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Charles de Gaulle und seine charismatische Führung im Gaullismus der V. Republik

Hausarbeit 2014 33 Seiten

Französisch - Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Max Weber und die drei reinen Typen der Herrschaft

3. Begriffliche Erläuterung von Charisma

4. Historisch-politische und soziokulturelle Voraussetzungen in Frankreich für das Entstehen einer charismatischen Situation zu Zeiten de Gaulles
4.1. Das Ende des 2. Weltkriegs und die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen
4.2. Der 18. Juni 1940 und seine Bedeutung
4.3. Die politisch instabile IV. Republik in Frankreich
4.4. Die Auswirkungen des Algerienkrieges und der Inflation
4.5. Beurteilung der Ausgangslage für das Aufkommen einer charismatischen Führerschaft

5. De Gaulle und die V. Republik: das Charisma qua Amt und die dominierende Stellung des Präsidenten in der Verfassung der V. Republik
5.1. Das politische Führungsinstrumentarium des Staatspräsidenten: Referenden, Medien, Reden und Provinzreisen
5.2. De Gaulle und die plebiszitäre Führerdemokratie
5.3. De Gaulles Konzept des charismatischen Führers
5.4. Die Lösung des Konfliktes in Algerien
5.5. Die Verfassungsänderung von 1962 und Neuwahlen im Jahre 1965
5.6. Die Krise von 1968 und das Ende der Herrschaft de Gaulles

6. Ausblick: Kontinuität und Omnipräsenz: Das Weiterleben des Präsidenten Charles de Gaulle nach seinem Tod

7. Fazit

8. Bibliographie

„Le fait d’incarner, pour mes compagnons, le destin de notre cause, pour la multitude française le symbole de son espérance, pour le étrangers la figure d’une France indomptable au milieu des épreuves, allait commander mon comportement et imposer à mon personnage une attitude que je ne pourrais plus changer. Ce fut pour moi son relâche une forte tutelle intérieure en même temps qu’un joug bien lourd.“1

1. Einleitung

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Lösungen, oder, um es auf Charles de Gaulle zu beziehen: außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Menschen. Dass de Gaulle in einer politisch und sozial schwierigen Zeit lebte, stellte ihn vor große Herausforderungen, die ihm aber auch letztendlich zu großem Erfolg und hohem internationalen Ansehen verhalfen. Im Zweiten Weltkrieg war er Anführer des Widerstandes des Freien Frankreich gegenüber der deutschen Besatzung und befreite mit seinen Anhängern Paris im Jahre 1944. Von 1944 bis 1946 hatte er die Position des Chefs der Provisorischen Regierung inne. Im Zuge des Algerienkriegs wurde er 1958 mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt und konnte eine Verfassungsreform durchsetzen, die er nach seinen Vorstellungen gestaltet hatte. Mit dieser Konstitution wurde die Fünfte Republik begründet, die er als Präsident mit einem außergewöhnlichen Zugeständnis an Macht von Januar 1959 bis April 1969 legitim regierte. Die auf ihn zurückgehende politische Ideologie des Gaullismus hat bis heute Einfluss auf die französische Politik.

