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Gewalt in Stanley Kubricks "A Clockwork Orange"

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gewaltdefinitionen

3. Ausgewählte Thesen zur Wirkung von Gewalt nach Kunczik
Katharsisthese
Inhibitionsthese
Kognitive Unterstützung
Stimulationsthese
Habitualisierung
Lerntheoretische Position 1
Lerntheoretische Position 2
Suggestion
Rechtfertigung von Verbrechen
Zusammenfassung der Thesen

4. „A Clockwork Orange – Uhrwerk Orange“
4.1 Technische Daten
4.2 Inhalt
4.3 Quantitative Auszählung der vorkommenden Gewaltformen

5. Katharsis
5.1 Katharsis durch Schocktherapie: Die Ludovico Therapie
5. 2 Ist eine Heilung wirklich möglich?

6. Schlussbetrachtung: Gewalt in weiteren Stanley Kubrick Filmen

7. Referenzen

1. Einleitung

In der vorliegenden Seminararbeit soll die Gewalt in Stanley Kubrick Film Clockwork Orange aus dem Jahre 1971 analysiert werden. Ein Aspekt der Analyse wird die Bezugnahme auf die Wirkungsthesen von Gewalt nach Kunczik darstellen: Hier wird ein besonderes starker Fokus auf die, auf Aristoteles zurückgehende Katharsisthese gelegt, da sie im Film auf spezielle Art und Weise eingesetzt wird.

Ein weiterer Aspekt der Arbeit wird eine quantitative Untersuchung der Gewalt darstellen, wobei die filmisch inszenierte Gewalt in sieben verschiedene Kategorien, wie Schlagen, Bedrohen oder Vergewaltigung geklustert wird. Für deren Analyse wird an den Anfang der eine allgemeine Definition von Gewalt gestellt.

2. Gewaltdefinitionen

In der Literatur gibt es fast so viele Definitionen von „Gewalt“, wie es Autoren zu diesem Thema gibt. Jeder definiert Gewalt ein bisschen anders. Sie ist abhängig vom Kontext, d.h. die jeweilige Situation und die Absicht der Handelnden sind zu berücksichtigen. Was z.B. der eine noch als Spaß bezeichnet, ist für den anderen bereits schlimmes Mobbing.

Um den Film Clockwork Orange zu analysieren, soll die allgemein gehaltene Definition von Popitz (1992, zitiert bei Mikos 2000, S. 4) zugrundegelegt werden. Er versteht unter Gewalt eine Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt. Diese allgemeine Definition lässt sich weiter in Unterkategorien einteilen. So wird Gewalt nach der Art der Ausführenden unterschieden in personale und strukturelle Gewalt. Personale Gewalt wir nach Kunczik (1993) als „beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person“ definiert (S. 11). Strukturelle Gewalt ist nach Galtung (1971) eine „in einem sozialen System eingebaute Gewalt (Ungerechtigkeit), die sich, ohne dass ein konkreter Akteur sichtbar sein muss und ohne dass sich das Opfer der strukturellen Gewalt dieser „Vergewaltigung“ bewusst sein muss, in ungleichen Machtverhältnissen (Lebenschancen) äußert“ ( zitiert bei Kunczik 1987, S. 17). Weiterhin lässt sich die personale Gewalt in physische und psychische Gewalt unterteilen. Unterschieden wird hier nach der Art der Gewaltausübung. Zur körperlichen Gewalt zählen z.B. Schläge oder Folter. Seelische Gewalt kann schon bei harmlos wirkenden Beleidigungen einsetzen. Hier kommt dann wieder das Problem der schwammigen Definitionen zum Tragen, da jeder Mensch seine persönliche Grenze zwischen Spaß und Ernst anders setzt. Ziel aller Arten von Gewaltausübung ist jedoch immer die psychisch/physische oder sozial-interaktive Schädigung anderer Menschen, kurzfristig oder langfristig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik vgl. Theunert, 1996, S. 61

3. Ausgewählte Thesen zur Wirkung von Gewalt nach Kunczik

Die folgenden Wirkungsthesen zur Rezeption von Gewalt gehen alle auf die Zusammenfassungen von Kunczik (vgl. 1987, 1993, 1996) zurück. Es werden nicht alle Thesen erwähnt, da diese zum Teil für das gewählte Thema ohne Bedeutung sind. Die Reihenfolge der Aufzählung ist beliebig und soll keine Wertung abgeben. Nur die Katharsisthese nimmt im Zusammenhang der Arbeit einen höheren Stellenwert ein, da sie im analysierten Film „A Clockwork Orange“ eine wichtige Rolle spielt.

