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Vom Digital zum Grey Divide? Die Entwicklung der digitalen Spaltung in Deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

1. Digitale Spaltung: Begriffsdefinition und Ursprung

2. Unterschiede in der Internetnutzung von Jung und Alt

3.1. Konzepte des Altersbegriffs
3.2. Vergleich und Ursachen der unterschiedlichen Nutzung

4. Der „Grey Divide“

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der westlichen Welt sind derzeit zwei Entwicklungen mit großem gesellschaftlichen Einfluss zu beobachten: Die Digitalisierung und der demographische Wandel. Letzterer konkretisiert sich in einer zunehmenden Überalterung der Bevölkerung durch stetig steigende Lebenserwartungen und gleichzeitig niedrig bleibende Geburtenraten. In Deutschland liegt die Geburtenrate seit 1975 stabil bei etwa 1,5 Kindern pro Frau (Bujard & Dreschmitt, 2016, S. 335). Im gleichen Zeitraum stieg die durchschnittliche Lebenserwartung (von Frauen) von 74,5 auf 83,1 Jahre an (ebd., S. 338).

Daneben stellt die zunehmende Bedeutung des Internets im Rahmen der Digitalisierung eine weitere wichtige Entwicklung dar. In Deutschland beschreibt die ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 so viele dynamische Entwicklungen wie nie zuvor. Die Zahl der Internetnutzer ist im Vergleich zu 2015 um 3,4 Prozent auf 58 Millionen gestiegen; was einem Gros der deutschen Bevölkerung entspricht. Besonders auffällig war hier der Zuwachs bei den ab 40-jährigen (Koch & Frees, 2016).

Für das Individuum ergeben sich durch die Digitalisierung und die voranschreitende Entwicklung des Internets auf den ersten Blick Vorteile wie Vereinfachungen im Alltag. Gesamtgesellschaftlich betrachtet ändern sie jedoch grundlegend das Kommunikations- und Informationsverhalten (Lamsfuß, 2012, S. 17). Verlagern sich diese Prozesse ins Internet, ergeben sich Nachteile für Offliner. Trotz des hohen Anstiegs der Internetnutzung in Deutschland, stellen diese Offliner mit 11,2 Millionen (Koch & Frees, 2016, S. 421) einen relativ großen Anteil der Bevölkerung dar. Es ist deshalb wichtig, alle Bevölkerungsgruppen in solche Prozesse einzubeziehen, damit es nicht zur Abspaltung bestimmter Gruppen oder ganzer Generationen kommt (Lamsfuß, 2012, S. 17).

Auffallend bei der Zahl der Offliner ist, dass mit 9,2 Millionen besonders Personen über 60 Jahren dieser Gruppe zuzuordnen sind (Koch & Frees, 2016, S. 421). Die restlichen 2,2 Millionen Offliner setzen sich fast gleichwertig aus den Generationen von 14 bis 59 Jahren zusammen (vgl. ebd.). In Anbetracht des demographischen Wandels in Deutschland erweisen sich diese Zahlen als bedenklich.

In dieser Arbeit soll deshalb der Frage nachgegangen werden, welche Barrieren die älteren Bevölkerungsgruppen von der Internetnutzung abhalten. Dazu wird in Kapitel 2 zunächst der Begriff der digitalen Spaltung erklärt, um einen Rahmen für diese Arbeit zu schaffen. Um Nutzungsunterschiede zwischen den Altersgruppen zu verdeutlichen, werden die Nutzungsmotive der verschiedenen Generationen in Kapitel 3.2. vorgestellt. Da in der bisherigen Forschung allerdings verschiedene Altersgrenzen für den untersuchten Personenkreis der Senioren gelegt werden, sollen in Kapitel 3.1. zunächst die verschiedenen Alterskonzepte erklärt werden. Dabei wird auch deutlich, dass die Generalisierung einer Personengruppe nach kalendarischem Alter kritisch zu sehen ist.

In dieser Arbeit wird ein Fokus auf ältere Personen gelegt, da die größten Unterschiede in der Internetnutzung laut ARD/ZDF-Onlinestudie ab einem Alter von 60 Jahren auftreten, während die Nutzung der 50-59-jährigen der anderer Generationen noch weitestgehend ähnelt (Koch & Frees, 2016, S. 421). Der „Grey Divide“ in diesen Altersgruppen wird in Kapitel 4 genauer betrachtet. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Ursachen der Nicht-Nutzung des Internets mancher Senioren zugrunde liegen. Außerdem wird erläutert, ob der „Grey Divide“ eine natürliche Verschiebung des Digital Divide darstellt und damit durch die Alterung der technikaffinen Jugend verschwinden wird. Zum Abschluss werden die Ergebnisse zusammengefasst und anhand von Beispielen mögliche Fördermaßnahmen für speziell ältere Menschen vorgestellt.