In der vorliegenden Arbeit wird der Blick auf den Politiker und späteren Staatspräsidenten Frankreichs Charles de Gaulle und auf die Elemente charismatischer Führung im Gaullismus der V. Republik gerichtet werden. Charismatische Herrschaft, als eine der drei reinen Herrschaftsformen, die Max Weber in seiner Herrschaftssoziologie entwickelt, basiert auf einer besonderen Machtlegitimation durch eben besondere charismatische Eigenheiten eines Führers. Daher soll in einem ersten Schritt diese Herrschaftstheorie nach Weber mit besonderem Blick auf die charismatische Herrschaft erläutert und eine theoriegestützte Analyse des Begriffs des ‚Charismas‘ geleistet werden. Danach wird der Fokus vertieft auf die charismatische Führerpersönlichkeit de Gaulles und sein politisches Handeln gerichtet werden. Da zwischen letzterem und den jeweiligen zeitlichen Umständen ein fast zwingender Zusammenhang dadurch erkennbar ist, dass de Gaulle in außergewöhnlich problematischen Situationen vor Entschlossenheit, Seelengröße und Trotz gegenüber seinen Kontrahenten strotzte, soll als Leitfaden dieser Arbeit die Geschichte Frankreichs zwischen 1945 und 1970 dienen, die de Gaulle die Ausgangssituation verschaffte, die er benötigte, um einer für sein Charisma anfälligen Gesellschaft entgegenzustehen. Die geschichtlichen Umstände erwiesen sich für de Gaulle als Basis für seinen sicherlich verdienten Ruf des Befreiers der Nation und Gründers der Republik, den er sich durch eine gekonnte Selbstinszenierung erschuf. Daher soll chronologisch ein Gesamtüberblick über die Faktoren gegeben werden, die zur Entwicklung der charismatischen Situation bei de Gaulle beitrugen und dessen politisches Vorgehen auf seine charismatischen Eigenschaften untersucht werden. Es wird sich zeigen, dass es immer wieder Situationen gab, die de Gaulles Legitimierung zum Präsidenten und charismatischen Führer favorisierten und letztendlich dazu führten, dass de Gaulle zur Widerstandslegende und zum Symbol für ein freies und mit neuem Selbstbewusstsein versehenes Frankreichs werden konnte und auch noch heutzutage in den Köpfen und Herzen der Franzosen seinen Platz hält.

2. Max Weber und die drei reinen Typen der Herrschaft

Max Weber gilt als multipler Gründungsvater und letzter Universalgelehrter des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der ebenso Ökonom, Jurist, Historiker, Politikwissenschaftler, Soziologe und sogar Philosoph war. Dementsprechend war sein Interessenspektrum breit gefächert.2 In seinen soziologischen Theorien beschäftigt sich Weber zum Beispiel neben ökonomischen Erwerbsinteressen oder religiösen Heilsinteressen auch mit politischen Herrschaftsinteressen, die im Spannungsfeld von Gewalt und Konflikt, Macht und Herrschaft, Staat und Legitimation oder Bürokratie und Demokratie untersucht werden. Er wird daher oft auch als politischer Soziologe bzw. politischer Theoretiker bezeichnet.3 Um sein Modell der Herrschaftstypologie zu verstehen, sollen nun erst einmal die Grundbegriffe der ‚Macht‘ und ‚Herrschaft‘ seinem Verständnis nach erläutert werden.

‚Macht‘ definiert er als Äjede Chance innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“4 ‚Macht‘ beruht folglich auf einer asymmetrischen Beziehung zwischen einem Ego und einem Alter5, wobei es dem Ego gelingt, Alter seinen Willen zu oktroyieren.6 ‚Herrschaft‘ dagegen Äsoll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; Disziplin soll heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit von Menschen zu finden.“7 Der Gehorsam von Alter gegenüber Ego resultiert aus einem habituell antrainierten Prozess der Disziplinierung eines Gehorchenwollens. Die Relation von superiorer und inferiorer Stellung beruht auf einem Autoritäts- und Legitimitätsanspruch von Ego und der spiegelbildlichen Anerkennung dieses Anspruches durch Alter und manifestiert sich in einem Modell der Dyade.8 Herrschaft stützt sich im Gegensatz zu Macht auf zwei Pfeiler, nämlich Legitimität und Organisation, wobei der Glaube an die Rechtmäßigkeit einer Herrschaft, der Legitimitätsglaube, die tragende und für die Herrschaft fundamentale motivationale Grundlage ist.9 Die Organisation, z.B. durch eine Verwaltung, die im dyadischen Modell zwischen dem Herrscher und dem Beherrschten positioniert ist und es so zu einem triadischen Modell macht, sorgt für die Aufrechterhaltung der autoritativen Struktur. Die Organisation setzt sich ihrerseits aus Personen zusammen, die den Empfang und das Gehorchen von Befehlen gewohnt und an der Erhaltung der Herrschaft interessiert sind.10

