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Sprachliche Kürzung im Gedicht. Analyse an ausgewählten Beispielen des Expressionismus

Examensarbeit 2014 52 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Vorbemerkungen und Zielsetzung

2. Besonderheiten des Gedichts
2.1 Tendenz zu relativer Kürze: Textkürze
2.2 Kriterien und Charakteristika
2.3 Semantische Dichte – Vieldeutigkeit des Gedichts
2.4 Syntagmatische Ereignislosigkeit - Paradigmatische Einfachbestimmung
2.5 Komprimierte Sprache - Bildsprache
2.5.1 Symbol
2.5.2 Farbsymbolik
2.5.3 Vergleich
2.5.4 Personifikation
2.5.5 Metapher
2.5.6 Metonymie
2.5.7 Reihen- und Simultanstil

3. Die Lyrik im Expressionismus
3.1 Expressionismus allgemein
3.2 Literarische und lyrische Praxis

4. Linguistische Analyse von Gedichten
4.1 Theoretische Begründung
4.2 Linguistisches Analysemodell poetischer Texte

5. Analyse ausgewählter Gedichttexte des Expressionismus
5.1 Johannes R. Becher „Mensch stehe auf“
5.1.1 Materielle Präsentation (Typographie des Textes)
5.1.2 Grammatisch-strukturelle Analyse
5.1.3 Semantische und kommunikativ-pragmatische Analyse
5.1.4 Sprach- und kulturgeschichtliche Kontextualisierung
5.2 Jakob van Hoddis „Weltende“
5.2.1 Materielle Präsentation (Typographie des Textes)
5.2.2 Grammatisch-strukturelle Analyse
5.2.3 Semantische und kommunikativ-pragmatische Analyse
5.2.4 Sprach- und kulturgeschichtliche Kontextualisierung
5.3 Literarische Gedichtinterpretation vs. Linguistische Gedichtanalyse

6. Abschließende Gedanken

Literatur

Anhang

1. Vorbemerkungen und Zielsetzung

Unsere Sprache dient uns in erster Linie zur Kommunikation und zum gegenseitigen Austausch von Informationen. Diese Kommunikation erfolgt durch die Bildung von autosemantischen und synsemantischen Sprachzeichen. „Verstehen und verstanden werden“ – gerade in einem guten und erfolgreichen Gespräch innerhalb einer Kommunikationssituation sollte dies oberste Prämisse sein. Dennoch lässt sich in unserer Sprache immer wieder eine Tendenz zur sprachlichen Kürzung erkennen, indem die Sprecher nur „so informativ wie nötig“ agieren. Es werden dann häufig Elemente, die das Sprachsystem zwar zur Verfügung stellt und die auch notwendig wären, um Informationen gut und vollständig zu übermitteln, bewusst oder unbewusst nicht gebracht oder weggelassen. Man will dadurch Zeit und Raum sparen. Und egal, ob in gesprochener oder geschriebener Sprache, der Rezipient wird durch ein Weglassen von Elementen nicht vollständig informiert und erhält durch die sprachlichen Kürzungen interpretatorischen Freiraum.

Gerade in der Lyrik ist Kürze ein Charakteristikum und sprachliche Kürzung ein Phänomen, das in Gedichten in den verschiedensten Formen auftritt und vor allem aus ästhetischen Gründen angewendet wird. Ein Gedicht ist demnach eine besonders dichte oder verdichtete Form von Aussage. Diese literarisch-ästhetische Reduktion des Auszusagenden ist daher nicht nur Charakteristikum sondern zugleich auch Mittelpunkt in den nachfolgenden Ausführungen. An keiner anderen Stelle des literarisch entworfenen Raums wird diese Verdichtung so deutlich, wie im konzentrierten, verknappten Sprechen der Poesie (Heinz, S.4).

Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Formen der sprachlichen Kürzung im Gedicht darzustellen und deren Funktionsweisen zu erläutern. In diesem Zusammenhang wird darüber hinaus eine linguistisch entziffernde Lektüre poetologischer Gedichte versucht, die sich dabei in erster Linie sprachwissenschaftlicher Analysemittel bedient.

So wird in einem ersten, theoretischen Teil der Arbeit auf die Besonderheiten von Gedichttexten allgemein eingegangen. Hierbei sollen zuerst die grundlegenden Kriterien und Charakteristika aufgezeigt werden und in einem zweiten Schritt das Prinzip der semantischen Dichte und der daraus resultierenden Vieldeutigkeit näher betrachtet werden. Schließlich werden der Verdichtungsprozess und die Kürzungsphänomene im Gedicht analysiert.

