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Der Umgang mit traumatisierten Flüchtlingskindern in der Schule

Hausarbeit 2017 19 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Flucht und Trauma

3. Sequentielle Traumatisierung der Flüchtlingskinder

4. Flucht und Trauma im schulischen Kontext
4.1 Herausforderungen
4.1 Umgang mit traumabedingten Reaktionen

5. Professionelle Unterstützung und Stabilisation der Kinder

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es war einmal arm Kind und hat kein Vater und kein Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingegangen und hat ge­rufen Tag und Nacht. Und wie auf der Erd niemand mehr war, wollt's in Himmel gehen, und der Mond guckt es so freundlich an und wie's endlich zum Mond kam, war's ein verwelkter Sonnenblum und wie's zu den Sternen kam, warn's klei golde Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt, und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erd ein ungestürzter Hafen und war ganz allein, und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein (Büchner 1988:220f.).

Die Figur aus Büchners „Woyzeck“ verdichtet die psychische Realität von Trauma in einem Moment der größten Einsamkeit und Verlassenheit, wel­cher auf mehrere hintereinander folgende Ereignisse entstanden ist, ein­drucksvoll und stimmt auf das im Folgenden zu behandelnde Thema ein. Der Begriff des Traumas hat sich im Zusammenhang von zerstörerischen Ereignissen, wie Krise, Kriegen, Katastrophen, ethnischen Problemen und Armut etc. in unserer globalisierten Gesellschaft zu einem gängigen Wort etabliert, der auch im schulischen Kontext seinen Zugang gefunden hat. Im Rahmen der zunehmenden Flüchtlingskrise sind seit Ende 2015 weltweit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Davon sind ca. 21 Millionen Menschen Flüchtlinge aus Krisengebieten, die zwangsläufig ihre Heimat verlassen mussten. Die Hälfte der weltweiten Flüchtlinge sind Kinder und minderjährige Jugendliche (vgl. UNHCR). Kinder und Jugendliche, die in Deutschland angekommen sind, sind nach ihrer langwierigen Flucht in viel­fältiger Weise besonders belastet. Fast alle von ihnen sind schwer trauma- tisiert. Sie sind mit traumatischen Erfahrungen, wie Gewalt, Mord, Verge­waltigung, Vertreibung und letztlich mit der Flucht selbst psychisch belastet. Neben Hunger und Armut mussten viele von ihnen den Zusammenbruch ihrer familiären Systeme erleben und haben sogar enge Bezugspersonen verloren. Aufgrund der Flüchtlingswelle, die in Deutschland mittlerweile an­gekommen ist, müssen die Schulen sowie die Lehrkräfte sich mit der vor­herrschenden Thematik auseinandersetzen. Insbesondere Lehrkräfte soll­ten über ein Grundwissen zu den Hintergründen ihrer belasteten Schüler[1] und den Folgen von Trauma und Flucht verfügen, um dazu eine professio­nelle Haltung entwickeln zu können. Es wird den Lehrkräften nicht verwehrt bleiben, einen Schüler in der Klasse mit traumatischen Belastungen sitzen zu haben. Demzufolge stellt sich die Frage, wie der Umgang mit traumati- sierten Kindern im schulpädagogischen Arbeitsfeld gestaltet werden kann und inwiefern die Lehrkräfte auf traumatische Erscheinungen in ihrem Klas­senzimmer reagieren sowie eine professionelle Unterstützung und Stabili­sierung bieten können, um für jeden einzelnen Schüler einen geregelten Schulalltag zu gewährleisten.