Bei der Definition von Legitimation dagegen zeigen sich Unklarheiten, da Weber keine explizite Definition gibt. Er spricht von einem Legitimitätsglauben der Beherrschten, der mit dem Legitimitätsanspruch der Herrscher weitgehend und im Idealfall vollkommen konvergent sein soll.11 Legitimität ist ein wichtiges Kriterium für die Herrschaftstypologie Webers, nach der er Herrschaft nach der ihr typischen Geltungsbasis aufgliedern kann.12

Folglich existieren nach Weber drei reine Typen legitimer Herrschaft. Der Erste der drei ist die legale Herrschaft, die auf einem rationalen Charakter und auf Ädem Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft Berufenen“13 beruht. Beim zweiten Herrschaftstyp handelt es sich um die traditionale Herrschaft, die aus dem ÄAlltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Autorität Berufenen“14 resultiert. Der für diese Arbeit interessante Typus ist die charismatische Herrschaft, die sich durch eine Äaußeralltägliche[n] Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen“15 auszeichnet. ÄIn ihrer genuien Form ist die charismatische Herrschaft spezifisch außeralltäglichen Charakters und stellt eine streng persönlich, an die Charisma-Geltung persönlicher Qualitäten und deren Bewährung, geknüpfte soziale Beziehung dar.“16 Daher kann Äunter <charismatischer Autorität> [soll] also eine […] Herrschaft über Menschen [verstanden werden], welcher sich die Beherrschten kraft des Glaubens an diese Qualität dieser bestimmten Person fügen.“17 Dieser Herrschaftstypus soll im Folgenden terminologisch und auf seine Ursprünge und Anwendungen hin analysiert werden.

3. Begriffliche Erläuterung von Charisma

Der Begriff des Charismas wird in unserer heutigen Alltagssprache nahezu inflationär benutzt, um zum Beispiel Politikern, Sportlern, Wissenschaftlern, Managern etc. persönliche Eigenschaften wie eine gewisse Ausstrahlung oder Führungsqualitäten zuzuschreiben. Mit dem wissenschaftlichen Verständnis hat diese Interpretation allerdings nur noch wenig gemeinsam.18

Der Begriff des Charismas erfuhr von seiner Entstehung bis zur heutigen Verwendung einen beträchtlichen Wandel. Während die anfängliche Bedeutung sich aus der griechischen Mythologie vom Terminus Charites ableiten lässt und die Anmut und Lebensverschönerung der drei Töchter des Zeus beschrieb, bekommt der Begriff durch den Apostel Paulus im Neuen Testament eine religiöse Idee des Übernatürlichen zugeschrieben. R. Sohm zieht den Begriff des Charismas Mitte des 19. Jahrhundert heran, um kirchliche Autorität und Hierarchie zu beschreiben.19 Später dann verwendet Max Weber ihn im säkularisierten, politischen Kontext als Idealtypen eines gewissen Herrschaftsphänomens und somit nicht nur, um spezifische Persönlichkeitsmerkmale sondern um einen Typus sozialer Beziehungen zu erklären20, ein Ansatz, der nun im weiteren Verlauf behandelt werden soll.

