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Wie wird Geschlecht anhand von Weiblichkeit in Abgrenzung zur Männlichkeit gesellschaftlich produziert?

Hausarbeit 2016 17 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlage nach Berger/ Luckmann (2013)

3 Der Doing-Gender Ansatz von West/ Zimmermann

4 Wie wird Männlichkeit/Weiblichkeit produziert?
4.1 Die Herstellung von Weiblichkeit in Relation zu Schönheitsnormen
4.2 Schönheitshandlungen und Wohlfühlen
4.3 Die Herstellung von Weiblichkeit in Relation zu Männlichkeit

5 Beispielhafte Kurzanalyse

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist typisch weiblich, und wie wird der weibliche Körper in unserer Gesellschaft sozial produziert? Welche Praktiken müssen erfolgen, um überhaupt als Frau oder Mann anerkannt zu werden? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

Schon seit den 1980er Jahren wird der Begriff gender in der Geschlechterforschung stark diskutiert. Dabei wurde deutlich, dass es neben den zwei geltenden biologischen Geschlechtern männlich und weiblich, auch noch etwas Anderes geben muss. Es muss etwas unabhängig von äußerlichen Geschlechtsmerkmalen einer Person existieren, nämlich eine Art soziales Geschlecht.

In der Frauen- und Geschlechterforschung wird zwischen sex und gender deutlich unterschieden. Vor allem Judith Butler hat mit ihrem Werk Unbehagen der Geschlechter das Thema publik gemacht. Die Erkenntnis, dass Unterscheidungen zwischen beiden Geschlechtern nicht nur aufgrund körperlicher Unterschiede, sondern in Bezug auf soziale Ausprägungen zu erklären sind, hat viele Menschen zum Umdenken angeregt. Jedoch lassen sich sex und gender nicht eindeutig voneinander trennen. Wenn man beide Begrifflichkeiten ausschließlich separat betrachtet, führt dies dazu, dass man die Auffassung von dem, was wir als biologisch und somit als natürlich auffassen, ganz erheblich davon abhängt, was wir sozial als solches ansehen.

Die Existenz von zwei völlig unterschiedlichen Geschlechtern erscheint als zweifelsfreie und feststehende Tatsache. Somit werden dem biologischen Geschlecht auch gleichzeitig soziale Eigenschaften zugeschrieben. Besonders im Alltag bzw. in alltäglichen Handlungen wird deutlich, welch eine wichtige Rolle das Geschlecht spielt. Die Einteilung von öffentlichen Toiletten z.B. beruht auf binärer Geschlechtseinteilung.

In Anlehnung an das Referatsthema Geschlechtskörper und Verkörperung, welches auf der Textgrundlage von Judith Butlers Unbehagen der Geschlechter (1991) von mir und einer Kommilitonin vorgestellt wurde, soll diese Arbeit der Frage nachgehen, wie ein weiblicher bzw. männlicher Körper in unserer Gesellschaft überhaupt sozial produziert wird und welche Praktiken erfolgen müssen, um als Frau bzw. Mann anerkannt zu werden.

Vor allem in der kosmetischen Werbeindustrie wird ein ganz bestimmtes Frauenbild vermarktet. Es suggeriert, dass Frauen sich pflegen und sich jung und fit halten müssen, um als weiblich und schön wahrgenommen zu werden. Das Schönheitsideal einer Frau wird durch viele Praktiken unterstützt, wie z.B. das Beine rasieren, sich schminken, Dessous tragen, lange Haare zu haben. Diese Praktiken werden vorausgesetzt und nicht mehr hinterfragt. Auch Männer sind gewissen Schönheitsnormen unterworfen.

Sind diese Praktiken denn typisch weiblich bzw. männlich und wenn ja – wieso? Wodurch werden solche Handlungsschemata und Schönheitsideale festgesetzt? An welche Geschlechternormen sind Weiblichkeit geknüpft? Wie wird dieses Bild aufrechterhalten, reproduziert und von Generation zu Generation weitergeben? Diesen Fragen wird in dieser Arbeit versucht nachzugehen und mithilfe ausgewählter Literatur veranschaulicht. Zunächst möchte ich die Leitgedanken von Peter L. Berger und Thomas Luckmann vorstellen, da diese essentiell sind, um die soziologische Sichtweise verstehen zu können.

Dann werde ich die Begriffe sex, sex-category und gender definieren, um eine Klarheit dieser Begriffe zu schaffen. Im selben Abschnitt möchte ich den Doing-Gender Ansatz nach Candance West und Don H. Zimmerman vorstellen.

Daran anknüpfend gehe ich der Leitfrage nach, wie Weiblichkeit in Abgrenzung zu Männlichkeit gesellschaftlich produziert wird. Ich werde mich in meiner Arbeit mehr auf das Konstrukt von Weiblichkeit konzentrieren, obwohl Weiblichkeit nur in Abgrenzung zur Männlichkeit existieren kann. Jedoch lässt es sich anhand nur eines Beispiels besser illustrieren wie Geschlecht gesellschaftlich konstruiert wird. Um diese Erkenntnisse zu unterstützen, werde eine Werbung von dem Kosmetikhersteller L’Oreal hinzuziehen, in der das Thema Schönheit und Jugendlichkeit eine Rolle spielt. Zum Ende meiner Arbeit werde ich auf eventuelle Verschiebungen von Männlichkeit und Weiblichkeit eingehen und mit einem Fazit meine Erkenntnisse zusammenfassen.

