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Die Darstellung von Krankheit in der aktuellen Jugendliteratur

Bachelorarbeit 2014 40 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Verständnis von Krankheit und Tod bei Kindern und Jugendlichen
2.1 Alterstypische Vorstellung von Tod
2.2 Alterstypische Verarbeitung von Krankheit

3. Die Bedeutung von Krankheit, Sterben und Tod in der Jugendliteratur
3.1 Sick Lit - Jugendliteratur der Krankheit heute

4. Darstellung von Krankheit in der aktuellen Jugendliteratur am Beispiel von Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Bevor ich sterbe und Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt
4.1 Umgang mit der Krankheit: Die Betroffenen
4.2 Umgang mit der Krankheit: Das Umfeld
4.2.1 Die Geschwister
4.2.2 Die Eltern
4.2.3 Die Freunde
4.2.4 Pflegepersonal und Ärzte

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Laut dem Deutschen Kinderkrebsregister[1] erkranken in Deutschland jährlich ca. 2000 Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren an Krebs. Am häufigsten treten dabei Leukämie (33,8%) gefolgt von Hirntumoren (20,3%) und Lymphomen (12,5%) auf. „Die Überlebenschancen junger Patienten haben sich in den letzten 30 Jahren deutlich verbessert“[2] und liegen heute bei ca. 80%. Trotzdem bleiben die bösartigen Erkrankungen nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache im Kindes- und Jugendalter[3]. „Eine Krebserkrankung im Kindesalter ist [somit] nicht unbedingt tödlich, aber immer lebensbedrohlich und verändert die Welt des Kindes und seiner Familie in einschneidender Weise“. [4]

Es handelt sich also um einen Themenbereich, von dem viele Kinder und Jugendliche direkt oder indirekt, zum Beispiel durch erkrankte Freunde oder Geschwister, betroffen sind und der für sie alltäglich ist. Eng verbunden mit der Thematik Krankheit, im speziellen Krebs, sind auch die Bereiche Sterben, Tod und Trauer, sowie der Umgang mit der Krankheit an sich. Jedoch sind dies Themen, die gerne umgangen und nicht mit Kindern und Jugendlichen vertieft werden, obwohl sie ständig mit ihnen konfrontiert werden. Dabei könnte eine Beschäftigung mit diesem Themenkomplex den Kindern und Jugendlichen dabei helfen, ein Todeskonzept zu entwickeln und Todes- sowie Verlustängste und Trauer, die damit verbunden sind, zu bewältigen und die eigene Vergänglichkeit zu begreifen.

Es ist belegt, dass Kinder und Jugendliche Fragen zu den Themen Krankheit, Tod und Sterben stellen und nach Antworten suchen und sie einfordern[5] und deshalb handelt es sich auch um einen Bereich, der auch in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) nicht fehlen darf. Doch wie wird Krankheit in der KJL dargestellt?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die vorliegende Arbeit, wobei der Schwerpunkt auf der Bertachtung der aktuellen Jugendliteratur liegt. In einer Vielzahl von Büchern zum diesem Themenbereich werden Einzelschicksale geschildert, wobei der Sterbeprozess, die Reaktionen und Verarbeitungsmechanismen der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer Angehörigen im Zentrum stehen[6]. So auch in den für diese Arbeit betrachteten Werken, „ Das Schicksal ist ein mieser Verräter[7] von John Green, „ Bevor ich sterbe[8] von Jenny Downham und Sally Nicholls „ Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt “.[9]

Um genauer nachvollziehen zu können wie Krankheit in der aktuellen Jugendliteratur dargestellt wird, soll zuerst einmal geklärt werden, welche Bedeutung das Thema in der KJL bisher inne hatte und jetzt hat. Dann folgt eine Erläuterung zu kindlichen Todesvorstellungen, bis dann die genannten Bücher genauer darauf hin untersucht werden. Es wird auf der einen Seite geschaut, wie die Krankheit aus der Sicht der jeweils betroffenen Kinder und Jugendlichen dargestellt wird, wie sie damit umgehen und auf der anderen Seite, wie ihr Umfeld die Situation handhabt. Es wird darauf eingegangen, ob sich in der verschiedenen Büchern Parallelen in der Darstellung erkennen lassen und welche Unterschiede sichtbar sind.

