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Das Herr-Knecht-Verhältnis aus Hegels "Phänomenologie des Geistes" bei Jean-Paul Sartre

Hausarbeit 2014 11 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Das Selbstbewusstsein: das ´Herr und Knecht´- Bild bei Hegel

2. Sartre und Hegel

3. Äußerungen zu Sartre-Hegel

Literatur

1. Das Selbstbewusstsein: das ´Herr und Knecht´- Bild bei Hegel

„Der Herr ist … für sich seyendes Bewusstseyn, welches durch ein anderes Bewusstseyn mit sich vermittelt wird, … (…) … bezieht sich der Herr mittelbar durch den Knecht auf das Ding; der Knecht bezieht sich, als Selbstbewusstseyn überhaupt, auf das Ding auch negativ und hebt es auf; (…) Dem Herrn dagegen wird durch diese Vermittlung die unmittelbare Beziehung als die reine Negation desselben oder der Genuss; was der Begierde nicht gelang, gelingt ihm, damit fertig zu werden und im Genusse sich zu befriedigen. (…) die Seite der Selbstständigkeit aber überlässt er dem Knechte, der es bearbeitet. (…) „Die Wahrheit des selbstständigen Bewusstseyns ist demnach das knechtische Bewusstseyn.“[1]

Es geht um den Vorgang der Verdoppelung des Selbstbewusstseins innerhalb eines Menschen (auch wenn das Beispiel vom Herrn und dem Knecht selbst verschiedenst interpretiert werden kann, siehe Kojeve). Das eine von ihnen, der ´Herr´, „weiß um sich selbst“, ist der Wille, sich als reines Für-sich-sein zu behaupten, ohne sich durch Dinge bestimmen zu lassen; das andere, der ´Knecht´, verliert sich an die gegenständliche Welt, formt sie, und erkennt damit seine eigenen Endlichkeit.

Es läuft ein ´Kampf auf Leben und Tod´, wie die Kapitelüberschrift lautet. Zugleich sind beide Akteure nicht voneinander zu trennen und erreichen die gegenseitige Anerkennung – um die es bei Hegel letztendlich ging und die auch für Sartre ein zentrales Problem darstellte, das sich durch sein ganzes Werk zog.

Der Herr hat den Knecht an der Kette, er hat den Kampf vorerst für sich entschieden. Seine Beziehung zum Ding, zur gegenständlichen Welt, kann aber nur durch den Knecht hergestellt werden, der für ihn arbeitet. Das Ding wird durch die Arbeit verändert, es ist von daher von der Handlung des Knechts abhängig, der es aber in seiner Abhängigkeit vom Herrn diesem zum ´Genusse´ reicht.

Daraus ergibt sich die Anerkennung des Herrn „durch ein anderes Bewusstseyn“, durch fremde Arbeit und durch eigenen Genuss, der sich daraus ergibt.

Der Herr verliert aber damit genau das, was ihn ausmacht als Für-sich-sein, nämlich seine Selbstständigkeit. Der Herr ist vom Knecht abhängig, sein Für-sich-sein wird zum Für-den-Knecht-sein, der damit an diesem Für-sich-sein teilhat. Damit ist auch der Gedanke ausgesprochen, dass die Arbeit nicht nur den zu bearbeitenden Gegenstand, sondern auch den Menschen, der ihn bearbeitet, ändert. Der Knecht wird sich bewusst, dass er selbst es ist, von dem der Herr abhängig ist, denn er kann auch ohne ihn existieren. Das ehemals knechtische Bewusstsein kommt durch sein Sich-finden im Anderen zu sich selbst, entwickelt Selbstbewusstsein.

„Die Wahrheit des selbstständigen Bewustseyns ist demnach das knechtische Bewusstseyn.“[2]

2. Sartre und Hegel

Die philosophischen Ausgangspunkte des Existentialismus von Jean-Paul Sartre sind nicht nur Descartes und Husserl, sondern auch Hegel.

In seinem Buch ´Das Sein und das Nichts´ von 1943, Untertitel: ´Versuch einer phänomenologischen Ontologie´, folgt auf die Behandlung der Themen Sein und Nichts, sowie ´Das Für-sich´ der Teil ´Das Für-andere´ (Dritter Teil), in dem es um die „Fremdexistenz“ geht und den „Seinszusammenhang mit dem Sein Anderer“. Hier bringt Sartre das Herr-Knecht-Beispiel im Zusammenhang mit seiner Überlegung zum Solipsismus.[3]

Die Frage ist folgende: Wie können wir zweifelsfrei wissen, dass andere menschliche Wesen existieren, ausgehend von uns als Subjekt? Das einfache ´Erkennen´ wird von Sartre nicht akzeptiert, denn für das Funktionieren einer Erkenntnistheorie wird die von uns unabhängig existierende Umwelt vorausgesetzt, in der die einzelnen Personen (Subjekte) nicht anders zueinander stehen als wie raum-zeitlich existierende Gegenstände, also in einer an-sich-seienden Beziehung. Dieses Verhältnis der ´Exteriorität´ zu den Anderen entspräche einem Verhältnis „zweier getrennter Substanzen“. Es gibt keine Auskunft darüber, ob es sich um ´Andere´ handelt, die als solche Einfluss auf mich nehmen können, in Sartre´s Terminologie: von denen ich ´affiziert´ werden kann. Dieser Effekt der ´Affizierung´ ist bei Dingen natürlich nicht möglich, er ist anderen Personen vorbehalten.

