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Analyse von Novalis' Gedicht "Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren"

Hausarbeit 2014 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Novalis als Dichter

3. Entstehungskontext und Überlieferung des Gedichts

4. Eine Analyse des Gedichts

5. Geschichtsphilosophie

6. Schluss

7. Anhang - Die verschiedenen Versionen des Gedichts
7.1 Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren - ursprüngliche Version
7.2 Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren - von Novalis überarbeitete Version
7.3 Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren - von Tieck überarbeitete Version

8. Literaturverzeichnis 17

1. Einleitung

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren[1] ist ein Gedicht von Novalis, das im Jahr 1802 im Kontext des zweiten Teils seines Romans Heinrich von Ofterdingen erschienen ist. Dieser Roman hat verschiedene Besonderheiten. Signifikant ist, dass er nach Novalis’ Tod publiziert wurde. Ein guter Freund von ihm, Ludwig Tieck, hatte ihn tatsächlich veröffentlicht. Das heisst, dass Novalis ihn nicht selbst zu Ende geführt hat. Tieck hat vor Novalis’ Tod viel mit ihm über das Werk gesprochen und viele Informationen dazu bekommen. Auch hat Novalis Briefe an Tieck geschrieben. Es stellt sich jetzt die Frage, ob und wie weit der Text verändert worden ist. Ende 1802 wurde die unvollständige Version des Romans publiziert, die Märchen, Gespräche aber auch Lieder enthält[2].

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren drückt eine Vorstellung von Novalis und seiner „romantischen Universalpoesie“[3], einem literaturtheoretischen Begriff aus der Frühromantik, aus und gehört zu den Materialien des zweiten Teils von Novalis’ Roman:

„[...] die Einschätzung der Gegenwart als einer verkehrten, durch Rationalität („Zahlen und Figuren“) geprägten Welt, die Entgegensetzung zwischen ironisch so genannten „Tiefgelehrten“ und denen, die „singen, oder küssen“, d.h. die Abwertung der Wissenschaften zugunsten von Kunst und Liebe, wozu auch die Auffassung gehört, in „Märchen und Gedichten“ sei die Wahrheit zu finden I...].“[4]

In diesem Zitat findet man die wichtigsten Elemente von Novalis’ Gedanken in dem analysierten Gedicht. Mit anderen Worten erklärt das Gedicht die poetologischen und geschichtsphilosophischen Auffassungen von Novalis[5]. Tatsächlich erkennt man, dass Novalis den Tiefgelehrten, also den Naturwissenschaftlern, die die Welt zu verstehen versuchen, misstraut. Um die Welt zu verstehen, muss der Mensch eher den Sängern und den Liebenden zuhören, während die Dichter der Aufklärung ihre Werke mit der Rationalität (d.h. Mathematik, Physik, Naturwissenschaft usw.) verbanden. Trotzdem soll man nicht vergessen, dass auch Novalis sich während seines Lebens für solche Domänen interessiert hat. Trotzdem distanziert Novalis sich in diesem Gedicht von den anderen Dichtern und scheint als Dichter der Erlöser dieser Welt zu sein. Wenn es nach ihm geht, sollte die Wahrheit nicht mehr in der Naturwissenschaft zu finden sein, sondern in den Wörtern der Poeten. Anders gesagt versucht Novalis die Rolle der Dichtung und die Rolle des Dichters zu zeigen. Ausserdem scheint dieses Gedicht eine Reaktion auf die Aufklärung zu sein. Es drückt die Auffassungen der Romantiker wie auch Novalis’ Standpunkt aus. Es wird übrigens häufig als „programmatisch für die Romantik“[6] genannt.

Am Anfang dieser Arbeit gehe ich auf die wichtigen Abschnitte von Novalis’ Leben ein. Ich benenne dort die Elemente, die für das Verständnis des Gedichts relevant und interessant sind. Dann beschäftige ich mich genauer mit dem Entstehungskontext sowie mit der Überlieferung des Gedichts, um es besser verstehen zu können. Später analysiere ich seine Bedeutung, und betrachte die Geschichtsphilosophie von Novalis, die direkt mit dem Gedicht verbunden ist. Am Schluss fasse ich meine Arbeit zusammen.

2. Novalis als Dichter

Novalis, eigentlich Georg Friedrich von Hardenberg, wurde am 2. Mai 1772 auf Schloss Oberwiederstedt geboren und starb am 25. März 1801 in Weissenfels[7]. Novalis studierte während der Französischen Revolution. Er war ein Dichter und Philosoph der Frühromantik, hat aber auch als Jurist sowie Geologe gearbeitet. Das heisst, dass er mit der Welt der Naturwissenschaft - vor allem der Gesteine - eng vertraut war und sich ebenfalls für Jura interessiert hat. Diese Nähe zur wissenschaftlichen Welt zeigt sich in Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Wie ich im Punkt drei erklären werde, kritisiert Novalis tatsächlich die Wissenschaftler, die seiner Meinung nach die Schlüssel zum Verständnis der Welt nicht mehr besitzen.