2. Verständnis von Krankheit und Tod bei Kindern und Jugendlichen

Um genau nachvollziehen zu können wie der Umgang mit Krankheit und Tod in der Jugendliteratur dargestellt ist und in wie weit diese Darstellung realistisch ist, soll nun erstmal ein kurzer Überblick über die alterstypischen Vorstellungen von Krankheit und Tod bei Kindern und Jugendlichen gegeben werden.

2.1 Alterstypische Vorstellung von Tod

Aus medizinischer Sicht ist der Tod der „irreversible Funktionsverlust des Atmungs-, Kreislauf- und Zentralnervensystems“[10], verursacht durch eine Dysfunktion aller Organe. Laut Margarete Hopp besteht ein umfassendes Todesverständnis nicht nur aus dem Bewusstsein dieser Funktionsverluste, sondern auch aus dem Verständnis, wie es dazu kommt und der Erkenntnis, dass der Prozess des Sterbens jeden Menschen betrifft und somit allgemeingültig ist.[11] Kinder und Jugendliche entwickeln und begreifen dieses Verständnis nach und nach im Laufe ihrer Entwicklung.

Im Kindergartenalter zwischen drei und fünf Jahren zeigen Kinder bereits erstes Interesse am Thema Tod, wobei ihnen die volle Bedeutung jedoch nicht bewusst ist. Für sie handelt es sich dabei um einen reise- oder schlafähnlichen Zustand, der durchaus nicht endgültig ist. Sie haben die Vorstellung, dass ein Verstorbener wieder gesund werden und normal weiterleben kann, ähnlich wie nach einer Krankheit. Oft fragen sie sich, ob die Toten unter der Erde überhaupt atmen können und ob sie es in ihrem Sarg bequem haben. Den eigenen Tod schließen Kinder in dieser Entwicklungsphase völlig aus. Sie gehen davon aus, dass zwar alle anderen Menschen sterben müssen, sie selbst jedoch niemals.[12]

Grundschulkinder im Alter von sechs bis neun Jahren begreifen den Tod als das finale, unwiderrufliche Ende des Lebens.[13] Als Ursachen werden Krankheit, Alter, aber auch Gewalteinwirkung angesehen. Durch die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und der „vollständigen Vernichtung ihrer Existenz und Identität“[14] entwickeln die Kinder eine Todesfurcht. In den Vordergrund tritt die Frage, was nach dem Tod passiert und sie entwickeln ein „akzeptables Jenseits“.[15] Dabei sind die Kinder in den meisten Fällen durch die Weltanschauung ihrer familiären Umfelder geprägt und originelle Einfälle halten sich nicht lange.[16]

Im Alter zwischen neun und zwölf ist das Todeskonzept dann vollständig entwickelt.[17] Ein Kind, das in dieser Phase der Entwicklung den Verlust eines Menschen zu beklagen hat, „empfindet [diesen] in seiner vollen Tragweite“[18], ähnlich wie die Erwachsenen. Nach eigenen Aussagen wünschen sich Kinder dieser Altersstufe möglichst lange zu leben und beschäftigen sich nur selten mit dem Thema Tod, auch wenn ihnen bewusst ist, dass auch sie jederzeit sterben können.[19]

Mit dem Beginn der Pubertät beginnen die Jugendlichen über den Sinn des Lebens nachzudenken. „Alle Lebensziele und Ideale werden […] infrage gestellt.“[20] Es eröffnet sich aber auch eine neue Dimension, die den Tod nicht nur allein in seiner existenzvernichtenden Eigenschaft erscheinen lässt, sondern auch als Erlösung. Nicht nur als Befreiung aus einem von Krankheit geplagten Lebens, sondern auch von den „Mängeln des irdischen Daseins“.[21] Auch verändern sich in dieser Phase die Vorstellungen davon, wie es nach dem Tod weitergeht. Manche gehen davon aus, dass mit dem Tod alles vorbei ist und nichts mehr kommt, andere glauben an ein Leben nach dem Tod.

