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Welchen Einfluss hat Religion auf die Intensität von Bürgerkriegen?

Hausarbeit 2016 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund

3. Forschungsstand

4. Datenanalyse
4.1 Datenbasis und Methodik
4.2 Operationalisierung

5. Resultate

6. Fazit

I. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“That is what I tell all my troops. When they fight, they have God on their side.” Laurent Nkunda (Zitat aus Wen 2007).

Dieses Zitat des ehemaligen kongolesischen Rebellenführers Laurent Nkunda aus dem Jahr 2007 zeigt, dass Religionen von großer Bedeutung für Kämpfer in Aufständen, Konflikte, Kriege und Bürgerkriege ist. Im Namen von Gott wird gekämpft und getötet, gleichzeitig die- nen die verschiedenen Glaubensrichtungen als Rechtfertigungen für z.B. Selbstmordan- schläge (Fox/Sandler 2005). Gerade Terrorismus wird mit religiösem Glauben begründet und deren Anhänger sind bereit, jederzeit zu sterben (Fox 2004). Dadurch steigt die Spirale der Gewalt, denn Religionen dienen als gemeinsame Identität, vereinfachen die Mobilisierung von Massen und die Formierung von Gruppen, welche sich nicht zu schaden sind gegenüber Andersgläubigen zu kämpfen, steigt rapide (Fox 1999a). Auch wenn heutzutage viele Mel- dungen bezüglich religiösen Anschlägen und Selbstmordattentätern zu lesen sind, spielen Religionen auch in Bürgerkriegen wichtige Rollen. Nicht selten stehen sich religiöse Mehrhei- ten und Minderheiten gegenüber, welche ihren Glauben durchsetzen wollen (Fox 2000).

Dabei verlaufen Bürgerkriege, welche aufgrund religiöser Unterschiede geführt werden, blu- tiger und tödlicher ab als nichtreligiöse (Fox 2004; Pearce 2005; Toft 2006; Tusicisny 2004). Seite an Seite wird aufgrund eines gemeinsamen Glaubens gekämpft, Gewalt wird als legi- times Mittel angesehen und der eigene Glaube wird auf extremste Weise verteidigt (Fox 2004). Religionen weisen dabei trainierte Führer, gute Organisationen und Netzwerke auf, Kirchen, Moscheen und Tempel sind gemeinsame Treffpunkte und aufgrund guter Strukturen ist die Finanzierung kein Problem (Johnston/Figa 1988). Gerade religiöse Gruppen mit einer Vielzahl an Menschen sind dabei im Vorteil gegenüber Widerständen, können diese doch Anhänger nicht so einfach mobilisieren. Führer sowie Glaubenskrieger versprechen finanziel- le Vorteile während des Krieges sowie gute Werte nach dem Tod (Ferrero 2006). All dies befördert die Intensität von Bürgerkriegen mit religiösen Hintergründen.

Daneben spielt Religion immer noch eine große Rolle in den Leben vieler Menschen und dienen deswegen als gemeinsamer Nenner. Nicht nur die hohe Anzahl (Toft 2006), auch die Rolle von Religionen in Konflikten ist immens hoch (Fox 2004). So werden gewisse Minder- heitsreligionen nicht anerkannt oder einfach diskriminiert, daneben gibt es viele zersplitterte religiöse Gruppen in Bürgerkriegen. Dies führt sicherlich nicht dazu, dass es weniger Todes- opfer zu beklagen gibt, außerdem sind friedliche Lösungen oftmals weit entfernt. Trotzdem wird sich häufig nur damit beschäftigt, warum religiöse Bürgerkriege ausbrechen, nicht aber, welchen Einfluss diese auf den weiteren Verlauf nehmen. Warum dies der Fall ist und wel- che Unterpunkte von Religion dabei eine besondere Rolle einnehmen, wird in Punkt zwei anhand des theoretischen Hintergrundes näher erläutert. Der Forschungsstand in Punkt drei klärt unter anderem, welche Probleme in Bezug auf Daten von religiösen Bürgerkriegen auf- treten und Punkt vier führt eine Datenanalyse durch, deren Ergebnisse in Punkt fünf analy- siert werden. Hiermit sollen dann sowohl die aufgestellten Hypothesen als auch die Forschungsfrage abschließend geklärt werden, welche sich dann in einem Schlussfazit bündeln. Welchen Einfluss hat also Religion auf die Intensität von Bürgerkriegen?