Im zweiten Teil der Arbeit wird ein kurzer Streifzug durch die Geschichte der Epoche des Expressionismus unternommen, wobei hier vor allem die wesentlichen Merkmale, Charakteristika sowie Kürzungsphänomene der expressionistischen Lyrik im Zentrum stehen. Dies ist notwendig, da in der späteren Analyse in erster Linie Gedichte dieser Epoche betrachtet und untersucht werden.

Anschließend wird in einem weiteren Teilbereich der Arbeit die Hypothese aufgestellt, dass verdichtete und konzentrierte Gedichte linguistisch, mithilfe von Methoden der klassischen Textgrammatik analysiert und dadurch ein zentrales Thema, sowie der tiefere Bedeutungsgehalt für eine Interpretation des Gedichts gefunden werden können. In diesem Zusammenhang wird ein linguistisches Analysemodell für poetische Texte vorgestellt.

Der vierte große Bereich der Arbeit stellt die Überprüfung der Hypothese dar und beschäftigt sich schließlich mit zwei konkreten, ausgewählten Beispielen von Gedichttexten des Expressionismus, anhand derer verschiedene Formen und Effekte der sprachlichen Kürzung im Gedicht unter die Lupe genommen werden. Die Gedichte werden auf sprachlicher Ebene anhand des vorliegenden Analysemodells sowohl grammatisch-strukturell als auch semantisch analysiert und schließlich kommunikativ-pragmatisch erläutert, was wiederum eine epochialtypische Kontextualisierung ermöglicht. Durch die linguistische Analyse der stark verdichteten und verkürzten Gedichte werden ein zentrales Thema und der tiefere Sinngehalt der Texte herausgefiltert und abschließend mit einer rein literarischen Interpretation verglichen, um die anfangs aufgestellte Hypothese verifizieren zu können.

Allgemein ist festzuhalten, dass in der Sprachwissenschaft nur sehr begrenzt Forschungen und Untersuchungen zur sprachlichen Kürzung in der Lyrik vorhanden sind. Aus diesem Grund werde ich für die Analyse der Gedichttexte vor allem Ergebnisse und Methoden der Literaturtheorie zur Lyrik heranziehen und in erster Linie auch eigene Methoden und Modelle entwickeln und verwenden.

2. Besonderheiten des Gedichts

Ein Gedicht ist ein Text aus der Großgattung der Lyrik, eine der drei traditionellen Großgattungen. Als solche sind Texte dieser Gattung gekennzeichnet durch eine unmittelbare Gestaltung innerseelischer Vorgänge im Dichter, sie dienen in erster Linie dem Gefühlsausdruck. Sprachlich zeigen sie Merkmale wie Rhythmus, der sich häufig am Metrum orientiert oder in Reimen zeigt. Sprachliche Kürze erscheint in Gedichten aber in mehrfacher Weise und in den verschiedensten Formen und Erscheinungen: als semantische Dichte, als komprimierte Sprache (z.B. sprachliche Bilder, Metaphern) und formal in verkürzten Sätzen oder dem beschränkten Gesamtumfang des Textes (Schmidt-Thieme, S.489). Diese Merkmale werden im Folgenden näher beschrieben und im zweiten Teil der Arbeit an einigen konkreten Beispielen deutlich gemacht.

2.1 Tendenz zu relativer Kürze: Textkürze

Die Tendenz zu einer relativen Textkürze, für die Lyrik typisch, ist ein oft genanntes und besonders zentrales Kriterium. Im Vergleich mit der durchschnittlichen Wortwahl bzw. Rezeptionsdauer eines Dramas oder eines Romans wird die Knappheit und Gedrängtheit des lyrischen Textmaterials sehr deutlich (Müller-Zettelmann, S. 73). Die Tendenz zur Kürze im Gedichttext stellt demnach ein zentrales quantitatives Merkmal dar. Neben diesem quantitativen und rein formalen Merkmal der Textkürze lässt sich die Verdichtung, Lakonisierung und Sinnkonzentration als ein weiteres Merkmal der Verkürzung im Gedichttext beobachten. Diese Besonderheit in der Lyrik bezieht sich aber in erster Linie auf den tieferen Sinngehalt des Gedichts und stellt damit kein rein quantitatives Merkmal dar. Auf diesen Punkt wird aber in Kapitel 2.3 noch näher eingegangen.