2.2 Alterstypische Verarbeitung von Krankheit

Eine schwere Erkrankung, wie etwa an Krebs, ist für Kinder und Jugendliche eine zusätzliche Belastung zu ihren Entwicklungsaufgaben, die sie, je nach Alter, zu erfüllen haben Die Fähigkeit eines Kindes oder Jugendlichen die Bedeutung einer schweren Krankheit zu verstehen, ist vom jeweiligen Alter und den damit verbundenen Entwicklungsstand abhängig. Auch ist es individuell verschieden welche Verhaltensweisen und Bewältigungsstrategien ein Kind aufzeigt, um die belastende Situation einer solchen Erkrankung zu verarbeiten. Bei Kindern und Jugendlichen, die von einer schweren Krankheit überrascht werden, ist oft die Furcht vor dem Tod nicht groß ausgeprägt. Anders ist es bei denen, die von einer schleichenden Krankheit, wie Krebs, befallen werden und sich mit der Zeit der Gewissheit, dass sie sterben werden, nicht mehr verschließen können.[22] Manchmal ist bei solchen Kindern und Jugendlichen eine Gelassenheit dem Sterben gegenüber zu beobachten. Sie ergeben sich ihrem Schicksal und trösten ihre verzweifelten Eltern. Sie fügen sich, zwar mit großer Trauer, jedoch auch mit Zuversicht, in das Unabänderliche.[23] „Kinder, die in einer geborgenen Atmosphäre aufwuchsen, vermögen darauf zu vertrauen, daß auch der Tod keine völlige Ungeborgenheit und Verlassenheit für sie bringen werde.“[24] Es bringt nichts, die Krankheit vor den Kindern und Jugendlichen herunterzuspielen und nicht in allem Umfang darzustellen, denn bereits Kinder im Alter von drei bis sieben spüren die schwerwiegende Bedeutung ihrer Behandlung durch die Angst ihrer Eltern oder mitgehörter Gespräche. Sie erleben körperliche Veränderungen wie Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen sowie Einschränkungen in ihren Sozialkontakten und in ihrer Mobilität bewusst und können Nebenwirkungen der Therapie mit der Notwendigkeit der Behandlung kombinieren. Oft reagieren sie mit verschiedenen Ängsten: Trennungsangst, Angst vor Verlust der Körperkontrolle und Selbstständigkeit, Angst vor Schmerzen sowie mit aggressivem Verhalten.[25]

Ältere Kinder, ungefähr im Alter zwischen sieben und vierzehn Jahren, wollen ihre Krankheit verstehen, stellen viele Fragen und zeigen großes Interesse an Laborwerten und Untersuchungsergebnissen. Oft muss der Schulbesuch unterbrochen werden, was zur Angst vor Kontaktverlusten zu Gleichaltrigen und den Anschluss an den Lernstoff führen kann.[26]

Jugendliche, etwas ab dem Alter von vierzehn Jahren, befinden sich nicht nur im körperlichen Reifungsprozess, sondern auch auf Identitätssuche. Sie streben nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, machen sich erste Gedanken über einen möglichen beruflichen Werdegang. Durch eine Krebserkrankung wird der gerade erst begonnene Abnabelungsprozess unterbrochen und sie begeben sich wieder in eine Abhängigkeit ihrer Eltern. Oftmals werden Behandlungsvorschriften von Jugendlichen als entmündigend empfunden und soziale Kontakte können nur schwer aufrechterhalten werden. Sie erleben körperliche Nicht-Attraktivität aufgrund sichtbarer Behandlungsfolgen und reagieren darauf häufig mit Rebellion und Auflehnung oder verlieren im Gegenteil jegliches Autonomiestreben.[27]

Es besteht kein Zweifel daran, dass Kinder und Jugendliche leben wollen. Sie möchten ein sinnvolles Leben, ohne zu große Einschränkungen und ohne ständige Krankheit, führen dürfen. Laut der Psychiaterin und Begründerin der Sterbeforschung, Elisabeth Kübler-Ross, macht jedes Kind, jeder Jugendliche, der schwer krank und zum Sterben verurteil ist, verschiedene Phasen durch.[28] Zuerst die der Verleugnung. In dieser Phase versucht der Erkrankte die Wahrheit über seinen Zustand zu verdrängen und weigert sich, sich mit dem Gedanken ans Sterben zu beschäftigen. Darauf folgt die Phase des Zorns und der Wut. Der Sterbende wird damit nicht fertig, dass gerade ihm dies alles passieren muss. Er hat den Eindruck, dass es niemanden interessiert, dass er bald sterben wird, sein Zorn richtet sich gegen alles und jeden. Gefolgt wird dies durch eine Phase des Verhandelns. In dieser Phase beginnt der Mensch, sich Gedanken über seinen baldigen Tod zu machen. Er schöpft noch einmal Hoffnung und verhandelt mit Ärzten oder aber auch Gott, da er davon überzeugt ist, doch noch eine Überlebenschance zu haben. Da der Sterbende nach einiger Zeit die Folgen seiner Krankheit immer stärker zu spüren bekommt, schwindet diese letzte Hoffnung und der Betroffene wird schließlich depressiv oder auch apathisch, oftmals lehnt er eine weitere Behandlung ab. Die letzte Phase ist die der Resignation. Der Erkrankte akzeptiert seinen Tod als Teil des Lebenszyklus und erklärt sich ‚einverstanden‘.