Bei der Prüfung der Thesen ergaben sich Probleme u.a. dadurch, dass unter den Studien, die diese Thesen belegen sollten, nur wenige Langzeituntersuchungen waren. Eine zu geringe Zahl der Probanden, brachte mangelnde Repräsentativität mit sich. Auch waren einige Laborexperimente zu künstlich und zu kurzfristig angelegt. Die inhaltsanalytischen Studien hatten zudem Probleme mit ihren Abgrenzungskriterien unter anderem bei der Definition des Begriffes „Gewalt“. (Kunczik 1987, S. 44)

Katharsisthese

Die Katharsisthese greift auf den Katharsis-Begriff des Aristoteles (um 350 v. Chr.) zurück. Er wandte diesen Begriff an auf die antike griechische Tragödie und ihre Wirkungsweise auf den Zuschauer: Die kathartische oder läuternde Wirkung wird ausgelöst durch ganz bestimmte Situationen mit spezifischen Helden, die beim Publikum Mitleid (eleos)und Furcht (phobos) erregen. Im 18. Jh. wandelte Lessing den Katharsis-Begriff ab. Danach bedeutete die kathartische Reinigung nichts anderes, als die Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten. Heutzutage besagt die Katharsisthese, dass die Rezeption eines aggressiven Aktes eine kathartische (reinigende) Wirkung hat in dem Sinne, dass dadurch die Anreize zur Ausführung körperlicher Gewalt vermindert werden.

In der Literatur werden drei unterschiedliche Katharsisformen genannt:

Die Katharsis erfolgt allein durch eine Fantasieaggression, also allein der Gedanke an Gewalt vermindert die Anreize zur eigenen Gewaltausübung.

Die Katharsis durch Fantasieaggression erfolgt nur, wenn der Rezipient emotional erregt ist oder selbst zur Aggression neigt.

Die Katharsis erfolgt nur, wenn auch die Schmerzen des Aggressionsopfers in aller Ausführlichkeit gezeigt werden.

Alle drei Formen sind mittlerweile empirisch widerlegt worden. So gibt es Untersuchungen, wonach die Aggressionsneigungen nach dem Konsum von Gewaltdarstellungen eher anstiegen. Außerdem sind die empirischen Belege für kathartische Wirkungen von Gewaltdarstellungen wohl nur dadurch zustande gekommen, dass diese Untersuchungen eine Reihe von methodischen Schwächen aufwiesen. Werden diese methodischen Kritikpunkte berücksichtigt, zeigen sich keine kathartischen Wirkungen (im Sinne einer Verringerung der Tendenz zu aggressivem Verhalten nach dem Betrachten von Gewaltdarstellungen). (Freitag, Zeittner, 1999, S. 23)

Inhibitionsthese

Die Inhibitionsthese (lat: inhibere: unterbinden) stellt eine alternative Interpretation der Katharsisthese dar. Sie besagt, dass durch die Beobachtung von Aggression beim Rezipienten Aggressionsangst ausgelöst wird, die die Bereitschaft mindert, selber Aggression auszuüben. (Kunczik, 1993, S. 100)

Kognitive Unterstützung

Die kognitive Unterstützung stellt eine weitere Variation der Katharsisthese dar. Laut Feshbach und Singer (1977) ist „die Fähigkeit, sich in Fantasietätigkeiten ergehen zu können, ein adaptiver Mechanismus, der es ermöglicht, den unmittelbaren Ausdruck von Impulsen zu kontrollieren und zu verschieben“ (zitiert bei Kunczik 1987, S. 50). Der Rezipient soll sich also Gewalt nur noch vorstellen und sie in seiner Fantasie ausleben, nicht in der Realität. Personen mit begrenzten kognitiven Fähigkeiten sollen durch externe Quellen, z.B. durch das Fernsehen, mit fantasieanregendem Material versorgt werden.

Im Experiment von Feshbach und Singer ließ sich allerdings kein Beleg dafür finden, dass männliche Jugendliche mit begrenzten kognitiven Fähigkeiten und relativ schwach entwickelter Einbildungskraft durch aggressive Fernsehsendungen eine kognitive Unterstützung erfahren, die sich durch Abnahme manifester Aggression zeigt. (Kunczik, 1987, S. 50 ff)

Stimulationsthese

Die Stimulationsthese, besagt das Gegenteil der Katharsisthese, nämlich, dass durch das Ansehen violenter Inhalte beim Rezipienten die Aggressionsbereitschaft steigen soll. Diese These lag den „Wisconsin Studien“ von Berkowitz (1970) zugrunde, in denen frustrierten und nichtfrustrierten Studenten Filme gezeigt wurden, in denen Gewalt als gerechtfertigt oder nicht gerechtfertigt dargestellt wurde. Die daraus resultierende Aggressivität der Studenten sollte durch ausgeteilte Elektroschocks im Rahmen eines fingierten Experiments gemessen werden. Das Ergebnis der Studie zeigte jedoch keinen messbaren eindeutigen medienduzierten Aggressionsanstieg bei den Studenten.