Die lyriktypische Kürze ist also eine formale Eigenschaft, die über alle Epochen hinweg als zentral gilt und die für eine große Anzahl der heute als Gedicht angesehenen Texte zukommt. Logische Konsequenz dieser Textkürze ist eine quantitative Beschränkung des zur Verfügung stehenden Wortmaterials. Der lyrische Text ist dazu gezwungen, Sinn und Bedeutung nicht mittels der Technik epischer Breite, also auf horizontaler, sondern in platzsparender Weise vor allem auf vertikaler Ebene zu vermitteln (Müller-Zettelmann, S.74). Die Textkürze bedingt im Gedicht eine Verdichtung des Sinngehalts innerhalb einer begrenzten Anzahl von sprachlichen Zeichen. So können beispielsweise Verben oder unnötige Verknüpfungen herausfallen, die wiederum eine Dereferentialisierung des lyrischen Textes mit sich bringen. Eindeutige Bezüge und Zusammenhänge fallen weg und es lassen sich keine eindeutigen Referenzketten mit Verweis- und Bezugsausdrücken bilden. Im praktischen Teil der Arbeit wird dies noch näher analysiert.

Eine zentrale Besonderheit des Gedichts ist also die Textkürze. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, ob diese relative Kürze des Gedichttextes die Wirkung auf den Rezipienten beeinflusst. Hierbei scheint es einleuchtend, dass der Rezipient bei der Lektüre nicht durch Einbrüche von Elementen der Außenwelt gestört oder unterbrochen wird und so eine gewisse Intensivierung des Leseerlebnisses zu beobachten ist. Das heißt im Umkehrschluss, dass gerade durch begrenzten zeitlichen und textuellen Raum eine sehr große Intensität der Wirkung des Gedichts auf den Rezipienten erreicht wird. Somit liegt eine weitere Ursache für die Verdichtung und Sinnkonzentration der Gedichte ebenfalls in der Textkürze, vor allem aus rezeptionsästhetischer Perspektive (Müller-Zettelmann, S.76).

2.2 Kriterien und Charakteristika

Bevor auf die Dichte und die Vieldeutigkeit des Gedichts näher eingegangen wird, muss noch geklärt werden, wie diese Kürze im lyrischen Textmaterial entsteht und welche Kriterien und Charakteristika sie beeinflussen. Lyrische Texte unterscheiden sich zunächst vor allem durch ihre strenge formale Form erheblich von der Prosa. Hier sind Verse, Versmaß, Strophenform und Reime als die klassischen poetischen Mittel hervorzuheben.

Weitere Merkmale, die dann aber vor allem zur Kürze beitragen, sind beispielsweise sprachliche Ökonomie (Prägnanz) und Subjektivität. Ein Gedicht hat trotz seiner relativen Textkürze meist einen sehr hohen Bedeutungsgehalt, sodass prägnante Formulierungen und der Verzicht von Füllwörtern und inhaltsleeren Floskeln typisch sind. Auch eine sehr subjektive Anlage des Textes durch den Autor lässt dem Leser sehr viele Freiräume für die Interpretation. Ein weiteres Merkmal, das zur Kürze des lyrischen Textes beiträgt, ist die Aufhebung geltender grammatischer Regeln. Hier spielt eine nicht alltägliche und ungewöhnliche Anordnung von Wörtern, Wortgruppen oder Sätzen und eine Abweichung von der normalen Syntax eine große Rolle. In den meisten Gedichten bedeutet diese antisyntaktische Tendenz jedoch kein chaotisches Neben- und Nacheinander, sondern die Wörter treten nach einer eigenen poetischen Regularität auf. In der Interpretation gilt es dann, diese zu ermitteln und ihre Funktion zu beschreiben (Burdorf, S.135). Dennoch lassen sich hierfür aber bei lyrischen Texten keine allgemeingültigen Regeln aufstellen.

Neben offenen Formmerkmalen können Merkmale eines Gedichts auch verborgen und damit für den Rezipienten nicht sofort ersichtlich sein. Beispielsweise kann eine bestimmte Silbenanzahl eines Verses angelegt oder bestimmte Positionen im Gedicht durch bestimmte Buchstaben festgelegt sein. Solche inneren, verborgenen Regeln tragen häufig ebenfalls zur Kürze des Textes und zur Wahl bestimmter, teils sogar antisyntaktisch angeordneter Wörter und Wortgruppen bei. Zudem sind vor allem in der neueren Lyrik eine Aufwertung und ein großer Einfluss der graphischen Gestaltung im Gedicht zu erkennen (z.B. Figurengedichte).

2.3 Semantische Dichte – Vieldeutigkeit des Gedichts

Die Semantik spielt in Gedichten eine sehr große Rolle, da die Beziehungen zwischen Ausdruck und Inhalt häufig nicht eindeutig sind. Generell werden Gedichte und ihr Sinngehalt in zahlreichen Interpretationen, literaturtheoretischen Abhandlungen und literarhistorischen Darstellungen der letzten Jahrzehnte häufig als vieldeutig, mehrdeutig, offen und unbestimmt bezeichnet (Jaumann, S.1). Hier stellt sich aber die Frage, was genau mit diesen Kennzeichnungen gemeint ist. Außerdem muss geklärt werden, ob Vieldeutigkeit in Gedichten aller Epochen zu beobachten ist oder ob sie sich nur in bestimmten Zeiten und Strömungen zeigt.