3. Die Bedeutung von Krankheit, Sterben und Tod in der Jugendliteratur

Die mit Krankheit verbundene Thematik des Sterbens und Todes trat bereits in den Warngedichten und –geschichten des 18. und 19. Jahrhunderts als eine Art Erziehungsmittel in der Kinder- und Jugendliteratur in Erscheinung.[29] Während Anfang des 19.Jahrhunderts noch offen mit dem Thema Tod umgegangen wurde, fand zum Ende des Jahrhunderts eine Tabuisierung dieser Thematik statt. Lediglich in den phantastischen Gattungen findet man sie verfremdet wieder.[30] Mit der Versachlichung des Todes und einer Pädagogisierung der Darstellung in der realistisch-didaktischen Kinder-und Jugendliteratur in den 1970er Jahren wurde auf diese Entwicklung reagiert..

„Ausgehend von der Einsicht, daß Kinder nicht in einem Vakuum leben, bemühte man sich gleichzeitig, bestehende Tabus abzubauen und gewissermaßen das nachzuholen, was Eltern und Erzieher versäumt hatten, z.B. Sexualaufklärung und die Darstellung gesellschaftlicher Probleme wie Schwierigkeiten im familiären Zusammenleben, Scheidung, Alter, Krankheit […]“[31]

Von nun an standen nicht mehr schöne, ästhetische Bücher im Vordergrund, sondern es sollten vielmehr realistischer Themen aufgegriffen werden, die die Lebenswirklichkeit aufgreifen und beschreiben. Tabus wurden überwunden und die jungen Leser mitten hinein ins ‚wirkliche Leben‘ gestellt, man „mutete ihnen [ab nun] auch die dunklen Seiten des Alltags in Familie und Gesellschaft zu.“[32] So erhielten sie die Möglichkeit, sich selbst in der Literatur wiederzufinden und für ihr eigenes Leben relevante Erfahrungen zu machen. Seitdem wird dieser schwierige, aber wichtige Themenkomplex für Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen altersgerecht in der Literatur aufbereitet. Während die Bilderbücher sich eher mit dem Begreifen des Todes an sich beschäftigen, geht die erzählende Kinder- und Jugendliteratur immer öfter auch auf die Probleme ein, die mit einer bestehenden Krankheit und/ oder dem baldigen Sterben eines Familienmitgliedes entstehen. In diesen Büchern werden Schmerz, Trauer, Einsamkeit, Angst und Verlust direkt und ungeschönt, meist aus der Sicht eines Ich-Erzählers, dargestellt.

3.1 Sick Lit - Jugendliteratur der Krankheit heute

Seit einigen Jahren sind Romane, die von Krankheit und Tod erzählen, äußerst populär in der Kinder- und Jugendliteratur. Die Krankheitsnarrative erscheinen in einem nahezu neuen Licht, Krebs scheint das neue Trendthema zu sein. So zeichnet sich etwa in den Werken von John Green, Jenny Downham und Sally Nichols ein neuer, schonungsloser, mit Leichtigkeit versehener Umgang mit einer Krebserkrankung ab. Für dieses neue Genre der Jugendliteratur hat sich mittlerweile der Begriff der sogenannten Sick Lit[33] etabliert. Dabei handelt es sich um Romane „in denen grausamer gelitten und gestorben wird als in jedem Egoshooter“[34] und die im völligen Kontrast zur sogenannten Chick Lit, also Büchern wie zum Beispiel Bridget Jones, stehen.[35]

„Geschildert werden in dieser neuen Gattung Krankheit und Tod eines Protagonisten, meist aus der Innenperspektive, und die Frage, was vom Leben bleibt, wenn seine Endlichkeit jederzeit zu spüren ist, spielt die beherrschende Rolle.“[36]