Die Vorschläge zur Problemlösung – wie kann der Solipsismus oder „das realistische Alltagsverständnis“[4] in Bezug auf die Existenz des anderen Ich überwunden werden - von Seiten ´Husserl, Hegel und Heidegger´ ist ein eigenes Kapitel, das dritte, mit diesem Titel gewidmet. Hegel[5], der als zweiter Philosoph behandelt wird, schneidet bei Sartre in dieser Hinsicht besser ab als Husserl, der Philosoph der Phänomenologie.

Gerade mit dem ´Herr-Knecht-Beispiel´ in seiner Phänomenologie hat Hegel bereits die Exteriorität der Beziehungen zwischen den einzelnen Personen überwunden. Der ´Herr´ ist tatsächlich vom ´Knecht´ abhängig, denn nur über ihn ist die Beziehung zur Außenwelt, zu den Dingen, möglich, also nur über ihn kann der ´Herr´ sich seines eigenen Für-sich-seins gewiss sein. Der Knecht ist also die Wahrheit des Herrn[6].

Wenn es im Text von Hegel ja eigentlich um das Selbstbewusstsein und dessen Verdoppelung zu den beiden entgegengesetzten Figuren ´Herr´ und ´Knecht´ geht, nimmt Sartre dieses Bild und das Konzept, das sich damit ausdrücken soll, auf und weitet es auf die Problematik der Intersubjektivität aus. Diese Abhängigkeitsformen werden im Innern gespürt, sie sind präsent, es gibt keinen Zweifel daran - sie sind daher für Sartre ein überzeugender Beweis für die Existenz des anderen, der über die Erkenntnistheorie weit hinausgeht[7].

Das Kernstück der Überlegung ist also die Interpretation des Herr-Knecht-Bildes von Hegel als Affirmation dafür, dass der Andere unentbehrlich ist „für die Existenz meines Bewusstseins selbst als Selbstbewusstsein“[8].

Das Für-sich-dasein ist sich seiner sicher, das wäre das ´Cogito´ von Descartes, „aber diese Gewissheit enthält noch keine Wahrheit“, wie Sartre es ausdrückt. Diese Wahrheit bedeutet, „äußerlich gültig“ zu werden, „sich selbst als Objekt hervorzubringen“. Dieses Objekt ist der ´Knecht´ in der Verdoppelung des Selbstbewusstseins, das ja eigentlich erst das wahre Selbstbewusstsein hervorbringt. Über ihn, über seine Existenz, bin ich sicher. Der Herr ist in dieser Dialektik sein eigener Knecht.

Aber der ´Knecht´ ist nicht nur der andere Part meines gefestigten Selbstbewusstseins, nämlich ich selbst als Objekt, über ihn erkenne ich die anderen „Selbstbewusstseinsindividuen“ wieder.

„Der Andere erscheint mit mir zusammen, da ja das Selbstbewusstsein durch den Ausschluss jedes Anderen mit sich selbst identisch ist.“ Das andere Selbstbewusstsein kann als solches erkannt werden, zugleich schließe ich es aus, denn Ich bin Ich und nichts und niemand anderes. „Er ist das, was anders ist als ich.“ Ebenso werde ich natürlich vom anderen Ich ausgeschlossen.

Jetzt kommt der Sprung zurück zum ´Cogito´. Es ist in Wirklichkeit nicht als Ausgangspunkt der Überlegung über das Verhältnis bzw. die Existenz von mir und dem andern möglich: Denn das ´Cogito´ selbst kann nicht meine Individualität sichtbar machen, diese wird mir erst klar durch die Anerkennung des Anderen. „Der Weg zur Innenweltlichkeit geht durch den Anderen.“

Diese Anerkennung wird bei Sartre im nächsten Kapitel von ´Sein und Nichts´ ausführlich behandelt: Es ist der ´Blick´.

In anderen Worten: Mein reines Für-sich-Bewusstsein (der ´Herr´) hängt von einem anderen Bewusstsein (dem ´Knecht´) ab, mit dem ein dialektisches Verhältnis der Einheit der Gegensätze als bestimmend für mein Selbstbewusstsein eingegangen wird. Davon abgeleitet lässt sich sagen, dass mein Für-sich-sein überhaupt vom Anderen abhängt. Das heißt, es ist von seiner Anerkennung abhängig. Dies gilt reziprok auch für den Anderen, für sein Für-sich-sein.

Für jeden ist der Andere also der ´Knecht´ und er selbst ist der ´Herr´ in dem gleichen Verhältnis, in dem die beiden Teile des jeweiligen, verdoppelten Selbstbewusstseins zueinander stehen.

„Der geniale Einfall Hegels besteht also darin, mich in meinem Sein vom Anderen abhängig sein zu lassen.“[9]

[...]


[1] Hegel, Phänomenologie…, 112 ff

[2] Hegel 114

[3] SN 299-338

[4] Honneth, 140

[5] SN 316 ff

[6] SN 319

[7] Honneth 142

[8] SN 317

[9] SN 319

Details

Seiten
11
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668548053
ISBN (Buch)
9783668548060
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375682
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,0
Schlagworte
Hegel Sartre

Autor

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