Bei Max Webers Ansatz zur Erklärung von Charisma handelt es sich nicht um eine vollständige Theorie sondern eher um eine breite Definition: Charisma ist Äeine als außerordentlich geltende Qualität einer Persönlichkeit, … [sic.] um derentwillen sie als mit übernatürlichen oder übermenschlichen oder mindestens spezifisch außeralltäglichen, nicht jedem anderen zugänglichen Kräften oder Eigenschaften begabt oder als gottgesandt oder als vorbildlich und deshalb als <Führer> gewertet wird.“21 Charakteristisch für Charisma im Sinne Max Webers ist eine Polarität, eine Spannung, die zwischen Führer und Gefolgschaft existiert. Dabei ist das Charisma weder eine bestimmte Person noch die Gruppe der Anhänger, sondern ein intentionales Medium, ein affektives Gefühl, Äetwas im Glauben des Menschen von der Persönlichkeit Ausstrahlendes, ohne daß [sic.] man dieses Ausstrahlende als solches in persönliche Terms fassen darf.“22 Derjenige, der an die außergewöhnlichen Kräfte und somit an das Charisma seines Führers glaubt, entwickelt in einem Loyalitäts- und Identifizierungsprozess eine persönliche Legitimation, die dem Führer zu Gute kommt und solange aufrechterhalten wird, wie sie durch Erfolg und Wohlergehen dieses ihre Berechtigung erhält. Das heißt, dass, solange der Führer dem Verlangen seiner Anhänger nach erkennbaren Merkmalen seines Erfolges nachkommt und damit die Legitimation seines Charismas aufrechterhalten kann, er von seiner Gefolgschaft als charismatischer Führer akzeptiert wird und seinen Unterwerfungsanspruch geltend machen kann.23 Dabei handelt es sich bei Charisma nur um ein vorübergehendes Phänomen, das zum Zeitpunkt seines Auftretens existent ist, dann aber durch einen Prozess der Routinisierung eine Versachlichung erfährt. Aus der streng persönlichen Gnadengabe des Charismas entsteht durch Rationalisierung und Veralltäglichung eine Qualität, die Äentweder übertragbar, persönlich erwerbbar oder an den Inhaber eines Amtes geknüpft ist.“24

Jüngere Ansätze in der sozialwissenschaftlichen Charisma-Diskussion betonen vor allem den sozialen und psychologischen Aspekt der Führer-Gefolgschaftsbeziehung. Der soziologische Aspekt stellt heraus, dass die charismatische Unterwerfung und die Anerkennung des charismatischen Führers in den politischen, sozialen und ökonomischen Interessen der Anhänger verwurzelt seien.25 Es spiele dabei keine Rolle, ob es sich um das Charisma einer einzelnen Person oder um das einer ganzen politischen Organisation handele, es bleibe nur die Frage, ob sie mit Erfolg den sozialen, politischen und ökonomischen Wünschen der Gesellschaft entsprächen.26 Die Hinwendung und bereitwillige Gefolgschaft der Anhänger resultiert folglich nicht aus einem affektiven Motiv, zum Beispiel aus einem Äfanatische[r][m] Glauben[n] an die Verkörperung einer transzendentalen Legitimitätsquelle“27 sondern aus dem pragmatischen Wunsch nach der Lösung persönlicher und sachlicher Probleme: ÄThe type of popularity generally associated with charisma relies as much on the issue taken up by the leader as on his personality.“28 Ähnlich wie bei Weber wird hier mit einem Interaktionsprozess argumentiert, der die Beziehung zwischen der Gefolgschaft, die die Anweisungen ihres charismatischen Führers aufgrund der von ihm verkörperten Besonderheiten befolgt, und des charismatischen Führers beschreibt, der wiederum gebunden an die Erwartungen der Gesellschaft, deren Erfüllung seine Führungsposition sichert, herrscht. Das Charisma liegt damit Äin der Wahrnehmung des vom charismatischen Führer beherrschten Personenkreises.“29