(Kunczik 1993, S. 100)

Habitualisierung

In dieser These geht es darum, dass sich Rezipienten bei häufigem Fernsehkonsum an die Gewalt gewöhnen und deshalb psychisch abstumpfen. Das Abnehmen intensiver emotionaler Reaktionen bei der Beobachtung fiktiver Gewaltakte wird als Indikator gesehen für das Abstumpfen auch gegenüber realer Gewalt. Es liegen aber keine Daten vor, die diese These stützen oder einer Veränderung der Persönlichkeitsstruktur der Rezipienten dahingehend belegen, dass sich Gleichgültigkeit gegenüber realer Gewalt entwickelt. (Kunczik 1996, S. 18)

Lerntheoretische Position 1

Die Lerntheorie geht auf Albert Bandura und seine Theorie des Beobachtungslernens zurück.

Sie vertritt die Annahme, dass violente Unterhaltungssendungen die Zuschauer – insbesondere Kinder und Jugendliche – mit Handlungsmustern versorgen, die zwar meistens latent bleiben, aber unter adäquaten situativen Bedingungen doch in manifestes Verhalten umgesetzt werden können. Bei den Rezipienten besteht also die Möglichkeit, dass sie die Gewalt in den Medien nachahmen.

Bandura nimmt also an, dass viele im Fernsehen angebotenen Modelle die Aufmerksamkeit des Zuschauers derart in Anspruch nehmen, dass einige der angebotenen Inhalte ohne weitere besondere Anreize, unbewusst, gelernt werden. (Kunczik 1993, S. 101)

Lerntheoretische Position 2

Eine weitere Lerntheorie besagt, dass das Verhalten durch eine Wechselwirkung von psychischen und Umweltdeterminanten bestimmt wird. Die Erwartungen beeinflussen das Verhalten und die Folgen des Verhaltens verändern wiederum die Erwartungen. Die erwarteten Konsequenzen zukünftigen Verhaltens können gegenwärtiges Verhalten bestimmen. Das aggressive Verhalten ist aufgrund der zu erwartenden Konsequenzen - wie etwa Furcht vor Bestrafung - Hemmungen unterworfen. Das deviante Verhalten ist laut Bandura nicht situationsübergreifend konsistent, da das Handeln vom Denken kontrolliert wird. Der Medienkonsum stellt nur einen Faktor von vielen in der Persönlichkeitsentwicklung dar, weshalb sein Einfluss proportional nur so groß sein kann wie die Menge des Medienkonsums. Dies hat sich in Studien bestätigt, auch wenn es dabei methodische Probleme gab, wie etwa die Nichtberücksichtigung der kulturellen Vergleichbarkeit. Einige Probanden reagierten aber auch besonders stark auf aggressive Medieninhalte, die Attraktivität von Gewalt für sie erhöhten und zu weiterem verstärkten Gewaltkonsum führten. (Kunczik 1993, S. 103 ff.)

Suggestion

Die Suggestionsthese stellt die Imitationsthese in modifizierter Form dar. Diese These, die aber heutzutage in der Literatur nicht mehr vertreten wird, besagt, dass die Beobachtung einer Gewalttat beim Rezipienten zu einer mehr oder weniger anschließenden Nachahmungstat führt.

Nach Studien von Phillips (1974, 1982) stieg die Zahl der Selbstmorde nach der Veröffentlichung von Berichten über Selbstmorde an – der sogenannte „Werther-Effekt“. Nach seinen Studien fanden auch Selbstmorde in Soap Operas Nachahmer. Kessler und Stipp wiesen den Zusammenhang zwischen Selbstmordrate und dargestellten Selbstmorden in Soap Operas jedoch vehement zurück: danach lagen in 8 von 13 Fällen Fehldatierungen vor, d.h. der Anstieg der Selbstmordrate erfolgte, bevor die jeweiligen Sendungen ausgestrahlt wurden. (Kunczik 1993, S. 101 f)

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Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638368780
ISBN (Buch)
9783640183982
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v37582
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikainswissenschaften und Medienlehre
Note
1,7
Schlagworte
Gewalt Stanley Clockwork Orange Proseminar Clockwork Orange Wirkung von Gewalt Gewaltwirkung Thriller Katharsis Inhaltsanalyse Inhibition Schocktherapie Macht Erniedrigung Konditionierung Gewaltausübung Stanley Kubrick

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