Der lyrische Text ist zunächst einmal eine besonders dichte oder verdichtete Form von Aussage. Der Autor erstrebt hier, durch ein Minimum an sprachlichen Zeichen ein Maximum an Mitteilung. Der sprachliche Prozess der Verdichtung erfolgt also durch das Weglassen von Verben oder unnötigen Verknüpfungen im Gedicht. Dadurch sind keine eindeutigen Referenzen im Text nachweisbar und die Aussage und der Sinngehalt werden verschoben und verschlüsselt wiedergegeben. Häufig werden auch bewusst Mittel, wie Polysemie angewendet, um den Sinn zu verschieben oder zu verschlüsseln. Vieldeutigkeit entsteht im Gedicht oft auf der semantischen Ebene und zwar dann, wenn der Text oder ein Teil dessen, eine begrenzte Anzahl voneinander abhebbarer, genau beschreibbarer Bedeutungen aufweist. Mehrdeutigkeit oder Polysemie zeigt sich beispielsweise bei einem Einzelwort wie Strauß, das ein Blumengebinde, einen Vogel oder in gehobener Sprache einen Streit bezeichnet.

Vieldeutigkeit kann aber auch syntaktisch begründet sein, beispielsweise wenn ein Personalpronomen kein eindeutiges Bezugswort hat, sondern auf mehrere Nomina beziehbar ist (Burdorf, S.159).

Ein Verständnis dieses Verdichtungsprozesses auf der Autorenseite ist hilfreich, denn der Rezipient auf der anderen Seite interpretiert, indem er diesen Prozess des Verdichtens umkehrt, die verdichtete Form in einer interpretierenden Paraphrase quasi wieder auf eine normalsprachliche Ebene bringt. Je höher der Grad der Verdichtung, desto schwieriger gestaltet sich diese Aufgabe für den Leser. Einen Gedichttext zu verstehen, ist somit ein Prozess, der im Hintergrund immer drei Komponenten beinhaltet: den Autor, der etwas in Worte fasst und seine umfangreiche, tiefsinnigere Aussage mit möglichst wenigen sprachlichen Zeichen im Gedicht „verdichtet“ wiedergibt, den Text als versprachlichte aber verschlüsselte Intention des Autors und den Leser, der diesen rezipiert. Der Leser rezipiert den Gedichttext und versucht auf Basis der Textvorgabe und seiner eigenen Erfahrungswelt den Text zu verstehen und zu interpretieren, also den Sinngehalt des verdichteten und dadurch schwer zu verstehenden Textes zu ergründen (Jaumann, S.1). Der Gedichttext stellt demzufolge die „Kurzform“ dar, während die Interpretation des Lesers, der die verdichtete Aussage des lyrischen Textes wieder auf eine normalsprachliche Ebene bringt, sozusagen die „Vollform“ des Gedichttextes ist.

Hierin ist auch die Legitimation der Literatur- und Sprachwissenschaft begründet. Die Wissenschaft beharrt darauf, die Vieldeutigkeit literarischer und vor allem lyrischer Texte als Herausforderung für eine Analyse und Interpretation anzusehen, dass literarische Texte als eindeutig gelesen werden, wo sie eindeutig sind, dass man sich Stellen hell macht, die einem dunkel erscheinen und dass gedeutet wird, was rätselhaft ist. Die wissenschaftliche Analyse verdichteter, verschlüsselter und hermetisch abgeriegelter Lyrik sucht daher stets, auch unter schwierigsten Bedingungen, nach einer kohärenten Lösung (Burdorf, S.161).

Das folgende Schema veranschaulicht den Prozess des Verdichtens innerhalb der Dreiecksbeziehung zwischen Autor, Text und Leser nochmals:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Der Verdichtungsprozess im Gedicht

Das Gedicht kann demnach als eine grundsätzlich mehrdeutige Botschaft angesehen werden, als Mehrheit von Signifikaten (Bedeutungen), die in einem Signifikanten (Bedeutungsträger) enthalten sind (Burdorf, S. 156). Ein so verstandener Text hat zwar eine materielle Form, eine sprachliche Struktur, aber die Vielfalt seiner Bedeutungen bleibt auf der Textebene zunächst unbestimmt und wird erst in der Rezeption realisiert. Er weist demzufolge Leerstellen auf, die durch die Vorstellungen und Assoziationen des Lesers besetzt werden müssen. Diese Eigenschaften der Vieldeutigkeit kommen Umberto Eco zufolge grundsätzlich allen schriftlichen Kunstwerken zu, sie werden aber erst in der Moderne systematisch angestrebt (Vgl. 3.2 Lyrische Praxis: „Wortkunst“-Theorie des Expressionismus). Zudem weisen zwar sämtliche schriftliche Kunstwerke Leerstellen und Mehrdeutigkeit auf, wobei in semantisch-pragmatischen Texten einer alltäglichen und verständlichen Sprache sich diese häufig zugunsten einer einzigen sinnvollen Bedeutung auflösen. In poetischen Texten dagegen werden sie gezielt in der Schwebe gelassen, oder anders ausgedrückt: Vieldeutigkeit, in pragmatischen Texten der Alltagssprache als unzulässige Schärfe angesehen, wird in poetischen Texten meist systematisch benutzt (Burdorf, S.159).