2. Theoretischer Hintergrund

Der Einfluss von Religionen auf Bürgerkriege erlebt seit dem Ende des Kalten Krieges eine Wiederauferstehung. Seitdem spielen nicht mehr die gegenläufigen Ideologien eine Rolle, sondern widersprüchliche Identitäten (Juergensmeyer 1995). Bedrohungen gehen heutzuta- ge viel von Gewalt, Terror und Krieg im Namen von Religionen und deren Weltanschauun- gen aus, während die Konfessionen auch im 21. Jahrhundert einen großen Einfluss auf das alltägliche besitzen (Hildebrandt 2005), was wiederum der sehr lang beliebten Säkularisati- onstheorie widerspricht. Große Denker, darunter Marx, Weber, Freud etc. dachten, dass aufgrund Modernisierung, ökonomischer Entwicklung und industrieller Gesellschaft Religion an Bedeutung im gesellschaftlichen Leben verliert (Norris/Inglehart 2005; Thomas 2007). Gerade in entwickelten Ländern würde die politische und soziale Kraft von Religionen zu- rückgehen, da sich die Bevölkerung sicher und komfortabel fühle mit dem materiellen Umfeld und soziale Wohlfahrt gegeben sei. In Entwicklungsländern dagegen würde der umgekehrte Effekt feststellbar sein, die Konfessionen hätten dort einen weiterhin großen Einfluss (Nor- ris/Inglehart 2005). Bis weit in das 20. Jahrhundert wurde dies vermutet, konnte aber nicht aufrechterhalten werden. Zwar hat Religion an Bedeutung verloren, ist aber immer noch stark verankert im Leben von vielen Menschen.

Gleichzeitig jedoch nimmt die Rolle von Religionen in Bürgerkriegen weiter zu. Das Verhal- ten wird durch das Glaubenssystem beeinflusst, es dient als Rechtfertigung für tödliche Akti- onen und der eigene Glaube wird auf extremste Weise verteidigt (Fox 2004). Die Intensität steigt, da nicht nur Religionen durch Gemeinsamkeiten verbinden, sondern auch sehr stark mobilisieren (Fox 1999a). Individuen werden zudem motiviert, zusammen zu agieren auf- grund gemeinsamer sozialer, politischer und wirtschaftlicher Ziele (Haynes 2005). Religiöse Führer geben Versprechungen ab und es wird glaubhaft dargestellt, dass es Gottes Wille sei, in den Kampf zu ziehen und dabei sogar zu sterben (Hildebrandt 2005). Teilweise ist es so- gar religiöse Tradition, zu kämpfen und um zu beweisen, dass der eigene Glaube einen wichtigen Platz im eigenen Leben einnimmt (Toft 2007). Daneben sind religiöse Gruppen in Bürgerkriegen sehr häufig gut organisiert, bieten finanzielle Vorteile und deren Netzwerke werben immer wieder neue Mitglieder an (Fox 1999a; Fox/Sandler 2005). In vielen Ländern unterstützen politische Institutionen und Machthaber sogar die eigene religiöse Mehrheit durch finanzielle und militärische Ressourcen, wodurch ein Bürgerkrieg nicht nur länger, sondern auch blutiger ausfällt (Fox 1999a). Die Parallelannahme der Säkularisationstheorie, dass Religion in Konflikten, Bürgerkriegen und Kriegen kaum eine Rolle spielen wird, ist so- mit hinfällig. Die verschiedenen Glaubensrichtungen führen vor allem zu einer gemeinsamen Identität, man kämpft zusammen wegen gemeinsamen Zielen und stirbt aufgrund Gottes Willen.

Hypothese 1: Wenn ein religiöser Bürgerkrieg stattfindet, dann ist die Anzahl der Toten hö- her.

Gleichzeitig ist aber auch wichtig, nicht pauschal von dem religiösen Einfluss zu sprechen, sondern spezifischer auf Unterpunkte zu schauen. So herrscht in vielen Ländern eine Vielfalt an Religionen, bei der meistens eine Religion die Mehrheit stellt. Findet nun ein religiöser Bürgerkrieg statt, verteidigt die Mehrheit ihren Glauben gegenüber den Minderheiten, da diese natürlich ihren Glauben durchsetzen wollen (Fox 2000; Wentz 1987). Die sogenannte „wall of religion“ muss dabei geschützt werden (Wentz 1987). Religiöse Minderheiten dage- gen versuchen, diese Mauer sozusagen umzustürzen, was natürlich verhindert werden muss. Beliebtes Mittel ist dabei Diskriminierung, sowohl von politischen Institutionen a ls auch seitens der Mehrheit. Dies ist weit verbreitet auf der Welt (Fox 2007), führt aber vor allem dazu, dass diejenigen, die diskriminiert werden, unzufrieden sind und unfair behandelt wer- den. Gleichzeitig besteht dadurch wieder eine gemeinsame Grundlage, warum man kämpft und eine Mobilisierung der Unzufriedenen erhöht sich (Fox 2000). Die Missstände steigen zudem, wodurch auch das Konfliktpotenzial vergrößert wird (Fox 1999b).

Hypothese 2: Werden Religionen diskriminiert ist die Intensität von Bürgerkriegen höher.

Neben der Diskriminierung spielt auch die Anerkennung von Religionen eine Rolle. Genauso wie zuvor führt eine Nichtanerkennung zu Frustration, teilweise verstecken sich die Anhänger und Missstände können sich erhöhen (Fox 1999 b). Das Konfliktpotenzial steigt dadurch, die Bürger nehmen es nicht hin, dass ihre Religion vom Staat unterdrückt wird und nur eine Staatsreligion als Mehrheitsreligion gilt (Fox 2000). Gleichzeitig wird versucht, auf sich aufmerksam zu machen, was eben am besten durch gewalthaltige Konflikte geschieht. Somit stehen sich auch hierdurch verschiedene Religionen gegenüber, die sich gegenseitig überbieten wollen (Fox 1999b; Fox 2000).