2 Theoretische Grundlage nach Berger/ Luckmann (2013)

Um genauer verstehen zu können wie es zu stereotypen Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit kommt, ist es wichtig, vorab die soziologische Sicht auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verstehen und auch zu wissen, wie diese konstruiert wird.

Berger und Luckmann sprechen in diesem Zusammenhang über subjektive Wirklichkeiten, in der wir Menschen uns und unseren Alltag subjektiv wahrnehmen. In dieser von uns selbst konstruierten Wirklichkeit gibt es gesellschaftliche Interaktionen, sogenannte Vis-à-vis-Situationen, wo wir Andere flexibel aber beeinflusst durch vorgegeben Typisierungen als Subjekt wahrnehmen und selbst auch so wahrgenommen werden. Das miteinander Agieren, also die Aktion und die darauf folgende Reaktion, wird Reziprozität genannt. Kurz: Das Bewusstsein funktioniert subjektiv sinnhaft, intentional und objektbezogen (vgl. Berger u. Luckmann 2013: 31-33).

Berger und Luckmann beschreiben die Gesellschaft als ein menschliches Produkt. Der Mensch ist wiederum ein Produkt der Gesellschaft, welche ihm wiederum als objektive Wirklichkeit erscheint (vgl. Berger u. Luckmann 2013: 24). Beide Faktoren bedingen sich gegenseitig und stellen einen immer wiederkehrenden Kreislauf dar.

Des Weiteren ist das miteinander Kommunizieren ein wesentlicher Bestandteil in der gesellschaftlichen Wirklichkeit und beinhaltet viele Objektivationen wie Zeichen, Symbole und natürlich auch die Sprache. Durch diese Objektivationen gelingt es erst, dass Mensch und Gesellschaft miteinander wechselseitig kommunizieren können (vgl. Berger u. Luckmann 2013: 24).

Dieses Grundgerüst muss man verstehen und sich immer wieder bewusstmachen, wenn man der Frage dieser Arbeit nachgeht. Denn auch Geschlecht oder Geschlechterrolle wird subjektiv durch die Augen eines gesellschaftlich geprägten Individuums wahrgenommen. Wenn man sich nun die Frage stellt, ob ein Neugeborenes als Mädchen, also mit einem biologisch weiblichen Geschlechtsmerkmal, oder als Junge, also mit einem biologisch männlichen Geschlechtsmerkmal, auf die Welt kommt, oder ob es erst von der Gesellschaft zu einem Mädchen oder Jungen gemacht wird, fängt man an, viele feststehende Schemata und Ansichten zu überdenken. Genau genommen kommt ein Kind lediglich mit einem bestimmten biologischen Merkmal zur Welt. Die Gesellschaft und die darin feststehenden Zuschreibungen zu einem Geschlecht machen das eigentlich eigenschaftsfreie Kind zu einem „typischen“ Mädchen oder Jungen. Wie diese Zuschreibungen zustande kommen, werde ich im nächsten Kapitel mit dem Doing-Gender Ansatz nach West/Zimmerman erläutern. Auf die biologischen Unterschiede werde Ich nicht weiter eingehen, da es den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde.

3 Der Doing-Gender Ansatz von West/ Zimmermann

Der Doing-Gender Ansatz von West/Zimmerman (1987) entstammt der interaktionstheoretischen Soziologie. Doing-Gender sieht Geschlecht nicht als Eigenschaft oder Merkmal, sondern nimmt primär die sozialen Prozesse in den Blick, in denen Geschlecht als soziale Unterscheidung hervorgebracht und reproduziert wird. Geschlecht wird also sozusagen hergestellt.

Die biologische Unterscheidung in zwei binäre Geschlechter steht im Widerspruch zu der Theorie von West und Zimmerman, da das soziale Geschlecht bei dem Doing-Gender Ansatz eine erhebliche Rolle spielt. Doing-Gender sieht Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität als fortlaufenden Herstellungsprozess. Geschlecht wird demnach produziert. Dieser Prozess vollzieht sich in Verbindung mit alltäglichen Tätigkeiten. Das Produzieren oder Herstellen von Geschlecht, geht mit vielfältig sozial gesteuerten Tätigkeiten und der Interaktion mit Anderen einher. Bestimmte Handlungen werden mit einer Bedeutung versehen, die als weiblich oder männlich gelten (West/Zimmerman 1987: 14; Übersetzung in Gildemeister/Wetterer 1992: 237).