Abschließend muss noch gesagt werden, dass Vieldeutigkeit zwar in einem großen Teil der Lyrik und vor allem in der Lyrik des 20. Jahrhunderts festzustellen ist, sich keineswegs aber in allen Gedichten findet. Es wäre daher ein Fehler, bei jedem lyrischen Text um jeden Preis nach einer Bedeutungsvielfalt zu forschen oder sogar Eindeutigkeit im Gedicht zum Kriterium mangelnder poetischer Qualität zu erheben (Burdorf, S.161). So finden sich in der Lyrik beispielsweise auch Gedichte, deren Schlichtheit und Eindeutigkeit der Aussage der Leser sofort augenscheinlich wahrnehmen kann:

In der Nähe

schreibt man vielleicht nicht Gedichte

Man streckt die Hand aus

sucht

streichelt

man hört zu

und man schmiegt sich an

Aber das unbeschreibliche

Immergrößerwerden der Liebe

von dem ich schreibe

das erlebt man

bei Tag und bei Nacht

auch in der Nähe.

(Erich Fried: In der Ferne)

2.4 Syntagmatische Ereignislosigkeit - Paradigmatische Einfachbestimmung

Ein Kennzeichen lyrischer Texte ist es, die dargestellten Sachverhalte nur mit dem Allernotwendigsten auszufüllen. Bei der Betrachtung lyriktypischer Phänomene kann man zwischen einer syntagmatischen und einer paradigmatischen Kürzung und Verknappung des Dargestellten unterscheiden.

Vergleicht man die Lyrik mit der Epik, so erzeugt beispielsweise der traditionelle Roman eine Ereignishaftigkeit, indem zahlreiche mehr oder weniger spektakuläre, Spannung und Interesse erregende äußere Vorkommnisse dargestellt werden. Die Lyrik kann aufgrund der tendenziellen Kürze nicht im gleichen Maße wie der erzählende Text Ereignisketten erzeugen, weshalb die Zahl der Zustandsänderungen häufig auf einige wenige beschränkt ist. Es wird demnach keine dynamische, aktionshafte und fortschreitende Handlung, die breit erzählt wird, präsentiert (Müller-Zettelmann, S.81). Stattdessen werden im lyrischen Text häufig nur statische Eindrücke beschrieben. Aus diesem Grund kann man im Gedicht auf der syntagmatischen Ebene von einer tendenziellen Ereignislosigkeit sprechen. Allerdings muss man bedenken, dass dies nur eine häufig auftretende Tendenz ist und nicht als gattungscharakterisierendes Spezifikum anzusehen ist, da es teils auch in der Lyrik nicht an aktionshaften äußeren Handlungen fehlt (Müller-Zettelmann, S.82).

Auch bei der Analyse paradigmatisch angesiedelter Verknappung bietet sich ein kurzer Vergleich mit Merkmalen narrativer Texte an. Der Roman beispielweise erzeugt seine fiktive Welt, indem er eine Fülle an lebensweltlichen Details bietet, die oft weit über das verständnissichernde Benennen hinausgehen und für die Handlung eher unwichtig sind. Diese Mehrfachbestimmung und –beschreibung im Roman soll dem Leser zu einer plastischen Vorstellung der dargestellten Objekte und Sachverhalte verhelfen. Die Lyrik dagegen neigt zur Einfachbestimmung. Es wird häufig nur ein Objekt bzw. eine äußerst geringe Menge an Gegenständlichkeiten genannt, die dann vom Leser nach Möglichkeit zu einer fiktiven Welt vervollständigt werden müssen (Müller-Zettelmann, S.83).