Der psychologische Aspekt dagegen richtet zwar auch den Blick auf die Gefolgschaft, indem er diese als potentiell charismaanfällig einstuft, vertieft aber nicht die sozio- ökonomischen Interessen der Gefolgschaft sondern untersucht, wie es zu einer Identifikation mit dem Führer und einer Unterwerfung unter dessen Willen kommen kann.30 Um diese Identifikation zu veranschaulichen, wird eine Erklärung Sigmund Freuds herangezogen: ÄUnter Bedingungen extremer innerpsychischer Distanz dienen dem Ego Projektion, Sublimation, oder Identifikation als Mittel der Konfliktbekämpfung und Leidensmilderung.“31 Innerpsychische Distanz entsteht dann, wenn der Mensch in einer krisenhaften oder stressigen Situation steckt und dann versucht, diese dadurch zu mildern, dass er eine externe Figur heranzieht, die Äzum Substitut des eigenen Egoideals wird“32: der Ächarismatische Führer wird zur Vaterfigur, der man sich anvertraut.“33 Die Identifikation geht mit einem Verlust der Kritikfähigkeit und einer daraus folgenden Unterwerfung unter den Führerwillen einher. Neben innerpsychischer Distanz kann auch ein unvollständig entwickeltes Egoideal zur Identitätsdiffusion führen, wobei der charismatische Führer als Ersatz des eigenen Egoideals angesehen und somit als positiv und nutzbringend empfunden wird.34

4. Historisch-politische und soziokulturelle Voraussetzungen in Frankreich für das Entstehen einer charismatischen Situation zu Zeiten de Gaulles

Die Existenz einer Krise gilt als Grundvoraussetzung für das Auftreten einer charismatischen Situation. Unter ‚Krise‘ versteht man Äeine pathologische Erwiderung der Gesellschaft auf den Zusammenbruch der Mechanismen von Konfliktlösung“35, die dazu führt, dass die Bevölkerung sich anfällig für Massenappelle zeigt. So findet der Mensch im Fall einer Instabilität der politischen Ordnung die gesuchte Stabilität in Institutionen oder in einem Führer. Der Führer, der zur Zeit der Krise auftritt, muss sich durch seine persönlichen Qualitäten, seine Botschaft und durch die Möglichkeit der Propaganda dieser gekonnt präsentieren und etablieren. ÄSeine ungewöhnlich geglaubten Fähigkeiten werden instrumentell für die Verkündung der Maxime und Werte seiner Mission“36, wobei diese Fähigkeiten nicht real und psychologisch sein sondern lediglich als außergewöhnlich geglaubt und wahrgenommen werden müssen. Weiterhin bietet der charismatische Führer in Krisensituationen Lösungsvorschläge und utopische Versprechen einer glänzenden Zukunft, die die Erwartungen der von der Krise betroffenen Gesellschaft befriedigen können.37

Auch Charles de Gaulle sah sich zu Lebzeiten immer wieder mit Phasen konfrontiert, in denen Frankreich durch historisch-politische Umstände krisenhafte Situationen durchleben musste. Diese wurden aber gleichzeitig Ausgangspunkt für ein vom französischen Volk verspürtes Empfängnis der charismatischen Natur bzw. Inszenierung de Gaulles, wodurch es diesem gelang, seinen Einfluss in der französischen Politik auszubauen und später Präsident Frankreichs zu werden. Daher soll im weiteren Verlauf ein Blick auf den geschichtlichen Hintergrund zwischen 1940 und 1969 geworfen werden, der zum einen Aufschluss über die geschichtlichen Begebenheiten, zum anderen aber auch erklären soll, inwieweit Charles de Gaulles durch sein politisches Wirken gekonnt interveniert und zum Symbol des französischen Widerstandes und zum Gründer der V. Republik wurde.

4.1. Das Ende des 2. Weltkriegs und die Besatzung Frankreichs durch die Deutschen

Als im Juni 1940 Frankreich dem noch unter Hitlers Führung stehenden Deutschland unterlag und daraufhin Frankreich in den darauffolgenden vier Jahren unter deutscher Besatzung stand, wurde die gescheiterte Regierung der III. Republik unter Reynaud für diese Niederlage verantwortlich gemacht und durch das autoritäre Vichy-Regime des Marchal Pétain abgelöst. Es folgte mit dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 die anschließende Teilung Frankreichs in eine deutsche Besatzungszone im Norden und eine freie Zone im Süden, die von Frankreich bis zur totalen Besetzung 1942 frei regiert werden konnte, sich dann aber ab 1942 durch eine Politik der Kollaboration auszeichnete, indem Marchal Pétain sich für die Erfüllung der Forderungen der deutschen Besatzungsmacht engagierte38 und somit Äden erniedrigendsten Waffenstillstand der französischen Geschichte [einging], der Frankreich in zwei Teile zerschnitt“39.