1. Digitale Spaltung: Begriffsdefinition und Ursprung

In der frühen Medienwirkungsforschung wurde laut Schwab von der Prämisse ausgegangen, „daß die von Massenmedien verbreitete Information zu einer allgemeinen Erhöhung des Wissenstandes der Bevölkerung beitrage“ (Schwab, 1996, S. 133). Aufgrund zunehmender disparater Effekte bei der Informationsverbreitung durch die Medien wurde schließlich Ursachenforschung betrieben. Die Wissenskluftforschung geht davon aus, dass die gleichmäßige Informationsverteilung in der Gesellschaft durch sogenannte „(soziale) Kommunikationsbarrieren“ verhindert wird (ebd., S. 134). Erstmals als „Increasing Knowledge Gap“ formuliert wurde die Wissensklufthypothese von Tichenor, Donohue und Olien. Sie entwickelten folgende Definition:

„Wenn der Informationszufluss in ein Sozialsystem wächst, tendieren die Bevölkerungssegmente mit höherem sozio-ökonomischem Status und / oder höherer formaler Bildung zu einer rascheren Aneignung dieser Information als die status- und bildungsniedrigeren Segmente, so dass die Wissenskluft zwischen diesen Segmenten tendenziell zu- statt abnimmt“ (Tichenor, Donohue & Olien, 1970. Deutsche Übersetzung zitiert nach Bonfadelli, 2004, S. 253).

Bereits 1987 wurden die Folgen der Einführung der neuen Medien von Heinz Bonfadelli diskutiert, da nach der Wissenskluft-Hypothese zu erwarten sei, dass diese „zuerst von den sozial- und bildungsmäßig privilegierten Personen genutzt werden, und daß sich dadurch deren Informationsvorsprung und die damit zusammenhängenden Privilegien noch verstärken dürften“ (Bonfadelli, 1987, S. 306.).

Etwa seit Beginn des 21. Jahrhunderts ist diese Annahme unter dem Label „Digital Divide“ bekannt und hat „im Zusammenhang mit der Diffusion der Online-Kommunikation erneut soziale Brisanz erlangt.“ (Bonfadelli, 2004, S. 252). Die These der digitalen Spaltung geht von „sozialen und transnationalen Disparitäten im Zugang zu und in der Nutzung von digitalen Technologien im Allgemeinen und des Internets im Besonderen aus“ (Marr & Zillien, 2010, S. 257).

Unterschiede im Zugang zu digitalen Technologien werden auch als first-level Digital Divide bezeichnet (Millward, 2003, o.S.). Zunehmend an Bedeutung gewinnt allerdings auch der second-level Divide (Wei & Hindman, 2011. S. 217). Dieser beschreibt Unterschiede in der Nutzung der digitalen Medien, welche beispielsweise durch eingeschränkte Medienkompetenzen oder fehlende Motivationen entstehen. Die neuen Segmentierungen der Gesellschaften können sich in Form von Alters-, Geschlechter-, Einkommens- und Bildungsklüften sowie körperlichen, ethnischen, kulturellen und sprachlichen Klüften abzeichnen (Arnhold, 2013, S.15).

In früheren Untersuchungen wurde zunächst davon ausgegangen, dass das Internet durch seine zeitliche und räumliche Unbegrenztheit, die Hyperlinkstruktur und multimediale Inhalte einen großen Beitrag zur Wissensvermittlung leisten könne (Maurer & Oschatz, 2015, S. 77). Im Gegensatz dazu unterscheidet sich laut Haufs-Brusberg und Zillien (2014) die Nutzung des Internets heute vor allem in ihrer Komplexität von der der traditionellen Medien, da sie „im Großen und Ganzen kognitiv, technisch und ökonomisch voraussetzungsreicher als die der alten Medien“ sei (S. 74). Zudem fällt im Internet häufig die Gatekeeperfunktion der Journalisten weg. Die Heterogenität und Vielfalt des Angebots führen zu Fragmentierungs- und Desintegrationstendenzen (ebd., S.75). Dies führt dazu, dass die im Internet verfügbaren Informationen auch heute noch nicht von allen sozialen Gesellschaftsschichten gleichermaßen genutzt werden.

Wie sich die Unterschiede in der Internetnutzung besonders zwischen verschiedenen Altersgruppen konkretisieren, wird im folgenden Kapitel erläutert.

2. Unterschiede in der Internetnutzung von Jung und Alt

Wie bereits in der Einleitung angedeutet, bestehen bei der Internetnutzung in Deutschland vor allem nach dem Alter große Unterschiede. Während die 14- 29-jährigen täglich etwa 4 Stunden mit Online-Aktivitäten verbringen, sind es bei den 50- bis 69-jährigen nur knappe 1,5 Stunden – bei den über 70-jährigen weniger als 30 Minuten. (ARD/ZDF-Onlinestudie 2016, o.S.). Untersuchungen belegen, dass das Alter und Arbeitslosigkeit, zum Beispiel auch im Rentenalter, wichtige Indikatoren für wenig bis keine Internetnutzung sind (Motagnier & Wirthmann, 2011, S. 4). Im Gegensatz dazu sind Jugend und höhere Bildung die stärksten Determinanten für den Umfang der Internetnutzung (vgl. ebd.).