Wie gehen die Betroffenen mit ihrer Situation um und wie lässt sich ein solcher Zustand für die Angehörigen ertragen? Dies sind Fragen, mit denen sich die Romane befassen und welche deren Reiz ausmachen. Oft wird dargestellt, wie sehr die Sterbenden „unter der Fürsorge ihrer Umgebung leiden, unter deren Sorgen, deren Angst vor dem Unvermeidlichen, deren verzweifeltem Wunsch nach noch ein paar Tagen mehr“.[37] Der Leser wird daran erinnert, dass das Leben etwas Kostbares ist und man nie genau weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt.[38] Jedoch ist die Sick Lit erstaunlich arm an Schilderungen der alltäglichen Schmerzen, vielleicht deshalb, weil die Erkrankten gelernt haben, diesen Part ihrer Krankheit nicht mit ihrem Umfeld zu teilen. „Krebsbücher sind doof“[39], so Hazel in Das Schicksal ist ein mieser Verräter und natürlich soll das Buch, das von ihr erzählt eben keines sein.

„Doch genau diese demonstrative Abkehr von der vermeintlich klassischen Behandlung des Themas, die Suche nach der Dimension der Krankheit jenseits von Schmerz und Tod, ist längst prägend für die Krebsbücher von heute geworden.“[40]

4. Darstellung von Krankheit in der aktuellen Jugendliteratur am Beispiel von Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Bevor ich sterbe und Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt

Doch wie kann und wird all dies, der Umgang mit einer tödlichen Krankheit und dem bevorstehenden Sterben und allem was an Entwicklungsphasen und Bewältigungsstrategien dazu gehört in der Jugendliteratur dargestellt? Um dies zu klären, sollen im Folgenden Fragen wie „Wie wird die Beziehung der handelnden Personen zum Sterbenden dargestellt?“, „Wie ist das Eltern-Kind-Verhältnis?“, „Wodurch ist die allgemeine häusliche Atmosphäre gekennzeichnet?“, „Welche Rolle spielen außerfamiliäre Bezugspersonen , „Wie wird das Sterben geschildert?“ und „Wie ist die Grundtendenz des Buches?“ geklärt werden. Dies geschieht, indem zuerst der Umgang mit der Krankheit der jeweils betroffenen Kinder und Jugendlichen in den genannten Büchern und anschließend der des Umfeldes betrachtet werden.

4.1 Umgang mit der Krankheit: Die Betroffenen

In jedem der drei, für diese Arbeit betrachteten, Jugendbüchern stehen jeweils Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt, die unheilbar an Krebs erkrankt sind. Alle gehen sie unterschiedlich mit ihrer Situation und dem Bewusstsein ihres baldigen Todes um.

Alle drei Romane sind aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, in diesen Fällen aus der, des erkrankten Kindes beziehungsweise Jugendlichen, geschrieben. Der Leser weiß immer genau so viel, wie die Protagonisten und ihm wird eine gewisse Nähe zum Erzähler ermöglicht. Ebenso wird er mit Gedanken und Gefühlen der Hauptpersonen konfrontiert und muss diese gemeinsam mit ihnen durchstehen.

John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter ist eine Art Rückblende Hazels auf ihre gemeinsame Zeit mit Gus. Sie beginnt am Tag ihres ersten Aufeinandertreffens und endet einige Zeit nach seinem Tod. Die Ereignisse, die in diesem Zeitraum stattfinden, werden in chronologischer Reihenfolge erzählt. Jedes dieser Ereignisse wird in einem eigenen Kapitel dargestellt, so dass es für den Leser immer nur einen Handlungsstrang zu verfolgen gilt. Der Roman erzählt die Geschichte eines Mädchens, die irgendwo auf der Welt so stattgefunden haben oder gerade stattfinden könnte. Fantastische Elemente sind nicht enthalten, sie spielt in einer eindimensionalen Welt, die der heutigen Realität entspricht.

Ebenso verhält es sich mit Bevor ich sterbe von Jenny Downham. Tessa schildert ihre Geschichte, ihr Leben mit der Krankheit Krebs, beginnend vier Jahre nach der Diagnose, über ihre letzten Monate hin bis zu ihrem Tod. Den Rahmen dafür bildet eine Liste mit zehn Wünschen, die sie sich noch erfüllen möchte. Anders als in anderen Büchern dieser Art, wird diese Liste jedoch nicht vorangestellt, sondern der Leser erfährt erst, was darauf steht, wenn es bereits in die Tat umgesetzt wird.

Sally Nicholls Roman Wie man unsterblich wird. Jede Minute zählt wird von dem Ich-Erzähler Sam, als dessen Lehrerin die Aufgabe stellt, etwas über sich selbst zu schreiben, verfasst.