2. Definition Flucht und Trauma

Der allgemeine Begriff „Flucht“ ist durch den Zwang des Ortswechsels ge­kennzeichnet und hat den unwilligen Abbruch von Beziehungen zur Folge (Adam & Inal 2013: 18). Die globalen Gründe, welche die Kinder und deren Eltern zur Flucht treiben, sind dieselben. Aufgrund von kriegerischen Aus­einandersetzungen, Bürgerkrieg, Verfolgungen und Armut in der eigenen Heimat, sehen sich die Menschen zur Flucht veranlasst. Dann ist die Rede von Flüchtlingen sowie von Flüchtlingskindern (Adam & Inal 2013: 19). Ein Teil der flüchtenden Kinder beginnen die Flucht gemeinsam mit ihren Eltern sowie Geschwistern. Viele von ihnen werden unterwegs von ihren Familien getrennt oder fliehen aus der Heimat, nachdem die Eltern umgekommen sind. Andere wiederum flüchten bewusst aus diversen Gründen ohne Eltern oder Sorgeberechtigte (Detemple 2013: 15). Neben den allgemeinen Grün­den, sind auch kinderspezifische Fluchtgründe zu nennen. Viele Kinder sind in Bürgerkriegssituationen als Kindersoldaten zwangsrekrutiert und stehen unter ständig anhaltendem psychischen und physischen Missbrauch. Ins­besondere junge Mädchen werden vergewaltigt und sexuell ausgenutzt (Eisermann 2003: 42ff.). Es ist vor Augen zu halten, dass jedes einzelne Kind von individuellen Schicksalsschlägen betroffen ist und durch derartige traumatische Erlebnisse belastet wird, die wiederum individuell ausgeprägt sind und die weitere Entwicklung der Kinder enorm beeinflussen.

Traumata sind geprägt von Erlebnissen seelischer und körperlicher Miss­handlung, die bedrohliche Situationsfaktoren herstellen und den Betroffe­nen von Gefühlen der Hilflosigkeit sowie Schutzlosigkeit überschwemmen. Die individuellen Schutzmechanismen versagen und rufen gestörte Bewäl­tigungsstrategien auf, die mit einer Erschütterung des Selbst- und Weltver­ständnisses einhergeht (Fischer & Riedesser 2009: 84). Die traumatischen Erlebnisse der Kinder infolge von Krieg, Verfolgung etc. verursachen seeli­sche Verletzungen, welche die unterschiedlichsten neurophysiologischen und psychischen Beeinträchtigungen mit sich bringen. Die belasteten Kin­der entwickeln eine verzerrte Wahrnehmung sowie ein instabiles Selbstkon­zept und nehmen ihre Umwelt als einen unsicheren Ort wahr, welche jeder­zeit erneute Bedrohungen hervorbringen könnte (Krautkrämer-Oberhoff & Haaser[2] 2013: 70). Dies wird dann an den traumabedingten Reaktionen der Kinder ersichtlich. Traumata sind nicht vollständig heilbar, können aber un­behandelt zerstörerische Folgestörungen ausbilden, die sich bei den Kin­dern unterschiedlich mehr oder minder ausprägen und Einfluss auf die Ent­wicklung einnehmen (Rommel 2003: S.13).

Die erste Sequenz beginnt im Heimatland. Die Menschen sind geplagt von Verfolgungen, Armut, Krisensituationen und organisierte Gewalt sowie von existenziellen Bedrohungen, welche Gefühle extremer Hilflosigkeit und Ohnmacht erzeugen (Zimmermann 2012: 41). In dieser Phase wird die Ent­scheidung getroffen zu fliehen. Die Kinder erfahren einen Bruch ihres fami­liären Systems und erleben zunehmende Trauer.

Die zweite Sequenz beschreibt die Flucht selbst. In dieser Phase sind die Menschen geprägt von enormer Angst, oft auch durch Lebensgefahr. Es wird die Erfahrung der Abhängigkeit von Fluchthelfern gemacht. Die Kinder zeigen Symptomatiken wie Ohnmacht und Hilfslosigkeit infolge von Kon- trollverlust über das Geschehen und die Trennungen von Familienmitglie­dern während der Flucht (Zimmermann 2012: 41).

Die dritte Sequenz des Traumatisierungsprozesses beginnt mit dem Auf­enthalt im Zielland. Eine Phase großer Unsicherheit beginnt. Die Menschen befinden sich in einem Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, unge­klärte Wohnsituationen herrschen, nur beschränkte finanzielle Möglichkei­ten und Feindseligkeiten seitens der Bevölkerung vorzufinden sind (Zim­mermann 2012: 41f.). Eine Überforderung durch die zu klärenden Probleme nimmt in dieser Phase seinen Lauf. Daraufhin folgen traumatische Belas­tungsreaktionen der Flüchtlingskinder. Nach Keilson werden die Belas­tungsfaktoren erst in der letzten Sequenz sichtbar (Keilson 2005: 70). Somit bedeutet die Ankunft in Deutschland nicht das Ende der Traumatisierung, sondern der Beginn einer Phase schmerzlicher Verarbeitungsprozesse.