Um sich deutlich von der strikten biologischen Unterscheidung zu trennen, haben West/Zimmerman eine dreigliedrige Neufassung dieser Unterscheidung erarbeitet. Sie unterteilen in ihrem Doing-Gender Ansatz in sex, sex-category und gender, Sex wird von West/Zimmerman als „die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien gesehen” (West/Zimmerman zit. nach Gildemeister 2010: 137). Sex-category wird die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht genannt. Diese stellt ihre erkennbare Zugehörigkeit zu einer Kategorie im Alltag dar. Gender ist nach West/Zimmerman ist das soziale Geschlecht. Es ist die “intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch ein situationsadäquates Verhalten und Handeln im Lichte normativer Vorgaben” (West/Zimmerman zit. nach Gildemeister 2010: 138). Sex, sex-category und gender können unabhängig voneinander betrachtet werden. Die neue Betrachtungs- und Unterscheidungsweise zwischen diesen Dimensionen eröffnet einen neune Blick auf die Wichtigkeit von Natur, da sie deutlich macht, dass Geschlecht etwas sei, was eine Person besitzt. Geschlecht ist etwas was, was von anderen bestätigt werden muss. Die Interaktion zu anderen macht die eigene Geschlechtsidentität erst sichtbar.

Um diese Sichtweise auf Geschlecht und Geschlechtszugehörigkeit zu verstehen, ist es hilfreich den Kontext sozilogischer Interaktionstheorien vor Augen zu führen. Was ist Interaktion? Interaktion entsteht immer, wenn Personen sich wechselseitig wahrnehmen und aufeinander reagieren. Ähnlich wie von Berger und Luckmann genannte Vis-à-vis Situation. Interaktion ist gleichzeitig ein formender Prozess der eigenen Art. Dieser Prozess impliziert Zwänge in denen die Akteure involviert sind und welchen sie nicht ausweichen können. Einer dieser Mechanismen nennt Gildemeister den „Zwang zur kategorialen und individuellen Identifikation der Interaktionsteilnehmer“ (West/Zimmerman zit. nach Gildemeister 2010: 138). Jede menschliche Interaktion basiert auf Typisierung und Klassifikation. Klassifikationen sind vorgefertigte Handlungsmuster auf die wir in jeder Interaktion zurückgreifen, um diese einordnen zu können. „ Geschlecht stellt in diesem Kontext ein in hohem Maße komplexitätsreduzierendes Klassifikationsschema dar“ (West/Zimmerman zit. nach Gildemeister 2010: 138). Wir versuchen so die Welt in Kategorien zu sortieren und unser Gegenüber einzuordnen.

Wie Weiblichkeit in Abgrenzung an Männlichkeit produziert wird, wird in dem folgenden Kapitel nachgegangen.

4 Wie wird Männlichkeit/Weiblichkeit produziert?

Wenn man weiß, wie die soziologische Sicht auf die alltägliche Wirklichkeit entsteht und den Doing-Gender Ansatz von West/Zimmermann versteht, kann man die Frage wie Männlichkeit bzw. Weiblichkeit produziert wird besser beantworten.

Der Doing-Gender Ansatz geht also grundlegend davon aus, dass Geschlecht nicht als natürliches Merkmal gegeben ist, sondern betonen die Herstellung von Geschlecht im Alltag. Das geschlechtsbezogene Verhalten fundiert primär auf dem Wissen, wie man sich als Mann oder Frau zu verhalten hat. Dieses Wissen und das daraus resultierende Verhalten führen dazu, dass man Geschlecht nicht nur produziert, sondern auch reproduziert (vgl. West/Zimmerman zit. nach Gildemeister 2010: 137). Es gibt gesellschaftliche Vorstellungen wie ein Mann oder eine Frau aussehen und wie sie sich verhalten sollen. Männer und Frauen inszenieren sich aufgrund dieser gesellschaftlichen Erwartungen auf eine bestimmte Art und Weise so, damit sie wie erwünscht wahrgenommen werden.

Diese Kategorisierungen werden wiederholt und dadurch immer mehr gesellschaftlich verankert. So entstehen zum Beispiel auch typische Frauen- beziehungsweise Idealbilder, wie eine Frau sich verhalten muss, um als Frau anerkannt zu werden.

4.1 Die Herstellung von Weiblichkeit in Relation zu Schönheitsnormen

Wie Geschlecht gesellschaftlich produziert wird, konnte bereits definiert werden. Im Folgenden soll geklärt werden, wie im Besonderen das weibliche Geschlecht gesellschaftlich produziert wird und mit welchen Schönheitshandlungen dies assoziiert wird. Nina Degele spricht in diesem Zusammenhang von Bodyfication beziehungsweise Beautification (vgl. Degele 2004: 244):

„Nicht nur der Körper ist empfänglich für mediale, wissenschaftliche und milieuspezifische Überformungen, die das eigene Handeln orientieren und leiten. Vor allem sind es die mit dem Thema Körper verbundenen kognitiven Konstruktionen, die tief in das Alltagswissen um Selbst und Körper eingelassen und verkörpert sind“ (Degele 2004: 245).

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Details

Seiten
17
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668523630
ISBN (Buch)
9783668523647
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375913
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund
Note
2,0
Schlagworte
Weiblichkeit Gender Geschlecht Konstruktion Männlichkeit Abgrenzung

Autor

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Titel: Wie wird Geschlecht anhand von Weiblichkeit in Abgrenzung zur Männlichkeit gesellschaftlich produziert?