„Mein Name ist Sam. Ich bin elf Jahre alt. Ich sammle Geschichten und interessante Tatsachen. Ich habe Leukämie. Wenn du das hier liest, bin ich vermutlich tot.“[41]

So lässt Sam sein Buch beginnen. Es ist eine Sammlung aus Tagebuchtexten, Listen und „Fragen, die niemand beantwortet“.[42]

Auch wenn die Protagonisten krebskranke, zum Sterben verurteilte Jugendliche beziehungsweise Kinder sind, stehen nicht nur der Krebs und seine „Kollateralschäden“[43] im Vordergrund der Geschichten, sondern auch die Beziehungen zwischen den Erkrankten und ihrem Umfeld, der allgemeine Umgang mit der Krankheit und das Thema Freundschaft.

Eine Gemeinsamkeit von Hazel, Tess und Sam ist, dass sie alles drei unheilbar an Krebs erkrankt sind. Eine andere, dass sie über ihre Krankheit und deren Konsequenzen Bescheid wissen. Der Unterschied besteht in ihrem Umgang mit diesem Wissen.

Alle drei gehen sie nicht mehr zu Schule, jedoch bekommt Sam gemeinsam mit seinem, ebenfalls an Krebs erkrankten, Freund Felix Unterricht zu Hause und Hazel besucht einzelne Kurse auf dem College. Einzig Tess weigert sich weiterhin die Schule zu besuchen, da sie „keinen Bock auf Schaulistige [hat], die [sie] kennenlernen wollen, um bei [ihrer] Beerdigung Mitleid zu ernten“.[44] Sie hat keine Angst vor dem Kontaktverlust zu Gleichaltrigen, sondern möchte den Kontakt sogar lieber vermeiden. Einzig mit ihrer besten Freundin Zoey trifft sie sich weiterhin, im Laufe des Romans dann noch mit dem Nachbarsjungen Adam, in den sie sich unsterblich verliebt. Auch Hazel hat nicht viel Kontakt zu Altersgenossen. Im College hat sie mit niemanden wirklich was zu tun und hin und wieder trifft sie sich mit ihrer alten Schulfreundin Kaitlyn. Sie sagt selbst, dass ihre Eltern ihre besten Freunde sind und ihr drittbester Freund ein Schriftsteller, der nicht einmal ahnt, dass sie existiert.[45] Sie lässt sich jedoch von ihrer Mutter dazu überreden in eine Selbsthilfegruppe für an Krebs erkrankte Jugendliche, die sich „in verschiedenen Stadien des tumorbedingten Unwohlseins“[46] befinden, zu gehen. Die Gruppe besteht „aus einer wechselnden Besetzung von Jugendlichen“[47] unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Diagnosen und trifft sich regelmäßig im „kreuzförmigen Keller einer backsteingemauerten Episkopalkirche“.[48] Zu Beginn jeden Treffens stellt sich jeder Teilnehmer mit Namen, Alter und Diagnose vor und sagt kurz, wie es ihm momentan geht. Danach kann jeder sprechen worüber er möchte und sich mit den anderen austauschen. Am Ende wird eine Liste mit den Namen der bisher verstorbenen vorgelesen. Hazel hält sich aus diesen Gesprächen raus. Ihr einziger „Lichtblick“[49] in der Selbsthilfegruppe ist ein Junge namens Isaac, mit dem sie sich jedoch ausschließlich durch Seufzen verständigt. Sie geht nicht gerne zu der Gruppe und würde ihre Zeit lieber zu Hause vor dem Fernseher verbringen. Jedoch geht sie ihren Eltern zu liebe weiterhin dort hin, denn „es gibt nur eins auf der Welt, das ätzender ist, als mit sechzehn an Krebs zu sterben, und das ist, ein Kind zu haben, das an Krebs stirbt“.[50] Hazel spricht nicht viel und gerne über ihre Krankheit und genießt es, auch mal für sich alleine zu sein. Sie spürt durch die lange Zeit, die sie schon nicht mehr zur Schule geht eine „unüberbrückbare Distanz“[51] zu ihren Altersgenossen und ehemaligen Freunden, die ihr weder helfen, noch sie wirklich verstehen können. Richtig verstanden fühlt sie sich in ihrer Situation nur von dem Autor ihres Lieblingsbuches, Peter van Houten, der, wie sie sagt, der einzige Mensch ist, der versteht wie es sich anfühlt zu sterben, ohne gestorben zu sein.[52]