Obwohl er nicht Schriftsteller von Beruf war, ist er noch heute einer der bekanntesten Dichter Deutschlands. Novalis hatte eine Neigung für die schönen Wissenschaften, das heisst „der Jurisprudenz, der Geschichtsschreibung und der Philosophie, vor allem aber der Dichtung“[8]. Er änderte seinen eigentlichen Namen Friedrich von Hardenberg nach seiner ersten Publikation Blutenstaub in Novalis. Blutenstaub sind literarische Arbeiten, die in der Halbjahreszeitschrift Athenäum veröffentlicht wurden. Während seiner Schulzeit hat er schon Gedichte, Übersetzungen und kurze Essays geschrieben. Später war er an der Universität Jena als Jurastudent immatrikuliert, wo er Friedrich von Schiller traf[0]. In Leipzig belegte er dann Recht, Mathematik und Physik, jedoch interessierte er sich auch für die Philosophie. Er ging auch nach Freiberg, wo er sich in der dortigen Bergwerkakademie in den naturwissenschaftlichen Fächern verbesserte. Dort studierte er Geologie, Mineralogie, Bergbaukunde, Chemie und Mathematik[9] [10].

Während seines kurzen Lebens lernte er grosse Persönlichkeiten kennen, wie zum Beispiel Friedrich Hölderlin, Abraham Gottlob Werner, Schelling, Ritter, Ludwig Tieck und Goethe. Mit 29 Jahren starb Novalis an Tuberkulose. In seiner kurzen Schaffenszeit hat er viel geleistet, er nahm regen Anteil an der Welt der Literatur und der Wissenschaft. Auf Grund seines frühen Todes hat Novalis nur wenige seiner Werke vollenden können.

3. Entstehungskontext und Überlieferung des Gedichts

Der Entstehungskontext sowie die Überlieferung des Gedichts sind wichtige Punkte, anhand derer man das Gedicht besser verstehen kann. Nach der Französischen Revolution gab es ein grosses sozialpolitisches, sowie soziokulturelles Durcheinander in Europa, welches auch Einfluss auf den geschichtsphilosophischen Optimismus des 18. Jahrhunderts hatte. Während die Revolution in Terror ausartet, die Napoleonischen Kriege Europa verwüsten, die anbrechende Industrialisierung altvertraute Lebensformen zersetzt, wird der optimistische Glaube, der Mensch strebe einer immer höheren Vollkommenheit zu, zur Illusion.[11]

Valk meint hier, dass die Menschen sich immer nach einer besseren Zukunft sehnen werden. Zu Novalis’ Zeit hielt man die Industrialisierung für das Allheilmittel schlechthin. Dennoch schien sie trügerisch. Novalis kritisiert genau diese letztere Zukunftsvision, in der die Lösungen nur in den Naturwissenschaften gefunden werden. Er sieht etwas anderes: „Die optimistische Geschichtsauffassung, die in den Epochen der Vergangenheit nur defizitäre Durchgangsstadien auf dem Weg zur Vollendung des Menschen erblickt, weicht einem Geschichtsverständnis, das die Vergangenheit aufwertet und zum verlorenen Paradies verklärt“[12]. Novalis idealisiert also die Vergangenheit. Dieser Blickwinkel hat einen grossen Einfluss auf die Deutsche Literatur. Novalis findet die ideale Vorzeit in verschiedenen Regionen wie auch in unterschiedlichen Epochen, nämlich im christlichen Mittelalter wie in den alten Hochkulturen des Orients. Andere Schriftsteller jedoch, etwa Hölderlin oder Schiller, halten das antike Griechenland für ideal. Es gab schon damals verschiedene Ansichten, was das goldene Zeitalter war.