2.5 Komprimierte Sprache - Bildsprache

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, mit sprachlichen Mitteln Bilder zu erzeugen, die den Text sehr anschaulich wirken lassen. Gerade im lyrischen Text kommen solche Bilder häufig zur Anwendung und Wörter werden dann in einem übertragenen, bildlichen Sinn gebraucht. Durch eine starke Bildsprache im Gedicht wird versucht, etwas eindringlich, anschaulich und unmittelbar darzustellen. Es bedarf keiner langen, detaillierten Schilderung eines Sachverhaltes, stattdessen werden Bilder verwendet, um kurze, prägnante und anschauliche Aussagen zu machen, denn ein Bild sagt häufig mehr als 1000 Worte. Somit trägt auch die Bildsprache im Gedicht zu einer sprachlichen Kürzung bei. Dennoch wird dadurch aber wiederum die Aussage des Textes verdichtet und häufig geht durch nicht eindeutige Bilder der semantisch-logische Zusammenhang verloren. Einige Beispiele sprachlicher Bilder in Gedichten, die Kürze erzeugen, werden im Folgenden aufgezeigt.

2.5.1 Symbol

Ein Symbol ist ein sprachliches, bildhaftes und anschauliches Zeichen, das einen tieferen Sinn andeutet. Es sind Zeichen, deren Beziehung zum Begriff oder Vorgang weder auf einem Folge- noch auf einem Ähnlichkeitsverhältnis beruht und häufig ohne erkennbaren Zusammenhang zu diesem sind. Ein Symbol geht dabei aus einem Akt gesteigerten Sehens hervor, das Analogien entdeckt und ist Produkt einer Spannung beim Aufeinandertreffen zweier verschiedener Seinsebenen, die gewisse punktuelle Überschneidungen aufweisen. An dieser kleinen Nahtstelle entsteht das Symbol, das eine Mittlerrolle zwischen den beiden Bereichen einnimmt und den Gegensatz zwischen Diesseits und Jenseits, Sinnlichem und Geistigem aufhebt (Späth, S.69). In diesem Verständnis eines Symbols trägt es auch wesentlich zur sprachlichen Kürzung in Gedichten bei, da ein symbolischer Begriff des Diesseits häufig auf sinnliche, nicht unmittelbar wahrnehmbare und jenseitige Vorstellungen referiert. Demnach kann der Dichter diese umfangreichen, häufig auch schwer greifbaren Bedeutungen sehr anschaulich, aber stark verkürzt darstellen.

In den folgenden Versen zeigt sich eine sehr starke symbolische Gedichtsprache:

Unter verschnittenen Weiden, wo braune Kinder spielen

Und Blätter treiben, tönen Trompeten. Ein Kirchhofsschauer.

Fahnen von Scharlach stürzen durch des Ahorns Trauer,

Reiter entlang an Roggenfeldern, leeren Mühlen.

(Georg Trakl: Trompeten, V.1-4)

Der Auszug aus dem Gedicht „Trompeten“ von Georg Trakl scheint eine einzige Ansammlung von Symbolen zu sein. Einige Motive wie Blätter treiben oder verschnittene Weiden können zwar als Assoziationen des Herbstes gelesen werden. Dennoch wird aber mehrfach auf Symbole angespielt, die aus der Weltuntergangsliteratur bekannt sind (z.B. die Trompeten des Jüngsten Gericht, die Apokalyptischen Reiter). Auch einige Motive aus dem Bereich Tod, Krankheit, Hunger und Krieg sind zu finden (z.B. braune Kinder, leere Mühlen, Kirchhofsschauer). Mit dieser Häufung konnotativer und kaum greifbarer symbolischer Bedeutungen geht in diesem Gedicht für den Rezipienten der semantisch-logische Zusammenhang in weiten Teilen verloren und es bleibt nur die Möglichkeit, durch eigene Assoziationen und durch die Strukturierung von Wortfeldern neue Zusammenhänge herzustellen (Burdorf, S.148). Symbole treten uns oft als Geheimzeichen entgegen, die nur sehr schwer zu entschlüsseln sind. So bezieht das frühe Christentum beispielsweise Weinranke, Traube, Lamm und Fisch auf Heilsgewissheiten und macht sie zu Bedeutungschiffren, zu Geheimzeichen, die zunächst nur dem Eingeweihten in ihrer hinweisenden Funktion verständlich sind. Solche Symbolisierungen entstanden dadurch, dass das Christentum Bestandteile des heidnischen Gegenstands- und Formenrepertoires an sich zog, sie umdeutete und uminterpretierte und schließlich in neue, akausale Bedeutungskomplexe einbaute (Späth, S.69-70). Vollziehen sich Symbole in einer pars-pro-toto-Fügung, was sehr oft der Fall ist – so steht beispielsweise das Schwert für den Krieg, das Kreuz für das Christentum oder die Kornähre für die Fruchtbarkeit – dann ist dies für den Leser leichter zu verstehen, da auch mehr Referenzbezüge vorhanden sind (Späth, S.69). Insgesamt erkennt man sehr deutlich, dass sich die Eigenschaft des Symbols, ein Geheimnis auszusagen und es dennoch unverletzt stehen zu lassen, hervorragend für künstlerische Darstellungen verwenden lässt, erheblich zur sprachlichen Kürze beiträgt und insbesondere die Lyrik davon bis auf den heutigen Tag zehrt.