4. Flucht und Trauma im schulischen Kontext

4.1 Herausforderungen

Angekommen in Deutschland ist die Situation für die Flüchtlinge zunächst einmal unklar. Sie werden meist in Flüchtlingsunterkünften oder zugewie­sene Wohnungen untergebracht. Flüchtlingskinder ohne Familie werden von Jugendhilfeeinrichtungen in Obhut genommen. In beiden Fällen unter­liegen die Kinder einer Schulpflicht. Den Flüchtlingskindern steht das Recht auf Bildung, welches aus Art. 2 Abs. 1 GG abgeleitet werden kann, zu. In

dem Fall besuchen die Kinder in der Regel eine öffentlich-staatliche Schule 4 und werden in Willkommensklassen unterrichtet oder in bestehende Klas­sen integriert. Der Zugang zu einer allgemeinbildenden Schule ist jedoch bundesweit uneinheitlich bestimmt. Die gesetzlichen Regelungen der Schulpflicht knüpft an einen Wohnsitz sowie an einen gewöhnlichen Aufent­halt unter dem Vorbehalt personeller, finanzieller und sachlicher Vorausset­zungen. Vor diesem Hintergrund hängt die Bildungssituation wesentlich da­von ab, in welchem Bundesland ein Flüchtlingskind lebt (Peter 2003: 71). Neben den vielen zu bewältigenden Problemen stoßen die Kinder in der Schule in erster Linie auf sprachliche Barrieren. Die deutsche Sprache ver­stehen sie nicht und erlernen diese auch zunächst nur schwer. Dies muss aber nicht an mangelnder sprachlicher Kompetenzen hängen, sondern an erhöhtem Stressfaktur während der traumatischen Erlebnisse, die wiede­rum neurophysiologische Effekte auf das Gehirn ausüben und das Aufneh­men von neuen Inhalten einschränkt sowie den Spracherwerb hemmt (Adam & Inal 2013: 47). Weiterhin ist vor Augen zu halten, dass die Kinder mit einer komplett anderen Gesellschaft konfrontiert sind, deren Kultur und Regeln ihnen unbekannt sind und sie sich deswegen in Umgang mit dieser verunsichert fühlen. Dies ist aber nicht nur auf eine Position zurückzuführen, sondern auch auf die deutsche Gesellschaft. Beide Parteien sind sich fremd. Das Verständnis vom Fremd scheint hervor, wenn ein Mensch in einer Relation zum Eigenen, Gewohnten und Bekanntem anders ist. Die daraus resultierenden Missverständnisse führen dann zur Abgrenzung (Adam & Inal 2013: 43). Im schulischen Kontext ist die Fremdheitserfahrung und augenscheinliche Anderssein stark ausgeprägt. Dabei wird die Anders­artigkeit auch durch bestimmte Verhaltensweisen, wie „Bindungslosigkeit, Strukturlosigkeit, Aggressivität, Selbst- und Fremdgefährdung, extremer Zurückgezogenheit bis hin zur völliger Isolation“ gezeugt (Adam & Inal 2013: 43). An dieser Stelle besteht die Aufgabe, den Kindern das Gefühl des Dazugehörens zu vermitteln, um ein subjektives und psychisches Wohl­befinden und das erfolgreiche Einleben zu sichern. Dies geschieht in erster Linie durch die Schulzugehörigkeit, welche einen enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Kindes innerhalb der Institution Schule, ausübt.

[...]


[1] Anmerkung: Mit der maskulinen Form „Schüler" ist zugleich die feminine Form für „Schülerin­nen" gemeint. Dasselbe gilt für die Verwendung von „Lehrer".

Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668550650
ISBN (Buch)
9783668550667
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375333
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
Schlagworte
umgang flüchtlingskindern schule

Autor

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