Auch Sam hat nicht viel Kontakt zu Gleichaltrigen. Er wird gemeinsam mit seinem Freund Felix zu Hause unterrichtet, was ihm im Gegensatz zu Felix viel Spaß bereitet. Er möchte auch gar nicht mehr zur Schule gehen, wo er von den anderen Kindern angestarrt wird und auf Fragen, wie krank er denn eigentlich sei, antworten muss.[53] Seine Angst vor den Blicken und den Fragen der anderen Kinder ist größer als die Angst vor Kontaktverlusten zu Gleichaltrigen und somit ist Felix sein einziger Freund. Seinem Alter entsprechend ist Sam sehr interessiert an seiner Krankheit und möchte alles über Laborwerte und Untersuchungsergebnisse wissen. Er möchte verstehen, was mit ihm passiert und was in seinem Körper vorgeht. Er stellt sich Fragen, die seiner Meinung nach niemand beantworten kann, zum Beispiel „Woher weiss man, dass man gestorben ist?“[54] und versucht selbst Antworten darauf zu finden. Er hält seine Überlegungen fest, recherchiert viel, spekuliert, verwirft einfache Antworten und hält Ungewissheit nur schwer aus. Der Grund für sein Interesse an all diesen Dingen liegt zum einen an der, für sein Alter ganz normalen, kindlichen Neugier und zum andern daran, dass er Tatsachen mag.[55] Es stört ihn unglaublich, dass man als Kind allzu oft nur sehr schwammige Antworten von den Erwachsenen auf seine Fragen bekommt und diese das gar nicht zu bemerken scheinen. Genauso findet er, ist „dass man stirbt, […] die schwammigste Sache überhaupt“.[56] Er registriert genau, dass niemand mit ihm über dieses Thema sprechen möchte und lieber anfängt zu husten oder einfach das Thema wechselt, wenn er Fragen dazu stellt, was wohl mit daran liegt, dass „wenn reiche Onkel an zu vielen Zigaretten sterben, dann ist das den Leuten egal, aber bei Kindern ist das anders“.[57] Vielleicht eben aus diesem Grund, bekommt er nicht gerne Besuch, da er es hasst, wenn die Leute ein „Getue“ um ihn machen.[58]

Genauso geht es Tessa und deshalb erträgt sie die Fürsorge ihres alleinerziehenden Vaters oftmals nicht. Ihrer Meinung nach ist er überfordert und macht alles falsch.[59] Ständig will er wissen wo sie ist und was sie macht, will, dass sie über alles mit jemanden spricht, dass sie jeden Morgen aufsteht und was Sinnvolles tut.[60] Aber im Gegensatz zu Hazel würde Tessa niemals, auch nicht ihrem Vater zu liebe, in eine Selbsthilfegruppe gehen, wo sie auf andere in ihrer Situation treffen würde, da sie sich „zur Regel gemacht [hat], [sich] nicht auf Sterbende einzulassen“[61], nachdem sie bereits eine Freundin an Krebs verloren hat. Aber auch anderen, gesunden Leuten, ist sie nicht aufgeschlossen gegenüber. Es regt sie auf, dass sie andauernd Menschen kennen lernt, die alles über sie und ihre Krankheit erfahren wollen, aber sich ihr nie ordentlich vorstellen.[62] Und auch wie ihre Freundin Zoey sie manchmal bemitleidet kann sie nicht leiden.[63] Dies tut sie von Zeit zu Zeit lieber selber, indem sie zum Beispiel ihrem Umfeld vorwirft, dass sie alle länger leben werden als sie[64], gesunden Menschen Böses wünscht[65] oder sich in ihrem Zimmer verkriecht. Tessa findet „Krebs […] bloß beschämend“[66] und fühlt sich aufgrund sichtbarer Behandlungs- und Krankheitsfolgen körperlich unattraktiv und hässlich. Ihre Finger sind nur noch Haut und Knochen, ihre Haut ist praktisch durchsichtig[67] und trocken „wie die von einer Eidechse“[68], ihre Arme sind voller Nadeleinstichlöcher und ihre Haare sind kurz, da frisch nachgewachsen.[69]

[...]