Das goldene Zeitalter ist ein wichtiger Begriff und repräsentiert für Novalis die ideale Vorzeit. Tatsächlich ist das goldene Zeitalter ein griechischer Mythos[13]. Nach dieser Ära folgt die Schöpfung der Menschheit, in der Unschuld, Gerechtigkeit, Glück und Harmonie herrschen. Die Menschen leben ohne Leiden in Harmonie mit den Göttern und scheinen unsterblich zu sein. Dieser Mythos symbolisiert die Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit. Realität einerseits und Idealität anderseits bewegen sich in der gleichen Sphäre. Das ersehnte Paradies lässt sich hinter dem Schleier der Oberflächenrealität erkennen. Die Menschen sind nach Novalis auf dem Weg in diese gute Zeit: „[Er] begreift den Anbruch der kommenden Menschheitsepoche als Restitution der ursprünglichen Harmonie auf einer höheren Bewusstseinsstufe“[14]. Novalis hat das Gefühl, dass diese neue Epoche noch besser wird, als die vorangegangene. Für ihn ist die Dichtung das Mittel, mit dem die Veränderung gelingen kann. Einige Menschen sind für diesen Wechsel empfänglicher als andere. Das Kind etwa, das in seiner vorreflexiven Naivität noch unschuldig ist, und natürlich die Liebenden. Aber vor allem der Dichter, der als einziger im Chaos der modernen Welt noch im Stande ist, die ursprüngliche Einheit zu erkennen[15]. Der einzige, der in dieser Ursprungsphäre ankommen könnte, ist also der Dichter. Er besitzt etwas Höheres als die anderen: Er kann die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft sichtbar machen. Valk bezeichnet den Dichter als den Erlöser, da „er einen gleichsam mystischen Zugang zum goldenen Zeitalter der Vergangenheit besitzt“[16]. Das heisst, nur der Dichter hat die Fähigkeit zur Verwandlung. Er allein kann dieses goldene Zeitalter in die aktuelle Zeit transponieren. Er erfüllt also eine ganz besondere Aufgabe: Er hat die messianische Mission, die Welt zu erlösen. Diese Funktion ist zentral in Heinrich von Ofterdingen. Der Dichter verwandelt tatsächlich die Welt durch die Macht seiner inspirierten Worte. Der Poet muss nicht nur den inneren Sinn des Menschen erwecken, sondern auch seine Konzentration auf das Seelenleben lenken. In dem analysierten Gedicht ist diese Mission des Dichters deutlich sichtbar. Er übernimmt eine zentrale Rolle in seiner Zeit.

4. Eine Analyse des Gedichts

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren 1

Sind Schlüssel aller Kreaturen Wenn die, so singen oder küssen,

Mehr als die Tiefgelehrten wissen,

Wenn sich die Welt ins freye Leben 5

Und in die Welt wird zurück begeben,

Wenn dann sich wieder Licht und Schatten Zu achter Klarheit wieder gatten,

Und man in Märchen und Gedichten

Erkennt die wahren Weltgeschichten, 10

Dann fliegt vor Einem geheimen Wort

Das ganze verkehrte Wesen fort.[17]

Um das Gedicht besser zu verstehen, ist es wichtig, die Struktur sowie den Inhalt zu analysieren. Dabei sind Schlüsselwörter bedeutend (z. B.: Zahlen, Figuren, Schlüssel, wissen, Klarheit usw.). Nach einer strukturellen Analyse werde ich Vers für Vers untersuchen, im Hinblick auf die Rolle des Dichters - implizit die Rolle von Märchen und Gedichten - sowie die Bedeutung der Singenden oder Küssenden. Dies im Gegensatz zu den Tiefgelehrten, also den Vertretern des Rationalismus. Die Opposition zwischen Licht/Dunkel oder Naturwissenschaft/Religion steht im Zentrum des Gedichts.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren wurde in zwölf jambischen vierhebigen Versen mit Paarreimen verfasst. Seine Struktur ähnelt dem „Sonnet“. Man bemerkt sofort die wenn-dann Konstruktion. Die zehn ersten Verse folgen einer weiblichen Kadenz (alle enden mit -en). Die beiden letzten Verse haben eine männliche Kadenz (beide enden mit -ort). Das Gedicht enthält auch eine Anapher, die wenn-dann Konstruktion.

Diese wenn-dann Konstruktion ist besonders wichtig, da sie nicht nur als konditionales, sondern auch als temporales Element gelesen werden kann.

[...]


[1] Novalis: die Werke Friedrich von Flardenbergs, S. 344.

[2] Siehe Uerlings, S. 177.

[3] Siehe Uerlings, S. 119.

[4] Uerlings, Flerbert: Novalis, S. 118-119.

[5] Siehe Valk: S. 76.

[6] Gräff, Thomas: Lyrik von der Romantik bis zur Jahrhundertwende, S. 41.

[7] Siehe Uerlings, S. 9.

[8] Uerlings, Herbert: Novalis, S. 20.

[9] Ebd., S. 20.

[10] Siehe Uerlings, S. 42.

[11] Siehe Valk, S. 71.

[12] Ebd., S. 72.

[13] Siehe Heftrich, S. 102.

[14] Valk, Thorsten: Der Dichter als Erlöser. Poetischer Messianismus in einem späten Gedicht des Novalis, S. 73.

[15] Siehe Valk, S. 73.

[16] Valk, Thorsten: Der Dichter als Erlöser. Poetischer Messianismus in einem späten Gedicht des Novalis, S. 73.

[17] Novalis: die Werke Friedrich von Hardenbergs, S. 344.

Details

Seiten
18
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668540736
ISBN (Buch)
9783668540743
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375346
Note
5.00
Schlagworte
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

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