die Ambivalenz und soziohistorische Bedingtheit der „public/private distinction“ und warnen durchaus vor allzu vereinfachten Konzepten (Weintraub, Kumar 1997: xiv).

Inwiefern stimmen diese Überlegungen nun mit dem Mittleren und Nahen Osten überein? Werden die oben genannten Theorien in einer Region, deren öffentliches Leben einige „westliche“ Augen stark reguliert und kontrolliert sehen, bestätigt oder widerlegt? Für Kossodo und Hildred Geertz beispielsweise war die Dichotomie Ende der 1970er Jahre noch stark präsent, Frauen arbeiteten selten außerhalb ihres eigenen Haushalts und wenn, dann hatte ihre Arbeit keine größere Bedeutung (Kossodo 1978: 221-223). Sie sollten vor den Blicken von „outside men“ geschützt werden und der daraus resultierende Ausschluss aus der Gesellschaft wurde als „moral imperative“ gewertet, den beide Geschlechter ernst nahmen (Geertz, H. 1979: 331). Ghannam beschreibt Anfang dieses Jahrhunderts dann frühere Forschungen, die die Gesellschaft im Mittleren und Nahen Osten als in zwei Welten geteilt sehen, als „gender-biased“ und auf wenige Punkte wie die Kontrolle der weiblichen Sexualität oder die Möglichkeiten für Frauen, berufstätig zu sein, beschränkt (2002: 90-91). Sie plädiert dafür, stattdessen den andauernden „struggle“ im Auge zu behalten, der um die Grenzen der beiden Bereiche tobt. Sie möchte Frauen nicht nur als Teil des privaten Bereichs bzw. Männer nicht als per se in der Öffentlichkeit überlegen sehen (2002: 91-92). Farha Ghannams Forschung wird nun mein erstes von drei Beispielen sein, durch die ich versuchen will, die oben genannten Theorien und Konzepte zu reflektieren und zu überprüfen.

3. Gender in al-Zawiya al-Hamra

Al-Zawiya al-Hamra ist ein Randbezirk Kairos (Ghannam 2002: 5). Während ihrer mehrjährigen Feldforschung in diesem Viertel (2002: 7) beschäftigte sich Farha Ghannam vor allem mit einer Gruppe von Menschen, die aus Bulaq, einem Viertel im Zentrum Kairos, nach al-Zawiya al-Hamra umgesiedelt wurde (2002: 2). Sie untersucht in ihrer Arbeit die „spatial practices“, die diese Gruppe in einer Umgebung ausübt, die nicht ihre ursprüngliche ist und die „cultural identities“, die sich die Menschen in dieser erschaffen bzw. die ihnen von anderen, z.T. durch das vom Staat selbst vermittelte Bild, zugeschrieben werden (2002: 4; 70). Um Aussagen über diese veränderten Praktiken und Identitäten treffen zu können, behandelt sie in ihrem Werk auch die Geschichte der Viertel Bulaq und al-Zawiya al-Hamra und die des Umsiedlungsprojektes (2002: 5; 28 ff.; 73-76; 162/163), Modernitäts- und Globalisierungskonzepte in der umgesiedelten Gruppe (2002: 51-61; 133/134; 137-139; 178-182), öffentliche Orte und Privatsphäre in al-Zawiya al Hamra in Bezug zu Gender (2002: 88 ff.), und die Relevanz von Religion für den Umgang mit der neuen Umgebung bzw. für die Identitätskonstruktion der Gruppe (2002: 116 ff.). Ghannam bleibt nicht allein auf al-Zawiya al-Hamra fokussiert, sondern nimmt auch Bezug zu Kairo und dem ägyptischen Staat im Allgemeinen (2002: 168-170; 28-40; 174/175). Im Rahmen meiner Arbeit werde ich mich lediglich auf Ghannams Beobachtungen und Erkenntnisse zum Thema Gender, Privatsphäre und öffentliche Orte in al-Zawiya al-Hamra beziehen und als konkrete öffentliche Orte ihrem Beispiel folgend den suq und den coffee shop genderbezogen betrachten.

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Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668524514
ISBN (Buch)
9783668524521
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375978
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
gender mittlerer und naher osten öffentliche orte kairo ägypten marokko

Autor

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