Hypothese 3: Sind Religionen vom Staat anerkannt sinkt die Intensität von Bürgerkriegen.

Gleichzeitig kann eine religiöse Vielfalt aber auch zu weniger intensiven Bürgerkriegen füh- ren. Die verschiedenen Religionen führen zu weniger gut organisierten Gruppen, da es viele kleine Gruppen gibt, die eben finanziell und militärisch nicht die Unterstützung erhalten wie eine oder zwei große Gruppen (Alesina et al. 1999). Daneben schließen sie sich nur spora- disch zusammen, wodurch deren Durchsetzungsfähigkeit gering ist. Auch suchen sie aktiv Frieden, da sie genau wissen, dass gegenseitige Kämpfe nichts bringen (Collier et al. 2003). Sind diese Gruppen also homogen in ihren Ansichten und indem, was sie tun, ist das Risiko von intensiveren Bürgerkriegen bzw. der Ausbruch von Bürgerkriegen geringer (Fox 2004).

Trotzdem besteht natürlich immer die Gefahr, dass die zersplitterten Gruppen sich gegensei- tig immens bekämpfen, wie es z.B. Rebellengruppen öfters tun (Fearon/Laitin 2003). Hypothese 4: Je mehr religiöse Gruppen zersplittert sind desto niedriger ist die Anzahl an Toten.

3. Forschungsstand

Der Forschungsstand bezüglich Religion und der Intensität in Bürgerkriegen ist rar gesät. Dies hat mehrere Ursachen: Erstens beschäftigte man sich lange Zeit in internationalen Be- ziehungen nur geringfügig mit Religion als Faktor in Bürgerkriegen, da aufgrund der Säkula- risierungstheorie ein Niedergang des Einflusses von Religionen im alltäglichen Leben erwar- tet wurde. Zweitens wurde vergleichsweise sehr viel erforscht, warum religiöse Konflikte und Bürgerkriege ausbrechen, nicht aber, welchen Effekt die Glaubensrichtungen für den weite- ren Verlauf besitzen. Drittens sind die Daten ein großes Problem. Unterschiedliche Kriterien für das Kodieren (unter anderem 25 oder 1000 Tote als Maßstab für den Ausbruch eines Bürgerkrieges), viele fehlende Werte sowie starke Schwankungen bezogen auf die Anzahl der Toten sorgen dafür, dass die Erhebung der Daten schwer vonstattengeht. Außerdem sind die genannten Unterthemen schwer zu messen, viele Forscher wenden auch hierbei unterschiedliche Kriterien an. Zudem erklären viele, dass Religion ein bedeutender Faktor in Bürgerkriegen ist, belegen dies aber nicht anhand von Daten.

Jonathan Fox ist einer der wenigen, der viel erforscht hat, ob Religion die Intensität in Bür- gerkriegen steigert und näher auf religiöse Unterpunkte eingeht. So findet er zunächst her- aus, dass religiöse Konflikte eindeutig intensiver sind (Fox 2004). Susanna Pearce zeigt dies anhand eines Chi-Quadrat-Tests ebenfalls, wenn auch nur sehr schwach (Pearce 2005). Bezogen auf religiöse Legitimität findet Fox lediglich heraus, dass durch eine Nichtanerken- nung von Religionen das Konfliktpotenzial steigt und Missstände sich erhöhen (Fox 1999b; Fox 2000). Gleichzeitig stellt er fest, dass es schwer ist, Intensität damit in Verbindung zu bringen, egal ob in positiver oder negativer Art. Bricht ein religiöser Bürgerkrieg oder Konflikt aus, liegt das nur wenig daran, dass Religionen nicht anerkannt und somit abgelehnt sind, da dies sehr oft auch schon lange vorher der Fall ist. Gleichzeitig finden Bürgerkriege aber auch statt, wenn Religionen gebilligt sind und können gleichzeitig intensiv sein.

Das Bild in Bezug auf religiöse Diskriminierung und Fraktionalisierung ist dagegen einheit- lich. Fox findet klar heraus, dass Diskriminierung gegenüber einer oder mehreren Religionen zu intensiveren Bürgerkriegen führt (Fox 2000; Fox 2007). Dabei muss nicht immer der Staat die Glaubensrichtungen erniedrigen, sondern auch religiöse Mehrheiten tun dies, was wiede- rum zu mehr Toten führt (Fox 2000). Zudem werden wie bei der religiösen Legitimität Mis s- stände erhöht, wodurch das Konfliktrisiko steigt (Fox 1999b).

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Details

Seiten
15
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668540774
ISBN (Buch)
9783668540781
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v375306
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
welchen einfluss religion intensität bürgerkriegen

Autor

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