2.5.2 Farbsymbolik

Besonders wichtig erscheint in diesem Zusammenhang auch die Farbsymbolik, vor allem weil sie in der modernen Lyrik des Expressionismus, die später in den Analysen Zentrum der Arbeit ist, eine tragende Rolle spielt und ebenfalls wesentlich zur sprachlichen Kürzung im Gedicht beiträgt. Auch der Farbsymbolik liegt jene intensive Schau zugrunde, die oben bereits näher erläutert wurde. Sie beginnt bei der Beobachtung des Gegenständlichen, von Licht und Schatten und von den Farben der Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Daraus entstand zunächst eine Farbentypologie, die sich nach und nach differenzierte und in dem Moment zur Symbolik wurde, als man die Farben mit Geistigem-Religiösem in Verbindung brachte: so steht „Weiß“ in der konventionellen Farbsymbolik beispielsweise für die Gottheit, die göttliche Weisheit und den himmlischen Frieden, „Schwarz“ für den Teufel, das Böse und den Tod oder „Rot“ für die göttliche Liebe (Späth, S.71). Alte symbolische Formen werden im Allgemeinen in der modernen Lyrik nur sehr selten verwendet. Die Farbsymbolik dagegen scheint eine Ausnahme darzustellen und ist daher in vielen Gedichten der modernen Lyrik zu beobachten, weil sie infolge der schon erwähnten Mehrdeutigkeit den Dichter nicht zu einseitigen Fixierungen zwingt.

In Georg Trakls „Elis“ lauten die letzten Verse:

Blaue Trauben

Trinken nachts den eisigen Schweiß,

Der von Elis‘ kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt

An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind

(Georg Trakl: Elis, V. 26 – 30)

Gott wird nach den Regeln der herkömmlichen Symbolik mit dem Wind verbunden, aber er steht hier nicht für den befruchtenden Geist, sondern für die Leere und das Zerstörerische, während die grenzsetzenden schwarzen Mauern der konventionellen Farbsymbolik entsprechend, für ein Äußerstes an Ausweglosigkeit stehen. Damit wird im Gedicht eine Untergangsstimmung nachgezeichnet, die geprägt ist vom Verwesen und Absterben (Späth, S.79).

In einem weiteren Gedicht der modernen Lyrik von Paul Eluard wird Lakonie der Farbsymbolik und damit auch die Möglichkeit der sprachlichen Kürzung nochmals sehr deutlich. Eluard verliert 1946 seine Frau Nusch, die für ihn den einzigen Halt in seinem Leben bedeutete. In Folge dieses tragischen Ereignisses scheint ihm das Wort zu verstummen und eine Welt bricht zusammen. Eine Zeile in „Dernier jour de l’hiver“ lautet in lakonischer Kürze, die aber dennoch das gesamte, breite Ausmaß des Schmerzes offenlegt (Späth, S.79):

Le noir est la formule.

(Paul Eluard: Dernier jour de l’hiver)

Das ist eines der seltenen Beispiele, wo ein Farbwort unabhängig von anderen Stützwörtern steht und dennoch dazu in der Lage ist, die gesamte Breite seiner Gefühlswirkung freizusetzen.

2.5.3 Vergleich

Der Vergleich ist ebenfalls eine Form der bildlichen Rede: Ein Vorgang, ein Gegenstand oder eine Person wird nicht in begrifflicher Sprache ausgedrückt und ausführlich erläutert, sondern durch den Vergleich mit etwas anderem veranschaulicht und prägnanter gemacht.

Und er sitzet bei den Weiden

Läßt die traurigen Gedanken,

Wie verwaiste Lämmer weiden

Unter wilden Epheuranken.

(Clemens Brentano: Durch die stummen Wälder irrte…, V.37-40)

Der Vergleich wie verwaiste Lämmer wird hier zu einer traumartigen Bildsequenz ausgearbeitet und bezieht sich hier auf die im gesamten Satz ausgedrückte Handlung. In diesen Gedichten sind die Vergleiche nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern Bestandteil der poetischen Sprache, in der etwas ausgesagt werden soll, das sich weder begrifflich noch unmittelbar beschreibend oder erzählend darstellen lässt (Burdorf, S.149).

2.5.4 Personifikation

Wenn unbelebte Gegenstände verlebendigt werden, spricht man von Personifizierung oder Personifikation (Kessel/Reimann, S.233). Sehr oft wird hier Belebtes mit Unbelebtem und Menschliches mit Nichtmenschlichem verglichen. Eine Kurzform der Personifikation ist beispielsweise traurige Paläste (Georg Heym: Verfluchung der Städte, V.25, S.30). Der unbelebte Gegenstand Palast wird hier durch das Adjektiv traurig lebendig gemacht (Burdorf, S.150).