Dies bestätigt die zunehmende Spaltung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants. Die nach 1980 geborenen Digital Natives sind mit der Allgegenwärtigkeit der neuen Technologien aufgewachsen (Palfrey & Gasser, 2013, S.1). Im Gegensatz dazu mussten sich die demnach vor 1980 geborenen Digital Immigrants, zu denen auch die Senioren gehören, den Umgang mit den digitalen Medien im späteren Lebensverlauf aneignen. Diese beiden Nutzungsgruppen unterscheiden sich dementsprechend in persönlichen Fähigkeiten und im Interesse beim Umgang mit neuen Medien (Palfrey & Gasser, 2013). Verdeutlicht wird dies laut Prensky (2001) durch den Digital Immigrant „accent“ – „ […] they always retain, to some degree […] their foot in the past.“ (S. 2). Die Nutzung neuer Technologien bleibe demnach für die Immigrants meist zweite Wahl. Laut Prensky führen die Disparitäten bei der Nutzung neuer Technologien sogar zu Veränderungen der Denkweisen und Gehirnstrukturen bei den Digital Natives (ebd., S.1).

Diese stereotype Dichotomisierung des Alters wird allerdings auch kritisiert, wie beispielsweise von Helsper und Eynon (2010) “[...] our analysis does not support the view that there are unbridgeable differences between those who can be classified as digital natives or digital immigrants based on when they were born.“ (S. 517)

3.1. Konzepte des Altersbegriffs

Bevor im Folgenden die Ausprägungen und Ursachen der Mediennutzungsunterschiede untersucht werden, ist es entsprechend Helsper und Eyonon wichtig, den Altersbegriff zu relativieren. Hinsichtlich der Spezifizierung des Altersbegriffs gibt es jedoch eine Vielfalt an Positionen unterschiedlicher Disziplinen, wie die der Biologie, Psychologie oder Sozial-, Verhaltens- und Geisteswissenschaften (Mittelstrauß, 1994, S.9). Thieme (2008) unterscheidet vier unterschiedliche Konzepte von Alter:

Das kalendarische Alter in Lebensjahren, wie es sich rechnerisch aus der Differenz zwischen Geburts- und aktuellem Datum ergibt, wird im Alltag und vor allem in der Bürokratie als Abgrenzungsmerkmal verwendet. Dieses chronologische Lebensalter ist jedoch laut Höpflinger und Stuckelberger (1999) nur bedingt aussagekräftig, da zwischen Personen gleichen Alters große Unterschiede hinsichtlich körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit bestehen können (S. 22). Weder das psychologische (auch kognitive ) noch das biologische Alter müssen demnach mit dem kalendarischen Alter übereinstimmen. Ersteres beschreibt die geistige Leistungsfähigkeit und auch die subjektive Selbsteinschätzung (Thieme, 2008, S. 34). Die organische Konstitution wird mit dem biologischen Alter benennt, welches den normalen physiologischen Prozess des Alterns darstellt (vgl. ebd.). Schließlich ist vom sozialen Alter die Rede, welches den „den unterschiedlichen Grad der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oder den Rückzug aus sozialen Rollen […] und gesellschaftlich geprägten Verhaltensmustern“ beschreibt (ebd.). Das „Alter“ ist demnach keine eindeutige Variable (Höpflinger & Stuckelberger, S. 22). In den meisten wissenschaftlichen Studien wird dennoch weiterhin eine Einteilung nach kalendarischem Alter unternommen, da es einfach zu erfassen ist und eine Einteilung nach Kohorten erlaubt (ebd, S. 19f.). Nicht nur in geronotologischen Studien werden deshalb häufig Stufen des Alt-seins definiert. So wird beispielsweise bei Senioren zwischen „jungen Alten“ (65 bis 74 Jahre), „mittel Alten“ (75 bis 84 Jahre) und „alten Alten“ (85+ Jahre) unterschieden (Zizza, Ellison & Wernette, 2009, S. 481). Ähnliche Einteilung lassen sich häufig finden.

Die Vielfalt der verschiedenen Konzepte des Alters verdeutlicht, dass eine Dichotomisierung beim Alter zwischen Alt und Jung kritisch zu betrachten ist. Sicherlich ist das kalendarische Alter bei der Einteilung der Altersgruppen sinnvoll; eine Verallgemeinerung ist allerdings auch hier zu hinterfragen. Dass sich eine kurzschrittige Einteilung zwischen „jungen Alten“ und „alten Alten“ bei der Internetnutzung von Senioren demnach als sinnvoll erweist, wird in Kapitel 4 im Zusammenhang mit dem „Grey Divide“ verdeutlicht.

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Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668525054
ISBN (Buch)
9783668525061
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375923
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Digitaisierung Wissenskluft Digitale Spaltung Mediennutzung

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