4.2. Der 18. Juni 1940 und seine Bedeutung

Noch einige Tage vor der Kapitulation Frankreichs Ätat De Gaulle den historischen Schritt, der ihm schließlich nach vielen Prüfungen und Fehlschlägen zur Führung seines Landes verhalft.“40 So schmückte er den Weg aus der tiefsten Niederlage hin zum Sieger mit zahlreichen Botschaften und Losungen aus, in denen er sich als ÄRebell“ und zugleich als ÄVisionär“ postulierte.41

[...]


1 Charles de Gaulle in einer Selbstreflexion seiner Persönlichkeit, verschriftlicht in seinen Kriegsmemoiren. (Vgl. hierzu ROSOUX, Valérie-Barbara: La mémoire du Général de Gaulle. Culte ou instrument? Louvain-la-Neuve: Bruylant-Academia, 1998, S. 18).

2 MÜLLER, Hans-Peter: Max Weber: eine Einführung in sein Werk. Köln [u.a.]: Böhlau, 2007, S.11.

3 Vgl. ebd., S.120.

4 Ebd., S. 121.

5 Hans Peter Müller zieht das Paar ‚Ego‘ und ‚Alter‘ zur Erklärung der Machtkonstellation zwischen einem Führer und einem Anhänger heran.

6 Vgl. ebd., S.121-122.

7 Ebd., S. 122.

8 Vgl. ebd., S. 122.

9 Vgl. ebd., S. 122-123.

10 Vgl. ebd., S. 124.

11 Vgl. ebd., S. 128.

12 Vgl. ebd., S. 130.

13 WEBER, Max: „Die Typen der Herrschaft“, in: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr, 1921, S.124.

14 Ebd., S. 124.

15 Ebd., S. 124.

16 Ebd., S. 142-143.

17 Vgl. NIPPEL, Wilfried: ÄCharisma und Herrschaft“, in: NIPPEL, Wilfried [Hrsg.]: Virtuosen der Macht: Herrschaft und Charisma von Perikles bis Mao. München: Beck, 2000, S. 7.

18 Vgl. ebd., S. 7.

19 Vgl. TUCHHÄNDLER, Klaus: De Gaulle und das Charisma: Elemente charismatischer Führung im Gaullismus der V. Republik. München: tuduv-Verlagsgesellschaft, 1977, S. 5.

20 Vgl. NIPPEL 2000, S. 7.

21 Ebd., S. 7.

22 TUCHHÄNDLER 1977, S. 7.

23 Vgl. ebd., S. 7.

24 Ebd., S. 8.

25 Vgl. ebd., S. 11.

26 Vgl. ebd., S. 11-12.

27 Ebd., S. 12.

28 Ebd., S. 12.

29 Ebd., S. 12.

30 Vgl. ebd., S. 13.

31 Ebd., S. 14.

32 Ebd., S. 14.

33 Ebd., S. 14.

34 Vgl. ebd., S. 14-15.

35 Ebd., S. 16.

36 Ebd., S. 17.

37 Vgl. ebd., S. 18-19.

38 Vgl. BERTIER DE SAUVIGNY, Guillaume de: Die Geschichte der Franzosen. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 1980, S. 371-376.

39 AYLING, Stanley E.: Portraits der Macht: eine Galerie des 20. Jahrhunderts. Tübingen: Wunderlich, 1962, S. 460.

40 Ebd., S. 460.

41 NIPPEL 2000, S. 208.

Details

Seiten
33
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668523555
ISBN (Buch)
9783668523562
Dateigröße
856 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375947
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Mythos Charismatische Herrschaft Charisma Kontinuität Charles de Gaulle Max Weber Kantorowicz Die zwei Körper des Königs

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Titel: Charles de Gaulle und seine charismatische Führung im Gaullismus der V. Republik