2.5.5 Metapher

Die Metapher ist eine bildliche Elementarform, die in der Lyrik sehr häufig benutzt wird. Bei der Metapher wird ein Wort nicht in seiner ursprünglichen, wörtlichen Bedeutung wiedergegeben, sondern in einer übertragenen Bedeutung verwendet. Zwischen der wörtlich bezeichneten Sache und der übertragenen Bedeutung besteht bei der Metapher fast immer eine Beziehung der Ähnlichkeit. Die Metapher wird seit Aristoteles gerne als „verkürzter Vergleich“ gekennzeichnet, bei dem das Wort wie fehlt (Kessel/Reimann, S.232). In der Metapher Meer der Vergessenheit (Johann Wolfang von Goethe: Am Flusse, V.2) kommen beispielsweise zwei Metaphernbestandteile zusammen. Das Wort Meer verbindet sich mit dem Wort Vergessenheit. So werden der Vergessenheit ein oder mehrere Eigenschaften des Metaphernbestandteils Meer zugeschrieben (z.B. die Weite, Tiefe und Unüberschaubarkeit des Meeres). Zusammengenommen entfaltet die gesamte Metapher eine bildliche, neue Vorstellung von Vergessenheit, die mehr ist als die Summe ihrer einzelnen Bestandteile (Burdorf, S. 151-152). Dadurch trägt auch das sprachliche Mittel der Metapher im Gedicht in vielen Fällen zu einer sprachlichen Kürzung bei.

2.5.6 Metonymie

Bei dieser Übertragungsart ist kein vergleichendes Element wie bei der Metapher von Bedeutung, stattdessen bleibt die Metonymie innerhalb desselben Begriffsfeldes und die beiden Bezeichnungen stehen, z.B. in einem räumlichen, zeitlichen oder kausalen Verhältnis logisch zueinander (Kessel/Reimann, S.232). Im folgenden Gedicht von Lessing ist eine klassische Metonymie zu beobachten:

Wer wird nicht einen Klopstock loben?

Doch wird ihn jeder lesen? – Nein.

Wir wollen weniger erhoben

Und fleißiger gelesen sein.

(Gotthold Ephraim Lessing, S.13)

In der Metonymie Wer wird nicht einen Klopstock loben? wird das poetische Werk durch den Dichternamen ersetzt. Hier stehen die beiden Bezeichnungen in einem kausalen Verhältnis (eigentlich: das Werk von Klopstock). Somit trägt auch die Metonymie, die in lyrischen Texten immer wieder zu beobachten ist, erheblich zu einer sprachlichen Kürzung bei.

2.5.7 Reihen- und Simultanstil

Der Reihen- und Simultanstil als sprachliches Phänomen, das im Gedicht ebenfalls Kürze erzeugt, wurde von den Expressionisten für ihre Literarisierung der Moderne, insbesondere der Großstadt entwickelt. Unter dem Begriff des Reihungsstils versteht man eine Aneinanderreihung von sprachlichen Bildern, die nicht in direktem syntaktischen und logischen Zusammenhang stehen und durch die verschiedene Eindrücke der Wahrnehmung sequenzartig wiedergegeben werden. Das Gedicht vermittelt dem Leser nicht mehr einen stringent durchgezogenen Sinnzusammenhang, sondern eine Kette von mehr oder minder losen, inkohärenten und zerrissenen Bedeutungsstücken. Dieses poetische Mittel signalisiert die Auflösung der traditionellen Wahrnehmungsmuster des modernen Individuums durch die Reizüberflutung in der Großstadt (Bogner, S.74). Eine dem Reihenstil verwandte Technik wird als Simultanstil bezeichnet. Sie ist als literarische Reaktion auf die rasanten Entwicklungen der zeitgenössischen Verkehrs- und Kommunikationstechnologie und der neuen Geschwindigkeitserlebnisse zu begreifen. An die Stelle eines Nacheinander von Eindrücken soll im Gedicht ein möglichst vielfältiges Nebeneinander treten, wodurch die Gleichzeitigkeit der vielen Ereignisse, die das Individuum in nur einem Moment wahrnimmt, dargestellt werden soll. Unzählige, gleichzeitig stattfindende Sinneseindrücke in der Großstadt treiben den Menschen zur Reizüberflutung. Mithilfe der Simultantechnik soll dies auch im Nacheinander der Verse des Gedichts übermittelt werden.

[...]

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Titel: Sprachliche Kürzung im Gedicht. Analyse an ausgewählten Beispielen des Expressionismus