[1] http://www.kinderkrebsregister.de/fileadmin/kliniken/dkkr/pdf/jb/jb2012/jb2012_final_s.pdf

[2] www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/weitere-tumorarten/krebs-bei-kindern.php

[3] vgl. Sitzmann, C.(Hrsg.) Pädiatrie. Stuttgart: Thieme, 2002:484-486

[4] Spruck, E.: Die Pflege des Krebskranken Kindes. Baunatal: BVS, 1996:54

[5] Vgl. Cramer, B.: Tut sterben weh?, in: Arbeitskreis für Jugendliteratur e.V (JuLit): Tod und Trauer in der Kinder- und Jugendliteratur, Band 1, München, 2009:6

[6] Vgl. Dreßing, G.: Zwischen Bibel und Bilderbuch. Röhrig Universitätsverlag, 2004:255

[7] Green, J.: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Augsburg: Verlagsgruppe Weltbild, 2012

[8] Downham, J.: Bevor ich sterbe. München: cbt Verlag, 2010

[9] Nicholls, S.: Wie man unsterblich wird- Jede Minute zählt. München: dtv, 2013

[10] Pschyrembel, W.: Pschychrembel. Klinisches Wörterbuch. Berlin: De Gruyter, 2002: 1665

[11] Vgl. Hopp, M.: Kinder fragen nach dem Tod. Kindliche Todesvorstellungen, Trauerreaktionen und religiöse Trostbilder. In: kjl&m 4, 2010: 4

[12] Vgl. Spiecker-Verscharen, I., 1982: 9f

[13] Vgl. Hopp, M., 2010: 5

[14] Spiecker-Verscharen, I., 1982: 15

[15] Ebd.

[16] Vgl. ebd. S.16

[17] Vgl. Hopp, M., 2010: 6

[18] Spiecker-Verscharen, I., 1982: 16

[19] Vgl. ebd. S.18

[20] Ebd.

[21] Ebd. S.19

[22] Vgl. Leist, M.: Kinder begegnen dem Tod, Freiburg: Herder, 1979: 103

[23] Vgl.ebd.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Spruck, E., 1996: 72-75

[26] Spruck, E., 1996:76ff

[27] Vgl. ebd. S.79

[28] Vgl. Kübler-Ross, E.: Kinder und Tod. München: Droemer Knaur, 2011: 85

[29] Vgl. O’Sullivan, E.: Kinderliterarische Komparatistik. Heidelberg: Universitätsverlag C.Winter, 2000:71

[30] Vgl.ebd., S. 72

[31] Spiecker-Verscharen, I.: Kindheit und Tod: Die Konfrontation mit dem Tod in der modernen Kinderliteratur. Frankfurt/Main: Haag und Herchen, 1982: 56

[32] Schikosky, I.: Kinder- und Jugendliteratur. Köln: Dumont, 2003: 156

[33] Praschl, P.: Das Hotteste vom Hotten ist jetzt Krebs, Feuilleton in: Die Welt vom 01.07.2014

[34] Ebd.

[35] Vgl. Spreckelsen, T.: Krankheit und Tod als Lieblingsthema, Feuilleton in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.07.2014

[36] Ebd.

[37] Ebd.

[38] Vgl. Praschl, P., 01.07.2014

[39] Green, J., 2012:49

[40] Spreckelsen, T., 04.07.2014

[41] Nicholls, S., 2013:12

[42] Ebd. S.21

[43] Green, J., 2012:95

[44] Downham, J.,2010: 48

[45] Vgl. Green, J., 2012: 17

[46] Ebd. S.9

[47] Ebd.

[48] Ebd. S.9f

[49] Ebd. S.11

[50] Green, J.: 2012:13

[51] Ebd. S. 46

[52] Vgl. Ebd. S.18

[53] Vgl. Nicholls, S., 2013: 37

[54] Nicholls, S., 2013:22

[55] Vgl. ebd. S.16

[56] Ebd. S.16

[57] Ebd. S.44

[58] Ebd. S.26

[59] Vgl. Downham, J., 2010:106

[60] Vgl. ebd. S.45

[61] Ebd. S.55

[62] Vgl. Downham, J., 2012:107

[63] Vgl. ebd. S.11

[64] Vgl. ebd. S.161

[65] Vgl. ebd. S. 121

[66] Ebd. S.109

[67] Vgl. ebd. S.11

[68] Ebd. S.20

[69] Vgl. ebd. S.13

Details

Seiten
40
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668540866
ISBN (Buch)
9783668540873
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375726
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,8
Schlagworte
darstellung krankheit

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Titel: Die Darstellung von Krankheit in der aktuellen Jugendliteratur